Wera! Weruschka! Werotschka!
Marakulin, der gerade damit beschäftigt war, eine lustige altertümliche
russische Erzählung in Halbfraktur abzuschreiben, eine Arbeit, über der
er vom Morgen bis in die Nacht hinein saß – ein seltener und
einträglicher Auftrag, der wie erfrischende paradiesische Manna auf ihn
herabgefallen war. – Marakulin fuhr auf, so daß er den Schnörkel am
Anfangsbuchstaben W nicht zu Ende brachte.
Von der Treppe her aber tönte immer beharrlicher der bekannte Name:
– Wera! Weruschka! Werotschka!
– Wen rufen Sie da, Akumowna?
Marakulin konnte es nicht aushalten und sah in die Küche hinein.
– Wera! – sagte Akumowna, ohne sich umzuwenden, – ach, die Unverschämte!
– und sie stampfte die Treppe hinunter in den Hof.
Es war spät – etwa elf Uhr. Schon verbreitete sich der windige
Sonnenuntergang staubig hinter dem Obuchowschen Krankenhaus, und
zusammen mit der kurzen Nacht krochen aus den sumpfigen Vorstädten die
Nebel herauf; aber auf dem mit Kehricht, Schutt und Ziegeln bedeckten
Hof lärmten noch immer die Kinder, und klagend klimperte die Balalaika –
von dieser nicht russischen, armseligen Habe gab es reichlich auf dem
Burkowschen Hof – und in den Fenstern, auf Kissen gestützt, steckten
zerzauste, von der steinernen Petersburger Glut zermarterte Köpfe, in
der Hoffnung, etwas Kühle zu schöpfen.
Die Tusche vertrocknete auf der Feder, die Buchstaben wollten nicht
werden, und Marakulin schien es, daß Akumowna nicht wiederkommen, daß
sie mit ihrer geheimnisvollen Wera irgendwo im Burkowschen Schutt
untergehen würde. Und als in der Küche wieder Stampfen vernehmbar wurde,
und nicht Akumowna, sondern noch eine zweite Stimme, halb kindlich und
halb mädchenhaft rasch zu sprechen begann, bald in fröhliches Lachen,
bald in ein schmerzliches Klagen übergehend, da zog er wie erleichtert
wieder den Vorhang zu und begann weiterzuarbeiten.
Die Abschrift war für Marakulin sehr wichtig, und er wollte sie
unbedingt heute fertigmachen, da er fast zwei Monate schon über ihr saß.
Diese seltene Arbeitsgelegenheit hatte ihm Sergej Alexandrowitsch vor
der Abreise in sein Sommergastspiel verschafft. Marakulin hatte ganze
fünfzig Rubel dafür zu bekommen und seine Verhältnisse sollten sich
dadurch ganz bedeutend verbessern.
– Wer wohnt denn bei Ihnen in der Küche? – fragte Marakulin am nächsten
Abend, als Akumowna ihm den roten blitzenden Sänger, den Samowar
hereinbrachte.
– Weruschka – antwortete Akumowna und lächelte und blickte so
eigentümlich idiotisch von der Seite, – Weruschka, die Wundertätige.
Und die Spülschale brachte schon nicht Akumowna herein – sie blieb in
der Tür stehen –, sondern es brachte sie die „wundertätige“ Weruschka.
Es war ein kleines Mädchen – ein Backfisch von fünfzehn Jahren, wie
ihrer so viele auf dem Burkowschen Hof als Kindermädchen dienen, und
doch schon völlig wie ein junges Mädchen entwickelt. Als er sie aber
aufmerksamer ansah, fand Marakulin in ihren Augen etwas ihm sehr
Bekanntes und ungewöhnlich Verwandtes, er konnte es nur nicht benennen
und vermochte sich nicht zu erinnern, wo er Derartiges schon gesehen:
ein Feuer, – nein, noch etwas anderes, das man auf keinen Fall verbergen
kann, denn es würde selbst beim Schlafenden unter den Lidern
hervorblinken.
– Sie heißen Wera?
– Werutschka ... Werotschka – antwortete das Kind verwirrt, leise und
mürrisch und trat zurück, als hätte es etwas verlegen gemacht.
– Werotschka gar, so! – rief Marakulin entzückt, das Kind betrachtend
und erhob sich plötzlich.
Doch das Mädchen zog sich hinter Akumowna in den Korridor zurück und
machte sich hörbar in der Küche zu schaffen. Oder war es sein Herz, das
so hörbar klopfte, Gott weiß warum?
– Gnädiger Herr, ich möchte Sie bitten, gnädiger Herr, rühren Sie sie
nicht an!
– Was fällt Ihnen ein, Akumowna, Gott schütze Sie!
Aber wie ertappt ließ er sich auf seinen Stuhl fallen.
– Ich fürchte Wassilij Alexandrowitsch – fuhr Akumowna fort, – mir ist
Angst, wenn er aus der Sommerfrische zurückkommt. Er muß ja immerzu eine
haben, der Unbezähmbare. Sobald es Nacht wird, kriechen auch die hier
auf der Treppe herum und kratzen an der Tür, die Herumtreiber!
Nachdem sie es von der Straße aufgelesen hatte, behütete Akumowna das
kleine Mädchen eifersüchtig vor den Burkowschen Herumtreibern, vor
Stanislaus dem Kontoristen und vor Kasimir, dem Monteur; sie schloß oft
die Küche noch bei Tageslicht ab und bettete die Kleine
sicherheitshalber auf ihr eignes Bett unter den drei Oellämpchen. Und
wundertätig nannte sie Wera darum, weil ein Wunder an ihr geschehen war.
– Sie ist eine Wundertätige – pflegte Akumowna zu sagen, – bis zum
fünften Jahre war sie ohne Zunge, sie sprach nicht, man hat sie dem
Doktor Nikolai Franzewitsch gezeigt, vergebens; zu der Schmerzensreichen
hat die Mutter sie gebracht, auch wurde ihr geraten, barfuß zu
Matrionuschka zu pilgern – nichts hat genützt. Aber am dunkeln Freitag
gingen sie in die Pulverfabriken, – am Iljinischnen-Freitag ist da eine
Prozession, zwölf große Heiligenbilder werden da herumgetragen und fast
tausend kleinere. Als die Messe zu Ende war und sie nach Hause gehen
wollten, da verlangte das Kind plötzlich zu trinken: „Mama – sprach sie
– gib mir zu trinken!“ Seitdem spricht sie.
Weras Vater war Buchhändler: er handelte mit Büchern, Haken, Knöpfen und
allerlei Kleinkram. Ihre kränkliche Mutter ging als Tagelöhnerin
Fußboden scheuern und reinmachen. Sie wohnten im Kusnetschnygäßchen, in
den „Winkeln“, wo der Chiromant wohnt – die Fenster dort sind von
venezianischer Art und unheimlich. Als Wera etwas größer wurde, gab man
sie zu einer Goldstickerin in die Lehre, ein Jahr blieb sie da, aber sie
taugte nicht dazu, da ihre Augen krank wurden; so wurde sie
Kindermädchen. Da passierte es, daß ihr Vater mit seinem Stand über den
Wladimirsky vor einem Schutzmann floh; an den fünf „Winkeln“ bei der
Kreuzung geriet er unter die Elektrische und wurde zermalmt. Zur
gleichen Zeit wurde Wera gekündigt. Es ging ihnen damals sehr schlecht.
