Marakulin war mit Glotow befreundet; durchaus nicht etwa, weil der
Dienst sie eng miteinander verband und einer ohne den anderen nicht
hätte auskommen können: Peter Alexejewitsch gab die Quittungen aus,
Alexander Iwanowitsch war der Kassierer. Man weiß ja, wie die Ordnung
ist: Marakulin brauchte nur mit Tinte zu schreiben und Glotow zahlte
genau so viel in Gold aus. Dabei waren sie so verschieden und einander
so unähnlich: der eine schmalbrüstig, der Schnurrbart dünn wie ein
Faden, der andere breitschultrig und der Schnurrbart wie bei einem
Kater; der eine blickte von innen heraus, der andere strahlte. Dennoch
waren sie Freunde, ein Herz und eine Seele.
Denn sie hatten beide ein gemeinsames Merkmal, oder eine Eigenschaft,
und zwar eine grundlegende; etwas, das nicht zu verbergen ist: es würde
unter den Augenlidern des Schlafenden hervorblinken, gleichviel, ob es
sich in der Pupille versteckt oder aus der Pupille sich über den
Augapfel verbreitet: beide nämlich hatten eine Art von Fühler oder
Rüsselchen. Nicht nur daß dieser Fühler sich ans Leben klammerte,
vielmehr sog er alles Lebendige in sich auf, alles, was ringsum lebte
und wob, bis auf den Grashalm, der atmet, bis auf das Steinchen, das
wächst, und er sog das alles so gierig und fröhlich in sich auf, so
ansteckend fröhlich. Das war es.
Wer es bemerken wollte, konnte es sehen, wer es nicht sah, der fühlte
es, und wer es nicht fühlte, der erriet es.
Dazu kam, daß sie gleich jung waren – beide waren an die Dreißig oder
etwas drüber – und der Erfolg – dem einen sowohl wie dem anderen gelang
alles – und die Kraft – keiner von ihnen war jemals krank oder klagte
auch nur über Zahnweh. Sie waren auch von keinerlei Banden gefesselt,
weder von gesetzlichen, noch von ungesetzlichen, sie waren wie in der
Steppe, allein, und die Steppe dehnte sich vor ihnen in ihrer ganzen
Weite und Macht, frei, ungebunden, unermeßlich – dein.
Vor drei Jahren etwa hatte Glotow seine rechtmäßige Gattin aus dem
dritten Stockwerk auf das Pflaster hinabgestürzt, und die Aermste brach
sich dabei das Genick; vielleicht aber war es nicht vor drei Jahren, es
kann schon vor ganzen vier gewesen sein. Uebrigens ist das unwesentlich,
– es handelt sich ja gar nicht um Glotow, sondern um Peter Alexejewitsch
Marakulin.
Marakulin, welcher seine Kollegen mit Fröhlichkeit und Sorglosigkeit
ansteckte, gestand einmal, daß er, obschon dreißig Jahre alt, sich für
nicht mehr und nicht weniger als zwölfjährig hielte, er wüßte selbst
nicht warum, und er führte dafür Gründe an: so oft er mit jemand
zusammenkäme, oder sich in ein Gespräch einließe, hätte er das Gefühl,
als wären die anderen alle älter – alt, und er wäre der jüngste – ganz
jung noch, zwölfjährig. Und ferner gestand Marakulin, daß er sich den
anderen Menschen gar nicht ähnlich – nicht ein bißchen ähnlich fühle,
wenigstens nicht jenen richtiggehenden Menschen, wie man sie gewöhnlich
im Theater, in Gesellschaften oder in den Klubs beobachtet, während sie
eintreten oder fortgehen, sich unterhalten oder schweigen, sich ärgern
oder zufrieden sind – und daß alles an ihm, von der Nase bis zur kleinen
Zeh wahrscheinlich nicht auf dem richtigen Fleck säße – so schiene es
ihm wenigstens. Und weiter gestand Marakulin, daß er nie denke; er hätte
einfach gar nicht die Empfindung, daß er denke; wenn er durch die
Straßen gehe, so geschehe dies eben nur so mit den Beinen, und wenn er
mit jemand bekannt werde, dann fände er an seinem neuen Bekannten weder
Unterschiedsmerkmale noch Besonderheiten, nicht im Gesicht noch in den
Bewegungen: er fühle nur unklar, daß der eine ihn anziehe und der andre
abstoße, einer weniger, ein anderer mehr, und ein dritter sei ihm ganz
gleichgültig; häufiger aber herrsche doch das Gefühl der Nähe und das
Vertrauen in das Wohlwollen des anderen vor. Und weiter gestand
Marakulin, daß ihn, seitdem er Bücher lese und mit Menschen
zusammenkomme, die entgegengesetzten Meinungen nie abschreckten. Er sei
vielmehr bereit, jedermann zuzustimmen, weil er jeden in seiner Weise
für berechtigt hielte, und diskutiere nie; wenn er sich aber einmal
selbst verstiege oder zu Auseinandersetzungen aufreize, so geschehe es
aus ganz indiskutabeln Gründen, deren er sich jedesmal genau bewußt sei,
obwohl er sie nicht verrate – gebe es doch genug solcher indiskutabler
und doch alltäglicher Gründe! – Und weiter gestand Marakulin, daß er nie
in seinem Leben geweint habe, ein einziges Mal ausgenommen, als seine
alte Kinderfrau ihn verließ, an ihrem letzten Tag: damals wäre er, in
