Seb. (lacht laut auf) Aber ob wir nicht Thoren sind! Da machen uns 2
Mädchen bange! Wer weiß wer sie waren! Sie kannten ja uns nicht; denn sie
wären doch so artig gewesen, und hätten uns wiedergegrüßt! Geh doch --
furchtsame Augen sehen immer Gespenster, und verliebte den Mond fürs
Liebchen an!
Sal. Mein Auge trügt sich nicht leicht -- und du -- ein Mahler?
Seb. Der manchmal zuviel sieht! -- Komm wir kehren zurück.
Sal. Ich komme nach! Und willst du meiner nicht warten, so reute voraus --
in die Stadt zurück -- natürlich!
Seb. Komm bald nach.
Wenn die innigsten Freunde sich auch die kleinste Falte des Herzens nicht
verdecken; so giebt es doch zuweilen welche, die sie nicht gerne sich
aufwickeln, besonders im Punkt der Liebe. Oft sieht man sich selbst nicht
gerne in das liebende Herzchen, und in diesem Falle einen andern, wenn er
auch meinem Ich noch so sehr verwebt ist, drein gucken zu lassen? Das ist
dem Menschen nur zu sehr unerträglich.
Beiden war es lieb, allein mit sich selber so ein Gesprächsel führen zu
können -- und jener irrte noch lange im Lager herum, vergaß der Stadt, und,
daß Sebald wenn er nicht bald folge, fortreuten würde: dieser dachte wieder
nicht, daß Salassin noch im Lager schwärme, sattelte sein Roß, und ließ
sich von ihm tragen, wohin es nur immer gehen wollte.
Der gute Gaul, der sein eigner Herr itzt war, trappte andern nach, die vor
ihm hertrabten, und in einer Stunde war Sebald in einer ganz fremden
Gegend; zwar war er auf der Chaussée, aber diese war es nicht die nach der
Hauptstadt führte -- soviel gewahrte er plötzlich, ohne eben vielweniger zu
schwärmen als vorher.
Zwölftes Kapitel.
Unfall und Zufall.
Er trieb den Gaul fort. -- Ich werde ja doch ein Dorf wo noch erreichen?
Das Roß flog und in einer kleinen Weile waren sie in einem Thale, aus dem
ein Schloß schimmerte.
»Gewonnen! -- rief Sebald beim Erblicken desselben --
»Mir däucht ich sah schon einmal dies Gebäude!«
Lieber Ritter! Du bekriegst dich wohl garstig! Die Schlösser dieses
Jahrhunderts so symetrisch und meisterhaft sie gebaut sind, sind manchmal
das Werk eines und desselben Baumeisters; daher kamen sich die Produkte oft
so ähnlich, daß man das eine Schloß in Norden für das hielt, so man in
Süden sah.
Auf der Weide eine viertel Stunde weit vom Schlosse grasten Pferde. Sebalds
Hengst wieherte vor Herzensfreude. In einem Satz gallopirte er unter sie;
und Sebald hatte Mühe sich auf ihm zu erhalten. Alle Kraft strengt er an,
ihn abzulenken; aber es war umsonst, der Hengst bäumte sich und schlug aus
-- Endlich trieb Sebald ihm die Sporne so in die Haut, daß der Hengst ganz
toll wurde, von der Strasse ab über Stein und Stock, Hügel und Gräben dem
Dorfe zu nachrannte.
Das tolle Thier war nimmer zu bändigen: des Reuters einziges Bemühen war
sich im Sattel zu halten. Aber o wehe! Da setzt er über einen Graben, es
stürzt hinein. Sebald liegt unter dem Pferde, es wälzt sich auf ihn -- o
wehe! um Sebald ist es geschehen!
