Tell. Ward ihr schon lange bei einander?
Welly. Seit drei Tagen.
Tell. Seit drei Tagen? Und wußtest du, welche Freude du mir brächtest?
Welly. Wer hätte das geahnet, daß ich meines Tellmanns Schwester auf der
Strasse fände, in einem so mitleiderregenden Zustand fände?
Tell. Wie das? Welche Schicksale? -- O erzähle, erzähle mir liebe
Schwester! Wie gieng es dir seit du das Vaterland verlassen, seit wir uns
nicht sahen?
Und dem freudetrunkenem Tellmann ward erzählt was meine Leser bereits
wissen. So manche Stunde schwand in dem Vergnügen des Wiedersehns schneller
als der Augenblick, in welchem der Fürst seine Schwester erkannte.
Dreizehntes Kapitel.
Die Audienz.
Nun also in die Residenz! -- sprach der Fürst, und sie erhoben sich von
ihren Sitzen. Sie giengen über den großen Platz vor der kaiserlichen
Wohnung, der zum Lustwandeln mit hochästigen Kastanien, Pomeranzen und
Nußbäumen in mannigfaltiger Abwechslung mit Marmor- und Rosenbänken unter
den Schattendächern der Bäume eingerichtet war. Marmorne Ehrendenkmäler
berühmter Männer prangten überall zwischen den Bäumen. Das Volk wandelte
hier und sah nie solch ein Denkmal an, ohne des edlen Mannes Andenken, dem
es gesezt war, zu segnen, wenn er noch lebte, ihm eine lange Erhaltung zu
wünschen, der seine Kraft zum Besten des Vaterlandes und der Menschen
anwand, oder seiner Asche, wenn er nimmer lebte, eine dankende Thräne zu
weinen. Durch das grau und dunkelrothe Marmorthor der Kaiserburg, an der
das Wappen Deutschlands der doppelte Adler auf einer Goldplatte glänzte,
führte Fürst Tellmann seine Freunde über unzählige Treppen und Stiegen in
den Audienzsaal des Kaisers. Die Wachten präsentirten vor ihnen, wo sie
vorbei giengen. Sie standen in dem Vorsaal der Minister, meldete sie, und
ohne zu säumen wurden sie vorgelassen.
Mit heitrer Miene nahte sich der Vater des Vaterlands, Milde und Majestät,
Ernst und Freundlichkeit im Gesichte, vom Goldthrone ihnen entgegen.
Seid mir im Herzen des Landes gegrüst, meine Kinder! sprach er.
»Jeder meiner Bürger ist mir immer willkommen, und meine Seele weidet sich
an den Vergnügen, das mir die Besuche der Rechtschaffenen gewähren. Seid
mir willkommen!«
Unser Vater! -- sprach Graf Welly mit gerührtem Herzen und sanfter Stimme
-- Dein Herablassen rührt uns, die wir freudig den geringen Zoll des
stummen Dankes dir weihn. Lange hab ich die hohe Wonne dein Antlitz,
Allverehrter zu sehn, lange hab ich sie entbehrt, still und ungesehen meine
frommen Wünsche für dein Wohl, für das Wohl unsrer Aller zu dem Urwesen
gesandt. Hier stehen meine Söhne erfurchtsvoll vor dir, Erlauchter! um
aufgemuntert zu werden, durch deine mächtig wirkende Worte zur Thätigkeit,
zum Eifer und zur Liebe für dich und das Vaterland, um durch den Anblick
deiner Majestät belebt dem Staate Germaniens als Bürger unzertrennlich sich
anzuketten.
Meinen Seegen! entgegnete mit feierlicher Majestät der Monarch, indem er
nach dem goldnen mit Edelsteinen aller Art besezten Szepter grif. -- Meinen
Seegen, ihr jungen Männer! Folgt dem Beispiel eures Vaters! Bleibet redlich
und bieder! Seid rastlos, eifervoll und unermüdet in eurer Vervollkommnung!
Das Wohl des Staates, und das Wohl der Menschheit sey euer Wohl!
Seelengröße, Geistesstärke und Herzensgüte adeln den Menschen! Sammelt euch
Verdienste, damit ihr ruhmvoll in die Fußstapfen eures Vaters tretet.
