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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1921 erschienenen Buchausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
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nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des
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Geschichte der Erde
Dritter Teil
Riesen und Drachen
der Vorzeit
Von
R. Bommeli
*
Mit zwei Farbentafeln
und 32 Illustrationen
Zweite Auflage
*
Stuttgart 1921 Berlin
J. H. W. Dietz Nachfolger | Buchhandlung Vorwärts
G. m. b. H. | G. m. b. H.
Alle Rechte vorbehalten
Druck von J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H. in Stuttgart
Inhalts-Verzeichnis.
Seite
=Aus alten Mären= 5
=Allerlei Könige= 8
=Amphibien oder Lurche= 13
=Kriechtiere= (Reptilien oder Saurier) 18
Alte Krokodilier 18
Schlangen- oder Langhalsdrachen 22
Fischdrachen 25
Schreckdrachen 29
Lindwürmer (Zanklodon und Greßlyosaurus) 31
Iguanodonten 33
Amerikanische Größen 36
Diplodokus 41
Panzer- und Horndrachen 43
Afrikaner 46
Buschklepper 52
Maasechsen oder Seeschlangen 53
Vogeleidechsen oder Flugdrachen 54
=Vögel= 57
Untergang der alten Herrscher und Aufstieg der neuen Klasse 57
Ur- und Kreidevögel 58
Befiederte Giganten 63
=Säugetiere= 68
Einiges über Ursprung und Entwicklung 68
Wale 71
Zahnarme (Riesenfaultiere und Riesenpanzertiere) 73
Huftiere 79
Rüsseltiere 89
Bilder-Verzeichnis.
Seite
1. Schädel und Zahn vom Mastodonsaurus 14
2. ~Andrias Scheuchzeri~ (Scheuchzers Riesensalamander) 16
3. Belodon oder Neckarsaurier 19
4. Gangeskrokodil 20
5. Nothosaurus 22
6. Skelett des Plesiosaurus 23
7. Plesiosaurus, rekonstruiert 24
8. Ichthyosaurus (Fischdrache) 26
9. Skelett des Iguanodon 34
10. Brontozoumfährte mit sogenannten versteinerten Regentropfen 35
11. Brontosaurus 38
12. Diplodokus 40
13. Dach- oder Panzerdrache 42
14. Dreihorndrache 44
15. Schädel eines Wolfsauriers aus dem südafrikanischen Trias 47
16. Dickschnäbelige Flugechse 56
17. Urvogel von Eichstädt. Im Mineralogischen Museum in Berlin 60
18. Hesperornis (Königsvogel) 62
19. Brontornis und Hadrosaurus 65
20. Walfisch der heutigen Zeit 71
21. Lebendes Faultier 74
22. Skelett des Riesenfaultiers 75
23. Lebendes Gürteltier 78
24. Ausgestorbenes Riesengürteltier 79
25. Schädel des Dinozeras 82
26. Irischer Riesenhirsch 85
27. Skelett des Höhlenbären 87
28. Schädel des Machairodus 88
29. Dinotherium 90
30. Mastodon 91
31. Mammut 93
32. Die Umgebung von Zürich in der Eiszeit 95
=Farbige Tafeln=: Juralandschaft Seite 17, Kreidelandschaft Seite 49.
Aus alten Mären.
Es ist eine weitverbreitete Meinung, daß der Mensch in früheren Zeiten
nicht nur viel gesünder und langlebiger, sondern auch viel größer und
stärker gewesen und daß unser Geschlecht überhaupt in absteigender
Linie begriffen sei. Zahllose Sagen berichten von Riesen und
Riesenvölkern, im Vergleich zu denen wir allerdings nur als verkümmerte
Zwerge, als Liliputaner erscheinen. Je weiter wir in der Geschichte
zurückschreiten, desto gewaltiger, gottähnlicher ist die „Krone der
Schöpfung“, und am gewaltigsten ist naturgemäß das Stammelternpaar.
Nach arabischen Überlieferungen hat dasselbe die Größe von Dattelpalmen
erreicht, und dessen Gräber, die unweit der Hafenstadt Dschidda
am Roten Meere den „Gläubigen“ gezeigt werden, sollen tatsächlich
auf gigantischen Wuchs schließen lassen. Zu Anfang des achtzehnten
Jahrhunderts nahm sich ein französischer Gelehrter, Henrien, in
verdienstlicher Weise die Mühe, hierüber eine wissenschaftliche
Untersuchung anzustellen, und fand durch Berechnung, daß Adam 38,5
Meter und dessen schönere Hälfte 37 Meter gemessen habe. Dergleichen
Titanen wurden aber in der Folge immer seltener und verschwanden bald
gänzlich. Ajax, der „hervorragendste“ Griechenheld im Trojanischen
Kriege (zwölftes Jahrhundert vor Christo), der alle um Haupt und
Schultern überragte, erreichte bloß 10 Ellen (6 Meter) und der berühmte
Goliath gar nur 6 Ellen und eine Hand. Immerhin wird berichtet, daß die
alten Helvetier sowie die Zimbern und Teutonen zu Cäsars Zeiten immer
noch durchweg 5 Meter hoch gewesen seien. Für den imposanten Wuchs der
Zimbern zeugt das Skelett des Herzogs Teutoboch, eines Heerführers,
der von dem römischen Feldherrn Marius Anno 101 vor Christo geschlagen
wurde. Ein französischer Chirurg namens Mazurier wollte seinen
Mitbürgern weismachen, daß er dessen „Grab“ gefunden habe. Dieses soll
9 Meter lang gewesen sein. Nach den Behauptungen des phantasievollen
Wundarztes hatte das noch ziemlich gut erhaltene Skelett 7½ Meter (!)
Länge, die Schulterbreite betrug 3 und der Durchmesser des Schädels
1½ Meter. Da kann es eigentlich nicht wundernehmen, wenn auch die
Tierwelt mit allerlei Extravaganzen aufmarschierte. In allen Landen
wimmelte es von scheußlichen Lindwürmern und Drachen, die zu bezwingen
eine besonders rühmliche Aufgabe „preiswerter“ Helden und kühner Recken
war. Nicht nur die Dichter von Heldengesängen, auch wir Schulkinder
hielten die Drachentöter in besonderen Ehren, und heute noch lesen wir
von den Taten eines Herkules, des hörnenen Siegfried und Struthans von
Winkelried mit großem Vergnügen.
Die +eigentlichen Drachen+ waren geflügelt und besaßen einen
Schlangenleib, manche hatten Löwenfüße und Löwenhäupter, andere
Adlerklauen und Adlerköpfe. Sie konnten Feuer speien und ihr Blick,
ihr Geifer und ihr Blut waren tödlich, ihre Ausdünstungen bewirkten
Gewitter und pestilenzialische Krankheiten und entvölkerten ganze
Gegenden.
„Und horch, eine Märe durchkreiset das Land:
Nidwalden verheeret ein Drache!
