überschreitet, ist eine Einsattelung von etwa 700 ~m~ Höhe vorhanden,
jenseits deren der nordwestlichste Teil des Thüringerwalds beginnt,
der niedriger ist als der mittlere Teil und eine um 200 ~m~ geringere
mittlere Kammhöhe besitzt, nur 610 ~m~. Dieser Schlußteil mißt vom
Nesselbergsattel bis zum Eichelberg bei Hörschel 46 ~km~. Auf einem
Seitenaste erhebt sich der Zug der Hühnberge östlich von Schmalkalden
zu einer selbständigen Gruppe, deren höchster Gipfel zu 837 ~m~
ansteigt. Weiterhin sind die höchsten Erhebungen auf dem Kamm selbst
oder in seiner nächsten Nähe vorhanden, der Spießberg, 737 ~m~, der
große Jagdberg, 838 ~m~, und vor allem der schöne Inselsberg, 915 ~m~
(genau 915,58) hoch. Sein bewaldeter Kegel hebt sich aus dem immer
niedriger und schmaler werdenden Kamme auffallend heraus (Abb. 49),
obwohl ihm auf beiden Seiten des Gebirges eine reiche Zahl von nur 200
~m~ niedrigeren Bergen vorgelagert sind. Sein Porphyrhaupt ragt aus dem
archäischen Gneis seiner südlichen Umgebung und aus den Konglomeraten,
Sandsteinen und Schieferthonen des Rotliegenden hervor. Der Name
Inselsberg oder Inselberg ist eigentlich eine falsche Benennung und
entstand aus Enselberg oder Emselberg (~Emsenberc~) nach der an seiner
Nordwestflanke entspringenden Emse. Der Berg ist wegen seiner freien
Lage ein von ungefähr 50000 Menschen jährlich besuchter Aussichtspunkt
und ist ausgezeichnet durch die Schönheit der Rundsicht, die man von
seinen zwei Aussichtstürmen genießt. Der Blick schweift hinaus über das
Dunkelgrün seiner Fichten- und Buchenwälder und die engen Thäler des
Vordergrundes bis zu den Fruchtfeldern des Thüringischen Beckens und
zum Harz, östlich bis zu den Saalbergen, südlich bis zu den fränkischen
Höhen und der Rhön, westlich bis zum hessischen Berglande.
[Sidenote: Friedrichroda.]
Schöne Thalgründe führen von der Kammhöhe nach Nordosten hinab, vom
Spießberge die Quellbäche der Leina, wie der Oberlauf der Hörsel hier
genannt wird, die dann in der Nähe von Schönau aus dem Porphyrgebirge
in das Gebiet des Buntsandsteins und Muschelkalks eintritt. Auf der
Höhe westlich der Leina liegt das Dorf Finsterbergen (1100 Einw.),
früher eines der einsamsten Dörfer des Waldes, heute ein Ort für
sommerliche Luftschnapper. Vom kleinen Jagdberg rinnt das Schilfwasser
hinunter ins kühle Thal, an dessen Austritt aus dem Hauptgebirge an
der Gesteinsgrenze Friedrichroda (4250 Einw.) in grüner Thalmulde
ausgebreitet ist, rings von buchen-, fichten- und tannenbestandenen
Höhen umrahmt (Abb. 50). Der Ort wurde 1039 von Ludwig mit dem Barte
gegründet, erhielt aber erst 1597 vom Kaiser Rudolf ~II.~ Stadtrechte.
