Das Gebirge ist in seiner ganzen Ausdehnung reich bewaldet und verdient

deshalb den Namen »Wald« vollauf. Früher wurde der Bestand einzelner

Gegenden stark gelichtet, da das Holz als Brennmaterial für Verhüttung

der Erze diente. Trotzdem sind von der Gesamtfläche des Gebirges

noch 74 vom Hundert mit Wald bestanden, wovon fast ¾ Staatswaldungen

sind, was für die Erhaltung und Pflege der oft herrlichen Bestände

von großer Wichtigkeit ist. Dabei durchkreuzen zahlreiche gute Wege

die großen Wälder, daß man nicht mit Unrecht von Thüringen als dem

»Garten Deutschlands« spricht. Der Charakterbaum des Waldes ist die

Fichte, Tannen und Kiefern kommen seltener vor, letztere zumeist auf

Sandsteinboden. Auch die höchsten Erhebungen des Gebirges reichen nicht

über die Baumgrenze hinaus, Schneekopf und Beerberg sind bis zum Gipfel

mit Nadelwald geschmückt, und auch auf dem freier gelegenen Inselsberg

wachsen Buchen und Zwergkiefern. Im ganzen südöstlichen Thüringerwald

und im Frankenwald überwiegen Nadelwälder, die für das Schiefergebirge

bedeutsam sind. Die in niederen Gebieten vorkommenden Ahorne, Birken,

Eschen und Linden reichen nicht weit in die Höhe, am weitesten noch

die Eiche, die aber auch schon bei 550 ~m~ verschwindet. Von den

geschlossene Bestände bildenden Laubbäumen geht die Buche am höchsten,

erreicht jedoch in Höhen über 800 ~m~ keine volle Entwickelung. Im

Holzbetrieb werden neuerdings fast gar keine Laubbäume nachgepflanzt,

sondern Fichten, deren Holz sich schnell auswächst und um so schneller

marktfähig wird. Buchenbestände kommen inselartig häufig vor, wo sie

dann hellfarbig aus der dunklen Nadelwaldumgebung hervorleuchten,

im Schwarzathal, im Schleusegrund, im Gerathal und anderwärts. Der

nordwestliche Thüringerwald trägt auf Rotliegendem und Porphyr meist

prächtige Buchenwälder, am Gebirgsfuße umsäumt vom Nadelwald, der auf

dem Buntsandstein aus Kiefern besteht. Im Walde wachsen in großer

Menge Heidelbeeren und Preißelbeeren, die eine wichtige Einnahmequelle

für die ärmere Bevölkerung bilden, ebenso Pilze, und im Unterholz

Weißdorn und Haselsträucher, auch schön gefiederte Farne. Belebt ist

der Wald von zahlreichen Singvögeln; von wildem Geflügel sind Auer-

und Birkhühner zu nennen. Rotwild und Wildschweine werden in den

fürstlichen Wäldern gehegt.

[Illustration: Abb. 84. _Fränkische Hausanlage._

(Nach A. Meitzen gezeichnet von E. Umbreit.)]

~XI.~

[Sidenote: Volkstum und Sprache.]

Die Bewohner Thüringens bilden eine Art Stammeseinheit, verbunden durch

eine fast tausendjährige Geschichte, durch Sitten und Gebräuche, Sagen

und Lieder. Vorherrschend sind die Bewohner von Mittelgröße, körperlich

am besten entwickelt in den Gebieten der Landwirtschaft, während

hoch im Waldgebirge zwar die natürlichen Bedingungen die gleichen

sind, aber durch das Vorwiegen der industriellen Thätigkeit stark

beeinträchtigt werden. Abgesehen von örtlichen Sprachverschiedenheiten

(z. B. Ruhla, Brotterode und Steinbach) wird nördlich des Gebirges

meist die thüringische Mundart gesprochen, im größten Teil des Südens

die fränkische (vgl. S. 90), im Osten des Osterländischen Stufenlandes

fließt der Dialekt in das Meißnische hinüber, das im Königreich

Sachsen vorherrschend ist. Aus dem thüringischen »Blümchen« wird in

Franken ein »Blümle«, aus »Nalgen« (Nelken) ein »Nagele«, dabei haben

viele Ortschaften noch ihre ganz besonderen Spracheigenheiten. Im

Altenburgischen hat sich eine besondere Mundart ausgebildet. Im Norden

greift das Thüringische am weitesten aus, dort zieht die Sprachgrenze

ungefähr vom Eichsfeld bis zum Südharz und zur Saale. Nordwärts davon

herrscht bereits das Niederdeutsche.

