Östlich vom Gneiskegel des 648 ~m~ hohen Kissel ist der Schweinagrund

tief eingeschluchtet. Sein Wasser tritt beim meiningischen Flecken

Schweina aus dem Gebirge und fließt bei Barchfeld in die Werra.

Schweina (2200 Einw.), der Hauptort des Schweinathales, war im ~XV.~

und ~XVI.~ Jahrhundert der Wohnort slavischer Bergleute, die auf Kupfer

und Eisen schürften. Der Ort ist heute neben dem Betrieb von Ackerbau

und Viehzucht industriell thätig, das Schloß Glücksbrunn, ehemals ein

Kobaltwerk, ist jetzt eine Wollspinnerei. In dem südlich von Schweina

gelegenen Gute Marienthal gründete Fröbel den ersten »Kindergarten«.

Gelegentlich eines Straßenbaues wurde 1799 beim Sprengen des zur

Zechsteinformation gehörigen ungeschichteten Dolomitgesteins eine

Höhle entdeckt, die 200 ~m~ lang und durch einen künstlichen Stollen

zugänglich ist. Ein Teil des Höhlengrundes ist von einem kleinen Teich

bedeckt. Am Zusammenflusse des Calmbachs und des aus dem Schleifgrunde

kommenden Steinbachs liegt der meiningische Flecken Steinbach (1400

Einw.), ein freundlicher Ort mit Fachwerkhäusern (Abb. 67). Steinbach

ist Haupterzeugungsort für Messer aller Art und Schlösser, deren

Rohmaterial zum Teil aus dem benachbarten metallreichen Granitgebiete

gewonnen wird. Nördlich vom Mühlberg steht eine Sandsteinsäule,

errichtet vom Herzog Bernhard von Meiningen 1858 und dem Andenken

Luthers geweiht, welcher auf dem Wege von Worms hier gefangen genommen

und auf die Wartburg gebracht wurde (Abb. 68 und 69). Eine Inschrift

lautet: »Hier wurde ~Dr.~ Martin Luther am 4. Mai 1521 auf Befehl

Friedrichs des Weisen, Kurfürsten von Sachsen, aufgehoben und nach

dem Schlosse Wartburg geführt.« Luther hatte nach dem Reichstage

zu Worms Möhra, die Heimat seiner Eltern, besucht und wollte eben

nach Wittenberg zurückkehren. In Begleitung seines Bruders Jakob und

eines Freundes rastete er unter einer Buche, als er auf Veranlassung

seines hohen Beschützers, der den Geächteten seinen Feinden entreißen

wollte, aufgehoben und heimlich auf die Wartburg gebracht wurde, wo

er verborgen als Junker Jörg lebte. Die Buche ist längst zu Grunde

gegangen, ihre Reste sind auf der Wartburg aufbewahrt und an ihre

Stelle ist ein junger Baum gepflanzt worden. Herrliche Buchen wölben

sich die Höhe hinauf, besonders auf den Granittrümmern des 728 ~m~

hohen Gerbersteines.

[Illustration: Abb. 70. _Schloß Altenstein._

(Liebhaber-Aufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)]

[Sidenote: Altenstein. Liebenstein.]

