Den ganzen Tag von Morgen bis zum Abend lief Wera Nikolajewna herum, um
zu massieren, die Abende verbrachte sie über ihren Lehrbüchern: sie
bereitete sich zum Abiturientenexamen vor, weil sie um jeden Preis in
das medizinische Institut eintreten wollte. Wera Nikolajewna wurde von
Anna Stepanowna unterrichtet, deren Angelegenheiten im Lednjowschen
Mustergymnasium übrigens nicht zum besten standen.
Die Vorsteherin Lednjowa zahlte ihr vorläufig mit Aussicht auf die
geheimnisvollen Equipierungsgelder den Gehalt aus eigener Tasche, und
sie begleitete diesen üppigen Vorschuß jedesmal mit ihren beliebten
Erörterungen über gute Taten, über den Verfall der Moral überhaupt und
über ihre eigene Opferwilligkeit – man denke: in ihrem eignen Gymnasium
gab sie den Unterricht umsonst! –
Nach Anna Stepanownas Erzählungen war in diesem Gymnasium die Hölle los.
Es herrschte ein musterhafter Wirrwarr in dem musterhaften Gymnasium.
Nicht weil da etwa lauter ungezogene Kinder beisammen gewesen wären,
nicht an ihrer Ausgelassenheit lag es, sondern weil man die Schülerinnen
als Einnahmequellen warm halten mußte, und diese Behandlung von den
Kindern ganz richtig eingeschätzt wurde. Natürlich wurden nie Verweise
erteilt, und die Noten mußten so ausfallen, daß die Eltern nicht auf den
Gedanken kommen sollten, ihre Töchter in eine andre Schule zu geben. Die
Lednjowa gab selbst Unterricht und liebte es auch, den Stunden andrer
beizuwohnen und durch allerlei Fragen ihre unbezahlten Lehrer zu
kontrollieren. Es wurde überhaupt nach keinem Programm unterrichtet,
auch nicht nach den Lehrbüchern, die das Unterrichtsministerium
begutachtet und bestimmt. So zum Beispiel waren in der großen
französischen Revolution nicht etwa Robespierre und Marat die Führer,
wie man gewöhnlich lehrt – was bedeutet auch so ein Robespierre oder
Marat! – der Hauptführer war Hugo Capet, der für sein Verbrechen gegen
König Louis zugrunde ging.
Der musterhafte Wirrwarr im musterhaften Gymnasium wurde durch eine
musterhafte Enge und Kälte vervollständigt. Es herrschte darin eine
echte Januarkälte. Die Oefen wurden niemals geheizt, und zwar nicht nur
nicht in den Klassenzimmern – denn so verlangt es das letzte Wort der
Hygiene –, sondern auch nicht im Lehrerzimmer. Es ist wahr, daß die
Kinder nicht sehr darunter litten: sie tanzten, sprangen, tobten herum,
und das Gymnasium war ein wahres Sodom an Lärm. Für die Lehrer war es
weniger bequem, daran teilzunehmen: leise kann man nicht Lärm machen und
laut schickt es sich nicht. Auf alle Vorstellungen hatte die Lednjowa
nur eine Antwort:
– Was fällt Ihnen ein? Sie sollten sich erst das Karrassewsche
Gymnasium, oder das Spaßesche ansehen, dort ist es wirklich kalt!
Diese Antwort der Lednjowa versetzte Anna Stepanowna aus Petersburg in
ihr Purchowez zurück und erinnerte sie an den Inspektor der
Volksschulen, an den berühmten Obraßzow.
Dieser berühmte Mann aber war nicht mehr und nicht minder als der
leibliche Bruder der Vorsteherin Lednjowa.
Rakow, der Historiker, sprach mit großem Respekt von ihm. Nach Rakow,
wäre Obraßzows Name, hätte dieser in der „antiken Geschichte“ gelebt,
unbedingt unter den berühmten Aussprüchen im Tempel zu Delphi
eingegraben worden, und sein Kopf hätte den Giebel des athenischen
Parthenon geschmückt. Und Rakow, der Historiker, irrte sich nie.
Als einmal ein Lehrer sich bei Obraßzow beklagte, daß es in der Schule
naß und kalt sei, nur sechs Grad, da lautete Obraßzows, einer Lednjowa
würdige Antwort folgendermaßen:
– Ich bitte Sie, sechs Grad, das ist ja doch ein wahrer Segen. Im
Pokidoschenschen Gouvernement aber, da kam ich einmal, als ich noch
Inspektor dort war, in eine Schule: die Kinder saßen in Schafpelzen, der
Lehrer im Pelz und in Gummischuhen. Ich sitze ein Weilchen da, bin ganz
durchfroren. Ich will eine Notiz über meinen Besuch machen, doch die
Tinte ist eingefroren. Der Lehrer blies in das Tintenfaß, blies und
wärmte es, es nützte aber nichts, und ich mußte ohne Notiz abreisen.
Eine solche Kälte war da! Bei Ihnen aber ist ein wahrer Segen! – Und als
ein andrer Lehrer sich einmal über die Enge in der Schule beklagte, da
blieb ihm Obraßzow auch die Antwort nicht schuldig:
– Ich bitte Sie – rief er, – Sie haben keine Ahnung von wirklicher Enge.
Im Pokidoschenschen Gouvernement, da kam ich einmal, als ich dort noch
Inspektor war, in eine Pfarrschule: es war auch zugleich das Armenhaus.
Im selben Zimmer die Betten der Armenhäuslerinnen, eine Gans schnattert
in einem Korb auf den Eiern, ein Kalb blökt, und gleich daneben die
Kinderchen auf fünf Bänken, – kein Platz, um auch nur einen Schritt zu
machen, und die Luft so, daß mir der Atem verging. So eng ist es
manchmal, hier aber ist ein wahrer Segen! – Dem Lehrer aber, der von
einer Masse Frösche meldete, die sogar unter die Bettdecke krochen, gab
Obraßzow einen wahrhaft delphischen Verweis, der es gebieterisch
verlangt, Purchowez oder Pokidosch in Rakows Geschichte des Altertums
aufzunehmen.
– Es kann hier von einer Masse gar nicht die Rede sein – rief Obraßzow –
ein Dutzend höchstens hüpft da herum, gleich kommen Sie und nennen das
eine Masse! Sie haben eben nie eine Masse gesehen! Im Pokidoschenschen
Gouvernement, da kam ich einmal, als ich noch Inspektor dort war, in
eine Schule, da wimmelte es an der Decke buchstäblich von Schwaben. Wenn
man die Tür zuschlug, da regneten sie nur so herunter! Das nenne ich
eine Masse. Als ich nach Hause kam und mich auszukleiden begann, da
wimmelten die Schwaben nur so auf mir herum. Meine Frau bekam Angst und
stieß mich sofort in den Frost hinaus, und ich mußte mich draußen
ausziehen. Aber bei Ihnen hier ist ja ein wahrer Segen!
Ja, Rakow der Historiker hatte recht, wie immer.
Doch wenn man den Namen des berühmten Purchowezschen Inspektors unter
den berühmten Aussprüchen im Tempel von Delphi hätte eingraben müssen,
so müßte man die Vorsteherin Lednjowa, welche die große Kunst besaß,
keinen Heller aus ihrer eigenen Tasche auszugeben und die nicht nur ihre
ausgehungerten Lehrer, sondern sogar das Ministerium naszuführen
verstand, – noch großartiger ehren!
Der Winter ging zur Neige. Zugleich mit dem Schnee schmolz der große
schwarze Berg auf dem belgischen Hof zusammen. Der Frühling kam, Ostern
kam.
Freudlos wurde das Osterfest empfangen, so wie das Weihnachtsfest
freudlos vergangen war. Wassilij Alexandrowitsch der Clown hatte das
Krankenhaus verlassen. Seine Ferse war geheilt, dennoch war seine Kunst
unwiderruflich verloren. An der Ferse war etwas nicht richtig, er hatte
gleichsam keine Ferse mehr: er konnte nur bis zur Ecke der Gorochowaja
gehen, bis zum Zeitungsausträger und zurück, nicht weiter. Wera
Nikolajewna riet der Arzt, statt das Abiturientenexamen zu machen, keine
Zeit zu verlieren und nach Abas-Tuman[12] zu reisen: an ihrer Lunge war
etwas sehr nicht in Ordnung – es war etwas wie ein Geräusch oder ein
Zischen. Anna Stepanowna fiel bei der musterhaften Lednjowschen Ordnung
einfach um vor Müdigkeit – und lächelte. Sie lächelte stets ihr krankes,
erschreckendes Lächeln.
Zu Ostern ereignete sich auf dem Burkowschen Hof alles, was jahraus,
jahrein an den hohen Feiertagen sich zu ereignen pflegte, seitdem das
Haus an der Fontanka stand: Unfälle, Begebenheiten, Skandale,
Schlägereien, Prügeleien, Hilferufe, Polizeiwache – doch alles in sehr
gesteigertem Maße und viel lauter als gewöhnlich.
