preußisches, meiningisches und Sondershäuser Gebiet zusammenstoßen,
entspringt in 790 ~m~ Höhe die Schleuse. In ihrem südlich und
südwestlich gerichteten Laufe bildet sie bis zum Dorfe Oberrod die
Grenze zwischen preußischen und meiningischen Landesteilen. In der
Nähe des Forsthauses Franzenshütte oder »Allzunah«, einer ehemaligen
Glashütte, die »allzunah« an Stützerbach lag und deshalb nicht zu
bestehen vermochte, rinnt ein westlicher Zufluß herab. »Allzunah« ist
in gewisser Hinsicht eine Landschaftsscheide: im Nordwesten herrscht
der Buchenwald vor, und das Land mit seinen Burgen und Schlössern
ist umwoben von Geschichte und Sage aus den Zeiten des Rittertums
und Hofglanzes; im Südosten herrscht auf den kambrischen Schiefern
der Nadelwald vor, und die Ortschaften sind verhältnismäßig neue
Siedelungen, oft nicht viel älter als einige Jahrhunderte.
[Illustration: Abb. 53. _Wartburgblick von der hohen Sonne._]
[Sidenote: Neustadt a. R.]
[Sidenote: Schleusingen.]
Über bewaldeten Thalwänden liegt oben im Porphyritgebiete das
preußische Dorf Frauenwald (800 Einw.), mit Glashütte, in einer
Höhe von 767 ~m~. Östlich fließt der Schleuse der Tannbach zu, der
seine Quelle am Rennsteig hat, beim meiningischen Dorfe Neustadt am
Rennsteig (1300 Einw., wovon 500 zum Sondershäuser Anteil gehören),
erst 1700 gegründet. Der Ort trieb früher Feuerschwammbereitung, da die
Buchenwaldungen der Umgegend reich an Schwamm waren. Bei der Höhenlage
und der ärmlichen Bodenbeschaffenheit ist die Landwirtschaft hier ohne
Bedeutung, und der größte Teil der Bevölkerung ist deshalb industriell
thätig. Als Hausgewerbe wird die Herstellung von Phosphorzündhölzern
betrieben, die dann im Umherziehen verhandelt werden. Die
Zündholzindustrie birgt große Gefahren in sich, da die durch Phosphor
hervorgerufenen Knochenerkrankungen zu den schauderhaftesten aller
Gewerbekrankheiten gehören. Dabei sind die Verhältnisse in der
Hausindustrie viel ungünstiger als in größeren Arbeitsstätten, weil
dort bei den beschränkten ungelüfteten Räumen die Erkrankungen viel
häufiger sind. Von den Hängen des Querenberges fließt der Neubrunn über
Gießhübel (amtlich Gießübel geschrieben, mit 1000 Einw.), das zwischen
kambrischen Schiefern und Porphyrit in ein schönes Thal gebettet ist,
nach dem kleinen meiningischen Flecken Unter-Neubrunn, wo er in die
junge Schleuse mündet. Die Landschaft wird hier widergespiegelt in den
Namen der benachbarten Ortschaften: Schönau, Lichtenau und Engenau, wo
die Schleuse aus dem Rotliegenden hinaustritt ins Gebiet des mittleren
Buntsandsteines, und das am bewaldeten Hang des Schwarzen Kopfes
gelegene Waldau. Den Hauptplatz bildet hier die in grüner Wiesenmulde
gelegene preußische Kreisstadt Schleusingen (3900 Einw.), die alte
Hauptstadt der gefürsteten Grafschaft Henneberg, am Zusammenflusse von
Erlau, Vesser und Nahe mit der Schleuse. Diese Floßwässer begünstigen
einen lebhaften Holzhandel und zahlreichen Mühlenbetrieb. Ein Teil der
Stadt liegt jetzt höher als die schöne Bertholdsburg, die im ~XIII.~
Jahrhundert entstand und im ~XVI.~ Jahrhundert in deutscher Renaissance
erneuert wurde. Eine Glashütte, sowie Fabriken für Porzellan, Bleiweiß
und Papier zeugen von industrieller Thätigkeit.
[Illustration: Abb. 54. _Annathal bei Eisenach._
(Nach einer Photographie von K. Schwier in Weimar.)]
[Sidenote: Schmiedefeld.]