Auf der Dolomitplatte zwischen Schweina und Steinbach leuchten aus

grüner Umgebung das Schloß Altenstein (Abb. 70), der Sommeraufenthalt

des Herzogs von Meiningen, ein stattlicher Neubau an Stelle des

früheren einfachen Landhauses. Prächtige Gartenanlagen, von alten

Laubbäumen beschattete Wiesen, Felsenkanzeln und sanft geböschte

Mulden, alles eint sich hier zu einer Meisterlandschaft, in deren

Hintergrunde sich der Hauptkamm des Waldgebirges aufbaut. Der

Ausblick nach Süden erfaßt in freundliches Hügelgelände eingebettete

Ortschaften, Gärten und Ackerfluren, drüben über der Thalmulde der

Werra steigen in blauem Dufte die Vorberge der Rhön empor. Auf

der Kammhöhe am Großen Weißenberge steht der Dreiherrenstein, wo

die Grenzen preußischen (ehemals hessischen), meiningischen und

gothaischen Gebiets zusammenstoßen. Nach Bairoda hinab führt das schöne

buchenumrauschte Thüringer Thal, im ~XIV.~ und ~XV.~ Jahrhunderte

belebt vom Bergbau auf Eisenstein. Östlich des Thales läuft ein

Rennweg genannter Zweig des Rennsteigs, der besondere Wichtigkeit hat,

weil er hier die Grenze zwischen der thüringischen und fränkischen

Mundart bildet. In einer flachen Mulde zwischen Thüringer Thal und

Grumbachthal, umgeben von anmutiger Landschaft, liegt Bad Liebenstein

(1300 Einw.), dessen Landhäuser weit zerstreut sind (Abb. 71). Es

hat kohlensäurehaltige Eisenquellen und ist der älteste Kurort des

Thüringerwaldes. Der Ort ist überragt von der Ruine Liebenstein, die

seit dem ~XVII.~ Jahrhundert verfällt.

[Sidenote: Brotterode.]

Südwärts rinnt vom Inselsberg das Inselswasser in den Kessel von

Brotterode. Das preußische Dorf Brotterode(2800 Einw.) ist seit der

letzten großen Feuersbrunst von 1895 langsam wieder emporgewachsen.

Die ursprüngliche Art und Lebensweise der Bewohner deutet auf eine

unverkennbare Verwandtschaft mit den Bewohnern von Ruhla und

Steinbach; lebensfroh, rauflustig, fleißig und gewandt im Verkehr sind

sie alle. Brotterode ist der Ort der Feuerarbeiter: Schnallenschmiede,

Sporer, Messermacher und andere Eisen- und Stahlarbeiter. Wer nicht

selbständig im eigenen Häuschen, wo meist die vordere Hälfte der Stube

als Schmiedewerkstatt eingerichtet ist, während die durch einen Vorhang

abgetrennte hintere Hälfte als Schlafraum dient, thätig ist, der

findet Beschäftigung bei den alt angesessenen Meistern. Der Vertrieb

der in Brotterode und den Nebenorten gefertigten Stahl- und Eisenwaren

ruht seit langem in den Händen von Kaufleuten, deren Söhne je für

ein bestimmtes Absatzgebiet in Deutschland, Österreich, Rußland, den

Niederlanden u. s. w. herangebildet werden. Der Sage nach schenkte

Karl ~V.~ dem Orte große Waldungen und Äcker, durch deren Erträge

die vollständige Besoldung der Gemeindebeamten bestritten werden

konnte, und eine Fahne, die alljährlich zur Kirchweih ausgehängt wird.

Flußabwärts verengt sich der Wiesengrund des Thales, an dessen Wänden

sich Granitfelsen malerisch aufbauen, und es beginnt das Trusenthal,

das seinen schönsten Teil oberhalb der Ortschaft Herges-Vogtei

hat, dessen Bewohner mit denen des benachbarten Auwallenburg meist

Bergleute sind, die auf Eisenstein, Alabaster und Schwerspat arbeiten.

Über Felsblöcke rauscht der Trusenfall herab, der sein Wasser einer

künstlich hergestellten Leitung verdankt, die unterhalb Brotterode vom

Inselswasser abgezweigt wurde. Über Auwallenburg stehen die Ruinen

der alten aus dem ~XIII.~ Jahrhundert stammenden Wallenburg, deren

Bestandteile zum Teil von baulustigen Nachbarn weggeschleppt wurden.

[Illustration: Abb. 71. _Bad Liebenstein._]

[Sidenote: Kleinschmalkalden.]