[Illustration: Abb. 85. _Waltershausen._

(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]

[Sidenote: Körperliche Verhältnisse der Bevölkerung.]

Im allgemeinen ist der Thüringer fröhlichen Gemüts und geistig geweckt,

in letzter Hinsicht überragt meist den Flachländer der Wäldler, soweit

ihn der Schnapsgenuß nicht etwa heruntergebracht hat. Im Durchschnitt

ist die Bevölkerung von mittlerer Größe und schmächtigen Formen.

Das flache Land ist dabei begünstigt, während durch die ärmliche

Lebensführung im Gebirge, besonders in Gebieten der Hausindustrie die

körperliche Entwickelung sehr leidet. Dasselbe gilt in den meisten

Fällen auch für das weibliche Geschlecht, das in der Kinderzeit noch

frisch blüht, dann aber durch Arbeit, mangelhafte Ernährung und zu

frühes Mutterwerden schnell altert. Begünstigt wird die geistige

Regsamkeit durch die vielfältige Industrie, die ab und zu neue Dinge

bringen muß, und der Verkehr mit Fremden, der im Gebirge naturgemäß

bedeutender ist als in der Niederung. Auf dem Gebirge artet manchmal

der Frohsinn in Leichtsinn und Genußsucht aus, der Grundzug bleibt aber

auch hier fröhliche Genügsamkeit und Ehrlichkeit, so daß der Wanderer

selbst in den ärmlichsten Waldgebieten nie von Bettlern belästigt wird.

[Illustration: Abb. 86. _Schloß Tenneberg._

(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]

[Illustration: Abb. 87. _Gotha_ um 1550, nach dem gleichzeitigen

Holzschnitt von Sebastian Münster.]

Beim »Wäldler« wie beim »Ländler« -- bei dem Gebirgsbewohner wie bei

dem Bauer der Ebene -- ist in kirchlichen Dingen trotz mancher

Gleichgültigkeit bei der Mehrheit doch noch eine religiöse Gesinnung

vorhanden, wenn sie auch in neuerer Zeit etwas verblaßt. Aber der Bauer

ist durch seinen Beruf fast immer an seine Abhängigkeit von einer

unsichtbaren höheren Macht erinnert, die sich ihm fühlbarer macht als

etwa dem Fabrikarbeiter der Stadt. Allen Freuden und Leiden gegenüber

bleibt der Bauer gelassen, gemäß dem alten thüringischen Sprichwort:

»Duck' dich und laß vorübergahn, das Wetter will sein'n Fortgang

ha'n«, und dadurch entgeht er oft allem Spott und aller Schadenfreude.

Ein Rest von Aberglauben ist da und dort noch vorhanden; für das

abergläubische Thun braucht der Bauer den Gesamtnamen »Sympathie«, und

das »Büßen« und »Versprechen« wird noch viel geübt.

[Illustration: Abb. 88. _Gotha, vom Berggarten aus gesehen._

(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)]

[Sidenote: Geistige Verhältnisse der Bevölkerung.]

Der Schulunterricht wird überall schon deswegen geschätzt, weil der

Gebildete im Leben besser sein Fortkommen findet. Beim Landvolk ist

der eheliche Friede meist bewahrt, wenn auch häufig die Neigung nicht

als Ehestifterin gilt, und trotzdem »raucht es in allen Küchen«.

Die Frau ist auf dem flachen Lande vielfach durch Lebhaftigkeit

und Entschiedenheit dem gleichgültigeren Manne geistig überlegen.

