Zweites Kapitel

Das Burkowsche Haus stößt an keine fremde Mauer. Ihm seitlich gegenüber

liegt das Obuchowsche Krankenhaus. Zwischen dem Haus und dem Krankenhaus

befinden sich zwei Höfe: Burkows Hof und der Hof der Belgischen

Gesellschaft. Die Fabrik der Gesellschaft liegt rechts, – sie hat vier

Ziegelschlote mit Blitzableitern; sie qualmen den ganzen Tag und

erfüllen die Fensterrahmen mit schwarzem Ruß. Ueber diesen Ruß beklagt

sich Akumowna so oft sie vor den Feiertagen die Zimmer reinigt, aber sie

schreibt die Schuld daran nicht den belgischen Schloten zu, sondern der

riesigen elektrischen Milchglaskugel, die den ganzen belgischen Hof

beleuchtet.

Der Mond blickt manchmal in die Fenster hinein, die Sonne aber ist nie

zu sehen, nur im Hochsommer glüht Marakulins Zimmer wie eine heiße

Pfanne: die Strahlen dringen herein zusammen mit dem Staub und jenem

lästigen Hämmern von Eisen gegen Stein, das dem sich erneuernden und

aufputzenden Petersburg im Sommer eigen ist. Auch die Sterne sind hier

wenig zu sehen, mit Ausnahme des Abendsterns, und auch dieser ist nur im

Frühjahr sichtbar, in später, nicht sehr dunkler Mitternacht; dafür aber

glänzt das Licht im Obuchowschen Krankenhaus wie ein Stern.

Wenn im Hof der Belgischen Gesellschaft schwarze Männer erscheinen und

wie Zuchthäusler einen schwarzen Karten mit Steinkohle nach dem andern

von der Fontanka hereinfahren, und der Hof sich im Laufe der Tage in

einen schwarzen Berg verwandelt, dann bedeutet es, daß der Sommer

vorüber ist und daß der Winter, der Herbst naht. Wenn aber der Berg

abzunehmen beginnt und wie Schnee schmelzend zergeht, wenn die schwarzen

Männer wieder mit schwarzen Karren erscheinen und klirrend die letzten

Stücke wegfahren; wenn in dem mit grauem Sandbestreuten Hof weiße Zelte

sich erheben, kurzgeschorene, erdfahle Menschen in grauen

Krankenhauskitteln herumzuschleichen beginnen und die roten Kreuze der

Schwestern leuchten, dann bedeutet es, daß der Winter vorüber ist und

daß der Sommer – der Frühling da ist.

Burkows Haus ist wie Petersburg selbst.

Der herrschaftliche Teil des Hauses liegt nach der Seitengasse mit der

Kaserne – in ihm sind lauter teure Wohnungen. Hier wohnt der Eigentümer

Burkow selbst – ein ehemaliger Gouverneur: seine Uniform strahlt wie

elektrisches Licht und sein Vorzimmer ist voller Epauletten und blanker

Knöpfe. Eine Etage höher wohnt der Rechtsanwalt Amsterdamskij – er nimmt

zwei Wohnungen ein. Noch höher wohnen Oschurkows – ein Ehepaar nur – in

zehn Zimmern; alle zehn Zimmer sind voll von Nippes, auch ein Aquarium

mit Goldfischchen haben sie; die Dienstboten wechseln jeden Tag. Der

Nachbar der Oschurkows ist ein Deutscher, der Doktor der Medizin

Wittenstaube, der alle Krankheiten mit Röntgenstrahlen heilt. Ueber

Oschurkows und Wittenstaube wohnt die Generalin Cholmogorowa, oder die

Laus, wie sie im Hof genannt wird. Ueber der Generalin wohnt niemand;

unter Burkow befindet sich noch ein Kontor und an der Ecke eine

Bäckerei.

Burkow selbst wurde nie von jemand gesehen. Es gingen seltsame Gerüchte

um von seiner eigenartigen Selbstvernichtung: während er Gouverneur in

Purchowez war und dort den Aufruhr unterdrückte, soll er dermaßen außer

sich geraten sein, daß er unter anderen Akten auch eine von ihm selbst

verfaßte Meldung an das Ministerium über seine eigene völlige

Unfähigkeit unterschrieb, worauf er glücklich, aber ihm völlig

überraschend nach Petersburg berufen wurde, wo er seinen Abschied

erhielt.

Die Generalin Cholmogorowa dagegen konnte ein jeder sehen, und alle

wußten, daß allein die Zinsen ihres Kapitals bis zu ihrem Tode reichten,

und leben könnte sie noch ein halbes Jahrhundert: kräftig und lebhaft

würde sie alle überleben, oder wie der Chiromant sich ausdrückte: es ist

ihrem Leben kein Ende abzusehen! Man wußte auch von der Generalin, daß

sie jeden Dienstag ins Dampfbad gehe und so abgehärtet sei, daß sie

überhaupt nicht altere, sondern immer im gleichen Zustand verharre.

Weiter wußte man, Gott weiß woher, daß sie nichts in ihrem Leben zu

bereuen habe; sie hat weder getötet noch gestohlen, und wird weder töten

noch stehlen, denn sie tut nichts, als sich ernähren – sie trinkt und

ißt – sie verdaut und härtet sich ab. Sonst nichts. Endlich wußte man,

daß sie das Haus nie anders als mit einem Klappstuhl verlasse; diesen

nehme sie als eine Art Waffe mit, falls sie überfallen werden sollte, –

und so kann man sie mit dem Stuhl täglich auf der Fontanka der Motion

wegen promenierend antreffen, an Samstagen und Sonntagen, vor den Festen

und an den Festtagen selbst dagegen auf dem Sagorodny-Prospekt, wo sie

entweder zur Kirche geht oder aus der Kirche kommt.

Jeden Mittag Schlag Zwölf erscheint auf dem Hof das Burkowsche

Hausmädchen Susanna, das schon mehr wie ein Fräulein aussieht – wie eine

Stenotypistin aus irgendeinem Bureau – und führt den schönen Hund des

Gouverneurs, den rothaarigen Revisor über den Hof spazieren, wobei sie

kaum die lästige Stahlkette festhält. Jeden Mittwoch werden die Teppiche

in den Hof hinuntergebracht und vor den Feiertagen auch die

Polstermöbel, und die Teppichklopfer bearbeiten sie und klopfen so

eifrig und mit solchem Gedonner, daß es sich anhört, als würde auf der

Newa aus Kanonen geschossen; das bedeutet: ein Attentat oder eine

Ueberschwemmung. Alle diese Teppiche und Möbel stammen aus dem

herrschaftlichen Teil des Hauses – aus den reichen Wohnungen der

Burkows, Amsterdamskijs, Oschurkows, Wittenstaubes und der Generalin

Cholmogorowa.

Im Hinterhaus sind lauter kleine Wohnungen, und die Einwohner sind

mittlere, zumeist aber kleine Leute. Hier befinden sich Schuster und

Schneider, Bäcker, Bademeister, Friseure, eine Waschanstalt, zwei

Weißnäherinnen, drei Schneiderinnen, eine Krankenschwester aus dem

Obuchowschen Krankenhaus, Kondukteure, Maschinisten, Kürschner,

Schirmmacher, Bürstenmacher, Buchhalter, Wasserleitungsarbeiter, Setzer

und allerlei Mechaniker, Techniker und elektrische Monteure mit ihren

Familien und ihren Lumpen, Flaschen, Gläsern und Schwaben; hier sind

auch allerlei Fräuleins von der Gorochowaja und vom Sagorodny-Prospekt,

Nähmamsells, Mädchen aus den Teestuben und elegante junge Leute aus den

Badeanstalten, die die Petersburger Damen auf Wunsch bedienen; hier

befinden sich auch „die Winkel“.