Bei der Hebamme Lebedjowa ereignete sich wieder ein Diebstahl, diesmal
aber wurde ihr kein Pelzmantel gestohlen, sondern zweiunddreißig Rubel,
die sie sich für einen neuen Pelz zusammengespart hatte. Das Geld lag in
einem Strumpf in einer geschlossenen Kommode; der Strumpf fand sich,
doch das Geld war spurlos verschwunden, als wäre es im Ofen verbrannt
worden. Man beschuldigte wieder den Portier Nikanor, er hätte nicht
genügend aufgepaßt, doch wie sollte er aufpassen: den ganzen Tag ist er
auf den Beinen und bei Nacht das Geklingel, und so das ganze Jahr
hindurch! Natürlich war es ein schlauer Dieb, einer von den Hausgenossen
– aber es war nichts zu machen. Der Bäcker Jarigin aus der Burkowschen
Bäckerei legte sich, nachdem er den ganzen ersten Feiertag gesoffen
hatte, abends auf ein Brett schlafen, das über dem Backtrog lag. In der
Nacht hatte er sich wohl ungeschickt umgedreht und fiel in den Teig. Im
Laufe der Nacht hat es ihn eingesaugt, und als man es am Morgen gewahr
wurde, da war es zu spät, nur die Beine ragten noch aus dem Teig. Ein
guter Bäcker war der Jarigin! Stanislaus der Kontorist und Kasimir der
Monteur wollten sich amüsieren und machten zum Spaß Jerkin den
Paßaufseher betrunken. Jerkin aber, der sein Neujahrsgelübde, nicht zu
trinken, das er dem Bruder im Hafen abgelegt, bis nun streng befolgt
hatte, wurde infolge der strengen Enthaltsamkeit nach einem Glas
Pfefferbranntwein toll und begann zu raufen. Das geschah am hellichten
Tage im Hof, während in den „Winkeln“ die Mädchen in den schwarzen
Kopftüchern und die Nonnen, die Almosensammlerinnen in Schaftstiefeln,
für Gorbatschow „Christ ist auferstanden“ sangen. Kasimir entkam,
Stanislaus aber fiel herein: Jerkin nahm ihn auf die Arme, warf ihn zu
Boden, preßte ihn, drückte ihn mit dem Knie und biß ihm die Nase ab. Der
rote Hund des Gouverneurs, der gerade auf dem Hofe war, fraß Stanislaus’
Nase auf. Burkow selbst, der ehemalige Gouverneur, der Selbstvertilger,
vergaß am ersten Ostertag, als er aus einer vornehmen Gesellschaft nach
Hause fuhr, ein Osterei im Wagen, und als er am anderen Morgen den
Verlust bemerkte, meldete er es der Polizei und forderte die
Feststellung des Kutschers, der sich dies offenbar außergewöhnliche Ei
angeeignet hatte; – was man in allen Petersburger Zeitungen am dritten
Tag lesen konnte. Ebenfalls am dritten Tag verurteilten die Kinder im
Hof, Kriegsrecht spielend, Wanjuschka, den Sohn des Portiers Nikanor zur
Todesstrafe durch den Strang und vollzogen das Urteil: sie schleppten
den Knaben in die Wagenremise und hingen ihn vermittelst einer
Pferdeleine auf. Kaum, daß man ihn wieder ins Leben rufen konnte: es war
ein schwächlicher Bub. Er war schon ganz blau und wäre beinahe erstickt.
Schließlich beging das Ehepaar Oschurkow ganz unerwartet Selbstmord.
Niemand im Hof konnte begreifen, weshalb sie es getan hatten. Sie hatten
ja eine Wohnung von zehn Zimmern, alle zehn Zimmer voll von Nippes, und
ein Aquarium mit Goldfischchen. „Es war eine feine Gesellschaft!“
wiederholten die Dienstmädchen einstimmig, jene Köchinnen und
Hausmädchen, die wegen eben dieser Nippes nie lange bei Oschurkows
aushalten konnten.
Kurz nach Ostern, in der Thomaswoche, kam einmal Sergej Alexandrowitsch,
der mit dem Theater einen Vertrag über eine Gastspielreise ins Ausland
geschlossen hatte, zu Marakulin zum Tee. Es kamen auch Wera Nikolajewna
und Anna Stepanowna, und auch Wassilij Alexandrowitsch der Clown, auf
ein Stöckchen gestützt. Es war die Rede von der Damaskinschen
Gastspielreise ins Ausland; Sergej Alexandrowitsch sah in ihr fast so
etwas wie Rußlands Rettung. Er meinte: Rußland, das unter all den
Rakows, Lestschows, Obraßzows, Lednjowas, Burkows, Gorbatschows und
Kabakows erstickte, dieses Rußland werde sich zum erstenmal mit seiner
Kunst der Stadt der großen Männer, dem Herzen Europas – Paris, zeigen
und es besiegen.
– In der Tat, – rief Sergej Alexandrowitsch, indem er sich wie auf dem
Theater reckte, – laßt uns doch alle hinfahren! Alle müssen wir ins
Ausland, wenn auch nur für einen Monat, für eine Woche, gleichviel, nur
um einen Blick zu tun, und um uns von dieser ganzen Burkowerei zu
erholen. Auch du, Wassilij, auch dich schleppen wir mit! Und auch Sie,
Wera Nikolajewna, denken Sie nicht mehr an Ihr Abas-Tuman!
– Wo nehmen wir das Geld zur Reise? fragte Anna Stepanowna und lächelte.
– Wie? wieso Geld?
– Wie kommen wir ins Ausland? – bemerkte Wera Nikolajewna.
– Du hast dich verstiegen, Bruder, mit deinem Paris, meine ich!
– Ich werde das Geld schaffen – rief Marakulin, der sich plötzlich an
Plotnikow erinnerte, – ich werde uns tausend Rubel verschaffen! –
Marakulin sagte es so fest und überzeugt, daß es alle mit Glauben
erfüllte, und man sprach nicht mehr vom Gelde.
So wurde der Beschluß gefaßt: Alle reisen ins Ausland, nach der Stadt
der großen Männer, ins Herz Europas – nach Paris. Sie bekamen ganz heiße
Köpfe und schmiedeten allerlei Pläne. Die Einzelheiten dieser Pläne
wurden mit solcher Begeisterung und mit solchem Glauben ausgemalt, als
wäre in der Tat Rußlands Rettung, – ihre Rettung mit dieser Reise
verbunden, und sie brauchten bloß die Grenze zu überschreiten, damit die
Rettung sich vollziehe.
Dort, in Paris wird Anna Stepanowna ihren Platz auf Erden finden, ihre
Seele wird sich aufrichten, und sie wird anders lächeln können. Dort, in
Paris wird Wera Nikolajewna sich erholen und ihr Abiturientenexamen
machen. Dort, in Paris wird Wassilij Alexandrowitsch wieder das Trapez
besteigen und seine Künste zeigen können. Dort, in Paris wird, während
Sergej Alexandrowitsch tanzend das Herz Europas besiegt, auch Marakulin
seine verlorene Freude wiederfinden.
Man müßte Werotschka finden – dachte Marakulin plötzlich, und er sagte:
wir müssen auch Werotschka mitnehmen, damit sie dort in Paris zu sich
kommt. Entweder sie wird dort eine große Schauspielerin und rächt sich
so an Anissim Wakujew, oder noch besser: mag dort Ruhe über sie kommen
und der Friede Gottes, daß die Rache in ihr still wird, und sie verzeiht
ihm.
Als er dies sagte, waren alle einverstanden, daß man auch Werotschka
mitnehmen müsse. – Ich bin Werotschka begegnet – erzählte Wera
Nikolajewna, – Sie waren damals in Moskau. Ich gehe einmal abends durch
die Gorochowaja nach Hause, da kommt sie mir entgegengelaufen. Es war
kalt, der Sturm pfiff, und sie lief in einem Sommerjäckchen herum, ein
weißes Tuch um den Kopf. „Werotschka!“ rufe ich. Sie blieb stehen, sah
mich an, aber so sonderbar. Sie zitterte am ganzen Leibe. „Werotschka,“
sage ich, „kommen Sie Tee trinken, kommen Sie zu uns Tee trinken!“ Sie
aber richtet ihr Kopftuch, zittert am ganzen Leibe und schüttelt den
Kopf. Es war auf der Ssemjonowschen Brücke, – eine furchtbare Kälte, der
Sturm pfiff ...
Noch am selben Abend wurde der Brief an Plotnikow geschrieben, und am
nächsten Morgen eingeschrieben nach Moskau abgeschickt. Marakulin
glaubte so fest, daß das Geld kommen würde, er glaubte so fest an die
tausend Rubel von Plotnikow, wie Plotnikow selbst an Marakulin glaubte.
Inzwischen begab sich Adonja Iwoilowna auf ihre Pilgerfahrt. Sie zog
nach Jerusalem, wo der Weihrauch nie verduftet und wo die Kerzen
brennen, die nie verlöschen. Dort wird sie im Jordanfluß baden und sich
mit Wermut abtrocknen, damit all ihr Gram wie Tannenrinde von ihr
abfalle, all ihr Kummer und ihre Tränen. Dann wird sie Paraschas Schiffe
verstehen, und die Erde am Grabe ihres Mannes auf dem Smolenskischen
Kirchhof wird nicht mehr abbröckeln.
An den Abenden war Akumowna frei und legte Karten. Sie zeigten für jeden
eine große Veränderung an und einen Weg, und für Marakulin außerdem noch
Gras und Tannen, wie damals vor seiner Reise nach Moskau, nur daß die
Tannen jetzt nicht mehr am Rande, sondern ganz nahe bei ihm lagen. Bei
Wera Nikolajewna lagen sie am Rande.
– Ein fröhlicher Weg! – flüsterte Akumowna.
– Wir fahren nach Paris, Akumowna, ins Herz Europas!
– Wollen wir nicht auch Akumowna mitnehmen? Ist Akumowna einverstanden,
mit uns nach Paris zu gehen? – fragte Sergej Alexandrowitsch zwinkernd.
– Gewiß. Ich komme mit. Neun Jahre habe ich keine Luft geatmet. Da werde
ich aufatmen.
Akumowna ließ sich nicht lange bitten, denn sie wäre bereit gewesen,
Sergej Alexandrowitsch nicht nur nach Paris, sondern sogar bis ans Ende
der Welt zu Fuß zu folgen.
– Ausgezeichnet! Wir lassen also die Sklavin Kusjmowna hier, um die
Wohnung zu hüten, und adieu Rußland! Man muß alles von sich abschütteln!
– Und vor Ueberschwang der Gefühle und Hoffnungen auf den Erfolg
Rußlands, oder auf seinen eigenen Sieg im Herzen Europas, begann Sergej
Alexandrowitsch mit den Füßen zu flattern, wie ein Hahn mit den Flügeln.
– Man soll dann schon auch Weruschka mitnehmen. Die wird hier zugrunde
gehen, die Unverschämte! – sprach Akumowna, an ihre Wera denkend, die
auf dem Burkowschen Hof längst zugrunde gegangen war.
