»Recht gerne!«
Das Gespräch hätte wieder sein Ende, und sie wandelten weiter in den
labyrintischen Gängen des Parks. In der Mitte plätscherte eine Kaskade. Ein
kristallener Erlenbaum schoß aus jedem künstlich gebildeten Zweige das
flimmernde Wasser, das wie ein Staubregen in das Becken rieselte, und in
einen schilfigten Teich rann.
Die Beiden weilten und sahen bald das schöne Schauspiel, bald -- sich an,
und ihr Lächeln, ihr schnell sich begegnender Blick fiel schneller zurück
auf die Kaskade.
Eine Goldrose schwamm mitten im Teiche. Die leichten Wellen gaukelten sie
näher an das Röhriggestade.
Eine Goldrose! -- rief Lolly, und zeigte in den Teich. Salassin sammelte
Kieseln, um die Blume durch ein geschicktes Werfen näher an den Damm zu
treiben. Es gelang, und die Rose war fast mit der Hand zu erreichen.
Schnell um dem schönen Gast zuvorzukommen, kniete Lolly auf den Grasdamm,
und langte nach der Goldrose. Salassin der eben ein Stäbchen vom nächsten
Strauche brach, stand mit dem Rücken gegen den Teich, und bemerkte die
Müherinn nicht, die, indem sie nach der Blume tappte, das Gleichgewicht
verlor, und mit einem lauten Ach! in den tiefen Teich sank. Erschrocken
über den Schrey sprang Salassin dahin, als Lolly eben untertauchte.
Im Augenblick stürzt er sich nach, erhaschte sie, und schwamn das Mädchen
in einem Arm haltend, damit er mit dem andern rudern könne, heraus.
Einen Theil der Gesellschaft führte der Zirkelweg auf die andere Seite des
Teiches, sie erblickten mit lautem Hilfeschrein die klägliche Szene, aber
kaum waren die meisten herbeigeeilt, als das Paar ganz naß schon wieder auf
dem Damme stand.
Ich war so ungeschikt, -- sagte Lolly, und streifte das triefende Wasser
vom Gewand -- und fiel in den Teich! O ich danke dir lieber Gast! Wie der
Wind schnell trug er mich aus den Wellen!
»O nicht doch -- ich war so unachtsam« -- wendete Salassin ein -- »brach
ein Stäbchen vom Strauche, um damit eine Rose aus dem Wasser zu ziehn, und
bemerkte nicht, daß Lolly mir zuvorkomme, und indem sie sich nach der Blume
bükte in den Teich sank.«
O gehe doch! ich bin Schuld daran! -- eiferte das nasse Mädchen. Warum war
ich --
Jaja! -- rief ein anderes Mädchen schäckernd. Ich wette die Rose wars wohl
eben nicht!
»Ey und was denn sonst?«
Gewiß sie standen beide da am Uferrand, und fielen, weil Lolly einem Kuß
sich entsträuben wollte, unachtsam hinein.
Warum nicht gar« -- sagte Lolly mit jungfräulicher Verschämtheit. -- Und
wenn ich es thue, er hat mich ja aus dem Wasser getragen!
Und die Goldrose doch erhascht! -- dachte Salassin, und die Gesellschaft
verscherzte den leichten Schrecken.
Ihr seyd mir ein paar Unglückskinder! -- rief Bengler lächelnd. Zum
erstenmal sehn sie sich, und bestehen schon ein Abentheuer in einem
gefährlichen Element! Kinderchen! Scheut künftig das Wasser!
Eiliger gieng man itzo dem Schlosse zu, und aller Gespräche Stoff war --
die Rosenfischerei. Man lachte und schäckerte und würzte damit den Rest des
Abends, bis man in den Schoos des Schlummers eilte. Lolly -- träumte mit
offnen Augen von -- der Goldrose. Und Salassin? Dem verwandelten Salassin
trieb ein süßes Empfindunggemisch den Schlaf vom Augenlied. Er schwamm mit
der schönen Goldrose aus dem Teiche! Dies Bild wich ihm nicht aus dem
Traume.
Achtes Kapitel.
Komm bald wieder zur Rosenfischerei!
Mit würzigen Kränzen aus Rosen gewebt,
Verketten sich Herzen durch Liebe.
Nicht leichter erhellet der mondliche Schein
Das kühlige Dunkel im flüsternden Hain
Als Herzen der Sonnenglanz -- Liebe.