Und so kam die Mutter auf den Gedanken, sie zum Onkel zu schicken,
welcher auf dem Murinsky-Prospekt in Lesnoj als Hausmeister lebte,
vielleicht, daß er für sie eine Stellung finden würde. Die Kleine ging
fort, erreichte Lesnoj erst am Abend, und unterwegs, während sie das
Haus suchte, blieb sie vor einem Gasthaus stehen, um die Musik zu hören.
Sie stand da und hörte zu, ihre Augen glühten, der Mund war weit
aufgesperrt, da kam aus dem Gasthaus ein Herr, der eine Gnädige
untergefaßt hielt und sah Wera sehr freundlich an. Er blieb ebenfalls
stehen und fragte sie freundlich aus. Sie erzählte ihm alles, auch wie
sie stehengeblieben war, um die Musik zu hören. Und sieh da, welch
glücklicher Zufall: die Herrschaften brauchten gerade gleich ein
Kindermädchen und ihre Bedingungen waren günstig. Wera war erfreut und
willigte ein. Sie nahmen eine Droschke und brachten sie zu sich nach
Hause – sie wohnten auch gar nicht weit. Welch ein glücklicher Zufall! –
Es war schon spät, es dämmerte, und als sie zu Hause anlangten, gingen
sie sofort zu Tisch und ließen auch Wera neben sich Platz nehmen. Und
als sie sich satt gegessen hatte, da führte sie der Herr in ein Zimmer,
das im Korridor gegenüber lag. Nachts kam er wieder. Sie wollte
schreien, aber er verschloß ihr den Mund mit den Händen. So fing es an.
Als Wera zu sich kam, war es bereits Tag. Sie trat aus dem Zimmer und
streifte im Korridor herum, um den gnädigen Herrn und die gnädige Frau
zu suchen und geriet in das Büfettzimmer: sie hatte also in einem
Gasthaus übernachtet. Sie fragte den Büfettier, wo der gnädige Herr und
die gnädige Frau seien? Der Büfettier lachte: es gäbe weder einen
gnädigen Herrn noch eine gnädige Frau; wenn sie aber gewillt sei, könne
sie auch bei ihm als Kindermädchen bleiben. Das war eine schlimme Lage!
Wenn sie nicht einwilligte, hatte sie Angst zur Mutter zurückzukehren,
doch wie, wenn der Büfettier, wie der Herr von gestern, ihr ebenfalls
den Mund mit den Fäusten stopfen würde! ... Das eine war schrecklich,
das andere war ebenfalls schrecklich, und ein drittes gab es nicht. So
blieb sie beim Büfettier als Kindermädchen. Es waren viele Kinder und
sie konnte kaum mit der Arbeit fertig werden. Es verging eine Woche.
Nach einer Woche aber, kaum, daß sie sich etwas eingelebt hatte,
quartierte sie der Büfettier in ein besonderes Zimmer ein, damit sie von
den Kindern getrennt schlafe – es waren eben viele Kinder – es würde
bequemer und ruhiger für sie sein. Und wieder begann es: erst der Wirt
selbst, der Büfettier, nach ihm der Reviervorsteher. Sobald die Nacht
kam, erschien jemand – man brachte ihr im Laufe der Nacht fünf Männer.
Man ließ sie nicht mehr aus dem Zimmer, die Kinder sah sie auch nicht
wieder; es war bereits ein neues Kindermädchen da. Sie weinte, aber was
half es, man lachte sie nur aus. Nur durch ein Wunder entkam sie aus
diesem Zimmer und dem Büfettier. Ein glücklicher Zufall kam ihr zu
Hilfe: ein Brand! Im Gasthaus war Feuer ausgebrochen. Sonst wäre sie
zugrunde gegangen. Im Trubel sprang sie aus ihrem Zimmerchen und begann
zu laufen. Sie kam an die Kusnetschnybrücke gelaufen, in die Winkel, wo
der Chiromant wohnt, die Mutter aber war nicht mehr da: sie war an der
Cholera gestorben. Das war eine schlimme Lage: es wäre ihr schließlich
nichts anderes übriggeblieben, als zum Büfettier ins Zimmerchen
zurückzukehren. Aber die Hausmeisterin hatte Mitleid mit ihr – sie
pflegte ebenso wie Antonina Ignatjewna, die Gattin des Oberhausmeisters,
in den Hafen von Kronstadt zum „Bruder“ zu pilgern – sie war barmherzig
und mit Antonina Ignatjewna bekannt. So schickte sie das Mädchen zu ihr
ins Burkowsche Haus, ob sich da für das Kind vielleicht eine Stellung
fände. Aber Wera geriet statt zu Antonina Ignatjewna zu Akumowna.
– Sie ist eine Wundertätige – pflegte Akumowna zu sagen, – nur eins ist
schrecklich – diese Herumtreiber; sobald es Nacht wird, da kriechen sie
herum und rütteln an der Tür, – es wird einem ganz Angst! –
Der Sommer dehnte sich endlos, quälend, eintönig. Es war heiß und fast
in ganz Petersburg waren die Straßen gesperrt: das Pflaster wurde
ausgebessert, wie immer im Sommer; es war nirgends ein Durchgang,
nirgends eine Durchfahrt, und es herrschte eine große Schwüle.
Am Abend beim Samowar legte Akumowna Karten für Marakulin, wie sie es im
Winter für Adonja Iwoilowna tat. Sie wahrsagte viel und ausgiebig, nicht
nur für den Treffkönig oder Kreuzkönig, wie ihn Akumowna nannte und der
Marakulins Karte war, sondern auch für andere Könige und Damen – für die
Kreuz-, Coeur-, Karo- und Pik-Dame, als für alle die Personen, die ihm
in den Karten zulagen, um auch ihr Schicksal zu erfahren und dadurch
besser zu erforschen, wer sie seien und was sie vorhaben.
Die Karten logen nicht. Das gleiche Orakel kehrte immer wieder und
brachte meist etwas unsinnig Bedeutungsloses: ein wenig Langweile, ein
wenig Geld, ein wenig Veränderung, ein wenig Tränen, Verdruß, eine junge
Person, ein eigenes Haus, ein eigener Gegenstand, ein vornehmer,
einflußreicher Herr mit einem Schriftstück, eine behördliche Anstalt,
Langweile der jungen Person, eine kleine Unannehmlichkeit, eigene
Sorgen, Gespräch mit sich selbst. Und das letzte war stets das Gespräch
mit sich selbst.
Wenn Akumowna zum letztenmal die Karten ausbreitete, pflegte sie zu
flüstern: – Fürs Haus. Fürs Herz. Was sein wird. Wie es enden wird.
Womit es beruhigen wird. Womit überraschen. Sagt die ganze Wahrheit
reinen Herzens. Was sein muß, wird sich erfüllen.
Und auch zum letztenmal kam das gleiche – dieselben Karten: unsinnig
bedeutungsloses Zeug und das Gespräch mit sich selbst.
Die Karten logen nicht. Nur zuweilen wurden sie offenbar selbst der
Sache überdrüssig und ärgerten sich: dann waren sie bissig, zeigten
große Veränderungen an oder einen weiten Weg, viel Geld und Erfüllung
aller Wünsche.
Beim Kartenlegen erinnerte sich Akumowna oft an ihre Herrin, an den
alten Herrn, an den Bruder der Herrin und an ihren eigenen Sohn, was für
Träume sie alle geträumt hatten, welche Ereignisse nach ihnen eintraten
und was jeder Traum bedeutete.
