Hier hat die Unstrut den Muschelkalk- und Buntsandsteinwall durchnagt,

die Sachsenburger Pforte bildend, und fließt dann nach Nordost. Früher

behielt sie diese Richtung bei und mündete bei Salzmünde in die Saale,

an der Stelle der heutigen Salzkemündung, wie sich aus Funden von

Thüringerwaldgeröll nachweisen läßt. Ein jüngerer Durchbruch ließ

endlich die Unstrut von Artern nach Südosten die Triasplatte von Nebra

nach Freyburg einsägen. Hier steht Buntsandstein, weiter abwärts

Muschelkalk an. Das Thal ist zwar nicht durch große landschaftliche

Reize ausgezeichnet, bietet aber eine Reihe schöner Einzelbilder,

über deren Städten, Fluren und Ruinen Geschichte und Sage ihre Zauber

gegossen haben. Der Hauptort des Unstrutthales ist Freyburg (3300

Einw.), der jüngste fast von allen Orten des Thales. Etwa um das Jahr

1090 ließ Ludwig der Springer (der Salier), der Erbauer der Schauenburg

und der Wartburg, auf der Muschelkalkhöhe eine »neue Burg« anlegen,

Schloß Neuenburg (Abb. 116), zu dessen Füßen am Ufer des Flusses sich

Freyburg entwickelte. Die Stadt treibt besonders Weinverarbeitung und

ist bekannt als Wohnort des Turnvaters Jahn, der hier von 1825 bis 1852

lebte. Zur Erinnerung an ihn wurde 1894 eine schöne Turnhalle errichtet

(Abb. 117), auf dem alten Friedhof Freyburgs an der Stelle von Jahns

früherem Grabe. Seine sterblichen Überreste haben unter dem Giebel der

Halle eine neue Ruhestätte gefunden. Hier ist in einer Nische auch die

Schillingsche Büste Jahns neu aufgestellt worden, die das frühere Grab

schmückte. Die alte Stadtkirche stammt in ihren Hauptteilen aus dem

~XIII.~ Jahrhundert. Bei Freyburg bestand schon früh eine große Brücke,

über die der alte Handelsweg von Leipzig und Halle nach dem inneren

Thüringen führte. Der untere Teil der Unstrut ist durch Stauschleusen

für kleine Fahrzeuge schiffbar gemacht worden. Das Dorf Groß-Jena war

im ~XI.~ Jahrhundert eine ansehnliche Stadt, wo Markgraf Eckard ~I.~

seine Residenz hatte. An den Thalwänden grünen überall Weingärten, in

deren südlich gelegenen Sandsteinfelsen biblische auf Wein bezügliche

Figuren und Inschriften eingehauen sind, aus der ersten Hälfte des

~XVIII.~ Jahrhunderts stammend.

[Illustration: Abb. 118. _Vitzenburg und Unstrutthal._

(Nach einer Photographie von F. Herrfurth in Merseburg.)]

~XIII.~

[Sidenote: Finne. Schrecke. Schmücke.]

Die Steilwände an der östlichen Thalseite sind die Abbrüche der

Querfurter Platte, die mit der kleinen Ziegelrodaer Platte (höchster

Punkt 296 ~m~) ein Ganzes bildet und nordwärts vom Rohnethal und dem

Hornburger Sattel begrenzt wird, dem Übergang vom Rohnethal in das

Becken des ehemaligen Salzigen Sees. Westlich der unteren Unstrut dehnt

sich von Südost nach Nordwest die Finne aus, eine Buntsandsteinplatte

von 270 ~m~ mittlerer Höhe, die gegen das Unstrutthal sanft geneigt

und durch zahlreiche bewaldete Thäler, die nahe ihrer Mündung ins

Unstrutthal meist ausgedehnte Obstanlagen aufweisen, zerschnitten ist.