Kaum hatte der Nachtwächter Hahn in seine kreischende Trompete gestossen,
kaum röthete blaß noch der neue Tag den Ost da erwachten mit dem Geflügel
des Hofes die Gäste im Schlosse.
Heiterkeit glänzte an jeglicher Stirne, wie an der Stirne des Tages der
heitre Morgen glänzt. Freude, Munterkeit erwachten mit ihnen, und alle
riefen sich: Guten Tag!
Fröhlicher als alle noch war die reizende Lolly, lieblich wie die sich
entwickelnde Morgenröthe, scherzend und sanft wie das Lüftchen vom Fächer
erregt, und unschuldig, wie ein junges Ringeltäubchen. Ein anderes Gewand
aus feinstem Flor umfloß ihren rohrschlanken Wuchs, das lange, blonde,
kunstlos geringelte Haar flatterte im Morgenwind, der ihre blühenden Wangen
küßte.
Guten Morgen! -- sagte sie ein paarmal zu Salassin, den ihr Anblik wie ein
Zauberbild verwirrte.
Guten Morgen! -- erwiederte er sanft, und schaute verlegen durch die auf
ihn gehefteten Blicke der weiblichen Gäste, auf -- Lollys Schuhe. Auch er
hatte sich netter als sonst gekleidet, zwar gab er vor, es sey geschehen,
weil gestern sein Reisekleid naß geworden, und noch nicht getrocknet sey.
Aber seht mir doch den Schalk! -- um Lolly zu gefallen, zog er sein
schönstes Gewand an. Um dem reizenden Mädchen zu gefallen, schmükst du
dich, guter Salassin! mit deinem besten Kleide? Zwar du mögtest dir selbst
nicht so ganz deutlich sagen können, warum? Doch meintest du -- es stünde
dir doch besser, und -- und -- Aber fast meint ich, du wärest ein Stutzer
des 18ten Jahrhunderts, die alle ihre Schönheit, und wohl auch ihre
Menschenähnlichkeit dem Kleide verdanken, aber in deinem Sekulum wo das
sinnlich Schöne weniger als das Geistige gesehen wird? Je nu, man besucht
itzo und immer zuerst das Kleid der Rose, eh man an den Honig denkt! --
Aber dir war es wohl immer nöthig guter Jüngling! Im ersten Worte, das ihr
beide spracht, waren eure Seelen verflossen. Da blick einmal hin, wie sie
nach dir zurükschilt, wenn ihr der Vater zuflüstert, sie solle das oder
jenes für die Gäste besorgen! Wie sie alles schnell und eilig verrichtet,
um -- nur bald wieder unter die Gäste zu kommen. Unter die Gäste? -- Ja,
deutsch gesagt -- zu Salassin. Lieber wie ist dir zu Muthe, wenn sie dich
zärtlich fragt, wie du nach dem gestrigen Schrecken geschlaffen? Ob du dich
nicht erkühlt hast? Wie sie so vollmondfreundlich zurüksieht, wenn dein
Lächeln ihrem begegnet? Salassin! Denk' an die Stadt! Ohne Herzchen darfst
du beileibe nicht dahin kommen! Ja wenn die Damen in deinem Jahrhunderte
wie diese in unsern wären, daß sie darauf Verzicht thäten! Doch sey guten
Muths! Du erhältst für dein Herzchen ein anderes dir gewiß noch wertheres
-- Lollys -- zur Lebenszehrung.
Der Kranz der Gäste sammelte sich um das Frühmahl. Ein Lied gefühlvoll wie
die Sänger ward angestimmt. Lolly schlug das Euphon dazu, und Salassin mit
seinem ganzen Ich ein Ohr, bemerkte nicht, daß alle über ihn lächelten.
Schlägst du nicht auch Euphon? -- fragte Bengler den aufmerksamen Träumer.
Ich -- bin ein Klimperer gegen Lollys Spiel! war seine Antwort.
Das ist zu bescheiden! Eine Schmeichelei! -- riefen einige der Gäste.
Versuch es, laß uns doch hören!
»Spannt aber die Erwartung nicht zu sehr -- ich --« Jaja! -- sagte Lolly,
indem sie ihn an das Euphon zog, -- Du konntest gestern so gut schwimmen,
also -- Mußt du auch gut Euphon schlagen! Ueber den Mädchensyllogismus! --
lachte Bengler.
