Bodenform und Höhenlage, aber doch vielfach beeinflußt durch die
Industrie, die selbst in sonst dünner bevölkerten Landschaften
oder Thälern eine Häufung der Bevölkerung veranlaßte. Im ganzen
Thüringischen Gebiete wohnen fast 2½ Mill. Menschen, in den
Thüringischen Staaten allein fast 1½ Mill., auf dem ~qkm~ 128. Die
dünnste Bevölkerung hat Schwarzburg-Sondershausen mit 91 Menschen auf
dem ~qkm~, es folgen dann Schwarzburg-Rudolstadt mit 94, Sachsen-Weimar
mit 94, Sachsen-Meiningen mit 95, Sachsen-Coburg-Gotha mit 111,
Sachsen-Altenburg mit 136, Reuß jüngere Linie mit 160, Reuß ältere
Linie mit 213 Bewohnern auf 1 ~qkm~ (die Durchschnittszahl für das
Deutsche Reich ist 97). Läßt man die Städte mit über 20000 Einw. aus
der Berechnung, so ergibt sich für den größten Theil Thüringens nur
eine Volksdichte von 75-100 auf den ~qkm~, höher stellt sich die
Umgegend von Erfurt und der Industriestreifen südlich des Gebirges, wo
100-150, in der Umgegend von Sonneberg sogar 150-200 Menschen auf den
~qkm~ kommen. In den am dichtesten bewohnten Gebieten bei Naumburg und
Weißenfels leben mehr als 200 Menschen auf dem ~qkm~. Dicht bevölkert
ist der Fuß des Gebirges, der durch den schon früher erwähnten
Städtekranz an der Gesteinsgrenze gekennzeichnet wird. Im mittleren und
nordwestlichen Thüringerwald wohnen deshalb fast ¾ seiner Bevölkerung
in der Höhenlage von 400-700 ~m~, im Schwarzagebiete in 400-600 ~m~.
Die Mehrzahl der Gesamtbevölkerung gehört der evangelischen Konfession
an, nur in Erfurt sind 3/10 der Bevölkerung katholisch, ebenso im
nordwestlichen Meiningen, dieses ehemals zur Abtei Fulda, Erfurt zum
Bistum Mainz gehörig. Im bayerischen Anteil des Frankenwalds steigt die
Zahl der Katholiken auf 5/10-7/10 der Gesamtbevölkerung; es sind dies
früher zum Bistum Bamberg gehörige Gebiete. Das nördliche Eichsfeld,
das Gebiet des alten Bistums Heiligenstadt, ist fast ganz katholisch,
nur im Kreise Mühlhausen überwiegen die Evangelischen.
[Illustration: Abb. 97. _Das tolle Jahr._
Wandgemälde von Prof. Janssen im Rathaussaal zu Erfurt.
(Nach einer Photographie von K. Festge in Erfurt.)]
~XII.~
Am Fuße des Gebirges, wo aus dem Waldgebiete die Bäche hinaushüpfen ins
freiere Land, ist wie eine Schmuckkette eine lange Reihe lieblicher
Ortschaften und schmucker Städte erbaut, oft gegen den ebeneren Teil
des Landes durch grüne Hügel abgeschlossen. Außerhalb dieser Linie
zieht die große Verkehrsstraße von Ost nach West. Hier liegen die
Vermittelungspunkte des Waldes mit dem flachen Lande und viele dieser
lauschigen Plätze sind beliebte Sommerfrischen geworden.
[Illustration: Abb. 98. _Das Trocknen von Strohblumen in der Gärtnerei
von J. C. Schmidt in Erfurt._]
[Illustration: Abb. 99. _Einsammeln von Stiefmütterchensamen in der
Gärtnerei von J. C. Schmidt in Erfurt._]
[Sidenote: Nordvorland.]