– Auch deine Weruschka nehmen wir mit, Alle werden wir im Auslande sein!
Akumowna legte liebevoll Karten für Sergej Alexandrowitsch.
– Unser Priester in Turij-Rog – erinnerte sich Akumowna plötzlich, – er
war ein guter Mann, ein großer Büßer, der Vater Arsenij! Vor seinem Tode
erhob er sich und fragte: „Sind die Pferde bereit?“ – „Was für Pferde,
ehrwürdiger Vater?“ – „Ich habe ja eben ein Paar getraut, man ladet mich
zur Hochzeit ins Ausland!“ sagte er und starb.
– Ein Pope stirbt wie ein Pope! – sagte Sergej Alexandrowitsch lächelnd
und verfolgte weiter die Karten.
Marakulin aber fühlte plötzlich, wie es in seinem Innern zuckte, als
würde etwas in ihm brechen, doch die Hoffnung rüttelte und richtete ihn
wieder auf. Alle seine Hoffnungen waren jetzt auf Plotnikow gerichtet,
und er konnte an nichts andres denken. Die Hoffnungen waren Mächte.
Der Mai kam. Auf dem belgischen Hof erhoben sich die weißen Zelte,
Ziegelsteine und Sand wurden angefahren, und die Instandsetzung des
Hauses begann. Abends erklang schluchzend die Balalaika, – von dieser
armseligen nichtrussischen Habe gab es viel auf dem Burkowschen Hof –
und aus den Fenstern reckten sich die während des Winters zerzausten,
ausgehungerten Köpfe, in der Hoffnung, sich in der Maisonne etwas zu
erwärmen.
Von Plotnikow aber kam noch immer keine Antwort. In Marakulins Herz
schlich sich eine unheimliche Unruhe; er fürchtete, es sich selbst zu
gestehen und sprach zu niemand davon. Die Antwort wird kommen, sie muß
kommen! Sie müssen und sie werden im Ausland sein, in der Stadt der
großen Männer, im Herzen Europas, in Paris!
Dort, in Paris wird Anna Stepanowna ihren Platz auf Erden finden, ihre
Seele wird sich aufrichten, und sie wird anders lächeln können; dort, in
Paris wird Wera Nikolajewna sich erholen und ihr Abiturientenexamen
machen; dort in Paris wird Wassilij Alexandrowitsch wieder das Trapez
besteigen und seine Künste zeigen, und dort in Paris wird auch
Marakulin, während Sergej Alexandrowitsch im Tanz das Herz Europas
besiegen wird, seine verlorene Freude wiederfinden. Er wird Werotschka
finden, und in Paris wird Werotschka eine große Schauspielerin werden,
Gottes Friede wird über sie kommen. Dort, in Paris wird von Akumowna,
die als rollender Stein bis nach Paris gelangt sein wird, der väterliche
Fluch weichen, sie wird Luft atmen, die sie neun Jahre nicht geatmet
hat, und sie wird es nicht mehr nötig haben, bis zum Kaiser
vorzudringen, oder Aufguß von Pferdemist zu trinken. Dort, in Paris wird
ihre Wera nicht zugrunde gehen, die auf dem Burkowschen Hof schon längst
zugrunde gegangen war.
Der Glaube besiegte jeden Zweifel, zerstreute durch seine Kraft und
Festigkeit jedwede Unruhe. Marakulin glaubte an die Plotnikowschen
Tausend, wie Plotnikow an ihn selbst. Eine Woche nur blieb noch bis zu
Sergej Alexandrowitschs Abreise ins Ausland. Es wurde beschlossen, daß
er mit seinem Theater vorausfahren und von dort, aus Paris, schreiben
sollte. Inzwischen wird das Geld angekommen sein, und dann wird fast der
ganze Burkowsche Hof von der Fontanka geradeaus nach Paris aufbrechen.
Doch diese Woche, voll von Unruhe, Erwartung und Schwanken zwischen
Glaube und Zweifel, zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, bestimmte
von selbst alles auf ihre Weise.
Im Gymnasium bei Anna Stepanowna waren die Prüfungen vorüber, und
offenbar waren jetzt endlich die geheimnisvollen Equipierungs-,
Wohnungs- oder Reisegelder – jeder nannte sie anders – angekommen. Und
da diese Gelder dort nur einmal ausgezahlt wurden, wurde Anna Stepanowna
natürlich von der Lednjowa gekündigt. Für Anna Stepanowna, meinte die
Vorsteherin, sei es zu schwer am Gymnasium, sie sei auch nicht ganz ohne
Tadel, sie trage zum Beispiel eine halsfreie Bluse, das schicke sich
nicht; auch lächle sie so eigentümlich, – dieses Lächeln mache Seine
Ehrwürden, den Religionslehrer Aristowulow verwirrt, das schicke sich
auch nicht; man könnte ja sagen: im Lednjowschen Mustergymnasium werde
Seine Hochwürden durch eine Lehrerin verdorben, und das wäre schon ganz
fatal! – Mit einem Wort: wenn der Mensch die Absicht hat, zu irgendeinem
ihm notwendig erscheinenden Zwecke einen anderen zu beschmutzen, so gibt
er sich Mühe, – dazu ist er ja ein Mensch. Selbstverständlich ertranken
die halsfreie Bluse und der Priester Aristowulow, der von Anna
Stepanowna verdorben wurde, in den beliebten Betrachtungen der Lednjowa
über gute Taten überhaupt, über den Verfall der Moral und über die
Sittenverderbnis, über die junge Sache, die man fördern und über die
Opfer, die man ihr bringen müsse: sie, die Lednjowa selbst, gebe in
ihrem eigenen Gymnasium Unterricht umsonst, außerdem ernähre sie zwanzig
Lehrer! Ganz Petersburg kenne sie sehr gut, sie, die Vorsteherin
Lednjowa, und die Generalin Cholmogorowa selbst sei ihre Freundin.
So einfach war das Ende bei Anna Stepanowna, sehr einfach. Und sie ging
lächelnd – mit jenem Lächeln, das in der Seele weh tat – ihren Weg, der
sie von Leschtschow zu der Lednjowa führte, und von der Lednjowa zur
Petrowa, zu irgendeiner Seelenschwester der Lednjowa führen wird, bis
sie endlich aufhören wird zu lächeln.
Endlich kam die so lange, so ungeduldig, so viel erwartete Antwort von
Plotnikow: Plotnikow ließ Marakulin durch die Bank fünfundzwanzig Rubel
anweisen. So reiste denn Sergej Alexandrowitsch allein mit dem Theater
ins Ausland, nach Paris, um mit der russischen Kunst das Herz Europas zu
besiegen. Vor der Abreise mietete er eine Sommerwohnung in Finnland und
überredete Wera Nikolajewna und Anna Stepanowna zusammen mit Wassilij
Alexandrowitsch, der noch immer sorgsamer Pflege bedurfte, und damit er
sich ohne Ferse und mit seinem Stöckchen nicht zu sehr langweilte,
hinauszuziehen. Mit der Sklavin Kusjmowna an der Spitze zogen sie also
statt nach Paris nach Tur-Kilja: Wera Nikolajewna, Anna Stepanowna und
Wassilij Alexandrowitsch, der Clown. Nur Marakulin und Akumowna blieben
zurück, um auf dem Burkowschen Hof zu übersommern.
– Ich werde zum Kaiser gehen: die Hände so, wie im Sterben, und werde
alles sagen. Ich werde zum Kaiser gehen, nackt, splitternackt; die Hände
so, wie im Sterben, und werde ihm alles erzählen.
Aber Marakulin erwiderte Akumowna nichts mehr, nicht einmal mit ihren
eigenen Worten, die ihr Wahlspruch, ihr Sterbegebet – die Sühne und der
Lohn für alle Taten waren: Man darf niemand beschuldigen! – Alles war in
ihm still und taub geworden.
* * * * *
Der eine muß verraten, um durch den Verrat seine Seele aufzuschließen
und in der Welt er selbst zu sein, der andere muß töten, um durch den
Mord seine Seele zu finden und wenigstens als er selbst zu sterben.
Marakulin aber mußte offenbar eine Quittung ausfertigen – aber nicht an
die Person, der sie zukam –, um seine Seele zu erschließen und in der
Welt nicht ein beliebiger Marakulin zu sein, sondern als dieser Peter
Alexejewitsch Marakulin, der er war, sehen, hören und fühlen.
Aber er ertrug es nicht, dieses Leben für nichts: nur sehen, nur hören,
nur fühlen, und flehte um Ruhe. Da erfand er die Generalin – die
unsterbliche, sünden- und schmerzenlose Laus, erdachte er ihr
königliches Recht, in der Hoffnung, dadurch seine verlorene große Freude
wiederzugewinnen. Schon begannen auf seinem glatten, geraden,
hoffnungslosen Weg, wo der letzte Schatten, die letzte Spur der Hoffnung
sich verlor, jene leisen und wie die Raupen haftenden, bösen, dunklen
Mächte der herannahenden Verzweiflung zu arbeiten, das feste Mark und
die Wurzel seines Lebens anzunagen und ihn vom Leben abzulösen.
Vom Morgen bis zum Abend lief Marakulin in Petersburg herum, jagte von
einem Ende zum anderen, von Schlagbaum zu Schlagbaum, von Viertel zu
Viertel, – er lief herum wie eine Maus in der Falle. In seiner Tasche
lag der neue Plotnikowsche Schein, die fünfundzwanzig Rubel, wie einst
Dunjas neues seidenes Taschentuch mit den in Kreuzstich eingestickten
Anfangsbuchstaben seines Namens, und er vergaß den Schein wie er einst
Dunjas seidenes parfümiertes Tuch vergessen hatte.
