Vor Weihnachten zerbrach Marakulin sein Kreuz.
Anna Stepanowna nahm es mit, um es reparieren zu lassen, ging aber aus
dem Gymnasium erst auf den Gostinij-Markt. Dort wurde ihr das
Portemonnaie gestohlen und mit ihm auch Marakulins Kreuz, sein kleines
goldenes Taufkreuz.
In den Weihnachtstagen wahrsagte Akumowna wieder aus den Karten, und
Marakulin schien es, daß die Karten jetzt ganz erbost seien und ihn mit
ihrem schonungslosen „reinen Herzen“ verspotteten. Sie orakelten: ein
fröhlicher Weg; ein wohlgeborener einflußreicher Herr; viel Geld; wenn
Sie heute keinen Brief bekommen, so bekommen Sie ihn morgen; er trinkt
ein wenig, – und in den Ecken Gras und Tannen.
Aber die Karten logen diesmal nicht. Sei es, daß Akumowna es mit ihrem
Wahrsagen heraufbeschworen hatte, oder, daß es ihm sonst bestimmt war –
Marakulin mußte in der Tat bald nach dem Tag der hl. Tatjana und ganz
unerwartet nach Moskau verreisen.
Marakulin war ein Moskauer. In Moskau geboren und aufgewachsen, war er
auch dort zur Schule gegangen. Nur die fünf Jahre vor seinem
Petersburger Aufenthalt hatte er in der Provinz verlebt und in
Geschäften auch solche Städte wie Kostrinsk und Purchowez besucht. Er
hatte in Moskau in einer Privatrealschule in der Handelsabteilung
studiert. Kaum daß er in die Schule eintrat, starb seine Mutter, und
bevor er die Schule verließ, verlor er den Vater. Die letzten Schuljahre
waren sehr schwierig, er mußte selbst für sich sorgen. Er hatte zwei
Schwestern, beide älter als er und beide verheiratet. Als er noch in
Moskau lebte, besuchte er die Schwestern, erst oft, dann seltener,
endlich ganz selten. Als er klein war hatten sie ihn sehr gern gehabt
und ihn verwöhnt. Er wußte es noch genau, sie aber hatten es vergessen.
Als er in der Provinz wohnte, schrieb er den Schwestern im Anfang oft,
dann seltener, dann ganz selten und nur noch Gratulationsbriefe, dann
hörte er überhaupt auf zu schreiben. Sie waren es, die zuerst den
Briefwechsel abbrachen. Und seit er in Petersburg lebte, hatte er sich
an den Gedanken gewöhnt, daß er in Moskau niemand hatte. Nur auf dem
Kalitnikowschen Kirchhof befanden sich zwei Gräber, zwei Kreuze: das
Kreuz des Vaters und das Kreuz der Mutter.
Sein Vater war der älteste Buchführer bei Plotnikow gewesen. Plotnikows
Fabrik befand sich auf der Taganka, das Engrosgeschäft auf der Iljinka.
Der Vater war ein Mann der Arbeit, der sich mit Energie seinen Weg
bahnte. Seine Mutter war anders; sie war ein Mensch von besonderer Art.
Jewgenja Alexandrowna – so hieß sie – war aufrichtig, einfach und
herzlich. Ihre Aufrichtigkeit kannten alle; ihr Vater kannte sie und
alle, die im Hause verkehrten kannten sie. Man klatschte in ihrer
Gegenwart nicht über Bekannte, man schärfte nicht unnütz die Zungen –
man sagte nichts, was man den andern nicht ins Gesicht hätte sagen
können. Die Gepflogenheit, zwei Meinungen über jemand oder über etwas zu
haben: eine Meinung sozusagen für’s Haus, welche nur im engen
Familienkreis ausgesprochen wird, und eine andere für die Straße, welche
vor Fremden geäußert wird, wenn es nützlich erscheint, – diese üblichen
Formen des Umgangs waren ihr fremd. Es fehlte ihr der praktische Sinn.
Daraus konnte oft ein kleiner Skandal, zumindest eine Verlegenheit
entstehen, und ihr Vater mußte sie häufig davor warnen. Dieser
praktische Sinn, der zwei Meinungen kennt, dieser einfältige und oft
niederträchtige Selbstschutz ist keine Weisheit. In der echten Weisheit,
die nicht nur zwei, sondern zwanzigmal zwei Meinungen kennt, ist Wissen
und Schonung. Diese höhere Weisheit konnte sie natürlich noch nicht
haben, aber sie besaß jene, die aus dem Instinkt stammt und die das Herz
begreift. Es fehlte ihr dagegen völlig an jener Schlampigkeit des
Herzens, an der Gewöhnlichkeit der Seele, die wie grobe Geradlinigkeit
aussieht. Alles berührte und quälte sie; sie hatte keine
Gleichgültigkeit in sich, im Gegenteil: ungewöhnlich barmherzig und
mitfühlend, war sie bereit, jedem zu helfen. Kaum aus der Schule,
verliebte sie sich in einen Studenten, in den Hauslehrer ihres Bruders,
und wie zu Gott sah sie zu ihrem Studenten auf. Der Student aber – sagte
nichts, und als ein ernsthafter Student, der er war, lächelte er nur,
lächelte und dankte. Jenjas Vater – Marakulins Großvater – war Arzt, und
als Fabrikarzt bei Plotnikow angestellt, nahm er das junge Mädchen oft
in die Fabrik mit. Bei Plotnikow war aber auch ein junger Techniker
namens Ziganow. Dieser machte sich mit den Fabrikarbeitern zu schaffen,
veranstaltete Vorlesungen und Theatervorstellungen für sie, und soll
auch, wie die Wissenden behaupteten, einen Streik angezettelt haben. Die
Fabrikarbeiter liebten Ziganow und gehorchten ihm. Jenja, der das Leben
in der Fabrik, das sie allmählich kennen lernte, die Seele verwundete,
bot Ziganow ihre Mithilfe an. Sie verbrachte viel Zeit mit dem Techniker
und arbeitete mit, so weit ihre Kräfte reichten. Und wenn eine Sache
gelang, – mit welcher Freude erzählte sie von ihrem Erfolg dem
Hauslehrer ihres Bruders, ihrem Studenten, zu dem sie wie zu Gott
aufsah! Der Student aber – sagte nichts, und als ein ernsthafter
Student, der er war, lächelte er nur, lächelte und dankte. So traf es
sich auch einmal, daß Jenja bei Ziganow in der Wohnung war. Sie half ihm
Lektüre für die Fabrikarbeiter zusammenstellen; es waren Broschüren. Sie
war sehr eifrig dabei, sie brannte darauf, daß die Broschüren bald
gelesen werden, denn sie glaubte, daß in ihnen die Wahrheit stand und
ein Ausweg aus dem erbärmlichen Leben, das ihr die Seele verwundete. Sie
brannte vor Eifer – es war ja das erstemal. Ziganow arbeitete am selben
Tisch mit ihr und wich nicht von ihrer Seite; auch er wollte die Arbeit
möglichst rasch erledigen, denn die Sache war gefährlich! Als dann alles
fertig war, die Broschüren geordnet, ausgesucht und verteilt, und sie,
befriedigt, freudig erregt und davon träumend, wie sie alles dem
Studenten, ihrem Abgott erzählen würde – (er hatte wohl jetzt die
Lektion mit ihrem Bruder beendigt, saß vielleicht mit ihrem Vater im
Eßzimmer beim Tee und spielte mit ihm Schach) – gerade im Begriff war,
nach Hause zu gehen, – da fiel Ziganow über sie her und warf sie zu
Boden ...