Südlich des buchenbestandenen Seimberges erhebt sich die

Glimmerschiefergruppe der Mommelsteine. Zwischen Seimberg und Roth

windet sich die Kunststraße hinüber in das Thal des Wiebachs, der

sich mit dem von der Höhe des Jagdbergs kommenden Kalten Wasser bei

Klein-Schmalkalden vereinigt. Der Bach heißt von der Vereinigung an

die Schmalkalde. Der Ort Klein-Schmalkalden (2000 Einw., wovon 1200

preußisch, 800 gothaisch sind) ist vom Bach durchflossen, der die

Grenze bildet. Im ganzen Kreise Schmalkalden glühen in den Dörfern

die Herdfeuer, es pocht und rauscht ein steter Betrieb in Hütte, Haus

und Fabrik. Die Metallschätze des Mommelsteins und des Stahlberges

sind die reichsten, denn sie liefern eine Jahresbeute von 6000000 ~kg~

besten Eisensteines; außerdem spenden die Berge des Gebiets noch

Kobalt, Kupfer, Schwerspat, Marmor, Alabaster, Achat, Syenit, Porphyr

und Sandstein. Bergbau und Hüttenwesen schufen die Köhlerei, belebten

das Fuhrwesen und gaben Anlaß zum Aufblühen manches Waldortes, wo

heute in Schmalkaldener Arbeiten eine lebhafte Industriethätigkeit

herrscht. Vom Hühnberge abwärts zieht der besonders im Porphyrgebiet

schöne Haderholzgrund herab. An seiner Mündung in die Schmalkalde liegt

das preußische Dorf Seligenthal (1200 Einw.), mit Bergbau im nahen

Stahlberg. Auch im benachbarten Nesselgrunde ist Eisenverarbeitung

vorherrschend, besonders im Dorfe Floh (1100 Einw.). In Seligenthal und

Brotterode leben etwa 550 Sporer und Schnallenschmiede.

[Sidenote: Schmalkalden.]

Wo das schöne Asbacher Thal den Porphyr durchbricht, nachdem es seine

oberen Zuflüsse von der Loibe und aus dem Ebertsgrund erhalten hat, ist

der Rand des Gebirges erreicht, so daß an der Mündung der Stille in die

Schmalkalde schon Buntsandstein herrscht. Hier liegt die preußische

Stadt Schmalkalden (7900 Einw.), ein Ort mit mittelalterlichen

Anklängen und schöner Umgebung (Abb. 71). Die Kleinindustrie ist

urkundlich seit dem ~XIV.~ Jahrhundert nachweisbar und erfreute

sich seit dem ~XVI.~ Jahrhundert eines Weltrufes. Eine Masse von

Kurzwaren werden hier verfertigt, und Tausende von Kleinfeuerarbeitern

verfertigen diese Schmalkaldener Waren, ob sie nun in Schmalkalden oder

in Struth, Seligenthal, Steinbach, Brotterode, Zella, Mehlis oder Suhl

sitzen: Nägel, Haken, Schrauben, Jagdgeräte, Schlittschuhe, Werkzeuge

und Gartengeräte, Petschafte, Fingerhüte, Ringe, Gürtlerwaren, Haus-

und Küchengeräte. Mit Herstellung dieser Waren sind in Schmalkalden

etwa 900 Arbeiter thätig. Die Stadt ist seit der Reformationszeit viel

genannt, da hier 1531 der Schmalkaldische Bund geschlossen wurde, der

später durch den Schmalkaldischen Krieg ein Ende fand. Das Rathaus

und die Hauptkirche stammen aus dem ~XV.~ Jahrhundert, das auf dem

Questenberge liegende Schloß Wilhelmsburg aus dem ~XVI.~ Jahrhundert,

wo es an Stelle der alten Burg Wallraff (Walluff) erbaut wurde. Auf

dem Friedhofe der Stadt ruht Karl Wilhelm, der Tonsetzer der »Wacht

am Rhein«. Von großer Bedeutung für die zahlreichen an den Bachufern

erbauten Werkstätten ist der Wasserreichtum der Gewässer, die schnell

fließend sind und deshalb im Winter fast nie gefrieren.