Im dreißigjährigen Kriege gingen zwei Drittel der Stadt zu Grunde, aber
der stille Ort erholte sich immer wieder, wozu bis ins erste Viertel
des ~XIX.~ Jahrhunderts die Weberei und Bleicherei von Leinengarn
erheblich beitrug, wofür an die herzogliche Kammer ein Zwirnzoll und
Bleichzoll gezahlt wurden. Von hier aus wurden mit gebleichten Garnen
jene Gegenden versorgt, wo Weberei vorherrschend war, das südöstliche
Thüringen und die Rhön. Mit der Verbreitung des Baumwollgewebes
erlitt die Leinenbleicherei bedeutende Einbuße. Es wurde auch Bergbau
getrieben, der aber nie sehr bedeutend war; der Eisenstein wurde im
Schmelzwerk Luisenthal bei Ohrdruf verhüttet. Die letzten Versuche
wurden 1858 aufgegeben. Den größten Reichtum brachten der Stadt aber
Luft und Sonne, die Heilkraft des Waldodems, die Reinheit seines
Wassers, so daß jetzt die gothaische Stadt Friedrichroda jährlich
von mehr als 10000 Personen besucht wird und dadurch die besuchteste
Sommerfrische Thüringens ist.
[Sidenote: Reinhardsbrunn.]
Im Gipse des Zechsteins ist die kleine Marienglashöhle durch einen
kurzen Stollen zugänglich. Nur wenige Steinreste zeugen noch von der
alten Schauenburg, dem Stammschlosse der thüringisch-sächsischen
Fürstenhäuser, die von ihrem Gründer Ludwig mit dem Barte 1045 bezogen
wurde. Südlich wird Friedrichroda überragt vom schönen Waldkegel des
Gottlob, einem Vorberge des 608 ~m~ hohen Körnbergs. Westlich erhebt
sich der 697 ~m~ hohe Abtsberg, wie die vorhin genannten bestehend
aus Rotliegendem mit Porphyr- und Melaphyreinlagerungen. Der Abtsberg
steht durch einen anmutigen wiesengeschmückten Sattel, Jägersruh oder
Tanzbuche benannt, mit dem Gebirgskamm in Verbindung. Vom Kühlen Thal
windet sich die Straße empor zum Heubergshaus (690 ~m~), wo sie den
Rennsteig kreuzt und dann südwärts nach Schmalkalden zieht. In der
Nähe Friedrichrodas, schon im Gebiete des Buntsandsteins, liegt das
gothaische Lustschloß Reinhardsbrunn (Abb. 51), inmitten herrlicher
Wald- und Gartenanlagen. Im Jahre 1088 wurde der Grund zur stattlichen
Benediktinerabtei Reinhardsbrunn gelegt, die in acht Jahren vollendet
wurde. Die dauernde Gunst des Gründers, Ludwig des Springers, und der
nach ihm folgenden Landgrafen von Thüringen ließ das Kloster immer
stolzer emporblühen, so daß im ~XIII.~ Jahrhundert 142 Ortschaften
entweder dem Kloster gehörten oder ihm zinspflichtig waren. Das
Kloster erlag 1525 den Stürmen des Bauernkrieges und wurde mit fast
allen seinen Schätzen verbrannt. Die Klostergüter wurden später
eingezogen und Reinhardsbrunn in ein fürstliches Amt verwandelt. Auf
den Grundmauern des 1607 erbauten hohen Hauses oder Schlosses erhob
sich das heutige seit 1828 in englisch-mittelalterlichem Geschmacke in
prächtiger Weise aufgeführte Schloß, das durch die lieblichen Garten-
und Teichanlagen um so schöner wirkt.
[Sidenote: Tabarz. Cabarz.]
[Sidenote: Winterstein.]
Die Wässer des Wilden Grabens und der Strenge rauschen vereinigt
im Felsenthale unterhalb der Porphyrzacken, die malerisch aus dem
Fichtenwald hervorragen, und münden dann in die Laucha. Beim Austritt
der Laucha aus dem Gebirge schimmern mit ihren roten Dächern auf grünem
Wiesenplane die Dörfer Tabarz und Cabarz (jedes mit 1100 Einw.).