der Rumpelkammer versteckt, an seinen ersten und letzten Tränen fast
erstickt. Noch eine verrückte Eigenschaft hatte er, über die man sich
lustig zu machen pflegte: wenn ihm irgendein Einfall in den Sinn kam, so
stürzte er sich auf ihn mit einer solchen Hartnäckigkeit, als läge in
ihm der Sinn seines Lebens, oder des Lebens überhaupt – aus
Kleinigkeiten machte er wichtige Dinge. Zu den Feiertagen, zum Beispiel,
wurde dem Direktor gewöhnlich ein Bericht überreicht. Dieser Bericht
wurde stets mit der Maschine geschrieben, ihm aber konnte es einfallen,
ihn mit der Hand abzuschreiben; und obwohl es mit der Maschine viel
schneller, leichter und einfacher zu machen ging, – es gab auch
vorgedruckte Formulare zu diesem Zweck – so ließ er es sich durchaus
nicht nehmen und malte Tag und Nacht beharrlich und sorgfältig einen
Buchstaben nach dem andern und reihte die Zeilen aneinander, als wären
sie Perlen, und schrieb den Bericht so oft ab, bis er so war, daß er
ausgestellt werden konnte, – so war er geschrieben! – denn Marakulin war
wegen seiner Schrift berühmt. Am nächsten Tage schon wird so ein Bericht
irgendwohin verlegt, man schenkt ihm keine besondere Aufmerksamkeit, man
verlangt ihn nicht so, und eine Menge Zeit und Arbeit sind sinnlos
verschwendet worden! Ein verrückter Kerl, und wie beharrlich in seiner
Verrücktheit! Und weiter pflegte Marakulin noch etwas Seltsames zu
erzählen – von einer ihm eigenen, durch nichts erklärbaren
ungewöhnlichen Freude, die er ganz unerwartet empfinden konnte:
manchmal, wenn er am Morgen ins Bureau lief, begann ihm plötzlich das
Herz in der Brust zu flattern und er fühlte eine ungewöhnliche Freude.
Und diese seine Freude umfing ihn so ganz und sie war so groß, daß ihm
schien, er könnte sie jetzt warm aus der Brust herausnehmen und jeden
mit ihr beschenken – es würde für Alle reichen; wie ein Vögelchen wollte
er sie in beide Hände nehmen, damit ihm dies Paradiesvöglein nicht
davonfliege, darauf hauchen, daß es nicht friere und es so den Newsky
entlang tragen: mögen sie alle sehen, ihre Wärme einatmen, ihr Licht
fühlen, – das stille Licht und die Wärme, die das Herz vor Freude atmet
und ausstrahlt.
Natürlich ist es schwer, sich selbst zu beurteilen, und mit
Geständnissen kommt man auch nicht weit: ob das alles stimmte oder nicht
– wer kann es wissen? – Aber eine Liebe zum Leben, ein Instinkt zum
Leben, die Heiterkeit des Gemütes – das war in ihm in der Tat.
Wenn man Marakulin zuhörte oder sah, wie er an Menschen heranzutreten
pflegte, wer sein Lächeln und seinen Blick kannte, dem konnte manchmal
der Gedanke kommen, daß so einer wie er, jederzeit imstande wäre, zu
einer Bestie in den Käfig zu treten und, ohne mit der Wimper zu zucken,
ohne zu überlegen, die Hand auszustrecken, um das sich sträubende wilde
Haar des grimmigen Tieres zu streicheln – und das Tier würde nicht
beißen.
Und wie konnte es Marakulin betrüben, wenn es sich zuweilen, plötzlich
herausstellte, daß auch er, wie jeder andere, gehaßt wurde, daß auch er
seine Mißgönner hatte, daß auch er für jemand ein Balken im Auge sein
konnte! Denn man konnte ja mit ihm machen, was man wollte. Und wenn er
es dennoch zustande gebracht hatte, das dreißigste Jahr zu erleben, und
mit Erfolg, so war es das reinste Wunder – eine unwahrscheinliche Sache.
Meistens aber wurde Peter Alexejewitsch geliebt, nicht etwa besonders
oder gar zu sehr, aber es war gar kein Grund, ihn nicht zu lieben –
brachte er doch Heiterkeit und Lachen mit, dazu kein gewöhnliches
Lachen, sondern ein trunkenes, marakulinsches – warum sollte man ihn da
hassen? Und dennoch nahm das alles kein sehr gutes Ende – Peter
Marakulin endete schlimm.
Das kam so: Marakulin erwartete zu Ostern Beförderung und eine
Gratifikation – in den großen Geschäftshäusern ist es zu den Feiertagen
so üblich –; statt dessen aber wurde er aus dem Dienst gejagt. Es
geschah folgendermaßen: Fünf Jahre hatte Peter Alexejewitsch gedient,
fünf Jahre die Quittungsbücher geführt, und alles befand sich in bester
Ordnung, – Marakulin wurde sogar wegen seiner Ordnungsliebe und
Genauigkeit scherzweise „Der Deutsche“ genannt – als aber die Direktoren
vor den Feiertagen revidierten und zu vergleichen und zu rechnen
begannen, da trat eben die Verlegenheit ein: es stimmte etwas nicht, es
fehlte etwas – vielleicht nur eine wirkliche Bagatelle, – das Geschäft
aber war groß, und solche Kleinigkeiten konnten Verwirrungen
verursachen. So nahm man ihm denn die Bücher ab und entließ ihn.