– Unser Priester in Turij-Rog – er war ein guter Mann, ein großer Büßer,
der Vater Arsenij – erzählte Akumowna aus ihren Erinnerungen – vor
seinem Tode erhob er sich und fragte: „Sind die Pferde bereit!“ – Was
für Pferde, ehrwürdiger Vater? – „Ich habe ja eben ein Paar getraut, man
ladet mich zur Hochzeit ins Ausland!“ Und starb. – Sechs Tage, bevor der
alte Herr sterben mußte, sah meine gnädige Frau, daß sie einen Stiefel
vom Fuß verloren hatte. Und vor dem Tode der gnädigen Frau träumte ich,
ich sitze vor einem Ofen, den Ofen habe ich eingeheizt, das Holz brennt
hell, die Scheite verkohlen schon. Ich zerschnitt Speck, tat ihn in
einen Topf und stellte den Topf in den Ofen, aber kaum, daß ich ihn
hineinstelle, da zerfällt der Topf in zwei Hälften, die Glut prasselt
und ein Qualm erhebt sich ... Mein Vater gab mir keinen Segen. Und so
kam es auch! Wie ein rollender Stein um die weite Welt.
– Wie geht es Ihrem Bruder und Ihrer Schwägerin?
– Sie plagen sich auch, haben weder Wald noch Holz noch Weide. Und ihre
jüngere Tochter Fedossja, meine Nichte, ging nach Turij-Rog als
Taglöhnerin zur Feldarbeit; sie gefiel dem gnädigen Herrn, dem jungen
Bujanow, er ist ein toller Kerl. Er nahm sie für einen Monat zu sich in
Dienst. Als der Monat zu Ende war, behielt er sie noch für einen Monat,
dann für den ganzen Winter. Mein Bruder verstand wohl alles, sagte aber
zur Schwägerin nichts. Sie hatten keinen Wald, kein Holz, keine Weide;
vom gnädigen Herrn aber kam Holz und Geld, es war vorteilhaft. So
verlebte Fedossja dort den ganzen Winter. Im Frühjahr aber reiste der
gnädige Herr in die Stadt und verheiratete sich dort. Da kehrte Fedossja
wieder heim zum Vater, und alle wußten es bereits; es war auch schon zu
sehen. Ihre Brüder machten ihr Vorwürfe, daß sie so eine war, daß ihr so
etwas geschehen konnte. Wie die Raben haben sie auf sie eingehackt, sie
hielt es nicht aus; zehn Tage vor Pokrow starb sie. Sie war gerade
zwanzig Jahre alt geworden, – so jung noch. Und Wassilij, dem Vetter,
sind in der Butterwoche die Füße erfroren ...
Während sie sich an Turij-Rog und Ssosna-Gora erinnerte, konnte Akumowna
ab und zu einen Ausspruch tun, von so echt Turij-Rogischer Art, daß man
sich wundern mußte, wie es ihr hier auf dem Burkowschen Hof in den Kopf
konnte.
– Jetzt – konnte sie sagen – ist das Korn schon reif, gelobt sei Gott! –
sie bekreuzigte sich. – Regen wäre jetzt nicht gut.
Wera gewöhnte sich an Marakulin und hatte keine Scheu mehr vor ihm. Auch
er hatte sich an sie gewöhnt, und es tat ihm wohl, wenn sie sein Zimmer
betrat. Voran schritt dann Akumowna mit dem Samowar und ihr folgte Wera
mit der Spülschale.
„Aus der Spülschale reichen die Teufel im Jenseits den Teufeln und
Sündern das Abendmahl!“ Marakulin erinnerte sich einmal an Akumownas
Vision aus ihrem Passionsweg und lächelte zum erstenmal seit Werotschkas
Abreise.
Und als hätte sie seine Gedanken erraten, erwiderte ihm Wera mit einem
Lächeln. Und noch lange sah er dieses halbkindliche, halbmädchenhafte
Lächeln vor sich.
Wie leer erschien es ihm im Hause, als Wera, die eine Stellung gefunden,
aus Akumownas Küche in die vierte Etage desselben Burkowschen Hofes
verzogen war, in den Flügel, wie der nicht herrschaftliche an der
belgischen Fabrik belegene Teil des Hauses genannt wurde.
Akumowna begann jetzt öfters fortzubleiben. Sie ging, um nach ihrer
„Wundertätigen“, nach ihrem Flämmchen, nach ihrer Wera zu sehen. Sie
lehrte sie gewiß Zimmer aufräumen, Feuer aus Birkenholz anmachen und
dergleichen mehr. Marakulin blieb allein, es schien ihm ganz öde.
Ein Herr aus dem Flügel hatte folgende Gewohnheit: sobald es Abend
wurde, steckte er seinen Kopf aus dem Fenster, das Gesicht zu Marakulin
gewandt und pfiff. Daß der Herr kein Auge von ihm wandte – Marakulin
hatte sich überzeugt, daß es ihm galt, – und daß das Pfeifen nicht
aufhörte, brachte ihn zur Raserei, und ob er wollte oder nicht, er mußte
den Vorhang zuziehen und in der Schwüle sitzen bleiben.
Es war öde um ihn und die Wut machte ihn fast ersticken.
Am Morgen beim Zeitungslesen suchte er mit einer Art Ungeduld alle
Berichte über Morde, Brande, Katastrophen, Ueberschwemmungen,
Wolkenbrüche und Erdbeben und las sie mit großer Schadenfreude, indem er
sich einbildete, man könne den Menschen mit Furcht besiegen, ihn
erschüttern, sein Gehirn und seine Seele umstülpen; dann würde
vielleicht dieses abendliche selbstzufriedene, freche Pfeifen an seinem
Ohr ein Ende nehmen.
In Weras neuer Stellung ging aber nicht alles glatt: es war doch wohl
nicht leicht, sie vor den Herumtreibern zu schützen; auch mochte sie
selbst schwer zu bewachen sein, die Unverschämte.
Wenn sie das Kartenlegen unterbrach und von Wera anfing, sagte Akumowna
jedesmal unter Tränen:
– Ich werde zum Kaiser gehen – die Hände so, wie im Sterben, – und werde
alles erzählen.
– Man wird Sie nicht zulassen.
Nackt geh’ ich hin, splitternackt – die Hände so, wie im Sterben. –
Alles werde ich erzählen.
– Auch splitternackt wird man Sie nicht zulassen.
Aber sie blieb dabei: sie glaubte, der Kaiser würde sie in Schutz nehmen
und die Kleine nicht zugrunde gehen lassen. Beharrlich blieb sie dabei,
dann wurde sie auf einmal still und gab nach. Und Marakulin hörte, wie
sie ihren Wahlspruch, ihr Sterbegebet flüsterte: – die Sühne und den
Lohn für alle Taten!
– Man darf niemand beschuldigen.
– Wer ist aber schuldig, Akumowna?
– Ich bin ein unwissender Mensch, ich weiß nichts – antwortete Akumowna
und lächelte und sah idiotisch zur Seite.
Der Sommer dehnte sich endlos, quälend, eintönig.
Marakulin wartete auf die Feiertage: wie immer sie waren, es waren doch
Feiertage!
* * * * *
Als erster kam Wassilij Alexandrowitsch, der Clown zurück. Er trat zwar
auch im Sommer in Petersburg auf, wohnte aber in der Sommerfrische in
Schuwalowo und kam in die Stadtwohnung nur ab und zu, um nachzusehen.
