Die Zimmer, die im Herbst leergestanden hatten, wurden zu Anfang des
Winters vermietet, und Marakulin hatte nun zwei neue Nachbarinnen: Wera
Nikolajewna Klikatschowa, Hörerin der Nadeschdinschen Kurse, und Wera
Iwanowna Wechorjowa, Schülerin der Theaterschule.
Wera Nikolajewna war sehr mager, so mager, daß man Angst um sie bekommen
konnte, besonders nachdem sie die Nacht über den Büchern verbracht
hatte. Wie ein solcher Mensch bloß leben kann: nicht ein Blutstropfen
war in ihrem Gesicht, und ihre Augen waren jene verlorenen Augen des
herumschweifenden heiligen Rußland.
Sie hatte mit ihrer Mutter in der Provinz gelebt, in der alten
Kreisstadt Kostrinsk. Sie hatten ein eignes Häuschen, das Häuschen aber
brannte ab, und sie verloren dabei alle ihre Habseligkeiten. Man hätte
sie retten können, wenigstens ein Teil konnte gerettet werden, aber die
Mutter, die alte Klikatschowa stellte sich mit dem Heiligenbild den
Flammen gegenüber und ließ nichts wegtragen, – alles verbrannte. Wenn
man dem Feuer erlaubt, alles aufzufressen, ohne sich zu widersetzen,
dann ersetzt es alles hundertfach, – so glaubte die Alte. Zwar hatte sie
vorher schon eine Erscheinung gehabt, ein Zeichen hatte ihr den Brand
verkündet: eine Woche früher hatte der Tisch und die Heiligenbilder
unheimlich geknistert, doch die Alte besann sich erst darauf, als alles
schon verbrannt war. Nach dem Brande wohnten sie in einem alten
Badehäuschen. Wera Nikolajewna absolvierte die Kostrinskische
Gemeindeschule und wäre in ihrem alten Badehäuschen sitzen geblieben,
wenn nicht eine Verbannte aus Petersburg hingekommen wäre, die sie zu
unterrichten begann und zur Aufnahme in die vierte Gymnasialklasse
vorbereitete. Wera Nikolajewna reiste in die Gouvernementstadt, machte
da das Examen und blieb dort drei Jahre in der Heilgehilfenschule am
Gouvernementkrankenhaus. Darauf ging sie nach Petersburg, wo sie jetzt
im Begriff war, die Nadeschdinschen Kurse zu absolvieren.
Das Lernen fiel ihr nicht leicht, – bis zum Weinen schwer war ihr das
Lernen. Aber sie wollte es nicht aufgeben, sie war von einem
unheimlichen Fleiß. Nach Absolvierung der Nadeschdinschen Kurse
beabsichtigte sie, das Abiturientenexamen zu machen, um in das
medizinische Institut aufgenommen zu werden.
Voller Sorgen, von den Lehrbüchern und von Arbeit erfüllt – sie mußte
als Masseuse ihren Lebensunterhalt verdienen – saß sie nie mit im Schoß
müßig gefaltenen Händen, und es war schwer, ein Wort aus ihr
herauszubringen; sie erzählte selten und war nicht gesprächig. Sie
erwähnte nur zuweilen ihre Mutter und jene Verbannte, Maria
Alexandrowna, die sie unterrichtet und in ihr die Lust zum Lernen
erweckt hatte, – nur von diesen beiden sprach sie.
Wera Nikolajewnas Mutter, Lisaweta Iwanowna, lebte seit ihrer Kindheit
in dem kleinen, weißen, verlassenen, alten Städtchen mit den fünfzehn
weißen Kirchen. Kostrinsk ist eine alte Stadt am Ufer des Flusses
Ustjuschina, – und in Beziehung auf das Trauergeläute der Glocken eine
erste Stadt, eine Klagestadt. Alte Leute können sich noch erinnern, wie
Lisaweta Iwanowna jung war, eine lustige Reigenführerin,
Märchenerzählerin und Sängerin uralter Weisen. Sie erinnern sich noch,
wie sie im Dom getraut wurde und wie der Priester, der doch Braut und
Bräutigam kannte, sich fortwährend irrte und die Namen verwechselte, und
wie Jutschicha, eine alte Waschfrau, dazu traurig den Kopf schüttelte,
weil sie in ihrer ahnenden Seele wußte, daß das junge Paar nicht lange
zusammenbleiben wird: ein Dritter stand zwischen ihnen unter dem
Baldachin. Die Alte wußte es, aber sie schwieg.
Und diese Jutschicha war auch dabei, als Lisaweta Iwanownas Mann starb,
und dabei, als das Haus brannte. Sie war es auch, die ihr beigebracht
hatte, nichts hinauszutragen und alles dem Feuer zu überlassen. Und
nicht das allein bloß hatte sie sie gelehrt, sondern all ihr nicht
einfaches, ahnungsvolles Wissen. Denn Jutschicha wußte viel, ja,
vielleicht alles, was dem Menschen zugestanden ist. So sagte man in
Kostrinsk. Und sie stieg ruhig ins Grab, weil sie in der Welt einen
andern Menschen an ihrer Statt zurücklassen konnte. Lisaweta Iwanowna
würde für sie besonders zu Gott beten, weil ihr die Alte alles
überliefert und für sie mehr getan hatte, als Vater und Mutter tun
könnten, so viel, daß es wohl keinem Menschen gegeben ist, mehr zu tun.
So urteilte man in Kostrinsk.
Zehn Jahre waren nach Jutschichas Tod und nach dem Brand des Hauses
vergangen. Noch immer im alten Badehäuschen lebend, träumte Lisaweta
Iwanowna davon, sich ein neues stattliches Haus zu bauen, ähnlich wie
das verbrannte. Jeden Sommer ließ sie Bauholz aus dem Wald in ihrem
Gemüsegarten aufstapeln. Sie war auch schon beim Vater Johann von
Kronstadt gewesen, um seinen Segen zu erbitten und brachte ihm ein altes
Heiligenbild im Stroganowschen Stil zum Geschenk, und er schenkte ihr
dagegen hundert Rubel für den Anfang. Wie oft schon hatte sie sich von
Verbannten einen Plan zeichnen lassen und ihn scharfsichtig genau
geprüft und untersucht: ob die Speisekammer oder die Rumpelkammer nicht
vergessen worden sei, ob auch alles genau so wäre, wie im alten
verbrannten Hause. Aber ein neues, stattliches baute sie doch nicht. Das
Bauholz verfaulte im Gemüsegarten, der Plan wurde sorgfältig in einem
Kästchen aufbewahrt und die hundert Rubel, das Geschenk des Priesters
hatten auf der Rückfahrt nicht einmal Moskau erreicht. Sie hatte nie in
ihrem Leben soviel Geld beisammen gehabt – ihr Mann war ein kleiner
Beamter in Kostrinsk gewesen und mußte mit Kopeken rechnen – und des
ehrwürdigen Vaters regenbogenfarbener Schein verflüchtigte sich im
Handumdrehen: sie brachte allerlei Nippes, Schächtelchen und Schachteln,
nötige und unnötige, zerbrochene und ganze, als Geschenke aus Kronstadt
mit, und jeder Gegenstand, jedes Schächtelchen hatte seine Bestimmung;
das größte Paket aber sollte seine Bestimmung nach näherer Erwägung
erhalten, und für diese „nähere Erwägung“ war fast ein halbes hundert
Rubel daraufgegangen. Wie sollte man da ein Haus bauen!