Er reichte den Szepter hin, und Salassin und Sebald berührten es schweigend
mit dem Zeigefinger der rechten Hand. Der Monarch entließ sie mit
freundlich ernstem Gesichte.
Diese feierliche Szene prägte sich tief in das Herz und Gedächtniß der
Beiden ein, in deren Seele sich fest und unerschütterlich der Entschluß
entspann: Eh ich mich einst leiten lasse von der Bahn der Tugend in die
Labyrinthe des Laster, eh ich wanke, treu muthvoll und unaufhörlich mich
dem Vaterlande zu weihen: eh treffe mich die Schande des Gefühls, daß ich
unwürdig des Vaterlandes bin, daß ich unwerth meines Kaisers war, daß ich
nicht die Achtung der Edlen verdiene.
Dies war die gewöhnliche Art der Aufmunterung für deutsche junge Männer,
die sich dadurch erhoben und aufgerichtet sahen, die dadurch begeistert,
ihr kraftvereintes Bestreben dem Lande widmeten. Dadurch entstanden die
wackersten Männer, und so viele Eiferer für das Menschenwohl, als es in
unserm Jahrhunderte Egoisten giebt.
Fürst Tellmann führte sie durch die ganze Residenz, und zeigte ihnen
Millionen der Sehenswürdigkeiten. Tausend der schönsten Erfindungen
deutscher Köpfe, und Salassin und Sebald im Enthusiasmus über den Anblick
dieser Herrlichkeiten schwelgten in Wonne.
Wir haben noch nicht das geringste gethan -- sprach Salassin, zu seinem
Freunde, was uns die Ehre gäbe, hier aufgestellt zu werden. Aber, ich will
kein Deutscher seyn, wenn ich nicht auch soviel leiste.
Dein Schwur ist der meine! Entgegnete Sebald. Zwar bin ich gebohren auf
Englands Boden, aber Germanien ist mein Vaterland, dem ich alles verdanke,
und auch mich soll der Spott des sklavischen Normanns treffen, verachten
soll mich jeder Edle, wenn ich des freien deutschen Landes, so mich trägt,
nicht würdig werde!
Viele Stunden waren gedankenschnell im Anschaun dieser Sehenswürdigkeiten
verflossen, und noch war des Nichtgesehenen Unzähliges. Sie kamen in einen
zehnten Saal, wo die prächtigsten Denkmale bewahrt wurden, unter denen die
Urnen ehmaliger Beherrscher auch waren. Unter den Urnen der Herrscher war
eine dem Joseph II. römischen Kaiser gesezt mit dem Bilde einer aus dichten
Wolken hervorstrahlenden Sonne. Eine andere Leopold II. mit einem
Palmzweige und den Worten: Er segnete durch Weisheit und Frieden. Eine
dritte Franz II. mit einem Taubenpaar dem Sinnbild der Milde und
Menschenfreundlichkeit und dem Spruche: Sein Szepter war Liebe des Volks.
Endlich verliessen sie die bewunderte Residenz, und begaben sich zurück in
Tellmanns Pallast, wo ein deutsches Mittagsmahl ihrer wartete.
Nach dem Mahle werden wir die Stadt besehen! -- sagte Welly, und Tellmann
sezte hinzu: Abends gehen wir in das Theater. Heute ist ein schönes Stück
von dem unsterblichen Dichter des 18ten Jahrhunderts Ifland! -- Doch itzo
geniesset, die Tafelmusik beginnt schon.
Vierzehntes Kapitel.
Eine fürchterliche Begebenheit.
Noch saß man bei Tische und unterhielt sich mit mancherlei Gegenständen.
Salassin und Sebald sprachen von dem Gesehenen in der kaiserlichen Burg, da
krachte plözlich ein betäubendes Geprassel und wiederdonnerte durch die
Stadt. Die festesten Gebäude erbebten, daß die Fenster klirrten; der Wein
tanzte in den Bechern, und die Musikanten liessen Instrumente und die
Kannen vom Munde fallen. Eine ungeheure Staubwolke verdunkelte das Licht
des Tages, es knallte und schallte, als donnert und prasselte mit
fürchterlichem Getöse der Feuerschwangre Vesuv.