Und dennoch, welch zähes Leben steckt doch im Menschen! Hin- und
hergeworfen, geschlagen läuft er wie ein geschlachteter Hahn auch ohne
Kopf herum, als wollte er auch ohne Kopf nach Körnern suchen, und bläht
sich noch auf! Marakulin fand nämlich eine Beschäftigung, er fand etwas,
um sich Luft zu machen; er machte eine Entdeckung, die in ihrer
Tragweite dem betrunkenen Plotnikowschen Projekt, die Fliege als Motor
auszubeuten, wahrlich in nichts nachstand:
Man braucht bloß auf die Straße hinauszugehen, um ganz unabhängig vom
eigenen Willen unter die Herrschaft eines besonderen Gesetzes der Straße
zu geraten, und deine Art aufzutreten und deine Haltung hängt nicht mehr
von dir ab, sondern von der Welle oder vom Strom, in den du geraten
bist. Gerätst du in die eine Welle, dann ist dir so, als machten sich
alle über dich lustig, als schnitten dir alle Grimassen, die Frauen
kichern, die Männer schieben ihre Lippen vor und spitzen sie wie zum
Pfeifen. Da kommt eine andre Welle herangerollt, und das Bild ist
plötzlich verändert: die Männer haben bestialische, düstre, drohende
Gesichter, man begegnet selten einer Frau, und wenn eine vorübergeht, so
ist sie ganz allein; sie geht und lacht, sieht niemand, als wäre sie
blind, und lacht zu sich selbst. Wieder eine neue breite Welle: – lauter
Frauen – und es ist einem, als gäbe es keine böseren Augen, kein böseres
Lächeln; sie betrachten einander, sie stechen mit den Augen und lächeln,
als wollten sie mit ihrem Lächeln einander verbrühen, die bösen Weiber.
Da rollt noch eine Welle heran: Menschen, gewöhnliche Menschen, – sie
gehen dicht zusammen gedrängt und sind munter. Aber man sieht keine
Kinder unter ihnen, nur ausgemergelte, verkrüppelte Zwerge mit schlaff
wie Peitschen herabhängenden Armen und riesengroßen, nach vorn gebeugten
Köpfen. Und so noch viele verschiedene Wellen. Es gibt auch
zurückflutende Wellen. Gerätst du da hinein, so treibt es dich vom
großen Strom ab, und alles jagt an einem vorbei: alte Männer, Kinder,
alte Frauen, Straßenbahnwagen und Automobile.
Als Marakulin diese Entdeckung gemacht hatte, stürzte er sich auf sie
mit der gleichen Hartnäckigkeit, wie einst über den Bericht an den
Direktor. Er war ja jetzt eigentlich wie tot, man hatte ihn ja bereits
begraben. Er erinnerte sich an die Worte, die der Kassierer Alexander
Iwanowitsch Glotow damals im Theater zu ihm gesprochen hatte: „Und wir
haben dich schon längst begraben, weißt du, Petruscha!“ Ja, seit langem
hatte man ihn begraben, und er konnte wie ein Toter, wie eine Leiche,
wie einer aus dem Jenseits leicht, unauffällig und unparteiisch die
Diesseitigen, die Lebenden beobachten. Und jetzt wollte er seine
Entdeckung überprüfen.
Doch wozu sie prüfen, was für einen Sinn das haben sollte, wer diese
Entdeckung brauchte, welchem Toten, welcher Leiche, welchem Gespenst aus
dem Jenseits, oder welchem Lebenden zum Spaß oder zu Nutzen sie dienen
sollte? – das fragte er sich nicht, das ging ihn nichts an; – in ihm war
alles stumm und taub geworden – es war eben zwecklos und nichts mehr als
das Sichaufblähen des geköpften Hahns.
Doch auch darin irrte er sich. Er hatte keine Zeit mehr zum Prüfen.
Eines Nachts, als er auf dem Newsky ging, traf Marakulin Werotschka. Es
war so: an dem Wartturm des Magistrates wurde Razzia gemacht, und wie
immer in solchen Fällen, liefen auf dem Newsky etwa hundert sinnlos
herausgeputzte Weiber herum, die sich auf die Passanten stürzten und sie
anflehten, sie ein kleines Stückchen zu begleiten. Unter diesen Weibern
fiel ihm eine auf, die ebenso besinnungslos wie die anderen, vom
Bürgersteig auf den Damm und vom Damm auf den Bürgersteig sprang. Sie
war ganz schwarz gekleidet. Als sie am Schutzmann glücklich vorüber war,
lief sie zur Anitschkowschen Brücke. In dieser einsamen Dunklen – alles
war schwarz an ihr: das Kleid, der Hut, die Handschuhe – erkannte er
Werotschka. Da erinnerte er sich an den neuen Plotnikowschen
Fünfundzwanzigrubelschein, befühlte ihn in der Tasche – er war jetzt
kein Bettler mehr – und stürzte ihr nach. Aber an der Anitschkowschen
Brücke mischte sich Werotschka unter die Menge und verschwand ihm aus
den Augen.
– Werotschka! – rief er, indem er sich bald nach der Fontanka und bald
nach dem Newsky umsah, – Werotschka! – und etwas Schwarzes, Kaltes wand
sich wie eine Schlange um sein Herz.
Am nächsten Morgen war das erste, was in ihm als Gedanke und Entschluß
erwachte, der feste Vorsatz, schon am frühen Abend auf den Newsky zu
gehen und Werotschka aufzulauern. Den ganzen Tag blieb er zu Hause. Es
war Donnerstag vor Pfingsten, und Akumowna hatte heute vor, besonders
ausgiebig Karten zu legen: nach ihr war das ein günstiger Tag zum
Wahrsagen, auch Träume in dieser Nacht geträumt, sollten die Wahrheit
künden.
Auf den Burkowschen Hof kamen wandernde Musikanten: eine Harmonika und
ein Tamburin.
Die Harmonika spielte ein Handwerker, wohl irgendein Schlosser oder
Wasserleitungsarbeiter, ein großgewachsener dunkler Mann, das Tamburin
schlug ein kleines Mädchen in einer Matrosenbluse und Matrosenmütze; sie
war etwa zwölf Jahre alt, man konnte es genau nicht feststellen. Das
kleine Mädchen hatte nur ein Bein. Sie stützte sich auf einen Stock und
hielt das Tamburin auf dem gebogenen Knie.
Das kleine Mädchen sang zur Harmonika.
Sie sang ein Lied, wie es in Fabriken gesungen wird, mit fremden Versen
durcheinandergemengt, wie: „Ich werde auf den Grund des Meeres tauchen,
ich werde fliehen zu den Wolken hinan,“ sie sang aus Zigeunerliedern von
Troikas und von feurigen Augen und gefühlvollen Tränlein. Plötzlich
brach auch eine uralte Weise durch. Sie sprach rein und deutlich aus, so
daß man jedes Wort verstehen konnte. Aber nicht am Wort lag es. Mit
einem vollen tiefen Alt sang das kleine Mädchen und schlug das Tamburin
dazu. Von der Weite der Steppe und der Unermeßlichkeit des Meeres war
das Lied getränkt. Und das Tamburin schlug, wie das Herz schlägt.
Die Musikanten wurden von den Kindern umringt; sie ließen ihre wilden
Spiele und ihre wilden Arbeiten, sie standen still herum und wandten
kein Auge ab von dem einbeinigen kleinen Mädchen, wie einst von der
Katze Murka, die sich vor Schmerz auf den Steinen gewälzt hatte. Und das
Mädchen sang. Der Perser, der Masseur aus der Badeanstalt – er hielt
sich stets in der Nähe der Kinder auf – der schwarze Perser hockte sich
ebenfalls hin und rollte seine Augäpfel. Und das Mädchen sang. Mit einem
vollen tiefen Alt sang das kleine Mädchen und schlug das Tamburin im
Takt zu. Von der Weite der Steppe und der Unermeßlichkeit des Meeres war
das Lied getränkt. Und das Tamburin schlug, wie das Herz schlägt.
Die Kinder rückten immer näher zu dem einbeinigen Mädchen, als wollten
sie es nicht von sich lassen. Nun verdeckten sie es ganz, so daß man es
nicht mehr sehen konnte, und es schien, es singe die Erde und die
Steppe, das Meer – die Weite und Unermeßlichkeit, das Herz der Erde. Und
man fürchtete, daß das Lied bald zu Ende sein und das Mädchen zu singen
aufhören und fortgehen würde. Man wollte nicht, daß sie fortgehe.
Aber der Gesang war zu Ende. Es spielte nur noch die Harmonika allein.
Das kleine Mädchen humpelte, auf den Stock gestützt, über den Kies und
schien sich mit dem hingehaltenen Tamburin im Hof zu drehen und sah ohne
Lächeln mit ihrem offenen, reinen Gesicht nach oben zu den Fenstern
hinauf, wie die Katze Murka zu den Fenstern hinaufgesehen hatte, als sie
sich vor Schmerz auf den Steinen wälzte.
Akumowna begann so seltsam kindlich und bitter zu weinen, sicher weil
sie an ihren Fluch: „Wie ein rollender Stein um die weite Welt“ dachte.
Marakulin stürzte auf die Straße und holte die Musikanten, die schon vor
dem Tor waren, ein.
– Wie heißt du, kleines Mädchen? – fragte er, ihre Hand berührend.
– Marja – antwortete das Mädchen, indem sie, ohne zu lächeln, ihm ihr
offenes, reines Gesicht zuwandte.
Auch der Harmonikaspieler blieb stehen, zog seine Mütze. Es war wohl der
Vater. Er war von dunkler Farbe und rauh.
Marakulin nahm Plotnikows neuen zerknüllten Schein, steckte ihn dem
kleinen Mädchen in die Hand und ging fort, ohne sich umzusehen. Und als
wollte es ihn einholen, so strömte das breite Lied. Von der Weite der
Steppe und von der Unermeßlichkeit des Meeres war das Lied getränkt. Und
das Tamburin schlug, wie das Herz schlägt.
Er ging seinen glatten, geraden Weg nach dem Newsky. Schon sank die
Nacht herab. Dort auf dem Newsky wollte er auf Werotschka warten. Die
ganze Nacht wird er auf sie lauern. Und er wird sich nicht irren. Es war
ja eine weiße Nacht – die weiße Nacht trügt nicht.