Salassin faßte sich, und spielte. Wie er vorhin die schöne Künstlerinn
bewunderte, bewunderten ihn alle itzt, am meisten was ganz natürlich zu
enträthseln ist, die Blume des Gastherrn selbst.
Salassin goß den Schwall der Empfindungen, die in seinem Herzen rangen in
eine harmonische Fantasie. Alle fühlten die sanfte Wehmuth, wenn er im
schmelzenden Moll klagte, alle waren hingerissen von dem Feuer, wenn er
seine Gefühle in die wiedertönenden Saiten stürmte, alle bewegten die Füsse
wenn er im lieblichen Allegro tändelte. Lolly wäre dem Zauberer beinahe um
dem Hals gefallen.
Meisterhaft! Vortreflich! -- riefen die Gäste, und klatschten ihm ihren
Beifall. Du mußt dich in der Stadt bewundern lassen!
Um Vergebung! -- sprach Salassin, -- nicht meine Geschicklichkeit -- das
vortrefliche Euphon, das sich so gut ausnimmt --
»Weil du so gut spieltest -- sagte Lolly -- warte, laß uns doch auch deinen
Gesang hören. Hier ist ein Duetto von dem Musiker des 18ten Jahrhunderts,
Mozart.
Richtig! Der Einfall war schön! -- riefen die Andern. -- Sie sangen, O
welch ein Gesang! Der liebliche Tenor mit des Mädchens Nachtigallsoprano
schmolz so zärtlich -- so gefühlvoll, so süß ineinander -- Natur und Kunst
war so schwesterlich vereint, -- alle vergaßen wie bezaubert des Frühmahles
im Hören verloren.
Die beiden Väter blickten sich mit frohem Gesichte an, in jedem stieg der
leise Wunsch auf: Welch ein herrlich Paar könnten unsre Kinder werden!
Graf Welly wurde mit Lob und Schmeicheleien über seinen Sohn überströmt,
und freute sich innig. Man schloß endlich das ergötzende Schauspiel, und
Welly sprach von der Abreise.
»Nicht doch Freund! Bleibe noch da! Du versäumst ja nichts! Wir sahen uns
lange Jahre nicht! Die Stadt entläuft ja nicht!« -- warf Wallbach ein; als
dieser sich zu empfehlen begann.
»Halte mirs zu Guten, theurer Wallbach! Meine Gattin würde bangen, träf ich
zur bestimmen Stunde nicht ein in der Heimat.«
O dann sey unbesorgt! ich schick eine Luftgondel um sie!
»Ein andermal Freund! Ein andermal! Nun -- wie du willst. Zwang ist meine
Sache nicht!
Die beiden Wellyngauer empfahlen sich; allen war leid, und alle bedauerten
die kurze Dauer des Vergnügens, das dieser Besuch gewährte, am leidesten
war's -- Lolly. Sie hätte gern alle Kutschen und Pferde, Gondeln und
Fahrzeuge verzaubert, wenn es in ihrer Macht gestanden wäre; ach! ihr war
der schöne Schwimmer, der geschickte Euphonschläger lieber und theurer
geworden, als den Mädchen des 18ten Jahrhunderts die -- Schminke.
So gefiel es dir nicht bei uns? -- fragte sie trübe, den eben nicht sehr
heitern Salassin.
»Mir? Könnte mir der Himmel besser gefallen?«
Und doch dringst du so auf die Abreise?
»Mein Wille muß des Vaters Wille seyn.«
Aber du kömmst doch bald wieder?
»Land und Meer!« -- sprach Salassin, und verbarg die schnellaufsteigende
Gesichtsröthe mit dem Schnupftuch. Eine kleine Pause, worinn sich die
Beiden wechselseitig anblickten, und die Augen sprechen ließen, was wir
freilich nicht verstehen, da wirs nicht hören -- zulezt ein
unwillkührlicher Händedruck -- endlich ein feuriger Abschiedskuß, und Leb
wohl! Lolly! -- Leb wohl! Salassin -- Das war das Finale ihres Duetto.
Die Pferde wieherten im Hofe, und wühlten mit den Hufen im Boden, da traten
alle vor das Schloß, man schied unter gewöhnlichen Abschiedsumarmungen, und
die beiden Wellyngauer rollten in der Kutsche unterm Zuwinken der
Zurückgebliebenen die Strasse weiter.