Lisaweta Iwanowna ist gebückt, zahnlos, ihre schweren weißen Flechten
umwickeln den ganzen Kopf, und die blauen Augen sind noch heller
geworden und leuchten. Sie hat vieles in dieser Welt gesehen, obwohl die
ganze Welt für sie die kleine weiße verlassene alte Stadt mit den
fünfzehn weißen Kirchen war, und alle ihre Tage waren besungen vom
Trauergeläute. Kostrinsk ist eine alte Stadt am Fluß Ustjuschina und dem
Trauergeläute der Glocken nach eine erste Stadt, eine Klagestadt. Viele
Menschen hat Lisaweta Iwanowna schon zu Grabe geleitet; sie besucht ihre
Gräber und am Ostersonntag trägt sie rote Eier hin, um den Toten den
Gruß: „Christ ist erstanden“ zu entbieten; denn es ist viel wichtiger,
den Toten diesen Gruß zu bringen als den Lebenden, so glaubte die Alte.
So lebte sie in ihrem Badehäuschen, wie in einem richtigen Haus dahin
und genoß den Anblick der Sonne, wenn sie hinter dem Kirchturm
unterging, und das Kreuz vergoldete, freute sich, wenn man zum erstenmal
Schlitten fuhr, oder wenn die Kinder im Frühjahr auf den Brettern sich
schaukelten, und wartete nur auf den Menschen, dem sie all das Wissen,
das ihr die alte Waschfrau Jutschicha überliefert hatte, weiter
überliefern könnte. Und der Mensch, dem sie es überliefern würde, wird
ebenso glücklich werden wie sie selbst; denn es gebe kein größeres Glück
als das ihre, – so dachte die Alte. Ihr Glück aber bestand darin, daß
sie durch ihr nicht einfaches, ahnungsvolles, gleichviel ob
eingebildetes oder tatsächliches Wissen erkannt hat, wie man leben muß.
Sie lebte nicht für sich und nicht für die anderen, und wenn sie etwas
tat, so dachte sie weder an sich noch an die Einwohner von Kostrinsk,
sondern sie bereitete sich fürs andere Leben vor, fürs Jenseits, und
dachte bei ihren Handlungen nur an das andre Leben und an das Jenseits;
deswegen war ihr selbst wohl, und deswegen tat sie den anderen wohl.
Lisaweta Iwanowna war für Kostrinsk dasselbe, was irgendein Bruder im
Hafen für die arme Petersburger Bevölkerung.
Da kam nach Kostrinsk eine Verbannte aus Petersburg, Maria Alexandrowna.
Um sich die Tage abzukürzen und auf irgendeine Weise die Zeit zu
vertreiben, die in der Unfreiheit sich so ausdehnende Zeit, begann sie
Wera Nikolajewna zu unterrichten. Wera Nikolajewna gefiel ihr, und sie
kam oft zu Klikatschows. Auch Lisaweta Iwanowna interessierte sie und
sie fragte die Alte aus, wie sie denkt, daß man leben und wofür man
leben müsse, wie man vergessen könnte, was nicht zu vergessen ist, und
was man tun müsse, daß man keine Angst hätte und nicht begehre, was man
nicht nehmen darf, – Alles das fragte sie die Alte. Und aus diesen
Fragen erkannte die Alte und ihr Herz flüsterte ihr zu, daß diese
Verbannte eben der Mensch war, dem sie ihr nicht einfaches ahnungsvolles
Wissen überliefern und ihn glücklich machen müßte.
Ein Jahr lang lebte Maria Alexandrowna in Unfreiheit in dieser kleinen,
weißen, verlassenen, alten Stadt. Zu Ostern kam sie zu Klikatschows, um
am geweihten Mahl teilzunehmen; – zu Ostern aber ist für den Wissenden
alles besonders sichtbar und klar. Und so erblickte Lisaweta Iwanowna
bei ihrem Liebling, bei ihrer Auserwählten auf der Stirn zwischen den
Augenbrauen das Zeichen des Todes. Und sie wollte erst nicht glauben,
als sie dieses Geheimnis erkannte. Aber schon in der Osterwoche war
Maria Alexandrowna nicht mehr in Kostrinsk, sie war ganz spurlos
verschwunden.
Vieles hatte Lisaweta Iwanowna gesehen: sie hatte ihren Mann begraben,
hatte auch viel fremden Kummer mit angesehen – wo gibt es ihn nicht! –
aber niemals hatte sie so viel geseufzt, wie damals, als der Morgen kam,
der Tag verstrich und es Abend wurde und Nacht, und ihre Auserwählte,
ihr Liebling, die dem Tod Geweihte verschwunden blieb. Sie, die
Glückliche, hatte dank ihrem nicht einfachen, ahnungsvollen, gleichviel
ob eingebildeten oder tatsächlichen Wissen erkannt, wie man leben muß,
aber sie hat die ihr bestimmte göttliche Tat nicht vollbracht, sie hat
ihr Wissen nicht überliefert, und wenn Maria Alexandrowna nicht
zurückkehrte, müßte sie als Unglückliche sterben. Und die Alte wartet;
ihr von schweren weißen Flechten umwundener Kopf wackelt, sie betet
leise, sanft und demütig, und über ihr läuten die Glocken ihr
Trauergeläute und besingen sie. Kostrinsk ist eine alte Stadt am Fluß
Ustjuschina und dem Trauergeläut nach eine erste Stadt, eine Klagestadt.
– Wohin ist denn Maria Alexandrowna verschwunden? – fragte einmal
Marakulin.