Auch die Sklavin Kusjmowna war bei ihm in Schuwalowo. Nach Wassilij
Alexandrowitsch erschien nach absolvierter Gastspielreise Sergej
Alexandrowitsch und brachte aus den warmen Ländern, oder aus jenen
Gegenden, wo man mit Ochsen fährt, wie Akumowna sagte, hundert Gläschen
mit Honig mit; – er war eben ein wirtschaftlicher Mensch. Bald nach
Sergej Alexandrowitsch kam auch Wera Nikolajewna zurück, mit
eingemachten nordischen Himbeeren aus ihrem kleinen weißen verlassenen
Städtchen mit den fünfzehn weißen Kirchen, von ihrer Mutter aus
Kostrinsk. Nach Wera Nikolajewna erschien Adonja Iwoilowna selbst.
Alle waren zurückgekehrt, nur Werotschka fehlte. Es kamen auch keine
Nachrichten von ihr. Und bereits im September wurde Werotschkas Zimmer
mit Hilfe eines grünen Zettels, der beim Portier Nikanor ausgehängt war,
vermietet.
Die neue Nachbarin Marakulins hieß Anna Stepanowna Schianowa, nach ihrem
Manne Lestschowa genannt, und war eine Lehrerin aus Purchowez.
Purchowez ist eine alte Stadt am Fluß Smugra, und in Beziehung auf
Nachtigallengesang eine erste Stadt – eine Nachtigallstadt. Es waren in
Purchowez im Mädchengymnasium, wo Anna Stepanowna unterrichtet hatte,
zwei Lehrer, zwei Berühmtheiten: der Lehrer für Geschichte: Rakow, und
der für Literatur: Lestschow. Sie waren Freunde und beide – nach ihrer
eigenen Definition – Menschen von Bestrebungen. Das Schicksal Anna
Stepanownas war mit dem Schicksal Lestschows eng verbunden; Lestschow
aber und Rakow waren wie zwei Hälften und nach der Uebereinstimmung von
Gemüt und Gesinnung – ein Ganzes. Nur war Rakow etwas älter. Sie wohnten
beide bei derselben Wirtin, sie lebten eingeschränkt, nüchtern, einsam.
Ihre Wirtin Pawlina Polikarpowna, obschon nicht mehr sechzehnjährig, so
doch munter und fest, hatte in längst verflossenen Zeiten als Köchin
beim Gouvernementsrat Gerassimow gedient; und Gerassimow hatte sie vor
seinem Tode „in allem eingeschränkt“, wie Pawlina Polikarpowna sich
auszudrücken pflegte, das heißt: er hatte sie versorgt und ihr für ihren
musterhaften Dienst ein teures Lotterielos geschenkt. Pawlina
Polikarpowna kaufte sich ein Häuschen und lebte vom Vermieten.
Als Rakow von diesem Gerassimowschen Lotterielos erfuhr, konnte er es
als gewissenhafter Historiker nicht unterlassen, dessen Nummer in sein
Notizbuch einzutragen und verfolgte wachsam die Ziehungen in den
Zeitungen. Pawlina Polikarpowna behandelte er respektvoll, streng und
freundlich. Und so vergingen die Jahre, still, einsam und
erwartungsvoll.
Pawlina Polikarpowna war zwar nicht mehr sechzehnjährig, doch hatte sie
manchmal ihre bestimmten Gedanken, und zuweilen weinte sie, einfach so,
ohne jeden Grund. Besonders im Frühling, wenn die Sonne zu brennen
begann, die Hühner zu legen anfingen, die Gärten ergrünten und die
Nächte warm, schwül und sehnsuchtsweckend waren, wenn die Nachtigall
schlug und selbst Rakow auf der Gitarre wie auf einer Harfe spielte und
dazu wie eine Nachtigall sang: „Auf den blauen Wogen des Ozeans, kaum
daß die Sterne am Himmel erglühen, treibt ein einsames Schifflein“ –
dann konnte kein Herz es länger ertragen, und Pawlina Polikarpownas Herz
sank dahin.
Purchowez ist eine alte Stadt am Fluß Smugra, und in Beziehung auf
Nachtigallengesang eine erste Stadt, eine Nachtigallstadt!
Eines Morgens, als Rakow die „Purchowezschen Gouvernementsnachrichten“
durchflog, begann er plötzlich laut zu lachen, so laut, wie ein Mensch
nur vor Freude lachen kann, wenn ihm zumute ist, als reiche die eigne
Kehle nicht aus. Und wie sollte er auch nicht lachen? Das Gerassimowsche
Los hatte gewonnen, und zwar keine Kleinigkeit, sondern die ganzen
Zweimalhunderttausend! Er besann sich aber rechtzeitig, steckte die
Zeitung in die Tasche, hustete absichtlich laut und begab sich mit dem
Geheimnis von Pawlinas Glück ins Gymnasium, als wäre nichts vorgefallen.
Nachdem er mit Mühe seine Stunden gegeben hatte, wurde Rakow vor
Aufregung noch am selben Abend krank, und Pawlina Polikarpowna mußte die
ganze Nacht den Kranken pflegen. Am nächsten Morgen ging es ihm auch
nicht besser, und so die ganze Woche. Eine Woche lang pflegte ihn
Pawlina Polikarpowna, und um Fastnacht hielten sie Hochzeit. Sofort nach
der Trauung, als die Neuvermählten allein blieben, lautete die erste
indiskrete, aber durchaus berechtigte Frage des jungen Ehemannes: „Wo
ist das Los?“ – „Was für ein Los?“ – „Was für eins? Das Gerassimowsche!“
Das Gerassimowsche Los aber war längst verkauft; es war nicht mehr da.
Um Fastnacht, fast am gleichen Tage, heiratete auch Lestschow Anna
Stepanowna Schianowa. Die Schianows waren einst die reichsten Leute in
Purchowez, aber Anna Stepanownas Vater hatte das ganze Vermögen
verspielt, und so mußte die Familie nach großer Ueppigkeit in Armut
weiterleben. Dann starb der Vater, es starb auch die Mutter. Anna
Stepanowna war bereits mehr als zwanzig Jahre alt, und obwohl in ihrem
Gesicht nichts Abstoßendes war, nichts, was man häßlich oder entstellend
nennen konnte, im Gegenteil, – so gefiel sie dennoch niemand besonders
und wurde überhaupt nicht begehrt. Sie gehörte nicht zu den
Heiratskandidatinnen von Purchowez, hielt sich auch selbst nicht dafür,
und hatte sich bereits damit abgefunden, allein und ledig zu bleiben,
oder vielmehr, sie hatte sich nicht damit abgefunden, – man kann sich
damit nicht abfinden, – sondern sie redete sich das eben ein. Eines
schönen Tages aber fiel ihr die Erbschaft von einer Tante zu, von der
sie nie etwas gehört hatte, und zwar eine nicht geringe Erbschaft: etwa
Fünfzigtausend. Natürlich wurde es im Gymnasium, an dem sie
unterrichtete, bald bekannt, – war sie doch selbst die erste, die es
erzählte, – und so erfuhr es auch Lestschow. Sofort ging er ans Werk: er
begann, Anna Stepanownas Spuren zu folgen, wurde mit einem Male sehr
unglücklich, beklagte sich, jammerte, erfand allerlei Verfolgungen
seiner Person, ersann sich Feinde; auf einmal brachen auch sämtliche
Krankheiten bei ihm aus, und lauter unheilbare, so daß er im Begriff
war, Selbstmord zu begehen. Und die verzweifelte Liebe sang aus ihm wie
eine Nachtigall, ja, er übertraf die Nachtigall ...