Erst glaubte Marakulin nicht daran, er wollte es einfach nicht glauben,
und dachte, man triebe nur Scherz mit ihm, einen Jux zum allgemeinen
Ergötzen einfach, um vor dem Fest die Fröhlichkeit zu erhöhen; er lachte
dazu und begann seine Auseinandersetzung auch nicht ohne Witz:
– Gestatten Sie dem Dieb Soundso, dem Räuber und Wegelagerer, den
Diebstahl aufzuklären ...
– Wie?
– Ha – ha ... Und er war es, der zuerst lachte.
Und in einem aufklärenden Brief an eine wichtige und einflußreiche
Persönlichkeit, an den Direktor, unterschrieb er nicht einfach Peter
Marakulin, sondern „Der Dieb und Expropriateur Peter Marakulin“.
„Der Dieb und Expropriateur Peter Marakulin.“
– Wie?
– Ha – ha ... Und er war es wieder, der zuerst lachte.
Aber der Scherz gelang diesmal offenbar vorbei, er wirkte gar nicht
spaßhaft, oder wenn er auch so wirken hätte können, so nahm man das gar
nicht wahr, und niemand lachte, – im Gegenteil. Und am komischsten war
die Antwort eines jungen Buchhalters, – dieser Buchhalter war ein
kleiner stiller Mensch, der nicht einmal eine Fliege zu kränken imstande
war, so still war er.
Dieser Awerjanow nun sagte: Ich möchte bis zur Aufklärung Ihres
Mißverständnisses mit meiner Antwort abwarten.
Hier wurde Peter Alexejewitsch ernst:
– Was für ein Mißverständnis! Es kann ja gar keinen Irrtum geben!
– Wie?
– Der Irrtum, meine ich ... ich irre mich nicht, ich bin ein „Deutscher“
... Wo ist denn der Irrtum?
Und jetzt mußte er es glauben. Er mußte ja glauben! Die wilde Bestie ist
offenbar doch nicht so einfach, sie unterwirft sich nicht so leicht, sie
läßt nicht so ohne weiteres ihr sich sträubendes Fell streicheln. Hände
weg! Die Bestie beißt dir noch die Finger ab! Ist es nicht so? – Oder
hat es mit der Bestie gar nichts auf sich und der Fluch besteht gar
nicht darin, daß der Mensch für den Menschen eine Bestie ist und eine
grimmige dazu, sondern darin, daß der Mensch für den Menschen ein Klotz
ist: man mag ihn noch so anflehen, er hört es nicht; man mag ihn noch so
anrufen, er antwortet nicht; man mag sich den Kopf einstoßen, indem man
vor ihm mit der Stirn auf den Boden schlägt, er rührt sich nicht; er
bleibt so stehen, wie er hingestellt wurde, bis er umfällt oder bis du
umfällst. Ist es nicht so?
Etwas Derartiges flog damals Marakulin durch den Sinn, und zum erstenmal
dachte es in ihm und sprach sich deutlich aus: Der Mensch ist für den
Menschen ein Klotz.
Er lief da hin, klopfte dort an: überall war geschlossen, überall war
zu: er wurde nicht empfangen. Und wenn er empfangen wurde, so ließ man
ihn nicht sprechen, gar nicht zu Worte kommen. Dann begann man ihm die
Tür vor der Nase zuzuschlagen: keine Zeit! oder: laß, bitte, in Frieden!
oder: wir haben an was anderes zu denken! – Bald gab die Dienerschaft
nicht einmal Antwort mehr hinter der Vorlegekette: es war ihnen
untersagt; außerdem war er allen schon zu lästig geworden.
Marakulin hatte keine Zuflucht mehr: er war wie in der Steppe, allein,
und die Steppe lag vor ihm, ausgebrannt, schwarz, endlos – fremd. Nach
allen vier Richtungen gleich unabsehbar. Erst hatte er alles, jetzt
hatte er nichts.
Und das alles wegen einer Bagatelle – wegen eines blinden Zufalls. Es
ging freilich ein Gerücht um, die ganze Sache sei von Alexander
Iwanowitsch angezettelt, sei ein Werk seiner Hände, – Glotow habe seinen
Freund hineingelegt und sich selbst aufs Trockene gebracht. Andererseits
aber wußte man, daß Marakulin selbst bereit war, sei es aus Herzensgüte
oder aus einer sonstigen Eigenschaft, etwa aus übermäßiger
Vertrauensseligkeit und Einbildungskraft – er kam mit den Menschen gern
gut aus – ja, daß er selbst nichts dagegen hatte, eine Quittung,
provisorisch natürlich, einer Person auszuhändigen, die mit einer
Zahlung nichts zu tun hatte; auf besondere Bitten hin oder mit Rücksicht
auf die Verlegenheit eines Kollegen – vielleicht eben dieses Alexander
Iwanowitsch! Denn man konnte mit Marakulin machen, was man wollte.