Aber Wera Nikolajewna sagte nichts, nur ihre verlorenen Augen, die Augen
des herumschweifenden heiligen Rußland lohten auf wie zwei
Scheiterhaufen, und sie weinte nicht, sondern schrie die ganze Nacht,
als hätte man ihr die Kehle zugeschnürt und die Schlinge sehr eng
zusammengezogen.
Marakulin konnte diese Nacht auch nicht einschlafen. Er horchte, er
verstand, und es war ihm unheimlich zumute.
– Dem Gorbatschow aber, – dachte er, – werden seine Nonnen und
Jungfrauen in schwarzen Kopftüchern bis in die Ewigkeit hinein „Christ
ist auferstanden“ zu Ostern singen.
Dieser Gedanke wiederholte sich in ihm und zog durch ihn schleppend und
zäh und drückte sich in Worten aus. Als er aber erschöpft war, überkam
ihn eine Unruhe: er vergaß Gorbatschow, Maria Alexandrowna und Lisaweta
Iwanowna, nur eins wollte er erkennen: was man wegräumen müßte, um seine
Ruhe wiederzufinden.
Da erinnerte er sich plötzlich an die Generalin Cholmogorowa, wie sie
satt und gesund, so zufrieden und sieghaft herumgeht, diese Laus, die
nichts zu bereuen hat und nur der Motion wegen herumgeht, wie sie mit
ihrem Klappstuhl auf der Fontanka herumspaziert oder auf dem
Sagorodny-Prospekt aus der Kirche zurückkommt, – und es war, als wenn
modriges Spinnweb sich ihr nachziehen würde, wie es in den Winkeln
ungelüfteter Rattenkammern hängt, oder zwischen dem Fußboden und
unverschiebbaren schweren Kästen, – dieses Spinnweb zieht sich ihr nach
und dringt einem gradezu in den Mund – es ist um sich ins Wasser zu
werfen!
Schon lange hatte er das bemerkt, aber erst jetzt erkannte er es. Und er
überlegte die ganze Nacht bis zum Morgen ingrimmig, wie man die
Generalin möglichst geschickt beseitigen könnte, so daß nicht einmal
eine nasse Spur von ihr zurückbliebe; denn er konnte nicht leben, ohne
daß sie beseitigt wäre, es fehlte ihm die Luft zum Atmen, sie ließ ihn
nicht atmen mit ihrem modrigen Spinnweb. – Es läßt einen nicht frei
aufatmen, dachte er, man hat keinen Schlaf, keine Geduld, keine Ruhe.
Hätte Marakulin im Moment der Verzweiflung die Generalin ermordet, und
wäre am Morgen vor Gericht gestellt worden, so hätte er zu seiner
Rechtfertigung sagen können, daß nicht er gemordet hat, sondern die
grausame Burkowsche Nacht.
Und Wera Nikolajewna weinte nicht, sondern schrie die ganze Nacht bis
zum Morgen, als hätte man ihr die Kehle zugeschnürt und die Schlinge
sehr eng zusammengezogen.
Es waren jetzt grausame Nächte für Marakulin. Wo blieb seine
Bereitwilligkeit, alles zu ertragen, nur um zu sehen, nur um zu hören,
nur um zu fühlen? Immer derselbe Gedanke an die Generalin ging ihm nicht
aus dem Sinn, die unglückliche Generalin war ihm im Halse stecken
geblieben! – Ein verrückter Mensch und in seiner Verrücktheit
beharrlich.
Als er einmal am Morgen in der Zeitung von einem Arzt las, der des
Giftmordes beschuldigt wurde, versteckte er die Zeitung unter sein
Kissen und las am Abend vor dem Einschlafen wieder die Stelle.
– Wohltäter der Menschheit, Doktor – flüsterte er im Dunkeln, – du magst
wohl nicht eine Laus nur ins Jenseits befördert haben und vielleicht
wirst du ... noch jemand befördern!
Und angesichts der allgemeinen Entrüstung der Zeitungen sprach er zu
sich ganz trunken:
– Das sind Schwestern meiner Generalin, die für diese vom Doktor
vergiftete Laus so einmütig eintreten.
Er stand mitten in der Nacht auf, zündete eine Kerze an, las nochmals
die Zeitung und versteckte sie unter dem Kopfkissen. Darauf legte er
sich wieder hin und flüsterte im Dunkeln und dachte bis zum Morgen. Und
er übertrug seine eigene Burkowsche Verzweiflung auf die ganze
Menschheit, deren Wohltäter vielleicht dieser giftmischerische Arzt
werden könnte, der eine Laus nach der anderen ins Jenseits befördert und
die Luft reinigt, damit man atmen kann: denn sonst hätte er keine Luft
zum Atmen, keinen Schlaf, keine Geduld, keine Ruhe. Ein verrückter
Mensch war er und in seiner Verrücktheit beharrlich.
Eine Woche oder länger lebte Marakulin in einer Art Raserei und
erreichte, wie es ihm schien, den Punkt. Und als er den Punkt erreicht
hatte, fand er einen Schlupfweg, um wieder in die Welt zu gelangen, er
fand sein Recht in der Welt zu sein, welches seit dem Herbst schon
schwankte, oder richtiger, nicht bloß schwankte, sondern ihm abhanden
gekommen war, zusammen mit dem Schlaf, mit der Geduld, mit der Ruhe.
