Well. Aber ich vergaß mich, und büße -- ich bin eine verworfne Kreatur --
überall verfolgen mich die Gespenster -- Jüngling! ich war eine Schlange --
die dich vergiften wollte -- und sich selbst vergiftete --
Sal. Ich habe vergessen -- Wellmine -- um Gotteswillen -- dein Wahnsinn ist
fürchterlich -- dein Gehirn ist zerrüttet -- komm, komm hinweg von dieser
Stelle! Fort! Fort! Hier wütet Todtenluft.
Well. Todtenluft? Der Odem der Ruhe -- Jüngling! Schau hinab in den Strom
-- schau -- wie flimmern die Sterne -- da ist der Himmel -- dort wohnt Ruhe
-- Ruhe -- hörst du wie der Strom mein Schlaflied rauscht?
Sal. Wellmine -- bei aller Seeligkeit -- du willst mich morden -- dein
Wahnsinn ergreift mich mit -- Fort! fort! von diesem Abgrund -- (er will
sie forttragen -- sie zieht einen Dolch und zückt ihn --)
Well. Halt! Willst du mir zu sterben verbieten? Hast du mir die Schale des
Lebens nicht mit sprudelndem Jammer gefüllt? -- Soll deine Verzeihung --
deine Großmuth wie dürstende Blutigeln an meiner Seele, an meinen
Bewustseyn saugen? -- Schau hinab -- da winkt mein Freund -- er nimmt mich
in seinen Schoos -- und tödtet meine Nattern! (sie fällt Salassin zu
Füssen) Jüngling! Noch einmal -- vergieb -- vergiß -- fluche mir nicht --
ich liebte dich -- wie kein menschliches Herz dich je liebte -- ich rang um
dich verzweiflungsvoll -- ich vergaß -- (Sie springt auf) Ha fluche mir!
fluche! Ich will nicht Verzeihung -- nicht Vergessen -- donnre laut allen
-- allen meines Gelichters die gräßliche Rache -- die ich mir selbst nehme!
Fluche mir! (Sie rennt von dem Wall in die Fluth hinab, indem sie Salassin,
da er sie halten wollte, mit dem Dolch die Hand durchstieß.)
Sal. (Auf das heftigste erschüttert) Wellmine! Rasende -- Gott! Sie ist
verloren! Wie ist mir -- durch mich -- durch mich --! (Er ringt die Hände,
und steht in dumpfer Betäubung am Abhang! Wellmine wimmert aus dem Strom
und untersinkt. Salassin rennt Bewustlos fort, und stürmt:) Rettung!
Rettung! Sie ist verloren! Menschliche Hilfe ist zu schwach -- sie ist
zerschmettert an den Klippen! Weh mir weh, ihr Gespenst verfolgt mich --
durch mich ist sie wahnsinnig -- ich bin ihr Mörder! --
Er lief in schrecklicher Raserey in seine Wohnung -- und stieß den Kopf an
die Wand. Sein Gehirn mahlt ihm das gräßliche Bild -- die Schuld warf ihm
sein heiklich Gewissen vor -- er wüthete gegen sich selber, bis er
erschöpft in ein hitziges Fieber sank.
Das ganze Haus wurde wach von seinem Getöse. Vom Ruhebette sprang Fürst
Tellmann, Sebalds Mutter, die Diener schwärmten herbei -- alles zitterte
beim Anblick des Tobenden; der keinen sah und hörte -- halbe Worte schrie
-- Alle bebten über seinen Wahnsinn -- und kaum einer wagte zu fragen, was
ihm fehlte? was ihm geschehen sey?
Wellmine! -- in den Strom! sie hat sich zerschmettert! Durch mich! -- das
war noch das Verständlichste, und die schnellgeruffnen Aerzte wandten lange
ihre Mühe vergebens an.
Nach einem fürchterlichen Schlummer, den die erschöpfte Natur erzwang; ward
er endlich ruhiger, so, daß er mit einigen Zusammenhang die fürchterliche
Begebenheit erzählen konnte.
Jeder, der es hörte, weinte der Verzweifelten Mitleid -- und bangte um
Salassin -- der sich unaufhörlich die Schuld beimaß, keine Gegenvorstellung
hörte -- und sich als ihren Mörder in die Jammerburg setzen lassen wollen.
Lange fruchtlos waren Aller vernünftige Gegengründe. -- Man schrieb
Sebalden den Vorfall -- er reiste schnell aus den Armen der zärtlich ihn
liebenden Jilla ab -- und traf den unglücklichen Freund vom Fieber
ergriffen im Bette.
Ihm gelang es eher Salassin zu heilen von seiner wilden Narrheit -- der
Kranke erholte sich wieder -- die trefflichen Wirkungen der Arzneien, der
Aerzte Bemühungen und Sebalds Seelentinkturen machten den Unglücklichen
bald genesen.
