Ach ich danke -- bin gottlob nicht arm. Ich wills den Armen beilegen.
Fort sprengten sie wieder im raschen Gallopp die gepflasterte Strasse.
Sollen wir noch ins Lager oder reuten wir zurück in die Stadt -- fragte
Sebald Salassin.
Ach --! Wir fragten nicht einmal wohin wir da kommen. Doch, da geht ein
Mädchen, das können wir fragen.
Mädchen führt hier die Strasse zur Stadt?
Zu welcher denn Herrn?
Die beiden sahen sich erstaunt an. Sind wir denn so weit von der
Hauptstadt, daß ein paar Duzend andere noch dazwischen lägen?
In die Stadt, wo der Kaiser ist!
Ja -- sprach das Mädchen -- da habt ihr noch gute 4 Meilen, und müsset euch
zurückwenden; denn grade vorwärts kömmt ihr auch in eine, dort wohnt aber
der Kaiservater nicht -- dort sind nur Soldaten -- o je Soldaten -- ihr
konntet in 8 Tagen sie nicht alle zählen, sie haben dort ihr Lager.
Ist weit dahin?
Eine Stunde nur.
Und grade vorwärts!
Jaja! über den Berg oben werden euch die Häuser und Thürme schon
entgegenblitzen.
Eilftes Kapitel.
Die Erscheinungen im Lager.
Sie kamen zu der kleinern Stadt. In einer unendlichen Ebene waren die Zelte
des Lagers geordnet, wie eine kleine weiße Hügelsaat. Die blanken Flinten
blizten im Sonnenglanze, und die zerstreuten Soldaten wimmelten wie ein
Bienenschwarm. Eine unzählige Volksmenge von einheimischen Bürgern und
fremden Menschen, die der Neugierde halber in das Lager gereiset waren,
drängte sich in allen Gassen auf allen Plätzen der Stadt, und im ganzen
Lager.
Die Luft war mit Gondeln die theils herabsanken, theils hinaufstiegen, und
mit ihren bunten Segeln flatterten, angefüllt.
In der Mitte des Lagers ist ein viereckigter Platz für eben diese Gondeln,
herum sind die Zelte der lustigen Marketender wimmelnd von fröhlichen
Gästen.
Salassin und Sebald besorgten ihre Pferde, und verloren sich im Gemische
des Haufens.
Eben kam Sebald an eine Ecke des Gondelvollen Lagerquadrats. An einem
Luftschiffe wurden die Seegeln gespannt, und zum Aufsteigen bereitet. Ein
Mann und Mädchen stieg eben hinein, er blickte flüchtig dahin, welch ein
süsses Schauern durchfuhr ihn! Er erkannte das Mädchen und hätte auf des
Kaisers Ehre geschworen es sey das und kein anderes, so ihm einst da
jammernd entgegensprang als er den verwundeten Alten auf dem Rücken trug.
Er rief einige Grüsse den Aufsteigenden zu, die alle unbeantwortet blieben.
»Sie ists, beim Himmel! sie ists! Sie kennt mich nimmer! Sie blickte herab,
als ich sie grüßte, und dankte mir nicht einmal! Ich bin verloren -- sie
kennt mich nimmer.
So gieng er voll Unmuth mit einem gekränkten Herzen, nachdem er lange
unverwandten Blickes der Gondel nachgesehn hatte, traurig und mit sich im
Streite, ob sie es vielleicht doch nicht gewesen seyn könne, oder ihn nicht
erkannt habe, das Lager auf und ab.
Eilends flog nach langem Suchen Salassin voll Hast und Staub, und ohne
Athem fast, auf Sebalden zu. Ich habe sie gesehen! O ich habe sie gesehen!
Wen? -- fragte der aufmerksame Freund.
Lolly hab ich gesehen. Sie fuhr eben in einer Gondel davon. Ihren Gefährten
sah ich nicht recht, denn er war bereits eingestiegen; aber es war ihr
Vater. Lolly blickte hinab, ich erkannte sie: winkte ihr, grüßte sie: aber
ach! sie mußte mich nicht kennen -- sie dankte mir nicht! -- Lolly -- sie
dankte mir nicht!
Seb. (hastig) An welchem Ecke sahst du sie?
Sal. An dem Ersten, aus dem man in das Stadtthor kömmt. Sie wars -- mit
Leib und Seele -- ihre Kleidung zwar hatte sie nicht -- die sie trug als
ich mit meinem Vater in ihrem Schlosse war; aber Mädchen haben der Kleider
so viele als Launen.
Seb. Was soll das heissen? Wisse -- ich sah das Mädchen auch; aber in dem
letzten der 4 Ecke -- sie fuhr eben mit einem alten Mann davon: es muß ihr
Vater gewesen seyn; auch ich konnt ihn nicht sehen, auch mir nickte sie
keinen Dank auf meinen Gruß!
Sal. Wie sollen wir uns das erklären? Das schöne Mädchen sahst du, so du
abzeichnetest?
Seb. Ja, ja! Mit Leib und Seele!
Sal. Wart einmal! Mir fällt ein -- (Himmel, wenn Lolly es wäre, die er
gesehen! Ach Gott -- dann wäre mein Unglück gereift!)
Seb. Nun -- (Wenn er das Mädchen sah -- o gewiß Lolly und dieses ist einst
-- Er liebt sie -- meine Seele hängt auch an ihr -- mein Elend ist
unendlich groß!)
Sal. Wie -- miethen wir uns eine Gondel und fahren nach!
Seb. Aber wohin?
Sal. Ja -- auf Lollys Landgut!
Seb. Es ist zu weit. Wir kommen zu spät zurück!
Sal. Ist dir nicht bekannt, wo sich der Edle aufhält bei seinem Bruder, ich
meine des Mädchens Vater --
Seb. Ja wenn ich das wüßte.
Sal. -- -- Mir fällt ein -- Was trug das Mädchen für ein Kleid? Nicht ein
lichtblaues mit rosenrothen Streifen?
Seb. (bebt und stottert) O wehe! Lolly und das Mädchen ist eins -- (Sie
hatte ein lichtblaues mit rothen Streifen!) (Weh mir!) (Er faßt sich und
sagt laut zu Salassin) Ja das hab ich in der Eile nicht bemerkt -- ich --
dächte eher -- ein grünes oder rothes --
Sal. (etwas freudiger) O so waren es 2 verschiedene Schönen! Aber -- sie
dankte mir nicht einmal -- sie grüßte mich nicht wieder! -- Erkennen hätte
sie mich doch sollen!
Seb. (in stummer Angst für sich hin) Jaja! Freund! 2 verschiedene Mädchen!
-- Ich gönne dir deine Freude, und will sie dir nicht entreissen! Ha --
mein Herz muß still schweigen -- Salassin hat ältere Rechte -- er ist mein
Freund -- mein Retter -- (laut) Ein blaues Kleid trug sie?
Sal. Ja, Sebald, ja! Ich sah es sogleich; denn mir fiels in die Augen, weil
ich Lollyn in keinem andern als einem weißen gesehen habe. -- Aber was
fehlt dir? Du blickst zur Erde? Du willst sprechen? und verstumst --
Sebald?! --
Seb. Wenn ich sie doch nicht gesehen hätte!