Sal. Sieh über die Mauer ragen 2 schwarze Säulen zwischen einigen Cypreßen
--
Seb. Vielleicht gar die Eremitage eines Melankolikus!
Sal. Dort graut ein kleines Haus durch die Büsche!
Seb. Was ist das für ein Einfall! Schwarz angestrichen -- das Dach sogar
schwarz!
Sal. Aber es läst gut -- das dunklere und hellre Grün der Zweige -- und das
melankolische Schwarz! -- Aber horch! Der Klang hallt wieder! -- Aus dem
Hause! Nun höre doch, -- ist das kein Euphon?
Seb. Was du für ein feines Gehör hast: schon auf eine halbe Stunde, im
Dückicht noch, erkennst du den leisesten Ton!
Sal. Mahleraugen sehen -- sagtest du einmal -- die Wurzeln und Fasern, wo
ein Andrer kaum die Warze bemerkt. Musikerohren unterscheiden die Töne
bestimmt, wo du den Wind rauschen zu hören wähnst.
Seb. Eine Thüre! wir binden die Rosse an einen Baum -- denn durch die
kleine Thüre können wir einmal doch nicht reiten.
Sal. Was sollen wir aber in der Einsiedeley?
Seb. Menschen suchen und fragen, wo wir auf die Strasse kommen. Der Abend
thaut schon!
Sie banden die Rosse fest an einen Baum, öffneten die kleine Gartenthüre
mit Gewalt, und schliechen durch Büsche auf das schwarze Haus zu. Die Gänge
waren voll Grau und Diesteln; sehr verwildert lings und und rechts
geschlängelt. Die Hecken mit hohen Buchen und Tannen untermischt, wurden
immer höher und sie verloren das Gebäude aus dem Gesichte.
Endlich endete der labyrintische Schlag, und 12 Eichen umrundeten einen
Platz voll hohen Grases in der Form eines Ringes. Eben so viele Cypressen
bildeten wieder in der Mitte des Platzes einen kleineren Zirkel, wo 2
Grabhügel mit blühendem wilden Tymian und Dyanthen sich erhoben, an jedem
derselben stand eine kohlenschwarze Marmorsäule weiß geädert, auf deren
jeder ein welker Blumenkranz hieng.
Die beiden Freunde schauerte es, die feierliche Stille, die der Wind nur
manchmal störte, wenn er die Aeste knarrend an einander blies, und in dem
Laube stöhnte oder wenn ein Aestchen oder Blatt herabrauschte -- die beiden
Grabhügel, die düstre Melankolie in dem ganzen Platze, das schwarze
Monument -- alles das wirkte auf die Fremdlinge so neu und mächtig, daß sie
stumm und den Odem anhaltend diese erfurchtsvolle Stelle durchschweiften.
An der einen Säule stand die weiße Inschrift:
Gottlieb Edler von Felsthal im 26ten Frühling seines Alters im Jahre 2300.
An der andern Seite das Bild einer jungen Eiche, die vom Blitz
zerschmettert wird; mit den Worten: »Kein Blitz zersplittert nun die Eiche
mehr.«
Die andre Säule der vorigen an der 4 eckigen Form und an Größe gleich trug
das Bildniß einer Rose vom Strauche fallend, mit dem Motto:
Schöner konnte sie nicht blühen, aber länger!
An der andern Seite: Ernestine Losenau im 18ten Frühling ihres Alters im
Jahr 2298.
An dem Fusse der beiden Gräber ein 3ter Hügel mit einer runden weißen
Säule, hier das Bild eines abgewelkten Baumes mit dem Spruche; Dort grünest
du ewig! und auf der andern Seite: Karl Edler von Felsthal im 79 Herbste
seines Lebens, im Jahre 2295.
Neben diesem ein noch frisches leeres Grab -- Gewiß für eine noch lebende
bestimmt. Oben an den Hügeln hob sich ein brauner Fels hie und da mit Moos
und jungem Grase bewachsen empor, an dem eine stark vergoldete Metallplatte
angekettet war, mit der Allegorie wie durch die Wolken des Leidens, hie und
da durchs zerrissenes Gewölk ein Sonnenstrahl der Freude bricht, und mit
der Inschrift:
Einem liebenden Paar einst getrennt, nun immer vermählet,
Und dem Gatten, ist dies Denkmal der Trauer gesezt.
