Welly. Hier erst -- hier, nicht dort!
Lolly. Deine -- Jadilla ist gefunden!
Welly. (etwas empfindlich) Lolly, dein Scherz that wehe!
Lolly. Ey was Scherz -- voller Ernst -- Sebalds Verlobte ist deine Jadilla
-- doch sieh, Zauderer! da kommen die Beglückten schon!
Meine Tochter! Jadilla -- sie ist gefunden! -- stürzte die Greisin auf den
erstaunten Welly zu, indem sie Jilla bei der Hand hielt, die den
freudezitternden Vater umschlang. Unter den Gästen war eine frohe Bewegung,
alle nahmen Theil, und drängten sich an die herrliche Gruppe.
Sagt ichs nicht! -- fieng endlich Lolly an -- Sagt ichs nicht Welly du
würdest vor Freude zittern?
Aber wie hätt ich mir so etwas träumen sollen? -- erwiederte Welly. Sebald
du hast unsrer Wonne die Krone aufgesetzt! Zum Dank nimm dir sie die du uns
gegeben hast! -- Er legte Jillas Hand in Sebalds, und die Beiden umrankten
sich mit ihren Armen, wie sich zwei Reben um den Ulmbaum schlingen, um den
Vater. Die Gäste, alles in Wellys Schlosse war in der lebhaftesten
Bewegung; sie feierten dieß Fest einige Tage lang.
Nun ward alles erzählt, was Jilla betraf. Jehnsehn erstaunte froh, in dem
Mädchen das vor 15 Jahren seine verunglückte Mutter, als sie unvermuthet in
seinem Gasthofe mit der damals erst lallenden Jilla eingekehrt war, erst
für sein eigenes Schwesterchen ausgegeben hatte, nun in diesem Mädchen
Wellys Tochter und seines Sohnes Braut zu finden, und trug sein Schärflein
Wissen zur weitern Erläuterung ihrer Geschichte bei, und es war nicht
schwer sich ganz zu überzeugen -- daß Jilla die verloren gewesene Jadilla
sey.
Sobald Salassin -- mit seinem Lorberkranz zurückkommt, feiern wir ein
doppelt Hochzeitsfest -- rief Welly und Bengler.
Ein Dreifaches! -- setzte Jehnsen hinzu, und nahm seine Marlon bei der
Hand! Uns hat ebenfalls noch des Priesters Band nicht umschlungen! -- Man
fragte um Jehnsens Geschichte, die er erzählte.
Wahrhaftig, sprach Bengler -- als man mit den Erzählungen allenthalben
fertig war -- Wahrhaftig das sind der Freuden gar zu viele! Fast wünscht
ich einmal wieder etwas bitteres zu geniessen. Das immerwährende Süsse wird
beinahe unschmackhaft.
Kaum hatte dies Bengler ausgeredet, als des Dorfes Pfarrer unter die
Gesellschaft trat, und nach einigen Grüssen sich zu Welly wandte.
Mein Graf! Eben sind zwei verwundete Krieger in unser Dorf gebracht worden.
Sie empfingen die Wunden in jener Schlacht, die dein Sohn für das Vaterland
erkämpfte. Ich fragte sie nach Salassin, und der Lage in der itzt unser
Kriegsheer stehe. Sie antworteten, es sey Friede mit dem Feinde, die Armeen
wären schon im Heimzuge, in 8 Tagen würde das Friedensfest gefeiert werden.
Und was sagten sie von Salassin? -- versetzte Graf Welly hastig, Lolly
horchte bei dem lieben Namen hoch auf, die Hälfte der Gäste schlossen einen
Kreis um den ehrwürdigen Priester, der fortfuhr:
Sehr viel Rühmliches, aber auch eine Nachricht, die -- du gefaßt ertragen
must. Salassin, sagten sie, ist von dem Heere abgegangen. Niemand wisse
wohin?
Ha! -- unterbrach Bengler die Erzählung. Wird uns doch einmal wieder eine
bittre Speise aufgetischt? Das Konfekt wird dann um so besserer behagen!
Das ist nur gar zu bitter! -- meinte Lolly.
Muß man denn aber, wenn das Süsse zu häufig da ist, von allen so viel
geniessen, daß man hernach den Geschmack daran verliert? -- dachte Sebald.
Der Greis fuhr in seiner Erzählung fort:
Daß den Tag darauf, als sie fortgeschifft wurden, im ganzen Lager es
verbreitet gewesen wäre, der tapfere Salassin sey in ein fremdes Land
gereiset. In acht Tagen, wie gesagt, ist das Friedensfest, der Kaiser kömmt
in 10 Tagen in die Residenz an.