Das nördliche Vorland des Thüringerwalds beschränkt sich geologisch
nur auf die schon früher besprochene Zechsteinzone. In Bezug auf
die Oberflächenform entwickelt sich das Vorland erst südöstlich des
Erbstromes bis über Ohrdruf hinaus, wo die Muschelkalkplatte von
Gossel und Crawinkel bis an den Fuß des Gebirges reicht. Muschelkalk
und Buntsandstein treten dann aber in breitester Entwickelung auf
und reichen mit wenigen Unterbrechungen fast bis Erfurt und Weimar,
zwischen Ilm und Saale die Ilmplatte bildend, die in natürlichem
Zusammenhange steht mit der Saalplatte. Nördlich davon dehnt sich
das Thüringische Becken aus, dessen Mitte etwa durch das nur 124 ~m~
über dem Meere liegende Städtchen Sömmerda bezeichnet wird, weiter
aber umrahmt ist von den nördlichen Grenzhöhen, die in großem Bogen
vom Hainich über das Eichsfeld, den Dün, die Hainleite und die Finne
reichen.
[Illustration: Abb. 100. _Weimar_ um 1650 (nach dem gleichzeitigen
Stich von Merian).]
[Sidenote: Leina.]
[Sidenote: Hörselberge.]
Die südlich von Friedrichroda herabkommende Leina bildet den Oberlauf
der Hörsel. Die Leina tritt bei Schönau vor dem Walde aus den Bergen,
wo Landgraf Balthasar 1369 den kleinen Leinakanal abzweigte, um Gotha
mit Wasser zu versorgen. Der Kanal mündet nordwestlich von Gotha in
die Nesse, die sich bei Eisenach in die Hörsel ergießt. Da das Wasser
des Kanals nicht ausreichte, wurde 1653 ein zweiter angelegt, der
als Leinakanal bei Georgenthal von der Apfelstedt abzweigt und bei
Emleben sich mit dem älteren Kanal vereinigt. Auf diese Weise ist eine
Gabelteilung (Bifurkation) hergestellt worden, welche die Wasserscheide
durchschneidet und die beiden Stromgebiete der Elbe und Weser
miteinander verbindet. Die Hörsel mündet nach einem Laufe von 55 ~km~
bei Hörschel in die Werra. Östlich von Eisenach erhebt sich zwischen
Hörsel und Nesse der 486 ~m~ hohe Muschelkalkwall der sagenreichen
Hörselberge, mit der kleinen Venushöhle oder dem Hörselloch. Das
Hörselthal bildet einen wichtigen Durchgangspunkt für den Verkehr
von Westen, der nach Osten über Gotha und Erfurt nach Weimar und
Leipzig seine Wege zog und jetzt von der Thüringischen Eisenbahn (1847
vollendet) durchfahren wird, die nach Norden und Süden zahlreiche
Zweige aussendet. Die Lage Thüringens gibt die natürlichen Bedingungen
für einen Durchgangsverkehr im Südteile des Thüringischen Beckens, und
schon die alte Straße Frankfurt a. Main-Leipzig lief durch Hörsel- und
Assethal nach Gotha, um dann über Buttstädt, Eckartsberga, Naumburg
und Weißenfels nach Leipzig zu führen. Seit dem ~XVI.~ Jahrhundert
wurde diese »Hohestraße« die Hauptverbindung zwischen dem Rhein und dem
Handelsmittelpunkt Leipzig; schon zu Anfang des ~XVII.~ Jahrhunderts
bestand hier eine Postverbindung, die aber erst am Ende desselben
Jahrhunderts in eine Fahrpost umgewandelt wurde.
[Illustration: Abb. 101. _Weimar mit dem Schloß._
(Nach einer Photographie von L. Held in Weimar.)]
[Sidenote: Waltershausen. Tenneberg.]
Von Wutha führt eine Zweigbahn bis Ruhla; von Fröttstädt nach
Friedrichroda, die weitergeführt wurde über Ohrdruf nach Gräfenroda.