Es drohet dem Ländchen ein gräßliches Los,
Schon decken das einsame traurige Moos
Die Knochen von Menschen und Tieren.“
Die +Lindwürmer+ dachte man sich flügellos und bald mehr schlangen-,
bald mehr krokodilähnlich (Tatzelwürmer); sie waren häufig die Behüter
kostbarer Schätze. Die größten unter ihnen konnten durch ihre heftigen
Bewegungen, zumal durch wildes Schlagen mit dem Schwanze Erdbeben
erregen. Nach der persischen Göttersage schuf Ahriman, der Gott des
Bösen und der Finsternis, den Drachen Dahaka, der die Welt verwüsten
sollte. Bei den nordischen Germanen spielte die vom Höllengott Loke und
der Riesin Angoboda gezeugte Midgardschlange eine ähnliche Rolle. Sie
reichte um den ganzen Erdkreis herum und erzeugte Ebbe und Flut. Beim
Weltuntergang kämpft sie gegen die Götter und wird vom Wettergott Thor
mit dem Wunderhammer Miölnir erschlagen; der siegreiche Gott ertrinkt
aber in den Giftströmen, die sie über ihn ergießt. Besser bekannt --
wenigstens dem Namen nach -- ist die gemeine große Seeschlange, welche
regelmäßig jedes Jahr zu ganz bestimmter Zeit auftaucht, um dann wieder
spurlos zu verschwinden.
Das alte, heil’ge, ewige Meer beherbergt eine Menge fabelhafter
Ungetüme, außer riesigen Fischen, Walen und Seeschlangen besonders
kolossale Kraken oder Polypen, Verwandte des gewöhnlichen
Tintenfisches. Der dänische Bischof Pontoppidan (gestorben 1765)
berichtet von einem Riesenpolypen, welcher eine halbe Wegstunde
Durchmesser hatte und Hügel und Seen trug. Auf seinem Rücken konnte
ein Regiment Soldaten exerzieren. Seine Arme waren stärker als die
Mastbäume der größten Schiffe.
Ich kann hier nicht untersuchen, wie und wodurch all die Mären von
Riesen und Drachen entstanden sind, ich denke mir, daß ihnen gar
mancherlei Ursachen zugrunde liegen werden. Viele sind wohl lediglich
der „Lust am Fabulieren“ geschuldet, sie sind Erfindungen der
Phantasie oder stellen starke Übertreibungen von wirklich Geschautem
dar, wobei durch Überlieferung, Zusätze und Ausschmückungen eben ein
phantastisches Fabelwesen entstand wie Pontoppidans Riesenpolyp.
Von Seefahrern und Entdeckungsreisenden wurden wohl auch manche
Fabeleien erfunden, um sich ein großes Ansehen zu geben oder um
allfällige Konkurrenten abzuschrecken. Bei der großen Unwissenheit in
naturwissenschaftlichen Dingen und dem krassen Aberglauben früherer
Zeiten war es ein leichtes, den Mitmenschen die größten Bären
aufzubinden.
Etwas anderes ist es mit den Riesen und Ungeheuern der alten
Göttersagen (Mythen), dieselben sind wohl durchweg Personifikationen
von Naturkräften und Naturereignissen: Kälte, Hitze, Sturm, Erdbeben,
Fruchtbarkeit, Überschwemmungen, Toben des Meeres, Epidemien usw.
Sodann haben wohl auch die Funde großer Knochen zu mancherlei
Fabeleien Anlaß gegeben, besonders die ziemlich häufigen und gut
erhaltenen Skelettreste von Mammut- und Mastodonelefanten, Flußpferden,
Nashörnern, Riesenhirschen, Walfischen. Die angeblichen Skelette des
Helden Ajax und des Königs Teutoboch bestanden höchstwahrscheinlich
aus Knochen ausgestorbener Riesentiere. Mit diesen wird sich das
vorliegende Bändchen befassen; es ist also ein kurzer Auszug oder
wenn wir wollen eine Sammlung von Stichproben aus der Lehre von den
ausgestorbenen Geschöpfen (Paläontologie), wobei einige Kenntnisse der
geologischen Perioden und Formationen vonnöten sind, was der Leser im
zweiten Bändchen unserer Geschichte der Erde: +Die Weltalter+, Nr. 21
der „Kleinen Bibliothek“, findet.
Allerlei Könige.
Die Frage, ob die Lebewesen der Vorzeit die heutigen an Körpergröße,
Stärke und Lebensdauer weit überragt haben, ist immer noch nicht
erledigt, denn die Antwort ist nicht so leicht und einfach, daß
sie sich mit Ja oder Nein abtun ließe. Der Leser mag sich gleich
selber davon überzeugen. In den ältesten Schichtgesteinen, in den
Urtonschiefern, Grauwackensandsteinen, Schiefertonen des Algonkium
und Kambrium fehlt die Pflanzenwelt fast gänzlich, und es hat den
Anschein, als ob damals nur Tange und verwandte Gewächse existiert
hätten. Nun mögen unter diesen wohl auch Riesenformen gewesen sein,
gibt es doch in den heutigen Meeren solche von 200 bis 300 Meter Länge
(Birnentang); aber höhere, holzige Pflanzen nach Art unserer Bäume
gab es wohl noch nicht. Die Pflanzenwelt hat „klein“ angefangen und
Jahrmillionen hindurch nur aus Algen und moosartigen Formen bestanden;
erst in der Silurperiode hat sie es zu größeren Landpflanzen und erst
in der sogenannten Steinkohlenzeit zu üppiger Entwicklung gebracht.