Die weiße Nacht trügt nicht: ein Mädchen ganz in Schwarz stieß ihn an
und lief, das Kleid raffend, in der Richtung der Anitschkowbrücke. Alles
an ihr war dunkel, das Kleid, der Hut, die Handschuhe – er erkannte
Werotschka und stürzte ihr nach. Aber an der Anitschkowbrücke mischte
sich Werotschka unter andere Frauen – sie war nicht allein in Schwarz.
– Werotschka, Werotschka! – rief er, jeder Dunklen in die Augen
schauend. Es waren aber ihrer nicht zwei, nicht drei, es waren ihrer
eine ganze Menge. Und alle wichen ihm aus, sammelten sich und schlichen
wieder an ihn heran, leise und unmerklich, dunkel und still. Und etwas
Dunkles und Kaltes umwand wie eine Schlange sein Herz.
Und nachts, in der Donnerstagnacht vor Pfingsten, träumte Marakulin, als
säße er am Tisch beim Samowar in einem großen vollgestellten Zimmer, und
alles war hingeworfen und zerstreut, wie nach einer Vorbereitung zur
Reise, und lauter unbekannte Menschen waren im Zimmer, alle so müde und
niedergeschlagen. Und neben ihm saß – er wurde es mit Ekel gewahr – eine
stülpnasige Frau mit großen Zähnen und nackt, und mit ihr noch jemand in
dunklen Kleidern. Sie beugten sich über dem Gerümpel und ordneten die
Lumpen. Verdrossen nahm er ein Glas und zielte nach dem leeren, nackten
Schädel.
Sie aber, die stülpnasige Nackte mit den großen Zähnen, erhob sich und
wandte sich zur Tür.
– Am Sabbat – sie klapperte mit den Zähnen und lachte – vergiß nicht,
Akumowna ein Pfund zu geben – sie klapperte mit den Zähnen und lachte, –
und die Mutter wird in Weiß sein – sie lachte und zeigte ihre großen
Zähne.
– Was für ein Pfund? Graupen etwa? – begann er erbittert zu streiten,
als stritte er um sein letztes Recht, sich keinem Termin, keinem Sabbat
zu fügen – ach was, red’ keine Dummheiten! oder ein Pfund Sterling, ja?
– Am Sabbat – lachte die stülpnasige Nackte mit den großen Zähnen, und
schon klapperte sie, ohne sich umzusehen, die Steintreppe hinunter auf
den Hof.
Im Hof aber – es war ja Burkows Hof – strömten alle Einwohner aus allen
Wohnungen, aus dem Seitenflügel und aus den Gorbatschowschen Winkeln
zusammen: alle sieben Hausmeister – der erste Hausmeister Michail
Pawlowitsch und Antonina Ignatjewna, seine Gemahlin, der Paßaufseher
Jerkin, Stanislaus der Kontorist mit der abgebissenen Nase, und Kasimir
der Monteur, der Portier Nikanor und Wanjuschka, Nikanors Bub, den die
kleinen Kinder zum Tode durch den Strang verurteilt hatten, und die
kleinen Kinder, die ihn verurteilt hatten, und der Perser, der Masseur
aus der Badeanstalt, und das kleine Mädchen, das einst Murka Milch
gebracht hatte, und die Schuster, Bäcker, Bademeister, Friseure,
Schneiderinnen, Weißnäherinnen, eine Schwester aus dem Obuchowschen
Krankenhaus, Kondukteure, Maschinisten, Kürschner, Schirmmacher,
Bürstenmacher, Wasserleitungsschlosser, Setzer und allerlei Mechaniker
und elektrische Arbeiter mir ihren Familien, allerlei „Fräulein“ von der
Gorochowaja und vom Sagorodny-Prospekt, Nähmädchen, Mädchen aus der
Teestube, und elegante junge Leute aus den Badeanstalten, die die
Petersburger Damen auf Wunsch bedienen, und die Alte, die an der
Badeanstalt Sonnenblumensamen und allerlei Kram feilbietet,
stellungslose Köchinnen, Maler, Tischler, fliegende Händler – mit einem
Wort: der ganze Burkowsche Hof – ganz Petersburg.
Und alle sehen nach oben zum Fenster hinauf, wie Murka hinaufgesehen
hatte, als sie vor Schmerz sich auf den Steinen wälzte, wie die
wandernde Sängerin hinaufgesehen, als sie sich im Hof auf ihrem einen
Bein herumdrehte, mit dem Tamburin in der Hand.
– Was hat sie gesagt? – fragt jemand Marakulin.
Und Marakulin steht am Fenster, wie der Starez Kabakow, der durch Gebete
die Stimme des Himmels befragt, – so steht er vor dem Volk.
– Einer von uns wird sterben! – sagt Marakulin.
Und zur Antwort flüstert der ganze Burkowsche Hof in Todesbangen:
– Bin ich’s, Herr? – Bin ich’s, Herr?
Und hoch oben, viel höher als die vier belgischen Ziegelschlote mit den
Blitzableitern, schweben wie grüne Vögel grüne Aeroplane und verdecken
mit ihren riesengroßen grünen Flügeln den Himmel.
– Bin ich’s, Herr? – Bin ich’s Herr? – flüstert der Burkowsche Hof in
Todesbangen.
Und schon geht Marakulin nach Hause, nach der Fontanka, und seltsam! er
hört, wie man in der Auferstehungskirche auf der Taganka[13] zur
Abendmesse läutet. Er geht nicht den herrschaftlichen Eingang hinauf,
sondern durch die Küche. Er macht die Tür auf, und in der Küche sitzt am
Herd eine Frau, Akumowna ähnlich, und doch nicht Akumowna, ganz in Weiß.
Er erinnert sich an die Worte der Stülpnasigen, Nackten, mit den großen
Zähnen: „Die Mutter wird ganz in Weiß sein“, und stürzt ins Zimmer.
Auch dieses Zimmer ist vollgestellt, und Sachen sind da verstreut und
hingeworfen, wie nach einer Vorbereitung zur Reise, nur sind die
Unbekannten nicht mehr da, keine Seele ist im Zimmer, nur seine Mutter
sitzt, seine Mutter allein, mit dem Kreuz auf der Stirn.
– Sie ist schon gekommen, sie sitzt hier – sagt die Mutter. Sie spricht
von jener, die in der Küche vor dem Herd ganz in Weiß sitzt, und beginnt
zu weinen.
Voll Verzweiflung und Todesbangen erwachte Marakulin. Es war Freitag.
Und von dem düsteren Gedanken getroffen, daß seine Frist der Samstag
sei, daß nur ein Tag ihm geblieben sei, wurde er eisstarr. Er wollte es
nicht glauben und glaubte es doch, und weil er glaubte, verurteilte er
sich selbst zum Tode.
Der Mensch wird geboren und ist bereits verurteilt; Alle sind von Geburt
an verurteilt, und dennoch lebt man, verurteilt und das Todesurteil
vergessend, weil man die Stunde nicht kennt. Aber wenn einem der Tag
gesagt wird, wenn die Zeit abgemessen, die Frist bestimmt und der Sabbat
verkündigt ist – das geht über die Kraft, die Gott dem Menschen
verliehen, dem Menschen, den er mit dem Leben beschenkt, zum Tode
verurteilt und dem er die Todesstunde verheimlicht hat.
Als Marakulin an die Wahrheit seines Traumes glauben mußte, da fühlte
er, daß er es nicht aushalten würde, den Sabbat abzuwarten, und seit dem
Morgen in Verzweiflung, in Todesbangen durch die Straßen schweifend,
harrte er der Nacht. Er wollte nur eins noch: Werotschka sehen, ihr
alles erzählen und von ihr Abschied nehmen.
Und auf seinem glatten, geraden, hoffnungslosen Weg, wo der letzte
Schatten und die letzte Spur der Hoffnung sich verlor, zernagten jene
leisen, wie Raupen haftenden, bösen, dunklen Mächte der herangenahten
Verzweiflung die letzten Fasern seiner einst so festen Lebenswurzel.
Es ward ihm schwer, sich vom Leben loszureißen.
Vielleicht aber war der Traum nur ein Traum, und in Wirklichkeit würde
etwas anderes kommen? Warum mußte er dem Traum glauben? War das nicht
töricht? Wer weiß, wohin das führt! Es pflegt ja auch sonst so zu sein!
Vor dem Tode träumt man nicht nur etwas Belangloses: daß man einen
Stiefel verliert, oder sonst einen Gegenstand, oder daß man im Begriff
ist, ins Ausland zu reisen ...
Da erinnerte sich Marakulin an die geplante Auslandsreise, an seinen
paradiesischen Traum von Paris, und fuhr auf.
Er stand an einem Bretterzaun, der ganz mit Anzeigen bedeckt war, und
konnte nicht erkennen, in welcher Straße er sich befand. Ueber den
Bäumen ragte die Turmspitze des Ingenieurschlosses, als er aber längs
des Zaunes und, wie ihm schien, geradeaus in der Richtung der Turmspitze
sich in Bewegung setzte, verschwand sie plötzlich. Er wagte nicht
weiterzugeben, als harrte eben dort seiner sein Sabbat, seine letzte
Frist, seine Stunde. Er kehrte um und hatte die Spitze wieder vor sich.
Er schritt also tapfer längs des Zaunes in die entgegengesetzte
Richtung, die Spitze blieb lange vor seinen Augen, verschwand aber dann
ebenso wie das erstemal ganz plötzlich. Und er wagte nicht
weiterzugehen, als harrte eben dort seiner sein Sabbat, seine letzte
Frist, seine Stunde. Und so ging er am Zaun entlang, hin und zurück, die
Spitze des Ingenieurschlosses immer im Auge, bis zu einer Grenze, die er
sich selbst bestimmte, voll Verzweiflung und Todesbangen.