Die Oberfläche ist leicht gewellt, der mit einem Muschelkalkgürtel

besetzte Westrand bricht aber steil ab und ist auf seiner Höhe

bewaldet. Im Nordwesten trennt das Thal der Helder das Gebirge in zwei

Äste, die sich verschmälern und kammartig entwickeln: die Schmücke und

die Schrecke, beide mit schönen Buchenwäldern bedeckt. Hier erheben

sich auch die höchsten Punkte, der Kinselsberg mit 384 ~m~, und der

Steiger 362 ~m~ Höhe. Der Name Finne (im ~XII.~ Jahrhundert Vinne

oder ~Uinna~ d. h. ~fenna~ oder ~fenni~ = Kot, Sumpf) deutet auf die

Undurchlässigkeit der im Sandstein vorhandenen wagerechten Mergel-

und Thonschichten hin, die auch den Ackerbau ungünstig beeinflussen.

Die Bevölkerung dieses Gebiets spricht deshalb von der »kalten

Finne«. Schrecke oder Hohe Schrecke (von ~scricchan~ und ~screcchôn~

= springen) bedeutet emporspringender Berg, wegen seiner Steilheit;

Schmücke (wahrscheinlich von ~smiugan~ = schmiegen) im Gegensatze

hierzu einen sich schmiegenden, sanft ansteigenden Berg.

[Sidenote: Burgscheidungen. Querfurt. Nebra.]

Oberhalb Freyburg liegt in weiter wiesenreicher Thalebene, umgeben

von reichen Obstbaumpflanzungen, das Städtchen Laucha, (2400 Einw.),

ursprünglich wohl eine slawische Gründung, im ~XII.~ Jahrhundert zuerst

urkundlich erwähnt. Die bedeutendsten Zuflüsse von der Finne her sind

der Haselbach und Biberbach, in dessen Thal Bibra (1500 Einw.) liegt,

ein kleines schon im ~VIII.~ Jahrhundert erwähntes Städtchen mit

Stahlbad. Auf einem Sandsteinkegel, von der Unstrut halbinselartig

umflossen, ragt Burgscheidungen (~Scidingi~ = »an der Scheide« des

geteilten thüringischen Reiches) empor, wo 531 die Franken und Sachsen

das Königreich Thüringen in Trümmer schlugen. An Stelle der alten

Befestigungen sind jetzt schöne Gartenanlagen getreten, das alte

Schloß erhielt seine jetzige Gestalt im ~XVIII.~ Jahrhundert. Auf

der mittleren Fläche der Platte, nur 160 ~m~ hoch, liegt die Stadt

Querfurt (5200 Einw.), die Furt an der Querne, vom großen Verkehr

abseits und eine alte Stadt, die nebst dem Gebiete der Kreise Querfurt

und Eckartsberga 1815 an Preußen fiel. Vom linken Felsufer der Unstrut

glänzt das neue Schloß Vitzenburg (Abb. 118) in die Lande hinaus, wo

ehemals eine Reichsburg stand, die schon im ~VIII.~ Jahrhundert erwähnt

wurde. Gegenüber liegt am hohen rechten Ufer Nebra (2300 Einw.), eine

Gehängesiedelung an der Stelle, wo die Straße von Eckartsberga nach

Querfurt den Fluß überschreitet. Die feste Brücke bestand mindestens

seit dem ~XIII.~ Jahrhundert, der Ort selbst war eine im ~VIII.~

Jahrhundert gegründete Slavensiedelung, die aber unten am Flusse

unterhalb der heutigen Stadt lag. Der feinkörnige wertvolle Sandstein

der Nebraer Steinbrüche wird weithin verfrachtet.

[Illustration: Abb. 119. _Schloß Heldrungen_ im Jahre 1645 (nach dem

gleichzeitigen Stich von Merian).]

[Sidenote: Memleben. Wiehe.]

[Sidenote: Roßleben. Artern.]