Purchowez ist eine uralte Stadt am Fluß Smugra, und in Beziehung auf
Nachtigallengesang eine erste Stadt – eine Nachtigallstadt. So heiratete
Lestschow Anna Stepanowna, nahm ihr die Erbschaft der Tante ab, die
ganzen Fünfzigtausend und wies ihr die Tür: „Ich brauche dich nicht,“
sagte er, „ich brauche dein Geld.“
Wera Nikolajewna mußte man bedauern; um Werotschka hatte man Angst, aber
Anna Stepanowna tat einem weh. Sie lächelte so, daß es in die Seele
hinein weh tat.
Wera Nikolajewna wollte studieren. Warum? Weil es ihr Maria Alexandrowna
so geraten hatte, an die sie glaubte wie an die Iwerskaja Mutter
Gottes[6]. Und sie wird studieren, solange ihre Kräfte reichen, und
eines Tages wird sie vielleicht über der Physik von Krajewitsch[7] die
Seele aushauchen.
Werotschka wollte eine große Schauspielerin werden, berühmt in ganz
Rußland, in ganz Europa, in der ganzen Welt – und sie wollte das, um
sich an Anissim zu rächen: nur damit Anissim Nikititsch Wakujew, dem
alles gelingt und dem man alles durchgehen läßt, nur einen Augenblick
lang es bedauern und bereuen solle, daß er sie um andere, die ihn
liebten oder sich ihm verkauften, verlassen hatte. Und so bahnte sie
sich jetzt den Weg mit ihrem sicheren, erprobten Mittel, und wird sich
ihn weiterbahnen, solange ihre Kräfte reichen.
Was aber wollte Anna Stepanowna? Sie war allein geblieben und ohne
Mittel, aber das war es nicht: sie hatte ja auch früher allein und ohne
Geld gelebt. Hier war es etwas anderes, etwas Seelisches: sie hatte mit
der ganzen Seele geglaubt, daß man sie liebte und hatte wieder geliebt.
Was wollte sie nun? Was konnte sie wollen! Das, was ein Mensch will,
dessen Seele beschmutzt, dessen Seele vergewaltigt worden ist.
Und während Marakulin Anna Stepanowna näher betrachtete, überzeugte er
sich immer mehr, daß sie auf der Welt nichts zu tun hatte. Und weil sie
so lächelte, tat es ihm weh bis in die Seele hinein.
Es begann ein böser Herbst; es ging ihnen allen schlecht. Nach dem
Kirchenfest der Kreuzeserhöhung geschah es, daß Wassilij
Alexandrowitsch, der Clown, als er im Zirkus auf dem Trapez in der Luft
sich schwang, herabstürzte und verunglückte; er verletzte sich – wie man
auf dem Burkowschen Hof sagte – die Wirbelsäule und den „Stamm der
Beine“. Es stand um ihn nach diesem Sturz aus den Lüften so schlecht,
daß er sogar einen Priester holen ließ, um die heiligen Sakramente zu
empfangen. Der Arzt aber meinte, er würde sechs Monate liegen und sich
einer schweren Operation unterziehen müssen.
– Sie werden ihm von der Ferse ein Stück abschneiden und das Fleisch
öffnen – bedauerte Akumowna, – sie werden den Knochen mit einem Bohrer
wegbohren, beide Fersen abschneiden. Hätte er aber einen Aufguß von
Pferdemist getrunken, so wäre alles fort, wie mit der Hand ...
Marakulin hatte seit jenem Glückszufall im Sommer keine Arbeit mehr
gefunden. An allen Orten und Anstalten, an die er sich wandte, wurde
höchstens seine Adresse notiert, und bekanntlich hat man nichts mehr zu
erwarten, wenn die Adresse notiert wird. Um diese Zeit fand gerade in
Petersburg eine Hundezählung statt. Eine Woche lang ging er auf den
Burkowschen und belgischen Höfen herum, zählte die Hunde und lernte
dabei einen Studenten Lichowidow kennen, der, so wie er, Hundezähler
war. Der Student Lichowidow, ebenfalls ein Mensch in den letzten Zügen,
verstand es jedoch schließlich, sich noch irgendwelche Hundearbeiten zu
verschaffen, und auch für Marakulin fiel dabei etwas ab. Es begann ihm
schon etwas besser zu gehen, da mußte Lichowidow ein kleines Malheur
passieren: er arbeitete damals in irgendeinem Bureau und trat eines
späten Abends nach seinem Dienst auf die Straße, als ihm sein
Vorgesetzter, der Bureauchef – gut angezogen, im Pelz, mit einem
kostbaren Kragen – entgegenkam. „Was meinen Sie, Herr Lichowidow, was
wäre jetzt besser, Tee oder Kaffee zu trinken?“ Lichowidow aber hatte
seit dem Morgen nichts gegessen, er war hungrig wie ein Hund, auch hatte
ihn gerade der Petersburger Wind angeblasen, seine Zähne klapperten nur
so. Er sah den Chef an, als überlegte er, was jetzt besser wäre, Tee
oder Kaffee zu trinken und haute ihm eine in die Fresse. Seitdem war
Lichowidow verschwunden, und Marakulins Mühle stand still.
Dem guten Jäger läuft das Wild in’s Garn. Nach langem Suchen fand Anna
Stepanowna eine Anstellung in einem Privatgymnasium. Es war ein
Mustergymnasium und seine Vorsteherin Lednjowa war eine Frau von
Bestrebungen. Sie verstand die große Kunst, zu wirtschaften, ohne einen
Heller aus eigener Tasche auszugeben, und sie tat es sehr einfach und
gleichzeitig ziemlich verzwickt: sie verschleierte ihre Manipulationen
mit einem echten Petersburger Nebel. Man sagte, sie bezahle die Lehrer
aus geheimnisvollen Equipierungsgeldern, die ihr gar nicht gehörten, und
daß die Lehrer im Lednjowschen Gymnasium jedes Jahr wechselten. Rakow
und Lestschow waren, was Bestrebungen betrifft, im Vergleich mit der
Lednjowa die reinen Waisenknaben, so wie der schönste Gardesoldat in
Beziehung auf Köchinnen gegen Kasimir den Monteur und Stanislaus den
Kontoristen gar nicht in Betracht kommt.
Zwei Monate bekam Anna Stepanowna keinen Gehalt: die Zahlung wurde unter
allerlei Vorwänden hinausgeschoben. Erst im dritten Monat wurde er ihr
ausgezahlt, aber selbstverständlich nicht als gewöhnlicher Gehalt,
sondern als eine Anleihe aus eben jenen geheimnisvollen
Equipierungsgeldern. Als sie das Geld bekam, lud sie Marakulin und Wera
Nikolajewna zum Besuch des Marijinschen Theaters ein, zu einer
Opernvorstellung. Die Billetts kosteten nicht wenig, dafür waren es gute
Plätze; es war alles gut zu sehen und zu hören.
An diesem Abend begegnete Marakulin im Theater Werotschka. Wie oft hatte
er im Sommer und im Herbst an sie gedacht und im Meldeamt nach ihrer
Adresse geforscht – immer wieder aber hieß es: verreist. Jetzt traf er
sie. Im ersten Augenblick erschrak er, dann verwandelte sich sein
Schreck in Unruhe: Werotschka war nicht allein; mit Werotschka ging
Glotow, der Kassierer, Alexander Iwanowitsch, Marakulins ehemaliger
Freund.
Werotschka hatte sich gar nicht verändert. Verändern sich denn die
Menschen überhaupt? Werotschka erkannte ihn gleich, Glotow aber nicht,
oder er tat so, absichtlich, aus wohlerwogenen und unwiderleglichen
Gründen.