[Illustration: Abb. 72. _Schmalkalden._

(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)]

~IX.~

Wer sich vor dem Lärm und Staub der großen Straße zurückziehen will

in frische Bergluft und in stille Waldeinsamkeit, der steige hinauf

auf den Kamm des Gebirges und wandere dann den merkwürdigen Weg, der

den Kamm entlang zieht wie ein schmales Band. Stundenlang dringt das

Auge nicht durch der Wälder Dichte, nur zu Häupten lacht blauer Himmel

herein und der Sonne Lichter bringen ein farbenheiteres Bild in die

Blättermassen. Dann gibt's wohl wieder freie Ausblicke, hinab in grüne

Thäler, die sich verlieren in weiter Ferne, und auf duftige Bergmassen,

die das Rundbild schließen. Oft ist der Pfad kaum zu erkennen, dicht

verwachsen durch Gräser, Moos oder Gestrüpp, dann ist er wieder eine

ganze Strecke fahrbar, dient aber keinem bedeutenden Verkehr, der wohl

vom Thal über das Gebirge ein anderes Thal zu erreichen sucht, nicht

aber den Kamm entlang zieht.

[Sidenote: Rennsteig.]

Auf der Wasserscheide des Gebirgs läuft der Rennsteig von Blankenstein,

an der Mündung der Selbitz in die Saale, bis Hörschel, an der Mündung

der Hörsel in die Werra in einer Gesamtlänge von 168 ~km~.

An vielen Stellen ziehen sich aus den Mulden schmale Moorbänder bis

zum Rennsteig empor, vielfach die Quellen der Gewässer bildend. Von

Blankenstein aus gewinnt der Rennsteig die Höhe bei Rodacherbrunn

(Rodach von Roda = Waldrodung, und Ache = Wasser), einer Häusergruppe,

deren Lage im siebenjährigen Kriege und im Jahre 1806, als Napoleon den

Frankenwald überschritt, militärische Bedeutung hatte. Die Fortsetzung

des Rennsteigs wird bezeichnet durch die Punkte Grumbach, Brennersgrün,

Spechtsbrunn, Neuhaus, Neustadt, Schmücke, Inselsberg und Hohe Sonne.

Oft verherrlicht und besungen, ist er am treffendsten geschildert von

Scheffel:

Ein deutscher Bergpfad ist's! Die Städte flieht er

Und keucht zum Kamm des Waldgebirgs hinauf,

Durch Laubgehölz und Tannendunkel zieht er

Und birgt im Dickicht seinen scheuen Lauf ...

Der Rennstieg ist's: die alte Landesscheide,

Die von der Werra bis zur Saale rennt

Und Recht und Sitte, Wildbann und Gejaide

Der Thüringer von dem der Franken trennt.

Du sprichst mit Fug, steigst du auf jenem Raine:

Hier rechts, hie links! hie Deutschlands Süd, dort Nord.

Wenn hier der Schnee schmilzt, strömt sein Guß zum Maine,

Was dort zu Thal träuft, rinnt zur Elbe fort ...

[Illustration: Abb. 73. _Oberhof am 16. Februar 1895._

(Liebhaber-Aufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)]