Salassin! Daß du ja bald wieder Euphon in Walbach schlägst! -- rief Lolly
ihm zu, als er in die Kutsche stieg. Er nikte stumm die Antwort, und das
weiche Mädchen, suchte auf der Erde, als hätte sie etwas verloren,
inzwischen, verbarg sie so nur ein kleines Thränchen, das ihr wider Willen
entquoll. Jaja! Komm nur bald wieder zur Rosenfischerei! scherzte ein
anderes Mädchen.
Neuntes Kapitel.
Die müden Wanderer.
Warum bist du so traurig? -- fragte Vater Welly, nachdem sie Walbach weit
im Rücken gelassen hatten. Du warst doch gestern heiterer auf der Reise!
»Ich dachte -- was wohl die Mutter machen würde?« Welly lächelte über die
unvermuthete Wendung, und sah ihn mit einem forschendem Blicke an. Darum
sprichst du heute kein Wörtchen? Sitzest da ohne Geist und Seele, wie ein
mechanisch sich bewegender Fleischklumpen? Gukst immer zurück, woher wir
kommen? Seufzest wohl auch gar, wenn du glaubst, ich bemerk es nicht.
»Mir ist -- vom Fahren bange geworden, und das Wetter, so da plötzlich den
schönsten Tag, in den trübsten verwandelt hat, ist --«
Doch nicht etwa im Barometer deiner Seele auch auf den Regenpunkt gerükt?
»Der Einfluß --«
Des Regenwetters, war ja nie auf dich so groß, daß du trübe geworden
wärest. Hattest du nicht immer sonst deine Freude daran, wenn die
blitzenden Tropfen flimmernd vom Himmel rieselten? und das staubichte
Baumlaub abwischten, die Luft heitrer und angenehmer zu athmen war?
Salassin?
»Mein Vater --«
Mein Sohn! Du hast nicht Ursache deinem Vater und deinem Freunde diese
Bewegung, die in dir vorgeht, so sorgsam zu verbergen. Lolly --
Salassin schlug die Augen nieder, und hörte bei diesem werthen Namen
aufmerksam zu.
»Lolly ist ein edles liebenswürdiges Mädchen, deine keimende Liebe, die ein
nicht blinder Vater sehr leicht bemerken muß, tadl' ich nicht.
»Liebe? mein Vater!« sagte Salassin und drückte sich mit inniger Rührung an
des Vaters Brust.
Ich glaub es dir gerne, daß du deinem Empfindungsgemische den Namen nicht
zu geben weist. Deine Unerfahrenheit -- aber Salassin! Laß diesen Trieb in
deinem Innern noch nicht zu stark sprossen, daß er deinen andern
Seelenkräfte nicht zu sehr verdränge, deine Lebens und Geisteskräfte nicht
erschlaffe! Werd ein edler Mann! Sammle dir Verdienste, und ich will die
Stunde zu meinen seligsten zählen, in der Lolly dir als Gattin zugeführt
wird.
Der düstre Salassin ward mächtig getröstet, und erheitert. »Ja mein Vater!
-- rief er -- edel und rechtschaffen will ich immer in deine Fußstapfen
treten, deine väterliche Liebe sey mir ein Leitstern, der mich nie im
Labyrinthe der Laster vom graden Weg der Tugend irren lassen wird!«
So mein Salassin! Und dann komm als unsre einzige Lebensfreude in die Arme
deiner beglückter Eltern!
Der Regen hatte nachgelassen. Die Wolken waren zertheilt, und des Himmels
freundliches Blau lachte durch die zerstreuten Wolken. Die Sonne glänzte
lieblicher auf die erfrischten Gefilde.
O Vater! -- fieng schnell Salassin an, indem er auf die Strasse sah -- Dort
gehet ein paar Menschen. Sieh! ein junger Mann mit einer kränklichen Frau.
Wie ihre dürftigen Kleider vom Regen triefen. Der junge Mann trug sie auf
dem Rücken, führte sie bald, bald nahm er sie wieder auf sich --. Die sind
gewiß sehr müd und matt. Nehmen wir sie doch in unsern Wagen. Ich setze
mich zu Thomas auf den Bock.
»Brav, mein Sohn! -- Thomas!«
Herr!