Die Thalränder treten hier an der Steinklöbe, dem Durchbruch der

Unstrut durch den Sandstein, eng aneinander, weichen von Memleben

an auf dem rechten Ufer aber weit zurück. Hier breitet sich die Aue

des Unstrutrieds aus, ehemals Sumpffläche, auf Veranlassung des

Mainzer Erzstifts und der Cistercienser entsumpft und dem Landbau

gewonnen. Im Dorfe Memleben bestand am Anfang des ~X.~ Jahrhunderts

ein befestigter Königshof, wo 936 König Heinrich ~I.~, 973 sein Sohn

Otto ~I.~ starben. Die epheuumrankten Ruinen der zum ehemaligen

Benediktinerkloster gehörigen Kirche deuten auf ein Bauwerk vom Anfange

des ~XIII.~ Jahrhunderts. Am Fuß der Berge liegt das Städtchen Wiehe

(1150 Einw.), schon am Ende des ~X.~ Jahrhunderts eine Reichsburg.

Die Stadt ist Geburtsort des Geschichtsschreibers Ranke. Oben im

Bergwald finden sich die Reste der Burg Rabenswald und an den Hängen

des Kinselsberges diejenigen der Monraburg. Beim Dorfe Donndorf (900

Einw.) auf einem Hügel steht eine Erziehungsanstalt, früher ein

Cistercienser-Nonnenkloster. Auf niederem Kalkfelsen am linken Ufer

erhebt sich das Kammergut Wendelstein, deren Gebäude früher eine

befestigte Burg bildeten. Ein hier bestehendes Gestüt hatte ein Ende,

als 1813 Theodor Körner als Führer einer Reitertruppe sämtliche Pferde

als Beute für die Lützowsche Freischar entführte. Am Eisenbahnübergang

über die Unstrut liegt das bedeutende Dorf Roßleben (2300 Einw.),

berühmt durch seine sogenannte Klosterschule, die im großen Gebäude

an der Stelle eines Augustinerklosters 1554 errichtet wurde. Auf der

Höhe der Sandsteinplatte liegt das Dorf Ziegelroda und die Mauerreste

der Lutisburg. An der Mündung des Riedgrabens liegt die Salinenstadt

Artern (4900 Einw.), schon im ~VIII.~ Jahrhundert erwähnt, einer der

ältesten Orte der Goldenen Aue. Unter dem Gips des oberen Zechsteins

ist hier ein etwa 130 ~m~ mächtiges Steinsalzlager erbohrt, aus dem

eine Solquelle entspringt, deren Wasser versotten oder zu Badezwecken

gebraucht wird. Das Gebiet ist reich an Salzpflanzen, die hier wie

bei Kölleda, Weißensee, Artern, Numburg, Luisenhall bei Erfurt und

Salzungen vorkommen.

[Illustration: Abb. 120. _Die Sachsenburgen._

(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]

[Sidenote: Rastenberg. Heldrungen.]

Am südlichsten Punkt der Finne bildet das Thal der Emse einen bequemen

Zugang ins Thüringische Becken, wo in der Nähe des Dorfes Auerstädt

1806 die für Preußen so unglückliche Schlacht geschlagen wurde. Bei

Eckartsberga (1900 Einw.), einem freundlichen Städtchen, ist im Gelände

eine Einsenkung, die Eckartsbergaische Pforte, der Durchgangspunkt

der alten Handelsstraße. Am Ausgang des lieblichen Mühlthales liegt

die weimarische Stadt Rastenberg (1200 Einw.) mit Stahlbad. In der

flachen Thalmulde des Helderbaches ist Heldrungen (2700 Einw.) erbaut,

nach seinem alten Schlosse auch Schloßheldrungen genannt (Abb. 119).

Das Schloß ist von breiten Wassergräben umgeben und gibt mit seinen

Türmen ein mittelalterliches Bild. Am gegenüberliegenden Unstrutufer

liegt das weimarische Dorf Oldisleben (2000 Einw.), mit Mühlen und

Zuckerfabrik. Das im ~XI.~ Jahrhundert gegründete Benediktinerkloster

wurde im Bauernkriege zerstört. Oberhalb der Wippermündung erheben

sich am Berghange 254 ~m~ hoch die Sachsenburgen (Abb. 120), von

deren Turm man einen weiten Blick in die thüringische Landschaft

genießt. Sie wurden im ~XIII.~ Jahrhundert erbaut, sind also nicht als

Grenzbefestigungen der Sachsen gegen die Franken aufzufassen, die im

Thale des Solgrabens Frankenhausen erbaut haben sollen.