In der Mehrzahl der Landdörfer herrscht jetzt ein fortschreitender

Geschäftsbetrieb in Bezug auf Ackerbau und Viehzucht. Mit dem Wachsen

der Wohlhabenheit wird auch hier der Sinn für das Schöne geweckt,

leider nicht durch Wiederaufnahme des Alten, sondern mit Nachahmung von

städtischer Kunst, oft mit einem Anflug von Lächerlichkeit. Für Witz

und Spott ist der Bauer im hohen Grade empfänglich, auch zeigt er im

Verkehr mit anderen Leuten gefällige und liebenswürdige Seiten. Viele

der im Gebrauch befindlichen Sprichwörter und Redensarten beschränken

sich nicht auf Thüringen, sondern sind in ganz Mitteldeutschland und

östlich bis weit nach Schlesien hinein nachweisbar. Es fehlen aber auch

die Schattenseiten nicht: Geiz und Habsucht einen sich oft mit der

Lust am Horchen und Klatschen und mit der in Handelsangelegenheiten

häufig angewandten Übervorteilung, deren Wurzel in der sog.

Bauernpfiffigkeit beruht. Bei Unglück und Not kommt aber der gute Kern

wieder zum Vorschein, da heißt es Hilfe schaffen und sich gegenseitig

unterstützen, was gern und ausgiebig gethan wird.

[Illustration: Abb. 89. _Gustav Freytags Landhaus in Siebleben._]

[Sidenote: Sitten und Gebräuche.]

Bezeichnend für die thüringische Auffassung ist die Zusammenstellung

von Kirche und Schenke, Gottesdienst und Wirtshausbesuch, Andacht

und Tanzbelustigung, die hier keine Gegensätze bilden, sondern ein

Feiern im Sinne des Ruhens von der Arbeit. Infolgedessen ist es

selbstverständlich, daß Konzert, Bratwurstessen und Tanzvergnügen zu

jedem kirchlichen Gelegenheitsfest die Ergänzung bilden. Die vier

Dinge: Bier, Wurst, Musik und Tanz dürfen bei keinem Feste fehlen. Für

die Städte sind die Schützenfeste, hier Vogelschießen benannt, stets

eine Reihe von lustigen Tagen. An manchen Plätzen haben sich Ortsfeste

herausgebildet, so die Brunnenfeste in verschiedenen Badeorten, das

Kirschenfest in Naumburg, dessen Beziehung zu den Hussiten nur Sage

ist, da es erst seit 1450 als Sommerfest gefeiert wird. Für die Dörfer

sind die Ortsjahrmärkte, vor allem aber die Kirchweih oder die Kirmeß

(Kirmse) der Inbegriff alles Vergnügens, im Altenburgischen mit dem

lieblichen Namen »Landfressen« bezeichnet. Kirchweih und Fastnacht

werden oft drei Tage hintereinander gefeiert. Ähnlich ist es bei den

Hochzeitsfeiern, bei denen städtische Äußerlichkeiten viel gelten. Vor

dem Hochzeitshause ist dann eine Ehrenpforte errichtet. Zieht die Braut

aus ihrem Dorfe hinweg, so thront sie mit Spinnrad und Rocken hoch oben

auf den mit Hausrat, besonders Betten, gefüllten und von geschmückten

Pferden gezogenen Wagen. Bei der Ausfahrt aus dem Dorfe sowie bei

der Einfahrt in die fremden Dörfer oder Fluren wird sie durch ein

vorgehaltenes Seil gehemmt und muß sich mit klingender Münze auslösen.

Diese Sitte besteht jedoch auch in manchen Gegenden Schlesiens und wird

überhaupt vielfach gegen Fremde angewendet, z. B. bei der Besichtigung

von Neubauten. Bei Todesfällen und noch mehr bei Leichenbegängnissen

hört man lautes Wehklagen, das gewissen Gewohnheiten folgt. Aber

auch bei wirklichem Schmerz um einen Toten vergißt sich der Bauer

des Flachlandes niemals selbst, um bei Erbschaften seinen Vorteil

wahrzunehmen.

Die Liebe zur Natur offenbart sich in vielen Gebräuchen, und an Sonn-

und Festtagen wandert der Thalbewohner hinauf zur Höhe. Am Pfingstfeste

werden häufig Maien (grüne Waldbäume) errichtet, im mittleren und

nordwestlichen Thüringerwald werden dann die Brunnen bekränzt und mit

buntem Papierflitter ausgeputzt; später im Jahre werden Johannis-

und Oktoberfeuer entzündet. Bis hoch ins Gebirge hinauf sind die

Fenstersimse der Häuser mit Blumen geschmückt, die in Töpfen gezogen

werden, besonders beliebt sind Aurikeln, Nelken und Rosmarin. Auch der

ärmste Mann hat gefangene Vögel in kleinen Holzbauern neben seinen

Fenstern aufgehängt: Stieglitze, Zeisige, Hänflinge, Finken und

Kreuzschnäbel.