»Jage die Pferde, und wenn du dies Paar Leute eingehohlt hast, halte!«
Gut, Herr!
In wenigen Augenblicken stand der Wagen, Salassin sprang heraus, und führte
die matte kranke Frau auf seinen Sitz, ohne viel Worte zu wechseln. Ihr
Führer dankte mit herzlicher Freude, und wollte zu Fusse fort.
»Nur auch herein! -- sprach Salassin!«
O guter Mann! ich bin ja noch jung, und rüstig, wenn nur meine liebe Mutter
-- Nein, mein Sebald -- sagte die Mutter halb erschöpft. -- Herr nimm ihn
statt meiner in den Wagen, wenn du so gut seyn willst. Er hatt mich schon
einige Stunden weit auf dem Rücken getragen -- er kann seine Füsse kaum
mehr heben.
Beide, beide herein! -- sagte Salassin, -- half ihnen in die Kutsche, und
sezte sich zu dem Kutscher der Bequemlichkeit der Müden halber auf den
Bock. Der junge Mensch gewahrt es kaum, als er schnell aus dem Wagen sprang
und sprach: diese Güte kann ich nicht annehmen -- laß lieber mich dahin, --
warum sollst du dich deiner Bequemlichkeit berauben.«
Wie haben alle viere Platz! -- entschied Welly, und sie saßen beisammen.
Die müde zitternden Fremden sahen sich bewegt an, und nickten sich zu: Gott
hat uns diese Edlen zu Rettern geschickt!
Zehntes Kapitel.
Geschichte dieser müden Wanderer.
Salassin vergaß an -- Lolly, er war so froh und munter, und wußte nicht
warum? Woher kommt ihr guten Leute! -- fragte Welly als sie sich
einigermassen erholt hatten. Ihr habt heute eine garstige Witterung zur
Reise gehabt.
Wir wanderten -- nahm der junge Mensch das Wort -- schon viele Monden aus
den nördlichen Provinzen Deutschlands. Ich bin ein Mahler meiner Kunst, und
wollte nach der Residenzstadt des Kaisers.
Ein Mahler? -- dachte Salassin, und bei der Vorstellung von Gemälden
schwebt Lollys Bild schnell vor seiner Seele. Mahler haben in unserm Lande
viel Verdienst! Die Vorstäher des Mahlermusäums belohnen Geschicklichkeit,
wenn sie ausgezeichnet ist, sogar mit Beifall und Gütern.
Der junge M. Ich kenne Germanien wiewohl England mein Geburtsort ist, denn
ich bin hier aufgewachsen; und habe mir seit mich mein Lehrmeister fähig
hielt durch Fertigkeit mein Brod zu verdienen, manchen schönen Gulden
verdient. Vor acht Monden wurden wir an der Küste Hollands, von Seeräubern
überfallen, die uns außer dem Leben und dem Kleide, so wir angezogen
hatten, nichts, nicht einmal meine nöthigsten Werkzeuge liessen. Meine
Mutter erkrankte mir überdies bald darauf, und da mir alle Mitteln zu
arbeiten fehlten, schlepten wir uns elend von Ort zu Ort. Zwar haben wir
der braven Menschen viele angetroffen, die uns gastfreundlich aufnahmen. In
einem Orte waren wir wohl vier volle Wochen, wo ein edler Pfarrer meine
liebe Mutter vom Fieber kurirte: er sammelte noch überdies bei seiner
Gemeinde einen Zehrpfennig für uns, wir reisten gemächlich bis auf wenige
Meilen hieher, wo wir nun sind, aber vorgestern schon war ein Trunk Wasser
und ein Stück Brod unsre einzige Labung. Die Leute können uns die
Ehrlichkeit nicht im Gesichte lesen, und also betteln -- Herr
Welly. Was ein Mahler in unsrer Zeit betteln?
Der junge M. Das fiel mir schwer -- so unmöglich -- aber doch war meine
Mutter nicht anders zu erhalten. Ich nahm all meine Stärke zusamm, und
sprach einem der reichsten Häuser im Dorfe zu. Ein Mann saß darinn am
Tische, und zählte eben eine ungeheure Summe Geldes, das in hohen Haufen
aufgeschlichtet war. Der Mann war ein Gerippe, und als er mich ersah,
sprang er schnell von seinem Sitze und stieß mich zur Thüre hinaus. Auf
immer abgeschrekt empfahl ich meine Mutter und mich Gott, und trug sie
weiter von Ort zu Ort, bis ihr uns traft.