[Illustration: Abb. 121. _Sondershausen_ um 1650 (nach dem

gleichzeitigen Stich von Merian).]

[Sidenote: Hainleite. Dün.]

In gleicher Streichrichtung von Finne und Schmücke erstreckt sich

der Gebirgswall der Hainleite, an der oberen Wipper in ostwestliche

Richtung übergehend in den Dün, der mit dem Eichsfeld und dem Hainich

im Norden und Westen dann das Thüringische Becken umgrenzt. Der

östlichste Teil der Hainleite gipfelt mit 331 ~m~ und wird vom übrigen

Gebirgsteil durch den Durchbruch der Wipper, die in engem gewundenen

Thale sich den Weg zur Unstrut gebahnt hat, getrennt. Westlich der

Wipper steigt der Kamm allmählich höher, im aussichtsreichen Possen

424 ~m~, in der Wetternburg 465 ~m~, im Katzenstein 471 ~m~. Außer

dem Wipperdurchbruch ist die Hainleite noch mehrmals schluchtartig

durchbrochen, vom Hachsbach beim Dorfe Hachelbich, und vom Bebrabach

bei Sondershausen, der Übergangsstelle der Bahn Erfurt-Nordhausen.

Nach der Mitte Thüringens fällt das Gelände in sanfter Abdachung,

nach Norden bricht es in steiler Wandung zum Wipperthale ab, von

Friedrichslohra bis zum Kloster Reifenstein einen 20 ~km~ langen

ununterbrochenen Rand bildend, der schon zum Dün gehört. Hier steigt

die höchste Erhebung im Köhlerberg bis 494 ~m~ an, im Hockelrain bis

517 ~m~. Der Dün reicht bis Heiligenstadt und geht südwestlich langsam

in das Eichsfeld über. Die aus Wellenkalk bestehenden untersten

Schichten des Muschelkalks verleihen der Hainleite und dem Dün ihre

eigentümlichen Formen und bilden eine deutliche Stufe, wenn sie sich

auch nicht überall zu einer kleinen Hochfläche erweitert, wie dies

südlich von Sondershausen der Fall ist. Die an den steileren Hängen

der Hainleite und auch der nördlich der oberen Wipper sich erhebenden

Muschelkalkgruppe der Ohmberge (höchster Punkt die wilde Kirche 523

~m~) emporstrebenden Äcker und Berggräben verdanken ihren thonigen

Boden dem Röth oder oberen Buntsandstein. Von Wichtigkeit sind auch die

Thonschichten an der oberen Grenze des Röths, weil auf ihnen eine Reihe

von Quellen zu Tage gehen. Einige wechsellagernde Schaumkalkschichten,

sowie Dolomitbänke des oberen Muschelkalks liefern Straßen- und

Bausteine. Der aus der Zersetzung der Wellenkalkschichten hervorgehende

Boden ist Träger und Ernährer der schönen Buchenwälder, dagegen nur

selten lohnender Ackerboden; die Äcker des mittleren und oberen

Muschelkalks sind zwar fruchtbarer, aber oft thonig und mit zahllosen

Steinen übersät. Eine Ausnahme findet sich in der Nähe der Wipperquelle

in den Ohmbergen, wo in einer Höhe von 450 bis 490 ~m~ dem Wellenkalk

eine Abteilung der Kreideformation auflagert.

[Illustration: Abb. 122. _Sondershausen, vom Waldschlößchen aus

gesehen._]

[Sidenote: Sondershausen.]

[Sidenote: Der Kyffhäuser.]