Der Inhaber der Winkel, der Händler Gorbatschow, der Schweigsame – so

wurde er im ganzen Hof genannt – ein stämmiger, haariger, angegrauter,

betfrommer Mann, der allsonnabendlich alle seine dreißig Winkel mit

Weihrauch ausräuchert, besitzt auf dem Marsfeld drei Stände. Zu den

Feiertagen tummeln sich bei Gorbatschow Mädchen in schwarzen Tüchern und

Nonnen-Geldsammlerinnen in Schaftstiefeln, und zu Ostern legen alle

diese Töchter des Gesanges lustig und keck: Christ ist auferstanden! bei

ihm los. Gorbatschow ist allen bekannt und wenig beliebt; er kann Kinder

nicht ausstehen. Die Generalin Cholmogorowa kann, wie man sagt,

ebenfalls Kinder nicht ausstehen, aber sie selbst hat nie welche gehabt;

Gorbatschow dagegen hatte ein Töchterchen gehabt, das er aber so lange

in einer leeren Kammer voller Ratten eingesperrt hielt und so lange

mißhandelte, bis er es ins Jenseits befördert hatte. Die kleinen Kinder

ärgern Gorbatschow, geben ihm allerlei Spitznamen, verfolgen ihn in

wilden Scharen, spotten über seinen Weihrauch und über seine mit

Pferdehaaren bewachsene Nase, und davon ertönt der Hof von so kräftigen,

geflügelten Worten, von einer so auserlesenen saftigen russischen

Sprache, wie man sie kaum im Gefängnis zu hören bekommt; und das

Gefängnis ist doch sozusagen ihre Akademie.

– Die Zeiten sind reif, die Sündenschale ist voll, die Strafe ist nah,

ich werde euch alle, ihr Lumpen, auf einem Stricklein aufhängen! –

brummt der gekränkte, von den Kindern gequälte alte Schweiger und

schnuppert mit seiner von Pferdehaaren bewachsenen Gorbatschowschen

Nase, während er an den Sonnabenden alle seine dreißig Winkel

beweihräuchert, böse und bitter das Göttliche mit dem Ungebührlichen

durcheinandermengend.

Die Gorbatschowschen Winkel sind allbekannt. Hier wohnt die Alte, die an

der Badeanstalt Sonnenblumen- und Kürbissamen, Johannisbrot,

Zuckerplätzchen in rosa Papierchen mit Fransen, Heringe und eingelegte

Birnen feilbietet; stellenlose Köchinnen wohnen hier und sonst allerlei

Volk, von der Art des ruhelosen alten Gwosdjow: ein Maler, ein Tischler

und allerlei fliegende Händler.

Die Stände der Händler, ihre Kästen, befinden sich an der hölzernen

Ueberwölbung der Müllgrube und auf dem Müllkasten andererseits. Am

frühen Morgen, wenn die Hausmeister den Hof säubern und fegen, da kocht

es bei den Händlern vor Arbeit auf den Ständen: die Aepfel, Apfelsinen,

getrocknete Aprikosen, Pflaumen, Datteln und andere Süßigkeiten und

Näschereien, alles wird vorsichtig immer wieder verlockend

zurechtgelegt, aufgefrischt und erneuert. Dann wird es an der Fontanka

herumgetragen und sieht so verlockend, so schmackhaft aus, daß es über

die Kraft geht, sich zu versagen, wenigstens etwas davon zum Tee zu

kaufen: eine Dattel oder eine Tafel Schokolade, die nach Mistpilzen

riecht.

Und so wie die Gorbatschowschen Winkel nie leer stehen, so sind auch die

Stände dieser Händler, ihre Kästen stets voll von den verlockendsten

Süßigkeiten und Näschereien.

Neben den Winkeln befindet sich die Hausmeisterwohnung. Es sind ihrer

sieben Hausmeister. Alle sehen sie so gesund aus, und alle sind sie

irgendwie krank; – wenn sich zum Spaß wenigstens ein gesunder unter

ihnen fände! Der Beruf eines Hausmeisters ist auch gar nicht so einfach:

er muß aufpassen und Holz tragen und Leute auf die Wache schleppen, –

und alles muß flink geschehen. Ihr einziger Vorteil ist der Verkauf von

Brennholz. Nur der herrschaftliche Teil des Hauses bezieht das Holz vom

Wirt; im Hinterhaus aber wohnen nur kleine Leute, die ihr Holz selber

kaufen, und deshalb treiben durchweg alle sieben Hausmeister einen

schwunghaften Handel mit Holz.

Ueber der Portierloge wohnt der Oberhausmeister Michail Pawlowitsch, der

seiner Stattlichkeit nach besser in die Newskaja Lawra[1] passen würde –

auch in diesem Kloster würde er nicht zu den letzten zählen; – als

Feiertagsgeschenk nimmt er nicht weniger als einen Rubel an. Ueber

Michail Pawlowitsch wohnen der Paßaufseher Jerkin und der Kontorist

Stanislaus.

Jerkin ist im ganzen Burkowschen Hof in Beziehung auf Trinken als der

erste bekannt. Und in den Feiertagen kann es vorkommen, daß er, nachdem

er die fünfte Etage erklettert, an einer Tür geklingelt und mit Mühe

hervorgestammelt hat, er sei um seinen Feiertagsobolus gekommen, wie tot

auf dem Platz liegen bleibt. Einmal, war es Weihnachten oder Ostern, da

war er die ganze Treppe hinuntergekollert, von Stufe zu Stufe – „er

liebt mich, er liebt mich nicht“ – und hatte sich dermaßen an den

Fliesen zerschunden, daß man ihn kaum erkennen konnte. Nach Neujahr, am

Tage der heiligen drei Könige, brachte ihn Antonina Ignatjewna, Michail

Pawlowitschs Gattin, eine gottesfürchtige Frau, zum Mönch am Hafen, um

ihn wieder auf den guten Weg zu bekehren. Er ließ sich auch bekehren: er

legte vor dem Bruder ein Gelübde ab, – schriftlich – daß er ein ganzes

Jahr nicht mehr trinken würde, bis zum nächsten Neujahr. Jerkin handelt

mit Marken aus dem Krankenhaus, und diese Marken, meist im Werte eines

Rubels, sind für ihn dasselbe, was das Holz für einen Burkowschen

Hausmeister ist.

Jerkins Hausgenosse, der Kontorist Stanislaus, ist ebenso wie sein

Freund, der Monteur Kasimir, von jeher dadurch bekannt, daß er sich

nachts auf allen Treppen herumtreibt und daß keine Köchin, kein

Hausmädchen ihm widerstehen kann; ein solcher Fall soll noch nicht

vorgekommen sein, und kein Gardesoldat kommt ihm darin gleich.

Hochzeiten, Leichenbegängnisse, Unfälle, Begebenheiten, Skandale,

Raufereien, Schlägereien, Hilferufe und Polizeiwache – bald ist es, als

schreie ein Mensch, bald, als miaue eine Katze oder als würde jemand

gewürgt. Und so jeden Tag.

Burkows Haus ist eine richtige Wjasma[2].

Die Wohnung Adonja Iwoilowna Jurawljowas, der Wirtin Marakulins, ist im

Hinterhaus gelegen und trägt die Nummer neunundsiebzig.

Auf Nummer achtundsiebzig wohnt die Hebamme Lebedjowa. Bei der Hebamme

wurde am Advent ein Pelzmantel gestohlen, und der Dieb war nicht zu

finden, als wäre der Pelz im Ofen verbrannt. Man warf dem Schweizer

Nikanor vor, daß er nicht aufgepaßt hätte, – aber wie konnte er

aufpassen, wenn er den ganzen Tag auf den Beinen sein muß und nachts

herausgeklingelt wird, und so das ganze Jahr hindurch! Natürlich war es

ein schlauer Dieb, ein Hausgenosse, – aber es war nichts zu machen.