An diesem Abend, als sie nach Hause zurückkehrte und den Studenten, wie
sie erwartet hatte, im Eßzimmer beim Tee mit ihrem Vater Schach spielend
fand, – sagte sie nichts; weder dem Vater, noch dem Studenten. Sie
verriet nicht mit der leisesten Andeutung, was eben zwischen ihr und
Ziganow vorgefallen war, sie verriet mit keiner Silbe das Entsetzen, das
sie erfüllte.
Entsetzen und Scham besiegten all ihre Wahrhaftigkeit und zwangen sie,
das Schreckliche zu verheimlichen. Sie schwieg, und obwohl sie, die sich
nicht verstellen konnte, sich so gab, wie sie war, bemerkte dennoch
niemand etwas, nur dem Vater fiel eine Trauer in ihrem Gesicht auf, die
früher nicht in ihm war. Erst viele Jahre später sah es auch manch
andrer, sprach aber nicht darüber. Denn diejenigen, die sie oft sahen,
mochten sie dann vielleicht zum erstenmal aufmerksam angesehen haben und
konnten deshalb nicht feststellen, ob diese Trauer in ihrem Gesicht
schon immer dagewesen und von ihnen nur nicht bemerkt worden war, oder
ob tatsächlich eine Veränderung in ihm stattgefunden hatte.
Wohl war diese Trauer schon immer in ihr, seit ihrer Geburt vielleicht,
vielleicht war sie zusammen mit ihr zur Welt gekommen, hatte sich all
die siebzehn Jahre in ihrer Seele verborgen gehalten und trat erst an
jenem Abend hervor, an dem Jenja bei Ziganow die Broschüren ordnete und
glücklich, freudig erregt daran dachte, wie sie ihrem Studenten, ihrem
Abgott von ihrer Freude erzählen würde; – damals mochte das Entsetzen
die eingeborene Trauer hervorgeholt und über ihr Gesicht gebreitet
haben.
War es nur Trauer, was ihr Gesicht verriet, als sie sich auf dem Boden
wälzte und vor tierischem Schmerz, vor Ekel und Entsetzen geschrien
haben würde, wenn sie ihre Schreie nicht hätte unterdrücken müssen? War
nur Trauer in ihrem Gesicht, da sie schweigend und doch unverstellt sich
quälte?
Wenn die Menschen einander genau sehen und beobachten würden, wenn Alle
Augen hätten, dann könnte nur ein eisernes Herz das ganze Entsetzen, die
ganze Rätselhaftigkeit des Lebens ertragen. Oder am Ende wäre, wenn die
Menschen einander sehen würden, das eiserne Herz gar nicht nötig?
Wie war das alles so gekommen, und weshalb? Und wie erklärte Jenja es
sich selber?
An jenem Abend war Ziganow geblendet, – einen andern Grund gab es nicht
– es war nicht vorgefaßte Absicht, er war einfach geblendet. Und hätte
er auch sieben Augen gehabt, wer weiß, ob er nicht an allen sieben Augen
geblendet worden wäre vor ihren beiden, mit denen sie so freudig
dreinblickte, bereit, im nächsten Augenblick von ihrer Freude dem
Studenten, ihrem Abgott zu erzählen: ihre Freude war so gewaltig; es war
ja das erstemal, die Sache war gefährlich und sie glaubte die Erlösung
gefunden zu haben aus dem erbärmlichen Leben, das ihre Seele verwundete.
So erklärte Jenja das, was vorgefallen, indem sie niemand beschuldigte,
außer sich selbst.
Ob es so war oder nicht, ob er tatsächlich geblendet war oder nicht, ob
er dem Zwang nicht widerstehen konnte, sich auf sie zu stürzen, oder ob
er sich hätte zurückhalten müssen – einerlei: am Ende wäre es auch einem
andern so ergangen wie Ziganow, der sich mit einer gefährlichen Sache
befaßte, die heimlich und verborgen getan werden mußte, und der vor
lauter geschäftigem Mißtrauen seine Augen verloren hatte? Jedenfalls
aber hatte er seine Augen verloren, gleichviel warum: denn hätte er
sehen können, so wäre das nicht geschehen, was weiter geschah. Es kam
aber, daß jedesmal, wenn Jenja bei ihm war, um Broschüren zu ordnen,
oder in ähnlichen Angelegenheiten, sich jener gefährliche und freudig
erregte Abend wiederholte. Sie flehte ihn an, sie zu schonen, sie nicht
anzurühren, aber er wollte nichts hören, weil er taub und blind war. Und
so verging ein ganzes Jahr.
Als dann Ziganow aus der Plotnikowschen Fabrik verschwunden war – manche
behaupteten, er wäre nach Sibirien verbannt worden, andre dagegen, daß
er jenseits der Trechgornaja-Maut in einer Fabrik eine gutbezahlte
Stellung angenommen hatte, wieder andre, daß er der Welt so etwas wie
ein „neues Zion“ verkündete – mit einem Wort, als Ziganow nicht mehr da
war, und Jenja aufatmen konnte, da widerfuhr ihr das gleiche, nur daß
diesmal an Ziganows Stelle ihr eigener Bruder, der Kadett war. Sie bat
ihren Bruder, flehte ihn an, sie zu schonen, sie nicht anzurühren, er
aber wollte nichts hören, und darum nicht, weil er in diesem Augenblick
taub und blind war.
Ja, auch er war in diesem Augenblick geblendet, und nur, weil in ihr
selbst etwas Sinnberaubendes, Blendendes war; denn sonst hatte doch
dieser Bruderabend nichts gemeinsames mit jenem Ziganowschen, jenem
gefährlichen und freudig erregten Abend.
So erklärte sich Jenja alles, was vorgefallen, indem sie niemand als
sich selbst beschuldigte.
Ob es nun so war oder nicht, ob der Bruder ebenfalls geblendet war oder
nicht – jedenfalls ist es klar, daß er, ohne sich mit gefährlichen
Dingen zu befassen, wie Ziganow und nicht wie dieser durch die
Heimlichkeit und die Gefahr der Arbeit in gemeinsame Erregung mit der
Schwester gedrängt, – im Gegenteil: er hatte einen offenen Weg vor sich,
frei von jedem Spähen und Horchen – jedenfalls ist es klar, daß er, wie
so viele Menschen von Beruf oder Handwerk, von Meisterschaft oder
Leidenschaft, sich eben durch keinen besonderen Scharfblick
auszeichnete. Nein, er zeichnete sich nicht durch besonderen Scharfblick
aus, denn hätte er etwas gesehen, so wäre nicht geschehen, was weiter
geschah. Es kam aber, daß sich jedesmal, wenn er sie allein fand, das
wiederholte, was an jenem Schwesterabend geschah. So verging wieder ein
Jahr.
Als der Bruder dann von Moskau abgereist war und sie, allein geblieben,
aufzuatmen hoffte, da wurde der Bruder von dem Gehilfen ihres Vaters,
von einem jungen Arzt ersetzt, so wie einst der Bruder Ziganow abgelöst
hatte. Und nach dem Arzt kam noch einer und wieder einer; alle traten
sie kühn an sie heran und taten mit ihr, was sie wollten.
Sie taten es aber nicht deshalb, weil sie es freiwillig gewährte, nein,
sie taten nur das, wozu es sie, die Geblendeten, trieb.
So erklärte sich Jenja alles, indem sie niemand als sich selbst
beschuldigte.