[Illustration: Abb. 90. _Ohrdruf._

(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]

[Sidenote: Nahrung, Sagen und Volkstrachten.]

So manche Festbräuche klingen an längst vergangene Zeiten an.

Es ist wohl etwas weit gegangen, die Schlachtschüsselmahlzeiten

(»Schlachtfeste«) des Winters mit dem Julfest in Verbindung zu bringen,

wo der Hertha das wilde Schwein als Opfertier gewidmet wurde. Beim

beginnenden Frühling, also zum Osterfest, das an das alte Feste der

Ostara, der Göttin des neu strahlenden Lichtes, anknüpft, werden

deshalb hie und da Osterfeuer entzündet. An den Ostarakult erinnern die

Namen mancher Höhen als Osterstein und der Gebrauch des Osterwassers.

Im ehemaligen slavischen Wohngebiete erinnerte an das altgermanische

Frühlingstotenfest das Lied:

Wir alle, wir alle kommen 'raus

und tragen heute den Tod hinaus,

Komm' Frühling, wieder mit ins Dorf,

Willkommen, lieber Frühling.

Auch der Inhalt dieser Reime ist weit bis nach Schlesien hinüber

bekannt gewesen, wo noch vor vier Jahrzehnten, unter dem Gesange eines

ähnlichen Liedes eine Strohpuppe im Umzuge geprügelt und dann in den

Fluß geworfen wurde (das sog. Todaustreiben).

Die Nahrung ist nach den verschiedenen Abstufungen von der

Wohlhabenheit bis zur dürftigsten Armut eine sehr verschiedene.

Der Flachländer ist vor dem Gebirgsbewohner auch hier wieder sehr

bevorzugt, da im Gebirge auf dem Küchenzettel die Kartoffel den ersten

Rang einnimmt. Für viele Industrieplätze gilt der Satz:

Kartoffeln in der Früh,

Zum Mittag in der Brüh,

Des Abends mitsamt dem Kleid,

Kartoffeln in Ewigkeit.

Da gibt es höchstens des Sonntags einmal Fleisch, niemals dürfen auf

dem Sonntagstische aber die Klöße (Hütes) fehlen, aus rohen Kartoffeln

bereitet. Predigt nun der Geistliche im Vormittagsgottesdienst zu

lange, so daß die Frauen zur Bereitung der Speisen zu spät nach

Hause kommen, dann nennt man ihn wohl auch »Kloßverderber«. Die bei

Festlichkeiten unentbehrliche Wurst wird auf dem Rost gebraten. Am

Martinstage steht der Gänsebraten in hohen Ehren und zu Weihnachten

werden überall Schlachtfeste gefeiert. So bringt die Kost besonderer

Tage Abwechselung in das Einerlei der Wochentagsgerichte und mit der

Verbesserung der Tafelfreude auch eine Verbesserung der Stimmung.

Viele Sagen sind im Volksmunde noch vorhanden, denen vielfach ein tief

sittlicher Sinn zu Grunde liegt. Alle unheimliche Macht des Bösen, die

dem Menschen feindlich entgegentritt, wird durch das Kreuz und den

Namen Gottes gebrochen. Manche Sagen lassen noch einen heidnischen

Kern erkennen oder knüpfen an das Entstehen oder Vergehen der Burgen

und Schlösser an. Da gibt es Verzauberungen und Verwünschungen, und

manch Berg und Wald, Kloster und Burg, Quelle und Fluß sind umrankt

von Mären und Sagen. Vielfach klingt Erwartung und Freude an Reichtum,

Ehre und Gold hinein, und wo der Mensch am ärmlichsten sein Dasein

fristet, kommt die verklärende Sage, um ihn über die rauhe Wirklichkeit

hinwegzutäuschen.