Auf Nummer siebenundsiebzig wohnten eine Zeitlang zwei Studenten –

Scheweljow und Chabarow. Dem Aussehen nach waren sie wohlhabend; sie

waren elegant gekleidet und hatten die Miete für einen Monat

vorausbezahlt. Sie lebten zurückgezogen, niemand pflegte zu ihnen zu

kommen, es gab nie Lärm bei ihnen und sie hatten auch keine eigene

Bedienung. Gewöhnlich fuhren sie schon am Morgen fort und kamen erst

spät abends heim. Sie befaßten sich damit, Geld für ihre armen Kollegen

zu sammeln; so sagten sie bei ihren Besuchen in den Vorder- und

Hinterwohnungen des Burkowschen Hauses. Nur durch eins störten sie: sie

sangen sehr oft in der Nacht, wenn auch nicht laut, so doch vernehmlich

Totenmessen. Diese nächtlichen Totengesänge verursachten den Nachbarn

wenn nicht Schrecken, so doch einige Erregung. Aber was geschah? Nach

einem Monat stellte sich heraus, daß sie gar keine Studenten waren, auch

nicht Scheweljow und Chabarow hießen, sondern Schibanow und Kotschenkow

– Diebe vom reinsten Wasser, und ihre Wohnung war, als wäre sie gar

nicht bewohnt, leer, nicht einmal ein zerbrochener Stuhl war drin –

nichts, nur ein Kerzenstumpf in einer Bierflasche und ein Messinghahn.

Und da sie nicht wenig auf dem Kerbholz hatten, wurden sie verhaftet.

An Stelle der Studenten quartierten sich auf Nummer siebenundsiebzig

zwei Artisten, die beiden Brüder Damaskin ein: Sergej Alexandrowitsch

vom Ballett – er hatte in zwölf Sprachen Examen gemacht und alle Gesetze

ausstudiert, wie man im Hof sagte, – und Wassilij Alexandrowitsch, ein

Zirkusclown oder der Klon[3], wie es in der Burkowschen Sprache hieß: er

spie Feuer und fürchtete nichts und ist schon im Luftballon geflogen.

Die neuen Mieter wurden vom Oberhausmeister Michail Pawlowitsch die

Artisten genannt, und er war von einem ungewöhnlichen und ihm selbst

rätselhaften Respekt vor den Brüdern Damaskin durchdrungen, wie vor

einem Mönch aus dem Hafen.

Wassilij Alexandrowitsch, der Clown, sieht wie eine Teetasse aus, Sergej

Alexandrowitsch ist schlank und sauber, wie ein sechzehnjähriges

Fräulein; er berührt die Erde kaum beim Gehen und hält sich steil, wie

ein dreijähriges Kind; – er geht schnell, seine Schuhchen scheinen keine

Absätze zu haben, und jeden Augenblick kontrolliert er sozusagen seine

Füße gymnastisch: er beginnt mit den Füßen zu flattern, wie ein Hahn mit

den Flügeln. Wassilij Alexandrowitsch ist nur im Zirkus beschäftigt und

hat jeden Abend Vorstellung, wie das so ist, Sergej Alexandrowitsch

dagegen tanzt im Theater und gibt Stunden bei sich zu Hause und außer

dem Hause.

Die Artisten verdienten gut, streuten das Geld aber um sich wie Späne –

Sergej Alexandrowitsch spielte Karten und verlor stets – sie kamen aus

den Schulden nicht heraus, und manchmal ging’s ihnen an den Kragen.

Sie beide waren nicht älter als Marakulin. Sergej Alexandrowitsch war

verheiratet, aber seine Frau hatte ihn verlassen. Und obgleich er sie

versicherte, daß die Liebe nur einmal komme – es gebe nur eine Liebe auf

der Welt – und, wenn er seinen Schülerinnen den Hof mache, dies eben nur

zu den Pflichten seines Berufes gehöre, und wenn er mit einer Schönen

spreche, so spreche er mit ihr nur, wie mit einem Menschen, ohne daß

sein Herz dabei beteiligt sei, so war seine Frau doch von ihm

fortgegangen. Sergej Alexandrowitsch ist sauber, Wassilij

Alexandrowitsch das Gegenteil: er braucht jeden Tag ein Fräulein, er

kann sonst nicht leben; er ist dabei nicht wählerisch und fürchtet sich

vor nichts, dafür aber besucht er, wenn auch nicht oft, die Kirche.

Sergej Alexandrowitsch dagegen ist sogar Ostern zu Hause geblieben. Und

als Sergej Alexandrowitsch einmal Zahnweh bekam und beschlossen hatte,

er müsse sterben, dachte er gar nicht daran, einen Priester rufen zu

lassen, vielmehr warnte er die Sklavin – so nannten die Artisten ihre

Köchin Kusjmowna – und zwar aufs strengste davor: – Wenn du mir einen

Popen holst – rief er in seiner Zahnwehraserei – werfe ich das Aas die

Treppe hinab! –

Und er hätt’ es auch gewiß getan: Sergej Alexandrowitsch war ein großer

Philosoph.

Marakulin stand mit der Hebamme Lebedjowa nur auf dem Grüßfuß – sie

mißfiel ihm: sie sah nur auf die Tasche, war unterwürfig und verstand es

mit zwei Stimmen zu sprechen: mit der einen zu denen mit den vollen

Taschen und mit der anderen zu denen, die nichts hatten. Bald hörte die

Hebamme auf, Marakulins Gruß zu erwidern, und auch er tat, als bemerkte

er sie nicht mehr. Mit den Studenten war Marakulin nicht näher bekannt

gewesen und nur manchmal an der Treppe mit ihnen zusammengestoßen: er

stieg gerade hinauf, als sie herunterliefen; nachts aber war er ein

aufmerksamer Hörer der studentischen Totengesänge. Auf den ersten

Eindruck gefielen ihm diese Kerle: sie waren so tüchtig und

lebenslustig. Mit den Artisten aber hatte er sich angefreundet und

besuchte sie: er kam zu ihnen ab und zu abends zum Tee.

Die Artisten waren geistlicher Herkunft und von seminaristischer

Bildung; sie waren beide ein paar fidele Hühner, nicht kopfhängerisch –

sie sparten kein Streichholz beim Zigarettenrauchen! – Wassilij

Alexandrowitsch, der Clown, war nicht sehr gesprächig, aber einem

Gespräch nicht hinderlich; er war gutmütig und lachte viel, häufig auch,

wo es gar keinen Anlaß zum Lachen gab, offenbar nach seiner eigenen

Clownlinie. Sergej Alexandrowitsch dagegen unterhielt sich gern. Er war

auch ein Bücherfreund und las nicht nur humoristische illustrierte

Zeitschriften wie etwa „das Petersburger Satirikon,“ nicht nur den

berühmten „Andrej, den Schwergeprüften,“ oder „Elsa von Gabron,“ oder

„die schrecklichen Geheimnisse des unterirdischen Gewölbes,“ oder „die

schrecklichen Abenteuer des Räuberhauptmanns die schwarze Hand,“ oder

„die Liebesrendezvous von Beritzky,“ „die Entführung Ludmillas durch den

Waldräuber Alexander“ – die Lieblingslektüre des Clowns –, nein, er las

die neuesten, sensationellen Bücher, die überall in den Schaufenstern zu

sehen sind: bei Ssuworin, bei Wolf, bei Mitjurnikow auf dem Newsky, im

Gostiny Dwor, auf der Litejnaja und sogar auf der Gorochowaja, in der

einzigen Buchhandlung dieser Straße. Und beim Tee pflegte Sergej

Alexandrowitsch auf alle totengräberischen, tendenziösen Betrachtungen

Marakulins mit eigenen ausgedehnten Betrachtungen über das Schicksal und

das Los verschiedener Länder, Völker und des Menschen überhaupt zu

erwidern und schloß gewöhnlich mit der kurzen Bemerkung:

– Man muß alles von sich abschütteln! – dabei flatterte er mit den Füßen

wie ein Hahn mit den Flügeln.

Sergej Alexandrowitsch ist ein großer Künstler.

Die Wirtin Marakulins Adonja Iwoilowna Jurawljowa – eine nicht mehr

junge, dicke und sehr gute Frau, ist seit fünfzehn Jahren Witwe, seitdem

ihr Mann infolge einer Krebskrankheit den Hungertod starb. Er wurde auf

dem Smolensky-Kirchhof begraben. Sie selbst ist keine geborene

Petersburgerin, sie stammt von der Meeresküste, vom Weißen Meer. Ihr

Mann besaß ein Geschäft auf der Ssadowaja, einen Schnittwarenladen –

Baumwolle und Zwirn – jetzt hat sie es verpachtet. Sie hat keine Kinder

und die Verwandten von seiten ihres Mannes sind auch kinderlos, nur ein

Neffe ist da. Der Neffe pflegt an den Feiertagen zu Weihnachten und

Ostern zu kommen, um ihr zum Fest zu gratulieren, ebenso an ihrem

Namens- und Geburtstag. Sie ist reich – hat viel Geld und weiß nichts

damit anzufangen; sie grämt sich sehr, daß sie keine Kinder hat und

seufzend klagt sie über das ihr von Gott bestimmte kinderlose Leben.