Waltershausen (5600 Einw.), am Fuße des Burgbergs gelegen (Abb. 85),
ist eine Hauptstätte für Puppen- und Spielwarenherstellung, die erst
im Laufe des ~XIX.~ Jahrhunderts eingeführt wurde. Die Fertigstellung
der Puppenbestandteile beschäftigt außerdem noch viele fleißige Hände
in den benachbarten Gebirgsorten. Ein altes Gebäude ist die am Burgweg
liegende Kemnate, aus dem ~XIV.~ Jahrhundert, einst ein Rittersitz,
heute eine Spielwarenfabrik. Auf der Muschelkalkhöhe des Burgbergs
erhebt sich Schloß Tenneberg (Abb. 86), etwa um 1591 errichtet, 1729
erneuert und umgebaut. Beim Austritt des Badewassers aus dem Gebirge
liegt Schnepfenthal, die berühmte gothaische 1784 von Salzmann
gegründete Erziehungsanstalt, in der u. a. einst der Geograph Karl
Ritter Schüler war.
[Sidenote: Gotha.]
Gotha (31700 Einw.), die Hauptstadt des Herzogtums
Sachsen-Coburg-Gotha, ist abwechselnd mit Coburg Residenz. Sie
ist umgeben von schönen Gartenanlagen, die an Stelle der alten
Festungswerke angelegt wurden, und weithin zerstreuten Landhäusern
(Abb. 87 und 88). Gotha ist eine alte Stadt, schon im Jahre 930 von
Mauern geschützt, und war beherrscht vom alten Schlosse Grimmenstein,
auf dessen Ruinen später das Schloß Friedenstein gebaut wurde.
[Illustration: Abb. 102. _Weimar, von Osten aus gesehen._
(Nach einer Photographie von L. Held in Weimar.)]
Der Name Grimmenstein erscheint zuerst seit 1316 unter Friedrich dem
Gebissenen. Hierher flüchtete 1564 der vom Reich geächtete Ritter von
Grumbach in seiner Eigenschaft als Unterthan und herzoglicher Rat, was
für die Burg und Stadt Gotha die verderblichsten Folgen hatte. Zur
Vollstreckung der Acht gegen Grumbach und seiner fürstlichen Beschützer
belagerten die Truppen des Kurfürsten August die Burg, die nach der
Eroberung vernichtet wurde, während in der Stadt Grumbach er und seine
Genossen durch Hinrichtung einen schmachvollen Tod erleiden mußten.
Die Stadt hat bedeutende Sammlungen (im Schlosse Friedenstein eine
Bibliothek von 210000 Bänden und 7000 Handschriften) und gemeinnützige
Anstalten, ist eine wichtige Stätte des Buchhandels und bekannt durch
ihre Wurst- und Schuhwaren. Östlich der Stadt erhebt sich der schmale
Wall des Seebergs, dessen der Keuperformation angehörige Rhätsandsteine
treffliche Bausteine liefern. Westlich steigt die Muschelkalkhöhe des
Krahnbergs empor, von dessen Höhe man einen schönen Überblick des
Thüringerwalds hat. Das Dorf Siebleben (2300 Einw.) wird von vielen
Arbeitern bewohnt, die in gothaischen Fabriken thätig sind. Hier liegt
Schloß Mönchshof, eine herzogliche Besitzung, und das Landhaus des 1895
verstorbenen Dichters Gustav Freytag (Abb. 89).
[Illustration: Abb. 103. _Luther als Junker Jörg, von Lukas Cranach._
Aus dem Großherzoglichen Museum zu Weimar.
(Nach einer Photographie von K. Schwier in Weimar.)]
[Sidenote: Ohrdruf. Plaue. Arnstadt.]
An den Ufern der Ohra, 370 ~m~ hoch, liegt die gothaische Stadt
Ohrdruf (6200 Einw.), ein märchenumwobener stiller Ort (Abb. 90),
dessen Bewohner gewerbfleißig sind und am Flusse allein mehr als
dreißig Mühlen aller Art errichtet haben. Hier baute 724 Bonifatius
(Winfried), der Apostel der Deutschen, die erste christliche Kirche in
den thüringischen Landen. Zwischen Wolfis (1900 Einw.), Crawinkel (1500
Einw.) und Gossel (800 Einw.) dehnt sich die kahle Muschelkalkplatte
aus, über die früher die alte Waldstraße von Oberhof nach Erfurt
führte, die Heimat der Hollandgänger, der Frachtfuhrleute, die Kienruß
bis nach den Niederlanden führten und Kolonialwaren dafür mitbrachten.