Auf den Plätzen und in den Gässen war alles in schrecklicher Bewegung,
Geschrei und Gelärme. Alles rannte durch einander mit schreckengebleichten
Gesichtern, und zitternden Füssen.
Was ist das? -- rief einer um den andern im Saale, und sprang an das
Fenster. Ein Strom ungeheurer Mauerstücke, Wolken von Asche und Staub
rauchende und flammende Brandhölzer stiegen auf der westlichen Seite der
Stadt hoch in die Luft, und sanken donnernd wieder herunter. Sebald und
Salassin liefen schnell aus dem Saal über den Platz nach der Seite zu, wo
das Getöse am fürchterlichsten hallte, und das Schuttwetter die Luft
verdunkelt hatte.
Die Pulverfabrike! -- scholls überall. Sie ist in die Luft gesprengt!
Die beiden rannten dem Volksgedränge nach und nach einer halben Stunde
waren sie vor den Thoren der Stadt. Welch ein kläglicher Anblick.
Hunderte der Menschen waren zerschmettert zerstückelt, zerstümmelt,
verwundet, mit Schutt und Brändern überdeckt, und eine ungeheure Schlucht
gähnte an dem Orte wo die große Pulverfabrike gestanden war -- Das Gewimmel
der unzählbaren Menschen, die aus den Thoren strömten, das Röcheln der
Sterbenden, das Stöhnen der Halbverschütteten, das Winseln und Wimmern der
Halbzerschmetterten und stark Verwundeten und das Klaggeheul der
Herbeilaufenden waren ein gräßliches Schauspiel.
Eilends half man den Unglücklichen. Hier warfen einige den Schutt
auseinander, und zogen Erschlagene oder Verstümmelte heraus, dort verbanden
andere die Wunden. Sebald nahm einen Mann auf den Rücken, der einer Fuß
zerschlagen hatte, und Salassin trug einen andern, dem der Kopf und das
Gesicht vom Blute röthete und eine Hand fehlte. Ihrem Beispiele folgten die
andern Zuschauer, da packte ein Mann ein ohnmächtiges Weib, dort ein Weib
einen wunden Mann auf den Rücken, hier führte ein reizendes Mädchen eine
blutende Freundin, dort schlepte eine Zahl rüstiger Jünglinge andere
wieder, und in wenig Minuten war das Theater des Jammers von den traurigen
Akteurs leer. Dem sonderbaren Zug, der mit seiner Bürde truppenweise nach
der Stadt wanderte, stürzten andere Schwärme von Menschen entgegen. Mein
Vater! Meine Mutter! Bruder! Schwester! So tönte überall das Jammergeschrei
derjenigen, die ihre unglücklichen Freunde in dem Zustande erblickten. Wie
regegemachte Ameisen in einem aufgestörten Haufen untereinander wimmeln,
diese Eyerchen, jene Weyrauchkörnchen tragen, und surren: so wimmelten die
Schwärme der Zusamgelaufenen.
Sebald hatte seinen Mann vor das Haus gebracht, so dieser mit vollem
Bewustsein ihm beschrieb, o wehe! da stürzte ein jammerndes Mädchen mit
flatternden Haaren entgegen, und schloß weinend den blutenden Vater an
ihren ungestümm schlagenden Busen. Ein Bach heißer Thränen rieselte über
die schreckensblassen Wangen und sie taumelte neben den blassen Vater ins
Haus. Sebald vergaß die Jammerszene und verlor sich im Anblick des
huldvollen Geschöpfes, das der Jammer noch schöner kleidete. Er stand
halbbetäubt und steif wie eine Bildsäule, und wußte nicht ob er gehen oder
bleiben sollte. Das schöne Mädchen faßte sich endlich in ihrem Schmerz, und
dankte dem Träger ihres Vaters mit einem herzlichem Kusse, der Sebalden
durch Mark und Bein, und Herz und Seele wie ein Feuerstrom glitt.