Ob es so war oder nicht, ob sie wirklich geblendet waren oder nicht, ob
es sie trieb, oder ob sie sich selbst über sie warfen, jedenfalls
beschuldigte sie keinen von ihnen, nur sich selbst: dies etwas in ihrem
Wesen, das blendete und betäubte.
Sie schwieg – ganze drei Jahre schwieg sie. Sie machte nie eine
Andeutung, verriet sich mit keinem Wort. In ihr aber war Entsetzen,
Scham und Qual. Sie wurde geliebt, hatte viele Freundinnen, und wußte,
wie sehr man sie liebte und wie gut man von ihr dachte; und trotz aller
Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit, die in ihr war, vermochte sie es
nicht, ihnen zu sagen, wie sehr sie sich irrten: daß sie nicht so war,
wie sie von ihr dachten. Hätten sie die Wahrheit gewußt, dann würden sie
sich von ihr losgesagt haben, so aber stahl sie ihre Liebe dadurch, daß
sie die Wahrheit verheimlichte.
Die Menschen traten kühn an sie heran und taten mit ihr was sie wollten,
sie aber konnte sich nicht wehren und gab, erfüllt von tierischem Ekel
und Schmerz, nach. Und dafür, daß sie nachgab, daß sie trotz Ekel und
Schmerz nachgab und nachgeben mußte, für dies blendende und betäubende
Wesen in ihr, das die Menschen trieb, sich über sie zu werfen, reichte
eine von Menschen verhängte Strafe nicht aus. Es wäre ihr ja ein
leichtes gewesen, ein Ende mit sich zu machen, aber das hätte ihr nicht
genügt. Auch wenn man sie gefoltert und gemartert, wenn man sie zu Tode
gefoltert hätte, was hätte ihr das genützt? Für sie war eine von
Menschen bestimmte Strafe zu gering, sie mußte sich selbst ihr Urteil
sprechen und sich selbst hinrichten. Aber wie sich strafen, wie sich
hinrichten? In den drei Jahren des Entsetzens, der Scham und der Qual
hatte sie sich in den schlaflosen Nächten die Haare gerauft, hatte mit
dem Kopf gegen die Eisenstäbe ihres Bettes, – ihres schmalen
Mädchenbettes – geschlagen, aber was war damit erreicht? Nichts, gar
nichts! Wer sollte ihr die Strafe diktieren und wie sollte sie sie
vollziehen?
Wenn die Menschen einander genau sehen und beachten würden, wenn Alle
Augen hätten, dann könnte nur ein eisernes Herz das ganze Entsetzen, die
ganze Rätselhaftigkeit des Lebens ertragen. Oder am Ende wäre das
eiserne Herz gar nicht nötig, wenn die Menschen einander sehen würden!
Jenja verließ Moskau und lebte einige Zeit auf dem Lande, in der Familie
eines ihrem Vater befreundeten Arztes. Ihr Vater, der jetzt nicht nur
Trauer in ihrem Gesicht bemerkt hatte und unruhig geworden war, erklärte
sich ihr Aussehen mit Uebermüdung und redete Jenja zu, sich auf dem
Lande zu erholen. Folgendes geschah nun während ihres Landaufenthaltes:
Am Dienstag in der Karwoche reiste sie von da ab, aber nicht nach Hause
zum Osterfest, wie man annahm, sondern sie begab sich in den Wald und
betete dort drei Tage und drei Nächte mit der ganzen Glut des
Entsetzens, der Scham und der Qual eines sich selbst verurteilenden
Herzens, und flehte nur um eins: um Strafe, – daß ihr eine Strafe
angezeigt und eine Buße auferlegt werde. Am Karfreitag aber erschien sie
in der Kirche zur Zeremonie des Grabtuches, ganz nackt, mit einem
Rasiermesser in der Hand. Als das Grabtuch hinausgetragen wurde, folgte
sie ihm – alle wichen vor ihr zurück, wie vor dem Grabtuch selbst. Sie
stand ganz nackt da, mit dem Rasiermesser in der Hand: „Im Namen des
Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!“ rief sie aus. Jemand
erwiderte „Amen“. Da erhob sie das Messer und schnitt sich Kreuze hinein
in die Stirn, in die Schultern, in die Arme, in die Brust, und ihr Blut
ergoß sich auf das Grabtuch.
Ein ganzes Jahr oder noch länger lag Jenja im Krankenhaus, wohin man sie
bewußtlos aus der Kirche gebracht hatte. Von den Kreuzen waren keine
deutlichen Male zurückgeblieben, nur eine schwache Narbe auf der Stirn,
aber auch diese war unter dem Haar nicht zu sehen. Und als man fand, daß
sie sich genügend erholt hatte, schickte man sie zu ihrem Vater zurück.
Hatte sie sich nun beruhigt? Nein. Aber sie betete nicht mehr um Strafe.
Tief in ihrem Innern war es still geworden. Mag sein, daß man durch
irgendwelche Heilmittel auf sie gewirkt hatte, oder daß sie, sich
erholend und gesundend, nicht mehr so fein in sich hineinhorchen konnte,
um zu vernehmen, was in der Tiefe redete. Aber bald sollte sie es doch
vernehmen, und ganz unerwartet.
Zu ihrem Vater kam häufig der Buchführer der Plotnikowschen Fabrik,
Alexej Iwanowitsch Marakulin. Jenja gefiel ihm sehr, und er erklärte
sich bald. Da vernahm sie plötzlich, was in der Tiefe sprach.
Niemand wußte bis dahin, wofür sie eine Strafe für sich herabgefleht
hatte, kein Mensch ahnte etwas von den drei qualvollen Jahren und von
dem vierten Jahr ihrer Buße. Nicht einmal dem Priester in der Beichte
hatte sie etwas verraten: sie sprach es in Gedanken unter dem
Epitrachelion, wenn der Priester über ihr gebeugt die Vergebung las. Sie
konnte sich nicht entschließen, ihm etwas zu sagen: es hätte ihm
vielleicht nicht genügt zu erfahren, was sie getan; er hätte sie
jederzeit über die Personen ausfragen können, die mit ihr verkehrt
hatten. Vielleicht hätte er auch angesichts ihres Entsetzens, ihrer
Scham und ihrer Qual, um ihr einen weltlichen Trost zu verschaffen, zu
erfahren gewünscht, wie sich alles zugetragen hatte, und dann gar, über
die Umstände unterrichtet, jene Personen verurteilt und sie selbst von
aller Sünde freigesprochen! Sie aber beschuldigte niemand als sich
selbst, ihr eigenes blendendes und betäubendes Wesen. Außerdem hätte der
Geistliche jene Menschen auch denunzieren können. Jetzt aber wollte sie
es dem Menschen offenbaren, der sie liebte. Sie mußte _alles_ sagen – so
sprach es in ihrem Innern – sie mußte diesem Menschen alles sagen.
Und sie erzählte ihm alles, rückhaltlos. Er hörte milde zu und weinte; –
er liebte sie. Ohne daß er im Innern glaubte, daß es sich nie
wiederholen würde, daß die Geschehnisse dieser drei Jahre nicht
wiederkehren könnten, wollte er es doch glauben, denn er liebte sie.
Ihr ganzes weiteres Leben widmete Jenja ausschließlich ihren Kindern.