Nun war das Festland mit großen Wäldern bedeckt, und diese bestanden
aus den berühmten Siegel- und Schuppenbäumen, Riesenschachtelbäumen
(Kalamiten) und Baumfarnen. (Siehe Geschichte der Erde, zweiter Teil,
Seite 35 ff.[1]) Das waren nun freilich gewaltige Riesen, denn die
heutigen Vettern der Siegel- und Schuppenbäume, die Bärlappgewächse
und Moosfarne, sind kleine, unscheinbare, schwächliche Pflänzchen,
von deren Dasein die meisten Menschen nicht einmal eine Ahnung haben,
und die Nachkommen der Riesenschachtelbäume sind die Schachtelhalme
oder „Katzenschwänze“, deren stattlichste einheimische Art unter
dem Namen Zinnkraut bekannt ist. Das möchte in der Tat zum Gedanken
verleiten, daß die Pflanzenwelt wenigstens zur Steinkohlenzeit viel
großartiger und üppiger als heute gewesen, daß die Natur damals
größere Lebenskraft besessen und daß seitdem ein gewaltiger Rückgang,
eine Verarmung und Verkrüppelung, eine Degeneration stattgefunden
habe. Das wäre indessen entschieden ein Trugschluß. Wir dürfen
nicht vergessen, daß die seltsamen Bäume des Steinkohlensumpfes die
größten und höchstentwickelten Gewächse jener Zeit waren und daß
sie von der heutigen Baumwelt sowohl hinsichtlich der Größe als
auch in bezug auf anatomischen Bau, Zahl und Mannigfaltigkeit der
Arten und Lebenserscheinungen -- sie tragen zum Beispiel Blüten und
Samen, jene nicht -- weit in Schatten gestellt werden. Nach jenen
Steinkohlenpflanzen kamen die Blütenpflanzen: die Nadelhölzer, die
Palmen, die verschiedenartigen Laubbäume und all die wundervollen
Blumen, also kein Niedergang, sondern ein gewaltiger Aufstieg. Aber
dieser Aufstieg vollzog sich in verwickelten Kurven und hatte eben den
Untergang der meisten alten Formen zur Folge, was bei jedem Fortschritt
zutage tritt, weshalb ja die Anhänger des Alten den Fortschritt so
fürchten und hassen, sie wissen oder ahnen wenigstens: das ist ihr
Tod. So sehen wir denn, daß zu jedem Zeitalter, in jeder Periode
irgendeine Klasse, Ordnung, Familie oder Gattung besonders hervorragt
und die anderen Zeitgenossen überragt, sie gewissermaßen beherrscht,
worauf wieder der Abstieg und meist völliges Aussterben erfolgt,
daher das Wort von den Königen und Herrscherdynastien des Tier- und
Pflanzenreiches. Nahmen im ältesten Altertum gewisse Tange den höchsten
Rang ein, so rückten später die Schuppen-, Siegel- und Schachtelbäume
an deren Stelle. Diese wurden im Mittelalter der Erde durch Zapfenfarne
(Farnpalmen) und Urnadelhölzer verdrängt, und hernach folgten die
modernen Nadelhölzer und Laubbäume. Es ist nicht wahrscheinlich, daß es
je gewaltigere Baumriesen gegeben hat als die heutigen Eichen, Ahorne,
Linden, Kastanien, Tannen, Fichten, Kiefern, Mammutbäume, Kokospalmen,
Affenbrotbäume, Gummibäume, Fieberheilbäume und Pfefferminzbäume, welch
letztere über 120 Meter hoch werden.
Wie verhält sich’s nun mit den Tieren? Von ihren ältesten Vertretern
ist uns ebensowenig bekannt wie von den ältesten Pflanzen; doch kann
es keinem Zweifel unterliegen, daß auch die Tierwelt, die offenbar aus
einem Zweige der Urpflanzen, und zwar aus Uralgen hervorgegangen ist,
mit sehr einfachen und kleinen Formen, ähnlich den heutigen Urtieren,
angefangen hat. Ein pfenniggroßer Batzenstein (Nummulit) gilt da
schon als Koloß, denn er ist millionenmal größer als die kleinsten
Aufgußtierchen; das wäre so eine Art „Urkönig“. In den ältesten
versteinerungführenden Schichten treten uns keine Giganten entgegen;
alles ist noch zwerghaftes Kleingetier. Erst im Silur und Devon
treffen wir kraftstrotzende Gestalten: Riesenkrebse, Geradhörner und
Panzerfische. Zwar haben auch die seltsamen Lappenkrebse (Trilobiten,
siehe zweiter Teil, Seite 21 ff.) den Anspruch erhoben, als „Könige“
zu gelten, und ihre größten Arten von 20 bis 30 Zentimeter Länge waren
verhältnismäßig recht stattliche Gesellen, die auch hinsichtlich
ihrer Organisation sicherlich ihre Zeitgenossen überragten, aber der
Seraphim und dessen Vettern (Pterygotus, Eurypterus, Stylonurus)
tragen den Namen +Riesenkrebse+ (Gigantostraken) doch mit größerem
Rechte, erreichten sie doch bis 2 Meter Länge. Niemals, weder vor-
noch nachher, haben sich Krebse zu dieser erstaunlichen Größe
emporgeschwungen. Aber es waren auch recht ungeschlachte Gesellen, die
im Kampf ums Dasein eine traurige Rolle spielten und bald von der Bühne
abtreten mußten, denn Großsein tut es nicht allein.
Das gilt auch von den Geradhörnern, Vorfahren der heutigen
Tintenfische, die ebenfalls mehrere Meter lang wurden und mit
kegelförmiger gekammerter Schale versehen waren. Die heutigen
Tintenfische oder Kopffüßer, wie der wissenschaftliche Klassenname
lautet, weisen indes viel mächtigere Vertreter auf, gibt es doch in
unseren Ozeanen Tintenfische mit 10 Meter langen Fangarmen.
Auch die Insekten, die uns zum erstenmal in der Steinkohlenformation
entgegentreten, haben ihre Riesen: gewaltige Schaben und Termiten
und phantastische Gespenstheuschrecken von 50 Zentimeter Länge, mit
wallnußgroßem Kopf und scharfem Schnabel. Aber diese „Insektenkönige“
bilden keineswegs die Blüte ihrer Klasse, vielmehr einen bizarren
Auswuchs, dessen Gipfel bald abdorrte. Seinen höchsten Triumph feiert
der Insektentypus in den heutigen Käfern, Schmetterlingen, Wespen,
Bienen und Ameisen.
Aber damit sind wir viele Jahrmillionen vorausgeeilt und müssen
nochmals zurück zum Altertum der Erdgeschichte, zum Zeitalter der
Riesenkrebse und Geradhörner. Derweil ist nämlich der rastlos
tätigen Natur die Schaffung eines neuen Typus gelungen, nämlich des
+Wirbeltiers+. Damit hat sie eine ganz neue Bahn betreten, die zu den
höchsten Höhen führte und eine fast unbegrenzte Entwicklungsfähigkeit
ermöglichte. Während die bisherigen Typen: Urtiere, Pflanzentiere,
Würmer, Sterntiere, Weichtiere und Gliederfüßer sich im tobenden
Kampfe ums Dasein dadurch zu schützen suchten, daß sie ihre Leiber
in ein äußeres Skelett, ein Gehäuse, eine Schale oder einen Panzer
steckten, probierten es die Wirbeltiere mit einem +inneren+ Skelett,
einem achsenständigen Knochenbau. Diese Entwicklung vollzog sich
aber nicht sprungweise, sondern tappend und unsicher in zahllosen,
bald fehlgeschlagenen, bald mit Erfolg gekrönten Versuchen. Die
ältesten Entwicklungsreihen waren nicht erhaltungsfähig und sind daher
unbekannt; doch unterliegt es keinem Zweifel, daß das Wirbeltier einem
uralten Zweig des wunderbar mannigfaltigen Wurmkreises entsprossen ist.
Noch heute existiert eine kleine, aber höchst merkwürdige Gruppe von
Meeresbewohnern, welche das Bindeglied zwischen den beiden jetzt so
weit auseinanderliegenden Tierkreisen bildet. Das sind die sogenannten
+Manteltierchen+, deren Jugendstadien direkt zum niedersten Wirbeltier,
dem berühmten +Lanzettfischchen+ hinüberleiten.