Er aber, durch einen blinden Zufall aus seiner Bahn geschleudert, ohne
Arbeit, allein, Tage und Nächte denkend, für sich allein denkend – es
waren eben andere Zeiten, jene Zeiten waren vorbei; jetzt hatte auch er,
wie die richtigen Menschen, zu denken angefangen – er selbst aber
entschied und sprach sich selbst das Urteil: er erkannte sich nicht
schuldig und sprach sich von Diebstahl frei. Und indem er sich in seiner
fieberhaften Aufregung seine Daseinsberechtigung bewies, tat er es wie
früher mit Lachen und mit Freude, auf die marakulinsche Art: er biß sich
in diesen Klotz fest, in die Vorstellung, zu der sein Denken ihn
geführt, daß der Mensch für den Menschen ein Klotz sei, und begann zu
bohren. Er wollte um jeden Preis ergründen, wer das alles brauchte und
wozu: zum Vergnügen welchen Klotzes all die andern Klötze hingestellt
seien! Er wollte es nur ergründen, um sich bestimmt sagen zu können, ob
er selber noch länger als Klotz dastehen sollte, so wie es irgend jemand
beliebt hatte, ihn hinzustellen, oder ob er, ohne abzuwarten, bis es
jemand belieben würde, ihn umzustoßen, sich selber hinstrecken sollte,
freiwillig, ohne jemand zu fragen. Freilich läßt sich dergleichen nicht
auf einmal beantworten, urteilt selbst, und wer könnte es auch? Es sei
denn der Chiromant von der Kusnetschnybrücke, welcher eine Hose
gestohlen und nach den Linien der Hand einen anderen beschuldigte,
seinen Nachbar im Asyl nämlich, ebenfalls von der Kusnetschnybrücke.
Aber offenbar geht das nicht, ohne daß man sich an jemand rächt; es ist
schon so, wenn man erst anfängt, seine Daseinsberechtigung zu erweisen!
Und auch das ist es nicht, daß der Mensch für den Menschen eine Bestie
ist, und nicht, daß der Mensch für den Menschen ein Klotz ist; die Sache
ist einfacher: wenn das Unglück über einen kommt, dann heißt es: dulde,
und dulden mußt du darum, weil es einerlei ist, ob du mit den
Hinterbeinen ausschlägst oder beißest, – denn alles ist nutzlos, es läßt
dich nicht los, bis seine Zeit um ist. Ist es nicht so? Etwas Derartiges
flog damals Marakulin durch den Sinn und sprach deutlich zu ihm: Dulde.
Den ganzen Sommer trieb er sich ohne Arbeit herum. Alles, was er in den
fünf Petersburger Quittungsjahren erworben hatte, ging jetzt in die
Leihhäuser, in das Residenzpfandhaus oder in das städtische, auf dem
Wladimirsky-Prospekt. Bald besaß er nichts mehr; die Pfandscheine hatte
er auch an einen Uhrmacher in der Gorochowaja verklopft, und was ihm
noch übrig blieb, war so vertragen und zerrissen, daß nicht einmal der
Tartar es gekauft hätte. Er war abgerissen und schäbig; sein einziger
Gummikragen war ganz zerwaschen, nur das Kreuz am Hals war noch ganz und
das Amulett, das er sich übrigens längst nicht mehr umzuhängen pflegte;
er hatte es an die Wand gehängt zur Erinnerung. Und er begann, sich zu
schämen – früher hatte er nie etwas Derartiges gefühlt. Er wagte es
nicht mehr zu bitten. Zum Glück konnte er auch niemand bitten: wie vor
einem Cholerakranken waren alle Freunde davongelaufen und hielten sich
vor ihm versteckt. Und er empfand Angst vor Allen, vor Bekannten und
Unbekannten. Er schämte und fürchtete sich, durch die Straßen zu gehen;
es war ihm, als wüßten alle etwas von ihm, das er nicht den Mut hätte,
sich selber zu gestehen, geschweige den Menschen zu sagen. Die Passanten
in den Straßen stießen ihn. Sogar die Hunde, auch die bellten ihn an und
schnappten nach seinen Beinen. Er war eben ein verlorener Mensch.
Nun ja, ein verlorener, rechtloser – da heißt es eben: dulde, dulde und
vergiß ... Bricht das Unglück über dich herein, dann vergiß, daß es
Menschen auf der Welt gibt; die Menschen werden dir nicht helfen, und
wenn sie es wollten, gleichviel, das Unglück wird ihre Taten zunichte
machen, es wird sie auseinanderjagen und einschüchtern; darum vergiß die
Menschen. Ist es nicht so?
Und etwas Derartiges flog damals Marakulin durch den Sinn und sprach
deutlich zu ihm: Vergiß.
Bald fanden sich dennoch Menschen. Es erschien aber nicht etwa so ein
Awerjanow oder sein Gehilfe Tschekurow – die Peitsche der Gemeinheit,
wie der ehrliche Tschekurow sich selbst nannte, – nein, es waren lauter
solche, an die Marakulin niemals vorher gedacht hatte: kleine,
verdächtige Beamte, die aus allen möglichen Aemtern fortgejagt waren,
und solche, die von einer Stellung zur anderen wanderten – Anwärter auf
den Laufpaß, Zugrundegegangene und Zugrundegehende, Betrogene und
Vielgeprüfte, die in anständige Häuser nicht kommen dürfen und denen die
Hand zu reichen für unpassend und unmöglich gilt, und endlich solche,
die einen sehr bezeichnenden Spitznamen haben – ihren eigenen Namen und
den Zunamen von Dieben, Schurken, Schuften: bekannte, halbbekannte und
ihm völlig unbekannte Gauner kamen zu Marakulin, um ihr Mitgefühl zu
bezeigen; sie waren es auch, die ihm fürs erste Arbeit fanden, wenn auch
keine sichere, nur so, um sich durchzufretten.