Gleich im ersten Jahr ihres neuen Lebens war es, als wäre sie plötzlich
alt geworden, aber es war nicht Alter, sondern jenes Entsetzen, jene
Scham und Qual, die jetzt auf ihrem Gesicht, wie einst die Trauer,
sichtbar wurden und es alt machten. Und ihre Augen, die oft wie
aufgescheucht waren und die Hände stets wie im Gebet gefaltet, als
flehten sie, sie zu schonen und nicht anzurühren, – dies blieb ihr eigen
bis an ihr Lebensende. Im Sarg lag sie mit dem Kreuz auf der Stirn:
unter der Stirnbinde war es jetzt deutlich zu sehen.
Marakulin war damals zehn Jahre alt, aber er konnte sich noch genau an
dieses Kreuz erinnern, an das auf der wachsgelben Stirn unter der weißen
Binde sichtbare Kreuz. Und auch jetzt auf der Fahrt nach Moskau dachte
er daran, und die Erinnerung an das Kreuz der Mutter war in ihm
irgendwie fest und unlösbar mit seinem eigenen goldnen Taufkreuz
verbunden, das ihm vor Weihnachten abhanden gekommen war.
Und Trauer überflutete ihn.
* * * * *
Marakulin reiste nach Moskau auf den dringenden Ruf Plotnikows:
Pawel Plotnikow war mit Marakulin zur Schule gegangen, war aber um zwei
Klassen jünger. Als Marakulin ihn zum erstenmal sah, gefiel er ihm sehr:
es war ein gesunder Knabe, von einer wie Milch und Blut zarten Haut, so
daß man Lust bekam, ihn zu streicheln und mit ihm zu scherzen, um ihn
lachen zu machen. Im ersten Schuljahr hatte Pawel Plotnikow oft
Halsschmerzen, und das weiße Tuch um den Hals machte ihn noch
liebenswerter. Marakulin sprach und scherzte oft überaus freundlich mit
ihm, Plotnikow aber zeigte eine gewisse Scheu. Erst im nächsten Jahr
wurden sie durch einen Zufall einander näher gebracht: Marakulin sang im
Chor mit, und auch Plotnikow wurde in den Chor aufgenommen, ebenfalls
für die Altstimme. Bei den Gesangproben stand Plotnikow neben Marakulin,
und allmählich verlor er seine Scheu vor ihm und schloß sich jetzt enger
an Marakulin an, welcher für ihn alles tat, was er nur konnte: er löste
schwierige Aufgaben, machte die Uebersetzungen für ihn. Diese rührende
und zärtliche Freundschaft dauerte ein Jahr. Darauf war Plotnikow nach
den Sommerferien auf einmal so erwachsen, und es war nichts mehr in ihm
von dem Jung-Katzen- oder Hundeartigen, das Marakulin so gereizt hatte,
ihn wie ein kleines Tier zu streicheln. Marakulin gab sich nun weniger
mit ihm ab, unterhielt sich nicht so freundlich mit ihm wie früher, fuhr
aber im übrigen fort, alles für ihn zu tun, was er nur konnte. Denn
Plotnikow wandte sich oft an ihn, wie an einen ältern, der alles weiß,
was er selbst niemals wissen könnte.
Plotnikow kam in der Schule nicht vorwärts. In der fünften Klasse blieb
er sitzen und wurde aus der Schule genommen. Er war der einzige Sohn
seiner Eltern, dazu der jüngste einer ganzen Reihe von Schwestern, und
wurde fürs Geschäft gebraucht. Das Plotnikowsche Geschäft war in der
ganzen Taganka[8], ja, in ganz Rußland bekannt. Zu jener Zeit war
Plotnikow bereits so dick und groß geworden, daß man bei seinem Anblick
sich schwer den kleinen Buben Pascha mit dem weißen Tuch vorstellen
konnte, jenen wie kuhwarme Milch frischen Pascha, den man gern
streicheln mochte, um ihn lächeln zu machen. Man hätte wohl annehmen
sollen, daß jetzt jede Beziehung zwischen den beiden Knaben aufhören
müßte, aber dem war nicht so. Plotnikow kam manchmal zu Marakulin, um
sich ein Buch zu holen: er bat stets um irgendein Buch zum Lesen, und so
schüchtern, als hätte er Angst. Marakulin gab ihm dann ein Buch, worauf
er sich längere Zeit nicht sehen ließ. Dann konnte er wieder ganz
unerwartet erscheinen, meist zu einer unpassenden Stunde, am frühen
Morgen, und oft in so erregtem Zustand, daß es den Eindruck machte, er
hätte, nachdem er am vorherigen Abend in einem Bierlokal der Taganka
angefangen, die Nacht bis zum Morgen im Restaurant „Ssaratow“ und bei
Jar durchgekneipt, sich morgens in einer Fünfkopeken-Badeanstalt
gewaschen und wäre von da aus direkt zu Marakulin gekommen, – es fehlte
nur der Birkenbesen. Es war in der Tat auch so. Schüchtern gab er das
Buch zurück, brachte ebenso schüchtern vor, daß er es nicht habe
bewältigen können und ein einfacheres haben möchte. Marakulin gab ihm
ein einfacheres Buch, und Plotnikow verschwand wieder für längere Zeit.
In den letzten Schulklassen gab es damals eine zusammengelaufene Bande,
die ungefähr das gleiche miteinander verband, was Marakulin späterhin
mit Glotow verbunden hatte. Es waren einige Tollköpfe mit einem Gefolge
von Nachahmern und sonst Burschen, die sich austoben wollten und aus
denen später die tüchtigsten Geschäftsleute und die unbedeutendsten
Kommis wurden. Mancher von ihnen ergab sich nachher dem Trunk und endete
auf der Ssiworotka. Die Mitglieder dieser Bande waren Stammgäste in
einem Bierlokal an der Taganka, auf den Moskauer Boulevards, an den
Sonntagen im Sommer auch in Kuskowo, denn die Bewohner der Taganka und
der Rogoschskaja ziehen im Sommer nach Kuskowo hinaus. Zu dieser Bande
gehörte auch Marakulin. Zuweilen schloß sich ihr auch Plotnikow an.
Plotnikow, der bis zur Besinnungslosigkeit trank, ließ sich einmal in
einem sehr leichten Anzug – noch leichter angezogene werden auf die
Wache gebracht – auf dem Taganskij-Platz in einen Kampf mit Pferden ein.
Wüst und Beschwichtigungen unzugänglich, betrunken bis zum äußersten,
konnte er die tollsten Sachen anstellen, ganz wahllos, wie es ihm gerade
einfiel, und ließ sich dabei von niemand und von nichts stören. Das war
bekannt. Nur für Marakulin machte er eine Ausnahme. In den äußersten
Fällen konnte einzig Marakulin den wilden, unantastbaren Plotnikow
beschwichtigen und sogar zur Einsicht bringen.