Gorbatschow hatte, so dachte Marakulin, nach all seinen Umtrieben und
Klügeleien erkannt, wie er leben muß: er wollte seine Seele erlösen, und
deshalb räucherte er seine Winkel mit Weihrauch, alles übrige aber: ob
man die Kinder alle auf einen Strick aufhängen oder sie mit Bonbons in
rosa Papierchen füttern müßte – das betrachtete er als unwesentlich für
die Erlösung seiner Seele. Maria Alexandrowna hatte ebenfalls nach allen
ihren Fragen erkannt und begriffen, wie sie leben mußte: nicht daß sie
die Gefahr besonders liebte und ein Leben, neben dem der Tod einherging
– nein, sie wollte verderben, ihre Seele für andre hingeben, sie hatte
sich zum Opfer auserkoren für ein Gesetz und eine Wahrheit, von deren
Herrschaft das Glück der Menschen abhängt, und sie hatte gewiß getötet,
oder einen Totschlag vorbereitet, oder war bei irgendeinem Attentat
gegen eine Person, die ihrer Meinung nach dem Gesetz und dem Recht
schadete, behilflich gewesen. Lisaweta Iwanowna hat durch ihr nicht
einfaches, ahnungsvolles, gleichviel ob eingebildetes oder tatsächliches
Wissen erkannt und begriffen, wie sie leben muß: sie denkt weder an
sich, noch an die anderen, sondern sie denkt an das Jenseits und an das
jenseitige Leben, und indem sie sich für das Jenseits und für das
jenseitige Leben vorbereitet, handelt sie dementsprechend. Aber mit
Weihrauch räuchern und dabei sich gegen die Kinder wehren, ebenso wie
ein Attentat vorbereiten oder sich für das jenseitige Leben vorbereiten
– das alles ist Tat, Aktion, Arbeit, und setzt zu seiner Verwirklichung
eine Menge wichtiger Entschlüsse voraus. Vor allem muß man wissen,
gleichviel ob vor seinem Gewissen oder aus Verantwortung vor der
Vergangenheit und ihren Werken, muß man sich selbst antworten können,
daß man seine Seele erlösen, oder daß man seine Seele verderben soll –
oder daß man sich für das jenseitige Leben vorbereiten soll, und es sich
fest vornehmen im Namen eines Unwiderruflichen. Die Generalin dagegen
rührt keinen Finger, tut nichts – man kann doch das Besuchen des
Dampfbades nicht eine Tat nennen! – erreicht aber alles, und wie
glänzend! Der Erfolg ihrer Abhärtung ist handgreiflich und ganz
zweifellos, so daß ihrem Leben kein Ende abzusehen ist – der Chiromant
hat sich in diesem Falle nicht geirrt, und sie ist vielleicht schon
unsterblich. Dabei sucht sie weder ihre Seele zu erlösen, noch zu
verderben – denn verderben ist dasselbe wie erlösen – und sie gedeiht,
indem sie auf jede Erlösung verzichtet und nichts und niemand etwas
schuldet. Und hat Gorbatschow, welcher weiß, wie man leben muß, ein
Daseinsrecht, und haben Maria Alexandrowna und Lisaweta Iwanowna, die
ebenfalls wissen, wie man leben muß, ebenfalls ein Daseinsrecht, so hat
die Generalin, wie ein Kelch der Auserwähltheit, nicht nur ein einfaches
Recht, sondern ein königliches!
– Und jetzt ist zu überlegen und sehr genau zu überlegen, – räsonierte
Marakulin, als er den springenden Punkt, wie ihm schien, erreichte, – um
einen entscheidenden Schluß zu ziehen, ein für allemal: wie würde die
Menschheit handeln, wenn, sagen wir, wenn alle Großmächte, ein Bündnis
aller Mächte der Welt, mit England an der Spitze, ihren Untertanen, der
ganzen Menschheit, durch die Parlamente und Reichstage in besonderen
Manifesten dieses sorgenlose Lauseleben, das sündenlose und unsterbliche
Leben der Generalin anbieten würden? – Gesetzt, so etwas wäre möglich,
sei es durch eine wirkliche Erfindung – wenn etwa der gelehrte Deutsche
Wittenstaube es mit Hilfe seiner Röntgenstrahlen herausgefunden hätte;
oder durch einen Betrug – oder wenn etwa einer unserer gewesenen
Gouverneure wie Burkow der Selbstvertilger – wie viele solcher Vertilger
gibt es in Rußland, die fanatisch ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten
gegen sich selbst richten! – also, wenn so ein Burkow einen Trick
erfunden hätte, meinetwegen einen vorübergehenden Betrug, aber natürlich
so, daß alles glatt ginge; oder durch ein freches Wagnis, wenn etwa ein
lichtspendender, hochheiliger Starez Kabakow, nachdem er ein Grammophon
in seinen Keller eingemauert, sich durch eine Himmelsstimme der Welt als
Hirte und Richter offenbaren ließe – als der Erlöser von Murkas Erbsünde
– und ein neues, nicht von Menschenhand geschaffenes Zion aufgebaut
hätte, voll Frieden und Gnade, schnell, einfach und billig, – wie würde
sich die Menschheit dazu verhalten, wie würde sie darauf reagieren? Ich
denke – fuhr Marakulin fort zu räsonieren, als er mit Marakulinscher
Hartnäckigkeit bis zu seinem springenden Punkt vorgedrungen war – alle
Untertanen würden ohne alle überflüssigen Worte und Zeremonien, das Soll
und Nichtsoll und jeden Gedanken an Erlösung vergessend, ganz leise,
ohne die Hüte oder sonst den Rang bezeichnenden Kopfputz abzunehmen, die
Hosen ausziehen und auf den mutigen, freien, stolzen, heiligen Anruf,
sich bekreuzigend, in einen gigantischen mit Pferdehaaren bedeckten,
vielleicht bei uns in der belgischen Fabrik hergestellten Kopf,
hineinschlüpfen. Sie würden in dieses neue, nicht von Menschenhand
erschaffene Kabakowsche Zion voll Frieden und Gnade hineinstürzen, um
ein neues Lauseleben, ein schmerzloses, sündenloses, unsterbliches, und
vor allem ruhiges Leben anzufangen: ernähre dich, verdaue und härte dich
ab! Ein Klappstühlchen könnte man sich noch immer anschaffen; vielleicht
wäre es sogar möglich, unter diesen allgemeingültigen und deshalb
zwingenden, freiwillig angenommenen Bedingungen, da bei jedem am Hals
ein Kuhglöcklein läuten würde, damit man, sorglos weidend, nicht
verloren gehe, sich auch ohne Klappstühlchen auf der Fontanka Motion zu
machen, oder auf dem Sagorodny in die Kirche zu gehen. Und es ist
anzunehmen, daß jeder Vernünftige und Gute so handeln würde – denn wer
ist sein eigener Feind? – und er würde nach dem Gesetz richtig, weise
und menschlich handeln: denn in der Tat, wer hätte Lust sich zu quälen,
zu ersticken ohne Schlaf, ohne Geduld, ohne Ruhe!
Als Marakulin einst in seiner Kindheit Gardist bei der Kavallerie werden
wollte, betete er, Gott möge ihm helfen, ein Gardekavallerist zu werden,
und als er Räuber werden wollte, betete er mit denselben Worten, nur daß
der Gardekavallerist durch den Räuber ersetzt wurde, und ebenso betete
er, als er Kalligraphielehrer zu werden wünschte. Das waren seine
Hauptgebete für sich in Moskau auf der Taganka, denn um ein gutes
Zeugnis hatte er nie gebetet. Später pflegte er beim gewohnheitsmäßigen
Beten, während er morgens beim Erwachen und nachts beim Einschlafen
„Gott sei mir gnädig“ aufsagte, von Gott nichts mehr zu verlangen. Dann
hatte er auch dies: „Gott sei mir gnädig“ vergessen. Jetzt aber, als er,
wie ihm schien, in seinen Betrachtungen bis zu jenem springenden Punkt
angelangt war und das königliche Recht entdeckt hatte und dieses
königliche Recht auf der Welt zu sein auch für sich begehrte, warf er
sich nachts inbrünstig auf die Erde und betete in der Raserei, die Stirn
gegen den Boden schlagend:
– Herrgott! – flehte er – gewähre mir für einen Augenblick nur dieses
wahre Lauseleben, mach mich deiner Gnade teilhaftig, Herrgott, laß mich
nur für einen Augenblick aufatmen, dann mag dein Wille geschehen!