Bei Crawinkel steht quarzhaltiger Porphyr an, der zu Mühlsteinen
gebrochen wird. Nach Osten sind mehrere Thäler in den Muschelkalk
eingeschnitten, die ins Gerathal ausmünden. Frankenhain (900 Einw.)
ist ein Hauptplatz für Pech- und Kienrußherstellung. Bei dem von
einer alten Burgruine überragten Liebenstein verschwindet in der
Sonnenhitze oft die wilde Gera im Geröll des Muschelkalks, während sie
im Frühling als reißender Gebirgsbach zu Thal stürzt. Geschwenda (1600
Einw.), zu Schwarzburg-Sondershausen gehörig, hat Holzverarbeitung als
Haupterwerbsquelle und die Geschwendaischen Blumenstöcke werden bis in
die Gärtnereien von Erfurt und Bamberg verschickt.
Das sondershäusische Städtchen Plaue (1500 Einw.), ein stiller und
alter Ort, ist überragt von der Ruine der 1324 erbauten Ehrenburg.
Die Muschelkalkhöhen der Reinsberge wurden ehemals von der Reinsburg
gekrönt, die Ende des ~XIII.~ Jahrhunderts von Rudolf von Habsburg
fast dem Erdboden gleich gemacht wurde. Bei dem nahen Dörfchen
Angelroda erhebt sich der schimmernde Muschelkalkberg des Weißensteins,
südlich davon öffnet sich die zerklüftete Schlucht der Kammerlöcher.
Das breite kahle Thal des Plaueschen Grundes führt hinab nach dem
in lieblichem Hügellande gelegenen Arnstadt (13600 Einw.), der
Hauptstadt der schwarzburg-sondershäusischen Oberherrschaft (Abb. 2
und 91), von fruchtbaren Obstgärten umsäumt. Urkundlich schon 704
erwähnt, ist die Stadt heute in Industrie und Handel wichtig; hier
soll die Cervelatwurst zum erstenmale hergestellt worden sein. Im
lindenbeschatteten Schloßgarten liegt die Ruine der Burg Neideck, die
1279 vom Grafen von Käfernburg erbaut wurde. Im ~VIII.~ Jahrhundert
erstand wahrscheinlich die bei Oberndorf gelegene Käfernburg
(Kevernburg), seit Ende des ~XVI.~ Jahrhunderts verfallen. Arnstadt hat
ein schönes 1581 gebautes Rathaus und die herrliche Liebfrauenkirche,
die Ende des ~XII.~ Jahrhunderts in romanischem Stil begonnen, seit
dem ~XIV.~ Jahrhundert in gotischem Stil weiter ausgebaut und erst in
neuester Zeit ausgestaltet wurde.
[Sidenote: Ichtershausen. Die drei Gleichen.]
Flußabwärts führt an der Saline Arnshall eine Zweigbahn bis
Ichtershausen (2550 Einw.), einem gothaischen Flecken, der Nadel- und
Stahlwarenfabrikation treibt, in denen 800 Arbeiter beschäftigt sind,
die täglich mehr als 2 Mill. Nähnadeln liefern. Im ~XII.~ Jahrhundert
bestand hier ein Cistercienser-Nonnenkloster, das der Reformation
weichen mußte. Die Klosterkirche wurde 1525 in ein evangelisches
Gotteshaus umgewandelt und die Nonnen mit dem fürstlichen Ruhegehalt
von acht Gulden jährlich entschädigt. Das nördlich gelegene Molsdorf
ist bekannt durch sein Schloß, das dem lebenslustigen Grafen Gotter
gehörte, dem Freunde Friedrichs des Großen. Parallel vorgelagert der
sich zwischen Ohrdruf und Arnstadt ausdehnenden Muschelkalkplatte
erheben sich einige Keuperhöhen, von deren Kegeln die sagenumwobenen
Drei Gleichen weit ins Land hinausleuchten. Die beiden Ruinen liegen
auf preußischem, die dritte noch erhaltene Burg auf gothaischem Gebiet.