Pawel Plotnikow glich in der Unerschütterlichkeit und unbeschränkten
Willkür, zum eignen Spaß die tollsten Streiche auszuführen, ganz seinem
Vater Wassilij Pawlowitsch. Wassilij Pawlowitsch Plotnikow aber war in
dieser Beziehung der erste auf der Taganka, und seine „Tätigkeit“ wirkte
ansteckend: er hatte nicht wenig Nachahmer. Nur daß Wassilij
Pawlowitsch, der keine einzige, geschweige denn fünf Klassen absolviert
hatte, im Gegensatz zu seinem Sohn niemals wüst wurde und auf den
Plätzen weder mit Menschen noch mit Pferden sich in Kämpfe einließ. Er
war still und sanft; Branntwein kam nie über seine Lippen. Noch in den
letzten Jahren seines Lebens, als Wassilij Pawlowitsch schon alt war,
seine Erfindungsgabe ihn verlassen hatte und er selbst sich wohl bewußt
war, nicht mehr recht auf der Höhe zu sein, kam er auf den Gedanken, zum
Zeitvertreib die Schutzleute zum Trunk zu verführen – er wollte die
ganze Polizei buchstäblich kopfstehen machen. Und er führte diese
Absicht mit der größten Meisterschaft aus, sein Ziel mit allen Mitteln
verfolgend: konnte er es selbst nicht tun, so mußten es seine Leute auf
Befehl ausführen. Als Lockmittel diente ein Wagen, ein ganz gewöhnlicher
alter Wagen, an dem nichts Besonderes war, nicht einmal ein Wappen; denn
den Bewohnern der Taganka kommen Wappen ihrem Stande nach nicht zu. Am
Morgen setzte sich also Wassilij Pawlowitsch ans Fenster und fing einen
Schutzmann ab, der um diese Zeit zum Polizeirevier zu gehen pflegte. Der
Schutzmann wurde dann ins Haus gerufen, irgendeiner Angelegenheit wegen,
die es natürlich gar nicht gab, denn man hütete sich sonst mit der
Polizei zu tun zu haben, aber eine Kleinigkeit, die zum Vorwand dienen
konnte, gab es doch immer. Dabei schlug Wassilij Pawlowitsch dem
Schutzmann vor, sich den Wagen anzusehen, und sein Vorschlag klang mehr
wie eine Bitte. Der geschmeichelte Schutzmann folgte ihm in den
Schuppen, wo schon alles für den Spaß notwendige vorbereitet war. Der
Schutzmann wurde erst herausgelassen, wenn er sternhagelvoll nicht mehr
auf den Beinen stehen konnte. Am nächsten Tag wiederholte sich die
Geschichte und allmählich kam es so weit, daß der Schutzmann alle Würde
beiseite ließ und am Morgen von selbst in den Schuppen kam, um sich den
Wagen anzusehen. Natürlich wurde er bald aus dem Dienst entlassen, an
seine Stelle trat ein andrer, und mit diesem begann die Wagengeschichte
von neuem. Der Ruhm Wassilij Pawlowitschs ließ den Fischhändler
Barabochin nicht schlafen, und seinem Vorbilde nacheifernd verführte er
die Popen zum Trunk. Als Lockmittel diente ihm ein ganz gewöhnlicher
Fischbehälter; nicht etwa, daß sich darin irgendwelche ausgefallenen
fabelhaften ausländischen Fische mit schwer auszusprechenden Namen
befunden hätten, sondern es war ein Behälter mit ganz gewöhnlichen
Sterleten ... Der Wagen sowohl wie der Fischbehälter arbeiteten ziemlich
lange Zeit mit unerhörtem Erfolg, bis ihre Inhaber des Spaßes
überdrüssig wurden. So war Wassilij Pawlowitsch beschaffen, und er ließ
in seinem Sohne Pawel einen Erben zurück, der seiner würdig war.
Zusammen mit dem Wagen hatte Plotnikow von seinem Vater auch sonst noch
allerlei Einfälle zum Zeitvertreib geerbt und hatte dieses Pfund nicht
vergraben, sondern weiter damit gewuchert. Es mochte ihm was immer
einfallen, so beruhigte er sich nicht, bis er es ausgeführt hatte; es
fiel ihm aber manches ein, wovor einem Angst werden konnte. Aber nie
hätte er sich etwas erlaubt, das geeignet gewesen wäre, Marakulin zu
verletzen – Marakulin war eben eine Ausnahme. Und auch das wußten alle.
Dreimal hatte Plotnikow Marakulin seine warme, freundschaftliche
Teilnahme bewiesen: einmal, indem er ihn beschützte, das zweitemal,
indem er ihn einrichtete, und das dritte, indem er ihn befreite. Das
Beschützen bestand darin, daß Plotnikow Marakulin von Strakunow
befreite, indem er Strakunow vor allem Volk und unter Begleitung guter
Lehren tüchtig verprügelte. Auf der Taganka trieb sich damals nämlich
ein gewisser Ssaschka Strakunow herum, ein Durchschlüpfer: der Teufel
mochte wissen, wovon er lebte, er war eben nicht wählerisch. Es gelang
ihm, sich in die Bande, die sich in Kuskowo herumtrieb, einzuschleichen
und Marakulin zu gefallen. Gott weiß wodurch, denn Marakulin selbst
hätte nicht sagen können, was ihn an Strakunow so sehr anzog. Er stammte
wohl von Zigeunern ab und schnitt beständig Grimassen, sonst war an ihm
nichts Hervorragendes. Dieser Bursche plünderte Marakulin förmlich aus,
und alles Geld, das dieser durch Stundengeben verdiente, machte er sich
zur Beute. So ging es einen Monat lang. Als Plotnikow dies erfuhr,
zögerte er nicht lange und beschützte Marakulin.
Ferner: gleich nach Absolvierung der Schule, fast unmittelbar nach dem
Examen, kaum daß er eine Woche die Freiheit genossen hatte, trat
Marakulin bereits in das Bureau an der Kusnetzkajabrücke ein – und das
war Plotnikows Werk.