Und hätte sich Marakulin in seiner Verzweiflung, während er mit der
Stirn gegen den Fußboden schlug, den Schädel gespalten, und man hätte
ihn am nächsten Morgen dafür zur Verantwortung gezogen, so hätte er, zur
Besinnung gekommen, nur eins zu seiner Rechtfertigung sagen können, daß
nicht er sich getötet, sondern die grausame Burkowsche Nacht.
Hier muß noch gesagt werden, daß seine Geschäfte, die auch sonst nicht
besonders waren, zu Weihnachten überhaupt stillstanden. Er fand gar
keine Arbeit mehr; ein Entehrter findet sehr schwer Arbeit, besonders
wenn auf die Frage: „Womit beschäftigen Sie sich sonst?“ der wirkliche
Grund der Untätigkeit nicht verheimlicht wird. Marakulin verheimlichte
ihn auch nicht, und erzählte naiv wie ein zwölfjähriges Kind von seinen
Streichen, von seinen Quittungsbüchern und wie er wegen jener Quittung
herausgeflogen war.
Seine Lage war schlimm. Die Artisten Damaskin halfen ihm aus, und ohne
Sergej Alexandrowitsch, Wassilij Alexandrowitsch und Wera Nikolajewna
wäre ihm nichts übrig geblieben, als eine Bittschrift zu verfassen,
gleich dem ruhelosen alten Gwosdjow, der damals an Murkas Tag bei ihm
erschienen war, am letzten Tag in seiner eigenen Wohnung.
Und am Ende wird man sie doch verfassen müssen, denn das königliche
Recht, dieses nächtliche königliche Recht, wird einem offenbar nicht so
leicht gewährt, und wenn man keine Renten hat, die bis ans Lebensende
reichen, da ist es vielleicht besser, Gott gar nicht zu beunruhigen: man
erreicht ja doch nichts.
Zu Weihnachten gab es bei den Artisten einen Weihnachtsbaum, und alle
Mieter Adonja Iwoilownas waren eingeladen. Es war da eine Menge Leute,
gewiß lauter Artisten. Sergej Alexandrowitsch war sehr geschäftig und
reichte den Gästen Aschenschalen, damit die Zigarettenstummel nicht auf
den Boden geworfen werden, und Wassilij Alexandrowitsch ging so aus sich
heraus, ließ solche Raketen steigen, daß alle vor Lachen beinahe
umkamen. Im Kartenspiel verloren die Brüder das Letzte. In der
Gesellschaft taute auch Wera Nikolajewna auf und sang ihre
Kostrinskischen uralten Weisen, wie sie sie von ihrer Mutter Lisaweta
Iwanowna gelernt hatte.
Und seitdem, seit jenem Damaskinschen Weihnachtsabend, sang Wera
Nikolajewna an den Abenden der Weihnachtswoche allein in ihrem Zimmer,
zuweilen von den Lehrbüchern sich losreißend, mit halblauter Stimme vor
sich hin. Sie sang auf altertümliche Art, und in ihren Weisen atmete das
uralte Rußland.
Gewöhnlich begann sie mit dem Gesang von den sieben wilden Stieren und
von ihrer Mutter, der Stierin; wie die sieben goldgehörnten wilden
Stiere am Gestade des blauen Meeres wanderten, wie sie über das blaue
Meer schwammen und auf der berühmten Insel Bujan landeten, wo sie ihrer
Mutter, der Stierin, begegneten. Und die Stiere erzählten ihr, wie sie
an Kiew vorbeikamen und an der Auferstehungskirche, und was sie da für
ein Wunder gesehen hatten: aus der Kirche kam eine Jungfrau, sie trug
auf dem Kopf ein goldnes Buch, trat bis zum Gürtel in den Newafluß,
legte das Buch auf einen weißen, heißen Stein, las im Buch und weinte.
Und die Stierin deutet den Stieren dies übergroße Wunder: die Jungfrau
war die Mutter Gottes und sie las ein goldnes Buch – das Evangelium, und
sie weinte, weil sie Ungemach über Kiew heraufkommen sah, Ungemach über
das ganze heilige Rußland.
Und nach den Stieren erhob sich in seiner ganzen reckenhaften Größe der
Riese Ilja Muromez; wie der Recke am Grabe des Swjatogor den
reckenhaften Geist einatmet – den dritten, weißen Grabesschaum, – und es
treibt ihn und es hebt ihn, er weiß nicht, wo er mit seiner Kraft hin
soll. Dann folgte die Nachtschwalbe, die Aebtissin, die blonde Füchsin;
vierzig schwarze Jungfrauen folgen ihr wie die Dohlen, und schon donnert
und poltert der schreckliche Alte, Igrimistsche-Kologrenistsche. Er
tritt aus dem Bogoljubowschen Kloster aus, er will seine Seele retten,
sie ins Paradies bringen und schleppt in einem Sack weißen Kohl,
bitteren Rettich, rote Rüben – und ein schwarzlockiges Mägdelein.
Und wieder schwimmen auf dem blauen Meere die goldgehörnten Stiere,
begegnen ihrer Mutter, der Stierin, und erzählen ihr das übergroße
Wunder. Die Stierin deutet ihnen das Wunder: die Jungfrau ist die Mutter
Gottes, und lesen tut sie ein goldenes Buch, das Evangelium, und sie
weint, weil sie ein Ungemach über Kiew ahnt, Ungemach über das ganze
heilige Rußland.
Wera Nikolajewna sang auch die Räuberweise, von dem Scnurrbart, dem
Teufelskerl; sie sang von Gauklern und von lustigen Leuten ...
Leise spielt, ihr Spielmänner,
Leise spielt, ihr Lustigen,
Mir tut der Kopf so weh,
Mir ist mein Herz so schwer ...