Schlummert im Schoose der Ruh, ihr langebeweinten Geliebten;
Bis ein schönerer Tag ewig uns alle vereint.
Leudalie v. Felsthal.
Schweigend blickten Salassin und Sebald bald sich, bald die Monumente an,
und verließen es endlich, da die Dämmerung des Abends sich immer mehr und
mehr in Nacht verlor. Sie irrten noch lange umher, überall die ernste
feierliche Einsamkeit, schaurig und doch nicht unangenehm, alles gemacht,
die Seele einer bessern Welt vorzubereiten.
Endlich erblickten sie das romantische Haus, und traten leise an die
halbgeöffnete Thüre. Eine weibliche Gestalt saß am Euphon und sank in den
Klang der Saiten ein Klagelied. Sie war verlohren in ihre Wehmuth, und
bemerkte die Fremdlinge nicht, die hinter ihr an der Thüre stille standen,
und dem Gesange zuhörten. Sie sang ein Lied von Mathisson.
Wann ich einst das Ziel errungen habe,
In den Lichtgefilden jener Welt:
Heil der Thräne dann auf meinem Grabe
Die auf hingestreute Rosen fällt.
Sehnsuchtsvoll mit hoher Ahndungswonne
Ruhig wie der mondbeglänzte Hain
Lächelnd wie beim Niedergang der Sonne
Harre ich, göttliche Vollendung dein!
Eil' o eile mich emporzuflügeln
Wo sich unter mir die Wellen drehn
Wo im Lebensquell sich Palmen spiegeln,
Wo die Liebenden sich wiedersehn.
Sklavenketten sind der Erde Leiden
Oefters ach! zerreißt sie nur der Tod
Blumenkränze gleichen ihren Freuden
Die ein Westhauch zu entblättern droht.
Sie sang so rührend und klagend -- die Beiden lauschten und -- fühlten --
fühlten diese süsse Wehmuth, diese verlangende Sehnsucht -- und eine Thräne
glänzte in ihrem Auge: Die Seele schien in jenen Lichtgefilden zu schweben.
-- Die Dame stüzte den Kopf auf die Hand, und trocknete einige Thränen:
stand auf und erschrak über den Anblick der Fremden, die sich voll Rührung
ihr näherten.
Vergieb, daß wir dich gestört haben. Bange Dulderinn, wir sind Verirrte,
und wissen die Strasse nicht zu finden die nach der Stadt führt.
Fremdlinge seyd mir Einsamen willkommen -- sagte die Dame -- Es ist spät
Abends und vor 4 Stunden trefft ihr aus dem Walde nicht auf die Strasse.
Wenn es euch gefällig ist -- das Nachtlager hier zu halten -- in einem
Zimmerchen findet ihr Ruhe --
Die Dame verschwand in ein Nebenstübchen, und ein alter Wann wies ihnen das
Zimmerchen.
Wie haben unsre Pferde vor der Mauer an einen Baum gezäumt. Könnten sie
nicht bequemer hier im Garten irgendwo stehen?
Der Alte nickte; Gleich!
Die Beiden giengen mit ihm, und führten die Rosse durch ein Thor, das er
ihnen zeigte: sie banden sie bei dem Hause an eine hohe dickstämmige Buche
an, der Alte brachte Gras und Wasser, und den Fremden blieb nichts übrig
als nach einem kleinen Mahle von Obstfrüchten sich müde in das einsame
Zimmerchen zur Ruhe zu legen.
Zehntes Kapitel.
Wohlthun bekäme bald übel.
Der Morgen vergoldete den romantischen Garten: der alte Mann wünschte guten
Tag! und brachte Früchte zum Morgenmahle --
Könnten wir mit der Dame nicht sprechen -- guter Mann, sagte Salassin --
Sebald sah durch das Fensterchen in den Garten.
Ohne ihr wehe zu thun -- nicht! War die Antwort. Rede mit mir, was du zu
sagen hast: ich höre und rede für sie.
Wer ist die Dame?