Die Sommerabende wurden damals auf den Boulevards verbracht. Einmal
lernte Marakulin bei der Donnerstagsmusik in Tschistije-Prudy ein
Mädchen namens Polja kennen. Polja, die erst in der Dämmerung auf dem
Boulevard zu erscheinen pflegte, wohnte auf der Rogoschka, in der
Bahnhofstraße. In Tschistije-Prudy war sie als Polja bekannt, aber
Dunajew, der Marakulin mit ihr bekanntgemacht hatte, nannte sie Dunja,
auch von Poljanskij wurde sie so genannt. Dunajew und Poljanskij waren
seine Schulkollegen, und da sie beide ebenfalls auf der Taganka wohnten,
gehörten sie mit zu der Bande. Bald wurde Polja auch für Marakulin zur
Dunja. Diese nähere Bekanntschaft kam nicht zustande, weil Marakulin sie
so sehr ersehnt hatte, nein, der Grund war ein ganz anderer – purer
Blödsinn. Zu Ostern nämlich hatte Marakulin Poljanskij besucht und war
in einem gewöhnlichen Gespräch über die Schulkameraden – es war kurz vor
den Schlußprüfungen – mit Poljanskij in einen Streit über Dunajew
geraten. „Du bist in Dunajew einfach verliebt,“ bemerkte Poljanskij
eigentümlich lächelnd, „er sieht wie ein junges Mädchen aus, deshalb
nimmst du ihn so in Schutz.“ Marakulin wurde ganz rot und sehr verlegen,
weil Poljanskij so lächelte und weil er selbst sich rot werden fühlte:
sollte er in der Tat Dunajew deshalb verteidigt haben, weil dieser einem
jungen Mädchen glich? – Damit fing es an. Dieser wie ein junges Mädchen
aussehende Dunajew, der auf den Boulevards zu Hause war, bot Marakulin
an, – sei es als Zeichen seines kameradschaftlichen Dankes, oder
„überhaupt so“ – in solchen Angelegenheiten spielt dieses „überhaupt so“
eine wichtige Rolle – ihn mit Polja bekanntzumachen. Marakulin, der
Poljanskijs Worte und vor allem die Art, wie er gelächelt hatte, nicht
vergessen konnte, stürzte sich auf diese Bekanntschaft: jetzt würde
Poljanskij nicht mehr so lächeln. Ein richtiger Knabenunsinn wurde so
zum Anlaß! An einem der Donnerstagabende in Tschistije-Prudy kam die
Bekanntschaft zustande. Marakulin gefiel dem Mädchen auf den ersten
Blick. Gleich in den ersten Tagen, nachdem sie ihn kennen gelernt hatte,
sprach sie es vor Dunajew und Poljanskij ganz geradezu aus. Und als sie
einmal nachts im Bahnhofgäßchen Marakulin aus ihrem Zimmer
hinunterbegleitete, lief sie flink die Treppe voraus, um die Tür
aufzuschließen, versperrte Marakulin den Weg, umarmte ihn fest – ihre
Arme wurden dabei plötzlich ganz kindlich-zart – und steckte ihm ein
Tuch, in dem die Anfangsbuchstaben seines Namens in Kreuzstich
eingestickt waren, ein seidenes, duftendes Tüchlein, in die Tasche. Es
duftete aber nicht nach dem Parfüm, das sie sonst brauchte, wenn sie in
der Dämmerung auf den Boulevard ging, sondern nach einem anderen. Seit
jener Nacht aber trieb es ihn immer mehr von ihr fort, und je mehr sich
Dunja an ihn hing, desto mehr entfernte es ihn von ihr. Gegen Ende des
Sommers wurde ihm ihre Betulichkeit und ihr Auflauern ganz unerträglich:
er konnte sich nirgends mehr vor ihr verstecken. Sie hatte sich vom
Boulevardleben zurückgezogen, putzte sich nur für ihn, parfümierte sich
für ihn mit jenem anderen Parfüm. Dies war für sie ein Opfer: denn es
ist für eine, die von der Straße lebt, ganz unmöglich, Geld für Putz
auszugeben, wenn sie nichts verdient. Und sie hätte auch jetzt noch, so
wie sie war, vorwärts kommen können, wenn sie gewollt hätte: es war
etwas Ungewöhnliches an ihr. Ihre Boulevardfreundinnen behaupteten es,
auch Dunajew und Poljanskij waren dieser Meinung. Auch Marakulin wußte
es – ihre Arme waren damals in der Nacht plötzlich so kindlich-zart
geworden – doch was sollte er tun? Ihr Tuch, das er nie aus der Tasche
nahm und das er gewiß vergessen hätte, wenn er es nicht immerzu hätte
fühlen müssen, dieses Tuch mit seinen in Kreuzstich gestickten
Anfangsbuchstaben, das kleine seidne Tüchlein, zog ihn wie etwas
Schweres hinunter, als wäre es aus Blei und nicht aus Seide, und es
blieb ihm nichts übrig, als entweder es zu verbrennen oder in den
Moskaufluß zu werfen. Er warf es in die Moskau. – Es war Ende August, an
einem der letzten Kuskowschen Feste: die Bewohner der Taganka und der
Rogoschskaja waren im Begriff heimzukehren, – es war der letzte
Sonntagabend, kalt und klar gestirnt. Das Theater war bereits aus und
der Bahnhof voller Menschen. Auf dem Perron spazierte Dunja. Da trat
Marakulin auf sie zu und überschüttete sie mit der ganzen in ihm
aufgesammelten, lange zurückgehaltenen und jetzt plötzlich aufkochenden
Wut, ohne eine Erwiderung abzuwarten, ohne ihr nur Zeit zum Erwidern zu
lassen. Auf einmal brach er ab und ließ sie stehen. Er glaubte jetzt
alles ausgerichtet zu haben: jetzt war er sie los, war er mit ihr
fertig. Und mehr wollte er ja nicht! Zu Dunja gesellte sich darauf
Poljanskij und ging mit ihr auf dem Perron auf und ab. Als sie an
Marakulin vorbeikamen, flüsterte Poljanskij ihm etwas zu, aber so leise,
daß er die Worte nicht verstehen konnte, nur das Lächeln bemerkte er,
das gleiche Lächeln, wie damals zu Ostern. Als dann Marakulin die beiden
von ferne – am anderen Ende des Perrons – wieder erblickte, empfand er
einen brennenden Vorwurf. Je näher sie kamen, desto brennender wurde der
Vorwurf und die Scham in ihm. Und als sie wieder ganz nah an ihm
vorüberging – er stand ganz allein und für sich – und er sie von
Angesicht zu Angesicht sah – da konnte er dies brennende Gefühl des
Vorwurfs und der Scham nicht mehr ertragen: er warf sich ihr zu Füßen
und verneigte sich tief bis zur Erde. Da geschah lautlos offenbar etwas
Unheimliches: denn die Menge stob plötzlich nach allen Richtungen
auseinander. In dem Moment nämlich, da sich Marakulin verneigte, fuhr
der Zug ein, der Bahnhof erdröhnte, der Wind pfiff, – und als er sich
erhob, sah er, daß ein Polizist, vielleicht war es auch ein
Polizeileutnant, Dunja beim Arm fortschleppte. Marakulin begann zu
zittern, begriff nichts, und einzig das scharfe Pfeifen des Windes in
den Ohren, versetzte er dem Polizeileutnant einen Schlag. Es war aber
so, daß der Reviervorsteher Dunja gar nicht arretieren wollte, vielmehr
konnte er sie gerade noch zurückreißen, bevor der Zug sie erfaßte und
zermalmt hätte. Dies erfuhr Marakulin aber, als es schon zu spät war. Am
nächsten Abend erschien Plotnikow plötzlich im Polizeirevier auf der
Taganka, wohin Marakulin aus Kuskowo gebracht worden war, und teilte ihm
schüchtern mit: man würde ihn morgen früh freilassen. In der Tat wurde
Marakulin am nächsten Morgen ohne weitere Folgen entlassen. So hatte ihn
Plotnikow damals aus dem Gefängnis befreit. Das war auch Marakulins
letztes Zusammentreffen mit ihm gewesen.
Alle diese Moskauer Erlebnisse stiegen bis ins kleinste in seiner
Erinnerung auf und ließen Marakulin die ganze Nacht nicht schlafen. Erst
ganz nah vor Moskau schlummerte er ein und hatte einen seltsamen Traum.
Er träumte, Pawel Plotnikow trete zu ihm und spreche schüchtern:
– Das beste, rationellste und psychologischste für dein Leben wäre, dir
den Kopf abzuschneiden.
Marakulin aber antwortete:
– Wie soll ich dann ohne Kopf leben, es ist ja schrecklich ohne Kopf!
– Was ist aber zu machen! – erwiderte Plotnikow und redete ihm zu: es
würde gar nicht weh tun und ihm höchstens seltsam und sonderbar
vorkommen. Und obwohl er ihm auf seine Art schüchtern zuredete, so ließ
er doch keinen Widerspruch gelten.
– Nun, so schneide ab! – willigte Marakulin ein.
Da nahm Plotnikow ein Rasiermesser und machte sich ans Abschneiden. Es
tat wirklich nicht weh, und bald hing der Kopf nur noch wie an einem
Faden nach hinten.
– Noch eine kleine entscheidende Bewegung und der Kopf ist abgeschnitten
– sagte Plotnikow und arbeitete mit dem Rasiermesser.
Und der Kopf fällt zu Boden.
