Der Thorsteher wies ihm des Kaisers Handschrift, und Salassin mußte sichs
gefallen lassen, ihm zu folgen.
Im Vertrauen -- begann sein Verhaftsnehmer, als er den Helden in ein ganz
artiges Zimmer geführt hatte -- Du wirst bald in Freiheit kommen. Sey so
gut und bleibe hier -- mein Leben haftet für dich -- Du sollst alle
Bequemlichkeit haben. Bis ich es dem Kaiser vorgezeigt habe, nur so lange
verhalte dich da --
Es ist ohne Zweifel zu deinem Besten gemeint. Ich zeig es sogleich an.
Salassin warf sich in einen Sessel, und war zufrieden, wenigstens allein,
und ungestört von allem, was ihm lästig fiel, worunter sogar des Volkes
Freudenäußerungen waren, mit sich selbst zanken zu können.
So eben war der Monarch in den Gesellschaftssaal der Residenz getreten:
Tellmann und seine Gäste nebst unzähligen Andern Edlen standen da, als der
Thorsteher mit einem Papiere in der Hand hereintrat, und es Tellmann als
dem Vorsteher der Polizey zur Seite gewinkt ins Ohr flüsterte, was mit
Salassin vorgegangen war.
Warte nur! Du Wildfang! sprach Tellmann für sich. Du sollst uns
entschädigen für die Streiche, die du machst. -- Er theilte den Vorfall
seinen Freunden mit, mit denen er bald darauf den Residenzsaal verließ.
Alle brannten vor Begierde, den geliebten Flüchtling einmal wieder zu
umarmen; am meisten was am wenigsten zu verargen ist -- Lolly.
Mädchen überzieht euch geschwinde! Aber ihr müßt Beide so ähnliche Kleider
nehmen als ihr nur immer habt! Wir wollen uns zu gutem Ende mit dem
Erstaunen Salassins ergötzen. -- So sprach Tellmann, und Lolly und Jilla
thatens. Sie kleideten sich einfach und kunstlos, ein blaues Gewand mit
rosenrothen Schleifen, Herbstveilchen im natürlich gelockten Haare -- kurz
mit dem Zauber der Grazien geschmückt standen die Mädchen da, ähnlich daß
ihren Eltern beinahe schwer zu rathen wurde, welches Jilla, welches Lolly
sey.
»Ihr fahrt in dem Wagen, der hier unten vorm Pallaste steht -- fuhr
Tellmann fort, als die beiden Anadyomenen fertig waren -- dahin wo der
Kutscher euch führen wird. Das Zimmer, wo Salassin ist, wird man euch
deuten. Ihr überreicht ihm diesen Verhaftsbefehl, und bringt den unbändigen
Flüchtling in der Kutsche hieher. Doch die Fensterchen müßt ihr
verschliessen, und wann er aussteigen soll, ihm die Augen verbinden. Nur
stellt es hübsch klug an, und macht als kenntet ihr ihn nicht!«
Die Beiden fuhren dahin, das Zimmer ward ihnen gezeigt, sie traten hinein
als Salassin eben in einer schwermüthigen Stellung Lollys Bildniß, das er
damals mit forttrug, als er in den Krieg zog, in seinen Händen hielt. Eine
Thräne stand dem Helden im Auge, und er drückte das Bildniß an seinen Mund.
Er erschrak bei dem Anblick der beiden Grazien so sehr, daß er das Bild aus
den Händen fallen ließ.
Leb ich in einer Feenwelt? stotterte er vor sich hin, unentschlossen ob er
ihnen entgegen kommen sollte oder nicht.
Wie nach einem Traumbild, das seine ganze Seele mit magischen Zauber
verwirrte, streckte er unwillkührlich seine Arme aus; aber zog sie eben so
schnell zurück, denn hier waren zwei Mädchen und eine nur konnte Lolly
seyn, wenn es ja nicht etwa gar Geister sind.
Die Mädchen kicherten halb laut auf einander, als sie Salassin in seiner
Verlegenheit sahen. Er starrte sie an, wie ein Träumer, der sein Traumbild
plötzlich, wenn er erwacht, in Wirklichkeit sieht.
Kommt ihr aus den Gefilden der Feenwelt, Mädchen! -- fieng er endlich
lächelnd an, als er sich von seinem Erstaunen erholt hatte: Die Mädchen
blieben stumm. Nehmt mich auf in eure seeligen Fluren! Wer seyd ihr?
Schwebt ihr hernieder aus Griechenlands Götterthum, oder aus Geßners
Hirtenwelt? Führt mich, führt mich dahin woher ihr kommt! Wer seyd ihr?