Marakulin hatte vorher eine Wohnung auf der Fontanka, an der
Obuchowskybrücke; sie war klein, aber doch seine eigene, jetzt mußte er
die Wohnung aufgeben und in ein Zimmer ziehen. Das Zimmer fand sich auf
derselben Treppe, drei Stockwerke höher. Im ganzen hatte sich Marakulins
Leben bis dahin ganz leidlich gestaltet, wenn auch verworren und
ungeordnet. Er hatte zwar schon früher einmal Zeiten gehabt, da er nicht
besonders gut lebte, freilich war das noch vor seiner warmen Stellung,
in den Anfängen seiner Laufbahn, da man sich aus so etwas gar nichts
macht. Jetzt aber war es anders: es fiel ihm schwer, sich
einzuschränken, um so mehr, als er keine Hoffnung auf Verbesserung hatte
und der Gaunerverdienst nicht übermäßig war; er reichte gerade, um sich
durchzufretten. Aber wozu sich durchfretten? Wozu leiden, leiden, wozu
vergessen, vergessen und dulden? Er wollte durchaus wissen, wer das
alles brauchte und wozu, zum Vergnügen welchen Diebes, welches Schurken
oder Schuften – welchen Gauners das nötig war? Und er wollte es wissen,
nur um sich klar zu sagen, ob es sich noch lohnte, das alles in die
Länge zu ziehen – zu dulden, nur um sich durchzufretten?
Freilich läßt sich dergleichen nicht auf einmal beantworten, urteilt
selbst, und wer könnte es auch? – Es sei denn der Chiromant von der
Kusnetschnybrücke, welcher eine Hose gestohlen und nach den Linien der
Hand einen anderen beschuldigte, seinen Nachbar im Asyl nämlich,
ebenfalls von der Kusnetschnybrücke.
Aber offenbar geht das nicht, ohne daß man sich an jemand rächt; es ist
schon so, wenn man erst anfängt, seine Daseinsberechtigung zu erweisen!
Es kommt offenbar gar nicht darauf an, daß man duldet und auch nicht,
daß man vergißt; die Sache ist viel einfacher: Denke nicht. – Ist es
nicht so?
Und etwas Derartiges flog damals Marakulin durch den Sinn und sprach
ganz deutlich zu ihm: Denke nicht.
Er sollte nicht denken, jetzt? Gerade jetzt, durch einen blinden Zufall
aus seiner Bahn geschleudert, allein, ohne Arbeit? Jetzt begann er erst
recht zu denken – jene Zeit, als er noch nicht dachte, war vorbei, und
wird nie wiederkehren.
Und der Kreis schloß sich in ihm: er wußte, daß es nutzlos war zu
denken, daß er nicht denken durfte, daß man nichts beweisen kann, und
konnte doch nicht umhin zu denken, konnte doch nicht umhin zu beweisen,
er mußte denken bis es schmerzte; die Gedanken jagten sich unaufhörlich
wie im Fieber.
Seine Wohnung wurde Marakulin glücklich los, ohne daß man ihn aufs
Polizeirevier geschleift oder gepfändet hätte – er hatte nichts, und die
Seele kann man einem doch nicht wegnehmen. Nur daß Michail Pawlowitsch
ihm die Hand nicht gereicht hatte, – der Oberhausmeister Michail
Pawlowitsch pflegte den mittleren Mietern, die er achtete, die Hand zu
reichen.
Der letzte Tag am alten Herd verlief für Marakulin sehr denkwürdig. Am
Morgen geschah ein Unfall im Hof: eine Katze war verunglückt – eine
weiße, glatte Katze mit grauem Schnurrbart. Möglich, daß sie auch gar
nicht verunglückt war und gar nicht gedacht hatte, vom Dach des fünften
Stockwerks herabzustürzen, sondern sie mochte vielleicht zufällig etwas
verschluckt haben: einen Nagel oder eine Glasscherbe. Es kann auch sein,
daß jemand ihr absichtlich, zum Spaß, ein Nägelchen oder einen Splitter
zu fressen gegeben hatte, – es gibt nämlich solche Liebhaber. Sie quälte
sich sehr und litt: bald warf sie sich auf den Rücken und wälzte sich
auf den Steinen, bald drehte sie sich auf den Bauch herum, streckte die
Vorderpfoten aus, hob die Schnauze in die Höhe, als wollte sie in die
Fenster hineinsehen, und miaute.
Die kleinen Kinder umstanden die Katze, sie ließen ihre wilden Spiele
und wilden Arbeiten im Stich und hockten sich um sie herum. Sie waren
still geworden und konnten sich von der Katze nicht losreißen; sie aber
miaute. Der Perser, der schwarze Masseur aus der Badeanstalt, hockte
sich auch hin, rollte mit den Augäpfeln sie aber miaute.
Ein rauchfarbener Kater sprang aus der Remise hervor, ging forsch quer
durch den Hof, über die Bretter und über den Kies geradeaus auf die
Katze zu, aber drei Schritt von ihr blieb er stehen, sträubte sein Fell
und zog mit hochgehobenem Schweif ab. Ein kleines Mädchen besann sich
und lief um Milch; sie brachte eine Scherbe voll und stellte sie der
Katze unter die Nase; die Katze aber sah gar nicht hin und miaute. – Die
Katze ist verrückt! – sagte ein Erwachsener, der ebenso wie Marakulin
aus dem Fenster zuschaute.
– Das ist unsere Katze Murka! – verbesserte ihn das kleine Mädchen, das
um Milch gelaufen war; ihr Gesicht glühte und in ihrer Stimme klang
etwas wie Gekränktheit und Ungeduld.