In der Küche betet Akumowna vor den drei ewigen Lampen; sie betet für
ihre Herrin, für den Bruder der Herrin, für ihren eigenen Sohn. Im
hintersten Zimmer betet vor den drei ewigen Lampen Adonja Iwoilowna; sie
denkt an Paraschas Schiffe und weint, weil sie es nicht versteht.
Mit Wera Nikolajewna schien etwas vorzugehen: sie sang viel und war
nicht mehr so fleißig.
– Bei Gott, Sie sind in Sergej Alexandrowitsch verliebt –, sagte einmal
Werotschka Wechorjowa plötzlich in Wera Nikolajewnas Zimmer eintretend,
und sah sie schelmisch, herausfordernd und boshaft an.
Und die sonst so Blasse flammte plötzlich auf und wurde still – kein
Wort. Und auch ihm wird sie kein Wort sagen, sie wird eher sterben, als
etwas sagen – es gibt Solche. Und darum klang in ihren alten Weisen, in
denen das uralte Russland atmete, eine so dumpfe beklommene Sehnsucht.
Werotschka – so wurde vom ersten Tage an Wera Iwanowna Wechorjowa
genannt –, welche Akumowna auch die Unverschämte nannte, nicht etwa als
Schimpfwort, sondern als Kosename – Werotschka verbrachte selten einen
Abend zu Hause. Am Tage war sie in der Schule, dann kam sie für ein
Stündchen nach Hause und bald darauf lief sie irgendwohin, ins Theater.
Wenn sie nichts vorhatte, dann saß sie bei den Damaskins. Sergej
Alexandrowitsch unterrichtete sie in allerlei Tänzen. Sie war biegsam,
schlank und leicht, wie ein Federchen, und wenn beide miteinander
tanzten, so schien es, als hätten sie Flügel wie Vögel. Die Zeit verging
ihnen lustig.
Einmal fand sie Marakulin beim Tanzen, und seitdem kam er öfters zu den
Nachbarn, und daß Werotschka dort war und tanzte, das tat ihm wohl. Wera
Nikolajewna aber kam seit Weihnachten nicht mehr zu Damaskins; sie fand
stets eine Ausrede und saß allein, in ihre Lehrbücher vertieft, oder
hatte Wache im Krankenhaus.
Werotschka gefiel Marakulin. Sie tanzte schön und las gut vor – mit
einem schönen Organ. Im Süden geboren, war sie in Moskau erzogen worden,
und in ihrer Sprache war weder das lästige südliche Zwitschern, noch die
nordische Kälte – die gebändigte Freiheit, dafür aber Festigkeit und
jene besondere Moskauer Lieblichkeit. Nach dem Tanzen bat sie gewöhnlich
Sergej Alexandrowitsch, der Verse liebte, etwas vorzulesen. Und
Onjergins Brief: „Ich weiß voraus, beleidigen wird Sie des traurigen
Geheimnisses Erklärung ...“ mußte sie ihm einigemal wiederholen.
Was Marakulin auffiel und ihn am Anfang von Werotschka abgestoßen hatte,
war ihr äußerst starkes Selbstgefühl, eine maßlose Selbstüberhebung und
Prahlerei, die marktschreierisch wirkte. Man mußte sich für sie schämen.
Und jeden Widerspruch faßte sie als Beleidigung auf. Sie konnte sich
dermaßen versteigen bis zu einer Höhe, wo alle Worte einander gleichen
und nur einen Sinn haben: – es war nicht der sehnsüchtige Ruf eines
Hoffenden, sondern eine Herausforderung, ein unheimlicher Schrei nach
dem Recht, die himmlischen Scharen kurz und klein zu schlagen, wenn es
nur eine Himmelsleiter gäbe, wie es in der alten Weise heißt, – oder die
Erde auf den Kopf zu stellen, wenn man nur einen Griff zu fassen
kriegte! – Dabei hört ein so Verstiegener, ein so unheimlich nach seinem
Recht Schreiender ja niemals seinen eigenen Schrei. Und Werotschka tat
einem leid.
Sie behauptete, sie sei eine große Schauspielerin, sie brauche bei
niemand zu lernen, vielmehr müßten alle bei ihr lernen. Und wenn sie
dennoch in diese dumme Schule eingetreten sei, so wäre es nur geschehen,
um sich den Weg zu bahnen. Ohne das komme man eben nicht vorwärts. Und
sie werde sich ihren Weg schon bahnen, sie werde ihren Schatz heben,
dann würden alle sehen ...
– Und dann werden alle sehen – Werotschka zerriß sich fast vor Schreien,
– Vielen wird es leid tun, aber zu spät! – Und die Namen der
Berühmtheiten aufzählend, als wollte sie sie mit sich vergleichen,
lächelte Werotschka halb verächtlich, halb mitleidig, – Ihr werdet mich
noch sehen! – und ihre Augen flammten begeistert auf und loderten in
brennendem Haß, – ich werde zeigen, wer ich bin, der ganzen Welt, –
mögen sie dann sehen ...
„Aber wer sind denn diese sie?“ fragte sich Marakulin nicht einmal, je
öfter er über Werotschka nachdachte. Werotschka erzählte gern von sich,
aber auf allerlei Art, und es war nicht herauszubringen, was daran echte
Wahrheit war und was bloß so Wahrheit.
Ihr Vater war gestorben, als sie noch klein war. Er war Offizier. Aus
Wosnessensk im Chersonschen Gouvernement, wo sein Regiment stand,
übersiedelte die Mutter nach Moskau; hier wurde sie Haushälterin bei
einem alten General, einem Verwandten ihres Mannes. Werotschka wurde im
Institut erzogen, doch bevor sie es noch absolviert hatte, starb ihre
Mutter. Zum General pflegte ein reicher Fabrikant, Wakujew mit Namen, zu
kommen – ein nicht mehr junger, aber schöner gesunder Mann – wie man in
Moskau von ihm sagte. Er hatte einträgliche Geschäfte mit dem General.
Anissim Nikititsch begann Werotschka den Hof zu machen und gefiel ihr
auch. Und so kam es, daß Werotschka mit der Zustimmung des Generals zu
Wakujew zog. Wakujew besaß auf dem Arbat ein altes herrschaftliches
Einfamilienhaus. Seine Frau war tot, seine Kinder versorgt; nur drei
schon ziemlich bejahrte Fräulein, seine Nichten, die er nach dem Tode
seines ruinierten Bruders ins Haus genommen, führten ihm die Wirtschaft.