Die ersten Wirbeltiere treten auf in der sogenannten +Silurformation+,
der dritten Hauptabteilung des Altertums der Erde (der paläozoischen
Ära). Es sind abenteuerlich gestaltete Wesen mit knorpeligem
Innenskelett und starkem Hautpanzer (Panzerköpfe, Schildköpfe und
Flügelfische, deren Bild der Leser in Nr. 21 der „Kleinen Bibliothek“,
Seite 34 und 35, findet). Die meisten Arten waren von kleiner Gestalt
und geringer Bewegungsfähigkeit, bei denen das Wirbeltierprinzip nicht
recht zur Geltung kommt. Aber die +Schreckensfische+ der +Devonzeit+
(Dinichthys und Titanichthys) waren Riesen von 6 Meter Länge und
meterlangem Kopf. Indessen auch sie vermochten sich nicht lange zu
behaupten und starben noch in der Devonzeit aus. Dem Panzerfisch erging
es wie dem treulosen Knappen in Uhlands Ballade: „Und wie er rudert und
wie er ringt, der schwere Panzer ihn niederzwingt.“
Erfolgreicher waren die +Haie+, die sich des starren, hindernden
Panzers entledigten und die Haut nur mit zahnartigen Stacheln
schützten, dafür aber an Beweglichkeit, Furchtbarkeit des Gebisses und
Schärfe der Sinne eine solche Vollkommenheit erlangten, daß sie sich
zu Herren des Ozeans emporschwingen konnten; sie sind die „Könige“
der Fischwelt geblieben bis auf unsere Tage. Leider eignet sich ihr
Körper nicht für den Versteinerungsprozeß, da ihr Skelett aus leicht
vergänglichem Knorpel besteht und nur Zähne und Flossenstacheln
verknöchert sind. Diese finden sich in manchen Gesteinschichten
geradezu massenhaft und lassen auf gewaltige Ungeheuer schließen. Der
+sägezähnige Riesenhai+ (~Carcharodon megalodon~) der Braunkohlenzeit,
ein Koloß mit 15 Zentimeter langen und ebenso breiten dreieckigen
Zähnen, mag seine heutigen Vettern an Größe noch übertroffen haben und
darf wohl den gewaltigsten aller Geschöpfe zugezählt werden.
[1] Die voraufgegangenen beiden Bändchen der +Geschichte der Erde+
enthalten: Erster Teil, +Wie Berg und Tal entstehen+ (Nr. 15 der
„Kleinen Bibliothek“); zweiter Teil, +Die Weltalter+ (Nr. 21 der
„Kleinen Bibliothek“).
Amphibien oder Lurche.
Eidechse und Salamander ähneln sich derart, daß man beide für
Angehörige derselben Familie halten könnte, etwa wie Katze und
Tiger; allein das Studium ihres Körperbaus und ihrer Entwicklung hat
ergeben, daß sie zwei verschiedenen Klassen angehören und nicht näher
miteinander verwandt sind als Walfisch und Fledermaus. Die Salamander
bilden mit den Blindwühlen, Kiemenmolchen, Fröschen und Kröten die
Klasse der +Amphibien+, deren Junge echte Wassertiere und gleich
den Fischen mit Kiemen ausgerüstet sind. Manche behalten die Kiemen
zeitlebens, andere verlieren sie und atmen im erwachsenen Zustand
durch Lungen. Sie machen eine Verwandlung durch, was oft mit einer
auffallenden Änderung der ganzen Gestalt und Lebensweise verbunden ist
(Kaulquappe und Frosch). Doch gibt es auch Ausnahmen.
Die Eidechsen, Blindschleichen, Schlangen, Krokodile und Schildkröten
stehen entschieden höher; sie atmen niemals durch Kiemen und machen
keine Verwandlung durch. Man hat sie daher von den echten Amphibien
getrennt und zur Klasse der +Kriechtiere+ oder +Reptilien+ vereinigt.
Die heutigen Lurche sind eine heruntergekommene Gesellschaft und lassen
nicht mehr erkennen, welche bedeutende Rolle ihre Vorfahren gespielt
haben. Letztere standen in der Steinkohlenzeit an der Spitze der
gesamten Tierwelt und weisen achtunggebietende Vertreter auf. Da ist
einmal der +Kohlendrache+ (Anthrakosaurus), ein Riesenmolch von der
Größe des Nilkrokodils, aber breiter, schwerfälliger und plumper als
dieses, während der „+Echsenstammvater+“ oder Ursaurier (Archegosaurus)
von schlankerem Bau und höchstens 1,5 Meter Länge war. Eine fußlose
Form, +Dolichosoma+ (von ~dolichos~: lang und ~soma~: Leib), mit
langem, spitzigem, schmalem Kopf gleicht einer Riesenschlange. Sie
hatte aber keine Lunge wie die echten Schlangen, sondern Kiemen an
den Seiten des Halses und bewohnte die großen Sümpfe und Seen der
Steinkohlenperiode. Reste dieses sonderbaren Lurches wurden in England,
Irland und Böhmen, solche von verwandten Gattungen in Nordamerika
gefunden.
Neben den genannten existierten zahlreiche kleinere Arten von der
Größe der heutigen Molche. Einige derselben scheinen mit Vorliebe in
Baumhöhlen gehaust zu haben, denn man findet ihre Skelette nicht selten
in hohlen Siegel- und Schuppenbäumen.
[Illustration: Abb. 1. Schädel und Zahn vom Mastodonsaurus.]
Ein gewaltiges Tier wurde in der schwäbischen Triasformation gefunden,
der +Zitzenzahndrache+ (~Mastodonsaurus giganteus~), wohl 4 Meter
lang, wovon reichlich ein Meter auf den Kopf entfällt. Das furchtbare
Gebiß mit 10 Zentimeter langen Eckzähnen deutet auf eine räuberische
Lebensweise. Sehr häufig findet man Fährten von dergleichen Amphibien,
ohne daß man feststellen könnte, von was für Arten dieselben
herrühren. Da die Abdrücke handförmig sind, so spricht man allgemein
von +Handtieren+. (Siehe Nr. 21 der „Kleinen Bibliothek“, Seite 7.)
Auffallend ist der Größenunterschied zwischen den vorderen und den
hinteren „Händen“. Jene Fährten sind dadurch zustande gekommen, daß die
betreffenden Tiere über feuchtes See- oder Meeresufer dahingeschritten
sind. Der sandige oder schlammige Lehm erhärtete hierauf; später
wurden die Fußtapfen bei steigender Flut ausgefüllt, und so entstand
ein Abguß der Fährten.