Welly. In England bist du gebohren? Deine Denkart ist aber sehr deutsch; du
warst gewiß nicht lange da!
Das glaub ich -- nahm die erholte Mutter das Wort -- Mein Sebald war noch
in den Windeln als ich ihn in meinen Armen aus England zum Vater trug, der
bei der Armee der Normänner, die damals gegen Deutschland im Felde war,
seyn sollte; denn er war entflohn, und gewiß wußt ich es nicht wo er lebte.
Wir zogen überall herum, und fanden ihn nicht. Aller Wahrscheinlichkeit
nach war er todt. Wir verliessen Norland und kamen nach Germanien. Eines
Tages am Abend lag ich eben im thauigten Grase an der Strasse, mein Sebald
war schon sechs Jahr alt, neben mir, und wollten hier die Nacht
verschlafen, von allen entblöst was uns ein besseres Lager hätte bereiten
können. Ein wohlhabender Mann sah unser Elend, und ließ uns, da wir auf den
Füssen nimmer stehen konnten, in ein nahes Städtchen fahren. Er gewann
Neigung für uns, behielt mich, da seine Gattin kurz vorher gestorben, und 4
unerzogene Waisen gelassen hatte, in seinem Hause, wo ich der Arbeit genug,
und keinen Mangel hatte. Eben dies war der Mann, der meinen Sohn die
Mahlerei lehrte, die er selbst trieb und wodurch er ein sehr wohlhabender
Mann geworden war. Weit und breit war er berühmt, und aus fremden Ländern
bestellt man sogar Gemälde bei ihm. So lebten wir bis der wohlthätige Mann
zu unserm Jammer starb.
Sebald. Das ist seit zwei Jahren. Er war mir ein zärtlicher sorgsamer
Vater. Ach! nie kann ich vergessen, wie er mich liebte, wie er seinen
Kindern gleich mich erzog. Ruhe, süsse Ruhe seiner Seele! Wir verliessen
damals dieses Städtchen, und kamen nach den Unfällen, die ich bereits
anführte, hieher, wo uns Gott in euch einen zweiten Retter sandte.
Welly. Das war meine Pflicht, euch beizustehn. Daß würde jeglicher gethan
haben. Wir sind morgen in der Stadt, und junger Mann ich will die
Vaterstelle übernehmen, will fernhin für dich sorgen. Sey selbst auch
thätig, dann wirst du einmal über nichts zu klagen haben. In unserm
Jahrhundert verhungert nun kein geschickter Künstler mehr. Die Zeit der
Barbaren, wo die Dumköpfe im Ueberfluß schwelgten, die verdientesten Köpfe
darbten, ist gottlob nicht mehr. Ich will den Tag unter die schönsten
meines Lebens aufzeichnen, an dem ich dich fand, und dem Vaterlande einen
braven Bürger und geschickten Künstler, durch eine so geringe Hilfe
erhielt. Salassin! -- Ihr bleibt Gefährten -- Freunde, Brüder! meine Söhne!
Sebald drückte voll ungestümmer Freude Wellys Hand, auf die eine glühende
Thräne des stummen Dankenden rann.
Du kennst mich so wenig -- stammelte er -- und zeigst dich so edel gegen
mich. Diese Güte -- dies Zutraun richtet mich auf! Nimm -- ich habe nichts
als stille Thränen zum Danke -- Die Geretteten -- hier deutete er wortlos
auf seine entzückte Mutter, welche wie er keine Silbe sprechen konnte.
Salassin umarmte seinen neuen Bruder. Ihre Neigungen trafen sich, der Ring
der Freundschaft umschlang ihre Herzen, sie wurden Freunde, Brüder und
blieben es.
So kamen sie in einer seelerhebenden Freude allmählig der Stadt näher.
Sebalds Leiden gefurchte Stirne glättete die namenlose Wonne, die ihm im
Innern glühte. Er war ein blühender junger Mann, voll Fähigkeiten, voll
Streben, seine Anlagen zu bilden, und mit einem edlen Herzen von Mutter
Natur beschenkt. Seine Seele trug er im Gesichte, das schwarze Aug funkelte
von dem Feuer, das ein Abstrahl seines Geistes war. Aus seinen abgetragenen
Kleidern schimmerte er hervor, wie der Vollmond durch ein zerrissenes
Gewölke.