Die Trachten, die früher im deutschen Volksleben so reizvoll wirkten,

sind auch in Thüringen fast verschwunden und im großen Kulturbrei

aufgelöst. Nur hie und da sind noch schwache Reste vorhanden, zumeist

beim weiblichen Geschlecht. Die großknöpfigen Röcke, die dreieckigen

Hüte, die Kniehosen und Schnallenschuhe der Männer sind fast nirgends

mehr zu finden, ebensowenig die großen Tuchmäntel und die runden

Haarkämme der Frauen. Die mit weißer Leinwand unterlegten, auch im

Sommer getragenen Pelzhauben der Frauen Brotterodes sind ebenso

verschwunden, wie die gesichtsverhüllenden weißen Schleier, die nur

Augen, Nase und Mund frei ließen. In der ersten Hälfte des ~XIX.~

Jahrhunderts trugen wohlhabende Bürgerfrauen im Rudolstädtischen feine

blaue Tuchmäntel mit Goldbortenkragen, sowie auf dem Kopfe ellenhohe

von Gold strotzende Grenadiermützen, die hinten mächtige Büsche

kostbarer Bänder wehen ließen.

[Illustration: Abb. 91. _Arnstadt, im Hintergrund die drei Gleichen._

(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]

Ganz müssen mir hier die Kleiderarten des Mittelalters unberücksichtigt

lassen, die im allgemeinen wenig mit Volkstrachten, die für einzelne

Landesteile bezeichnend sind, zu thun hatten; so z. B. im ~XVI.~

Jahrhundert die silbernen Gürtel der Kreuzburger mit daranhängenden,

klingenden Glöcklein, und die dicken baumwollenen Wämser mit hölzernen

Schilden oder Brusteisen, um die Pfeilschüsse abzuwehren. Der

überall in Deutschland verbotene Kleideraufwand scheint auch in den

Thüringischen Landen verbreitet gewesen zu sein, denn 1420 verbot

der Rat der Stadt Erfurt den übermäßigen Gebrauch von Gold, Silber

und seidenen Kleidern, und zur Hochzeit durfte keine Krämerin oder

Dienstmagd Perlen zum Kranze oder Haarband tragen.

[Illustration: Abb. 92. _Plan von Erfurt_ um 1650 (nach einem

gleichzeitigen Stiche).]

[Sidenote: Volkstrachten.]

Der blauleinene Kittel der Männer ist nicht als Tracht aufzufassen,

da er bei Landbauern und Fuhrleuten bis nach Frankreich verbreitet

ist. Die Frauen halten insofern an alter Überlieferung fest, als sie

bei festlichen Gelegenheiten eine große Zahl von Röcken übereinander

tragen, meist von dunkler Farbe und vorn mit einer großen Schürze

verhängt. Der Kopf ist turbanartig mit einem schwarzen Kopftuche

umwunden, wie in Friedrichroda, oder trägt hohe Mütze mit lang

herabfallenden Bändern, wie in Brotterode; dazu kommt noch der durch

ganz Thüringen verbreitete aus Kattun gefertigte Kindermantel (Abb.

75-78). In Ruhla war früher üblich, um das nach hinten gekämmte mit

rund gewundenen Zöpfen festgehaltene Haar bunte Tücher zu schlingen;

die Ärmel sind vielfach im oberen Teile in Stufen geteilt und in enge

Fältchen gelegt. Oft hat die Kegelhaube oder Bandmütze Einlagen von

bunter Perlenstickerei oder ist mit großen Schleifen oder Federbüschen

geziert, bei den Bräuten oben mit einer Flitterkrone geschmückt.

[Illustration: Abb. 93. _Erfurt, von der Grolmanshöhe aus gesehen._

(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)]