Ein Jahr blieb Werotschka bei Wakujew, und es ist anzunehmen, daß er
ihrer im Laufe dieses Jahres überdrüssig wurde; ferner ist anzunehmen,
daß ihr Leben auf dem Arbat nicht besonders heiter war. Anissim liebte,
wie sie selbst erzählte, Abwechslung, Zerstreuung, und es wurde ihm
alles nachgesehen. Anissim war es auch, der sie in Petersburg studieren
ließ und ihr fünfunddreißig Rubel monatlich schickte; von diesem Geld
lebte sie.
„Ist es dieser Anissim und seine drei Nichten, die ihr so zugesetzt
haben, sind sie es, diese _sie_, die dann sehen werden?“ fragte sich
Marakulin nicht einmal, als er jetzt immer häufiger über Werotschka
nachdachte.
Eines Tages, es war in der Theodorwoche, ganz am Anfang des Frühlings,
da kam Werotschka so lustig und aufgeräumt nach Hause, daß sie die
Hausgenossen beinahe überrannte. Selbst die sonst weinerliche und
unbewegliche Adonja Iwoilowna vergaß ihre Tränen, und begann mit noch
tränenfeuchten Augen herumzuwirtschaften, als wäre Werotschka ihre
Tochter, die jetzt so lustig und aufgeräumt heimgekommen. Akumowna
drehte sich ebenfalls flinker herum, als wäre es ein Feiertag, und sah
ihre „Unverschämte“ besonders zärtlich an.
Der Tag war sonnig, der Frühling, die Wärme lockte, im belgischen Hof
schmolz der Schnee zusammen mit dem Steinkohlenberg dahin. Aus den vier
Ziegelschloten stieg gleichmäßig der Rauch in die Höhe, die Burkowschen
Fenster vermeidend, und der Burkowsche Hof war voll von Kindern; sogar
die Säuglinge waren mit ihren Ammen draußen.
Anissim Nikititsch Wakujew war in eigener Person nach Petersburg
gekommen, und Werotschka war ihm auf dem Newsky begegnet – das war es:
daher die Freude und diese ungewöhnliche Ausgelassenheit.
Diese Nacht schlief Werotschka nicht zu Hause. Und als sie am Morgen
wiederkam, machte sie sich sofort daran, ihr Zimmer aufzuräumen. Wieviel
Erfindungsgeist zeigte sie dabei, sie, die sonst doch – ganz anders als
Wera Nikolajewna – so zerfahren und unordentlich war! Jetzt blies sie
jedes Stäubchen fort, legte Papier unter den wackelnden Tisch, damit er
fester stand und brachte die Haarnadeln in eine Schachtel unter. Und
wieviel Lauferei gab es und welche Geschäftigkeit entwickelte sie –
sogar einen Blumentopf hatte sie irgendwo erstanden, wie zu Pfingsten.
Sie erwartete einen Gast, Anissim Nikititsch Wakujew selbst. Und der Tag
war ebenfalls sonnig, es lockte der Frühling, die Wärme.
Der Tag verstrich langsam, es kam der Abend, ein unruhiger Abend, und
als dann in der Wohnung die Klingel anschlug, da hielt die ganze
Wohnung, alle vier Zimmer und die Küche, den Atem an, und Marakulin
wollte sogar die Lampe auslöschen, aber die Lampe erlosch von selbst,
ohne zu fragen, als hätte sie ein krachender Donner, ein moskauischer
Donner getroffen.
Es war ein Student, ein Techniker, der auf der Suche nach seinem
Bekannten an die falsche Tür geraten war. Und Akumowna hatte noch lange
mit ihm zu schaffen, da er sich auf keine Weise dabei beruhigen konnte,
daß es hier keinen Ljubimow gab und nie gegeben hatte.
– Es kann nicht sein – sperrte sich wichtigtuerisch der Student, – das
ist Willkür!
Der Student wurde mit Mühe und Not fortgeschickt; der betrunkene Student
verzog sich endlich wie Rauch, aber nun konnte man niemand mehr
erwarten.
Werotschka ging in ihrem Zimmer auf und ab, unermüdlich und nicht wie
mit ihren eigenen Schritten. Ihre Schritte waren fest und krallig und
ihre „unverschämten“ Augen wie zwei scharfe Klingen. Es war einem
unheimlich.
Vom sonnigen Frühlingstag aufgescheucht, ließ sich Adonja Iwoilowna beim
abendlichen Samowar von Akumowna über ihre sommerliche Pilgerfahrt
wahrsagen: es war schon Zeit für sie, sich auf den Weg zu machen, der
Frühling war schon da.
– Jedes Stengelchen verflicht sich mit einem Stengelchen – tönte
Akumownas gerührte Stimme, – jedes Zweiglein mit einem Zweiglein.
Und Wera Nikolajewna, die mit ihren Arbeiten fertig war, sang leise ihre
geliebten alten Weisen, und in ihren Liedern atmete das uralte Rußland
und eine dumpfe beklommene Sehnsucht:
Leise spielt, ihr Spielmänner,
Leise spielt, ihr Lustigen,
Mir ist mein Kopf so weh,
Mir ist mein Herz so schwer ...
Und plötzlich wurde sie still. Kein Wort mehr. Sie wird auch ihm nichts
sagen, sie wird eher sterben als etwas sagen.
– Jedes Zweiglein mit einem Zweiglein, jedes Blättchen mit einem
Blättchen – tönte Akumownas gerührte Stimme, – der Frühling ist da.
Und es wurde immer bedrückender. Denn Adonja Iwoilowna begann zu weinen,
und noch lauter als sonst; sie erinnerte sich gewiß an ihren Mann, und
daß die Erde an dem Friedhof unter ihm weggeht und von seinem Grabe
abbröckelt.
Werotschka ging im Zimmer auf und ab, unermüdlich und nicht wie mit
ihren eignen Schritten. Ihre Schritte waren fest und krallig und ihre
„unverschämten“ Augen wie zwei scharfe Klingen. Es war einem unheimlich.
Doch der Sänger, der Samowar, erlosch, die Tränen waren ausgeweint und
die Schritte verstummt. Alles schlief im Haus und im Hof, die Hupen der
Automobile tönten nicht mehr von der Fontanka herüber, im Obuchowschen
Krankenhaus blinkte das Licht schon auf nächtliche Weise wie ein Stern,
und über den belgischen Ziegelschloten ging ein Stern an und sah in die
Fenster hinein, so ein großer Frühlings-Abendstern – die Stunde der
Nacht war da. Und Marakulin war es, als klopfte jemand – ein seltsames
Klopfen. Er horchte auf und erkannte: das Klopfen kam aus Werotschkas
Zimmer. Und nun verstand er, daß Werotschka allein in ihrem Zimmer nicht
eingeschlafen war und nicht einschlafen würde, und daß sie mit dem Kopf
gegen die Wand schlug, ohne Tränen, ohne Klage, mit weit aufgerissenen
trockenen Augen: wenn es gar zu schlimm ist, dann weint man nicht.