Adonja Iwoilowna bewohnt das äußerste Zimmer; gleich am Eingang rechts

liegt ihr Zimmer. Den ganzen Tag sitzt sie zu Hause; auf die Straße geht

sie nicht – es ist ihr beschwerlich, die Treppen hinunterzusteigen –,

der eine Fuß schleppt etwas nach, und beim Hinaufsteigen vergeht ihr der

Atem; auch hat sie Angst vor der Elektrischen. Es bleibt ihr nur eine

Zerstreuung: in die Küche zu Akumowna zu spazieren und mit ihr vom Essen

zu sprechen.

Adonja Iwoilowna ißt gern.

Die Zimmer liegen alle in einer Reihe. Das zunächst an der Küche

gelegene ist das Marakulins, und Peter Alexejewitsch kann am Morgen

schon hören, wie sie das Mittagsessen bespricht. Adonja Iwoilowna ißt

besonders gern Fische. Und sie belehrt Akumowna über den Sterlet, über

die Zubereitung einer Sterletsuppe, von einem wahrhaft die Seele aus dem

Leibe schmeichelnden Geschmack.

– Zuerst mußt du, Uljanuschka – spricht sie zu Akumowna mit einer

Stimme, als schlucke sie Tränen – zuerst mußt du die Barsche bis zur

Erschöpfung kochen, dann tu’ den Sterlet hinein, das gibt eine

schmackhafte Suppe.

Und in der Tat wurde da eine schmackhafte Fischsuppe gekocht; ein die

Seele aus dem Leibe schmeichelnder, süßer, fetter Sterletgeruch erfüllte

die Küche und alle vier Zimmer, und Marakulin konnte es kaum aushalten,

kaum den glücklichen, seligen Augenblick erwarten, bis er in die

Garküche auf den Sabalkansky gehen konnte.

Adonja Iwoilowna versteht sich aufs Essen.

Den ganzen Winter sitzt sie fest, sie ist seßhaft und wird wegen ihrer

Seßhaftigkeit im ganzen Hof nicht anders als die Schmiede genannt; aber

kaum, daß der Frühling beginnt, ist sie nicht mehr in Petersburg: den

ganzen Sommer zieht sie von Ort zu Ort, zu allen heiligen Stätten

pilgernd.

Adonja Iwoilowna liebt die Einfältigen und Narren, die Starzy[4], Brüder

und Propheten. Sie war bei dem rasenden Starez in der Nähe von

Kischinew, hatte seine schrecklichen Schilderungen des Jüngsten Gerichts

und der Qualen der Sünder gehört; – sie waren so entsetzlich, daß die

Pilger wie von Sinnen davongingen und tobsüchtig wurden; manche starben

auf der Stelle vor Angst vor den Höllenqualen – so entsetzlich waren

diese Schilderungen. Sie war auch schon im Ural bei Makarij: – dieser

Starez wohnt auf einem Geflügelhof, pflegt das Geflügel, spricht mit dem

Geflügel, und ihm gehorcht alles Vieh: wenn sich der Starez bei

Sonnenuntergang zum Beten hinstellt, so stellt sich auch das ganze Vieh

hin, wendet die gehörnten, bärtigen Köpfe nach der Richtung, wohin der

Starez betet und steht und rührt sich nicht; es erklingt kein Glöcklein,

es klirrt keine Schelle. Sie war auch in Werchoturje bei Fedotuschka

Kabakow, der durch Gebete die Stimme des Himmels herabruft; sie war auch

bei jenem Starez, der durch seine Berührung engelhafte Reinheit schenkt

und in den paradiesischen Zustand versetzt; sie war auch bei dem

Kitajewschen Propheten: dieser Heilige läßt die Frommen an seiner Zunge

saugen – er steckt seine Zunge heraus, man saugt an ihr und ist

geheiligt – die Gnade hat sich auf einen herabgesenkt. Noch bei vielen

anderen heiligen Männern war sie in ihrem Leben gewesen:

im Heiligengeistkloster, wo der Starez die bösen Geister

vertreibt, indem er durch den Beischlaf das Fleisch abtötet; beim

Bossoj-Iwanowskij-Starez, beim Starez Damian und bei Phoka Skopinskij,

der sich selbst auf dem Scheiterhaufen verbrannt hatte.

Adonja Iwoilowna liebt die Armen im Geist, die Narren, die Starzy,

Brüder und Propheten. Sie möchte ihr Leben lang ihren unverständlichen

Gesprächen, ihren Parabeln und Sprüchen lauschen, sie möchte in ihren

Zellen beten, wo die Oellampen sich von selbst entzünden, wie die Kerzen

Jerusalems. Sie hat nur einen Kummer: sie sprechen nicht mit ihr, –

einzig ihr allein hat noch niemand von diesen Heiligen etwas gesagt! Ob

sie nun zu alt an Jahren ist, oder ob sie vor Rührung die prophetischen

Worte nicht hört, oder ist es ihr vielleicht nicht gegeben zu hören –?

Nur die heilige Schwester Parascha hatte ihr einmal gesagt:

– Schiffe werden gehen, viele Schiffe – weit!

Und im Winter in ihrer schwülen Stube auf der Fontanka sitzend,

wiederholt Adonja Iwoilowna sehr oft:

– Schiffe, Schiffe! – und kann diese Worte nicht begreifen, und die

Tränen rollen ihr wie die Erbsen die Wangen herab.

Adonja Iwoilownas Aehnlichkeit mit einer Seerobbe ist erstaunlich – eine

echte murmanische[5] Seerobbe.

Adonja Iwoilowna liebt die Armen im Geiste, die Narren, die Starzy,

Brüder und Propheten, aber sie hat noch eine andre Leidenschaft und eine

ebenso unbezwingliche: das Meer, das Meer – sie liebt das Meer. Alle

russischen Meere hat sie befahren, sie ist auf dem Murman, auf dem

Eismeer geschwommen, wo der Wal lebt, und hat auch das Mittelmeer

gesehen.

Und im Winter allein in ihrer schwülen Stube auf der Fontanka sitzend

denkt sie oft an das Weiße Meer, ihre Heimat, und an das warme Schwarze

Meer und an das smaragdgrüne Mittelmeer, und bei dem Gedanken an das

Meer wiederholt sie Paraschas einzige prophetische Worte:

– Schiffe, Schiffe! – und sie kann es nicht verstehen und Tränen rollen

ihr wie Erbsen die Wangen herab.

Nachts quälen Adonja Iwoilowna Träume. Sie träumt bunte Träume: sie

träumt von der Heimat, von den heimatlichen Flüssen, dem Onegafluß, dem

Dwinafluß, dem Pinegafluß, den Meshafluß, den Petschorafluß, vom

schweren Brokat altrussischer Gewänder, von weißen Perlen und rosa

Perlen aus Lappland, von Walfischen, Seerobben, Lappen, Samojeden, von

Märchen und alten Weisen, von langen Winternächten und von der

Mitternachtssonne, vom Kloster Ssolowski und vom Reigen. Sie träumt von

cholmogorischen ungehörnten Kühen, einer ganzen Herde; – und diese Kühe

haben menschliche Augen, sie schmiegen sich alle mit dem Rücken an sie,

dann tritt eine vor, reicht ihr einen Fuß wie eine Hand und sagt:

„Adonja Iwoilowna, lehre mich sprechen.“ Nach ihr tritt eine andre vor,

und so eine Kuh nach der anderen, jede reicht ihr einen Fuß wie die

Hand, und alle haben sie die gleiche Bitte: „Adonja Iwoilowna, lehre

mich sprechen!“ Sie träumt von Skorpio-Chamäleonen; – alle sind sie im

Frack, sitzen an den Wänden und wedeln mit den Schwänzen, die bald

smaragdgrün sind und bald purpurn, wie eiskaltes Abendrot. Sie sehen sie

alle nur an, und bald sind alle Wände voll von Skorpio-Chamäleonen,

überall sind sie: auf den Heiligenbildern und hinter den

Heiligenbildern, und ein Schweif, wie aus tausend kleinen Schweifen

zusammengesetzt, winkt ihr zu und lockt sie, bald smaragdgrün und bald

purpurn, wie eiskaltes Abendrot. Und manchmal träumt sie auch baren

Unsinn: als esse sie einen Käsekuchen, und so viel sie auch essen mag,

sie wird nicht satt und der Käsekuchen nimmt nicht ab.