Schon eine flüchtige Betrachtung ergibt, daß die alten (fossilen)
Amphibien von den heutigen in mancher Beziehung abweichen, und bei
genauer Untersuchung des Körperbaus wird das noch offensichtlicher. Die
jetzigen Lurche (Molche, Frösche) sind nackt, die alten tragen einen
Knochenplatten- oder Schuppenpanzer, weshalb sie +Panzerlurche+ genannt
werden. Sie stimmen also hierin mit den Reptilien oder Sauriern überein
(Eidechsen, Krokodile). Auch sonst haben sie große Verwandtschaft mit
letzteren, aber auch mit gewissen Knorpelfischen, vereinigen also die
Merkmale von drei heute scharf geschiedenen Wirbeltierklassen. Das
Skelett ist meist knorpelig oder nur teilweise verknöchert und die
Wirbel sind oft nur angedeutet, die Augenhöhlen meist groß und mit
einem brillenartigen Knochenring versehen. Auf der Stirn befand sich
ein unpaares drittes Auge, das bei den jüngeren Amphibien verkümmert,
aber immerhin noch nachweisbar ist. Selbst beim Menschen ist die
rudimentäre Anlage dieses unpaaren Auges als sogenannte Zirbeldrüse des
Gehirns vorhanden.
Für die +Abstammung+ der Amphibien ist außer den angeführten
anatomischen und entwicklungsgeschichtlichen Tatsachen die Existenz
einer kleinen, aber interessanten Tiergruppe, die sich bis auf
unsere Tage erhalten hat, von hervorragender Bedeutung; das sind die
+Lurchfische+ oder +Doppelatmer+. Der berühmteste unter diesen ist
der +Barramundi+ (~Ceratodus~) Südaustraliens, ein walzenförmiges,
2 Meter langes Schuppentier, dessen steife, gleichfalls beschuppte
paarige Flossen als Schreitbeine benutzt werden können. Er besitzt
noch Kiemen für die Wasseratmung, hat aber die Schwimmblase in eine
Art Lunge umgewandelt, so daß er im Notfall direkt Luft einatmen kann.
Zwei verwandte Gattungen Südamerikas und Südafrikas können des Wassers
völlig entbehren. Wenn die Sümpfe und Bäche, in denen sie leben,
austrocknen, so stellen sie die Kiemenatmung ein und benutzen ihre
primitiven Lungen, das heißt die zelligen Schwimmblasen. Hier sehen
wir klar, welchen Weg die Natur gegangen ist, um aus flossentragenden
Wassertieren vierbeinige Landtiere zu schaffen. Es hat also in der
Vorzeit, wahrscheinlich in der Devonperiode, unter den Fischen eine
Scheidung stattgefunden; der größere Teil beharrte beim Wasserleben
und änderte daher die Organisation nicht mehr wesentlich; ein kleiner
Teil suchte sich dem Landleben anzupassen, und aus ihm gingen alle
höheren Wirbeltiere bis zur „Krone der Schöpfung“ hervor. Die heutigen
Lurch- oder Molchfische sind gewissermaßen lebende Petrefakten, die
letzten Überlebenden einer längst verschwundenen Klasse, die von den
Fischen zu den Amphibien und Reptilien und weiterhin zu den Säugetieren
und Vögeln hinüberführte.
[Illustration: Abb. 2. ~Andrias Scheuchzeri~ (Scheuchzers
Riesensalamander).]
Unter den +jüngeren+ fossilen Lurchen hat es nur eine einzige Art
zur Berühmtheit gebracht; damit verhält sich’s folgendermaßen: In
einem Steinbruch bei Öhningen am Untersee (Baden) fand man zahllose
Versteinerungen aus der Tertiär- oder Braunkohlenzeit, darunter auch
das Skelett eines ziemlich großen Wirbeltiers. Der alte Scheuchzer,
Stadtphysikus und Professor der Mathematik in Zürich (1672 bis 1733),
ein ausgezeichneter Gelehrter und trefflicher Naturforscher, dem aber
das Bestreben, die im Entstehen begriffene Erdgeschichte mit der Bibel
in Einklang zu bringen, einen bösen Streich spielte, glaubte darin
Schädel, Wirbelsäule und Arme eines jungen Menschen zu erkennen. Er
hielt es für eines jener „unglücklichen Adamskinder“, das in der
Sintflut umgekommen, und nannte es +~Homo diluvii testis~: Mensch,
Zeuge der Sintflut+. Ihm erschien es als „ein recht seltenes Denkmal
jenes verfluchten Menschengeschlechts der ersten Welt. Die Abbildung
gibt zu erkennen den umcreyß des Stirnbeins, die Augenleisen, das Loch
an der untern Augenleise, welches dem großen Nerven vom fünften Paar
den Durchpaß giebet, Überbleibsel des Gehirns, das Jochbein, etwas
übriges von der nasen, ein ziemlich stück von denen kauenden Mäußlein,
weiteres 16 Rückgrad-Wirbel und Anzeigen der Leber.“ Dazu dichtete ein
frommer Gottesmann das rührende Sprüchlein:
Betrübtes Beingerüst von einem armen Sünder,
Erweich’ das steinern Herz der neuen Bosheitskinder.
[Illustration: Juralandschaft.
Tiere: Im Vordergrund Teleosaurus, Rhamphorhynchus, Pterodaktylus,
Archäopteryx.
Im Hintergrund Fisch- und Schlangendrache, Brontosaurus.
Pflanzen: Farne, Sagobäume, Schachtelhalme.]
Dem wackeren Scheuchzer war es mit seiner Sintfluttheorie hauptsächlich
darum zu tun, den Zeitgenossen glaubhaft zu machen, daß die
Versteinerungen Überreste von wirklichen Tieren und Pflanzen und nicht
bloß sogenannte „Naturspiele“ oder durch allerlei geheimnisvolle
Zauberkräfte hervorgerufene „Zeichen“ seien. Auch war damals von der
voradamitischen Zeit und den geologischen Perioden und Formationen
noch nichts bekannt. Das hier abgebildete Skelett befindet sich in
der Züricher paläontologischen Sammlung und ist vom berühmten Cuvier
(sprich Küwieh, gestorben 1832 zu Paris) als +Riesensalamander+
(~Salamandra gigantea~) bezeichnet worden. Das Tier weicht aber von
den eigentlichen Salamandern in wesentlichen Punkten ab und wurde von
Tschudi umgetauft in ~Andrias Scheuchzeri~, was soviel bedeutet als
Scheuchzers Menschenbild. In den Braunkohlen bei Bonn und in Böhmen
sind zwei kleinere Arten vorweltlicher Riesenmolche gefunden worden.
Der nächste lebende Verwandte des ~Andrias~ ist der +japanische
Riesensalamander+ (~Andrias japonicus~), der 90 Zentimeter lang wird
und dem Öhninger Riesen an Größe nur wenig nachsteht. Es ist ein
häßliches Geschöpf mit breitem, plattem Kopf, warziger schwärzlicher
Haut und plumpen Füßen, lebt mit Vorliebe in Gebirgsbächen und den
mit Wasser gefüllten Kratern erloschener Vulkane und nährt sich von
allerlei Wassertieren, frißt in der Not auch seinesgleichen auf.
Zahlreiche Tiergärten sind im Besitz lebender Exemplare.
Kriechtiere.
(Reptilien oder Saurier.)