Die beiden anmutigen Orte sind beliebte von dunklem Wald umgebene
Sommerfrischen, wo noch kein Lokomotivenpfiff die herrschende Ruhe
stört. Der Wald bietet das Arbeitsfeld des Zapfensteigers; im Herbst
holen die Sammler die Samenkapseln von den höchsten Nadelbäumen,
das Material für einen schwunghaften Handel mit Holzsamen. Im
Buchenschatten des Emsethals liegt das unregelmäßig gebaute Dorf
Winterstein (800 Einw.), fast eine halbe Stunde im Thalgrunde sich
hinziehend, während einzelne seiner Hütten hoch an den Bergwänden
verstreut sind. Vom Thalgrunde führt ein schmaler Pfad auf den mit
einem Pürschhäuschen besetzten Porphyrgipfel des Drehberges (755 ~m~),
der zwar nicht auf dem Hauptkamm liegt, aber doch einen der hübschesten
Ausblicke zwischen Inselsberg und Wartburg gewährt, besonders nach
Süden ins Werrathal bis zu den blauen Höhen der Rhön.
[Illustration: Abb. 62. _Die Sängerlaube._
(Nach einer Photographie von G. Jagemann in Eisenach.)]
[Sidenote: Ruhla.]
[Sidenote: Pfeifenindustrie zu Ruhla.]
Westlich des Inselsbergs bleiben die höchsten Erhebungen auf dem
Kamm des Gebirges oder wenigstens in seiner unmittelbaren Nähe.
Der Große Weißenberg, auf der Scheide zwischen Glimmerschiefer und
Granit, erhebt sich zu 749 ~m~, die Granitkuppe des Gerbersteins hat
nur noch 728 ~m~. Das Granitgebiet ist reich an Eisensteinen, die
abgebaut werden. An den Ufern des Erbstromes zieht sich im engen
grünen Thale fast eine Stunde lang die Stadt Ruhla hin (5600 Einw.,
wovon 2500 weimarisch, 3100 gothaisch sind), eine der bedeutendsten
Industrieplätze Thüringens (Abb. 52). Der Fluß bildet seit 1640 die
Grenze der Staatsgebiete, und das Thal ist rings von schön bewaldeten
Höhen umgeben, meist Glimmerschiefer mit eingesprengten Porphyren
und Melaphyren, oberhalb der Stadt bis zum großen Weißenberge aus
Granit bestehend. Aus dem Jagdhause, in dem Karl August mit Goethe
oft weilten, ist jetzt das Kurhaus geworden. Ruhla hat eine sehr
wechselvolle Industrie gehabt. Im ~XI.~ Jahrhundert blühte der
Eisenbergbau, dessen Eisenstein an Ort und Stelle verhüttet wurde,
wozu die reichen Holzbestände der Umgebung den Brennstoff lieferten.
Aus dem Erze wurden Waffen und Rüstungen geschmiedet, und der Ruf der
Waffenschmiede Ruhlas drang weit über die Grenzen Thüringens hinaus.
Nach dem Verfall dieser stolzen Industrie wurden die Waffenschmiede zu
Messerschmieden, die eine einheitliche Zunft bildeten, deren Anfänge
ins ~XV.~ Jahrhundert zurückreichen. Nach der durch Friedrich ~II.~ von
Preußen veranlaßten Auswanderung der Messerschmiede nach Eberswalde
im Jahre 1747 verfiel dieser Industriezweig, wurde aber reichlich
ersetzt durch die Einführung der Herstellung von Tabakspfeifen, worin
Ruhla ein Hauptplatz geworden ist und seine Erzeugnisse nach allen
Ländern der Erde ausführt. Besondere Wichtigkeit hat die Verarbeitung
des aus Kleinasien eingeführten Meerschaums zu Pfeifenköpfen, doch
werden auch Holzpfeifen gemacht und die aus den thüringischen Fabriken
stammenden Porzellanpfeifenköpfe mit Beschlägen versehen und mit
Rohren und Spitzen zusammengesetzt. Aus Ruhla (im Volksmunde »die
Ruhl« genannt) gehen jährlich 6 Mill. Pfeifenköpfe (davon nur ½ Mill.