Und alle schienen auf eins zu warten: auf das Ende. Marakulin wich nicht
vom Fenster, er konnte sich nicht losreißen, auch er wartete auf das
Ende. Und er würde so, ohne sich zu rühren, auch bis zum Abend
dagestanden sein, wenn er nicht plötzlich gefühlt hätte, daß hinter
seinem Rücken jemand da war und von einem Fuß auf den anderen trat.
Marakulin pflegte die Türen schon längst nicht mehr abzuschließen, es
war also jemand hereingekommen! In der Tat: ein alter Mann stand vor
ihm, von einem Fuß auf den anderen tretend – ein zerzauster langer alter
Mann, unter dem Mantel schlotterten die Hosen um seine Beine, als wären
es keine Beine, sondern bloß Knochen. In der Hand zerknüllte er seine
Mütze und noch etwas – ein Kuvert, ja ein Kuvert. Diesen alten Mann
hatte er früher nie gesehen, natürlich! – was wollte er?
– Was wünschen Sie?
– Ich komme zu Euer Gnaden, Peter Alexejewitsch, ich komme von Alexander
Iwanowitsch.
– Von Alexander Iwanowitsch?
– Von ihm persönlich. Sie vergaßen die Tür zu schließen, so bin ich da,
– zu klingeln hab’ ich gefürchtet, verzeihen Sie, – der Alte kaute mit
den Lippen und zupfte an seiner Mütze.
In früheren Zeiten kamen manchmal allerlei Leute von Glotow – sie
brauchten im Kontor zuweilen Aushilfe für den Abenddienst – aber wie
konnte es Glotow einfallen, jetzt jemand zu ihm zu schicken, da Glotow
doch wußte, daß er stellungslos war und nur einen Sechser in der Tasche
hatte!
– Ich kann nichts für Sie tun, Sie brauchen doch Geld ...
Der Alte wurde geschäftig und zog ein zerdrücktes Blatt Papier aus dem
Kuvert, das ungleichmäßig mit großen Buchstaben beschrieben war.
– Ich habe eine Bittschrift an Euer Gnaden verfaßt, ich geniere mich zu
bitten, und so habe ich diese Bittschrift verfaßt, – der Alte schob ihm
das Papier zu und lächelte ununterbrochen, ein Lächeln, das so war, als
miaute die Katze Murka.
Marakulin steckte dem Alten seinen letzten Sechser zu, setzte sich an
den Tisch und wartete nur, wann der Alte fortgehen und wann es ein Ende
nehmen würde.
Der Alte ging nicht, er preßte in der einen Faust den Sechser und die
Mütze und in der anderen das zerknüllte, ungleichmäßig mit großen
Buchstaben beschriebene Papier. Seine Hände zitterten und die Mütze fiel
zu Boden.
– Was macht Alexander Iwanowitsch, wie geht es ihm? – fragte Marakulin
und fühlte dabei, wie alles in ihm zitterte und daß er es bald nicht
mehr aushalten würde, nicht aufzustehen und den Alten hinauszujagen.
Der Alte streckte vogelartig lang seinen Hals aus und sperrte den Mund
auf wie einen Schnabel.
– Heute ausgezeichnet, – er bewegte wie erfreut den Kopf, – er ist sehr
gut angezogen, wie ein Oberhausmeister, ein Rock, Lackstiefel, – wie ein
Oberhausmeister. – Geh, Gwosdjow, gradeaus zu Peter Alexejewitsch in die
Fontanka! – So geruhte er zu mir zu sagen. Wie ein Oberhausmeister. Ich
war bei ihm in Zarskoje in seiner Sommerwohnung, er scherzt immer: er
ist verliebt – sagt er – verliebt in eine Madame. Er scherzt immer:
Einen Hungrigen – sagt er – kann man satt machen, einen Armen kann man
reich machen, aber bist du verliebt und dein Gegenstand erweist dir
keine Gegenseitigkeit, so kannst du dich zerreißen, es gibt keine Hilfe.
– Ich verstehe es nicht, er scherzt nur immer. Einen Paletot hat er mir
von seinen eigenen Schultern geschenkt, und diese da Awerjanow der
Buchhalter; seine eigenen; sie sind mir etwas zu weit. Bist du keusch,
Gwosdjow? – sagt er. Nehmen Sie es mir nicht übel, Alexander
Iwanowitsch, ich bin ein Liebhaber von Weibern. Ja, er scherzt immer.
Ohne aufzuhören und alles durcheinanderbringend redete der Alte, setzte
sich aber nicht, öffnete nicht die Faust und hob auch die Mütze nicht
vom Boden auf.
Ein ruheloser Alter war das, ach wie ruhelos! Er hatte bei den
Schachowskojs in Petersburg als Stallknecht gedient, es war eine gute
Stellung, aber einmal wurde ein Pferd scheu und stieß ihn in die Brust,
da ging er ins Kloster. Seitdem zog er herum, aus einem Kloster in das
andere – er war eine ruhelose Natur: sowie er anfing sich irgendwo zu
gewöhnen, da lief er fort. Vor einem Monat war er aus dem
Tschermenetzkischen Kloster davongelaufen.
– Da hat sich ein Bekannter meiner erbarmt. In der Seleninaja hat er ein
Zimmer, ein kleines Zimmerchen. Er selbst, dieser Korjakin, ist
verheiratet, hat eine Frau und ein kleines Kind, ein Mädchen, aber er
hat sich meiner erbarmt, und wir wohnten alle zusammen. Aber zum Fest
der heiligen Olga kam das älteste Töchterchen zu ihnen nach Petersburg
zu Besuch, so wurde es zu eng, auch ist es unschicklich: eine Jungfrau.