Die von so vielen Freuden gespannten Sehnen der Anwesenden erschlaften
ziemlich durch diese Neuigkeit.
So soll ich Salassin wieder sobald nicht sehen? -- meinte Lolly, und
schlich auf die Seite.
Trübt er sich denn immer selbst seine Lebensquelle? -- dachte Welly.
Ist er von seinem Wahn denn noch nicht geheilt? -- sprach Sebald für sich.
Nun wird unser Vermählungsfest ziemlich noch fern seyn! -- flüsterte Jilla
zu Sebalden.
Ach das ist verzeihlich! Er weiß ja von der Sache mit dir lieber Sebald,
noch nichts tröstliches. Rief halb laut Bengler zu diesem. Seyd gutes Muths
er ist ja darum noch nicht aus der Welt! Wir bändigen Wildfang gewiß! --
sprach er laut zu dem verstummt um ihn stehenden Zirkel, ergriff den
Festpokal und rief: Es lebe der wackere Salassin!
Er lebe! er lebe! -- erklangs sogleich in dem Saale, und der Eindruck des
Unangenehmen ward schwächer, durch Benglers vergnügenbewirkendes Beispiel.
Bald ward wieder die halbentflohene Heiterkeit an jedem Gesichte, die
unangenehme Nachricht endlich fast vergessen, und man erzählte sich wie
vorher.
Zum Friedensfeste fahren wir in die Residenzstadt! fieng Bengler an, als
der Kranz fröhlicher Menschen sich späterhin trennte.
Zum Friedensfest in der Residenzstadt! -- wiederhallte es, und der Kranz
zerriß sich.
Sechstes Kapitel.
Der Zurückzug der Sieger.
Wir lassen sie hier indessen sich rüsten zur Abreise von Wallingau, und
kehren in das Lager der tapfern Kämpfer. Haben wir doch Salassin schon
lange nicht begleitet. Was macht er? Sind seine Wunden geheilt? Ist er
wirklich fort von dem Heere in ein andres Land, oder hat ihn die
Bedenkzeit, so ihm der Kaiser gab, zum bessern Entschlusse gestimmt?
Das sind zu viele Fragen auf einmal meine Leser! Ich will erst Athem
schöpfen und dann antworten.
Salassin ist noch im Lager. Seine körperlichen Wunden sind vernarbt, und
schmücken die hohe Stirne; aber -- mit seinem Herzen ist er noch immer im
Kampf, wo er sich selber noch manche neue Wunde schlägt.
Seine unvertilgliche Liebe zu Lolly und seine nicht minder starke
Freundschaft für Sebald, den er mit seiner eignen Aufopferung mit Lolly
glücklich wissen will, trieben ihn durch die gefährlichsten Reihen Soldaten
in die Schlacht, wo der Tod alle seine Kraft verstürmte.
Anfangs der erwähnten großen Schlacht stritt er -- das muß ich zu seinem
Anlobe gestehen -- nicht sowohl aus Vaterlandsliebe so tapfer und
entschlossen, er suchte den Tod und Ruhe für den Sturm seines Innern zu
finden; aber der gefoderte Tod maß sich mit Salassin nicht. Als er aber von
der Gefahr des Kaisers benachrichtigt wurde, vergaß er seinen Wunsch, und
das Wohl des Vaterlands schwebte ihm hängend an einem Haare vor seiner
Seele. Hier focht er ein rasender Roland, für seine Pflicht, und ward durch
den herrlichsten Sieg durch den glänzendesten Ruhm belohnt, daß man nur ihm
die Rettung des Monarchen verdankte.
Kaum hatten die gänzlich geschwächten Feinde demüthig, und mit unendlichem
Verluste um Friede gebeten, kaum waren die Gesandten aus dem Zelte des
Kaisers zurück mit dem abgeschlossenem Friedenskontrakt in ihr Land, als
Salassin den Monarchen, mit der jenen unerwarteten Bitte um Entlassung vom
Heere sich meldete.
Warum? -- fragte ihn verwundernd der erlauchte Monarch, und Salassin konnte
nur schwache Gründe entgegensetzen. Als die Stunden die ihm zur Ueberlegung
überlassen waren, verschwunden, und Salassin wieder im kaiserlichen Zelte
um seine Entlassung bat, begann der Kaiser:
»Wohlan! Da beharrest bei deinem Entschlusse?«
Salassin stand erschüttert, unentschlossen ob er gehen solle oder nicht.