echte Meerschaumköpfe) in den Handel, ferner 10 Mill. beschlagene
Porzellanpfeifenköpfe, 10 Mill. Spitzen für Tabakpfeifen und Cigarren,
27 Mill. Pfeifenbeschläge, 19 Mill. Pfeifenschläuche, Ketten u. a.,
15 Mill. Pfeifenrohre, 5 Mill. Holzpfeifenköpfe und 15 Mill. fertige
Tabakspfeifen, eine Gesamtproduktion von etwa 6 Mill. Mk. darstellend.
Die Holz-, Hornpfeifen- und Zigarrenspitzenindustrie hat sich auch auf
die Umgebung Ruhlas verbreitet, nach Seebach, Schmerbach, Winterstein
bis Waltershausen und Schweina. Zwei Fünftel der Arbeiter sind in
Hausindustrie beschäftigt, die anderen arbeiten in Fabriken. Die
erst seit einigen Jahrzehnten eingeführte Metallindustrie hat die
Pfeifenindustrie bereits überflügelt. Die Bewohner Ruhlas sind
fleißig und leichten Sinnes und haben in Gebräuchen und Mundart
viel von anderen Thüringern Abweichendes, zeigen jedoch merkwürdige
Ähnlichkeit mit den Einwohnern von Brotterode und Steinbach, mit denen
sie unleugbare Stammesbeziehungen haben. Ruhla ist Geburtsort des
thüringischen Dichters Ludwig Storch.
[Illustration: Abb. 63. _Wart' Berg, du sollst mir eine Burg werden._
(Nach einer Photographie von G. Jagemann in Eisenach.)]
[Illustration: Abb. 64. _Landgraf, werde hart._
(Nach einer Photographie von G. Jagemann in Eisenach.)]
[Illustration: Abb. 65. _Der Sängerkrieg._
(Nach einer Photographie von G. Jagemann in Eisenach.)]
[Illustration: Abb. 66. _Das Rosenwunder._
(Nach einer Photographie von G. Jagemann in Eisenach.)]
[Sidenote: Thal. Wilhelmsthal.]
Von Ruhla führt eine Zweigbahn thalabwärts, um sich in Wutha mit der
Hauptlinie zu vereinen. In frischen Wiesen eingebettet liegt an der
Einmündung eines Seitenbaches das gothaische Dörfchen Thal (600 Einw.),
gleich Ruhla als Sommerfrische besucht. Hier weitet sich das Thal zu
einer freundlichen von Buchen- und Fichtenwäldern umwölbten Landschaft.
An Stelle der alten aus dem ~XI.~ Jahrhundert stammenden Burg
Scharfenburg ragt nur noch ein häßlicher Aussichtsturm empor, der den
zierlichen Namen Löthtopf führt. An der andern Bachseite stand einst
ein Bettelmönchkloster Heiligenstein, dessen Name heute erinnerungsvoll
von einem Wirtshause geführt wird. Im Zechsteingebiete von Kittelsthal
bricht man ein Gestein, das zu künstlichen Alabasterwaren verarbeitet
wird. In der Nähe des Rennsteigs bietet der 575 ~m~ hohe Wachstein
einen dankbaren Aussichtspunkt. Im grünen Grunde des Eltethales
schimmert mit seinem kleinen See das weiße Schloß Wilhelmsthal, die
Sommerfrische des Großherzogs von Weimar, einst schon von Goethe
besucht. Die nach Eisenach führende Straße gewinnt die Höhe des
Gebirges und kreuzt den Rennsteig bei dem ehemaligen Jagdschlößchen,
jetzigen Wirtshause zur Hohen Sonne, 442 ~m~ hoch, bekannt wegen des
schönen Durchblickes nach der Wartburg (Abb. 53), die wie ein von
Fichten umrahmtes Bild erscheint. Hier zog auch die alte Weinstraße
hinüber ins Hörselthal, eine alte Handelsstraße, auf der von Franken
her die geistlichen Besitzungen nördlich des Thüringerwalds mit dem
nötigen Rebensaft versorgt wurden.