Es war das Ungemach, das ihn so führte, das Unglück jagte ihn von Straße
zu Straße, von Gäßchen zu Gäßchen, blendete ihm die Augen und verwirrte
ihn; es war sein Schicksal, dem man sich nicht widersetzen und nicht
entrinnen kann.
Das tödliche Bangen und die Last der Verzweiflung erschöpften ihn
endlich. Die letzte Frist, die Stunde waren vergessen, sein Kopf sank
herab, und die noch gehorchenden Beine brachten ihn auf den Weg. Er ging
durch die Ingeniernaja und wollte gerade die Straße zum Michailowschen
Palast überschreiten.
Da klammerte sich ein altes, zerlumptes, zusammengeschrumpftes,
triefäugiges Weiblein fest an seine Hand, damit er ihm über die Straße
helfe. Und obwohl es so klein war – nichts als ein Häuflein Knochen – so
erschien es ihm, wie es mit seinen knöchernen Fingern so fest an ihm
hing, als hätte es überhaupt keine Beine, so schwer, daß er mit Mühe die
Schienen erreichte. Und während er die Schienen überschritt, wurde die
Alte noch schwerer, und es war ein Wunder, daß er nicht unter den Wagen
geriet: der sausende, ununterbrochen klingelnde Wagen flog so hart an
ihm vorbei, daß ihm ganz heiß wurde.
Marakulin ließ die Alte stehen und begann zu laufen. Abwechselnd
flammendheiß und eiskalt lief er in der Richtung des Narva-Tores. Er
floh vor der knöchernen Alten, er floh vor seiner letzten Frist, und
gerade auf das Narva-Tor zu, unter den Bogen: dort war keine knöcherne
Alte und wird nie eine sein, dort wird er seine letzte Frist, seine
Stunde, seinen Sabbat vergessen.
Aber als er die Gorochowaja erreichte, ging er nicht die Ssadowaja
entlang, sondern bog in die Fontanka ein.
Auf der Fontanka, im Seitengäßchen, in der Nähe des Burkowschen Hauses,
wurde ein junges Mädchen – offenbar eine Revolutionärin – von der
Polizei verfolgt. Die Schutzleute hatten das Gäßchen umzingelt und man
konnte nicht passieren. Marakulin blieb stehen.
Die Jagd dauerte ziemlich lange, endlich wurde das Mädchen von einigen
Männern in Zivil, Spitzeln offenbar, dicht umringt und zu einer Droschke
geführt. Die Revolutionärin erinnerte ihn durch etwas an die
Wandersängerin von gestern, an das kleine Mädchen. Vielleicht erinnerte
ihn an Maria ihr offenes, reines Gesicht, das aber frisch und rosig war.
Sie war schlank. Die Haarnadeln waren ihr herausgefallen, der Strohhut
saß schief und das volle blonde Haar war aufgelöst. Der Reviervorsteher
setzte sich zu ihr in den Wagen und man führte sie ab.
„Maria Alexandrowna,“ – dachte Marakulin, „so ist Maria Alexandrowna,
die sich selbst zum Opfer auserkor, und bereit ist, noch einmal für die
Menschheit zu sterben!“ Er ging weiter, am Burkowschen Hof vorbei, die
Fontanka entlang.
An der Ismailowschen Brücke, drei Schritte von der Bierwirtschaft, holte
er eine Dame ein. Sie war nicht mehr jung und schon ganz grau, aber
kräftig und gesund, ging sie im gleichmäßigen Schritt, als spazierte sie
nur der Motion wegen. Als aber Marakulin sie überholen wollte, beugte
sie sich etwas vor und begann ganz unsinnig zu laufen. In diesem
Augenblick knallte aus dem Wirtshaus ein Schuß und ein zweiter,
Hilferufe ertönten – und auf dem Bürgersteig lag mit durchschossenem
Rücken, das Gesicht an die Steine gepreßt, die Dame – die gesunde,
kräftige, alte Frau, und neben ihr, noch rauchend, der versengte
Klappstuhl.
„Da hast du die Unsterbliche!“ dachte Marakulin, als er in der
Ermordeten seine unglückselige Generalin erkannte, dieses auserwählte
Gefäß, die Laus, die er mit dem königlichen Recht beschenkt hatte, in
jener grausamen Burkowschen Nacht.
Nun war ihr das königliche Recht vom blinden Zufall geraubt, und auch
der Klappstuhl hatte ihr nicht geholfen.
Von der Fontanka und den Seitengäßchen strömte eine Menschenmenge
herbei. Alle starrten mit Neugierde, mit Schrecken und mit jener
besonderen Schadenfreude, mit der lebendige Augen in tote blicken, in
das Gesicht der Toten. Sie aber, die Unsterbliche, Sündenlose,
Kummerlose, lag da unbeweglich, mit ihrem durchbohrten Rücken, hilflos,
leblos, unselig.
– Das ist eine von unseren Burkowschen, die Generalin Cholmogorowa! –
erklärte Marakulin dem herbeigeeilten Schutzmann.
Man trug die Generalin fort. Der weiße Schleier auf ihrem Hut war
aufgegangen und schleifte flatternd nach wie Spinnweb. Marakulin schritt
der Menge voraus, hinter dem Klappstuhl.
Und wieder ging er an seiner Wohnung vorbei in die Gorochowaja, und von
da weiter bis zum Admiralitätspalast und wiederholte immer wieder vor
sich ganz stumpf: „Da hast du die Unsterbliche! Da hast du
Unsterblichkeit!“
Im Alexandergarten setzte er sich erst auf eine Bank, plötzlich aber
sprang er wie gestochen auf und ging weiter. Vor dem Denkmal Peters des
Großen blieb er stehen.
– Peter Alexejewitsch – sagte er, zum Denkmal gewandt, – Eure
kaiserliche Majestät! Das russische Volk trinkt Aufguß von Pferdemist
und gewinnt das Herz Europas für anderthalb Rubel mit Gurken. Mehr habe
ich nicht zu sagen! – Er zog den Hut, grüßte und ging weiter,
den Englischen Kai entlang, über die Nikolaibrücke auf die
Wassiljewskiinsel.
Auf dem kleinen Boulevard zwischen der Siebenten und der Sechsten Linie,
hinter dem Ssredny-Prospekt versperrte ihm eine Menschenansammlung den
Weg. Die Menge stand schweigsam, ohne ein Wort zu sprechen, und es war
ungewöhnlich still. Unter einem Baum saß eine alte Frau, ihr von
schweren weißen Flechten umwickelter Kopf zitterte. Sie sah starr vor
sich hin. Nicht Tränen, sondern Blut floß ihr die Wangen herab, in
stillen Bächlein aus den demütig stillen Augen.
„Sie hat umsonst gewartet“, dachte Marakulin, „sie hat es nicht erlebt.
Sie hat das gottgefällige Werk nicht vollbracht, sie hat ihr Glück
niemand überliefert, die Unglückselige!“ – Und er verspürte plötzlich
einen schrecklichen Durst, als hätten ihn diese stillen, blutigen Tränen
versengt.
Nicht weit vom Kleinen Prospekt auf der Siebenten Linie befand sich
neben einem großen Gebäude in einem kleinen einstöckigen Häuschen eine
Schankwirtschaft. Marakulin fand noch ein letztes vergessenes
Zehnkopekenstück in der Tasche und ging hinein: der Durst quälte ihn
unerträglich.
Er setzte sich an ein schmutziges, nasses Tischchen, mit dem Gesicht zum
Fenster und nahm ganz mechanisch eine Zeitung zur Hand, nicht um zu
lesen.
– Einen Hungrigen kann man satt machen, einen Armen kann man reich
machen – er vernahm eine bekannte Stimme und bekannte Worte, – aber
sobald du verliebt bist und dein Gegenstand erweist dir keine
Gegenseitigkeit, da kannst du meinetwegen platzen, es gibt keine Hilfe!
„An Murkas Tage war es, der unruhige alte Gwosdjow, der sagte es!“
erinnerte sich Marakulin, legte die Zeitung weg und trank das lauwarme
Bier.
– Sie scherzen immer, Alexander Iwanowitsch, – – ich habe neulich eine
Maus aufgegessen, Alexander Iwanowitsch, – auf dem Hof des Athosklosters
– für fünf Rubel. Ich habe mit der heiligen Brüderschaft gewettet. „Ißt
du die Maus auf, Gwosdjow,“ sagten sie, „dann ist der Fünfer dein, wenn
nicht, mußt du uns bezahlen!“ Schön. Sie fingen gleich ein Mäuslein, im
Klosterhof gibt es viele. Es war eine graue, junge. Ich zog dem Mäuslein
die Haut ab, röstete es an den Seiten ein wenig an, wegen des
Wohlgeschmacks, zerschnitt es in Scheibchen, salzte es, sprach den Segen
und aß es auf. Und aß das Mäuslein auf. Ich nahm die fünf Rubel und
wollte mich vor Lachen ausschütten. Ich sagte: „Und ihr seid mir noch
Athonische, hehe ... fünf Rubel für ein junges Mäuslein; ich hab’ ja bei
Prokopij dem Gerechten so eine Ratte und dazu ohne Salz für einen Rubel
gegessen!“ Wenn man sich nur durchfrettet, Alexander Iwanowitsch!
Und als Antwort auf Gwosdjows Worte erklang eine gerührte Stimme:
– Euretwegen geh’ ich zugrunde, ihr lieben Aeuglein!
– Ich selbst bin auch auf Weiber lecker, Alexander Iwanowitsch!
Gleich darauf fiel etwas schwer auf den klebrigen Boden, begann zu
strampeln und bitter zu weinen, so bitter, wie nur Kinder weinen, so
bitter, wie Akumowna weinte, als sie durch Marjas Gesang an alle ihre
Erlebnisse erinnert wurde.
Nachdem er das laue Bier, das seinen Durst noch gesteigert, ausgetrunken
hatte, ging Marakulin hinaus.