Das +Altertum+ der Erde (paläozoisches Weltalter, Algonkium bis Perm)
hat es in langsamer Entwicklung durch ungezählte Jahrmillionen hindurch
bis zum Amphibium -- zum Panzerlurch -- gebracht, und das war ein
großer Schritt; aber das +Mittelalter+ (Trias-, Jura- und Kreidezeit)
schuf drei neue Tierklassen: Reptilien, Vögel und Säugetiere, und
gesellte ihnen die moderne Pflanzenwelt mit echten Nadelhölzern und
dem Heer der höheren Blütenpflanzen. Zu erstaunlicher Entwicklung
sowohl in bezug auf Zahl und Mannigfaltigkeit als auch hinsichtlich der
Körpergröße brachten es die Saurier, und gar manche derselben erinnern
an die phantastischen Ungeheuer der Sage, weshalb sie häufig geradezu
als „Drachen“ bezeichnet werden. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen,
daß sie lange vor dem Auftreten des Menschen, des ~homo sapiens~, samt
und sonders schon ausgestorben waren. Hätten jene Drachen sprechen
können, so würden sie, wie Quinet das ausdrückt, gesagt haben: „Wir
sind die Könige der Welt. Kein anderes Wesen erhebt sich bis zu uns.
Das Reptil ist die höchste, göttergleiche Gestalt; in ihm vollendet und
krönt die Natur ihr Werk.“
Die heutigen Reptilien mit ihren vier Ordnungen der Eidechsen,
Schlangen, Krokodile und Schildkröten bilden ein armseliges Häuflein
gegenüber ihren ausgestorbenen Vorfahren, welche mehr als ein Dutzend
Ordnungen mit annähernd siebzig Familien aufweisen, wobei in Betracht
zu ziehen ist, daß wir von der untergegangenen Tierwelt naturgemäß
nur einen verschwindend kleinen Teil kennen. Von dem großen Buch
der Erdgeschichte sind nur wenige Kapitel und von diesen oft nur
wenige Seiten oder gar nur einzelne schlecht erhaltene rätselhafte
Schriftzeichen auf uns gekommen. Im folgenden mögen einige der
berühmtesten Typen in Wort und soweit möglich auch im Bild dem Leser
vor Augen geführt werden.
Alte Krokodilier.
[Illustration: Abb. 3. Belodon oder Neckarsaurier.]
Gegen das Ende des Altertums (jüngste Steinkohlenperiode und Perm)
erscheinen Reptilien von eidechsenartiger Gestalt, aber sie haben
noch viele Merkmale mit Panzerlurchen gemein, besonders im Bau der
Wirbelsäule, der Glieder und der Zähne. Sie haben sich also aus
Uramphibien entwickelt, und zwar in der Weise, daß sie die Kiemenatmung
vollständig unterdrückten und ausschließlich mit Lungen atmeten, womit
eine Vervollkommnung des Blutkreislaufs, gänzliche Verknöcherung des
Skeletts und vollkommenere Entwicklung der Jungen im Ei, teilweise
sogar im Mutterleib nebenher ging. Zu achtunggebietender Entfaltung
bringen sie es in der Triaszeit. Eine der berühmtesten Formen ist
der +Pfeilzahn+ oder +Belodon+ (~belos~: Pfeil und ~odon~: Zahn),
von Professor Fraas +Nikrosaurus+, das heißt +Neckarsaurier+ oder
+Neckardrache+ getauft. Seine prachtvollen Überreste sind aus dem
schwäbischen Keuper,[2] und zwar aus dem sogenannten Stubensandstein
von Stuttgart zutage gefördert worden und nun im Stuttgarter
Naturalienkabinett aufgehoben. Der Neckarsaurier war, wie unsere
Abbildung veranschaulicht, ein sehr stattliches krokodilartiges Reptil
mit langgestreckter, wohlbezahnter Schnauze und kräftigem Panzer. Es
muß eine Länge von mehr als 6 Meter erreicht haben; der Kopf allein ist
zirka 1 Meter lang. Die Nasenlöcher sind nicht vorn an der Schnauze,
sondern weit oben in der Nähe der Augen, also wohl Spritzlöcher, wie
die heutigen Walfische sie haben. Das Tier war hierdurch instand
gesetzt, das beim Ergreifen der Beute eingedrungene Wasser durch die
Nasenlöcher zu entfernen, ohne die Kiefer aus dem Wasser bringen und
öffnen zu müssen. So sehr der Neckardrache aber auch an Krokodile
erinnert, so weicht er doch von diesen in manchen Merkmalen sehr
bedeutend ab. „Der erste Blick schon zeigt,“ sagt Fraas, „daß der
Keuper hier einen Saurier bietet, der mit keinem der lebenden sich
vergleichen läßt, so wenig er mit einem Saurier der Juraperiode stimmen
will. Von oben gesehen hat der Schädel einige entfernte Ähnlichkeit mit
den ostasiatischen Krokodilen, dem Gangesgavial und dem Krokodil von
Java, aber die Nasenlöcher, die bei diesen am Vorderrand der Schnauze
sind, fallen ins hintere Dritteil der Schädellänge. Auch von der Seite
gesehen ist kein Krokodil mit solcher Pferdenase bekannt. Andererseits
erinnert die Lage der Nase in der Augengegend an Eidechsen, dagegen
sind Eidechsen mit langen Schnauzen und schmalen Kiefern wieder
etwas Fremdartiges. Fast möchte man an Wale und Delphine denken. Die
Zähne stecken wie bei krokodilartigen Tieren in besonderen Höhlen
und ersetzen sich auf dieselbe Weise. Sie sind in Form und Größe
mannigfaltiger als bei jedem anderen bekannten Reptil, dabei die
Wurzel eher schwächer als die Krone. Der Zahl nach sind es 175 bis
180. Vorn stehen große kegelförmige Fangzähne, auf diese zunächst
kleinere und nach hinten wieder größere und flachere Kauzähne. Die
bikonkaven, das heißt auf beiden Seiten ausgehöhlten Wirbelkörper, der
zweite Halswirbel, ein Hakenschlüsselbein, das Darmbein erinnern an
die Warneidechsen (große 1,5 Meter lange Eidechsen, die hauptsächlich
in Afrika vorkommen), dagegen die Halsrippen, Rückenrippen,
Schwanzwirbelbogen und das Schulterblatt wieder an Krokodile. Der
Fuß stimmt wieder am meisten mit dem Gangeskrokodil, dem Gavial und
jurassischen Panzersauriern überein.“
[Illustration: Abb. 4. Gangeskrokodil.]
Die auffallende Erscheinung, daß ein altes Lebewesen die Merkmale von
mehreren heute scharf getrennten Familien, Ordnungen oder gar Klassen
vereinigt, als wäre es aus Bruchstücken von solchen zusammengeflickt
worden, ist ganz allgemein und erklärt sich aus der Tatsache, daß
jeweils aus einer gewissen Stammform eine Menge Nebenstämme, Äste
und Zweige hervorgegangen sind. Nach dem alten Schöpfungsglauben war
hierfür keine vernünftige Erklärung möglich, und die älteren Forscher
standen der Erscheinung verständnislos gegenüber.