Ein Wundarzt! -- rief der verwundete Vater, und Sebald sprang fort und kam
mit einem zurück, der den Fuß besichtigte und alle mit dem Ausruf tröstete:
Ist nicht gefährlich! In 4 Wochen kannst du wieder grade gehen! Jilla -- so
nannte sie der Vater -- hüpfte vor Freude auf, wie ein Täubchen auf dem
Ast, um das Lager des Kranken und Sebalds Augen waren auf Jilla geheftet,
als wären sie angenagelt. Endlich verließ er sie, nachdem er versprochen
hatte, sie bald wieder zu besuchen.
Die unglückliche Pulverfabrike! Nicht genug daß sie Menschenkörper durch
ihren Schuttsturm verwundete, da muß sie auch schuld seyn, daß sogar unsers
lieben Sebalds Herzchen, der doch so ziemlich weit davon war, verwundet
ward! Jaja! Schau du nur das Haus und die Gasse wohl an, lieber Sebald! Das
jammernde Mädchen hat deinem Herzchen so ziemlich auch eine Portion
überlassen.
Die Freunde trafen spät in Tellmanns Palaste wieder zusammen. Graf Welly
war mit Sebalds Mutter so eben zurückgekommen, als auch Salassin und Sebald
erschienen. Das Menschengewühl war noch immer zu stark. Geschäftige
Wundärzte rannten von Haus zu Haus, von Mitleiden getrieben und ohne erst
-- wie die Wundärzte im 18ten Jahrhunderte im Gehen die Summe des
Verdienstes zu berechnen.
Tellmann kam vom Kaiser aus der Burg, und brachte die Nachricht: daß des
Kaisers Majestät über den unglücklichen Vorfall, den man sobald als möglich
untersuchen würde, bestürzt vorgeschlagen habe, die Trost und
Pflegbedürftigen zu besuchen, und eine beträchtliche Summe unter die Armen
zu vertheilen.
Der gute Kaiser! -- sagte Tellmann ist immer bereit, die Unglücklichen
aufzusuchen.
Sie folgten dem Beispiele des Monarchen, und verbrachten den Rest des Tages
in mancherlei Ergötzungen, von deren Sorten es in dieser ungeheuern Stadt
eben so viele Arten gab, als Blumen im Frühlinge sind.
Fünfzehntes Kapitel.
Trennung.
Graf Welly entschloß sich endlich die Stadt zu verlassen, um bald zu seiner
um ihn bangenden Gattin nach Hause zu kommen.
Mein Sohn! -- sprach er -- Lebe nun wohl! Die Stunde der Trennung schlägt!
Wandle fort den graden Weg zum Ziele, laß dich nie auf Schleichwege leiten.
Mein Tellmann übernimmt nun Vaterstelle, und wird väterlich dich lieben. Du
wohnst bei ihm und bleibst mit Sebalden unzertrennlich. Werdet der Liebe
der Edlen werth! Wenn dein Bewustseyn dir sagen wird, du hast deine Pflicht
gethan, dann komm zurück in deines Vaters Arme, an deiner Mutter Herz, die
Freude unsers Alters, unser Trost wirst du seyn. Nun leb wohl!
Er sprachs und umarmte mit väterlicher Innigkeit seinen Sohn, gab ihm den
Abschiedskus, und wand sich an den Freund und Fürsten Tellmann.
»Freund! Hier geb ich dir meinen Sohn -- ich gebe dir mein Alles. Sey ihm
Vater und Freund, leite ihn -- bleibe mein Tellmann --«
Sie umarmten sich gerührt. Itzo wand sich Sebald zu dem Grafen, und sagte
mit bewegter Stimme: Du hast meine Mutter und mich so menschenfreundlich
gerettet, hast uns entrissen dem Elend und in einen Himmel uns versezt --
erlaube daß ich dir noch einmal mit dankdurchdrungenem Herzen danke -- Ich
will dich verehren; Salassin als meinen Bruder lieben, uns trennt in Leiden
und Freuden nur der Augenblick, der die Sterblichen trennt. -- Sie
schlossen sich bewegt in die Arme.
Sebalds Mutter konnte nichts sprechen, aber ihre Miene, die halben Worte,
die sie mühvoll dem hemmenden Gefühle abzwang, die nassen Wangen waren das
unverkennbare Gepräge des reinsten Dankes, der in schönen Worten nicht
glänzt.