Er ging seinen glatten geraden Weg auf den Newsky. Die Nacht sank
bereits herab. Dort auf dem Newsky wollte er auf Werotschka warten. Dort
wollte er ihr die ganze Nacht auflauern. Er wird sie sehen, ihr alles
erzählen, von ihr Abschied nehmen. Und er wird sich nicht irren. Es ist
ja eine weiße Nacht – die weiße Nacht trügt nicht.
Die weiße Nacht trügt nicht: Werotschka erschien auch bald. Er erkannte
sie an ihrem schwarzen Kleide. Aber er erstarrte vor Entsetzen: alle
Frauen waren ausnahmslos in Schwarz – alles an ihnen war schwarz, die
Kleider, die Hüte, die Handschuhe. Sie wichen nicht mehr aus, sie gingen
sicher und stolz am Polizisten in der weißen Sommeruniform vorbei, sie
umsegelten den Polizisten in Weiß wie in einem altertümlichen
feierlichen Tanz, von der Snamenje-Kirche zur Admiralität und von der
Admiralität zur Snamenje-Kirche.
– Werotschka – rief er, – Werotschka! – Er sah einer jeden in die Augen,
ohne eine auszulassen, und etwas Kaltes und Dunkles ringelte sich wie
eine Schlange um sein Herz. Es war die Verzweiflung, die sich um sein
Herz ringelte.
Schon schritt der Tod auf verschlungenen Seitenpfaden seiner Schwelle
zu.
Die ganze Nacht streifte er herum, voll Verzweiflung und Todesbangen,
sah jeder Frau in die Augen, ohne auch nur eine zu übersehen, blieb
zuweilen auf der Anitschkowbrücke stehen und ließ sie Alle an sich
vorbeipassieren. Sie umsegelten ihn, wie den Schutzmann in Weiß, sie
schritten sicher und stolz, wie in einem altertümlichen feierlichen Tanz
von der Snamenje-Kirche bis zur Admiralität, und von der Admiralität bis
zur Snamenje-Kirche.
Und als die Sonne aufging und all die schwarzen Gestalten irgendwo
verschwanden und keine einzige mehr blieb – niemand war mehr auf dem
Newsky außer den Schutzleuten in Weiß – da wandte sich Marakulin durch
die Litejnaja zum finnländischen Bahnhof.
Er beschloß ganz plötzlich, – vielmehr es beschloß in ihm von selbst –
nach Tur-Kila in die Sommerfrische zu Wassilij Iwanowitsch zu fahren, zu
Wera Nikolajewna und Anna Stepanowna. Sie haben ihm ja schon oft
geholfen, sie werden ihm auch jetzt helfen, sie werden ihm Milch geben,
– er hat Hunger – er ist ja nur zwölf Jahre alt! – sie werden ihm Milch
geben ...
Es war der Sonnabend vor Pfingsten und auf der Litejnaja wurden die
Pfingstbäumchen angefahren: lockige grüne Wagen zogen durch die Straße,
voll von grünen jungen Birken.
Auf dem finnländischen Bahnhof verkehrten noch keine Züge. Er mußte
warten, aber er wollte nicht auf dem Bahnhof warten. Marakulin ging erst
über die Schwellen der Schienen, aber nachdem er ein Weilchen gegangen
war, verließ er die Schienen, setzte sich an den Rand eines Grabens und
schlief ein. Er schlief so fest, wie Plotnikow die zwei Tage nach jenem
schlimmen Delirium-Anfall geschlafen hatte.
Als er erwachte, war es Abend, der Sonnabend ging zur Neige. Und wieder
jäh von dem düsteren Gedanken getroffen, daß sein Ende der Sabbat sei,
wurde er eiskalt. Er wollte an seinen Traum nicht glauben und glaubte
doch, und indem er glaubte, verurteilte er sich selbst zum Tode.
Der Mensch kommt zur Welt und ist bereits verurteilt; Alle sind von
Geburt an verurteilt, und dennoch lebt man, verurteilt und das
Todesurteil vergessend, weil man die Stunde nicht kennt. Aber wenn der
Tag einem gesagt wird, wenn die Zeit abgemessen, die letzte Frist
bestimmt und der Sabbat verkündigt ist, – das geht über die Kraft, die
Gott dem Menschen verliehen, dem Menschen, den er mit dem Leben
beschenkt, zum Tode verurteilt, dem er aber die Todesstunde verheimlicht
hat.
Der Sabbat war gekommen, der Sabbat ging zur Neige, seine letzte Frist,
seine letzte Stunde nahte.
Und auf seinem glatten, geraden, hoffnungslosen Weg, wo der letzte
Schatten und die letzte Spur der Hoffnung sich verlor, zernagten jene
leisen, wie Raupen haftenden, bösen, dunklen Mächte der herangenahten
Verzweiflung die letzten Fasern seiner einst so festen Lebenswurzel.
Es war ihm schwer, sich vom Leben loszureißen.
Oder vielleicht war der Traum nur ein Traum und in Wirklichkeit würde
etwas anderes kommen? Warum mußte er dem Traum glauben? War das nicht
töricht? Wer weiß, wohin das führte?
Warum hatte er bloß Akumowna diesen düsteren Traum nicht erzählt,
Akumowna konnte ihn vielleicht deuten, sie, die Göttliche wüßte zu
sagen, ob er wahr sei oder nicht.
Marakulin stürzte erregt zur Trambahn und stieg in einen Wagen. Da
erinnerte er sich, daß er sein letztes Zehnkopekenstück in der
Wirtschaft ausgegeben und sprang ab und lief zu Fuß nach der Fontanka,
die Elektrische fast überholend.
Er erreichte die Fontanka und das Burkowsche Haus, aber es wurde ihm
nicht leicht, in die Wohnung zu gelangen. Es schien ihm, als hätte er
mindestens eine halbe Stunde geklingelt, aber niemand öffnete und keine
Stimme ließ sich vernehmen. Er hörte zu klingeln auf und begann an die
Tür zu klopfen, aber auch auf das Klopfen erwiderte niemand. Es blieb
still in der Wohnung, nur der Wind pfiff durch die Türspalte, – offenbar
standen die Ofenklappen auf – der Wind pfiff unheimlich.
Noch einmal klingelte Marakulin, klopfte noch einmal, wartete und ging
dann in die Portierloge. Aber auch Nikanor war nicht da. Er war in
irgendeinen Kramladen gegangen; Wanjuschka aber, Nikanors Sohn, wußte
nur zu sagen: er habe Akumowna am Morgen gesehen, seitdem sei er nicht
mehr bei ihr oben gewesen; Akumowna sei zu Hause. Dabei lachte er über
irgend etwas.
Wenn sie aber zu Hause war, warum hörte sie nicht das Klopfen und
öffnete die Tür nicht? Er hatte ja mindestens eine halbe Stunde
geklingelt und nicht weniger lange geklopft. – War die Alte etwa tot?
Er ging in das Seitengäßchen, trat ins Haustor und stieg die
Hintertreppe hinauf. Aber seltsam: – während er hinaufstieg, glaubte er
plötzlich in der Auferstehungskirche auf der Taganka[14] zur Abendmesse
läuten zu hören, und sein Herz begann voll Unruhe rasch zu pochen.
Die Tür in die Küche war nicht verschlossen. Akumowna saß am Herd, ihr
Kopf war mit einem weißen Tuch umwickelt – mit einem weißen Tuch. Er
erinnerte sich an die nächtlichen Worte aus seinem Traum in der
Donnerstagnacht: „Die Mutter wird in Weiß sein.“ Vor Akumowna lagen auf
einem Tellerchen zwei Eier, das dritte aß sie grade. „Das Pfund!“ flog
es Marakulin durch den Sinn, „– das ist das Pfund!“
Akumowna lächelte nicht, und ihre Augen waren fremd und hervorquellend.
Nicht Akumowna saß am Herd, nein, nur eine, die Akumowna ähnlich sah.
Und Entsetzen übermannte Marakulin.
– Guter, gnädiger Herr! – Akumowna erhob sich plötzlich von ihrem Platz
und sprach die Worte mit einer heiseren, betrunkenen Stimme, die der
Stimme Akumownas nur von ferne glich.
Marakulins Kräfte waren zu Ende, er klammerte sich an den Türpfosten und
begann zu stöhnen.
– Lieber gnädiger Herr, Gott behüte Sie, gnädiger Herr, Peter
Alexejewitsch! Gleich bereite ich den Samowar, im Augenblick! – Jetzt
wurde sie auf ihre gewöhnliche Art geschäftig, legte das Ei fort,
ergriff den blanken Samowar und begann mit dem Blechrohr zu klappern.
Marakulin ließ sich auf Akumownas Bank nieder, konnte aber nichts sagen;
die Kehle war ihm zugeschnürt und seine Lippen bebten.
– Lieber gnädiger Herr, – Akumowna machte sich mit dem Samowar zu
schaffen, – mit mir ist was passiert, ich wäre fast gestorben, aber Gott
hat sich meiner erbarmt!
In der Tat, mit Akumowna hatte sich etwas ereignet, und wie sie dabei
heil geblieben, war das reinste Wunder – Gott hatte sich ihrer erbarmt.
Darum hatte sie weder das Klingeln noch das Klopfen gehört. Ja, es sei
noch ein Glück, daß sie Marakulin überhaupt erkennen konnte und noch so
viel Stimme hatte, um ein Wort hervorzubringen. Die Eier aber esse sie,
um wieder zu Stimme zu kommen, und wenn auch heiser, so doch sprechen zu
können und nicht wie eine Kuh zu muhen; – man könne auch das noch
erleben.
Akumowna war nämlich am Morgen auf den Boden hinaufgestiegen. Sie wollte
die Wäsche, die dort hing, abnehmen, um sie noch vor der Abendmesse zu
Pfingsten fertig zu plätten. Aber irgend jemand hatte sich wohl den Spaß
gemacht, sie dort einzuschließen. Sie hatte zu schreien begonnen und
schrie wohl ziemlich lange, aber niemand hörte sie. Es war ja kein
Mensch in den Wohnungen, da sich alle in der Sommerfrische befanden, und
keine Köchin, kein Hausmädchen hatte etwas auf dem Boden zu tun.