Jeden Tag deutet Akumowna die Träume, und abends beim Tee legt sie

Karten. Akumowna kann wahrsagen aus den Weidenkätzchen, aus den

Wagenkerzen und zur Winterzeit aus den Frostblumen auf den Fenstern;

doch am genauesten kann sie aus den Karten wahrsagen.

Herbstabend. Draußen rieselt ein Petersburger Regen. Aus den Dachrinnen

schlägt dumpf, wie ein Hund aufheulend, das Wasser auf die Steine. Die

belgische Bogenlampe leuchtet wie der Mond durch das Gewoge von Nebel

und Rauch. Im Fenster des Obuchowschen Krankenhauses blinkt nur ein

Licht.

Im äußersten Zimmer bei Adonja Iwoilowna singt der Samowar – er geht

nicht aus, er ist voll und kochend heiß, der Dampf wallt nur so – der

Sänger summt sein Lied. Der Samowar singt, daß man es durch alle Zimmer

hört.

Akumowna ist nicht in der Küche. Akumowna ist mit den Karten bei Adonja

Iwoilowna. Akumowna legt Karten. Der Samowar ist im Erlöschen, sein

Gesumme ist leiser und Akumownas Stimme tönt dumpfer:

– Fürs Haus. Fürs Herz. Was sein wird. Wie es endet. Wie es sich

beruhigt. Sagt die volle Wahrheit, reinen Herzens. Was kommt, wird auch

zutreffen.

Es kommen aber lauter unreine, lauter unerfreuliche und dunkle Karten.

Adonja Iwoilowna weint. Wie sollte sie auch nicht weinen! Ihren Mann

hatte man auf dem Smolensky-Kirchhof bestattet und sie wollte ihn doch

in der Newskaja Lawra haben: die Verwandten hatten darauf bestanden,

hatten nicht auf sie geachtet. Er war zu Allen gut gewesen, hatte viel

geholfen, aber sie liebten ihn nicht. Nur sie allein hatte ihn geliebt

und auf sie hatte man nicht gehört. Auf dem Kirchhof geht nun die Erde

unter ihm weg, die Erde bröckelt ab.

Und wieder ertönt Akumownas Stimme, noch dumpfer.

– Fürs Haus. Fürs Herz. Wie es endet. Was sein wird. Wie es sich

beruhigt. Sagt die volle Wahrheit reinen Herzens. Was sein wird, wird

auch zutreffen.

Doch es kommen wieder dieselben Karten. Und wieder dieselben Träume;

Adonja Iwoilowna weint: nur sie allein hatte ihn geliebt, aber man hatte

nicht auf sie gehört, und jetzt geht die Erde unter ihm weg, die Erde

bröckelt ab.

– Man darf niemand beschuldigen! – sagte Akumowna plötzlich.

Herbstabend. Draußen rieselt ein Petersburger Regen. Aus den Rinnen

schlägt das Wasser, wie ein Hund aufheulend auf die Steine. Die

belgische Bogenlampe leuchtet wie der Mond durch das Gewoge von Nebel

und Rauch. Im Fenster des Obuchowschen Krankenhauses schimmert nur ein

einziges Lichtlein.

Im äußersten Zimmer, in der schwülen Stube bei Adonja Iwoilowna brennen

drei ewige Oellämpchen. Adonja Iwoilowna betet lange. Auch in der Küche,

in der vom unverwüstlichen Sterletgeruch und vom Geruch getrockneter

Pilze gesättigten Küche, brennen drei Oellämpchen. Akumowna betet lange.

– Schiffe, Schiffe! – ertönt des Nachts eine Stimme inmitten des

weinerlichen Schnarchens.

Und am anderen Ende der Wohnung antwortet ihr dumpf eine andere:

– Man kann niemand beschuldigen! –

Und eine dritte Stimme, die durch die Wand aus dem Zimmer der Artisten

hereindringt, sagt:

– Man muß alles von sich abschütteln.

Marakulin fährt dabei auf, kauert sich zusammen, ganz verstummt und

bedrückt horcht er und wiederholt sich vergebens immer dasselbe; trotzig

wie er ist, kann er nicht mehr nicht denken, er kann nicht auf seine

Gedanken nicht hören, und der Friede flieht ihn.

Die göttliche Akumowna ist laut ihrem Paß eine Jungfrau von

zweiunddreißig Jahren, aber laut ihren eigenen Versicherungen – es war

übrigens auch ohne ihre Versicherungen einleuchtend – war sie nicht

zweiunddreißig, sondern sicher fünfzig. Sie ist aus Pskow gebürtig oder

eine Pskowitanerin, wie die Artisten sie zu nennen pflegen, zu denen sie

ebenfalls manchmal hinläuft, um Karten zu legen; für Sergej

Alexandrowitsch wäre sie sogar bereit, den ganzen Tag Karten zu legen,

außerdem ist die Sklavin Kusjmowna, welche halb an eine Flunder, halb an

ein gefrorenes Huhn von der Sennaja erinnert, so etwas wie ihre

Gevatterin.

Akumowna ist klein und schwarz, ihr Gesicht ist sehr dunkel, – ein

Käfer! Sie lächelt und blickt so eigentümlich, idiotisch, nicht

gradeaus, sondern von der Seite, mit etwas geneigtem Kopf. Sie ist sanft

und wird nie böse. Und flink ist sie, aber sie läuft nicht, sondern sie

dreht sich auf demselben Fleck herum und es sieht nur so aus, als liefe

sie. Und geschickt ist sie, man würde glauben, sie mache alles sofort;

wenn es aber vorkommt, daß man sie irgendwohin rasch schicken muß, dann

ist’s aus, dann kann man lange warten! Es ist ja auch die fünfte Etage

und ihre Beine sind schon alt. Das Hinunterlaufen geht noch, aber beim

Hinaufsteigen der Treppe – da bleibt sie stecken. Die Füße möchten schon

laufen, und Akumowna wäre froh, möglichst schnell zurück zu sein, aber

sie hat eben keine Kraft mehr, und sie dreht sich nur auf demselben

Fleck.

Den Tag und die Nacht verbringt Akumowna ebenso wie Adonja Iwoilowna.

Sie träumt allerlei Träume: sie sieht Feuersbrünste – das Haus brennt ab

– und Räuber – die Räuber jagen und verfolgen sie – und einen nackten

Mann – der Nackte steht an einem Ufer und wäscht sich mit Seife – und

ein fleckiges Reptil – das Reptil beißt sie; – und Beeren ißt sie im

Traum – Preißelbeeren, die Büschel so groß wie ein Hammelschwanz. Aber

am häufigsten – sehr häufig fliegt sie im Traum: sie fliegt immer nach

einem und demselben Ort, zu Ostaschkow in Nils Einsiedelei, zum

ehrwürdigen Nilus Stolbenskij.

– Ich mache einen Sprung und fliege – erzählt Akumowna, – ich steige auf

und greife aus mit den Händen, wie auf dem Wasser, und es wird mir so

leicht und ich fliege vorwärts wie ein Vogel.

Schon vor langer Zeit hatte Akumowna ein Gelübde getan, zum ehrwürdigen

Nilus zu pilgern, und bis jetzt hat sie dieses Gelübde noch nicht

erfüllt; sie war noch nicht ein einziges Mal da, deshalb fliegt sie oft,

sehr oft zu Ostaschkow.