In Hötzelsroda bei Eisenach trägt man ebenfalls das turbanartige

Kopftuch oder auch große dunkle Hauben, in der Form den

niederländischen nicht unähnlich. Auch hier ist der Ärmel im oberen

Teile stark gefältelt, und über die Schulter fällt ein mit Band

besetzter Kragen. Die Kleider sind dunkel und nur die Schürzen

bringen eine etwas lebhaftere Färbung hinein. Abb. 79 zeigt einen

Kirchgang, wozu die blumengeschmückten Bänderhauben mit den großen

Seidenschleifen, die Spitzkappe und der dunkle Radmantel zur Geltung

kommen. In Öchsen bei Vacha gibt sich die Mädchentracht in einigen

Resten ans Alte anklingend: die Halsketten, das buntfarbige Brusttuch,

das dunkle Mieder und die kurzen Hemdärmel (Abb. 80) sind bezeichnend,

während Röcke und Schürzen ziemlich neue Formen zeigen. Belangreicher

ist die Tracht der Burschen mit den langen Westen, die mit ihren langen

Knopfreihen bis ans bunte Halstuch reichen, den knopfbesetzten Jacken

oder langen Röcken und den weißen Hosen, die entweder lang oder als

Kniehose getragen werden. Im letzten Falle ist der Unterschenkel von

einem wollenen Wadenstrumpf bedeckt, und an den Füßen prangen die

niederen Schuhe mit den großen Schnallen.

[Illustration: Abb. 94. _Dom und Severinskirche zu Erfurt._

(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]

Auch im Altenburgischen sind von der Tracht nur noch einige Reste

vorhanden, und in entlegenen Dörfern sieht man zuweilen das

ältere Geschlecht in der alten Gewandung (Abb. 81 u. 82). Bei der

Männertracht sind die kleinen Hüte, das schwarzseidene Halstuch, die

dunklen Tuchjacken oder langen Tuchröcke, die ledernen unter dem

Knie zusammengebundenen Hosen und lange Stiefel noch gebräuchlich.

Auffallender als beim Melcher ist die Tracht bei der Marje (Melchior

und Marie, wie die Träger altenburgischer Tracht allgemein heißen). Der

Kopf wird eng umschlossen von der Haube, die hinten ein Pappgestell

trägt, um das Kantentuch in voller Breite zu entfalten. Der Brustlatz

ist eine stoffüberzogene Pappe und steht in ärgster Feindschaft mit dem

Teil des Körpers, den er bedeckt. Der eng gefältelte Rock umschließt

panzerartig den Leib und läßt die Waden frei, darüber wird dann noch

eine große Schürze mit langen Bändern getragen. Der Kopf einer Braut

wurde mit dem Hormt geschmückt (Abb. 83), einem hohen Aufbau aus Pappe,

mit rotem Damast überzogen und mit Goldplättchen behängt, die bei jedem

Schritt aneinander klingen.

[Sidenote: Anlage der Wohnplätze.]

Unser Gebiet zeigt in seinem größten Teile, wo altgermanische

Siedelungen bestehen, in seinen Ortschaften die fränkische Hausanlage.

Das Wohnhaus steht mit dem Giebel der Straße zugewandt und ist meist

von der Breitseite aus zugänglich. In der Mitte und im Nordwesten des

Gebirges sind die Häuser meist mit Ziegeln oder Schindeln gedeckt und

damit auch an den Wetterseiten verkleidet. Im Südosten, im Gebiete des

Schiefergebirges, sind sie nicht nur mit Schiefer gedeckt, sondern oft

auf allen Seiten bis zum Erdboden herab mit Schiefertafeln bekleidet,

deren düstere Fläche hie und da durch hellfarbige Tafeln in Form irgend

einer Zeichnung unterbrochen ist. Vielfach findet man im Erdgeschoß

eine Laube oder offene Galerie an der Hälfte der Hauslangseite, oben

verdacht, so daß bei schlechtem Wetter der Zugang zu den Thüren trocken

bleibt. Hier werden Pferdegeschirre u. dergl. aufgehängt, manchmal auch

das Brennholz aufgestapelt.

[Illustration: Abb. 95. _Rolandsäule in Erfurt._]