Der Monarch fuhr fort:
Du bist entlassen.
Salassin fühlte die Bitterkeit dieser kurzen Rede, er wankte, aber bei der
Erinnerung an seine Freunde, stand Sebald und Lolly vor ihm, und -- er
taumelte unwillkührlich aus dem Zelte.
»Verweile noch! -- sprach der Kaiser: Salassin! Noch eins! Eh du das Lager
verläßt.
Mein Monarch! -- rief Salassin niedergedonnert, und sank vor der Majestät
nieder --
Wenn es dich so viel kostet, in deinem Vaterlande auf den Lorbern des
belohnten Ruhms zu ruhen, wenn es vielleicht dein eigen Wohl gälte -- dann
fodre ichs nicht. Aber nur einen Tag genüsse die Früchte des Friedens in
der Residenzstadt, dann geh du hin, wohin jenes Gewitter deines Innern dich
jagt, so du für gut findest mir zu verbergen.
Salassin begab sich verwirrt in sein Zelt.
Der zum Aufbruch bestimmte Tag dämmerte, und das Heer brach unter
wiederhallenden Musiken das Lager ab. In wenigen Tagen glänzten die
vergoldeten Thurmspitzen der Residenzstadt den Siegern in die Augen, auf
viele Meilen kam das Volk laut frohlockend entgegen, und begleitete sie in
die wimmelnde Stadt.
Siebentes Kapitel.
Der Flüchtling in der Jammerburg.
Aus allen Provinzen Germaniens waren Menschen nach der Stadt gereist, um
den Helden und die beneidenswürdigen Sieger zu sehen. Ein
undurchdringliches Gemenge der Menschen regte sich auf den Plätzen und in
den Strassen, wo das Heer durchziehen sollte. Alle Fenster waren gefüllt
mit Menschen, und Bäume der Alleen in den Gässen und die Dächer der Gebäude
trugen Zuschauer, die voll der gespanntesten Erwartung ihre Blicke dahin
hefteten, wo die Tapfern zogen.
Im tellmannischen Pallaste waren die Wallingauer und ihre Freunde, mit
klopfenden Herzen und unaufhörlich forschenden Augen den geliebten Helden
zu ersehen; denn sie bezweifelten, daß Salassin das Heer doch verlassen
habe, wiewohl sie keinen andern Grund dazu hatten, weil es ihre Herzen
nicht glauben konnten, Salassin würde so übereilt seyn.
Die donnerngleich schmetternden Trompeten und Pauken erhallten und
schallten endlich in der ersten Strasse beim Thore, das Volk rief laut sein
kosendes Willkommen! Es lebe der Kaiser! Es lebe der Held!
Die Musiken erklangen, und das Heer stimmte sein Triumpflied an, daß es wie
ein Strom durch die Stadt sich wälzte:
Triumpf! Triumpf! Triumpf! Erschallt
Ihr Siegeshymnen tönt und hallt
Durch Lüfte hoch empor!
Der vor den Feinden uns erhob
Dem Gott des Sieges Ruhm und Lob
Erhalle Jubelchor!
Triumpf! Erklinge Liederklang!
Wir ziehen unter Jubelsang
In unser Vaterland!
Um unsre Häupter grünt das Reiß
Vom Eichenbaum, der Helden Preis,
Der Tapferkeit Gewand!
Wir standen in dem Schlachtgewühl
Ein Fels im Wogenschaumgespühl
Und standen fest und kühn.
Die Brust vom hohen Muth geschwellt
Ein Gott war unsers Kaisers Held,
Er schlägt, die Feinde fliehn!
Sie fliehn zerschlagen durch die Fluth
Der Brüder schwarzgeronnen Blut,
Ersiegt ist Heil und Ruh!
Wir kämpften ja in Gottes Sold,
Der Tapferkeit mit Siegen zollt,
Uns floß sein Segen zu!
Triumpf! Wir kommen im Gewand
Der Sieger heim ins Vaterland,
Wo unsre Lieben sind!
Mit doppelt hohem Brustgefühl
Vertauschen wir das Schlachtgewühl,
Und unser Friede grünt!
Triumpf! Triumpf! Triumpf! Erschallt
Ihr Siegeshymnen, tönt und hallt
Im Vaterland empor!
Der vor den Feinden uns erhob,
Dem Gott des Sieges Ruhm und Lob!
Erhalle Jubelchor.