Nächst der Hauptlinie des Rennsteigs sind noch zwei Zweiglinien

vorhanden, die eine vom Großen Weißenberg bis Herrenbreitungen, 13½

~km~ lang; die andere vom Ruhlaer Häuschen nach Sallmannshausen,

28 ~km~ lang. Der Liebensteiner Rennweg (vgl. oben S. 86) und der

Rennsteig vom Großen Weißenberg nach Osten scheidet noch heute

thüringische und fränkische Mundart, doch nur bis in die Gegend von

Limbach, wo die Wasserscheide zwischen Schwarza und Loquitz die Grenze

der beiden Mundarten bildet. Hier sind etwa seit dem ~VII.~ Jahrhundert

die Franken allmählich vorgedrungen in die von Sorben besetzten

Gegenden und kultivierten den ganzen Orlagau. Aber auch die Hauptlinie

des Rennsteigs ist keine ununterbrochene Sprachscheide. Südlich davon

setzten sich in Brotterode Thüringer fest, nördlich kamen die Franken

bis zur Ilmenauer Gegend und ließen sich in Altenfeld, Stützerbach

und Gehlberg nieder, ebenso drangen sie von Limbach aus in den

Schwarzagruud bei Scheibe. Die unmittelbar am Rennsteig liegenden Orte

tragen meist fränkischen Charakter, so Oberhof, Neustadt und Limbach,

während Masserberg von Thüringern gegründet wurde. Über den heutigen

Verlauf der Staatengrenzen am Rennsteig unterrichtet am schnellsten ein

Blick auf die Karte (siehe Andrees Handatlas, Karte der Thüringischen

Staaten).

Über die Bedeutung des Namens Rennsteig und über den Zweck des

Weges sind die verschiedensten Meinungen aufgestellt worden. Früher

galt er schlechtweg als Grenzweg, als Wald- und Jagdgrenze für die

Holzgerechtigkeiten und Wildbahnen der angrenzenden Gemeinden und

Herrschaften. Wahrscheinlicher ist die Beziehung des Namens Rennsteig

oder Rennweg zu »rennen«, auf dem Roß dahinsprengen, so daß er also

als Reitweg aufzufassen ist. Es würde sich dabei aber nicht um eine

militärische Bedeutung handeln, weder um verdeckte Truppenverschiebung,

noch um das Rennen der Reiterboten oder Grenzwächter auf dem

Gebirgskamme. Näher kommt die Auffassung des Rennsteigs als Reitweg

für den Grenzumritt, gleichgültig, ob es sich um Wildbahngrenzen,

Forstgrenzen oder Landesgrenzen handelte. Die größte Wahrscheinlichkeit

hat die Beziehung des Rennsteigs zur urkundlich nachgewiesenen vom

~XV.~ bis ins ~XIX.~ Jahrhundert bestehenden Rossezucht auf den Höhen

des Thüringerwalds. Die altnomadische Zuchtweise, die Rosse in großen

Herden fern von menschlichen Wohnungen im Freien weiden zu lassen, war

mindestens zu Ausgang des Mittelalters auf der Kammhöhe Brauch, wo

zahlreiche Waldwiesen und Waldblößen (oft mit der Namensendung rod)

bestanden. Es mußten dann alte Weideplätze und Wege benutzt werden,

auf denen der berittene Roßhirt dahinrannte (sprengte) und auch seine

Rosse zu den Weideplätzen rannten. Wo keine Hochweiden vorhanden

waren, mußte man sich mit den Weiden in den Niederungen begnügen,

wodurch vielleicht hier und da das Vorkommen des Namens Rennweg in der

Niederung zusammenhängt. Die Besiedelung der Höhen geschah zunächst

an den Pässen, wo die Straßen das Gebirge überschritten und wo

Wallfahrtsorte, Wirts- und Geleitshäuser und Schmieden entstanden.

[Illustration: Abb. 74. _Wald bei Oberhof_ (Februar 1895).

(Liebhaber-Aufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)]

~X.~

[Sidenote: Klima Thüringens.]

Der reiche Wechsel der Oberflächenformen in der Gesamtlandschaft

Thüringen gibt Veranlassung zu einem sehr verschiedenen Klima in

den einzelnen Gebieten. Am günstigsten erscheint die Osthälfte des

Thüringischen Beckens nebst Ilm- und Saalplatte, im Westen etwa von

einer Linie Saalfeld-Erfurt-Nordhausen begrenzt. Hier herrscht eine

wahre Mitteltemperatur des Jahres von 8-9° ~C.~, die dann im Vorlande

und Frankenwald erheblich zurückgeht und endlich auf dem Gebirgskamm

nicht ganz 4° beträgt. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt in Weimar