Sie schieden von tiefer Rührung durchschauert -- Der Vater vom Sohne, der
Freund vom Freunde -- der Sohn vom Vater, und die Zurückgebliebenen sahen
mit gesenktem Blicke der fortrollenden Kutsche nach, und geleiteten ihn mit
ihren Wünschen. --
Wie in einem Traume stand Salassin, die Seele von einem Empfindungsgemisch
durchwallt. Er dachte -- Mein Vater ist glücklicher als ich! Er wird Lolly
bald wieder sehen! --
Sebald und Salassin ketteten sich immer fester an sich, und machten den
Plan zum neuen Stadtleben.
Zweiter Abschnitt.
Erstes Kapitel.
Fürst von Tellmann.
Wir verlassen unsre Helden auf eine kurze Zeit. Sie mögen sich indessen ein
bischen mehr in der Stadt umsehn, und an ihre neue Lebensart gewöhnen. Sie
mögen bald die Akademien der Wissenschaften, bald die Musäen der Künste,
bald die Geschäftssäle der Großen, bald Promenaden, Theater, und Kirchen
besuchen, wir schlagen das Buch auf in dem Tellmanns Schicksale beschrieben
sind.
Also ist er ein geborner Engländer? Kennt den Grafen Wallingau? Ist
Minister? Wie erstieg er in einem fremden Lande diese Stuffe.
In diesem 23ten Jahrhundert kann jeglicher Fremdling durch ausgezeichnete
Verdienste ein Glied des Staats werden. Seine Treue, seine Anhänglichkeit
und Liebe für den Monarchen und das Land, dem er zu dienen sich
entschlossen hat, müssen allgemein erprobt seyn. Und das waren Tellmanns
Verdienste, die ihn auf diesen hohen Gipfel der Ehre und als einen Freund
an des Monarchen Seite gehoben hatten.
Tellmann war der Sohn eines Edlen in dem Königreiche England. Seine
Schwester Sebalds Mutter und er, die einzigen Kinder wurden von ihren
Eltern ihrem Stande angemessen erzogen. »Sohn! -- sprach der Vater -- Ich
bin ein Edler, Verdienste adelten mich. Werde des Vaterlandes und meiner
würdig!«
»Tochter! -- sagte die Mutter -- Sey deiner Eltern, und einst der Liebe
eines wackern Mannes werth!« und die Kinder wurden es.
Germaniens Monarch gab, eh noch die Kaiserkrone auf seinem Haupte prangte,
einem seiner Freunde in England einen Besuch. Seine blühende Tochter war
mit ihm, und manches Jünglings Blick, der die deutsche Grazie traf, goß das
Feuer der schnellauflodernden Liebe in die leichtfangende Brust. Zwei
vorzüglich, die Söhne der edelsten Staatsdiener, sahen sich plözlich von
der mächtigsten Neigung für die germanische Fürstentochter gefesselt. Ihrer
Väter Rang, ihr eigner schön aufkeimender Ruhm, schien beiden kühnere
Wünsche zu erlauben, und beide nährten die Flamme, beide spornten ihre
Kraft an, die deutsche Blume zu erringen. Selmson wars und Lohnston, unser
jetzige Tellmann, zwei Jugendfreunde, an Alter, Rang und Kraft nicht
ungleich; aber jeder suchte dem Andern sich zu verbergen.
In einem Ring vergnügter Menschen, die einen heitern Sommerabend in dem
Park des Kanzlers feierten, wandelte die Gesellschaft durch die Alleen.
Selmson und Lohnston umgaben Rosalien, (so hieß die deutsche Prinzessin)
und beide wurden durch diesen Umgang immer mehr noch gefesselt.
Unvermuthet erschien in einer Seitenallee ein krankes, mattes, dürftig
gekleidetes Weib mit zwei kleinen Kindern an der Hand, und setzte sich müde
in das Gras. Lohnston gewahrte sie kaum, als er Rosalien sich empfahl, und
das standhaft unterdrückte Gefühl der Liebe dem Mitleid Raum gab. Er gieng
zu dem Weibe, half ihr auf, und führte sie mit dem einem Kind in dem Arm
auf dem Park in ein kleines Häuschen, wo er sich gutherzig um ihr Befinden
fragte, und sich als er ihrer Noth abgeholfen hatte, wieder unter die
Gesellschaft mischte.