Aber auch ohne Kopf sieht Marakulin alles: er sieht, wie der Kopf
herunterfällt, auf dem Fußboden rollt und verschwindet, und gleichzeitig
schießt aus dem Hals das Blut in einem großen Strahl in die Höhe bis zur
Decke – dickes, kirschrotes Blut. Der ganze Boden ist überflutet, und
auch er ist ganz mit Blut bedeckt. Dann wird die kirschrote Blutfontäne
schwächer, immer schwächer, und bald spritzt das Blut nicht mehr, es
versiegt, und nur ein kleines Bächlein rinnt über die Weste zu Boden.
Marakulin tritt zum Spiegel: seltsam und sonderbar kommt er sich ohne
Kopf vor, – es ragt nur noch der blutige Hals.
– Wie soll ich nun ohne Kopf leben? – Er spuckte aus und erwachte.
Der Traum war ahnungsvoll: seltsam und sonderbar war auch, was dann
geschah.
Bei Plotnikow wurde Marakulin schon erwartet. Der alte Arbeiter Fomitsch
führte ihn gleich zu seinem Herrn ins Arbeitszimmer. Das Zimmer war in
zwei Hälften geteilt. In der einen Abteilung befanden sich Kopien nach
Nesterowschen Heiligenbildern, in der anderen zwei Käfige mit Affen.
Zwischen dem heiligen Rußland und den Affen saß Plotnikow vom Delirium
des Säufers übermannt. Er war ganz mit Honig beschmiert und von der
quälenden Trauer eines Einsiedlers umdüstert. Auf dem Tisch standen
geleerte Flaschen herum, ebenso unter dem heiligen Rußland und vor dem
Affenkäfig.
Er habe keinen Kopf mehr, klagte Plotnikow, sein Mund sei ihm im Rücken,
die Augen in den Schultern. In den Weihnachtstagen habe er sich auf den
Honig gestürzt und ihn samt den Waben verzehrt. Er habe zuviel davon
gegessen und infolgedessen hätten sich Bienen in ihm eingenistet, ein
ganzer Bienenstock. Jetzt sei er ein Bienenstock und fürchte sich sehr,
– Alle seien ja auf das Süße so erpicht – er fürchte, daß man alle seine
Bienen umbringen, den Bienenstock zerstören und ihn auffressen würde! Im
Sommer aber, sobald die erste Fliege auftauchen werde, wolle er sich mit
der Ausbeutung der Fliege als einer motorischen Kraft befassen. Er werde
ganz Rußland in Abteilungen einteilen, mit je einem Fliegenstatthalter
in jeder Provinz. Die Statthalter, mit der Vollmacht von
Generalgouverneuren ausgerüstet, werden die Fliegenlese überwachen und
sie in automatischer Packung in ganz besonders gepanzerten Automobilen
von allen Ecken Rußlands gradewegs nach Moskau, nach der Taganka
befördern. Die russische Fliege werde den Dampf und die Elektrizität
besiegen, Rußland werde England und Amerika zu Staub zermalmen. Er habe
keinen Kopf, sein Mund sei im Rücken, die Augen in den Schultern. Er sei
ein Bienenstock. Die russische Sprache verstehe er nicht und könne auch
nicht Russisch sprechen.
– Ich brauche deinen Elephanten nicht! – schrie Plotnikow, indem er
Marakulin mit seinen betrunkenen Augen von oben bis unten hochmütig
ansah, und schimpfte in so echt russischen Wendungen, ließ solche Blasen
steigen, daß ihm vor der Klangfülle und Kernigkeit der Muttersprache die
Augen aus den Höhlen traten.
Marakulin stand zwischen dem heiligen Rußland und den Affen und begriff
nichts: weder das von dem sonderbaren russischen Fliegenmotor, noch vom
Bienenstock und Elephanten, und es war ihm seltsam und sonderbar zumute.
Sein Schweigen aber begann Plotnikow offenbar zu reizen. Er war nicht
mehr in dem reuig-traurigen Zustand eines Einsiedlers, sondern er
schnaubte.
Die russische Sprache verstehe er nicht und Russisch könne er nicht
sprechen. Mit Hilfe der arktischen Flotte werde Rußland, nachdem es
Europa zermalmt, über Lappland zum Pol ziehen und nicht bloß den Pol
erobern, wo die Fische mit angebratenen Schwänzen leben, sondern alles,
was sich hinter dem Pol befindet, den unbekannten Wohnsitz von Gog und
Magog – und dieses unbekannte Gog und Magog werde Landia genannt werden,
das heißt: das Land. Von dort aus, von dieser hinterpolaren Landia aus,
werde Rußland, das heißt er, Pawel Plotnikow, die unentgeltliche,
allrussische Fliegenkraft als Motor benutzend, die Erdkugel automatisch
regieren und sie nach Gutdünken bald rechts, bald links rotieren lassen,
sie bald aufhalten und bald wieder in Bewegung setzen.
– Du Schuft! – rief Plotnikow plötzlich, – deine Elephanten sind
zerdrückt, ich sage dir, ich kaufe keine zerdrückten Elephanten!
Er ergriff eine Flasche vom Tisch, erhob sich, rot, zerzaust, mit Honig
beschmiert, den Mund wie einen Rachen weit aufgesperrt und holte zielend
mit der Flasche aus.
Marakulin stand zwischen dem heiligen Rußland und den Affen. Er begriff
nichts, weder das von der arktischen Flotte, noch von Gog und Magog,
noch von der Landia und vom Rotierenlassen der Erdkugel nach Belieben, –
und es war ihm seltsam und sonderbar zumute.
Plötzlich aber glitt die Flasche fast schüchtern zu Boden, und ein
rasender tierischer Schrei, erschütternder als jeder Hilferuf, ertönte
so gewaltig, daß die Wände fast barsten, das heilige Rußland zu wanken
begann und die Affen in ihren Käfigen zurückscheuten. Es stöhnte in den
Winkeln des Raumes und dröhnte durchs ganze Haus:
Plotnikow, der sich in seiner bösen Trinkerperiode befand, ohne Kopf,
mit dem Mund auf dem Rücken und den Augen in den Schultern, Plotnikow,
der Bienenstock, der kein Wort Russisch verstand und nicht Russisch
sprach – hatte Marakulin plötzlich erkannt.
– Petruscha, Schuft aller Schufte! – schrie er. Er blieb stecken, drehte
den Kopf wie einen Rüssel, stampfte vor Marakulin hin und her und
spreizte die behaarten Hände wie Fangarme; dabei rüttelte und schüttelte
es ihn, wie ein arktisches Panzerschiff: – Petruschka, du Schuft! –
Er wankte zum Sofa, schlug mit seinem bepanzerten, Gog und Magog
ähnlichen urtümlichen Plotnikowschen Körper auf den Boden zwischen dem
heiligen Rußland und den Affen hin und begann wie ein Bienenstock zu
dröhnen.
Zwei junge Männer, die an der Tür Wache hielten, faßten Marakulin unter
die Arme und trugen ihn wie eine kostbare Truhe aus dem Arbeitszimmer in
den Salon. Ihm entgegen kam auf einen Stock gestützt eine magere alte
Frau, die Mutter Plotnikows, Eudokia Andrejewna in eigener Person.
– Du hast ihn gesund gemacht! – Die Alte konnte vor Erregung kaum
sprechen, und nachdem sie auf altrussische Art ein großes Kreuz
geschlagen, ließ sie den Stock fallen und verneigte sich vor Marakulin
tief bis zur Erde. Einige dunkelgekleidete alte Frauen stürzten aus den
Ecken hinzu, um ihr zu helfen, aber sie wollte nicht aufstehen. Erst
Marakulin gelang es, die Alte zu beruhigen.