Seiner Mutter eine ungefähr vierzigjährige Frau, mit den unverkennlichen
Spuren ehemaliger Schönheit, hatte der Kummer, das Elend und ein gewisser
Harm (dessen Ursache meine Leser, wenn sie es noch nicht errathen haben,
doch bald erfahren werden) die Wangen gebleicht, aber sie erregte dadurch
in jeder Seele nur um so mehr Theilnahme, und ihr ganzes Betragen verrieth
gar zu deutlich, daß sie einst edel erzogen, der Dürftigkeit nicht bestimmt
war, die sie nun drückte.
Seelenvergnügt war Welly und sein Bewustseyn maaß ihm bereits ein hohes
Gefühl süsser Empfindungen, wenn er Sebald und seine Mutter ansah. Salassin
wurde bald vertraulicher mit Sebalden. Unter Erzählungen und Gesprächen
vergaßen die aufgenommenen Pilger ihr voriges Leid, und träumten von dem
Himmel, der sich vor ihren Blicken aufschliessen würde. Salassin durch
diese zerstreut, dachte allenfalls noch manchmal, wenn der Mahler von
Bildern sprach, an Lollys lebendiges Bild.
Eilftes Kapitel.
Die Stadt.
Hoffe Ruh im Mißgeschicke,
So das Daseyn dir vergällt.
Bald entwölkt sich deinem Blicke
Eine Flur, vom goldnen Glücke
Für den Dulder aufgehellt.
Fort rollte der Wagen die Strasse zur Stadt. Der lezte der Berge verbarg
sie nur noch. Itzt waren sie auf seinem Nacken, und ausgegossen lag in
einer unermeßlichen Ebene die unübersehbare Residenzstadt. Welch ein
entzückender Anblick für die Reisenden! In der Mitte stand die Residenz des
germanischen Kaisers, mit stark vergoldeten Dächern, mit Erkern und
spiegelnden Fenstern wie eine kleine Stadt. Im Kreise um sie herum die
Paläste der Fürsten in schöner Ordnung, jeder vom andern durch einen
prächtigen Garten abgesöndert. Um die Fürstenwohnungen in mäßiger Ferne die
Gebäude der Edlen, und an diese schloßen sich die simetrischen Häuser der
Bürger, auch diese immer durch Gärten getrennt, in welchen hochwipflichte
Bäume über die blanken Dächer grünten. Eine dreifache Schanze mit
ungeheuren Wällen und Gräben umhügelte in einem Ring die ganze Stadt,
durchschnitten von breiten regelmäßig angelegten Strassen und Gassen, mit
unzähligen Plätzen, wo Alleen und Denksäulen standen. Auf vier Seiten
gleich an der Stadt ragten vier unbezwingbare Kastelle auf Hügeln empor,
ein majestätisch gleitender Strom mit blauen Wasserspiegel, mit Schiffen
und Kähnen besäet umarmte den einem halben Kranz der Stadt. Wie blinkten
die Thürme mit gelben Spitzen im Sonnengolde! Wie mischte sich das
Farbenspiel der Mauern, der Dächer, der Bäume mit den bläulichen Wolken die
aus Schorsteinen stiegen!
Die Reisenden kamen zum Thore. Ein Mann trat an die Kutsche, und fragte
ganz artig: Wer bist du? den Grafen.
»Graf Wallingau.«
Sogleich traten die wachthabenden Soldaten auf des Thorstehers Wink unter
Gewehr, schulterten, und Welly fuhr ungehalten weiter.
Das bunte Menschengewimmel, der itzt noch lebhaftere Anblick der Gebäude,
der schönsten Baukunst Meisterstücke, die mannigfältige Abwechslung
gewährte den Ankommenden ein süsses Schauspiel. Sie hielten auf dem Platze
der Gasthöfe, den eine lange Reihe der schönsten Einkehrhäuser formte. Die
vergoldeten Schilde glänzten. Hier hieß es: zur Treue, dort zur Liebe. Da:
zur Hoffnung. Hier: zur Menschlichkeit. Wieder dort: zum Vaterlande.