Das schöne Waldthal der Nahe führt hinauf nach dem 716 ~m~ hoch
liegenden preußischen Dorfe Schmiedefeld (2100 Einw.), wo noch
Flachsbau lohnend ist. Der betriebsame Ort liefert besonders Porzellan
und physikalische Instrumente aus Glas. Am 919 ~m~ hohen Eisenberg
findet sich Eisenstein mit einem Eisengehalt von 30-40 vom Hundert,
der ehemals zahlreiche Hammerwerke versorgte. Parallel mit dem
Nahethal läuft das Vesserthal, in dessen oberem Abschnitt auf engem
Raum zwischen Bach, Wiese und den felsigen Thalwänden die Häuschen
des Dorfes Vesser zerstreut sind. Abwärts rücken die Thalwände eng
zusammen und bilden den etwa zwei Stunden langen schönsten Teil des
Thales. Unterhalb des schon 1144 gegründeten Dorfes Breitenbach wird
das Thal flacher und trägt wieder Wiesen und schmale Äcker. Oberhalb
Vesser liegt 749 ~m~ hoch am oberen Rande einer weiten grünen Matte,
die rings von ausgedehnten Buchen- und Fichtenwaldungen umkränzt
ist, das Stutenhaus. Das jetzige Bergwirtshaus war früher ein Gestüt
des Klosters Veßra. Im Westen erhebt sich die Porphyritkuppe des 849
~m~ hohen Adlersberges (Ahornberges), von dessen Aussichtsturm man
eine prachtvolle Rundsicht genießt. Tief im grünen Grunde liegt
Schleusingen, aus der Ferne grüßen mit goldigem Glanze herüber die
Feste Coburg, Schloß Banz und die zweitürmige Klosterkirche von
Vierzehnheiligen, im Westen blaut der Rücken des Rhöngebirges. An
seinem nordwestlichen Abhang schluchtet sich in Granit und Porphyr das
Thal der finsteren Erle, mit mächtigem Buchenwald bedeckt.
[Illustration: Abb. 55. _Fritz Reuters Landhaus bei Eisenach._
(Nach einer Photographie von G. Jagemann in Eisenach.)]
[Sidenote: Gehren. Ilmenau.]
Vom Porphyrkegel des 815 ~m~ hohen Fürstenberges rinnen die Wässer
der Wohlrose und Schobse ab, die sich bei Gehren vereinen. Das
Sondershäuser Städtchen Gehren (2400 Einw.), am Fuße des 809 ~m~
hohen Burzelberges gelegen, hat ein fürstliches Sommerschloß
und viel Industrie. Die Flußufer der Wohlrose sind gebildet von
ausgedehnten Diluvialschottern, die aber zum großen Teile bewaldet
sind. In breiterem Wiesengrunde mündet der Fluß dann in die Ilm;
das Gebiet ist ausgezeichnet durch zahlreiche Teiche, wodurch die
flacher werdende Landschaft außerordentlich belebt wird. Da, wo die
Eisenbahn von Großbreitenbach über Gehren die Ilm erreicht, liegt das
Städtchen Langewiesen (2800 Einw.), dessen Eisenindustrie aber völlig
eingegangen ist. Durch den anmutigen durch Mühlen und Hammerwerk
belebten Hüttengrund gelangt man nach der weimarischen Bergstadt
Ilmenau (8000 Einw.). Unsere Abbildungen (42 und 43) zeigen den Ort
gegen das offene Land und gegen das fichtenbewaldete Gebirge hin,
nach welcher Richtung sich auch die Neubauten ausdehnen, die der
Bedeutung Ilmenaus als Sommerfrische ihre Gründung verdanken. Die
freundliche 473 ~m~ hoch gelegene Stadt wurde schon im ~X.~ Jahrhundert
erwähnt und wechselte oft ihre staatliche Zugehörigkeit, denn sie war
käfernburgisch, hennebergisch, sächsisch; seit 1660 gehört sie zu
Weimar. Ihre Vergangenheit ist verklärt durch die Erinnerung an Karl
August von Weimar und seinen Freund Goethe, die oft hier weilten und in
überschäumender Jugendlust ihre Tage genossen. Goethe feierte Ilmenau
in den 1783 geschriebenen Versen:
Anmutig Thal! Du immergrüner Hain!
Mein Herz begrüßt euch wieder auf das beste;
Entfaltet mir die schwer behangnen Äste,
Nehmt freundlich mich in eure Schatten ein ...