So zog ich auf den Obwodnij, hab’ da einen Winkel gemietet für
anderthalb Rubel, mit Gurken – ein schöner Winkel im Korridor. Ich
möchte mich gern mit Handel befassen, um mich nur irgendwie
durchzufretten ...
Verworren und ohne aufzuhören redete der Alte, die Worte flossen
ineinander und zischten, – ein ruheloser Alter. Marakulins Augen
verschleierten sich, seine Lider wurden schwer, er sah nichts mehr, vor
seinen Augen bewegten sich nur die Hosen des Alten, die allzuweiten, von
Awerjanow, die nicht um Beine, sondern um Knochen zu schlottern
schienen.
– Ich bin Liebhaber von Weibern ... anderthalb Rubel mit Gurken ... nur
um mich irgendwie durchzufretten ...
Marakulin sprang vom Stuhl auf.
– Wozu, sagen Sie mir endlich, wozu wollen Sie sich durchfretten? – rief
er.
Aber er befand sich allein im Zimmer, es war niemand mehr drin.
Die Katze miaute, Murka miaute. Er war allein im Zimmer; er war mitten
im Gespräch eingeschlafen, der Alte hatte es offenbar bemerkt und sich
mit seinem letzten Fünfkopekenstück davongeschlichen, genau so, wie er
vorher unbemerkt eingetreten war. Auch die Mütze lag nicht mehr auf dem
Boden. Die Katze miaute, Murka miaute.
Und plötzlich sah Marakulin so klar, wie noch nie zuvor, daß Murka stets
gemiaut hat, und nicht nur gestern, sondern alle die fünf Jahre hier an
der Fontanka auf dem Burkowschen Hof; er hatte es nur nicht bemerkt, und
nicht nur hier auf dem Burkowschen Hof an der Fontanka, sondern auch auf
dem Newsky und in Moskau an der Taganka – bei der Auferstehungskirche –,
an der Taganka, wo er geboren war, – überall, wo etwas lebt. So klar sah
er es, so deutlich sprach es in ihm, daß er sich vor diesem Miauen, vor
dieser Murka nirgends hätte verstecken können. Und er fühlte es, daß
Murka nicht dort unten im Hof miaute, sondern hier ...
– Gebt Luft! – miaute Murka, als könnte sie sprechen: – gebt Luft! – und
sie wälzte sich auf den Steinen, zu den Fenstern hinaufflehend.
Eng, immer enger hockten sich die Kinder um sie herum, sie vergaßen ihre
wilden Spiele und ihre wilden Beschäftigungen, sie horchten; auch die
Scherbe mit der Milch stand noch unberührt da, und der Perser, der
schwarze Masseur aus der Badeanstalt ging nicht fort und rollte mit den
Augäpfeln.
Erst spät am Abend bezog Marakulin in der fünften Etage sein neues
Zimmer, wo früher die Waschküche war. In der Wohnung war niemand, außer
der Köchin Akumowna; die Wirtin Adonja Iwoilowna war von der Reise noch
nicht zurück, – Adonja Iwoilowna pflegte im Sommer zu pilgern und die
Wohnung Akumownas Aufsicht zu überlassen. Die anderen zwei Zimmer waren
unvermietet.
Die erste Nacht in der neuen Wohnung träumte Marakulin, er sitze in
einem Lustgarten außerhalb der Stadt an einem Tischchen gegenüber der
Estrade – der Garten erinnerte an den Garten des Aquariums – und rings
um ihn lauter unbekannte Menschen: ihre Gesichter waren böse und
unruhig, und sie gingen herum und brummten und flüsterten miteinander.
Er verstand, daß ihr Brummen und Flüstern sich auf ihn bezog. Sie hatten
nichts Gutes im Sinn, gewiß nichts Gutes! Es wurde ihm Angst, sie aber
kamen immer näher, und bald flüsterten sie nicht mehr miteinander,
sondern winkten einander mit den Augen zu, verstanden einander und
zeigten auf ihn. Und schon gab es keinen Zweifel mehr: – er darf nicht
länger dableiben, sie würden ihn sonst totschlagen. Er erhebt sich und
will ganz unbemerkt zum Ausgang gelangen, – sie aber sind hinterher. So
ist es, sie wollen ihn totschlagen! Sie werden ihn totschlagen,
erwürgen; wohin fliehen, wo sich verstecken? O Gott, wenn doch ein
Mensch wenigstens da wäre, ein Mensch! Und sie verfolgen ihn, sind ihm
schon auf den Fersen, jetzt holen sie ihn ein. Er stürzt in eine Grotte,
fällt mit dem Gesicht auf die Steine. Und plötzlich läßt sich ein Vogel
wie ein Stein auf ihn nieder, auf den Rücken, kein Adler, sondern ein
Habicht, der Hühner raubt. Er preßt ihn hart zwischen den Klauen,
zerdrückt ihn, wie er sonst die Hühner zermalmt. – Dieb, Dieb, Dieb –
klopft sein Schnabel. Und ihm wird schwer, so schwer, – es ist kein
Zweifel mehr für ihn: er wird sich nie mehr erheben können, nie mehr
sich aufrichten, – und es ist ihm schwer; Bitternis ist in ihm und
Todesbangen.
– Ein böser Traum – sagte Akumowna, als Marakulin ihr am Morgen von den
nächtlichen Menschen und vom Habichtvogel erzählte, – man hat ihn nur
vor einer Krankheit. Sie werden ganz bestimmt krank werden.