Und all sein Gefühl, seine ganze Erbitterung, seine ganze Verzweiflung,
die für eine Weile sich gelegt hatte, loderte hell auf und ergoß sich
wieder auf seine auserkorene, verhaßte Generalin. Fiebernd wie im
widerlichsten Rausch und zähneknirschend malte er sich aus, wie diese
unglückselige Generalin, diese kerngesunde, unsterbliche, sündenlose,
kummerlose Laus – dieser Kelch der Auserwähltheit – süß schlafe. Und er
mußte es jemand sagen, einerlei wem, aber sofort, solange das Herz noch
nicht gesprungen war.
Und fast erstickend sprang er ans Fenster und schrie aus Leibeskräften
hinaus:
– Ihr rechtgläubigen Christen, die Laus schläft, so helft doch!
Und als er es hinausgeschrien hatte, da fühlte er, wie seine einstige
ungewöhnliche Freude langsam in ihm hochsteigt, hinaufbrandet und bald
sein Herz überfluten und die Brust überfüllen werde.
– Was brüllst du so? – schrie ihn eine knarrende Stimme an, und aus den
Winkeln zeigte sich Gorbatschows haarige Nase.
Das Klopfen aber dauerte fort. Das war Werotschka, allein in ihrem
Zimmer – sie war nicht eingeschlafen und wird nicht einschlafen – sie
schlug mit dem Kopf gegen die Wand, ohne Tränen, ohne Klage, mit
weitaufgerissenen trockenen Augen: wenn es gar zu schlimm ist, dann
weint man nicht.
Grausame Augenblicke, Herumtreiben ohne Arbeit und Erschöpfung
beschlossen das erste Burkowsche Jahr Marakulins.
Als erste machte sich Adonja Iwoilowna auf die Reise: sie fuhr nach
Kaschin zu der ehrwürdigen Anna von Kaschin, und aus Kaschin auf den
Murman in das Petschenegische Kloster zum ehrwürdigen Tryphon. Nach
Adonja Iwoilowna verreiste Wera Nikolajewna, nachdem sie ihre Prüfungen
abgelegt, bis zum Herbst zu ihrer Mutter, in ihr kleines weißes
Städtchen mit den fünfzehn weißen Kirchen, in die alte vergessene Stadt
Kostrinsk. Sie sah zum Umblasen schwach aus. Als letzte reiste
Werotschka. Sie hatte sich zu gar keiner Prüfung gemeldet und ihre
Theaterschule aufgegeben, da sie offenbar ein anderes sicheres Mittel
gefunden, „sich den Weg zu bahnen“, – sie sagte aber nicht was für eins.
Sie sagte nur:
– Im nächsten Jahr werdet ihr sehen, ich werde ganz Rußland zeigen, wer
ich bin!
Marakulin brachte sie zum Nikolajewschen Bahnhof: Werotschka reiste über
Moskau irgendwohin nach der Krim. Nach dem ersten Glockenzeichen fühlte
er es besonders stark, wie bitter es ihm war, daß Werotschka nicht mehr
da sein wird und stand schweigend vor dem Wagen. Sie aber streckte sich
so sonderbar, indem sie die Vorübergehenden ungeduldig ansah und die
Blicke auf sich zog, schlank, biegsam und leicht.
Plötzlich lächelte Marakulin zum erstenmal in seiner ganzen Burkowschen
Zeit, ohne zu wissen weshalb und warum, – er lächelte einfach. Und sie
mußte es sicher bemerkt haben, denn es war so ungewöhnlich und
unerwartet!
– Weinen müßte man um mich! – sagte sie theatralisch und kniff die Augen
zusammen, halb mit Bedauern, halb mit Ekel, und während sie ihm mit dem
Schirm auf die Hand schlug, sagte sie ganz ernst, übertrieben ernst, mit
einer Falte auf der Stirn: – Ich bin eine große Schauspielerin!
Er glaubte es damals gern und von ganzem Herzen, daß Werotschka eine
große Schauspielerin sei und daß sie sich im nächsten Jahr wirklich
auszeichnen würde in ganz Rußland und daß ihr Name bald in ganz Europa,
in der ganzen Welt berühmt sein werde.
Als er vom Bahnhof zu sich nach der Fontanka kam und sich mit Akumowna
allein fand, da fühlte Marakulin, wie ihm das Leben jetzt zuwider war
und daß er nicht so leben konnte.
Der eine muß verraten, um durch den Verrat seine Seele aufzutun und in
der Welt er selbst zu sein, der andre muß töten, um durch den Mord seine
Seele aufzutun und wenigstens als er selbst zu sterben, er aber mußte
offenbar eine Quittung ausfertigen, aber nicht der Person, der sie
zukam, um seine Seele aufzutun und in der Welt zu sein, und zwar nicht
mehr als irgendein Marakulin, sondern als Peter Alexejewitsch Marakulin:
sehen, hören, fühlen.
Aber er war nicht mehr damit einverstanden, weil er es nicht mehr
ertrug; er wollte nicht mehr so dahinleben ohne einen Zweck, nur um zu
sehen, zu hören und zu fühlen, – und auch das Leben einer Laus, das
unsterbliche, sündenlose, kummerlose Leben, das königliche Recht, jenen
Tropfen Wasser, den die sündige Seele im Jenseits sucht, wünschte er
nicht mehr. Er will leben und wird es, aber um nur noch einmal
wenigstens jene ungewöhnliche Freude zu fühlen, die er in seiner
Kindheit kannte und die er nicht mehr kennt, die nur das eine Mal in ihm
hochgestiegen war, in jener Frühlingsnacht, als Anissim zu Werotschka
nicht kam, in jener Frühlingsnacht, als jedes Stenglein sich mit einem
Stenglein verflocht, jedes Zweiglein mit einem Zweiglein, jedes
Blättchen mit einem Blättchen. Und wie klebrige junge Blättchen waren
ihm in der Erinnerung die Frühlingsworte der von der Sonne gerührten
Akumowna.
Und es war ihm so bitter, noch bitterer als an jenem Abend, weil
Werotschka nicht mehr da war; als wenn seine ganze ungewöhnliche Freude
– der Quell seines Lebens nur in ihr sich bergen würde.