Die eigentliche Burg Gleichen (Wanderslebener Schloß) stammt aus dem
~XI.~ Jahrhundert, kam Ende des ~XVI.~ Jahrhunderts zu Mainz, Ende
des ~XVIII.~ Jahrhunderts an Erfurt und damit 1803 an Preußen. König
Friedrich Wilhelm ~III.~ schenkte sie einem General, der mit seinem
Kunstverständnis das schönste Gebäude abbrechen und am nördlichen Fuß
des Berges einen Schafstall daraus bauen ließ.
[Illustration: Abb. 104. _Goethes Gartenhaus im Park zu Weimar._
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]
Hier spielt die Sage des Grafen Ernst von Gleichen mit den zwei Frauen,
der mit dem Kaiser Friedrich ~II.~ in den Kreuzzug gegen die Türken
zieht und 1228 in Palästina gefangen wird. Melechsala, die schöne
Tochter eines türkischen Emirs, entflieht mit ihm, und beide gelangen
glücklich nach Thüringen, wo in »Freudeuthal«, dem Vorwerk der Burg
Wandersleben, die Gräfin den Gemahl und seine Retterin empfängt, die
nach ihrem Übertritt zum Christentum dem Grafen auch noch angetraut
wurde. Alle drei sollen in Frieden und Einigkeit miteinander gehaust
haben -- so glaubte man wenigstens lange Zeit, und in der Peterskirche
zu Erfurt zeigte man den Grabstein, auf dem der Graf mit zwei Frauen,
eine in türkischer Kleidung, dargestellt war. Dieser Grabstein
stammt aus dem ~XIII.~ Jahrhundert, während die Sage erst im ~XVI.~
Jahrhundert entstanden war. Der Grabstein war das Abbild eines Grafen
von Gleichen mit zwei christlichen Frauen, mit denen er aber nicht
gleichzeitig, sondern nacheinander vermählt war.
Das Mühlberger Schloß, über deren Gemäuer sich ein 24 ~m~ hoher Thurm
erhebt, ist die schönste der Ruinen, urkundlich zuerst Anfang des
~VIII.~ Jahrhunderts erwähnt. Die Wachsenburg ist die höchste der
Burgen (414 ~m~) und bietet von ihren bewohnten Gebäuden eine weite
Rundsicht. Im ~X.~ Jahrhundert wurde hier ein Kloster errichtet, wohl
aber erst im ~XIV.~ Jahrhundert in eine Burg umgewandelt.
[Sidenote: Erfurt.]
Die »Gartenstadt« Erfurt (78200 Einw.), das alte Erpesfurt, ist einer
der ältesten thüringischen Orte, schon im ~VIII.~ Jahrhundert von
Bonifatius als ein alter Ort, als »eine Stadt der heidnischen Bauern«
bezeichnet und zum Sitz des Bistums auserkoren. Die Stadt liegt fast
in der Mitte Thüringens und ist dadurch schon frühzeitig zu Bedeutung
gelangt, besonders vom ~XIII.~ bis zum ~XV.~ Jahrhundert, als es
Mittelpunkt des Waidbaues war, und von 1392 an auch Sitz der ersten
deutschen Universität, die 1816 aufgehoben wurde. Die Religionskriege
des ~XVI.~ und ~XVII.~ Jahrhunderts bedingten den Rückgang der Stadt,
die schon durch Verlegung des Bistums nach Mainz Einbuße erlitten
hatte. 1802 kam Erfurt an Preußen und gelangte zu neuer Blüte,
nachdem 1874 die Festungswerke gefallen waren. Erfurt ist Hauptort
eines preußischen Regierungsbezirks und liegt am Grenzgebiete von
Muschelkalk und Keuper im Diluvium, durchflossen von mehreren Armen
der Gera. Das Städtebild mahnt heute noch mit zahlreichen Kirchen an
die frühere Verbindung mit Mainz (Abb. 92 und 93, die Stadt mit den
mittelalterlichen Befestigungen darstellend). Von den Kirchen ist am
bedeutendsten der katholische Dom (Abb. 94) und die Severinskirche,
beide im ~XIV.~ Jahrhundert erbaut.