– Das ist aber eine Ueberraschung, denn wir haben dich längst begraben,
weißt du, Petruscha! – sagte er.
Und als Werotschka erfuhr, daß Wera Nikolajewna ebenfalls im Theater
sei, ging sie sie aufsuchen und kam nicht wieder.
Glotow führte Marakulin ins Theaterrestaurant.
– Woher kennst du sie? – fragte Glotow seinen Freund.
– Wir haben einen Winter lang bei derselben Wirtin gewohnt – erwiderte
Marakulin.
– Du kennst sie also gut?
– Wie man es nimmt.
Und plötzlich verwandelte die Wut ihre Gesichter. Sie verstanden
einander nur zu gut. Sie hatten sich nichts mehr zu sagen. Aber es war
peinlich, so auseinanderzugehen, und auch das Schweigen war peinlich.
Glotow schlug vor, etwas zu trinken. Marakulin dankte. Und so traten sie
aus dem Restaurant, gingen Schulter an Schulter nebeneinander und
suchten Werotschka. Marakulin schwieg. Glotow aber wiederholte mit einer
Art Vergnügen und als hätte er es einstudiert, immer dasselbe:
– Das ist aber eine Ueberraschung! Denn wir haben dich ja längst
begraben, Petruscha, weißt du!
Marakulin traf Werotschka auch in der nächsten Pause nicht: sie hatte
Wera Nikolajewna versprochen, sie noch zu treffen und kam nicht. Er sah
sie an dem Abend nicht wieder.
Nach dem Theater ging Marakulin mit Wera Nikolajewna und mit Anna
Stepanowna in ein Café auf dem Newsky.
Die Begegnung mit Werotschka und mit Glotow, und daß er sie zusammen
getroffen, das Theater, das Café, alles wühlte Marakulin auf, und was
dort im Theaterrestaurant verborgen in ihm brodelte, als er neben Glotow
stand, sammelte sich jetzt zu brennender Verzweiflung. Und gemartert
fühlte er: wenn jetzt dieser Glotow, sein Bruder oder sein Verwandter,
einer, der Werotschka kennt und den auch Werotschka gut kennt, aufstehen
und ihm, Marakulin, eine herunterhauen würde, wie der Student Lichowidow
dem Bureauchef, so würde er, Marakulin, ihm zum Dank dafür die Füße
küssen und ihm noch seinen Nacken hinhalten, daß er nach Herzenslust
dreinhaue, oder ihm die Zähne einschlage, daß die Kiefer knacken. Und in
seinem grausamen Martyrium das ganze Brennen des freiwillig auf sich
genommenen Schmerzes fühlend, erinnerte er sich an seine geliebte,
verhaßte, unglückselige Generalin, und es verging ihm die Lust an seinem
Leid – er wollte keine Ohrfeigen, keine Faustschläge, keine Fußtritte,
weder von diesem gestutzten Schnurrbart, der so selbstgefällig mit
diesem andern widerlichen Glattgesicht plauderte, noch von jenem roten,
nach oben gekräuselten Schnurrbart, der auch vielleicht Werotschka kennt
und den Werotschka sehr gut kennt. Nein, in seiner Verzweiflung dachte
er jetzt, wie gut es wäre, die Generalin mit kochendem Wasser zu
übergießen, sie ein wenig nur zu verbrühen. Mit welcher Wut würde sie
sich auf alle stürzen und beißen, – alle zerbeißen!
– Warum heißt Werotschka nicht mehr Wechorjowa, sondern Rogowa?
– Weil sie keine Generalin ist – antwortete Marakulin.
– Was für eine Generalin?
Wera Nikolajewna verstand nichts und sah bald ihn, bald Anna Stepanowna
an, welche lächelte und deren Lächeln bis in die Seele hinein weh tat.
Marakulin hätte jetzt aufstehen und der einen die Augen ausstechen mögen
– diese verlorenen Augen des vagabundierenden heiligen Rußland, des
verschüchterten, freiwillig bettelnden, von Armut, wie von einem
geweihten Gürtel umgürteten, alles ertragenden, demütigen, geduldigen
Rußland, das sich nicht einmal einen Sarg zusammenzuzimmern vermag,
höchstens einen Scheiterhaufen zusammenbringen und sich darauf
verbrennen! Die andre aber hätte er ersticken mögen, damit sie aufhörte
zu lächeln, damit es dieses Lächeln nicht mehr gäbe, aus dem mit frecher
Schamlosigkeit eine beschmutzte, vergewaltigte Seele jedem in die Augen
sticht: sie braucht nicht zu leben, sie hat hier nichts zu tun, es ist
kein Platz für sie auf der Erde!
Oder war für ihn selbst kein Platz mehr auf der Erde?
– Und was meinen Sie, Wera Nikolajewna? – fragte er.
– Werotschka gab mir ihre Adresse und bat mich, nicht nach Wechorjowa,
sondern nach Rogowa zu fragen – antwortete Wera Nikolajewna.
Marakulin schloß die Augen. Er empfand plötzlich eine äußerste Müdigkeit
und Erschöpfung, eine so vollkommene Gleichgültigkeit, daß er sich nicht
gerührt und nicht einmal sich umgesehen haben würde, wenn das Café in
Brand geraten oder die Decke herabgestürzt wäre.
Als Wera Nikolajewna und Anna Stepanowna bemerkten, wie verstimmt er
war, wollten sie ihn nicht beunruhigen, und um seiner Seele nicht lästig
zu sein, unterhielten sie sich leise miteinander.
Wera Nikolajewna erzählte von einer Krankenschwester:
– Man brachte ins Krankenhaus ein Kindchen: es war verbrüht. Um die
Operation zu machen, brauchte man Haut, und wo sollte man sie hernehmen?
Vom Kindchen selbst? – das hätte es nicht ausgehalten, es war zu
schwach. So bot sich die Schwester dazu an, und man schnitt ihr so viel
Haut aus, als man brauchte.
– Und wie ist es verlaufen?
– Gott sei Dank, beide leben.
Anna Stepanowna bekreuzigte sich lächelnd:
– Gott sei Dank!
Marakulin erhob sich, und sie gingen nach der Fontanka zurück.
* * * * *
Werotschka bewohnte eine kleine möblierte Wohnung an der Mojka, die sie
nur mit ihrer Wirtin teilte. Die Zimmer waren mit allerlei Sofachen und
Tischchen vollgepfropft und mit Sächelchen angefüllt, wie sie wohl auch
das Ehepaar Oschurkow in seinen zehn Zimmern haben mochte. Die
kanariengelbe Farbe war in der Wohnung vorherrschend: gelbe Kissen,
gelbe Wandschirme, – alles hier war gelb.
Marakulin, der Werotschka endlich gefunden hatte, begriff schon im
Vorzimmer, daß Werotschka hier nicht aus eigener Wahl wohnte, sondern
daß sie in diese möblierte gelbe Wohnung von jemand einquartiert worden
war.
Er fand sie zu Hause und freute sich sehr über sein Glück: sie war
allein, sie kamen einfach und leicht ins Gespräch. Wie immer, redete sie
erst äußerst herausfordernd, und ihre Erzählung war von solcher Art, daß
man aus ihr nicht klug werden konnte, ob es echte Wahrheit war oder bloß
so eine Wahrheit. Sie habe ihren Namen geändert, weil sie jetzt beim
Theater sei; sie sei bei einer kleinen Bühne engagiert, in einem
Petersburger Café chantant.
– Ich tanze dort – erzählte sie – kommen Sie einmal hin, um mich zu
sehen.