Vom ~XVII.~ bis ins ~XVIII.~ Jahrhundert blühte hier der Bergbau auf
Kupfer und Silber; infolge eines Durchbruchs des Manebacher Teiches
wurden aber die Gruben ersäuft, und auch Goethes Bemühungen konnten
diesen Erwerbszweig nicht retten. Heute werden nur noch Steinkohlen
und Braunstein gewonnen, und die fleißige Bevölkerung ist industriell
thätig; für Fortbildung sorgt eine Fachschule für Glasarbeiter und eine
Gewerbeschule.
[Sidenote: Stützerbach. Gabelbach.]
Im schönen Manebacher Grunde liegt am rechten Ilmufer das weimarische
Dorf Kammerberg, gegenüber am linken Ufer das gothaische Dorf
Manebach. Aufwärts zieht sich der anmutige Meiersgrund, belebt von
Mühlen und Pochwerken, bis zum Dorfe Stützerbach (2000 Einw.). Auf
Preußisch-Stützerbach entfallen 1250 Einw., die übrigen auf den
weimarischen Anteil. Der Ort mit seinen sauberen schieferbekleideten
Häusern ist bekannt wegen seiner Glashütten, worin 300 Arbeiter thätig
sind, und der Glasbläserei für wissenschaftliche Zwecke. Von hier aus
kamen durch Greiner die ersten Thermometer in den Handel. Auf einer
Höhe zwischen Lengnitz und dem einsamen Schortethal liegt 757 ~m~
hoch die Wohnung eines Forstaufsehers, nach dem benachbarten Jagdhaus
»Gabelbach« benannt, wo geistvolle und trinkfeste deutsche Männer
die humoristische Gemeinde Gabelbach begründet haben (Abb. 44). Der
»Sitzungssaal« der Gemeinde (Abb. 45) sowie das Nebenzimmer enthalten
ungezählte Schätze an Bildern und Liedern. Der Gemeindeälteste
(Justizrat Schwanitz) hat es verstanden, hervorragende Kräfte der
Gemeinde zuzuführen, u. a. auch seinen Studiengenossen Victor Scheffel,
der zum Gemeindepoeten ernannt wurde und ihr manch schönes Wort
widmete, und im Bundeslied von der Gemeinde sang:
Und färbt die gerodete Stelle
Sich abendgoldsonnig und klar,
Da sitzen sie all an der Quelle
und bringen ein Rauchopfer dar.
Ehrenschulze der Gemeinde ist Fürst Bismarck, Historiograph der
gemütvolle Schilderer des Thüringer Landes Trinius, jetziger
Gemeindepoet ist Rudolf Baumbach. Unweit davon erhebt sich der schön
bewaldete Porphyrkegel des Kickelhahn (861 ~m~ hoch), ausgezeichnet
durch eine umfassende Rundsicht, die vom Schneekopf und Inselsberg bis
zum Brocken und den Bergen an der Saale reicht, vom Wetzstein bis zu
den Höhen der Rhön. Ilmenau, Gabelbach und Kickelhahn sind innig mit
dem Namen Goethe verknüpft. Hier war er häufig mit seinem jugendlichen
Herzog und der übermütigen Hofgesellschaft, stets geneigt zu tollen
Streichen. Hierher zog es ihn später wieder, als sein Fühlen und Denken
nur noch der Frau von Stein gehörte, und auch als Greis kehrte er gern
zur stillen Waldesstätte zurück. In der Nähe des Aussichtsturmes stand
ein kleines Pirschhaus, das sogenannte Goethehäuschen, in dem Goethe an
einem Septemberabend des Jahres 1783 das herrliche Nachtlied dichtete:
Über allen Gipfeln ist Ruh ...
Das Haus brannte 1870 ab und wurde durch eine getreue Nachahmung
ersetzt (Abb. 46).
[Sidenote: Großer Beerberg.]