Rosaliens Aug war ihm nachgefolgt, sie leitete ihre Schritte in die Gegend
des Gartens, dahin Lohnston mit der armen Familie gegangen war. Unbemerkt
kam sie von der Gesellschaft, nachdem sie Selmson ersucht hatte, sie auf
einige Augenblicke zu verlassen, hinweg, und trat eben so unbemerkt von
allen in das Häuschen, aus welchem Lohnston vor ihr gekommen war, ohne
Rosalien, die sich in den Gesträuchen verborgen hatte, gesehen zu haben.
Sie forschte das arme Weib aus, und erfuhr, daß Lohnston ihr Wohlthäter
sey, der täglich in ihrem Elende sie besuche, und ihre Klagen verstummen
mache.
»Meinen Gatten -- sagte das Weib -- erschlug eine alte Mauer, an deren Fuße
er gegraben hatte. Ich fiel in das größte Elend. Dürftigkeit war stäts mein
Loos. Meines seeligen Mannes Fleiß half uns, wir lebten arm aber froh. Mit
seinem Tode war ich und meine 2 Kinder in Gefahr, den Hungertod zu sterben.
Zu Betteln, ertrug ich nicht. Lohnston spürte meine Noth aus, und hilft mir
großmüthig, daß ich wieder arbeiten und mich und meine Waisen ernähren
kann.«
Rosalie hörte bewegt zu, und gieng zur Gesellschaft. Rührung und Liebe
regten sich in ihrem Herzen -- Liebe -- schon bei dem ersten Augenblicke,
als Lohnston sie sah, gewann er ihre Liebe, und Selmsons Bemühungen und
Bewerben ward ihr bloß dadurch nicht unlästig, weil sie bemerkte, daß beide
junge Männer Freunde wären.
Unter einem Kastanienbaum harrten die Beiden und jubelten als Rosalie
wieder kam. Ihr erster Blick schien Lohnston zu sagen, daß sie um seinen
Edelsinn wisse: und die deutsche Tochter zeichnete ihn überall mit einiger
auffallenden Theilnahme aus.
Selmson war bestürzt, als er dies bemerkte. Mit minderer Neigung und
Empfindung für Freundschaft hätte er leicht auf Ränke gedacht er kämpfte
mit sich -- die entstandene Liebe war mächtig -- aber mächtiger die alte
Freundschaft, er mißgönnte dem Freunde sein Glück nicht, und lebte lange im
Kampf mit seinem Herzen.
»Ich will nicht Liebe -- nur Achtung soll sie mir nicht versagen! --«
dachte er und suchte sich diese zu erringen. Auf einem Felsenberge standen
eben Rosalie und er (Lohnston war etwas abgewendet) bei einem sehr tiefen
in den Fels gehauenen Brunnen. Rosalien entsank ein goldverbrämtes Tuch; es
fiel in die schauerliche Tiefe. Selmson schwang sich in verliebter
Begeistrung in den Brunnkessel, und ließ sich zum Schrecken Rosaliens in
die grause Tiefe hinab, um das Tuch zu erhaschen.
Auf der Prinzessin ängstlich Geschrei, um Hilfe! sprang Lohnston herbei,
und -- Selmson hatte unten in der grausen Kluft bereits glücklich das Tuch
gefaßt. Man wand den Kühnen empor, und er überreichte unbeschädigt und
lächelnd Rosalien das Tuch.
»Selmson -- sagte Rosalie -- Ich ehre Entschlossenheit und Muth, aber
Tollkühnheit nicht.«
Sie sprachs, reichte Lohnston den Arm, und Selmson stand beschämt wie eine
Marmorsäule da. Er war erbittert. Achtung verlangte er, und ihre Miene
schien ihm Verachtung zu sagen. Das ertrug er nicht: der flammende Jüngling
ward rasend, und -- stürzte sich in den Brunnen.
Dieser unglückliche Vorfall erschütterte Rosalien, die ihn nichts weniger
als verachtet hatte. Sie drang in ihren Vater, England zu verlassen, und
der Vater reiste in seine Heimat, eh Lohnston und Rosalie sich noch ihre
heiße Liebe gestanden.