Zwar konnte der mächtige Eindruck nicht so ganz aus seiner Seele gelöscht
werden -- oft sprach er noch davon -- aber Sebald wußte den Wurm zu fassen,
und wenn er ihn doch nicht ganz vernichtete, so zerstörte er ihn wenigstens
und machte ihn unschädlich.
Fünfzehntes Kapitel.
Begebenheiten.
Sebald hatte von seinem Schicksale dem Freunde nur äußerst wenig erzählen
können; denn taub für alles war er; und die Angst, wenn Lolly und das
Mädchen eins wäre nährten seine Schwermuth noch mehr; in der er verloren
dem frohen Sebald Stunden lang zuhörte, ohne von dem Erzählten ein Wörtchen
zu fassen.
An einem Festtage erhob sich der Monarch aus seinem Pallast, und wandelte
mit den Aermsten, Elendesten, Dürftigsten leutselig, freundlich und gütig.
Seinem Beispiele folgten die Edelsten, und in wenigen Minuten schien kein
Dürftiger, kein Armer und Elender in der Stadt mehr zu seyn.
Salassin und Sebald waren lange schon unter dem bunten Gewimmel von
glücklichen Menschen.
Du wirst heute Lolly sehen! -- sprach Sebald! Hurtig unsre Baarschaften her
-- die Armen sind zahlreich! -- Und du -- soll ich das Mädchen nicht auch
erblicken? entgegnete Salassin, ehe sie giengen. Meine Unruhe steigt mit
jeder Minute! Komm -- ich brenne vor Ungeduld --
Warum? -- fragte Sebald etwas unverständlich -- Warum? -- Doch komm! Wir
theilen uns itzo vermög den Gebräuchen! -- Sebald -- (rief er ehe sie noch
völlig auseinander waren) -- Sebald! Wenn Lolly und das Mädchen eine Person
sind -- dann (er lief eilends fort, und blickte immer nach Sebalden zurück,
der verwundernd da stand) So ist er noch nicht aus dem Irrthum? Hat er euch
nicht verstanden? Hab ich ihm nicht zehnmal erzählt, daß das Mädchen Jilla
heisse, daß sie und ihr Vater von Lolly gar nichts wisse? Wenn ich ihn doch
nur auf einem geheimen Orte sähe!
Er sprachs und schloß sich an den ersten besten an. Salassin verlor sich
auf der andern Seite unter dem Wirwar der Versammelten. Er verließ einen 2
-- 3 -- 4ten Gefährten und schliech in eine abgelegene Gartenlaube -- still
und dunkel -- sich von dem Gewirre der Menschenmenge zu erholen; er setzte
sich auf die Rasenbank, sann und dachte an Lolly, hatte nicht Ruh und Rast
und wandelte herum in den verworrensten Plätzen des großen Parkes.
Er kam grade in die kühle Schatten der Kastanien und lehnte sich mit
verschlungnen Armen mit dem Rücken an einen Stamm.
Heute darf niemand traurig seyn! klang eine Stimme wie Silberklang auf den
sinnenden Salassin zu -- ein niedlicher schneeweißer Arm faßte ihn.
Salassin sah auf -- erblickte -- Lolly und sank der nicht
minderüberraschten Geliebten in die Arme -- an das Jubelschlagende Herz.
Endlich -- endlich hab ich dich gefunden! -- sprach Salassin und umschlang
sie inniger. -- Wie bange war mir um dich! Wie quälte mich Hoffnung und
Furcht! Fast verzweifelte ich, Lolly, dich lange lang ersehnte mehr zu
sehen!
Lolly blickte im stummen Entzücken dem Freudeberauschten ins schmachtende
Auge -- --! Unsre Wonne ist um so höher!
Sal. Jawohl! Jawohl! Die Ueberraschung im Wiedersehn lohnt mir meine Leiden
unendlich -- Lolly! -- noch hast du nie von mit gehört, was meine Seele so
oft dir zugestehen strebte. Ich liebe dich -- einzig unsäglich lieb ich
dich!
Lolly. (schmiegte sich zärtlich mit einem feurigen Kusse antwortend an
Salassin.)
Sal. Seit ich dich gesehen -- lebt dein Bild in mir, im Wachen und Schlafen
-- seit ich an deiner Seite am Euphon dich gehört, klingt deine Stimme um
mich wie Harmonikaklang -- seit ich mein Herz gefühlt habe -- lieb ich
dich!
Lolly antwortete wieder mit einer feurigen Umarmung: sie vermochte kaum zu
stammeln: Auch ich so! auch ich!
Sal. Vergieb -- vergieb meinem Dringen -- ich glaubte dein Herz empfinde
dies Bangen und Verlangen, dies frohe Schauern und Zittern, das in meinem
wühlet, es empfinde auch für mich -- all die seligen Bilder von dir -- all
die süssen Worte, die ich von dir gehört -- so mancher Schwarm lieblicher
Gedanken flirrte in meinem Kopfe -- ich sog daraus Honig, daß auch du, auch
du für mich fühltest -- Mädchen -- nur ein Wort -- eine Silbe nur sprich,
und belebe mich -- bestättige meinen süssen Wahn -- gieb Zuversicht der
Hoffnung -- sprich: daß du mich liebst --
Lolly. (an seiner Brust) Ich liebe dich!