Die Leute, die hie und da standen, liefen eilends erschrocken herbei und
halfen dem Halblebenden. Von dem Schlosse sahen eben einige Menschen aus
den Fenstern den Vorfall, und über Hals und Kopf flog alles zu dem
Unglücklichen her! Der Herr des Schlosses ließ Sebalden, der ohne
Bewustseyn lag, sogleich in seine Wohnung tragen. Der Pfarrer der Arzt
zugleich ist, war schon da -- alles beschäftigte sich um den Blut- und
Schlammvollen gestürzten Reuter, der bald gar nicht, bald nur matt und
schwach athmete -- die Augen aufgeschwollen, die Nase blutig und den linken
Fuß gebrochen hatte. Nach langen Versuchen allen Lebenselixire gelang es
den Bemühenden, ihn zur Sprache und zur Besinnung zu bringen? Er stammelte
schwach und leise, und röchelte oft: Wo bin ich? Wie ist mir? Wer --
Pst! sprach der Pfarrer, und gebot ihm zu schweigen, damit er durch das
Reden, so ihn anstrengte, nicht gar erschöpft werde. Er sank in einen
konvulsivischen langen Schlummer, immer von wachenden Menschen umgeben, die
ihn bedauerten und sorgfältig bedienten.
Ein Mädchen guckte zur Thüre hinein, und fragte leise den Nächststehenden:
Schlummerte er? Ist er stark krank? Er stirbt doch etwa nicht?
Pst! er schlummert -- war die leise Antwort, und das Mädchen schlich auf
den Zehen an Sebalden, sah ihn voll inniger Theilnahme an, und schien durch
ihr Bangen, ihre Furcht, er könne sterben, durch die frohe Hoffnung, wenn
er bald genäse, durch alles dies, so in ihrem Innern kochte, und so das
Gesichtchen deutlich ausdrückte, schien sie etwas mehr als ein gewöhnliches
Mitleiden zu verrathen.
Sie hatte unverwandten Auges den armen Schlummrer angesehn -- hätte ihm
gerne das noch immer quellende Blut gestillt, gerne die Schmerzen
gelindert, die ihn oft aus dem Schlafe aufzuschreien zwangen, wenn die
geschäftigen andern sie nicht überflüssig gemacht hätten. Sie sah ihn noch
einmal an -- noch einmal voll Wehmuth -- und schlich mit einem zärtlichem
Blicke, den eine Thräne begleitete, aus dem Gemache, grade hin in das ihres
Vaters.
O Vater er ists! er ists doch!
Wer?
Der Jüngling aus der Stadt, der dich wunden damals nach dem Schrecken mit
dem zersprungnem Pulvergebäude auf seinem Rücken nach Hause getragen!
O weh, der gute Mann! Ist er stark hergenommen? Ach ja! sagte mir der Arzt.
Wenn er nur heute ausdauert, so wird er morgen schon nimmer sterben -- Der
arme, arme Jüngling!
Sie sollen recht sorgfältig seyn! -- die ganze Nacht bei ihm wachen! --
Mein Himmel! wer hätte mir das gesagt; ich würde einmal bei meinem Bruder
ihn, der mich so brav einst behandelte, in dieser Lage sehen! -- Nur recht
sorgfältig sollen sie seyn -- nichts sparen -- alles -- alles versuchen und
anwenden!
Ach das sagt ich schon -- ich will selbst bei ihm wachen? sagte das Mädchen
und schlich wieder in Sebalds Gemach.
Allmächtiger! athmete Sebald freier, schlief milder, fuhr seltner im
Schmerze aus dem Schlaf -- das Mädchen kam nicht von seiner Seite. --
Tiefe Mitternacht herrschte in dem Garten, der durch die Fenster des
Zimmers wo Sebald lag im Mondenschein flimmerte. Die müden Diener schliefen
alle, nur Jilla -- wer kennt sie nun wohl nicht? Nur sie saß unaufhörlich
beschäftigt bei ihm.
Hier wohnte der Bruder des Edlen von Wackerbach, der vor einigen Wochen
daher kam, wo Jilla seine Tochter schon war, als Salassin und Sebald damals
nach dem Vorfall mit dem verwischten Bildniß sie in der Stadt in ihres
Vaters Hause aufsuchten und erfuhren, das Mädchen, so sie durchaus sehen
wollten, sey bereits bei seinem Bruder auf dem Landgute, wohin er selbst
auch reisen und dann wieder in die Stadt kommen wolle.