8,1, Coburg 7,7, Ziegenrück 7, Großbreitenbach 5,8, am Inselsberg aber

nur 3,6° ~C.~ Die Julitemperaturen stellen sich wie folgt: Weimar

17,6, Coburg 17,4, Ziegenrück 15,9, Großbreitenbach 15,1, Inselsberg

12,2; die Januartemperaturen: Weimar -1,2, Coburg -2, Ziegenrück -2,

Großbreitenbach -2,6, Inselsberg -4,3. Merkwürdige Übereinstimmung

zeigen die annähernd in gleicher Höhenlage befindlichen Städte Erfurt

und Heiligenstadt, deren Jahrestemperatur 8,3 und 8°, Januartemperatur

-1,1 und -0,7°, Julitemperatur 17,7 und 17,2° ~C.~ beträgt. Zuweilen

tritt im Thüringischen Becken während des Winters eine Luftstauung

ein, die sich in der Entwickelung hoher Kältegrade äußert, die oft auf

den benachbarten Höhen nicht bemerkt werden, so daß ähnlich wie in den

Alpen aus Bergen oder hoch gelegenen Orten im Winter manchmal höhere

Temperaturen herrschen, als in tief gelegenen Thälern. Die eigentliche

Frostzeit dauert in niederen Landesteilen etwa zwei Monate, steigt aber

in den höheren Gebieten bis über das Doppelte. Aus den höchsten Punkten

(Inselsberg, Schmücke, Oberhof) hat der Frost eine mittlere Dauer von

140 Tagen. Die täglichen Temperaturschwankungen sind in den engen und

tief eingeschnittenen Thälern am bedeutendsten. Die Luft ist aber rein

und besonders im Gebirge anregend, wozu Höhe und Bewaldung gleichmäßig

beitragen und alljährlich viel Tausenden von Menschen Kräftigung und

Erholung ermöglicht.

[Sidenote: Niederschläge.]

Die Durchschnittszahl der Tage mit Niederschlägen beträgt in Thüringen

jährlich 180! In Weimar fallen an 197 Tagen im Jahre 55 ~cm~

Niederschläge, in Coburg an 160 Tagen 64 ~cm~, in Großbreitenbach an

211 Tagen 112 ~cm~, auf dem Inselsberg an 183 Tagen 120 ~cm~. Nicht

große Unterschiede haben Erfurt mit 52 ~cm~ (wovon 14 vom Hundert im

Juni fallen, während in Großbreitenbach der höchste Prozentsatz 12

im Dezember fällt), Heiligenstadt 62 ~cm~, Jena 54 ~cm~, Langensalza

50 ~cm~ und Sondershausen 54 ~cm~. Die geringsten Niederschläge mit

weniger als 50 ~cm~ haben die Mitte des Thüringischen Beckens und die

untere goldene Aue. Gewitter treten nur an 13-20 Tagen im Jahre auf.

In den Niederschlagstagen sind die Schneetage miteingerechnet, die

für Weimar 49, Coburg 48, Großbreitenbach 67, Neuhaus am Rennsteig

70, Inselsberg 67 betragen. Diese für das Gebirge verhältnismäßig

geringe Zahl der Schneetage bringt aber oft große Schneemassen, so

daß auf dem Kamm manchmal der Schnee bis zu den Dächern der Häuser

reicht (Abb. 73). Die gewaltigen Schneemassen hüllen dann den

schweigenden Gebirgswald in ein weißes Zaubergewand, das besonders

auf den Nadelbäumen schwer lastet (Abb. 74) und großen Schaden durch

Schneebruch anrichtet. Am verheerendsten treten die Schneebrüche in

einer Höhenlage von etwa 700-800 ~m~ auf, wo der Schnee großflockiger

fällt als in den höchsten Gebirgsteilen.

[Illustration: Abb. 75. _Thüringische Tracht._

(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]

Das Klima Thüringens beeinflußt in bester Weise die mächtige

Bewaldung des Gebirges und regelt den Lauf der Flüsse, während es im

Thüringischen Becken den Ackerbau begünstigt. Die besonders im Sommer

reichen Niederschläge nähren zahlreiche kräftige Wasseradern, die aber

trotzdem dann nur niedriges Wasser führen, weil den Niederschlägen

durch die Verdunstung entgegengearbeitet wird. So leidet die

Schiffbarkeit der Saale durch diese geringste Wasserführung gerade zu

der für den Verkehr günstigsten Jahreszeit. Im Winter und Frühling

besitzen die Flüsse aber meist Hochwasser, das oft große Verheerungen

anrichtet.