Außer der obengenannten Lengnitz rinnen als Quellbäche noch zur Ilm
der aus Granit 798 ~m~ von den Hängen des kleinen Finsterberges
kommende Taubach, und der vom Mordfleck kommende Freibach, der aus
der Vereinigung der Sperbersbäche entsteht. Der große Sperbersbach
entspringt aus dem Rotliegenden unweit der Schmücke 920 ~m~ hoch
und ist die höchste Quelle des Ilmgebiets. Hier an den Hängen des
Sachsensteins finden sich noch alte Kohlenstollen. Aus der Höhe des
Kammes, 911 ~m~ über dem Meere, liegt am Rennsteig eine der höchst
gelegenen Wohnungen Thüringens, das Gasthaus zur Schmücke, ehemals
ein Viehhaus. Ist der Ausblick von den grünen von Fichtenwald
teilweise umrahmten Wiesenmatten auch beschränkt, so hat dieser Platz
doch Wert wegen seiner Nachbarschaft zu den höchsten Erhebungen des
Gebirges. Nach Westen zieht der Rennsteig nach einem »Plänkners
Aussicht« genannten (973 ~m~) Punkt, der nach Süden ein entzückendes
Landschaftsbild erschließt, in die gewerbfleißigen Thäler der
Goldlauter und des Mühlwassers, tief zu Füßen in grüner Umrahmung die
Stadt Suhl und als Begrenzung des schönen Bildes die Gleichberge,
der Dolmar und die Kuppen der Rhön. Nur wenige Minuten steigt man
hinüber zum höchsten Berg des Thüringerwalds, zum 983 ~m~ hohen
Großen Beerberg, dessen flache Kuppe vermoort und durch Fichten
verwachsen ist und deshalb nur einen Ausblick nach Norden, auf die
Höhe des Schneekopfes und die walddunklen Schluchten des Schmücker
Grabens und Steingrabens bietet. Nördlich des Hauptkammes erhebt
sich der Schneekopf, 975 ~m~ hoch, dessen Aussichtsturm die Höhe
des Beerberges noch um 12 ~m~ überragt und dadurch eine umfassende
Rundsicht ermöglicht. Trotz der düsteren Waldumgebung offenbart sich
hier die Formenschönheit des Gebirges in anmutigster Weise; man erfaßt
ein hübsches Bild des großen Hauptkammes und seiner zahlreichen durch
tiefe Waldthäler von ihm getrennter Nebenäste. In der Nähe sieht man
in freundliche Thäler, nach Norden schweift der Blick in das Thüringer
Becken und über Erfurt hinweg bis zu den Höhen des Kyffhäusers und zum
Brocken, im Süden bis zum Steigerwald und Fränkischen Jura, im Osten zu
den Höhen des Osterlandes, im Westen bis zur Rhön. Die Gipfeldecken des
Beerberges und Schneekopfes werden von Porphyr gebildet, das in großen
Decken auftretende Eruptivgestein des Mittelrotliegenden.
[Illustration: Abb. 56. _Eisenach und Wartburg._
(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)]
[Sidenote: Suhl.]
Wo die Bäche der Lauter und des Mühlwassers sich zur Hasel vereinen,
dehnt sich die preußische Stadt Suhl (12000 Einw.) aus und schiebt
bis in die Seitenthäler hinein ihre Schleifmühlen, Pochwerke,
Eisenhämmer, Bohrschmieden und Gewehrfabriken. Am bedeutendsten
ist hier die Waffenindustrie, deren Ruf schon vor Jahrhunderten
durch alle Lande ging. Suhl (Abb. 47) ist die volkreichste Stadt am
Südwestfuß des Thüringerwalds und ihre Gründung knüpfte wohl an die
Aufschließung reicher Eisensteinlager, deren Verarbeitung wiederum
durch das Vorhandensein zahlreicher Wasserkräfte befördert wurde.
Urkundlich wurde die Stadt zuerst im ~X.~ Jahrhundert erwähnt, erlitt
dann im dreißigjährigen Kriege unsägliche Plagen, wodurch von allen
Feuerstätten nur der zehnte Teil übrig gelassen und mutwillig 800
Gebäude niedergebrannt wurden. Nördlich der Stadt erhebt sich der
porphyrische Domberg (670 ~m~) mit dem vorspringenden Ottilienstein
(523 ~m~; die Stadt liegt 425 ~m~ hoch), der in alter Zeit eine der
heiligen Ottilie geweihte Kapelle trug. Die Spitze des Domberges krönt
ein 20 ~m~ hoher Bismarckturm; am Fuße des Berges entspringt die
Ottilienquelle, eine Kochsalzquelle, die für Badezwecke benützt wird.
[Sidenote: Steinbach-Hallenberg. Mehlis.]