[Illustration: Abb. 105. _Goethes Haus in Weimar._
(Nach einer Photographie von K. Schwier in Weimar.)]
1392 erfolgte die Gründung einer Universität, die zu hoher Blüte
gelangte und aus welcher Ulrich von Hutten und Martin Luther
hervorgingen. In späteren Jahren sank sie aber immer mehr und ging
1803 völlig ein. Der Erfurter Roland (Abb. 95) stammt aus dem Jahre
1591 und wurde an Stelle eines Kreuzes errichtet, das zwischen den
Mauern auf dem Fischmarkte stand, früher der »Römer« oder »steinerne
Mauer« genannt. Er ist eine 2 ~m~ hohe steinerne Figur und zeigt
den Charakter der Spätrenaissance. Die Rolandsäulen, die weit über
das nördliche und östliche Deutschland verbreitet sind, entsprechen
überall den alten früher auf den Märkten stehenden Kreuzen und wurden
damit die Wahrzeichen der Marktfreiheit und des Marktrechtes. Auf dem
Fischmarkt erhebt sich das neue von 1869 bis 1875 erbaute Rathaus (Abb.
96), in dessen Treppenhaus und Wandelgängen Gemälde aus der Gleichen-,
Tannhäuser- und Faustsage wie aus Luthers Leben von Professor Kämpffer
angebracht sind. Den großen Festsaal schmücken die Bilder von Professor
Janssen aus der Geschichte Erfurts, beginnend mit der Einführung des
Christentums, ferner der Mitarbeit Erfurts bei der Zerstörung der
Raubritterburgen, der Blütezeit der Universität, der Darstellung des
»tollen Jahres« (Abb. 97), als 1509 der Volksunwille sich gegen den
Übermut und die Verschwendung der Gemeindeverwaltung aufbäumte, die
Unterwerfung Erfurts unter das Erzstift Mainz, und endlich, da die
Stadt preußisch geworden war, der Besuch Friedrich Wilhelms ~III.~ und
der Königin Luise in Erfurt.
[Illustration: Abb. 106. _Schillers Haus in Weimar._
(Nach einer Photographie von K. Schwier in Weimar.)]
[Sidenote: Erfurts Gartenbau.]
Hoch entwickelt ist der Gartenbau, der Erfurt zur ersten Gartenstadt
Deutschlands macht und Blumen und Gemüse von außerordentlichen Massen
liefert. Der Anfang des Erfurter Gemüsebaues stand in Verbindung mit
der Landkultur im Dreienbrunnen zwischen Erfurt und Hochheim. Die
Quellen entspringen dem Fuße des Steigers und bewässern das Land, und
durch viele Gräben (Klingen) leitete man das befruchtende Naß. Hier
wurde schon im Mittelalter die an den Wasserläufen wild wachsende
Kresse gesammelt, die später gärtnerisch gezogen lange Zeit den
wichtigsten Versandartikel der Erfurter Gärtnereien bildete. Bis zum
~XVI.~ Jahrhundert beschränkte man sich lediglich auf Waid-, Obst-
und Gemüsebau, erst in der zweiten Hälfte des ~XVII.~ Jahrhunderts
wandte man sich dem Anbau von Handelspflanzen zu, aber erst in neuer
Zeit hat die Blumen- und Samenkultur den Aufschwung genommen, der
Erfurt an die erste Stelle gerückt hat. Für Palmen und Gräser aus
allen Weltteilen gibt es große Trocken- und Färbeanlagen, und die
Gärtnerei von Schmidt hält am Kap der guten Hoffnung eine besondere
Farm für Pflanzenkulturen. In den großen Gewächshäusern gedeihen viele
Tausende von Kamelien, Primeln, Cyclamen, Palmen, Syringen u. s. w.