Beim Dorfe Göllingen ist von der Wipper ein Stollen abgezweigt,

durch den der Stadt Frankenhausen Wasser zugeführt wird, da in

der sogenannten kleinen Wipper zu wenig Wasser vorhanden ist. Der

bedeutendste Wohnplatz im Wipperthale ist Sondershausen (7000

Einw.), die Hauptstadt des Fürstentums Schwarzburg-Sondershausen, in

freundlicher Lage und von Bergen umrahmt (Abb. 121 und 122). Das aus

dem ~XVI.~ Jahrhundert stammende Schloß ist von schönen Parkanlagen

umgeben. Auf dem Possen steht ein fürstliches Jagdschloß und ein

50 ~m~ hoher Turm, der hoch über den Buchenwipfeln eine umfassende

vom Thüringerwald bis zum Harz reichende Rundsicht bietet. Vom

Sandsteinplateau der alten Grafschaft Hohnstein entwickelt sich

der Gebirgszug der Windleite, im Paßberg 352 ~m~ hoch, nördlich

von Sondershausen zwischen Wipper und Helme sich von Ost nach West

erstreckend und durch zahlreiche Bäche mannigfach gegliedert. Östlich

davon erhebt sich als kleines, nur 75 ~qkm~ umfassendes Massengebirge

der Kyffhäuser, der seinen Steilabfall nach Norden hat und auf seiner

platten welligen Oberfläche im Lengefelde 466 ~m~ Höhe erreicht. Am

Nordrand tritt ein schmaler Gürtel altkrystallinischer Gesteine zu

Tage: die aus Granit bestehenden Heidekraut tragenden Bärenköpfe am

Nordfuße des von der Kyffhäuserruine gekrönten Berges, und Gneis

(Hornblendegneis an der Rotenburg). Als Hauptmasse des Gebirges

folgt dann Rotliegendes, stellenweise zu quarzitischen Konglomeraten

vergröbert und mit Schieferthonlagen durchsetzt. Im Westen und

Süden lehnt sich daran ein breiter Zug der Zechsteinformation mit

landschaftlich wirkungsvollen Gipsfelsen. Löß deckt mantelartig das

Gebirge, besonders im Osten und an den Thalgehängen. Trotz armer

Bewässerung ist seine Bewaldung üppig und deckt 55 vom Hundert der

Fläche, vorwiegend Rotbuche und Eiche; erst seit 60 bis 70 Jahren

sind Fichten angepflanzt worden. Bei der aus dem Zechstein kommenden

Salzquelle in der Nähe von Numburg sind 25 echte Salzpflanzen

nachgewiesen, ein Beweis für die Abhängigkeit der Pflanzenverbreitung

von der chemischen Natur des Bodens. Der Kyffhäuser ist ferner eine

Heimstätte lebender Nachkommen der in der sogenannten Steppenperiode

oder der Lößzeit (wahrscheinlich zwischen der ersten und zweiten

Vereisungsperiode) aus Südosten eingewanderten Gewächse. Fast die

Hälfte dieser dem Osten und Südosten Europas als Stammland angehörige

Pflanzen finden hier ihren äußersten nordwestlichen Standpunkt; hierher

gehört das »Kyffhäufergras« genannte Fiedergras.

[Illustration: Abb. 123. _Die Rothenburg._

(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]

Der Kyffhäuser gehörte mit dem nahe an seinem Ostfuße gelegenen

preußischen Dorfe Tilleda (1100 Einw.) zu den Krongütern, welche die

Kaiser der älteren Zeit in fast allen Teilen des Reiches besaßen. Wann

eine Reichsburg auf dem Kyffhäuser erbaut wurde, weiß man nicht; sicher

ist nur, daß die kaiserliche Burg ~Kufese~ 1118 von den aufständischen

thüringischen und sächsischen Fürsten zerstört, bald nachher aber

wieder aufgebaut wurde. Rudolf von Habsburg ernannte 1290 den Grafen

Friedrich von Beichlingen-Rothenburg zum Burggrafen von Kufese,

dessen auf der Rothenburg sitzendes Geschlecht indessen 1373 seine

Herrschaft Schulden halber an den Landgrafen von Thüringen abtrat.