So sangen die Helden in den wiederhallenden Klang der Kriegsmusiken, und
das Volk stimmte mit ein.
Der Kaiser mit den vornehmern Führern voran, das Heer nach über den großen
Platz zur Residenz des Monarchen, an den sich die lärmende Menschenmenge
unaufhörlich mit dem lauten Ruf ihres Jubels drängte.
Schon zog der letzte Trupp in schöner Ordnung bei dem Fürstenpallaste
Tellmanns vorüber, und noch hatten die Freunde Salassins vergebens ihre
Blicke in die Glieder des Heeres gelenkt. Salassin schloß mit einem zweiten
Theil der vornehmern Offiziers den ganzen Zug.
Alle wähnten nun sicher und gewiß: Salassin ist doch fort! Der Kaiser ritt
voran, und wenn Salassin das Heer nicht verlassen hätte, warum wäre er denn
nicht an der Seite der Majestät, als ein so berühmter Held? -- So glaubten
die Guten und zogen traurig die Blicke zurück, als sie im Gefolg des
Monarchen den Ersehnten nicht gesehen hatten.
Nun spähen wir schon vergebens! -- rief Jadilla an Wellys Seite, und drehte
sich vom Fenster.
So hat ihn doch sein Sturm in die Fremde verschlagen! -- sprach Bengler!
Ach! -- Wenn er mich so liebte wie ich ihn -- er wäre gewiß da! -- seufzte
Lolly traurig, und sah noch ganz allein auf den Zug hinab.
Aber welch ein süsser Schrecken übergoß plötzlich ihre blassen Wangen mit
Morgenröthe, als der letzte Trupp näher rückte, und Salassin in der Mitte
der Offiziers auf einem stolzwiehernden Fuchse ritt! Ihr lautes
Freudengeschrey: Salassin! Salassin! riß schnell alle wieder zum Fenster,
und die Freunde erblickten ihn endlich. Er saß sinnig in sich gekehrt auf
dem Pferde, und schien des Volkes Geschrey nicht zu hören, nicht zu sehn
das Gedränge um ihn, und das Winken der Freunde, der Eltern, und Geliebten.
Ach! -- sein kämpfendes Herz befürchtete nur zu sehr, wie wehe es ihm
werde, blickte er auf den tellmannischen Pallast, und sähe Lolly mit
Sebalden da!
Dem Himmel sey Dank! Da ist er doch! -- riefen die Versammelten und
schwammen in Entzücken.
Wie traurig er auf dem Pferde sitzt! Er sieht nicht einmal her auf uns. Er
hört unsre Grüsse nicht! Sprachen sie wechselweise, und Lolly lief von
einem Fenster zum andern.
Endlich stand der Zug grade vor Tellmanns Fenstern. Salassin war in der
regesten Bewegung. Er warf einen flüchtigen Blick auf den Pallast, und --
wäre beinahe vom Gaule gesunken; denn Jilla lag neben Sebald im Fenster, er
hatte diese sogleich erblickt, und die ungemeine Aehnlichkeit mit Lolly
machte, daß er nun für ganz gewiß ihn mit Lolly glücklich und eins hielt.
Wie von Donner gerüttelt ermannte er sich, spornte das Roß, und gallopirte
aus der Reihe heraus der kaiserlichen Residenz zu, mit dem festen Willen,
sogleich die Stadt und das Land zu verlassen.
Noch war der Monarch mit dem herum sich drückenden Volke beschäftigt, das
ihn Salassins Worte gar nicht einmal hören ließ, als Salassin Pflicht
vergessend fortrannte, um durch das erste beste Thor in das Freye zu
kommen.
Seine hitzige Eile machte alles aufmerksam -- Ein grosser Theil sah ihm
nach, der größere drängte sich an ihn, hielt ihm des Pferdes Zaum und er
mußte halten. Zwar that dies das Volk blos aus leidenschaftlicher
Begeistrung, das den Retter des Vaterlandes vergötterte, und Salassin hatte
Mühe das nächste Stadtthor zu erreichen.
Wohin? -- fragte der Thorsteher, und hielt den Zügel des Pferdes mit Mühe.
Salassin spornte den Renner, und wollte gewaltsam durchdringen. Jener
winkte und die Thore schlossen sich.
»Nicht weiter! Wir dürfen heute Niemanden herauslassen.«
»Ich bin Salassin.
»Schon gut! So muß ich meinem Befehle gehorchen, und dich in dieses Gebäude
da führen.« Er zeigte auf ein nahes Haus.