Im Hof wird Akumowna geliebt: die göttliche Akumowna. Und immer treiben

sich Scharen von Kindern bei ihr in der Küche herum, sie versteht und

liebt es mit den Kindern zu spielen und zu scherzen. Sie besucht alle;

wenn sie Geld hat, gibt sie es – und man nimmt es von ihr, um es ihr nie

zurückzugeben – in allen Winkeln ist sie willkommen. Und nur eins

fürchtet sie: wenn auf dem Hof eine Schlägerei angeht.

Sergej Alexandrowitsch Damaskin hat alle Gesetze ausstudiert, – er ist

ein Artist. Akumowna aber ist ein Mensch, der weiß, was im Jenseits

geschieht. So sagt man im Burkowschen Hof.

Akumowna war schon im Jenseits, – sie war dort den Passionsweg gegangen.

Dort in jener Welt wurde ihr alles gezeigt, nur weiß sie nicht, wer der

Mensch war, der sie geführt.

– Ich trat in ein Gebäude – so erzählt Akumowna ihren Passionsweg, – in

einen Saal: der Fußboden war morsch, die Dielen eingefallen, die Erde

unter ihnen war Schutt und auf dem Boden lagen Fische, stinkende,

abscheuliche Fische verschiedener Art, Fleisch, Schädel; lauter

schlechtes Zeug lag da herum und bis auf die Knochen verweste Menschen –

einzelne menschliche Glieder, verweste Tiere, alles verfault und

abscheulich.

Und sie wurde durch dieses Gemach geführt und es wurde ihr alles

gezeigt! Das Gemach war lang, unabsehbar, und breit, und dennoch war ihr

so eng. Vor ihnen waren Menschen, viele Menschen, hinter ihnen ebenfalls

viele Menschen, ringsum und überall gingen und standen Menschen. Und in

den Winkeln befanden sich Menschen, aber keine richtigen Menschen – das

nimmt sie so an; – auch solcher gab es viele.

– Ich habe mich so gequält, ein Gebet gesprochen, sie antworteten aber

nicht – sie hatten Schwänze und Beine wie Kühe und Krallen wie Hunde. –

Laßt mich heraus! – flehte ich.

Einer aber sagte: – Nein, sie muß noch etwas sehen! – Und darauf ein

andrer: – Warten wir, sie muß alles sehen, – und sie führten mich

weiter.

Und sie führten sie durch das Gemach und zeigten ihr alles. Es lag da

nur Schlechtes und Vermodertes herum, lauter Aas, alles verwest und

abscheulich, tote Menschen, tote Tiere, Gebein, Schädel, Kehricht.

– Wenn Gott mich wenigstens die heiligen Sakramente empfangen lassen

wollte! – dachte ich, – da könnte ich dieser Unzucht entrinnen. Und ich

wiederholte bei mir: – Herrgott, laß mich das Abendmahl nehmen, ich bin

schon zu Tode gequält! – Und da sehe ich, wir sind schon draußen.

Draußen wurde sie auf einen Berg geführt, und auf dem Berg standen drei

Personen, alle in hellen Mänteln und die Gesichter mit etwas Hellem

verhüllt; sie nahmen das Abendmahl. Nur daß statt des Kelches ein

Spülnapf war und der Löffel fehlte; so nahmen sie das Abendmahl. Und

viel Volk war da, und alle traten hinzu, alle nahmen das Abendmahl.

Und auch sie wurde hingeführt. Sie wollte sich bekreuzigen, aber es war

ihr schwer, als würde sie gehindert.

Er selbst reicht mir eigenhändig die Oblate, aber nicht befeuchtet,

sondern trocken. Und ich kann ihre Hostie nicht hinunterschlucken, sie

bleibt mir im Halse stecken, ich ersticke fast. – Herrgott! Herrgott!

Euch Heilige und Engel Gottes bitte ich, genug schon mich zu quälen! –

Sie aber lachen. Der eine sagt: „Warte nur, wirst noch weiter gehen.“

Und nach ihm der andre: „Ja, wir müssen sie noch weiter führen!“ – Sie

lachen – ihre Schwänze und Beine sind wie bei Kühen, die Krallen wie bei

Hunden. Und wieder beginnen sie mich zu führen.

Sie führten sie den Berg hinunter zum See. An ihnen vorbei strömt das

Volk in großen Scharen, wie auf dem Newsky – sie eilen, überholen

einander, laufen, laufen und schleifen ihre langen Schwänze nach. Alle

laufen sie vom Berg zum See, und am See verwandeln sie sich in Tauben –

einer Riesenwolke gleicht diese Taubenschar.

– Die Tauben ließen sich am Wasser nieder und begannen zu trinken, und

ich sagte: „Gehen wir auch hin?“ „Ja,“ wurde mir die Antwort, „wir gehen

auch hin.“ Einer aber sagte: „Nun ist es bald mit euch zu Ende.“ Schon

nähern wir uns immer mehr dem See. Ich räuspere mich, noch immer kann

ich die Hostie nicht herunterschlucken! Herrgott, bitte ich, genug schon

mich zu quälen. Um mich herum tummeln sich Kinder und ich stürze zu den

Kindern, ob sie mich nicht retten wollen: „Schütz mich doch, mein

Schutzengel, schützt mich doch, seid mir gnädig!“ Nun ist der ganze See

mit Tauben bedeckt, das Wasser ist trübe und schmutzig. Ich steige bis

an die Knie ins Wasser. „Jetzt ist dein Ende nah“ vernahm ich eine

Stimme, und der, welcher mich geführt hatte, war fort und verschwunden.

So war Akumowna im Jenseits gewesen, so war ihr Passionsweg.

Zum Glück hat sie ein gesundes Herz, über ihren Leib klagt Akumowna oft.

Denn sie hat nicht wenig Schweres erlebt – sie war gehörig unter der

Fuchtel.

Akumownas Vater war wohlhabend und stand in gutem Ruf. Sie war noch

nicht zehn Jahre alt, da starb ihre Mutter. Sie hatte sieben Brüder,

alle älter als sie. Sie war ein gesundes Mädchen. Zwar hatte sie als

kleines Kind einen Unfall: sie schlief in der Hängewiege und die älteren

Geschwister wiegten sie, da rissen die Stricke, die Wiege flog auf die

Erde und mit ihr das Kind. Es schrie Tag und Nacht und ließ sich nicht

einmal mit der Brust beruhigen, dann wurde es besser und es erholte sich

ganz. Sie war ein kluges Kind. Vor dem Tode hatte ihr die Mutter fünfzig

Rubel übergeben, in Leinewand eingewickelt. Niemand wußte etwas vom

Gelde, nur der Vater allein. Und wenn der Vater es brauchte, da wickelte

sie so viel er benötigte aus der Leinwand heraus und gab es ihm. Später

gab er’s ihr wieder zurück, sie wickelte es wieder ein und verriet

niemand etwas davon. Auch ihre Schwägerin wußte nichts davon. Der Vater

lebte mit seiner Schwiegertochter. Die Schwiegertochter liebte sie

nicht. Beim Mittagessen nahm sie sie bei der Hand und zerrte sie vom

Tisch. Sie quälte das kleine Mädchen sehr. Der Vater lebte mit der

Schwiegertochter. Einmal kam ein Vetter; der Vater hatte längst

versprochen, ihm Geld zu leihen, jetzt war er gekommen, um es zu holen.

Aber der Vater wurde böse und wollte ihm keines geben. Wassilij aber

brauchte das Geld sehr, außerdem kränkte es ihn: warum hatte er es erst

versprochen! Er weinte und ging fort. Das Mädelchen hörte es – sie war

so gut und nicht glücklich – sie holte Wassilij ein und bot ihm von

ihrem Geld an, das in der Leinwand eingewickelt war, aber er sollte ihr

versprechen, es ihr bald zurückzugeben. Er war natürlich froh: „Möge

mein Haus verbrennen, mag ich meine Kinder nicht wiedersehen,“ schwor

er. Und sie gab ihm das Geld – genau so viel, Heller bei Heller, wie ihr

Vater ihm versprochen hatte. Aber als die Zeit kam, gab er’s ihr nicht

zurück. Er habe eben kein Geld, hieß es, sie müsse warten. Sie hätte

auch gewartet, auch war es ihr gar nicht um das Geld zu tun, aber was

sollte sie dem Vater sagen, wenn er danach fragte! Und grade mußte es

kommen, daß der Vater krank wurde: er hatte Bier getrunken, da wurden

seine Füße blau und es ging ihm schlecht. Das ganze Dorf wurde

zusammengerufen. Auch Wassilij kam, der Vetter. Alle setzten sich um ihn

herum und saßen. Da sagte der Vater zum Mädchen, sie solle die Leinwand

bringen, worin das Geld war. Sie erschrak, wußte nicht was zu sagen und

redete sich heraus: Sie habe den Schlüssel verloren. Verloren? – Schön.