Sebald! Welche Freude wartet deiner! Wie angenehm wirst du aufwachen, wenn
deine aufgeschlagenen Augen die Schöne an deinem Ruhelager so beschäftigt,
so bang und ängstlich um dich bekümmert erblicken werden? Das Mädchen, um
das du so lange mit stiller Herzenspein dich harmtest, das deine Seele so
sehr erfüllte, daß du gestern vom rechten Wege abrittst, da du im Andenken
an sie verloren den Gaul dahin traben liessest, wohin er wollte. Wie wird
dich Schwachen die Wonne stärken, wenn dein erster Blick sie sieht, sie,
die du gestern im Lager ersehen und entfliehn gesehen hast -- die überall
und immer dein süssester Gedanke, und der Sporn dir Verdienste zu sammeln,
war.
Und Jilla -- wie selig wirst du nicht den Erhohlten aufwachen sehen! Wie
wird dich sein erstauntes Gesicht, und das frohe Lächeln, wenn er dich
anschaun wird, nicht entzücken! Wie wird dein Bangen um ihn nicht in die
schönste Freude verwandelt werden! O gesteh es dir nur, zärtliches Mädchen,
dein Herz schlägt lange für ihn -- gesteh es dir nur daß nicht Mitleid bei
Unglück deine Wangen blässet, deines Beiseins Sturm erhebet, sondern ein
schöneres edleres Gefühl. -- Du glaubst ihm durch deine Sorgfalt die Schuld
zu bezahlen, weil er einst deinen Vater auf dem Rücken nach Hause trug; o
das ist schon recht -- aber sey nur dir selbst auch so aufrichtig zu
gestehn, nicht das allein, auch eine andere Empfindung erhält dich an
seiner Seite wach -- gesteh dir nur, daß du ihn lange schon -- still und
innig liebtest.
Der Morgen warf seinen ersten schwachen Lichtstrahl in das Zimmer -- wo
Sebald noch immer schlummerte, und Jilla wachte. Jilla die immer ruhiger
und freier Athem schöpfte, wenn der Kranke ruhiger schlief, die immer
angstvoller zitterte, und in quälender Furcht und Hoffnung schauerte, wenn
der Kranke vom neuen Schmerz überwältigt, schwerer athmete, sichtlich mehr
litt.
Endlich, endlich erhellt das Gemach der reifere Morgen! Endlich erwacht
Sebald und forscht mit scheuen Blicken in dem stillen Zimmer.
Jilla saß auf einer Ottomanne, die Natur hatte ihre Rechte nicht vergeben
-- die müde Wärterinn war eingeschlummert, den Kopf auf die schöne Hand
gelehnt. Sebald erblickte sie -- aber er erkannte sie nicht wegen des
bedeckten Gesichtes. Er fühlte sich gestärkt -- dankbar fleht er zum Himmel
für seine Rettung, und seine Seele ward gerührt über den Anblick der müden
Schläferinn.
Er dachte an gestern, soviel und deutlich als ein Kranker in dieser Lage
denken kann. Wo wird Salassin seyn? dachte er, das Traumbild des gestrigen
Tages im Lager flirrte lieblich in seinen Träumereien. Ach! nun seh ich
gewiß keins sobald wieder! --! --!
Eben trat der edle besorgte Pfarrer herein, und freute sich herzlich, den
Patienten mit offnen Augen und besser zu finden.
Wie steht es mein Lieber? -- sprach er mit leiser Stimme -- Mir ist wohl!
-- antwortete Sebald.
Sprich nicht zu laut -- Lieber! es könnte dir schaden -- deine Brust hat
stark gelitten! -- Du hast doch etwas milde geschlafen; und fühlst dich
gestärkt?
Sebald nickte freundlich.
Deine Schmerzen werden bald geschwunden seyn. Den gebrochnen Fuß hab ich
gestern schon in Faschen gelegt -- du wirst bald wieder gehen -- die Brust
soll auch nicht viel gelitten haben -- das bedacht ich schon. Hier bring
ich dir wieder ein Stärkungsmittel unsers Jahrhunderts -- du wirst genesen,
daß du nie von dem Unfall einige Spuren fühlen sollst. Ich habe das
Remedium heute Nacht elaborirt.
Sebald nahm ein. Der Arzt gewahrte Jilla. Sieh doch welche treffliche
Wärterinn du hast? Nun wirst du schon gar nolens volens genesen müssen!
Wer ist das edle Mädchen!
Die Tochter des Bruders von unserm Gutsherrn -- Sie sind aus der Stadt
schon einige Wochen da.