Achtundvierzig Stunden schlief Plotnikow, wie ein Bienenstock dröhnend.
Es herrschte eine Stille, als wäre außer ihm, außer dem Bienenstock
keine lebendige Seele im Hause. Diese ganzen zwei Tage ließ man
Marakulin nicht aus dem Hause: er wurde gepflegt, gefüttert, aber seine
Tür wurde verschlossen gehalten.
Man unterhielt sich über den unseligen Pascha[9], über sein Unglück: er
habe sich mit Honig beschmiert und seitdem aufgehört, die Menschen zu
erkennen, selbst seine Mutter hielt er für einen gehörnten Elephanten,
für ein zerdrücktes Tier, und habe Fomitsch befohlen, sie zu erschießen.
Er habe dann in seinem unglückseligen Delirium jammervoll nach Marakulin
gerufen, so jammervoll, wie eine Katze, der man die Jungen entrissen.
– Da erinnerte ich mich – erzählte Eudokia Andrejewna, – daß Pascha, als
er anfing, sich ans Geschäft zu gewöhnen, oftmals ein Buch mitbrachte.
Bei Petruscha, bei Peter Alexejewitsch war er, hieß es, und habe das
Glück mitgebracht. Er glaubt an dich von Kindheit an. Und so dachte ich:
der einzige Retter vor seiner grausamen Krankheit und vor seinem Unglück
kannst du nur ihm sein. Wir baten den Priester von Woskressenje[10], den
Vater Ssemjon, ihn mit Weihwasser zu besprengen, er ließ ihn aber nicht
an sich heran und nannte ihn ein zerdrücktes Tier. Dann wollten wir ihn
nach Chapilowka zum Bruder Iwanuschka bringen, er wollte aber nichts
hören. Dem Arzt Nikolai Fjodrowitsch sei es gedankt. Er hat uns auf den
Gedanken gebracht, dich kommen zu lassen. Du, Lieber, hast ihn geheilt!
– und die Alte bekreuzigte sich auf altrussische Art mit einem großen
Kreuz und verneigte sich tief.
– Durch die Einwirkung des Unreinen, – wie eine grimmige Bestie! –
flüsterten die dunklen Alten in den Ecken.
Und Eudokia Andrejewna schlug Kreuze und verneigte sich tief.
Am dritten Tag erwachte Plotnikow, fuhr, als wäre nichts vorgefallen, in
die Stadt und kehrte erst am Abend wohlbehalten wieder heim. Am Abend
schleifte er Marakulin mit sich ins Wirtshaus zu Lawrow.
Sie saßen wieder wie einst im linken Saal in einer Ecke, und wie einst
spielte der Musikautomat. Plotnikow kramte Erinnerungen aus:
Erinnerungen an die Schule, an die Lehrer, an Tschistije-Prudy und
Kuskowo. Er erinnerte sich sogar an eine besondre Lawrowsche Suppe, die
Marakulin damals so gern gegessen haben sollte. Der Musikautomat machte
traurig: doch nicht daß man Lust bekam, das Vergangene zurückzurufen –
die Vergangenheit lag ja hier vor einem wie auf der flachen Hand –
sondern es war unverständlich, wozu es einmal gewesen war, es sei denn
dazu, daß man sich einmal daran erinnerte. Und in die geheimsten Winkel
seines Lebens hineinschauend, erkannte Marakulin, daß es sich eigentlich
in nichts verändert hatte, daß er damals bei der besondren Lawrowschen
Suppe dasselbe gedacht und gefühlt hatte wie jetzt, nur unklar und nicht
ausgesprochen, mit einem flüchtigen, zufälligen Aufflackern von
Klarheit. Uebrigens, verändern sich denn die Menschen überhaupt? –
Sie saßen wie einst im linken Saal in einer Ecke, und wie einst spielte
der Musikautomat.
– Mit deinem Arkadij Pawlowitsch – sagte Plotnikow, – mit dem
Reviervorsteher, – du hast ihn damals sehr zu Unrecht gekränkt,
Petruscha – habe ich da ... – Plotnikow zeigte in die Richtung der
Separés und schlug sich seufzend auf die Tasche, – Fünfhundert Rubel
verlangte er für den Vergleich, und alles wegen deiner Fenja ...
– Dunja – verbesserte Marakulin.
– Dunja, Fenja, einerlei, – komm mit zu Arkadij Pawlowitsch, Freund, er
wird sich sehr freuen! Er hat, weißt du, für den Moskauer Aufstand ein
Kreuz bekommen, wirklich, und ist auf die Twerskaja versetzt worden – er
wird sich sehr freuen! Und weißt du was noch, Petruscha – Plotnikow
neigte sich zu ihm und sprach ganz leise – ich glaube an dich, wie an
den lieben Gott, und wenn in den Geschäften etwas nicht glatt geht, so
brauche ich nur an dich zu denken, deinen Namen laut auszusprechen, und
sieh, alles geht nach Wunsch. Ich denke darum, wenn mein Ende einst naht
und ich sterben muß, dann werde ich dich rufen, du wirst kommen und
meinen Tod aufhalten. Ich werde wie eine grindige Katze miauen, du aber
wirst mich wieder zum Menschen machen. So denke ich von dir, Petruscha!
Sie saßen wie einst im linken Saal, und wie einst spielte der
Musikautomat.
Doch sonderbar: während Plotnikow sich an alles von früher her
erinnerte, selbst an die besondre Lawrowsche Suppe, die Marakulin gern
gegessen haben sollte, und während er seinen Glauben an ihn bekannte,
war er gar nicht neugierig und fragte auch nicht mit einem Wort, wie es
Marakulin jetzt gehe; und noch sonderbarer war dies, daß Plotnikow, ohne
die Augen von Marakulin abzuwenden, einen ganz anderen zu sehen schien,
nicht Marakulin, sondern Gott weiß wen! Vielleicht sah er in der Tat in
ihm jemand, den man nicht nach seinen Angelegenheiten ausfragen kann.
Man fragt doch die Iwerskaja Mutter Gottes[11] nicht nach ihren
Geschäften! – Und es war Marakulin sonderbar und seltsam zumute.
Noch einen Tag blieb Marakulin bei Plotnikow. Plotnikow führte ihn nach
der Iljinka in den Speicher, dann in das Twersche Polizeirevier zu
Arkadij Pawlowitsch; er war zu Plotnikows großem Bedauern nicht
anwesend. Abends brachte er Marakulin zur Bahn. Und beim Abschied
wiederholte er, daß er an ihn wie an den lieben Gott glaube, und wenn er
einst im Sterben ihn erblicken werde, so werde er sich vom Krankenlager
erheben, wie eine grindige Katze miauen und sich wieder in einen
Menschen verwandeln.
Erst nachts unterwegs fragte sich Marakulin plötzlich, ob er seinen
Aufenthalt in Moskau nicht geträumt hätte.
Das Alles war so sonderbar und seltsam: daß Plotnikow an ihn wie an den
lieben Gott glaubte, daß er sich nach der Iljinka in den Speicher
schleifen ließ, ja sogar zum Reviervorsteher Arkadij Pawlowitsch, – aber
nach Kalitnikowo auf den Friedhof zu gehen, hatte er vergessen. Und er
hätte doch unbedingt hingehen müssen, einen Augenblick am Grabe seiner
Eltern verweilen, es nur ansehen, – nur ansehen und Abschied nehmen!
Und ein Gefühl von Gram überflutete ihn.