Außer Württemberg haben auch Franken, Braunschweig und Nordamerika
Belodonten geliefert. Eine verwandte, viel kleinere, aber sehr
zierliche Gattung, nur etwa 1 Meter lang, ist der +Aëtosaurus+. Bei
Stuttgart wurden auf einer Steinplatte nicht weniger als zwei Dutzend
vollständige Individuen gefunden; das Prachtstück ist im Stuttgarter
Naturalienkabinett zu sehen. Im gemütlichen Schwabenland hat es einst
von Krokodilen und Drachen nur so gewimmelt, und wir werden noch des
öfteren darauf zu sprechen kommen.
An dieser Stelle mag noch ein +Tatzelwurm+, der +Teleosaurus+, das
heißt der „vollkommene Drache“ erwähnt werden. (Siehe Juralandschaft,
das große Reptil im Vordergrund.) Er stand ungefähr in der Mitte
zwischen den Neckarsauriern und den heutigen Krokodilen, speziell dem
Gangesgavial, daher auch der seltsame Name, welcher besagt, daß er
mit der modernen Tierwelt vollkommen (~teleos~) übereinstimmt. Das
Tier wurde 5 bis 6 Meter lang, trug einen starken Rücken-, Brust-
und Bauchpanzer und hatte vier kräftige Pratzen, deren Zehen durch
Schwimmhäute verbunden waren. Die Vorderglieder waren nur halb so lang
als die hinteren und dienten wohl hauptsächlich, um sich damit am Ufer
emporzuschieben. Der Schädel endet in eine lange schmale Schnauze
mit vielen spitzigen, ungleich hoch und schief stehenden Zähnen.
(Siehe Tafel Juralandschaft.) Die Nahrung bestand wohl aus Fischen,
Tintenfischen, kleineren Lurchen und Reptilien, gelegentlich auch aus
Tangen. Die „Tatzelwürmer“ hielten sich vermutlich in seichten Buchten
auf und waren gute Schwimmer; auf dem Lande waren ihre Bewegungen
watschelnd und ungeschickt. Trotz ihrer „Vollkommenheit“, welche sie
fast zu modernen Geschöpfen macht, hatten sie doch auch reaktionäre
Rückfälle; ihre Wirbel waren nämlich denen der Uramphibien und Fische
ähnlich, steckten also gewissermaßen noch im Altertum drin, eine Folge
von erblicher Belastung. Wunderschöne versteinerte Exemplare findet man
in der Juraformation bei Holzmaden und Boll (Württemberg) und bei Banz
in Franken, auch in England und Frankreich.
[2] Die deutsche Triasformation zerfällt in drei Hauptteile, daher
der Name Trias, nämlich in Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper.
Schlangen- oder Langhalsdrachen.
[Illustration: Abb. 5. Nothosaurus.]
Auf unserer Abbildung 5 gewahren wir ein seltsames Reptil mit
langem, schlankem Hals und weit aufgesperrtem Rachen -- es ist
ein +Nothosaurus+ (Bastardechse), ein Mittelding oder Bastard von
Schlangendrache und Urkrokodil, offenbar ein gefährlicher Seeräuber,
der sich aber auch am Strande leidlich gut bewegen konnte. Der
Schlangenhals, der mindestens 20 Wirbel zählt, befähigte ihn, die
Beute aus beträchtlicher Tiefe heraufzuholen. Der flache, eckige Kopf
birgt ein sehr kleines Gehirn, weist also von vornherein auf wenig
Intelligenz, aber die Sinnesorgane sind gut ausgebildet. Eines Panzers
bedurfte das Tier nicht; es vermochte sich mit Hilfe des scharfen
Gebisses und der großen Beweglichkeit des Halses gegen Feinde genügend
zu schützen. Daß es von ausgesprochenen Landtieren abstammt und sich
nur allmählich wieder ans Element seiner Urahnen -- der devonischen
Urmolche -- angepaßt, also in gewissem Sinne den umgekehrten
Entwicklungsgang der letzteren eingeschlagen hat, ist so gut wie
erwiesen. Man kennt nämlich auch kleinere Formen mit gewöhnlichen
Schreitbeinen und solche, die erst an den Vorderfüßen Schwimmhäute
haben.
[Illustration: Abb. 6. Skelett des Plesiosaurus.]
Die Nachkommen der Nothosaurier setzten die angefangene Entwicklung
fort und paßten sich immer besser ans Meerleben an. Dies führte zum
Typus der eigentlichen +Schlangendrachen+ oder +Plesiosaurier+. Das
sind höchst merkwürdige Tiergestalten. In England, wo die schönsten
Exemplare gefunden wurden, verglich man sie mit einer durch den
Körper einer Schildkröte gezogenen Riesenschlange, daher der Name.
Der auffallendste Körperteil ist der lange Schwanenhals, der bis 41
Wirbel zählt. Beiläufig mag erwähnt werden, daß der Hals des Schwanes
23, der Giraffenhals bloß 7 Wirbel besitzt. Die Riesen unter den
Schlangendrachen hatten einen 4 bis 5 Meter langen Hals bei einer
Gesamtlänge von zirka 9 Meter. Auf demselben saß ein kegelförmiger,
verhältnismäßig kleiner Eidechsenkopf mit spitzen Krokodilszähnen.
Das Rumpfskelett ist sehr kräftig gebaut und läßt auf eine gewaltige
Muskulatur schließen. Irgendwelche Spuren von Bepanzerung sind nie
gefunden worden; der Körper war somit nackt und wohl nur mit einer
schlüpfrigen Lederhaut bedeckt, was für schnelles Schwimmen und Tauchen
von großem Vorteil war. Der nicht sehr lange, aber doch kräftige
Schwanz trug vermutlich eine Flosse, welche als Steuer diente. Die
Beine waren zu gewaltigen Paddeln umgewandelt, also ausschließlich
zum Rudern, nicht zum Gehen an Land eingerichtet. Die langen Finger
steckten in einer dicken Haut wie in einem Fausthandschuh, glichen
somit den Paddeln der Seeschildkröten; aber sie erreichten eine viel
bedeutendere Größe.
[Illustration: Abb. 7. Plesiosaurus, rekonstruiert.]
Die Schlangendrachen waren sicherlich höchst gefährliche Räuber, der
Schrecken des Meeres. Aus bescheidenen Anfängen in der Trias entwickeln
sie sich zu immer riesigeren Formen und sterben in der Kreidezeit
aus, so daß die heutige Tierwelt nichts Ähnliches aufweisen kann. Der
Plesiosaurus war sozusagen das Urbild eines schwimmenden Wirbeltiers
von höherer Organisation; was sich an ihm bewährt hat, finden wir
auch heute noch, aber auf viele getrennte Ordnungen verteilt. Die
Schädelmerkmale müssen wir bei den Krokodilen und Eidechsen, die Wirbel
bei den Fischen, den Brustkorb bei den Schildkröten suchen; den langen
Hals hat der Schwan geerbt, die Ruderfinnen und den Steuerschwanz
der Delphin; doch ist bei diesem der Schwanz zu einem wichtigeren
Schwimmorgan geworden. Man kann es bedauern, daß so interessante Sippen
wie die Schlangendrachen verschwunden sind, aber das ist der Welt
Lauf; alles ist vergänglich und muß Neuem Platz machen; wie wäre sonst
überhaupt Neues und Besseres und Schöneres möglich?