[Sidenote: Eisenach.]
Westlich von der nach Eisenach führenden Straße ist das Annathal
(Abb. 54) eingeschluchtet, eingefaßt von feuchten moosgrünen Felsen,
durchrauscht von einem Bächlein und gemieden vom Sonnenlicht, das
die Buchenwipfel hier nicht zu durchdringen vermag. Die weitere
nördliche Fortsetzung der anmutigen Thalbildung heißt Marienthal, von
wo die felsige Landgrafenschlucht zum Drachenstein aufwärts führt,
während im Marienthal schon eine große Zahl hübscher freundlicher
Landhäuser entstanden sind, die südlichsten Vorposten der alten Stadt
Eisenach. Am Fuße der Wartburg leuchtet aus seiner grünen Umgebung
das ehemalige Landhaus Fritz Reuters (Abb. 55), der hier 1874 starb.
Die Stadt Eisenach (24400 Einw.) liegt an der Gesteinsgrenze und
bezeichnet den Eintrittspunkt des von Hessen kommenden Straßenzuges
nach Thüringen. Die frühere Stadt (Isnacha oder Ysenacha = Eisenwasser)
lag weiter östlich und ging 1070 durch Brand zu Grunde. Die jetzige
Stadt (Abb. 56) wurde unter dem Schutze der Wartburg von Ludwig dem
Springer neu erbaut und war namentlich zur Zeit der auf der Wartburg
wohnenden Landgrafen ansehnlich geworden, besonders im ~XII.~ und
~XIII.~ Jahrhundert. Von 1587 bis 1741 hatte sie aus einem Zweig der
Nachkommenschaft des Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen ihre
eigenen Herzöge, nach deren Aussterben sie an Weimar fiel. Die schöne
Umgebung bildet jedoch den größten Anziehungspunkt, weshalb die Stadt
der Mittelpunkt eines regen Fremdenverkehrs geworden ist. Einen
Überblick über Eisenach mit der Wartburg gewinnt man von dem nördlich
gelegenen Wartenberg (im Volksmunde verderbt zu Wadenberg), wo das
turmartige Gebäude des deutschen Burschenschaftsdenkmals zur Höhe
strebt.
[Sidenote: Wartburg.]
Der Glanzpunkt Eisenachs ist aber die herrliche Wartburg (Abb. 57),
394 ~m~ über dem Meer, 174 ~m~ über Eisenach gelegen. Sie ist eine
der schönsten Burgen Deutschlands, umkränzt von Geschichte und
sinniger Sage und ein treues Spiegelbild altvergangener Zeit, auch
in Bezug auf Kultur- und Volksentwickelung. Ihr Grundriß gibt einen
lehrreichen Aufschluß über die Einrichtung einer alten Adelsburg,
wenn auch in der Ausstattung der einzelnen Bauten weit darüber
hinausgegangen war. Durch ein markiges Thorgewölbe betreten wir die
Vorburg, zunächst den außerordentlich malerischen ersten Burghof (Abb.