Die Schwägerin nahm eine Axt, ging in den Speicher, brach den Koffer auf

und holte die Leinwand. Man zählte das Geld und es fehlten zwanzig

Rubel. Der Vater sagte zum Mädchen: – Wo ist das Geld? – Sie schwieg.

Und nochmals: Wo ist das Geld? – Sie aber schwieg wieder. Und als es

ganz schlimm mit ihm wurde, begann er die Kinder zu segnen. Er segnete

erst seine Söhne, ihre älteren Brüder, dann kam die Reihe an sie. Sie

fing an zu weinen und bat Wassilij leise, er möchte doch das vom Gelde

sagen – aber Wassilij der Räuber erwiderte: – Ich weiß von nichts, ich

habe dein Geld nicht genommen! – als hätte er in der Tat nie Geld von

ihr genommen. Sie weinte nicht mehr; – wenn es einem gar schlimm zumute

ist, da weint man nicht, sie sah nur den Vater an, sie sah ihn nur an.

Der Vater sagte zu ihr: – Ich segne dich – er hielt inne und überlegte:

– sei wie ein rollender Stein um die weite Welt! – dann knirschte er mit

den Zähnen und verschied.

„Wie ein rollender Stein um die weite Welt!“ So lautete der Segen ihres

Vaters, den Akumowna empfing und der sie offenbar, wie Akumowna annahm,

zum Herumirren in der weiten Welt bestimmte.

Sie hielt es darauf keine sechs Wochen mehr zu Hause aus, und lebte dann

in einem Gemüsegarten. Zu Lebzeiten des Vaters, ob es schlecht oder gut

ging, hieß es dulden; als aber der Vater starb, da ward die Schwägerin

grimmiger als eine Bestie, sie verfolgte sie und fraß sie auf. Am

sechsten Tag nach dem Froltage nahm die Herrin von Turij-Rog, Frau

Bujanowa die Akumowna zu sich aufs Gut, ins Haus. Das Bujanowsche Gut

Turij-Rog lag sechs Werst von Ssosna-Gora entfernt.

Auf dem Gut hatte sie es sehr schön. Die Herrin Bujanowa gewann sie

lieb. Sie war nur ein wenig älter als Akumowna: Akumowna war damals

dreizehn, die Herrin sechzehn Jahre alt. Herr Bujanow selbst war nicht

mehr jung und hätte gut der Großvater der beiden sein können. Er reiste

oft in Geschäften in die Stadt und war auch zu Hause viel beschäftigt:

er besaß viel Land, viel Wald und See, – er war ein tüchtiger Wirt und

liebte sein Gut: der Hanf in Turij-Rog stand so dicht, daß ein Mensch

nicht durch konnte, und die Hühner weideten auf den Feldern wie Schafe!

Die Herrin aber war immer allein mit Akumowna, wie mit einem lieben

Schwesterchen. Sie nahm sie überall mit, ins Feld, in den Wald, in das

junge Gehölz, um Pilze und in den dunkeln Wald, um Beeren zu suchen. Im

dunkeln Wald, in den Lichtungen, in der Sonne da stehen die Beeren so

rot, daß es eine Freude ist, sie zu pflücken. Sie pflückten Nüsse,

sammelten Eicheln zum Kaffee, oder die Herrin legte sich unter eine

Kiefer und schickte Akumowna Blumen zu holen. Akumowna kehrte dann mit

Blumen zurück – mit vielen verschiedenen blauen Blumen – und wand einen

Kranz, die Herrin aber lag unter der Kiefer und weinte. Akumowna

schmückte sie mit den blauen Blumen – und küßte sie halbtot; – sie

selbst war schwarz, mit blanken, lustigen Augen, ein rotes Band im Zopf

– ein Käfer.

So verbrachte Akumowna ein Jahr unzertrennlich von der Herrin: sie wurde

zu allem angeleitet, lernte Plätten und Waschen. Vor Mariä Schutz und

Fürbitte fuhr der Herr in die Stadt und wurde da krank. Dem Herrn

geschah dies oft: man behauptete, daß _sie_ ihn quälten: – der Wald hat

seinen Herrn und das Wasser seinen, die Wald- und Wasserbeherrscher. Der

Wald in Turij-Rog war früher dicht und undurchdringlich, ein Käfer

konnte kaum durchfliegen; Bujanow hatte den Wald gelichtet. Zu den Seen

konnte man früher nicht gelangen, er aber hatte Wege gebaut und die Seen

gereinigt. Ihnen aber ist so etwas nicht recht. Und von Zeit zu Zeit

kamen sie zu ihm und machten ihm Vorwürfe, daß er sie umgebracht hatte.

Dies eben war seine Krankheit. So sagten die Menschen. Man

benachrichtigte die Herrin in Turij-Rog, sie machte sich auf und fuhr zu

ihm.

– Die gnädige Frau befahl mir, auf das Schönchen acht zu geben, –

erzählte Akumowna, – jede Nacht nach der Kuh zu sehen. Es gab da viele

Kühe, aber das Schönchen war ihre Lieblingskuh. Das Schönchen sollte

kalben. Damit fing’s an. Im Dorf war grade eine Hochzeit und ich bat um

Erlaubnis hinzugehen. Ich versprach um Zwölf heimzukommen, vergaffte

mich und kam erst um Zwei. Inzwischen hatte das Schönchen um Zwölf

gekalbt und das Kalb mit einem Fußtritt erschlagen. „Eins von uns bleibt

am Leben, entweder du oder ich!“ sagte der Aufseher des Viehhofs, –

entweder ich werde davongejagt oder er. Und so gehe ich zum jungen Herrn

– der Bruder der gnädigen Frau war bei uns damals Verwalter – und

fürchte mich hineinzugehen: ich versuche die Tür aufzumachen und laufe

zurück. „Was hast du, Käfer?“ Er hatte mich also kommen gehört.

„Verzeihen Sie, gnädiger Herr, verzeihen Sie, ein Unglück ist passiert!“

„Komm her!“ Er ließ mich eintreten. Ich werfe mich auf die Knie, erzähle

ihm auf den Knien alles und weine. „Hinaus! Pack deine Sachen!“ Und jagt

mich hinaus. Ich ging zu mir aufs Zimmer – meine kleine Kammer lag

hinter dem Speisezimmer – und wußte gar nicht, was für Sachen zu packen,

denn ich hatte keine, ich weinte nur. Und so weinte ich die ganze Nacht.

Am nächsten Morgen kommt der Herr. „Hast du schon eingepackt?“ Ich fange

wieder an. „Verzeihen Sie, gnädiger Herr, ich bekenne meine Schuld!“

„Schweig, wag es nicht zu weinen, – ruft er – sonst laß ich dich

aufhängen“ und ging fort. Ich denke mir, aufhängen läßt er mich doch

nicht, er will mir nur Angst machen, und dennoch fürchte ich, und mir

ist so bange. Es war Samstag, das Bad wurde geheizt. Ich scheuerte die

Schwitzbank, stellte Bier hin und wollte eben gehen, da kommt der

gnädige Herr. Ich will zur Tür hinaus. „Halt, hast du schon deine Sachen

gepackt?“ Ich wiederhole das meinige: „Verzeihen Sie mir, gnädiger Herr,

ich bekenne meine Schuld, jagen Sie mich nicht fort!“ – Er überlegt und

sagt zu mir: „Wenn du einwilligst mit mir zu leben, dann bleibe hier,

brauchst dann nicht fortzugehen!“ Und stieß mich hinaus. Ich wollte aber

nicht fortgehen, wollte nicht von meiner gnädigen Frau verstoßen werden,

und wohin sollte ich auch gehen? – wieder zum Bruder, zur Schwägerin?