Fischdrachen.
Ein Zeitgenosse und Konkurrent des Plesiosaurus ist der Ichthyosaurus
(von ~ichthys~: Fisch und ~saurus~: Echse), zum Scherz wohl auch das
„schwäbische Haustier“ genannt, denn der schwäbische „+schwarze+“
+Jura+ birgt dessen versteinerte Reste in fabelhafter Zahl, als wären
sie dort förmlich gezüchtet worden. Offenbar lebten jene Seeräuber
scharenweise in sogenannten Schulen beisammen gleich den Walfischen,
Walrossen und Seehunden. Außer in Schwaben, das sieben Arten geliefert
hat, findet man sie in Bayern, Frankreich, England, Spitzbergen,
Nord- und Südamerika, Ostindien, Australien und Neuseeland. Die
untere Juraformation Englands (Lias) weist nicht weniger als 26 Arten
auf. Die Fischdrachen haben sich ans Wasserleben noch vollkommener
angepaßt als die Schlangendrachen und gleich den Walen, die eine
ähnliche Entwicklung durchgemacht haben, die Fischform angenommen.
Die ältesten Arten (Mixosaurus, Phalarodon usw.) sind von geringer
Größe und lassen erkennen, daß sie von landbewohnenden Panzermolchen
abstammen. Jahrmillionen hindurch waren die Fischdrachen neben den
verwandten Schlangendrachen die Beherrscher des Meeres, denn es waren
gar großschnauzige und gewalttätige Herren, erreichte doch die größte
Art, ~Ichthyosaurus ingens~, das heißt der Riesen-Fischdrache, 12
Meter Länge, wovon fast ein Drittel auf den Kopf entfällt. In den
ungeheuren Kiefern steckten über 200 scharfe, spitze Zähne, und zwar
nicht in besonderen Höhlen, sondern in einer gemeinsamen Rinne des
Kieferknochens; sie wurden nur durch das Zahnfleisch aufrecht gehalten
und fielen nach dem Tode leicht aus. Eine solche Befestigung der Zähne
findet sich heute noch bei zwei Walfischarten.
[Illustration: Abb. 8. Ichthyosaurus (Fischdrache).]
Einen merkwürdigen Anblick bieten die Augen; sie sind von erstaunlicher
Größe -- wie Teller -- und geschützt durch einen aus zahlreichen
Platten bestehenden Knochenring. Wir dürfen wohl annehmen, daß dessen
Besitzer imstande war, auch in beträchtlicher Tiefe wie im Dunkel der
Nacht die Beute zu erspähen. Wie beim Neckarsaurier befinden sich
die Nasenlöcher im hinteren Teile der langen Schnauze, unmittelbar
vor dem Augenwinkel, und haben wohl als Spritzlöcher funktioniert,
was auf unserer Juratafel angedeutet ist. Wahrscheinlich waren die
Tiere imstande, lange unter Wasser zu verweilen, jedoch genötigt,
von Zeit zu Zeit an der Oberfläche zu erscheinen, um frische Luft
einzuatmen. Zum Unterschied von den Schlangendrachen ist der Hals
sehr kurz, kaum erkennbar. Die Wirbelsäule besteht aus zirka 150
Wirbeln, welche ähnlich geformt sind wie jene der Fische. Die
Schwanzregion ist an einer gewissen Stelle häufig abgeknickt, was von
der großen schweren Ruderflosse, die sie zu tragen hatte, herrührt.
Die Glieder sind zu kräftigen Ruderflossen entwickelt und gleichen
äußerlich den Walfischfinnen. Außer paarigen Paddeln und der großen
Schwanzflosse besaßen die Tiere noch eine gewaltige Rückenflosse, die
in mehrere Lappen geteilt war und sich von der Mitte des Rückens bis
zum Schwanz hinzog. Bei dem auf Seite 26 abgebildeten Exemplar sind
merkwürdigerweise alle Flossen sehr schön erhalten, so daß man jetzt
nicht mehr auf bloße Vermutungen angewiesen ist. „Alles an diesem Tier
ist merkwürdig,“ schreibt O. Fraas; „von der Form eines Schwertwals,
besaß es die Schnauze eines Delphins, die Zähne eines Krokodils, den
Kopf einer Eidechse, die Wirbel eines Fisches, das Brustbein des
australischen Schnabeltiers und breite Ruderfüße eines Wals.“ Von einer
schützenden Körperbedeckung ist nichts zu entdecken, die Haut war
vollkommen nackt.
Wie halbverdaute und unverdaute Reste in der Magengegend und die in
großer Menge vorhandenen Exkremente (Kotballen) beweisen, bestand die
Nahrung der Fischdrachen hauptsächlich aus Fischen und Kopffüßern
(Tintenschnecken, Ammoniten und Belemniten). Durch den Tintenbeutel der
letzteren ist oft der Mageninhalt dunkel gefärbt. Die versteinerten
Kotballen oder +Koprolithen+ zeigen stets mehr oder weniger deutliche
Spiralfurchen, was offenbar von einer spiralig gewundenen Hautfalte
des Mastdarms, der sogenannten Spiralklappe, herrührt. Dasselbe ist
von einigen Panzerlurchen bekannt. Unter der heutigen Tierwelt weisen
nur die interessanten Lurchfische, die Haie und Störe, alles sehr alte
Sippschaften, einen derartigen Apparat auf. Die Koprolithen, die durch
ihren Gehalt an Phosphorsäure sich als Dünger eignen, finden sich in
einzelnen Schichten des englischen Lias in solcher Menge, daß sie
bergmännisch abgebaut werden. Beim Anschleifen zeigen sie oft hübsche
Zeichnungen, so daß sie auch zur Herstellung von Knöpfen und Broschen
benutzt werden, gewiß eine höchst auffällige Verwendung von Exkrementen.
Die Ichthyosaurier brachten die Jungen lebendig zur Welt, entgegen
allen Gewohnheiten der Reptilien. Man fand einige Weibchen in
„interessanten“ Umständen, die Jungen schön entwickelt und völlig
unversehrt hinter dem Magen, mit der Schnauze nach hinten gerichtet.
Bei einigen Funden gewinnt man den Eindruck, daß die Jungen
verschlungen worden seien, und es ist daher wahrscheinlich, daß die
nimmersatten Fresser dem Kannibalismus gehuldigt und ihr eigen Fleisch
und Blut nicht verschont haben.
Vielleicht interessiert es den Leser, noch einiges zu hören über die
Gewinnung der Saurierleichen in Württemberg. Oskar Fraas schreibt
darüber: