Im freundlichen Ilmthale liegt das rudolstädtische Städtchen Stadtilm

(3100 Einw.), mit schöner in den ältesten Teilen aus dem ~XII.~

Jahrhunderte stammender, einst der Jungfrau Maria geweihter Kirche.

Die »höchste Brücke in Thüringen« verbindet beide Türme miteinander.

Bis zum Städtchen Kranichfeld (1850 Einw., davon 1050 meiningisch, 800

weimarisch) reicht die Bahnverbindung von Weimar her, die über Berka

und Tannroda führt und von Berka noch einen Zweig nach Blankenhain

sendet. Die Besitzverhältnisse in Kranichfeld springen in buntester

Weise durcheinander. Die Häuser derselben Straße gehören zu den

obengenannten Staaten und die Staatsangehörigkeit hat man durch

verschiedenfarbige Hausnummerschilder kenntlich gemacht. Die Grenzen

gehen aber manchmal mitten durch ein Haus hindurch, was oft zu den

ergötzlichsten Zuständen führen kann. Tannroda (1000 Einw.) und

Blankenhain (2900 Einw.) sind weimarische Sommerfrischen und liegen

mit Berka auf einer Buntsandsteinscholle, die großenteils mit schönen

Nadelwäldern bedeckt ist. Berka an der Ilm (1850 Einw.) ist ein stiller

Badeort in windgeschützter Lage. Beim Dorfe Buchfart befinden sich in

der Felswand des linken Ilmufers Höhlen, Burg Buchfart genannt, die

wohl noch aus heidnischer Zeit stammen, mit einem in den Muschelkalk

gearbeiteten Weg, durchschnittlich 15 ~m~ über der Thalsohle, der

am äußeren Rande durch Mauerwerk geschützt war. Bei Mellingen (1050

Einw.) biegt die Ilm rechtwinklig um und nimmt den Madelbach auf, in

dessen flacher Thalung das Städtchen Magdala (800 Einw.) liegt. Der

untere Teil der östlichen Ilmplatte zeigt einförmigen Charakter, auf

Buntsandstein teilweis Keuper und Diluvialablagerungen tragend und von

einigen kleinen Thälern nur wenig eingeschnitten. In einem kleinen

meiningischen Gebietsteile liegt das Dorf Vierzehnheiligen mit einer

Wallfahrtskirche, vom Herzog Wilhelm von Weimar als Sühne nach dem

sächsischen Bruderkrieg 1464 errichtet. Auf den benachbarten Fluren kam

1806 die Schlacht bei Jena zur Entscheidung.

[Illustration: Abb. 109. _Herderdenkmal in Weimar._

(Nach einer Photographie von K. Schwier in Weimar.)]

[Sidenote: Weimar.]

An einer nochmaligen nach Nordost gerichteten Umbiegung der Ilm liegt

Weimar (27000 Einw.), die Hauptstadt des Großherzogtums Sachsen. Von

alters her schon Grafen- und Fürstensitz, hat die Stadt unter dem

Schutz kunstsinniger Herzöge sich weiter entwickelt und ist heute zu

einer stillen und vornehmen Residenz geworden (Abb. 100 bis 102).

Am Anfang des ~XI.~ Jahrhunderts ~Wimmare~ (= Weidenbach) genannt,

begann für den Ort im ~XII.~ Jahrhundert eine Zeit der Blüte, die sich

trotz aller Wechsel erhalten hatte und andauerte, als 1554 Weimar

Hauptstadt des neuen Herzogtums Weimar wurde. Zur selben Zeit kam die

Renaissance in Deutschland zu voller Entfaltung, und mit reger Bau- und

Kunstthätigkeit wurde der künstlerische Sinn auch ins Volk getragen.

1552 erhielt Lukas Cranach seine staatliche Bestallung und schuf die

herrlichen Altargemälde für die Stadtkirche, malte auch Luther als

Junker Jörg (Abb. 102), welches Bild sich im Großherzoglichen Museum

befindet. Nach dem dreißigjährigen Kriege war wie überall unfruchtbare

Stille und Öde eingetreten. Erst mit dem ~XVIII.~ Jahrhundert kommt

frischeres Leben mit dem Neubau der Schlösser zu Weimar und Ettersburg,

sowie der Anlage von Gärten. Von hehrem Glanze aber war Weimar

umflossen, als Anna Amalia, die geistvolle Wittwe des zwanzigjährig

gestorbenen Herzogs Ernst August Konstantin, von 1758 bis 1775 die

Regentschaft führte. Sie hatte 1772 Wieland als Prinzenerzieher

berufen, und nun begann die klassische Zeit für Weimar. Der geniale

Karl August, der von 1775 bis 1828 regierte, versammelte an seinem Hofe

die edelsten Geister Deutschlands, so daß Weimar zum Mittelpunkte für

Kunst und Wissenschaft wurde.

[Sidenote: Weimars klassische Zeit.]

Am 7. November 1775 kam Goethe nach Weimar, wo er der Freund des

Fürsten und Minister wurde und bis zu seinem am 22. März 1832 erfolgten

Tode blieb. Auf seine Empfehlung kam Herder als Generalsuperintendent

hierher. Schiller zog von Jena 1801 nach Weimar, wo er 1805 starb. Auch

in der bildenden Kunst war eine Änderung eingetreten, da das Rokoko

dem Einfacheren und Bescheideneren der klassischen hellenisierenden

Richtung wich. Mit offenem Sinn wurde auch für die Verschönerung der

Natur viel gethan; so begann 1784 die Anlage und Gestaltung des großen

Parkes unter Mitwirkung von Goethe und Bertuch. Hier steht Goethes

Gartenhäuschen (Abb. 104), während sein Wohnhaus in der Stadt (Abb.

105), das der Dichter über 40 Jahre lang bewohnte, jetzt in ziemlich

derselben Ausstattung, die es zu Lebzeiten Goethes gehabt, zum

Goethe-Nationalmuseum umgewandelt ist. Ein freundliches Haus mit grünen

Fensterläden (Abb. 106) war seit 1802 das Wohnhaus Schillers.

[Illustration: Abb. 110. _Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar._

(Nach einer Photographie von K. Schwier in Weimar.)]

Nachdem Karl August die Regierung übernommen hatte, lebte die Herzogin

Anna Amalia ganz der Litteratur, der Malerei und Musik, wie das

bekannte Bild ihres Abendkreises (Abb. 107) trefflich schildert.

Nach einer Reihe von Jahren waren die Tollheiten der Sturm- und

Drangperiode, die der junge Fürst und der junge Goethe miteinander

vollbrachten, langsam verflogen, die Freundschaft blieb aber eine

dauernde bis zu den spätesten Jahren, war doch der Dichter auch der

Staatsmann, der seinem Fürsten immerdar ein guter Berater war (Abb.

108). Vom Ilmflüßchen, das am Schlosse Karlsburg vorüberfließt, sang

Schiller die zierlichen Verse:

Meine Ufer sind arm; doch höret die leisere Welle,

Führet der Strom sie vorbei, manches unsterbliche Lied.

An Stelle der alten Burg wurde im ~XV.~ Jahrhundert das Schloß erbaut,

nach dem Umbau von 1651 bis 1654 unter Wilhelm ~IV.~ erst Wilhelmsburg

genannt, brannte jedoch 1774 ab. An seine Stelle und mit Benützung

seiner Umfassungsmauern wurde von 1789 bis 1803 das großherzogliche

Residenzschloß gebaut, die Karlsburg, nach französischem Muster und

mit seinen drei Flügeln einen rechtwinkligen Hof einschließend.

Unter der Regierung des Großherzogs Karl Alexander und seiner

kunstsinnigen Gemahlin Sophie wurden die klassischen Überlieferungen

aufs treueste weiter gepflegt, und Stadt und Land Weimar nahm einen

erneuten Aufschwung. Nächst der großartigen Erneuerung der Wartburg

wurde 1863-1869 das Museum in italienischer Renaissance erbaut und

Preller herbeigezogen, dessen berühmte Odysseebilder einen dauernden

Schmuck des Hauses bilden. Im Jahre 1860 wurde die Kunstschule

gegründet. In Erinnerung an die berühmteste Zeit Weimars wurden die

Denkmäler von Herder 1850 auf dem Platze vor der Stadtkirche (Abb.

109), von Goethe und Schiller (Abb. 110), nach Rietschels Modell 1857

vor dem Theater errichtet, und von Wieland (Abb. 111) 1857 vor dem

ehemaligen Frauenthore.

[Illustration: Abb. 111. _Wieland-Denkmal in Weimar._

(Nach einer Photographie von K. Schwier in Weimar.)]

Mit großer Sorgsamkeit sind Häuser wie Zimmer unserer Dichter in treu

erhaltenem Zustande der Gegenwart überkommen. Alle diese Stätten haben

jetzt ihren Mittelpunkt in dem von der Großherzogin Sophie gestifteten

Goethe-Schiller-Archiv, das wie ein weißes Schloß von der Anhöhe am

rechten Ilmufer auf die Stadt herabschaut. In hellen freundlichen

Hallen sind in Schränken die kostbaren Handschriften von Schiller und

Goethe, aber auch von vielen neueren Dichtern aufbewahrt.

In dem entfernteren Teile des herrlichen Parkes erhebt sich das 1724

bis 1734 erbaute Schloß Belvedere (Abb. 112), von Herzog Ernst August

im Stil jener kleinen französischen Schloßgebäude erbaut, wie sie

seit der zweiten Hälfte des ~XVII.~ Jahrhunderts an den Fürstenhöfen

Deutschlands nachgeahmt wurden. Zwischen diesem Lustschloß und dem

schon früher genannten Mellingen liegt das Dorf Taubach, dessen

Kalktuffe bekannt sind als Fundort von Geräten aus der älteren

Steinzeit nebst Tierresten, deren gemeinsames Vorkommen beweist, daß zu

gleicher Zeit mit den großen diluvialen Säugetieren Menschen lebten.

Flußabwärts liegt inmitten schöner Gartenanlagen Schloß und Dorf

Tiefurt (= tiefe Furt). Der Ort wurde schon im ~XIII.~ Jahrhundert

erwähnt. Das Schloß (Abb. 113), ein einfacher von prächtigem Garten

umgebener Bau, ist berühmt durch den Sommeraufenthalt der Herzogin

Anna Amalia, an den sich viele und heitere Erinnerungen aus Weimars

Glanzzeit knüpfen. Die Erlebnisse der Tiefurter Tafelrunde wurden im

»Tiefurter Journal« niedergelegt, das nur handschriftlich hergestellt

wurde. Hier und in Ettersburg wurde Liebhabertheater gespielt, wobei

verschnittenes Buschwerk die Kulissen, Bäume, Wiesen und Quellen die

schönste natürliche Dekoration abgaben, nach Goethes Worten:

In engen Hütten und im reichen Saal,

Auf Höhen Ettersburgs, in Tiefurts Thal,

Am lichten Zelt, aus Teppichen der Pracht

und unter dem Gewölb der hohen Nacht.

[Illustration: Abb. 112. _Schloß Belvedere._

(Nach einer Photographie von K. Schwier in Weimar.)]

[Sidenote: Apolda.]

Abseits der Ilm, am Herressener Bach, dehnt sich Apolda (20800 Einw.)

aus, die bedeutendste Fabrikstadt des weimarischen Landes. Schon im

~XVI.~ und ~XVII.~ Jahrhundert wurde hier die Herstellung von wollenen

Strick- und Wirkwaren betrieben, die heute 6000 Menschen beschäftigt

und eine Jahresproduktion von 15 Mill. Mark liefert. Das Bachthal

wird von der Eisenbahn auf einem 22 ~m~ hohen, 910 ~m~ langen Viadukt

überschritten. Unweit der Mündung der Ilm, die nach 125 ~km~ langem

Laufe sich bei Großheringen in die Saale ergießt, liegt wie ein grünes

Schmuckkästchen Stadtsulza (2300 Einw.), dicht neben Bergsulza und

Dorfsulza, umrahmt von Wald und Weinbergen (Abb. 114). Sulza ist ein

besuchtes Solbad mit reichen Solquellen.

[Sidenote: Thüringisches Becken.]

Nördlich von Weimar erhebt sich der breite schön bewaldete

Muschelkalkrücken des Ettersberges, im höchsten Punkte zu 481 ~m~

ansteigend, an seinem Nordfuß das Dorf und Schloß Ettersburg, wo

Goethe mit seinen Genossen wie in Tiefurt manche Kurzweil trieb. Weit

nach Westen und Norden dehnt sich das Thüringische Becken (oft als

Thüringische Hochebene bezeichnet) aus, die fruchtbare Kornkammer

Mitteldeutschlands, zwischen den Horstgebirgen des Thüringerwalds

und des Harzes, von denen die aufgebogenen Ränder des Beckens durch

im Mittel 10 ~km~ breite Landstreifen getrennt sind, die für den

westöstlichen Verkehr Wichtigkeit haben. Zwischen den Vorlandstreifen

erhebt sich eine große Muschelkalkplatte, in die das jüngste Glied der

Trias, der Keuper, beckenförmig eingesenkt ist. Der Zusammenhang des

eingelagerten Keuperbeckens erlitt eine Störung durch von Nordwest

nach Südost streichende Verwerfungsspalten, längs deren Bruchlinien

auf der einen Seite ganze Landschollen in die Tiefe sanken, anderseits

ältere Gesteinsschichten eine Aufrichtung erfuhren und Höhenzüge im

früher zusammenhängenden Keuperbecken bildeten. In langen Zeiträumen

wurden diese Höhenzüge von den sie bedeckenden Keuperschichten durch

Abtragung entblößt und trennten nun als Querriegel von Muschelkalk das

Keuperbecken in mehrere parallele Mulden, die weiterhin von Flüssen

durchbrochen und nun zu einem großen Keuperbecken umgestaltet wurden.

[Illustration: Abb. 113. _Schloß Tiefurt._

(Nach einer Photographie von K. Schwier in Weimar.)]

[Sidenote: Geologische Verhältnisse des Thüringischen Beckens.]

Den ältesten Bestandteil der Trias bildet der Buntsandstein, der

in seiner lockeren Beschaffenheit den abtragenden Kräften wenig

Widerstand entgegensetzt und deshalb fast überall sanft gerundete

Formen zeigt. Der Ackerbau hat hier durch Abschwemmung viel zu leiden

und ist noch am günstigsten für Kartoffeln. Die Buntsandsteinwände am

rechten Wipperufer lassen in ihrer Steilheit die Einlagerung festeren

Muschelkalks erkennen. Der Muschelkalk hat ein festeres Gefüge und

bildet im Thüringischen Becken noch heute die höchsten Erhebungen, die

sich durch eigenartige Formen von ihrer Umgebung abheben. Sie sind

durch kammartige scharfe Höhen und steile Böschungen ausgezeichnet,

während die Flüsse tiefe Thäler in das Gestein nagen und oft senkrechte

über 100 ~m~ hohe Uferwände haben, die entweder mit dichtem Gestrüpp

bewachsen sind oder durch leuchtende Farben ihrer kahlen Gehänge der

Landschaft einen eigenartigen Reiz verleihen. Für den Landbau ist der

Muschelkalk wegen der schweren Verwitterung seines Gesteins, dessen

geneigte Schichten der Abschwemmung sehr ausgesetzt sind, und wegen

seiner Wasserarmut schlecht geeignet. In flachen Mulden finden sich

häufig thonige und lettige Schichten, die zwar Feuchtigkeit genug

haben, aber undurchlässig sind und einen zähen, schwer zu bearbeitenden

Boden liefern. Der Keuper ist aus weichen Gesteinen zusammengesetzt:

bunte Mergel, weiche Sandsteine, mit stockförmigen Einlagerungen

von Gips- und Thonschichten durchsetzt, und bildet fast überall

einen sehr fruchtbaren Boden. Bei der geringen Neigung der Schichten

und ihrer Weichheit gibt es keine Abschwemmung, aber überall tiefe

Ackerkrume, und die Oberflächenformen bieten in ihren sanften breit

hingelagerten Hügeln einförmige Landschaftsformen, die nur durch die

grünen Thäler ihrer Flüsse und Bäche angenehme Unterbrechung erfahren.

Außerordentlich wichtig sind noch diejenigen Schichten, die in neuester

Zeit entstanden und noch entstehen: Diluvium und Alluvium. Viele breite

Flußthäler sowie einige Punkte der Hainleite und die Nordabhänge dieses

Höhenzuges, die Flanken des Kyffhäusers, die wellenförmigen Erhebungen

des Nordvorlandes sind bedeckt von diluvialen Löß- und Lehmlagern

(Löß ist magerer Thonboden, frei von abschlämmbarem Sande; Lehm ist

kalkfreier Thon, mit 15 bis 30 vom Hundert Quarzsand vermischt).

Diese Bedeckungen bilden die fruchtbarsten Fluren und Thalböden des

Thüringischen Beckens.

[Sidenote: Mühlhausen.]

Der größte Teil des Beckens entwässert zur Unstrut (d. h. Große

Strut = sumpfiges Ried- und Gestrüppland), die als der eigentliche

Hauptfluß Thüringens anzusehen ist, obwohl sie nur ein Nebenfluß

der Saale ist, in die sie bei Naumburg nach 185 ~km~ langem Laufe

mündet. Die Quelle der Unstrut liegt bei Kefferhausen unweit des

Städtchens Dingelstädt (3600 Einw.) auf dem Eichsfelde. Einer der

wichtigsten Plätze ist hier die ehemalige Reichsstadt Mühlhausen

(30100 Einw.), ein alter Handelsplatz und früher berühmt wegen ihres

Waidbaues (Abb. 115). In den Bauernkriegen hatte sie viel zu leiden;

der Wiedertäufer Thomas Münzer wurde nebst anderen Führern hier

hingerichtet. Von ihren vielen Kirchen sind die hervorragendsten

die gotischen Marien- (Obermarkt-) und St. Blasii- (Untermarkt-)

Kirchen, beide aus dem ~XIV.~ Jahrhundert. In der Industrie sind

65 vom Hundert der Bevölkerung thätig, besonders wichtig ist

Textilindustrie. In Mühlhausen war früher, wie schon der Name andeutet,

ein schwunghafter Mühlenbetrieb vorhanden, doch wurden im Laufe der

Zeit viele Mühlen in Wollspinnereien umgewandelt. Die Wollindustrie

wird seit dem ~XV.~ Jahrhundert betrieben. Von der schön bewaldeten

Muschelkalkhöhe des Hainich fließt der Unstrut ein reiches Wassernetz

zu, das die Fruchtbarkeit noch erhöht und den Anbau von Küchen-

und Handelsgewächsen begünstigt, wie bei dem preußischen Flecken

Großengottern (2300 Einw.). Vom Hainich läuft der Grenze zwischen

gothaischem und preußischem Gebiete entlang dem Muschelkalkzug der

Haartberge (richtiger Hart = Waldhöhe), bis zu 363 ~m~ ansteigend, aber

nur noch wenig bewaldet, deren Fortsetzung östlich des Tonnabaches die

ebenfalls aus Muschelkalk bestehende schön bewaldete Fahnersche Höhe

ist, im höchsten Punkte 410 ~m~ messend. Ihre Ausläufer nach Südost

leiten hinüber zum Steigerwald (345 ~m~) bei Erfurt, und zu den Höhen

bei Berka und Kranichfeld, wo die Muschelkalkmasse des Kirchheimer

Bergs bis zu 513 ~m~ ansteigt.

[Illustration: Abb. 114. _Bad Sulza._

(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]

[Sidenote: Langensalza. Tennstedt. Kölleda.]

Westlich von Erfurt entspringt die Nesse, deren grünes Wiesenthal

von fruchtbaren Feldern begrenzt wird. Bei Bufleben ist die Saline

Ernsthalle seit 1828 in Betrieb. Eine Zweigbahn führt durchs Nessethal

nach Friedrichswerth (im Volksmunde noch Erf genannt), das seinen Namen

von dem im ~XVII.~ Jahrhundert vom Herzog Friedrich ~I.~ von Gotha

erbauten Schlosse hat, und dann im Thal des Biberbachs aufwärts bis

Großenbehringen. Bei dem kleinen gothaischen Flecken finden sich die

umfangreichen Überreste einer vorhistorischen Burg. Im Unstrutthale

abwärts von Mühlhausen liegen die Gemüseanlagen des preußischen

Städtchens Thamsbrück (1000 Einw.). An der Salza liegt die Stadt

Langensalza (11500 Einw.), mit Schwefelbad und lebhafter Industrie.

Zwischen hier und dem an der Unstrut liegenden Dorfe Merxleben wurde

1866 die Schlacht von Langensalza geschlagen. Von Eisenach durchs

Nessethal und über Großenbehringen nach Langensalza führte schon in

alter Zeit eine wichtige Handelsstraße, die hier mit der Casseler

Straße sich vereinte, um dann über Tennstedt, Weißensee und Kölleda

nach Eckartsberga zu ziehen. Am Tonnabache liegen das Dorf Burgtonna

(800 Einw.) und der Flecken Gräfentonna (1900 Einw.) mit Kalktuff- und

Gipsbrüchen. Das alte Schloß der Grafen von Gleichen dient jetzt als

Zuchthaus; der Ort wird schon 845 urkundlich erwähnt.

[Illustration: Abb. 115. _Mühlhausen._

(Nach einer Photographie von J. Tellgmann in Mühlhausen.)]

In der weiteren Umgebung Erfurts sind im fruchtbaren Gelände noch

große ländliche Ortschaften vorhanden, u. a. die Dörfer Elxleben (1250

Einw.) und Walschleben (1600 Einw.). Von Döllstädt (800 Einw.), einer

der ältesten gothaischen Orte, führt eine Zweigbahn über Herbsleben

(2350 Einw.), einem gothaischen Marktflecken in fruchtbarer Lage an der

Unstrut, nach dem preußischen Städtchen Tennstedt (2900 Einw.), mit

einem kleinen Schwefelbad. Oberhalb ihrer Mündung in die Unstrut liegt

an der Gera das Städtchen Gebesee (2150 Einw.); an der Bahnkreuzung

das Dorf Straußfurt (1100 Einw.). An der schmalen Gera liegen der

weimarische Flecken Haßleben (1250 Einw.) und der gothaische Flecken

Werningshausen (800 Einw.), wo Handelspflanzen gebaut werden. Von Süden

fließt der Gera die Gramme zu, in deren Gebiet die dicht bei einander

gelegenen Dörfer auf gute Bodenbeschaffenheit weisen. Vieselbach

(1200 Einw.) und Großrudestedt (1050 Einw.) sind weimarisch. In der

Nähe von Udestedt (900 Einw.) steht ein alter Turm als letzter Rest

des ehemaligen Klosterhofes Barkhausen, der dem Kloster Georgenthal

gehörte. Östlich von Großrudestedt liegt Schloßvippach (1200 Einw.),

ein weimarischer Flecken mit altem Schloß, und das Städtchen Neumark

(500 Einw.). Von den Höhen des Ettersberges fließen der Scherkonde

eine große Zahl von Quellbächen zu. Hier liegt die Stadt Buttelstedt

(900 Einw.), früher wichtig als Haltepunkt an der großen Handelsstraße

Erfurt-Eckartsberga. An diesem Straßenzuge liegt auch Buttstädt (2600

Einw.), eine alte Stadt mit Pferdemärkten, durch Eisenbahn verbunden

mit Großheringen und Rastenberg, Weimar und Sömmerda. An letztgenannter

Strecke liegt das preußische Kölleda (3500 Einw.), ein Ackerstädtchen

mit Anbau von Handelspflanzen.

[Sidenote: Sömmerda.]

In der Mitte des Thüringischen Beckens liegt an der Unstrut die

preußische Stadt Sömmerda (4600 Einw.), der Geburtsort des Pädagogen

Salzmann und des Erfinders des Zündnadelgewehres v. Dreyse. Dieser

tiefste Teil des Thüringischen Beckens war ehemals ein versumpftes

Seegebiet und nicht zur Besiedelung einladend, weshalb trotz

der Fruchtbarkeit des Bodens große Städte fehlen. Thüringen ist

an stehenden Gewässern überhaupt arm, da die größeren Seebecken

trocken gelegt wurden, so der große und der kleine Weißensee bei

der gleichnamigen Stadt (2450 Einw.), nordwestlich von Sömmerda; im

benachbarten weimarischen Gebiete der ehemalige See bei Neuhausen und

der Schwansee, jetzt zum Teil als Waldland bepflanzt; ferner ein See

westlich von Tennstedt und der Wangenheimer See südlich der Hart.

[Sidenote: Volksdichte im Thüringischen Becken.]

Die Volksdichte im Thüringischen Becken ist in außerordentlicher

Abhängigkeit von der Naturbeschaffenheit des Bodens. Von der

Gesamtbevölkerung wohnen hier 44 vom Hundert auf Buntsandstein, 24

vom Hundert auf Muschelkalk, und 32 vom Hundert auf Keuper. Bevorzugt

ist also der Buntsandstein, weniger durch seine Eigenschaften

als infolge seiner Ausbreitung am Fuß des Thüringerwalds und des

Harzes, wo ein alter Durchgangsverkehr die Entwickelung städtischer

Ortschaften erlaubte, wodurch wieder Handel und Gewerbe begünstigt

wurden. Der Muschelkalk ist für den Ackerbau wenig geeignet, da die

Härte seiner Gesteine den Angriffen von Luft und Wasser widersteht.

Er bildet deshalb vorwiegend die Höhen des Beckengebiets und seine

nördliche Umrandung, trockene oft rauhe Hochflächen, wo stellenweise

(wie z. B. auf dem Eichsfelde) nicht einmal der Hafer reif wird

und wo die Kartoffel die einzig sichere Frucht ist. Trotz guten

Baugrundes und guten Baumaterials trägt die Wasserarmut die Schuld

an dem Mangel stärkerer Besiedelung. Den besten Boden liefert, wie

schon oben erläutert wurde, der Keuper, der zugleich die tieferen und

klimatisch bevorzugten Lagen einnimmt und fast ausschließlich dem

Ackerbau dienstbar gemacht ist. Da er selten guten Baugrund bietet,

finden wir die größten Siedelungen an der Gesteinsgrenze, am Rande

des Muschelkalks, wo guter Baugrund und ein fruchtbares Hinterland

vorhanden sind, wo auch die Überschwemmungen der Flußgebiete fehlen

und wo eine günstigere Verkehrslage besteht. Einschließlich der

Städte beträgt die mittlere Dichte für den Buntsandstein 117 Bewohner

auf den ~qkm~, für den Muschelkalk 69, für den Keuper 146. Von der

Gesamtbevölkerung des Triasbeckens entfallen 30 vom Hundert auf die

Städte.

[Illustration: Abb. 116. _Schloß Neuenburg bei Freyburg._

(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]

[Sidenote: Helbe-, Wipper- und Unstrutthal.]

Die Unstrut nimmt auf ihrer linken Seite wasserreiche Zuflüsse

auf, von Sömmerda abwärts zunächst die 57 ~km~ lange Helbe, die

auf den sanft geneigten Südhängen des Dün beim sondershäusischen

Dorfe Großkeula (900 Einw.) entspringt. Sie durchfließt in einem

nördlichen Bogen zunächst ein enges gewundenes Waldthal, bis sie bei

Ebeleben in die Beckenlandschaft tritt, auch dann noch streckenweise

zwischen steilen Uferhängen strömend. Ebeleben (1500 Einw.) ist ein

sondershäusischer Flecken, in dessen Nähe noch große Teiche bestehen.

Das benachbarte Marksußra war früher ein Nonnenkloster. Im oberen

Flußgebiete sind noch folgende zu Sondershausen gehörige Orte wichtig:

Schernberg (1200 Einw.), Holzthaleben (1200 Einw.) und die Städtchen

Großenehrich (1000 Einw.) mit zahlreichen Mühlen, Clingen (1200

Einw.) und Greußen (3400 Einw.) mit wichtiger Gärtnerei. Von hier aus

abwärts ist die Helbe in langen parallelen Wasserläufen abgeleitet,

die ein fruchtbares Kulturland einschließen. Westlich an der Bahn nach

Mühlhausen liegt die zu Reuß ältere Linie gehörige Stadt Schlotheim

(2400 Einw.). Aus dem Buntsandstein und Muschelkalk des nördlichen

Höhenkranzes bricht die Wipper, in südlichem Bogen beim preußischen

Städtchen Kindelbrück (1600 Einw.) vorüberfließend. Nach einem 85 ~km~

langen Laufe mündet sie bei Sachsenburg in die Unstrut.

[Illustration: Abb. 117. _Jahnhaus in Freyburg._]

Thüringen · 第 11 / 14 段