Akumowna wußte, daß es nutzlos war, rief aber doch. Was sollte sie wohl
anderes tun? Und wie sollte sie nicht schreien? Sollte sie auf dem Boden
bleiben – wie lange? bis zum Herbst? bis die Leute aus der Sommerfrische
zurückkehren würden? oder bis sich jener ihrer erbarmt, der sie
eingeschlossen hatte? konnte man sich darauf verlassen? Man konnte sie
ja inzwischen vergessen haben! Konnte man es wissen? Und auf dem Boden
bleiben konnte sie doch auf keinen Fall! Sie war schon ganz heiser vom
Schreien. Und so kroch sie im Dunkeln herum, um das vernagelte Fenster
zu finden: sie hatte sich erinnert, daß da ganz unten am Dach ein
Fenster war. Sie tappte um sich herum und fand schließlich eine Spalte,
fand das mit Brettern vernagelte Fenster. Sie krallte sich in ein Brett,
um es abzureißen, aber es saß zu fest, und wie sehr sie sich anstrengte,
gelang es ihr nicht, die Oeffnung zu erweitern. Die Spalte aber war so
klein, daß kaum eine Maus hätte durchschlüpfen können. Sie hing sich
daran mit aller Kraft, riß mit beiden Händen – endlich gab es nach. Gott
sei Dank, freies Licht! Sie bekreuzigte sich und stieg auf das Dach
hinaus. In der Verwirrung aber wandte sie sich nach der herrschaftlichen
Seite, nach den Kasernen zu. Sie kroch auf allen Vieren, aus Angst,
auszurutschen, und schrie. So kam sie bis zum Schornstein, richtete sich
am Schornstein auf, zog die Stiefel aus und warf sie auf die Straße. Die
Kinder aber fingen die Stiefel auf und trugen sie davon. Sie stand
barfuß, hielt sich am Schornstein fest und schrie. Und da sie dachte,
daß niemand ihr bloßes Geschrei beachten würde, so schrie sie: der
gnädige Herr sei nach Hause gekommen, klingle und sie könne nicht
öffnen. Auf der Fontanka aber ist es so laut, die Dampfpfeifen, die
Automobilhupen übertönen jedes Geschrei. Da sie barfuß nicht mehr
auszugleiten fürchtete, entfernte sie sich vom Schornstein, ging auf dem
Dach hin und her und schrie immer wieder: der gnädige Herr sei nach
Hause gekommen, klingle und sie könne nicht öffnen. Auf dem Nachbardach
arbeiteten Maler, die hörten es. „Was schreist du, Frauchen,“ riefen
sie, „spring zu uns herüber,“ und lachten. Wie aber sollte sie
hinübergelangen, wenn sie ihr keine Leiter reichten – sie hatten alle
ihre Leitern selbst nötig – sie war doch keine Katze! Aber der erste
Schreck war nun vorüber, und nachdem sie erst eine menschliche Stimme
vernommen, erholte sie sich etwas und kam auf den Gedanken, auf die
andre Seite hinüberzugehen, auf die Rückseite des Hauses, um dort an der
Regenrinne entlang in den Hof hinunterzugleiten. Denn sich an der Rinne
hinaufzuziehen, meinte Akumowna, sei schwer, die Hände könnten
ohnmächtig werden, aber hinabzugleiten sei leicht: wenn das Rohr nur
nicht aus den Händen entweicht, glitt man bequem hinab. In dieser
Erwägung begab sie sich auf die Rückseite des Hauses und geradeaus zur
Wasserrinne; – sie war nicht schwindlig. Schon hatte sie mit beiden
Händen die Bekrönung erfaßt und die Füße herabgelassen, um die Rinne zu
umklammern, da schrie Nikanor von unten: „Halt, Frauchen, kriech nicht,
ich werde dir aufmachen!“ und lachte. Sie mußte nun über das ganze Dach
zurück und sich durch das Fenster auf den Boden hinunterlassen.
– Sechs Stunden habe ich mich so gequält, lieber gnädiger Herr, bin
beinahe gestorben, aber Gott hat mich gerettet, hat sich meiner erbarmt!
– schloß Akumowna.
Inzwischen begann das Wasser im Samowar zu sieden, der rote
Jurawljowsche Sänger schnaubte und schickte sich zu seinem Abendgesang
an. Marakulin, der sich während der Erzählung Akumownas etwas erholt
hatte, ging in sein Zimmer.
Vielleicht war es möglich, daß sein düsterer Traum sich gar nicht auf
ihn, sondern auf Akumowna bezog? – Oder sollte es doch nicht möglich
sein, da man nicht für andre träumt? – Warum sollte man aber nicht auch
für andre träumen können!
Aber der Tag war noch nicht zu Ende, die Nacht kam, es kamen die letzten
Stunden; es nahte die Stunde, da es galt, Rede und Antwort zu stehen,
Rechenschaft zu geben und zu fordern.
Akumowna brachte den Samowar, aß in der Küche ihre Eier, um ihre Stimme
zu heilen, und kam wieder zu Marakulin herein, nach ihrer Gewohnheit mit
den Karten in der Hand. Marakulin aber lehnte ab: er wolle keine Karten
gelegt haben, er wolle ihr lieber seinen Traum erzählen, nur möge sie
ihm die reine Wahrheit darüber sagen.
Und er erzählte ihr ausführlich seinen düsteren Traum, alles genau
hintereinander – er erinnerte sich ganz deutlich an jede Einzelheit. Er
erzählte von der Stülpnasigen, Nackten, mit den großen Zähnen, und wie
sie ihm eine Frist gesetzt hatte: den Sabbat, und von der Mutter mit dem
Kreuz auf der Stirn, und wie die Mutter geweint hatte.
– Was bedeutet dieser Traum, Akumowna?
Akumowna schwieg, lächelte und sah eigentümlich idiotisch zur Seite.
Und plötzlich wieder von dem schwarzen Gedanken getroffen, daß seine
Frist der Sabbat sei, wurde Marakulin eiskalt.
– Also ist alles wahr – dachte er, – denn warum schweigt Akumowna? –
Also ist alles wahr, und in einigen Minuten würde seine Frist vollendet
sein, seine Stunde schlagen, sein Ende?
Der Mensch kommt zur Welt und ist bereits verurteilt; Alle sind von
Geburt an verurteilt, und dennoch lebt man, verurteilt und das
Todesurteil vergessend, weil man die Stunde nicht kennt. Aber wenn der
Tag einem gesagt wird, wenn die Zeit abgemessen, die letzte Frist
bestimmt und der Sabbat verkündigt ist, – das geht über die Kraft, die
Gott dem Menschen verliehen, dem Menschen, den er mit dem Leben
beschenkt, zum Tode verurteilt, dem er aber die Todesstunde verheimlicht
hat.
– Akumowna, ist es wahr, oder nicht wahr?
– Ich bin ein unwissender Mensch, ich weiß nichts – erwiderte Akumowna,
lächelte und sah eigentümlich idiotisch zur Seite.
Da schnarrte die Uhr in der Küche und begann langsam zu schlagen, einen
Schlag nach dem andern. Es schlug Zwölf. Der Sabbat war zu Ende, und der
Sonntag begann.
– Akumowna, hat es Zwölf geschlagen? – fragte Marakulin unsicher.
– Zwölf, gnädiger Herr, Schlag Zwölf!
– Es ist also schon Sonntag?
– Ja, Sonntag, der heilige Sonntag, gnädiger Herr. Schlafen Sie wohl,
Gott sei mit Ihnen! – Akumowna ließ den singenden Jurawljowschen Samowar
stehen und ging in die Küche schlafen.
Doch Marakulin konnte nicht schlafen. Er wartete ab, bis Akumowna ruhig
wurde, deckte den Samowar zu, dann nahm er ein Kissen, legte es aufs
Fensterbrett, wie es die Burkowschen Mieter, die in Petersburg
übersommern, machen, und lehnte sich hinaus. Nein, er wollte nicht
schlafen, die ganze Nacht nicht: der Sabbat war zu Ende, der Sonntag
hatte begonnen!
Es war leer ringsum, kein Mensch im Hof, kein Mensch in den Fenstern,
nur er allein. Und plötzlich erblickte er auf dem Kehricht- und
Ziegelhaufen, längs der Kästen und Stände, von der Müllgrube bis zum
Abgußloch und weiter bis zu den Remisen, überall junge grüne Birken
stehen. Der ganze Burkowsche Hof war mit Birken bedeckt, und die jungen
Blättchen leuchteten so grün. Er fühlte, wie seine verlorene große
Freude in ihm emporstieg und ihn überströmte: wie ein Quell schoß ihm
unter dem Herzen diese große heiße Freude hervor – und wuchs, füllte das
Herz und überflutete heiß die ganze Brust. Er sah nichts anderes mehr
als diese Birken, und unter den Birken wandelte, selbst wie eine junge
Birke schlank, seine Weruschka – Werotschka – Wera. Ihre Hände schienen
mit den Blättern verwoben, und sie wandelte von Blättchen zu Blättchen
nach der Remise zu, so leicht, als schwebte sie in der Luft, und es war,
als wenn die Erde unter ihr verschwände. Da schwang sein Herz sich auf,
überwallend, es riß ihn in die Höhe, er streckte die Arme aus – und das
Gleichgewicht verlierend, stürzte Marakulin mitsamt dem Kissen in die
Tiefe.
Und im Sturze hörte er, wie durch ein Rohr aus einem tiefen
Brunnenschacht, eine Stimme rufen:
– Die Zeiten sind reif, die Sündenschale ist voll, die Strafe naht! –
Ah, so steht es mit uns! Lieg du nun da. – Wieder einer weniger. – Du
stehst nicht mehr auf – Dreckkopf!
Marakulin lag mit zerschmettertem Schädel in einer Blutlache auf den
Steinen des Burkowschen Hofes.
Druck von Mänicke und Jahn in Rudolstadt.