Sal. (in der Betäubung des Entzückens) O so bin ich unaussprechlich selig!
Sie ließen sich im stummen Jubel der lange schon verketteten Herzen auf
einen Rasensitz nieder, und kosten im süssen Liebesverein. Viel von
vergangenen Stunden, von frohen und bangen Gefühlen, von süssen Hofnungen,
von der Heimat und unzähligen andern wurde geschwäzt -- die Stunden
drängten sich angenehm und schneller dahin, als sich Gedanken und Küsse
drängen.
Mein Vater kam also nicht in die Stadt! das thut mir leid! -- begann
Salassin wieder -- Und dein Vater?
Ist unter dem Volke: wir werden ihn bald sehen. Ja doch -- daß ich nicht
vergesse -- dein Vater erzählte mir von den Pilgern, die ihr einst auf der
Reise in euren Wagen aufnahmt so vieles -- den Jüngling laß er väterlich
grüssen -- sagt er mir.
Salassin dachte an Sebald, und ward unruhig, weil ihm dabei das Mädchen
einfiel: er fragte hastig:
Lolly -- warst du in der Stadt?
O ja! Mit meinem Vater!
Salassin erblaßte -- doch besann er sich bald -- denn daß Lolly in der
Stadt war? mußte sie und Jilla eine Person sein? --
Warst du nicht neulich im Lager der Armee, und fuhrst in einer Luftgondel
davon?
Jaja!
Ich habe dich gesehen?
Warst du auch im Lager? Und ich wußte es nicht?
Verwünscht! du warst da und ich wußte ebenfalls nichts davon? Aber ich sah
dich, indem das Schiffchen in die Luft stieg: ich winkte dir Grüsse mit dem
Hute nach -- gleich erkannt ich dich -- aber du -- mich nicht!
Was? Der sollst du gewesen seyn, der mit dem Hute mir nachwinkte? Ey -- von
tausenden hätte ich dich erkannt? Du warst es nicht!
So that ein anderer das auch, was ich that? Gewiß, gewiß, das war Sebald!
Ich kannte ihn nicht!
Welche Farbe hatte dein Kleid?
So so? tref ich euch Leutchen da an! Erscholl unvermuthet eine Stimme, die
Beide aus dem Gespräche riß. Lollys Vater war es. Salassin bewillkommte ihn
herzlich.
Ja ja! -- hob Bengler an -- der Magnet zieht Eisen an, und das Eisen hängt
sich an den Magnet. Schaut, schaut -- wie kamt ihr zusammen.
Sal. Durch Ungefähr -- ich wich dem Haufen, und gieng da herum, und Lolly
erschien mir.
Lolly. Ich war müde von dem langen Herumwandeln -- da lagerten wir uns denn
in den kühlen Schatten auszuruhn.
Beng. Ja wohl euch Beiden mag wohl ziemlich heiß seyn -- ihr glüht ja wie
ein Kirchendach.
Die Beiden blickten sich an, und sahen auf die Bäume. Bengler lachte über
ihre Verlegenheit.
Beng. Ich wohne im Gasthof zur silbernen Narrheit, Salassin, und bleibe
noch einen Tag in der Residenzstadt: Dort kannst du uns morgen finden.
Heute mögt ihr euch noch unter die Tänzer mengen. Doch -- vergeßt die
Landessitte nicht länger! Geschwind kommt -- und wandelt wieder mit den
Armen oder andern Unbekannten!
Salassin und Lolly drückten sich ungestüm die Hände, als sie unterm Volke
wieder waren, und jedes schied von ihnen: Lolly rechts, Bengler lings,
Salassin -- Lollyn nach, und Lolly Salassin in der Nähe. Doch verloren sie
sich bald, und der beglückte Träumer gieng mit unbeschreiblich süssen
Wallungen des Innern herum, jeder, dessen Arm er faßte, mußte heiter und
froh mit ihm werden.
Unvermuthet stieß er auf Sebalden.
Pst! Auf einige Worte nur, Salassin! -- rief jener ihm zu, und drängte sich
durch einen Haufen Menschen.
Sebald! Sebald! O ich bin glücklich -- entgegnete Salassin -- Lolly ist da
-- ich habe sie gesehen, mit ihr geredet -- sie liebt mich -- Hast du dein
Mädchen schon getroffen?
Seb. Leider nein! Ich war in ihres Vaters Hause -- das war leer von
Menschen, gekommen sind sie aber schon, das weiß ich. Wo ich sie nur fände!
Sal. (Dem sogleich seine Grille wieder einfiel. Ja ja! Freylich kann sie
nicht da seyn -- denn Lolly war an meiner Seite -- auf 2 Orten kann sie
doch nicht seyn?)
Seb. Worauf sinnst du da?
Sal. Hm! -- Gehe doch -- wir müssen wieder auseinander.