Im Vaterlande kehren wir ein! -- sagte Welly; sie stiegen ab, und ein
halbdutzend windschnelle Diener bedienten die Gäste. --
Der Abend sank vom Himmel und zog seinen Purpurglanz von den
wiederspiegelnden Thurmspitzen.
Unsre Reisenden machten eine kleine Promenade, und ruhten von den
Beschwerlichkeiten der Reise auf sammtnen Kanapeen aus. »Morgen gehn wir in
die Residenz, den Vater des Landes zu sehn! Und dann soll uns die
Abwechslung der Stadtvergnügen ergötzen! -- sagte Welly, ehe man zur Ruhe
gieng.
Zwölftes Kapitel.
Das unvermuthete Wiedersehen.
Noch glänzte das Licht der Kristalsonnen, die in den Zimmern statt Kerzen
dienen, viel heller als der Strahl der aufgehenden Sonne. Da wachten alle
vom lärmenden Getöse der beschäftigten Stadtmenschen auf. Kaum waren unsre
Pilger angegleidet, da wurden schon Diener gemeldet mit
Willkommensbriefchen von Bekannten und Freunden, die Welly in der Stadt
besaß, und die seine Auskunft sogleich durch die gewöhnliche Anzeige der
Gastwirthe erfahren hatten.
Der lud ihn zum Morgenbesuch, dieser zum Mittagmahle, jener zur
Abendpromenade, ein anderer zur Gesellschaft ins Theater ein. Einer von
Wellys geliebtesten Freunden drang in ihn, den Gasthof zu verlassen, und
bei ihm einzukehren; dieser war der Fürst Tellmann, Minister und
Polizeyobrist des Monarchen.
»Wenn du -- schrieb der Fürst in dem Briefchen -- meiner Bitte nicht
erfüllst, so sollst du nicht die Freude haben mich noch einmal deinen
Freund zu nennen.«
Das ist mir eine gar fürchterliche Drohung! -- sagte Welly lächelnd, und
zeigte es seinen Gefährten an. Für Sebald und seine Mutter waren inzwischen
neue Kleider herbeigeschaft, und die Beiden erkannten sich in dem neuen
Anzug kaum. Sie giengen durch unzählige Gassen und über Plätze dem
tellmanschen Palaste zu, an dem das fürstliche Wappen auf einer
Silberplatte mit dem Namen des Fürsten, an dem Marmorportale hieng.
Hier sind wir am rechten Orte! -- rief Welly und sie betraten die Treppe.
Sogleich ward er gemeldet, und Fürst Tellmann kam ihnen im Vorsale
entgegen, rief: Willkommen! und lag in den Armen des Freundes. Willkommen!
Willkommen! mit den Deinen! -- sprach er und führte sie in den Gastsaal zum
Willkommensbecher.
Sebalds Mutter wankte wie betäubt über den Anblick des Fürsten, der, indem
er den Pokal Welly reichte, sie anblickte, den Becher fallen ließ, und --
auf sie mit offnen Armen zulief.
Meine Schwester!
Mein Bruder! riefen sie, und Sebald schloß sich an den Fürsten. Die beiden
Wallingauer standen voll Verwunderung.
Das ist mein Sohn! -- sagte Sebalds Mutter, indem sie auf ihn zeigte, der
sich an den Oheim mit herzlicher Freude schmiegte.
Mein Schwestersohn! Mein Sohn!
Mein Oheim!
O Freund Welly welch angenehmes Geschenk brachtest du! Wie hast du mich
überrascht! -- sprach voll Entzücken der Fürst, und taumelte aus einer
Umarmung in die andere. Man sammelte sich endlich und ließ sich auf
Ottomanen nieder.
Nun bleibst du bei mir, meine Schwester! -- fieng Tellmann nach einer Weile
an -- Ha! der Gram in deinem Gesichte verräth mir nur zu sehr, es sey dir
trübe gegangen!
»Laß mich das vergessen, was ich gelitten! An deiner Seite mein theurer
Bruder! will ich ein neues Leben beginnen.«
Tellm. So recht! Mir Einsamen ist jedes Vergnügen so unschmakhaft! Allein
bin ich, allein! Was nützt mir Ehre, Rang, und Reichthum, wenn ich keine
freundschaftliche Seele um mich habe. Meine Gattin starb, meinen Sohn
würgte der Krieg, meine Tochter folgte der Mutter. Welly! Welcher Genius
führte diese zu dir?