Jilla wies schalkhaft auf Lolly, und diese auf jene, als wollten sie sagen,
ich bin sie, und sie ist ich.
Redet, redet -- fantasirte Salassin trunken vom Zauberwein der schönen
Empfindung fort -- Redet -- wo bin ich? Oder könnt ihr nicht sprechen?
Lolly hatte das Bildniß, so Salassin aus der Hand fallen ließ, aufgehoben,
zeigte es Jillan und warf einen Blick auf den wirren Salassin, als wollte
sie fragen, wer das sey?
Das bist du -- antwortete Salassin, indem er auf Jilla zeigte, welche das
Köpfchen schüttelte, und auf Lolly wies.
O so mußt du es seyn! -- wandt er sich nach Lolly, die lächelnd nickte. Mit
herzlichem Ungestümm wollte sie Salassin umarmen, aber sie sträubte sich
mit erborgten Unwillen von ihm, und zog den Verhaftsbefehl aus dem Busen.
Salassins Augen verschlangen das Papier, das er kaum durchlesen betäubt
fallen ließ.
Ich als ein Flüchtling gegen des Monarchen Gebot in die Jammerburg? Beim
Himmel, fast glaub ich, mein Verstand ist dahin! O bringt mich, bringt mich
nur immerhin in dies Gefängniß -- wenn ihr mir zur Seite bleibt, dann bin
ich der seligste der beneidenswertheste Wahnsinnige.
Die Beiden lächelten und verbanden ihm die Augen, führten ihn in den Wagen,
und rollten fort in den tellmannischen Pallast, wo alle mit
unbeschreiblicher Spannung harrten.
Endlich kamen die Mädchen mit dem Flüchtling zurück, die Thüre öffnete
sich, und sie führten den Augenverbundenen Salassin auf den
Gesellschaftssaal, wo Welly und Jadilla, Bengler, Jehnsen und Marlon
mäuschenstill saßen, und trotz der stürmenden Wonne, die ihnen im Innern
arbeitete, kaum freien Athem schöpften, um Salassin nicht zu verrathen, daß
er unter mehrern Menschen sich befände.
Als er in der Mitte des Saals stand, erhob sich Bengler, und sprach mit
verstellter Stimme:
Junger Mann, diese Wohnung sey dein künftiger Aufenthalt! Du handeltest
wider das Gebot deines erhabenen Monarchen, man hat Beweise von deiner
Narrheit -- hier wirst du dein Leben verbringen.
Ich bins zufrieden -- antwortete Salassin mit etwas ernsthafter Stimme --
Nehmt mit nur die Binde ab, damit ich doch meine Wohnung sehen kann.
Beng. Gleich! Deine Freiheit hast du gesezmäßig verloren -- du wirst zwar
alle Bequemlichkeiten des Lebens hier finden, aber aus diesem Gefängnisse
kömmst du nie heraus. Des Monarchen Großmuth giebt dir überdies eine von
den beiden stummen Führerinnen zur Pflegerinn, damit du bei ihrem Anblicke
für das gestraft werdest, was du gegen Lolly deine ehmalige Geliebte
verbrachst.
Sal. Das ist eine grausame Großmuth!
Beng. Nicht wieder voreilig! Bist du zufrieden mit dieser Strafe? Willst du
nimmer entweichen diesen Banden, so dich jetzo umschlingen?
Sal. (den Lolly ihren Armen umschlang) Was bleibt dem Gefangenen übrig!
Beng. (Indem er Salassin die Binde vom Auge nimmt) Nun bleibe
lebenslänglich in dieser Gefangenschaft.
Die Binde fiel ihm von den Augen, und Lolly hielt ihn in ihren Armen, indem
sie sich zärtlich an ihn preßte, und Salassin! mein Geliebter! rief.
Sprachlos stand Salassin, die Ueberraschung tödtete alle Worte, er warf
einen Blick auf die aufstehenden Freunde, und schloß Lolly in seine Arme.
Noch immer fand er die Sprache nicht, als seine Mutter und sein Vater und
die Andern ihn brünstig umhalsten. Eine marmorne Bildsäule stand er da, als
fühlt er nichts, als wäre das Bewustseyn auf immer entflohen.