Die Krankheit aber hatte sich seiner schon bemächtigt, er war ganz
zerbrochen, ganz aufgelöst, der Kopf hing ihm herab, er war krank: am
Morgen vermochte er kaum ein Glas Tee auszutrinken und der Bissen blieb
ihm im Munde stecken. Draußen war eine Hochsommerhitze und ihn
schüttelte der Frost wie im Januar.
Die göttliche Akumowna – im Burkowschen Hof wurde Akumowna die göttliche
genannt –, die gute Seele, brachte Marakulin zu Bett, gab ihm Himbeertee
zu trinken und legte ihm Senfpflaster auf; sie pflegte ihn Tag und
Nacht, und pflegte ihn gesund. Die Krankheit ließ ihn los und verließ
ihn. Doch hatte er an die zwei Wochen gelegen.
Das erste, was er empfand, als er nach der Krankheit die Hausschwelle
überschritt und sich auf der Straße befand, war – daß er jetzt alles zu
sehen und zu hören anfing. Und er fühlte, wie sein Herz sich auftat und
seine Seele lebte.
Der eine muß verraten, um durch den Verrat seine Seele aufzuschließen
und in der Welt er selbst zu sein; der andre muß töten, um durch den
Mord seine Seele aufzuschließen und wenigstens als er selbst zu sterben;
er aber mußte offenbar eine Quittung ausfertigen – aber nicht der
Person, der sie zukam, – um seine Seele zu erschließen und in der Welt
zu sein, und zwar nicht mehr als irgendein beliebiger Marakulin, sondern
als dieser Peter Alexejewitsch Marakulin, der er war, sehen, hören und
fühlen.
So sprach es in Marakulin am ersten Tag seiner Genesung, so fand er ein
Schlupfloch, um wieder in die Welt hineinzuschlüpfen, so bewies er sich
sein Recht zum Dasein: nur sehen, nur hören, nur fühlen.
Er hatte keine Angst mehr vor den Menschen, sie schreckten ihn nicht
mehr. Und es war ihm jetzt eigentlich ganz gleichgültig, ob er ein Dieb
war oder nicht. Er fürchtete sich auch vor gar keinem Unglück mehr. Und
wenn, dachte er, noch tausendmal soviel Ungemach ihn heimsuchen sollte,
so war er zu allem bereit, mit allem einverstanden, alles wollte er
hinnehmen und erdulden und in jeglicher Schmach leben, in jeglicher
Erniedrigung, alles sehend, alles hörend, alles fühlend. – Warum? Das
wußte er selber nicht, nur, daß er leben wollte.
Geschah dies dem Ungemach und dem einäugigen Bösen zum Trotz, dem
überall ein Fest gerichtet ist, wo man sich grämt und weint – er hat
nämlich das Ungemach ausgehungert und läßt es hungrig um die Erde
streifen, und er selbst, der Einäugige, blickt mit seinem unterlaufenen
Auge scheel aus den Wolken von der Höhe des Himmels herab, wie die Erde
vor Kummer, Gram, Not, Trauer, Leid, Bosheit und Haß sich wälzt und wie
Murka klagt, und duldet es vielleicht nur bis zu einer gewissen Zeit,
oder betrachtet er es mit Wohlgefallen –?
Oder geschah es dem Kummer und seinem Hohn zum Trotz, dem mageren,
dünnen, zusammengeschrumpften, von Weiden umgürteten, mit Bast
umwickelten, – diesem, wie der alte Gwosdjow, zerzausten Kummer, mit
seinen geheuchelten Tränen, die er vergießt, wenn er einen in die Grube
hinabstößt und dazu „Ecce homo!“ ruft? Oder erkannte er in Murkas
Miauen, in Murkas Bestimmung zu klagen, eine höhere Gerechtigkeit, eine
Strafe für Murkas Erbsünde, die nicht gesühnt, nicht vertuscht werden
kann, wenn sie vielleicht auch ganz geringfügig ist, weil geschrieben
steht: Wer das ganze Gesetz befolgt und nur eins übertritt, der ist im
ganzen schuldig! und er ergab sich drein mit Furcht und Beben, nachdem
er erkannt hat, daß sein Recht eben in der Rechtlosigkeit von Uranbeginn
bestand? – Oder war es seine Liebe zum Leben, sein Instinkt zum Leben,
die Heiterkeit des Gemüts – das Mark und die Wurzel seines Lebens, die
ihm Recht sprachen, als eingeborene Kräfte seiner Seele, und ihm die
Fähigkeit verliehen, sich zu finden, sich zu fügen und anzupassen, ohne
Worte, ohne Beweise? Oder wird er jetzt einfach nur leben, niemand zum
Trotz, niemand zu Leide, weder aus Erkenntnis, noch dank seiner
besonderen seelischen Eigenschaften, sondern einfach so – zu gar keinem
Zweck, ebenso wie er früher zu keinem Zweck für den Direktor vor den
Feiertagen die Berichte abgeschrieben hatte, Tag und Nacht beharrlich
einen Buchstaben nach dem anderen malend, die Zeilen wie Perlen
aneinanderreihend? – Ist es nicht so?
Etwas Derartiges flog damals Marakulin durch den Sinn und sprach
deutlich in ihm: Zu keinem Zweck – zu gar keinem Zweck, aber du wirst
dennoch leben und nur sehen, nur hören, nur fühlen.