Lohnstons Vater starb in diesem Zeitpunkte, seine Mutter war schon vor
vielen Jahren auch unter den Verklärten. Seine Schwester Marlon liebte
unglücklich. Ihr Erkohrner hatte den Haß seiner Familie. Warum? Er war ein
etwas leichtsinniger Jüngling voll Feuer, das ihn zu manchem unedlen
Streich hinriß. Er liebte Marlon -- die Liebenden vergaßen sich. Marlon
ward Mutter eines Knaben. Den Verlezzer dieses Gesezes strafte die
Verbannung aus dem Vaterlande. Er floh, und Marlon folgte mit ihrem
einjährigem Kinde dem Vater, ohne zu wissen, wohin? Sie war bisher nicht so
glücklich ihren Geliebten zu finden, und irrte in unsäglich jammervoller
Lage in Germanien herum, bis Graf Wallingau sie mit ihrem schon erwachsenen
Sohne auf der Strasse traf.
Lohnston, dem alle Bande, die ihn an sein Vaterland ketteten, theils
zerrissen, theils schwach waren, verließ von seiner unbezwinglichen Liebe
für Rosalie, sein Vaterland, und bot seine Kraft Germanien an. Gelegenheit
und Thätigleit erhoben ihn auf die höchste Schwelle der Menschen
Glückseeligkeit. Er stieg von Ehrenstuffe zu Stuffe, und erhielt Rosalien
zur Gattin, mit der er sein Vermählungsfest grade an dem Tage feierte, an
dem Rosaliens Vater mit Germaniens Krone gekrönt wurde.
Aber ach -- sie starb im 8ten Jahr der beneidenswerthesten Ehe, und
Tellmann stürzte vom höchsten Gipfel der Menschenseeligkeit in den tiefsten
Abgrund des Jammers. Zeit -- dieser unvergleichliche Seelenarzt und der
Schwall von Geschäften, die er dem Staat schuldig zu besorgen war, heilten
ihn, und mit dem Wiedersehn seiner Schwester dämmerte die Sonne der Freude
aus den Nebeln der Leiden hervor, um ihm bis an die Stunde des Scheidens zu
strahlen.
Zweites Kapitel.
Eine Eroberung.
An einem Tage wurden die beiden Freunde zu einem Besuche geladen. Der Kranz
der versammelten Gäste war groß, und man unterhielt sich sehr lebhaft.
Salassin gewann vorzüglich die Neigung eines der reizendesten Mädchen, das
ihn mit ungemeiner Aufmerksamkeit auszeichnete.
Später am Tage zerstreute sich die Gesellschaft im Garten. Salassin stahl
sich in eine entlegene Laube. Er ruhte auf einer Rasenbank, eine Kaskade
plätscherte, ihr Murmeln melodirte so lieblich mit dem Gesang einer
Nachtigall -- er horchte sinnig, und das Plätschern der Kaskade machte die
Erinnerung an Lolly rege.
Durch die schmalen sandbestreuten Gänge des Gebüsches rauschte es plözlich
-- Er drückte sein Gesicht in die Hand, und träumte. Sie da! -- das
geschäftige Mädchen, das sich seiner im Gastsaale so annahm -- stand wie
ein Frühlingsengel am Eingang der Laube, und erblickte den holden Träumer
in seiner tiefsinnigen Lage.
So allein? -- sprach sie lächelnd! und indem sie ihn sanft auf den Arm mit
dem Fächer schlug -- du fliehst die Gesellschaft, und sinnest allein in
einer dunkeln Laube?
Salassin fuhr aus seinem Sinnen, und wand sich an das reizende Mädchen.
»Ich bin nicht so allein schönes Mädchen! wie du glaubst -- mich umgaben --
Träume allenfalls -- diese sind für die Nacht gut; aber bei Tage soll man
--
»Vergieb, ich kenne die Lebensart der Stadt noch nicht so genau. Ich bin
ein Fremdling den Sitten der Städte -- ich bin auch blöde und fühle mich zu
unfähig -- mit lieblichen Mädchen --