Endlich erholte er sich, und eine heiße Freudenthräne rann über seine
blasse Wange als Sebald ihn an sein Herz drückte. »Mein Sebald! vergieb!
ich that dir Unrecht. Ja hielt dich mit Lolly einverstanden, und wollte
mein Vaterland auf immer fliehen!« So sprach er und nun -- bricht die
Urkunde aus dem Archiv der Zukunft ab, vermuthlich sah der Autor ein, daß
seine Feder eben so schwach wie die meine sey -- alle die herzlichen
Ergüssungen der namenlosen Freuden zu schildern, die hier jegliches Herz,
wie die Frühlingssonne die verjüngten Gefilde durchstrahlten; wie Welly und
Jadilla dem Bruder die Schwester, die er einst in der Fieberfantasey der
Liebe in Sebalds Armen für Lolly hielt, zuführten; wie Salassin erstaunte,
als man ihm alles enträthselte.
Soviel als ich vermuthen kann, dachte von itzo an Salassin nie wieder nach
fremden Ländern zu fliehen, und es war ihm in der That wunderlich und
banger zu Muthe als in der gefährlichsten Schlacht.
»Kinder!« -- sagte Bengler lächelnd -- »Wenn euch des Priesters Band wird
umschlungen haben, irrt euch ja nicht einmal mit den Weibern. Du Salassin,
daß du nicht Jilla für Lolly, und du Sebald, daß du nicht Lolly für Jilla
in die Schlafkammer führst.«
_Ende_.
Epilog an meine Leser.
So weit war die Geschichte dieser Familie in dem Buche der Zukunft
erzählet. Noch so manche Andere ist darinn beschrieben; erst will ich aber
abwarten, ob mich ein süsses Beifallächeln meiner Leser aufmuntern wird,
meine Mühe nicht unbelohnt zu verwenden. Von Vergangenheit und Gegenwart
erfährt man in tausend tausendmal Büchern, es war wenigstens meine Absicht
gut, wenn ich auch sehr wenig geleistet habe, einmal ein etwas neueres
Gerücht aufzutischen. Manchmal wagt man ja doch auch, einen Blick weiter
voraus zuwerfen, und ich bin hinlänglich belohnt, wenn mir hie und da ein
freundliches Lächeln sagt: »Dein Büchelchen ist doch kein fader, gespenster
wunder und märchenstrotzender Ritterroman. Du hast uns in einem kleinem
Bändchen das erzählt, was ein Anderer in drei Alphabeten geliefert hätte.«
Dann reut mich die Stunde nicht, die ich auf dieses Kind meiner Muse
anwandte, und ich werde mich bemühen, den Beifall der Leser verdienter zu
ärndten.
Inhaltsanzeige.
Erster Abschnitt.
Seite
I. Kapitel. Blicke in die Zukunft. 5
II. -- -- Graf von Wallingau. 8
III. -- -- Der Spaziergang im Kastanienwäldchen. 12
IV. -- -- Auf Sonnenschein folgt Regen. 21
V. -- -- Der Gasthof. 28
VI. -- -- Die Abreise. 46
VII. -- -- Der Besuch. 56
VIII. -- -- Komm bald wieder zur Rosenfischerey! 71
IX. -- -- Die müden Wanderer. 81
X. -- -- Geschichte der müden Wanderer. 87
XI. -- -- Die Stadt. 95
XII. -- -- Das unvermuthete Wiedersehen. 99
XIII. -- -- Die Audienz. 104
XIV. -- -- Eine fürchterliche Begebenheit. 111
XV. -- -- Trennung. 118
Zweiter Abschnitt.
I. Kapitel. Fürst von Tellmann. 121
II. -- -- Eine Eroberung. 131
III. -- -- Das Bildniß. 140
IV. -- -- Das Gesellschaftshaus. 151
V. -- -- Die Bestellung. 154
VI. -- -- Die Portraitsvorzeigung. 169
VII. -- -- Das Abentheuer. 179
VIII. -- -- Das Aerndtefest. 185
IX. -- -- Die Einsiedeley. 190
X. -- -- Wohlthun bekäme bald übel. 203
XI. -- -- Die Erscheinungen im Lager. 219
XII. -- -- Unfall und Zufall. 227
XIII. -- -- Eine Nachricht aus der Heimat. 247
XIV. -- -- Die Verzweiflung. 258
XV. -- -- Begebenheiten. 270
XVI. -- -- Der neue Krieger. 286
Dritter Abschnitt.
I. Kapitel. Die Wahrheit in der Lüge. 296
II. -- -- Eine Hochzeit. 317
III. -- -- Eine Entdeckung. 336
IV. -- -- Der Gastwirth im Vollmond. 353
V. -- -- Jillas Eltern. 360
VI. -- -- Der Zurückzug der Sieger. 378
VII. -- -- Der Flüchtling in der Jammerburg. 383
Epilog an den Leser.