[Illustration: Abb. 76. _Thüringische Tracht._

(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]

[Sidenote: Ackerbau und Viehzucht.]

Nach Klima und Höhenlage ist die Pflanzenwelt Thüringens eine

wechselnde, aber überall wohlgepflegte. In den geschützten Thälern

der Saale und Unstrut gedeiht der Wein, dessen Anbau schon seit dem

~XIV.~ Jahrhundert bekannt ist. Früher wurde er im Grabfeldgau gebaut,

Rebenhügel grünten bei Kronach und Coburg, bei Erfurt, Arnstadt, Gotha

und Eisenach, selbst in der Hainleite, am Kyffhäuser und am Frauenberge

bei Sondershausen. Der Weinbau reicht nur bis zu einer Höhe von 350

~m~. In den unteren Gefilden Thüringens wiegt der Acker- und Gartenbau

vor, dessen Bodenfläche im Kreise Erfurt, wo die weltberühmten Blumen-

und Gemüseanlagen liegen, 81 vom Hundert der Gesamtanbaufläche

beträgt, in Sachsen-Weimar 55 vom Hundert, im Gebirge aber noch weiter

zurückgeht, so daß in Ziegenrück nur noch 46, in Schleusingen 24 vom

Hundert der Gesamtfläche dem Acker- und Gartenbau dient. Die Thalgründe

sind meist mit ausgedehnten Wiesen bedeckt, im Gebirge sind sie nur

als Waldwiesen oder Hochwiesen vorhanden. Von der Gesamtfläche sind

im reußischen Lande 17, in Ziegenrück 12 vom Hundert der Gesamtfläche

Wiesen. Hiermit hängt eine kräftige Viehzucht zusammen, besonders im

östlichen Thüringen, wo im Altenburger Ostkreise, im weimarischen

Kreise Neustadt und in Reuß jüngerer Linie auf 1000 Bewohner 500-600

Stück Rindvieh kommen, während auf dem höchsten Teil des Gebirges

dieses Verhältnis nur 100-300 Stück Rinder aufweist. Die in alten

Zeiten blühende Pferdezucht ist erheblich zurückgegangen, da fast

nur für landwirtschaftliche Zwecke gezüchtet wird. Am erheblichsten

ist sie im oberen Unstrutthal, im Westen des weimarischen Kreises

und in der Oberherrschaft von Schwarzburg-Sondershausen, wo auf 1000

Bewohner 75-100 Pferde kommen; am geringsten ist das Verhältnis in

der Sondershäuser Unterherrschaft und auf der Höhe des Frankenwalds

und des Thüringerwalds einschließlich der preußischen Kreise Suhl und

Schmalkalden, wo auf 1000 Bewohner nur 6-25 Pferde kommen. Bedeutend

ist die Zucht der Schweine, von denen auf je 1000 Bewohner 400-600

berechnet sind, aber wiederum mit Ausnahme des höchsten Gebirges, wo

die Zahl auf 200-100 heruntergeht.

[Illustration: Abb. 77. _Thüringische Tracht._

(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]

[Illustration: Abb. 78. _Thüringische Tracht._

(Nach Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)]

[Sidenote: Ackerbau.]