Doch abgesehen vom Theater und vom Tanzen stand es mit ihr so, daß
Anissim Wakujew ihr kein Geld mehr schickte. Statt seiner war jetzt ein
vornehmer alter Herr ihr Gönner. Er hatte ihr diese Wohnung gemietet und
seinetwegen hatte sie den Familiennamen geändert, – oder richtiger: sie
mußte einen andern Familiennamen annehmen. Warjaginskij war eine
einflußreiche Persönlichkeit und verkehrte bei Hofe.
– Er ist ein ganz altes Kerlchen. Mit dem linken Auge sieht er immer
eine Maus; wenn er es zukneift, dann verschwindet die Maus, macht er es
aber auf, dann ist die Maus wieder da, ein graues, ganz kleines
Mäuschen.
Anissim schicke ihr längst kein Geld mehr, sie aber brauche Geld. Sie
müsse es soweit bringen, daß der alte Warjaginskij auf ihren Namen ein
Kapital deponiere, dann ...
– Dann werde ich zeigen, wer ich bin – der ganzen Welt, – dann sollen
sie sehen!
Ja, sie werde sich schon erweisen, ihr Name werde in ganz Rußland
berühmt sein, in ganz Europa, in der ganzen Welt! Sie habe ihren Weg
durch den Scheiterhaufen gewählt; denn auf dem gewöhnlichen Wege gelange
man nirgends hin; man komme auf andre Weise nicht vorwärts; ohne Geld
lasse man einen nirgends hin; man werde zerrieben, und wäre man der
Teufel selbst! Man müsse lügen können und Geld haben – Lügen und Geld
haben, das sei notwendig. Sie hätte ja auch versucht, auf die
gewöhnliche Weise durchzukommen – sie kenne es gut! Sie könne ja
schließlich nicht Waschfrau werden – oder sollte sie in der Tat
Waschfrau werden? Sie sei durchaus nicht damit einverstanden, im
Kusnetschnygäßchen zusammen mit dem Chiromanten oder in den
Gorbatschowschen „Winkeln“ zu wohnen. Wenn der Alte aber erst ein
Kapital auf ihren Namen deponiert und sie viel Geld haben würde, dann
... ja dann ...
– Für Geld kann man alles kaufen! – schrie Werotschka mit ihrem
unheimlichen Schrei. Es war nicht der sehnsüchtige Ruf eines Hoffenden,
sondern eine Herausforderung, ein Schrei nach dem Recht, die ganzen
himmlischen Heerscharen kurz und klein zu schlagen, wäre nur eine Leiter
bei der Hand – wie es in einer alten Weise heißt – oder die Erde aus den
Angeln zu heben, bekäme man nur einen Griff zu fassen! – Es war eine
Herausforderung, ein Schrei der Verzweiflung auf ihrem Weg durch den
Scheiterhaufen.
– Ich bin eine Dirne und bleibe eine Dirne. Aber im nächsten Jahre werde
ich mich zeigen. Sie werden mich dann sehen. Jawohl, auch Wera
Nikolajewna würde kein Geld ausschlagen, und auch diese Ihre Andre, mit
dem kläglichen Lächeln, würde es annehmen! Es gibt ihnen bloß niemand
etwas, mir aber gibt jeder, ich verstehe zu lügen und werde mein Ziel
erreichen!
Sie begann hastig ihre Toiletten zu zeigen, riß alle Schubfächer auf und
öffnete den Kleiderschrank; Kleider und Wäschestücke flogen haufenweise
zu Marakulin hin, und ein bunter Berg von Seide und Spitzen türmte sich
zwischen den gelben Sofas, wie der schwarze Berg auf dem belgischen Hof.
– Und alles das ist mein – schrie sie, – sehen Sie, es sind Geschenke,
alles gehört mir!
Marakulin erhob sich, er wollte sie zurückhalten, aber es war unmöglich;
er setzte sich wieder auf das gelbe Sofa. Werotschka aber war in Raserei
geraten, sie zerknüllte und zerfetzte die Sachen und warf sie um sich
her. Und als die Kommoden entleert und alle Schubfächer von unterst zu
oberst gekehrt waren, begann sie die Nippes abzuräumen, zerschlug alles
und warf es auf einen Haufen.
– Und alles das gehört mir, lauter Geschenke! – schrie sie mit dem
letzten Aufwand ihrer Stimme, fast schon ohne Stimme. Einen Augenblick
stieg in Marakulin der heftige Wunsch auf, ein Streichholz anzuzünden
und alles in Brand zu stecken, alles zu vernichten, den ganzen Haufen,
den Berg, die gelben Kanapees, gelben Wandschirme, gelben Lampenschirme,
gelben Kissen – alle diese Geschenke!
Werotschka riß von der Etagere eine kleine bronzene Schildkröte herab
und reichte sie ihm, offenbar in der Absicht, sie ihm zu schenken.
– Man kann nur schenk–, man kann nur schenk–, man kann nur schenk– –
stieß Marakulin hervor, als wollte er mit den Worten dreinschlagen, und
sah Werotschka fest an, aber der Atem verging ihm, bevor er das Wort zu
Ende brachte. Seine Schultern zitterten plötzlich.
Ja, sie wisse es selbst. Hier sei nichts, was ihr gehöre. Und fremde
Sachen dürfe man nicht verschenken. Geschenke verschenke man zwar nicht,
doch dürfte man es tun; hier aber gehöre ihr nichts, es seien nicht
Geschenke, es seien lauter fremde Sachen. Fremde Sachen aber dürfe man
nicht verschenken. Eigentümer sei hier der alte Warjaginskij, der Mäuse
sieht, und Glotow der Kassierer, und sonst jeder, der Geld hat und Geld
ausgeben kann – und je mehr einer Geld gebe, desto wichtiger sei er.
Alles an ihr sei beschmutzt, alles abgegriffen, sie könne Wera
Nikolajewna nicht einmal einen Kuß geben, sie habe nichts mehr zu geben,
alles sei eingesetzt, alles bespuckt.
– Und Sie, Petruscha, Sie möchten wohl auch? – fragte sie plötzlich voll
Bosheit, – ja, wollen Sie? – nicht?
Marakulin erhob sich.
– Da – Werotschka zeigte ihm die Zunge – nichts kriegen Sie, Sie
Bettler! Bettler empfange ich nicht, verstehen Sie! – und ihre
unverschämten Augen blitzten auf wie zwei scharfe Klingen und ihr
aufgelöstes Haar brannte wie Feuer.
Ohne die Straßen zu unterscheiden ging Marakulin wohin ihn seine Füße
trugen. Es war im Dezember und Tauwetter. Ein warmer Wind wehte, die
Laternen sahen aus wie vom Himmel herabgestiegene Sterne und Monde und
schienen im Nebel aufgehängt. Beim Hinaustreten aus der Podjatscheskaja
auf die Ssadowaja blieb er plötzlich stehen: vor dem Tor des Spaßeschen
Polizeireviers, da, wo die Glocke hängt, stand ein Feuerwehrmann in
einem riesigen Messinghelm, ein wirklicher Feuerwehrmann, aber
überlebensgroß, und sein Messinghelm reichte über die Torwölbung hinauf.
Marakulin begann vor Entsetzen zu laufen. Etwas stieg ihm die Kehle
hinauf und preßte sie zusammen. Und erst als er zu Hause war, allein in
seinem Zimmer im Burkowschen Hof, fühlte er, daß er weinte, so wie er
nur einmal im Leben geweint hatte, als seine Kinderfrau ihn verlassen.