58 und 59), der umschlossen wird vom Thorturm nebst Zugbrücke, den
zinnengekrönten Mauergängen und dem Ritterhause. Im Obergeschoß des
Ritterhauses befindet sich das Lutherstübchen (Abb. 60), wo Luther
die Bibelübersetzung begann. Das war die »Einsiedelei« oder »seine
Insel Patmos«, wo er als Junker Jörg vom Mai 1521 an ein Jahr lang in
freiwilliger Gefangenschaft lebte und das Tintenfaß an die Wand warf,
um die Anfechtungen des Teufels abzuwehren. Das Stübchen ist in seiner
ursprünglichen Gestalt erhalten worden und enthält viele Gegenstände
mit Erinnerungen an Luther. Durch eine zweite Thorhalle betreten wir
die Hofburg, die aus der Dirnitz (heizbares Wohnhaus, das jetzt den
Rüst- und Waffensaal beherbergt), der Kemenate, dem Bergfried und dem
Prachtbau des Landgrafenhauses besteht. Die Kemenate (von ~caminata~,
mit Kamin versehener heizbarer Raum) war die Wohnung der Burgfrau und
ihrer näheren Bedienung, unter denen die bevorzugten Frauen, die am
erwärmten Raume der Herrin teilnehmen durften, Frauenzimmer genannt
wurden. An die Kemenate angebaut ist der Bergfried, der 52 ~m~ hohe mit
einem Kreuz gekrönte Turm. Das schönste Gebäude der Hofburg ist das
Landgrafenhaus (auch Palas, von ~palatium~, also mit Pfalz und Palast
eines Ursprungs), mit dem Landgrafenzimmer (Abb. 61) und dem berühmten
Sängersaal mit der erhöhten Laube, wo die Meistersinger ihre Wettlieder
sangen (Abb. 62), alles in freundlichen Farben schimmernd. Die Pläne
zur Wiederherstellung der herrlichen Burg entwarf Prof. Ritgen, und
die malerische Ausschmückung der Räume hat in Moritz von Schwind
ihren Meister gefunden, der allen Märchenzauber mit der Romantik der
Burggeschichte verband, deren einzelne Abschnitte im Bilde festgehalten
wurden. Ludwig der Springer, der Sohn Ludwigs mit dem Barte, der
auf der Schauenburg saß und 1055 starb, kam auf einem fröhlichen
Jagdzuge auf den Gipfel, den jetzt die Wartburg krönt, und war von der
landschaftlichen Schönheit so entzückt, daß er ausrief: »Wart' Berg,
du sollst mir eine Burg werden« (Abb. 63). Der Bau der Burg wurde 1067
begonnen und war schon nach zwei Jahren vollendet. Der Sohn Ludwig
des Springers, Ludwig ~I.~, wurde vom Kaiser Lothar gefürstet und
entfaltete dann auf der Wartburg auch mehr äußeren Glanz. Sein Sohn und
Nachfolger Ludwig ~II.~ (1140-1172) wurde »der Eiserne« genannt. Die
Sage erzählt von ihm, er sei auf der Jagd ermüdet und unerkannt bei
einem Schmied in Ruhla eingetreten und habe dort Nachtlager gefunden.
Anderen Morgens sei der Landgraf durch das Hämmern des Schmiedes,
der dabei rief: »Landgraf, werde hart« (Abb. 64), erwacht und erfuhr
auf Befragen die Bedeutung dieser Worte. Die Edelleute konnten nach
Gefallen im Lande walten und ließen sich vielfach Bedrückungen des
Volkes zu schulden kommen, und gegenüber diesen Ausschreitungen
sollte der Landgraf hart werden. Er wurde es, führte fortan eine
strenge Regierung und wurde zum Liebling des Volkes, in Ruhla »hart
geschmiedet«.
[Illustration: Abb. 67. _Steinbach._
(Liebhaber-Aufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)]
Von reicher Sage umrankt ist die Regierungszeit des Landgrafen Hermann
~I.~ (1190-1217), der als Fürst in der staatlichen Geschichte jener
Zeit keine hervorragende Rolle spielte, der aber kunstliebend und
freigebig war und die vornehmsten Dichter seiner Zeit zum Wettstreite
einlud. Dieser Wettstreit, der 1207 stattgefunden haben soll, ist als
der Sängerkrieg auf der Wartburg (Abb. 65) bis auf die heutigen Tage
verherrlicht worden. Toll muß die Stimmung jener Zeit gewesen sein,
denn Walther von der Vogelweide sang:
Wer in den Ohren siech ist oder krank im Haupt,
Der meide ja Thüringens Hof, wenn er mir glaubt:
Käm' er dahin, er würde ganz bethöret.