Von Kulturpflanzen der Stufe unter 350 ~m~ sei noch der Tabak

erwähnt, der im Werrathal gebaut wird, dessen Jahresproduktion sich

aber nur auf 106000 Mark beläuft. Außer Getreide gedeihen noch

Hülsenfrüchte, Ölpflanzen, Flachs, Hopfen, Anis, Koriander, Klee und

Kartoffeln. Obstreich sind die Thäler der Saale und Unstrut, Gemüse

gedeiht in vorzüglichster Art bei Erfurt und Naumburg. Durch große

Fruchtbarkeit ausgezeichnet sind die Keuperlandschaften in Coburg,

Meiningen und im Thüringischen Becken, und die Landschaften des aus

der Eiszeit stammenden Geschiebelehms im Altenburger Ostkreise. Der

Muschelkalk zeigt meist trockenen steinigen Boden; wo er thonige

Bestandteile hat, ist er für den Feldbau günstig. Das vorwiegend aus

Muschelkalk bestehende Eichsfeld gehört zu den ärmlichsten Bezirken.

Der Buntsandstein bildet, wie schon oben erwähnt worden, besonders auf

der südlichen Saalplatte das Holzland, und ist für Ackerbau weniger

geeignet, am besten noch für Kartoffeln. Fruchtbar sind aber die auf

Buntsandstein lagernden Anschwemmungen in den Thälern der Wipper,

Helme und Unstrut, der vielgepriesenen »Goldenen Aue«. Auch die auf

Muschelkalkuntergrund vorhandene Lößbedeckung der Querfurter Platte

gehört zu den fruchtbaren Landschaften.

[Illustration: Abb. 79. _Thüringische Tracht._

(Nach einer Photographie von G. Jagemann in Eisenach.)]

[Illustration: Abb. 80. _Thüringische Tracht._

(Nach einer Photographie von G. Jagemann in Eisenach.)]

Der lohnende Anbau von Getreide hört in einer Höhe von etwa 600 ~m~

auf. Zuerst schwindet nach der Höhe zu der Weizen, nach ihm die Gerste,

während Roggen und Hafer noch über diese Höhe hinaus sich verbreiten.

In kühlen regenreichen Sommern erreicht das Getreide in der Höhe des

Rennsteigs oft die Reife nicht und wird dann als Grünfutter verbraucht.

Die Roggenernte ist durchschnittlich in der Merseburger Gegend Mitte

und Ende Juli, in Ilmenau Anfang August, in Gehlberg Anfang bis Mitte

September. In den höchsten Gegenden steht oft noch Mitte Oktober der

Hafer auf dem Felde. Ölpflanzen und Hülsenfrüchte reichen nur bis 500

~m~ Höhe, nur der Flachs und die Kartoffeln steigen weiter empor, so

daß die Kartoffel manchmal noch zwischen 700 und 800 ~m~ gut gedeiht.

Das Wachstum der Feldpflanzen ist im allgemeinen nach der größeren

Erhebung des Geländes arm und dürftig. Sehr anschaulich wirkt nach

dieser Hinsicht der Vergleich einiger Blütezeiten. Die Traubenkirsche

blüht in Leutenberg durchschnittlich am 8. Mai, in Coburg am 12. Mai,

in Ohrdruf am 17. Mai, in Oberhof am 30. Mai; die Apfelblüte tritt in

Leutenberg am 9. Mai ein, in Coburg am 14. Mai, in Ohrdruf am 21. Mai,

in Oberhof am 5. Juni; Syringen blühen zuerst in Leutenberg am 15. Mai,

in Coburg am 19. Mai, in Ohrdruf am 24. Mai und in Oberhof am 8. Juni.

Auf der Höhe des Frankenwaldes werden in warmen Jahren die Kirschen

noch reif bis zur Höhe von 700 ~m~, doch ist das Fleisch der Frucht

geringer entwickelt als der Stein. Andere Obstsorten gedeihen nur gut

bis zur Höhe von 500 ~m~, ebenso die Gurken und die feineren Gemüse. In

den geschützten Lagen des Saalthales kommen auch zartere Obstsorten und

prächtige Walnußbäume fort, ebenso im unteren Werrathal und im Gebiete

zwischen Langensalza und Naumburg.

[Illustration: Abb. 81. _Altenburgische Tracht._]

[Illustration: Abb. 82. _Altenburgische Tracht._]

[Illustration: Abb. 83. _Altenburgische Brauttracht._]

[Sidenote: Wald.]

Thüringen · 第 8 / 14 段