Und so gehe ich herum und weine. Der Viehhofaufseher wiederholt aber

nur: „Eins von uns bleibt am Leben, du oder ich!“ Entweder er wird

fortgejagt oder ich. Wäre die gnädige Frau nur zu Hause gewesen, aber

sie kam immer noch nicht. Es wurde wieder Samstag. Wieder wurde das Bad

geheizt. Ich scheuerte die Schwitzbank, stellte Bier hin und wollte mich

beeilen, vor dem gnädigen Herrn fortzugehen, mir war so bange, ich

fürchtete mich. Er trat aber schon ein. „Bist du nun einverstanden?“ –

„Ja.“ – Natürlich, ich war ein dummes Mädchen, hab’ nichts verstanden.

„Geh, zieh dich aus, ich will dich ansehen.“ Ich zog mich aus. Am

nächsten Tag fuhr der gnädige Herr in die Stadt – er hatte mich noch

nicht angerührt – und brachte mir ein seidenes Tuch und ein Band ins

Haar mit. Ich erzählte es der Kinderfrau, – eine alte, ganz alte

Kinderfrau war da im Hause. „Das macht nichts,“ sagte die Kinderfrau,

„verlange du aber fünfhundert Rubel auf ein Büchlein, zur

Sicherstellung!“ Ich konnte nicht verstehen, was für ein Büchlein sie

meinte. Ich war eben ein kleines dummes Mädchen und verstand nichts. Am

Abend ruft mich die Kinderfrau: „Wenn du dem gnädigen Herrn den Samowar

hineinbringst, dann geh nicht fort!“ Das Zimmer des gnädigen Herrn lag

neben dem Speisezimmer. Ich nahm das seidene Tuch um, flocht mir das

Band ins Haar, brachte den Samowar und setzte mich an den Tisch, – und

es schüttelte mich nur so.

Die Schande und die Schmach! – Akumowna schämte sich sehr, sie wollte

sich erhängen: ihre Herrin war zurückgekehrt, ihre Herrin – und Akumowna

ging so herum. Die Herrin beruhigte sie, versprach ihr das Kind zu

erziehen, verzieh ihr das mit dem Schönchen und verwies sie nicht von

sich. Akumowna brachte einen Knaben zur Welt, bald darauf bekam auch die

Herrin einen Knaben. Die Kinder wurden zusammen erzogen, sie hatten eine

Kinderfrau, und wurden später auch gemeinsam unterrichtet. Mit neun

Jahren wurden beide nach Petersburg gebracht. Der Bruder der gnädigen

Frau adoptierte Akumownas Sohn. Sie kamen nur zu den Sommerferien, zu

Weihnachten und zu Ostern heim. Im gleichen Jahr beendigten sie beide

ihr Studium und wurden Offiziere. Da blieben sie kurze Zeit auf dem Gut

und fuhren bald nach Petersburg zurück. Als Akumownas Sohn klein war, da

war er sanft und zärtlich, später aber als er groß wurde, begann

Akumowna sich vor ihm zu fürchten: wenn er sie ansah, hätte sie sich

verkriechen mögen, sie hätte nicht gewagt ein Wort zu ihm zu sprechen.

Die Zeit aber wartet nicht, die Zeit nimmt das ihrige! Der alte Herr

starb – _sie_ hatten ihn erwürgt: der Wald hat seinen Herrn und das

Wasser hat seinen Herrn, Wald- und Wasserherren, so sagt man. Und nach

dem Tod des alten Herrn stieß auch dem Bruder der Herrin ein Unglück zu:

an einem Kirchenfest ihres Sprengels wurden sieben Menschen auf der

Hauptstraße ermordet; man begann zu untersuchen und der Weg führte

gradeaus nach Turij-Rog in den Hof, und so wurde er wegen

Mitwisserschaft eingesperrt. Ein Jahr blieb er im Gefängnis, und als er

wieder frei wurde und sich zu einer Reise ins Ausland rüstete, starb er.

Akumowna hatte den gnädigen Herrn nicht gesehen, als er im Sterben lag,

sie hatte ihn nur gesehen, als er aus dem Gefängnis kam. Sie hätte ihn

nicht erkannt: er war schwarz, wie die Erde. Man sagte, seine Lungen

hätten sich abgelöst.

Akumowna blieb wieder allein mit der Herrin zurück, wie einst. Sie

gingen wie einst wieder ins Feld und in den Wald. Akumowna sammelte

Blumen für ihre Herrin, allerlei blaue Blumen, und wand ihr einen Kranz;

die Herrin lag wieder unter einer Kiefer, nur weinte sie nicht mehr, sie

schlief; – sie trank jetzt, schon längst hatte sie sich ans Trinken

gewöhnt: sie nahm einen Schluck, aß eine Pfefferminzpastille dazu und

schlief ein.

Der gnädige Herr, der Bruder der Herrin, starb im Frühling, und im

Herbst wurde Akumownas Sohn aus Petersburg nach Turij-Rog gebracht. Er

hatte gebeten, daß man ihn vor dem Tode nach Turij-Rog bringe: er war

schwindsüchtig. Er wurde auf dem Gut bestattet, auf dem Turij-Rogschen

Kirchhof. Seine Uniform und seine Mütze bekam Akumowna. Und das Jahr war

noch nicht um, da starb die Herrin. An ihrem Todestage sah sie im Traum

den alten Herrn mit einem weißen Hund kommen ... Und auch die Herrin

wurde bestattet.

Turij-Rog war nun vereinsamt. Akumowna war allein auf dem Gut. Der junge

Herr wollte sie nicht mehr behalten und entließ sie nach der Beerdigung.

Und so war sie ganz allein. Sie weinte aber nicht, – wenn es einem gar

zu schlimm ist, dann weint man nicht.

Zum letzten Mal ging sie ins Feld, in den dunkeln Wald und in das junge

Gehölz, saß zum letzten Male im Wald auf dem Abhang, wo die Sonne am

stärksten brennt und wo die Beeren so rot stehen, und unter der Kiefer,

wo ihre Herrin zu liegen pflegte, verneigte sich tief vor dem jungen

Wald, vor dem Feld – vor dem alten dunkeln Wald und vor der Kiefer, und

ging. Sie ging die Hauptstraße aus Turij-Rog an Ssosna-Gora vorbei,

vorbei am Bruder und an der Schwägerin, an Wassilijs Haus, am Kirchhof,

an den Grabkreuzen des Vaters und der Mutter, immer gradeaus von

Turij-Rog, immer gradeaus die Hauptstraße lang, wie ein rollender Stein

um die weite Welt.

Und manches Jahr dehnte sich der Weg von Turij-Rog nach Petersburg. Bis

sie Petersburg erreichte, ging sie oft hinter dem Pflug und mit der

Sense, oder mußte wie eine Zigeunerin in den Hohlwegen herumlungern.

Neun Jahre lebt nun Akumowna in Petersburg. Die Uniform und die Mütze

wurden ihr noch auf dem Weg von Turij-Rog nach Petersburg gestohlen, und

nur ein Andenken ist ihr geblieben: ein Paar warme Schuhe und ein Paar

Gummischuhe hängen mit Naphtalin bestreut in einem Karton an der Decke

ihrer Küche.

– Ich sehe diese Sachen an, als wenn er es selbst wäre! – sagt Akumowna,

wenn sie an den Feiertagen den Karton öffnet.

Neun Jahre wohnt nun Akumowna auf der Fontanka im Hinterhaus des

Burkowschen Hofes, Sommer und Winter, und weiter als auf die Sennaja

oder bis zum Fischteich ist sie noch nicht gekommen, und sie sehnt sich

nach freier Luft.

– Wenigstens etwas Luft atmen! – sagt sie manchmal und lächelt und

blickt idiotisch von der Seite – die sanfte, göttliche, verwaiste,

unglückliche Akumowna.

Die Schwestern im Kreuz · 第 8 / 14 题