Diese verpfändeten sie 1378 an die Grafen von Schwarzburg, die seitdem

im Besitz der Herrschaft verblieben. Die Burg verfiel im Mittelalter,

doch wurde 1433 die Burgkapelle erneuert und blieb bis zur Reformation

ein viel besuchter Wallfahrtsort. Von Norden aus gesehen bilden die

Reste der Rothenburg (Abb. 123), die um 1100 gegründet wurde, und der

alte Kyffhäuserturm (Abb. 124) die Eckpfeiler des Gebirges. Neben dem

alten Turm erhebt sich auf 96 ~m~ langer und 61 ~m~ breiter Plattform

das von Deutschlands Kriegern 1890-1896 errichtete Denkmal für Kaiser

Wilhelm ~I.~ (Abb. 125). An der Rückseite eines viereckigen Hofes,

der mit seiner kräftigen Architektur das aus dem Berge gestiegene

Schloß des sagenhaften Staufenkaisers versinnbildlicht, befindet

sich das Standbild Friedrich Barbarossas. Am Oberbau des Denkmals,

das von der Plattform bis zur Spitze 69 ~m~ hoch ist, tritt über dem

Standbilde Barbarossas das mächtige Reiterstandbild Kaiser Wilhelms

heraus, weit hinausblickend in die deutschen Lande (Abb. 126). Bei

der Kyffhäusersage soll es sich ursprünglich nicht um Friedrich ~I.~

Barbarossa, sondern um den in Italien 1250 plötzlich verstorbenen

Friedrich ~II.~ gehandelt haben, an den sich später Prophezeiungen

von einstiger Eroberung des heiligen Grabes und allgemeine Besserung

kirchlicher und gesellschaftlicher Zustände knüpften. Die letzteren

Vorstellungen verblaßten nach der Reformation, von da ab saß Kaiser

Rotbart drunten am Tisch von Marmelstein und wachte alle hundert Jahre

nur einmal auf. Dann mußte sein Zwerg zur Welt hinaufsteigen, um zu

schauen, ob die Raben noch immer fliegen. Und dann versank der alte

Held wieder in tiefen Schlaf. Mit Rückerts bekanntem Liede: »Der alte

Barbarossa« empfing die Sage und das Sehnen im deutschen Volke neue

Kraft. Mit dem Wiedererstehen des geeinigten Deutschen Reiches hatte

sich endlich die Verheißung der Sage erfüllt. Das mächtige Denkmal

ist uns ein Markstein in der Geschichte des deutschen Volkes geworden

und ein kraftvolles Erinnerungszeichen an die Macht und Größe des

Vaterlandes.

[Illustration: Abb. 124. _Kyffhäuserturm._

(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]

[Sidenote: Frankenhausen.]

Auf dem Rücken des Gebirges liegt 384 ~m~ hoch auf einer Waldwiese

das Jagdschloß Rathsfeld. Am Südwestfuße unterhalb der Reste der

Falkenburg befindet sich die Barbarossahöhle, durch einen 178 ~m~

langen Stollen zugänglich gemacht. Ein Teil des Raumes wird von kleinen

Teichen eingenommen, und von der Decke hängen vielgestaltige Gips- und

Anhydritbildungen, vielfach aufgehängten Fellen ähnlich. Frankenhausen

(5950 Einw.) ist die Hauptstadt der schwarzburg-rudolstädtischen

Unterherrschaft (Abb. 127 und 128), am Südfuße des Kyffhäusers gelegen.

Hier wurde in einer Tiefe von 400 ~m~ ein Steinsalzlager erbohrt,

dessen Quellen für Badezwecke benützt werden. Außerhalb der Stadt

erhebt sich der Schlachtenberg, wo 1525 dem Bauernkrieg ein Ende

gemacht wurde: 5000 Erschlagene lagen in den Feldern und Straßen

umher, 300 Bauern wurden vor dem Rathause enthauptet. Thomas Münzer,

der Anführer der Aufständischen, wurde hier gefangen und auf dem

Hochgericht von Mühlhausen enthauptet. Am Abhange des Berges steht der

Hausmannsturm, der Rest der alten Frankenburg. Frankenhausen wurde

in Verbindung mit Salzgewinnung seit dem ~X.~ Jahrhundert genannt.

Das Flußthal ist wohl angebaut, so daß die Dörfer wohlhabend sind;

Ringleben hat 1300 Einw.

[Illustration: Abb. 125. _Kaiserdenkmal auf dem Kyffhäuser._

(Nach eigener Photographie der Verlagshandlung.)]

[Sidenote: Goldene Aue.]

Der Kyffhäuser sendet seine westlichen Ausläufer bis Auleben und

Badra vor, wo der jüngere Zechsteingips unter den steil abbrechenden

Schichten des unteren Buntsandsteins der Windleite verschwindet. Bei

Badra steht Gips und der Hauptdolomit des Zechsteins an, der auch am

Galgen- und Schlachtenberge bei Frankenhausen entwickelt ist. Vom

Badraer Sattel schiebt sich ein kleiner Höhenzug nach Südosten und

zwingt dort die Wipper, die Hainleite zu durchbrechen. Nördlich vom

Kyffhäuser breiten sich die fruchtbaren auf Buntsandstein liegenden

Diluvialablagerungen der Goldenen Aue aus. Am Anfang des ~XII.~

Jahrhunderts war das Helmethal von Nordhausen bis Artern noch ein

sumpfiges wenig bewohntes Land, in das die Cistercienser vom Kloster

Walkenried erst Kultur brachten. Die Mönche zogen Vlämen ins Land, die

nach niederländischer Art urbar machten und eine Anzahl Ortschaften

gründeten. In diesen vlämischen Kolonistendörfern (Horne, Ellre,

Weydenhorst und die Orte mit der Endung »riet«) lagen die Bauernhöfe

am Flusse entlang, an dem sich auch die einzige Fahrstraße hinzog;

seitwärts von den Bauernhöfen am Eingang des Dorfes stand die Kirche.

Hinter den Höfen schloß sich in langen Streifen, so breit wie das

Gehöft, der Acker an. Die Form der Bauernhöfe war die fränkische. Die

Entwässerung des oberen Riets (oder Rieds) geschah durch tiefe Gräben,

neben denen hohe Dämme erbaut wurden. Querdämme schlossen die Gebiete

der einzelnen Ortschaften ab. Im unteren Riet war längs des linken

Ufers der kleinen Helme ein Flutgraben gezogen worden.

[Illustration: Abb. 126. _Der Kyffhäuser mit Blick in die Goldene Aue._

(Nach eigener Photographie der Verlagshandlung.)]

[Illustration: Abb. 127. _Frankenhausen_ um 1650 (nach dem

gleichzeitigen Stich von Merian).]

[Sidenote: Das Eichsfeld.]

Am Fuße der Rothenburg liegt das stille Städtchen Kelbra (2700 Einw.).

Die Goldene Aue bietet eine für den Verkehr wichtige Niederung, die von

der Eisenbahn Halle-Cassel benutzt wurde. Die Helme, die gewissermaßen

Thüringen vom Harz scheidet, hat eine Länge von 84 ~km~ und ist einer

der wichtigsten Nebenflüsse der Unstrut, da sie aus dem Harz viele

wasserreiche Zuflüsse aufnimmt; ihr Ursprung ist auf der niederen

Wasserscheide zwischen Elbe und Weser, westlich vom preußischen Dorfe

Stöckey. Die Wipperquelle liegt in der Stadt Worbis am Südfuße der

Ohmberge, nur wenig entfernt von den Quellen der Hahle und Leine. Nach

Aufnahme der Ohne durchströmt die Wipper bei Sollstedt das Eichsfelder

Thor, wo die Muschelkalkhöhen der Bleicherodaer Berge und der Hainleite

nur wenige Kilometer voneinander entfernt sind. Westlich von Worbis

(2000 Einw., davon ¾ katholisch) dehnt sich bis zum Grabeneinbruch des

Leinethales (oder der Göttinger Senke) das meist aus Buntsandstein

bestehende Untere Eichsfeld aus, von einer mittleren Höhe von 380 ~m~.

In den Thälern finden sich frische Wiesengründe, auf den Höhen sorgsam

gepflegte Äcker, die neben Getreide und Kartoffeln auch Tabak, Flachs

und Zuckerrüben tragen. Trotzdem sind aber bei einer verhältnismäßig

dichten Bevölkerung und dem Mangel größerer gewerblicher Anlagen die

Ortschaften ziemlich arm.

[Illustration: Abb. 128. _Frankenhausen._

(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]

[Sidenote: Heiligenstadt.]

Der Hauptort des Eichsfeldes ist Heiligenstadt (6700 Einw., davon

5/6 katholisch), das schon 1227 vom Erzbischof von Mainz Stadtrechte

erhielt. Seine drei Stadtkirchen sind im ~XIII.~ und ~XIV.~ Jahrhundert

erbaut worden. Das obere Eichsfeld ist die vom Dün nach Westthüringen

hinüberleitende Muschelkalkplatte, im Mittel etwa 450 ~m~ hoch und

klimatisch ungünstiger als das untere Eichsfeld; der Warteberg

steigt bis 512 ~m~ empor. Die steil abfallenden Wände sind vielfach

von Thälern durchschnitten, so vom Lutterbach im Norden und dem

Frieda- und Rosapp-(Roseppe-) Bache im Süden, und die halbinselartig

geformten Randstücke der Muschelkalkplatte sind zumeist von schönen

Buchenwäldern geschmückt. Westlich dieser Thäler erhebt sich auf

einem Buntsandsteinsockel der vielfach von Bächen eingeschnittene

Muschelkalkrücken der Goburg, im Hohenstein (566 ~m~) den höchsten

Punkt des ganzen Eichsfelds tragend. Der Landbau ist auf dem Kalkboden

nur dürftig, so daß viele arme Gebiete vorhanden sind, deren Bewohner

dann Weberei treiben oder allsommerlich als Feldarbeiter nach der

Provinz Sachsen gehen. Bei Küllstedt wird das obere Eichsfeld in 400

~m~ Höhe von diesem Tunnel durchbrochen, durch den eine Bahnlinie

führt, die Dingelstädt mit Eschwege verbindet.

[Illustration: Abb. 129. _Lutherdenkmal in Möhra._]

[Illustration: Abb. 130. _Salzungen._

(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]

[Sidenote: Treffurt. Creuzburg. Südvorland.]

Nach Südosten streckt sich vom oberen Eichsfeld der breite

Muschelkalkrücken des Hainich, dessen Höhen mit prächtigen

Buchenwäldern bewachsen sind und nirgends 500 ~m~ Höhe erreichen.

Der Muschelkalk reicht hier südlich bis zur Hohleite (387 ~m~), den

Hörselbergen und den Krahnbergen westlich von Gotha. An einigen

Stellen lagern über den Triasschichten in unbedeutender Entwickelung

Thone mit Sandstein und Kalkbänken, die dem Lias (Jura) zugehören,

so auf der Hohleite und dem Moseberg (nordwestlich von Eisenach), am

Seeberg (bei Gotha) und am Röhnberg (in der Nähe der drei Gleichen).

Der Muschelkalk reicht westlich weit bis ins hessische Gebiet; in

zahllosen Schlangenwindungen hat sich die Werra ihr tiefes Bett in den

Muschelkalk eingesägt. Hier liegt das preußische Städtchen Treffurt

(2000 Einw.), nördlich bewacht von der Burgruine Normannstein, südlich

vom steil bis 501 ~m~ aufragenden Heldrastein. Das alte Creuzburg

(1800 Einw.) ist weimarisch und war einst die Sommerhauptstadt

der thüringischen Landgrafen. Die alte Verkehrsstraße zog früher

über Creuzburg nach Frankfurt, seit Eröffnung der thüringischen

Eisenbahn ist der Ort aber von allem Verkehr verlassen und ein

stilles Landstädtchen geworden. Nahebei liegt das kleine Solbad

Wilhelmglücksbrunn. Am Durchbruch der Werra liegt in anmutiger Gegend

das Dorf Hörschel, urkundlich schon im ~X.~ Jahrhundert genannt, der

westliche Endpunkt des Rennsteigs. In der Nähe des Dorfes Lauchröden

ragen die Ruinen der Brandenburg empor.

Thüringen · 第 12 / 14 段