Nachts träumte er, er läge auf dem Burkowschen Hof. Der Hof aber war
größer als in Wirklichkeit, und obwohl er an den Seiten von den Häusern
zusammengedrückt war, so lagen doch die Stände und Kästen der fliegenden
Händler viel weiter als sonst, und die Wagenremise, die Müllgrube und
der Abguß waren viel entfernter. Es waren unter den Fenstern viel mehr
Ziegelsteine, Schutt und Kehricht angehäuft. Er lag nicht allein auf dem
Hof, neben ihm lagen die Mieter aus dem Vorderhaus und aus dem
Hinterhaus, aus den Seitenflügeln, aus den Gorbatschowschen „Winkeln“.
Und obwohl er viele von ihnen nicht kannte, so erriet er doch, wer sie
waren, und irrte sich bestimmt nicht darin, daß dieser Herr und diese
Dame Herr und Frau Oschurkow waren, die zehn Zimmer und allerlei Nippes,
die die Wohnung ganz ausfüllten, und ein Aquarium mit Goldfischchen
hatten. Und dieser da, der Bewegliche im Zylinder, war der Rechtsanwalt
Amsterdamskij, ein lustiger Kerl, – er verstand es, Prozesse gut zu
führen; die Portiers im Senat warteten auf ihn, wie auf das Osterfest.
Und Burkow selbst, der frühere Gouverneur, der Selbstvertilger, lag da,
aber man sah nur seine Uniform. Neben der Uniform lag der älteste
Hausmeister Michail Pawlowitsch mit seiner Gemahlin, der
gottesfürchtigen Antonina Ignatjewa, und der Händler Gorbatschow mit
einem kleinen Mädchen – mit seiner Tochter, der er einst in der
Rattenkammer die Fingerchen zerbrochen, und Wera mit Akumowna,
Stanislaus der Kontorist und Kasimir der Monteur, Adonja Iwoilowna und
die Artisten Damaskin, Sergej Alexandrowitsch und Wassilij
Alexandrowitsch, Wera Nikolajewna und Anna Stepanowna, die Hebamme
Lebedjowa in ihren Pelz eingewickelt, den man ihr um Weihnachten
gestohlen hatte, und der Portier Nikanor; auch lagen hier die Studenten,
welche nachts Totenmessen sangen, in neuen studentischen Uniformen und
mit ihrem Messinghahn, dann alle sieben Hausmeister und der Paßaufseher
Jerkin – die Hausmeister mit Holz und Jerkin mit Krankenhausmarken, jede
Marke ein Rubel, Gesicht und Hände ganz mit Marken beklebt. Kleine
Kinder lagen in Haufen, der Perser – der Masseur aus der Badeanstalt und
jenes kleine Mädchen, welches Murka damals Milch gebracht hatte, mit der
Scherbe; es lagen da alle Schuster, Bäcker, Bader, Friseure,
Schneiderinnen, Weißnäherinnen, eine Krankenschwester aus dem
Obuchowschen Krankenhaus, Kondukteure, Maschinisten, Kürschner, Schirm-
und Bürstenmacher, Kommis, Wasserleitungsmonteure, Setzer und allerlei
Mechaniker, Techniker und elektrische Meister mitsamt ihren Familien und
ihrem Gerümpel, mit Gläsern, Flaschen und Schwaben, und allerlei
Fräuleins von der Gorochowaja und vom Sagorodny, kleine Nähmädchen,
Mädchen aus den Teestuben und elegante junge Leute aus der Badeanstalt,
die die Petersburger Damen auf Wunsch bedienen, die alte Frau, welche
Sonnenblumensamen und sonst allerlei Kram feilbietet, stellenlose
Köchinnen, Maler und Schreiner, fliegende Händler mit Datteln und
Zuckerwerk, das nach Mistpilzen riecht, – mit einem Wort: der ganze
Burkowsche Hof, ganz Petersburg. Und nachdem Marakulin alle diese
Burkowschen Gestalten feststellte, erblickte er auch noch andre: seine
Mutter, seinen Vater, seine Schwestern, den alten Gwosdjow, den
Buchhalter Awerjanow, Tschekurow, Lisaweta Iwanowna und Maria
Alexandrowna, Rakow mit dem Lotterielos von Zweihunderttausend,
Lestschow, Pawlina Polikarpowna und alle Idioten, Geistesarmen, Eremiten
und heiligen Brüder, allerhand Belgier und Deutsche, die Deutschen um
den Doktor Wittenstaube zusammengedrängt, der alle Krankheiten mit
Röntgenstrahlen heilt, – überhaupt das ganze vagabundierende Rußland.
Da lagen sie alle auf dem Burkowschen Hof, wie auf einem Totenfeld, nur
war es nicht trocknes Gebein, sondern es waren lebendige Menschen, und
in jedem lebte und schlug ein Herz. Und Tiere lagen da zusammen mit den
Menschen: der schöne rothaarige Hund des Gouverneurs, Revisor, an der
lästigen Stahlkette hob zuweilen seine kluge Schnauze, und Murka lag
auch daneben, von einem rauchfarbenen Kater belegt. Neben Marakulin aber
lag die Generalin Cholmogorowa, die Laus, und die elektrischen Lampen
brannten wie vom Himmel herabgestiegene Sterne und Monde tief im Nebel
über dem Burkowschen Hof.
– Die Zeiten sind reif, die Sündenschale ist übervoll, die Strafe ist
nah! – sang Gorbatschow im Halbschlaf, die Worte durch die mit
Pferdehaaren bewachsene Nase dehnend.
Da klirrte etwas wie ein Säbel, und aus einem Schrank trat ein
Feuerwehrmann, überlebensgroß, in einem riesigen messingnen Helm, und
begann zu schreiten, mit den Stiefeln polternd. Und rasch über die
Maler, Schlosser und fliegende Händler hinwegschreitend, nahte er
Marakulin und blieb vor ihm stehen.
Es war ein ganz gewöhnlicher Feuerwehrmann mit einem roten Gesicht.
Da fühlte Marakulin, wie es ihm so schwer wurde, daß er weder einen Fuß
noch eine Hand rühren konnte, und er wußte, daß er nicht mehr lange
leben werde und daß ihm nur noch die Freiheit zu reden übriggeblieben
war. Er fühlte auch, daß es Allen – dem ganzen Totenfeld – ebenso schwer
war; sie konnten weder einen Fuß noch eine Hand rühren und hatten nur
noch die Freiheit zu reden; und während er seine letzten Augenblicke
nahen fühlte, hörte er die Automobile auf der Fontanka tuten.
Ueber ihm aber stand unbeweglich der Feuerwehrmann. Es war ein ganz
gewöhnlicher Feuerwehrmann mit einem roten Gesicht.
Erst wollte Marakulin es wagen, gleich jenem Starez Kabakow, der durch
Gebete die Stimme des Himmels befragte, den Feuerwehrmann für Alle, für
die ganze Welt auszufragen, aber er hatte nicht den Mut, wie Kabakow für
Alle, für die ganze Welt, für das ganze Totenfeld zu fragen, sondern er
fragte nur für sich.
– Wird es mir gut ergehen?
– Warte – sagte der Feuerwehrmann.
– Gut? – fragte Marakulin nochmals mit stockendem Atem, und hörte dabei,
wie auf der Fontanka die Automobile tuteten.
Und der Feuerwehrmann antwortete ihm, jedoch sehr kleinlaut, kaum daß er
das Wort zu Ende sprach:
– G–u–t.