Zu den berühmtesten Sängern außer Walther zählten Wolfram von
Eschenbach, Reinhard von Zwetzen, Heinrich der Schreiber, Bitterolf
und Heinrich von Ofterdingen, während nach der Sage Tannhäuser auf
dem Wege zur Wartburg den Lockungen der Frau Venus im Hörselberge
erlag und einen dauernden Aufenthalt bei der schönen Verführerin den
geistigen Anstrengungen auf der Wartburg vorzog. Zu diesen ritterlichen
Übungen und dem Glanz des Minnedienstes kamen später die Sagen von
der heiligen Elisabeth, der Gemahlin des Landgrafen Ludwig ~IV.~, der
religiösen Schwärmerin und Büßerin, der Wohlthäterin der Armen und
Bedrängten. Im Jahre 1226 wurde Thüringen von einer schweren Hungersnot
heimgesucht, wobei die Landgräfin Elisabeth selbst Brot an die Armen
verteilte. Einst hatte sie unter ihrem Mantel wieder einen Korb voll
Nahrungsmittel, als der Landgraf ihr begegnete und sie mißtrauisch
fragte, was sie unter ihrem Mantel verberge; und siehe da, auf das
inbrünstige Gebet von Elisabeth verwandelte sich der Inhalt ihres
Korbes in duftende Rosen (Abb. 66).
[Illustration: Abb. 68. _Lutherdenkmal an der Lutherbuche._
(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)]
Spätere Fürsten zogen andere Wohnsitze der Wartburg vor, die von
1406 an vereinsamte. Die Wogen des dreißigjährigen Krieges brandeten
glücklicherweise nicht bis zur Wartburg, ebensowenig hatte das
darauffolgende Reifrockjahrhundert mit seiner gesinnungslosen
Franzosentümelei irgend einen Einfluß. Aber der Gedanke der deutschen
Einheit flammte auf und förderte das erste große Burschenfest am 18.
Oktober 1817, wo 500 Studenten zur Wartburg zogen am 300jährigen
Jubeltage der Reformation. In alter Pracht erstand die Wartburg
erst wieder durch den Kunstsinn des Großherzogs Karl Alexander von
Sachsen-Weimar-Eisenach. 1867 war die Erneuerung vollendet, und seither
haben die herrlichen Räume zahlreichen fürstlichen Besuch gehabt,
abgesehen von fröhlichen Wanderern und Weltbummlern, von denen man
300 auf einen Wartburgtag rechnet. Die Schönheit des Baues wird noch
gehoben durch die Schönheit der landschaftlichen Umgebung, die niemals
trefflicher besungen wurde, als durch Scheffels Worte:
Erspart bleibt fürder, willst du Schönheit schauen,
Die Pilgerfahrt nach welschem Land und Meer,
Wetteifernd mit dem besten fremder Gauen
Prangt hier ein Kleinod, kunstdurchglänzt und hehr:
Gleich einem jener Marmorprachtpaläste,
Erstiegen aus Venedigs Meeresschoß,
Hebt sich Thüringens jungfräuliche Feste
Auf deutschem Berge säulenschlank und groß;
Statt Salzflutwogen rauscht um ihre Mauern
Der Eichen und der Buchen flüsternd Schauern.
Bei Hörschel an der Mündung der Hörsel in die Werra erreicht die
Schlußerhebung des Thüringerwaldes, der Sandsteinkopf des großen
Eichelberges, nur noch eine Höhe von 301 ~m~.
[Illustration: Abb. 69. _Luthers Gefangennahme._
(Nach einer Radierung, etwa vom Anfang des ~XVII.~ Jahrhunderts, im
Besitz des Reichspostmuseums zu Berlin.)]
[Sidenote: Schweina. Steinbach.]