Beim Beginn des Sommers werden die Gewächshäuser entleert und ihr
Inhalt auf die Felder verteilt. Da sieht man ein Hektar Land nur mit
Rosen bedeckt, etwa 20 Hektar mit Immortellen, deren Trocknung in
großen Kästen geschieht (Abb. 98), und 20 Hektar mit Stiefmütterchen,
deren Samenlese in Abb. 99 veranschaulicht wird. Dabei gibt es
in Erfurt etwa 20 andere große Firmen, die jede ihre besonderen
Kulturen besitzt: Clematis, Fuchsien, Palmen, Zwiebelgewächse oder
Zwergblumenkohl. Für den Samenhandel liefert Erfurt nur einen Teil des
zum Verkauf bestimmten Samens. Die Benarysche Gärtnerei besitzt dafür
in außereuropäischen Ländern große Samenzüchtereien. In ihren Erfurter
Züchtereien finden sich ganze Hektaren mit Astern in allen Formen und
Farben bedeckt, Stiefmütterchen u. s. f., auf Holzgestellen 100000
Levkoypflanzen in Töpfen und in einem Gewächshause 30000 Primeln. Das
sind gewaltige Zahlen, die einen Anhalt zur Beurteilung der Erfurter
Gärtnerei geben. Auch die Industrie ist bedeutend und ernährt die
Hälfte von Erfurts Bevölkerung; in der Schuhwarenherstellung sind
allein 2500 Arbeiter beschäftigt. Unweit der Stadt liegt das Dorf
Ilversgehofen (6650 Einw.) mit einem Steinsalzbergwerk, dessen
Salzlager 24 ~m~ Mächtigkeit hat.
[Illustration:
Joh. Heinr. Meyer Goethe. Einsiedel. Elise Gore. Ch. Gore. Herder.
(der Maler). Amalia.
Hofdame Henriette v. Fritsch. Luise v. Göchhausen.
Abb. 107. _Abendkreis der Herzogin Amalia._
(Verkleinert nach einer Aquarelle von G. M. Kraus, etwa aus dem Jahre
1795, auf der Großherzoglichen Bibliothek in Weimar.)]
[Sidenote: Ilmplatte.]
In dem ganzen Gebiete zwischen Gera und Ilm bis zu einer Linie
Erfurt-Weimar herrscht mit wenigen Ausnahmen Buntsandstein und
Muschelkalk vor. Wir bezeichnen dies Gebiet als westliche Ilmplatte,
die in Zusammenhang steht mit der östlichen Ilmplatte, dem Gebiet
zwischen Ilm und Saale; beide südlich bis an den Fuß des Gebirgs
reichend. Bei Rudolstadt, im oberen Teile des Schaalbachthales, liegt
das Dörfchen Keilhau mit der bekannten von Fröbel 1807 gegründeten
Erziehungsanstalt in schön bewaldeter Umgebung, am Fuße des von einem
Turm gekrönten 476 ~m~ hohen Steiger, eines Muschelkalkberges. Nördlich
der Straße Rudolstadt-Stadtilm breitet sich das Schöne Feld aus,
eine wald- und wasserlose Muschelkalkfläche. Im Remdathale liegt das
weimarische Stadt-Remda (1200 Einw.), in einem Nebenthal der Remda
oder Rinne das rudolstädtische Städtchen Teichel (500 Einw.). Die
Muschelkalkhöhen der Ilmplatte streichen meist westöstlich in einer
Mittelhöhe von 400-500 ~m~ (am höchsten im 585 ~m~ hohen Siegerberg
bei Stadtilm), in kräftiger Entwickelung und vielfach von Thälern
zerschnitten zum Saalthale abfallend.
[Illustration: Abb. 108. _Karl August bei Goethe._
(Gezeichnet und gestochen von Schwerdgeburth in Weimar.)]
[Sidenote: Stadtilm. Kranichfeld.]
[Sidenote: Blankenhain.]