Einfach und eng sind die Wohnungen in den Industriegegenden, bei den

Kleinfeuerarbeitern von Suhl und Schmalkalden, bei den Holzarbeitern

bei Sonneberg, bei den Griffelarbeitern. Aus dem ursprünglichen

einstöckigen Holzbau entwickelte sich später beim Bauernhause ein

oberes Stockwerk aus Fachwerk mit Lehmfüllung. In neuerer Zeit wird

das untere Stockwerk vielfach als Steinbau, das obere als Fachwerkbau

ausgeführt. Die Hausthür führt in einen bis zur Rückwand durchgehenden

Raum, an den auf der einen Seite der Wohnraum, auf der andern Seite

die Kammern stoßen. Die übrigen Wirtschaftsräume, Ställe, Scheune,

Schuppen, sind nur bei kleinem Besitz sämtlich hinter die Kammern

unter demselben Dache angebaut. Bei den Hufenbauern stehen hier in

der Regel nur die Pferde und Kühe. In den größeren Besitzungen sind

für alle diese Wirtschaftsbedürfnisse besondere, wenn auch aneinander

stehende Gebäude errichtet, die je nach dem verfügbaren Platze einen

regelmäßigen oder unregelmäßigen Hofraum einschließen. Dieser Hof ist

gegen die Straße durch Zaun oder Mauer und einem Thorweg mit Nebenthor

abgeschlossen und hat einen etwa morgengroßen Hausgarten hinter sich,

den die Verzäunung des Gehöftes mit einschließt (Abb. 84). Die gesamte

Einrichtung ist nur auf das nächste Bedürfnis einer Familie beschränkt,

weshalb auch nur eine Stube heizbar ist. In dieser Stube ist in

unmittelbarer Verbindung mit dem Hauptherde im Flur der Stubenherd oder

der Ofen errichtet, worin im Winter gekocht wird. Im Sommer wird auf

dem Herd im Flur gekocht, und während des ganzen Jahres hier solche

Arbeiten verrichtet, die Kessel und größere Gefäße erfordern oder Dampf

und Geruch verbreiten, wie Waschen, Backen und dergleichen.

[Illustration: Abb. 96. _Rathaus zu Erfurt._

(Nach einer Photographie von K. Festge in Erfurt.)]

[Sidenote: Dorfanlage.]

Viele Bauten weichen aber von der Grundform des fränkischen Hauses ab,

die Industrie brachte ein dichteres Zusammenwohnen und eine je nach den

Bedürfnissen enge Bauweise, oft mit geschlossenen Gassenfronten. Der

größte Teil des Thüringischen Gebiets zeigt in der Anlage des Wohnorts

die volksmäßigen Gewanndörfer des Germanen. Gewann (von »giwinnan«

= durch Arbeit gewinnen) bezeichnet einen Feldabschnitt. Waren die

Gewannen urbar gemacht, so erhielt jede berechtigte Dorffamilie einen

Anteil, dessen Fläche sich nach der Möglichkeit der Bearbeitung an

einem Arbeitstage, auch Tagewerk oder Morgen genannt, richtete;

jeder dieser Anteile hieß Morgen. Die Gesamtheit dieser zerstreuten

Anteile bildete nebst Haus, Hof und Garten und dem Nutzungsrechte aus

dem aus Wald oder Weideland bestehenden Marklande die Hufe. Neben

diesem altgermanischen Dorfe findet sich eine andere Form in der

Waldhufenkolonie, deren Verbreitung von Itz und Schwarza südöstlich bis

über die Saale hinaus nachweisbar ist. Hier liegen die Hufen einander

parallel in zusammenhängenden Streifen, fast senkrecht zur Dorfstraße.

Nördlich von dem zuletzt genannten Gebiet, westlich bis zur Saale

reichend, war ehemals slavisches Siedelungsgebiet, in dem vorwiegend

in der Zeit vom ~XII.~ bis ~XIV.~ Jahrhundert deutsche Kolonialdörfer

gegründet wurden. Im slavischen Siedelungsgebiete war das slavische

Runddorf (Rundling) die ursprünglich gewählte Anlage. Um einen

kreisrunden mit einem Teich versehenen Platz stehen die Gehöfte im

Kreise herum, das Hauptthor dem Platze zugewandt. Nach der Außenseite

erstrecken sich dann den Gehöften zunächst die Gärten und dann die

Felder. Der Dorfplatz war meist nur von einer Seite aus zugänglich

und die Hauptstraße führte abseits des Dorfes vorüber. Die vielen

Ortsnamen mit der Endung »rode« weisen in ihren ersten Bestandteilen

meist Personennamen auf (Friedrichroda u. s. w.) und deuten auf das

Urbarmachen von Waldstellen, Roden. Die Ortsnamenendung »leben« (von

~leba~ oder ~leiba~ = das Übriggelassene, der Nachlaß) fällt in ihrer

Verbreitung zusammen mit dem nördlichsten Vordringen der Thüringer.

[Sidenote: Volksdichte und Konfessionen.]

Thüringen · 第 9 / 14 段