Die Hasel nimmt bei Kloster Rohr die aus dem schönen Kanzlersgrund,
wo aus bewaldeter Schlucht felsige Porphyrzacken aufragen und wo die
Wässer bis hoch an den Rennsteig hinauf einschneiden, kommende Schwarza
auf. Dieser ist schon aus dem Granitgebiet von Zella und Mehlis die
Lichtenau zugeflossen. Zwischen beiden Thälern steigt die Porphyrkuppe
des Ruppberges zu 866 ~m~ in die Höhe. Am oberen Knie verengt sich
das Schwarzathal zum Schönauer Grunde, in dem die eisenverarbeitenden
Dörfer Ober- und Unter-Schönau liegen, ersteres mit 1300 Einw. Unweit
davon erheben sich die Porphyrfelsen der Hohen Möst (889 ~m~), einer
der umfangreichsten Felsenbezirke Thüringens mit schöner Aussicht,
unterhalb des 893 ~m~ hohen Donnershauk. Unter der malerischen Ruine
Hallenburg (519 ~m~) liegt der preußische Flecken Steinbach-Hallenberg
(3700 Einw.), seit Erbauung der Eisenbahn von Schmalkalden nach
Zella-Mehlis unmittelbar am Verkehr beteiligt. Die Hauptthätigkeit ist
hier die Nagelschmiederei, die als Handbetrieb freilich nur noch einen
kärglichen Erwerb bringt. In Steinbach-Hallenberg und im Steinbacher
Grunde sind insgesamt etwa 4000 Arbeiter in Schlosserei und als
Nagelschmiede thätig. Die Burg ist im ~X.~ Jahrhundert erbaut worden,
war später hennebergisch und dann kurhessisch, ist aber 1866 mit dem
umliegenden Waldgebiet (Hessenwald) an den Herzog von Coburg und Gotha
gekommen.
[Illustration: Abb. 57. _Wartburg._
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]
[Sidenote: Zella St. Blasii.]
In grünem Wiesenthale liegen schon im Gebiet des unteren Buntsandsteins
die Dörfer Herges (Hallenberg) und Viernau (1400 Einw.), und bei der
Einmündung der Lichtenau in die Schwarza das Dorf Schwarza (1300
Einw.). Im Lichtenauthal aufwärts liegt das Dorf Benshausen (1700
Einw.), ehemals berühmt durch bedeutenden Weinhandel, der länger als
200 Jahre blühte und durch den Frachtverkehr große Einnahmen brachte.
Der Rote Bügel (oder die Rote Wand) wird von der Eisenbahn in 228 ~m~
langem Tunnel durchfahren, die dann nach Mehlis und Zella führt. Mehlis
(4000 Einw.), seit 1894 Stadt, und die Stadt Zella St. Blasii (3800
Einw.) sind gothaisch und gleich Suhl hervorragend in der Herstellung
von Schießwaffen. Ihre Lage im tiefen Thalkessel, umgeben von grünem
Bergkranze, ist überaus malerisch, wenn auch der Lichtenauer Grund
seit Anlage der Eisenbahn landschaftlich verloren hat. Zella entstand
der Sage nach aus einer zum Kloster Reinhardsbrunn gehörigen Zelle,
die der Graf von Nordeck aus den Mauertrümmern des auf dem Ruppberg
zerstörten Raubschlosses zu einem Kloster ausbaute, das 1228 dem
heiligen Blasius geweiht wurde. Um das Kloster siedelte sich dann
allmählich die Ortschaft an. Im Granitgebiete von Zella, Mehlis und
Suhl finden sich zahlreiche Gänge von Porphyr.
[Illustration: Abb. 58. _Hof der Wartburg._
(Liebhaber-Aufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)]
[Sidenote: Gehlberg.]
Einen ähnlichen Charakter wie die oberen Ilmzuflüsse haben auch
die beiden Gerazuflüsse. Die wilde Gera hat ihre bedeutendsten
Quellbäche im Schmücker Graben 886 ~m~ hoch und im Schneetiegel, die
den Schneekopf westlich und östlich umschließen. Hier war früher ein
günstiger Fundplatz für die Schneekopfkugeln (Porphyrkugeln), deren
Inneres Achat, Amethystkrystalle oder Jaspis enthält. Die zahme Gera
(auch weiße oder alte Gera genannt) entspringt in einer Höhe von
870 ~m~ am Sachsenstein. Beide Bäche umfließen eine Hochfläche, aus
welcher in einer Höhe von 700 ~m~ auf grünen Matten das Dorf Gehlberg
liegt, mit einer großen Hohlglashütte, die Thermometer, physikalische
und chemische Instrumente liefert. In das Thal der wilden Gera tritt
die Eisenbahn ein, die von Ritschenhausen über Suhl kommt und in
dem 3038 ~m~ langen und 247 ~m~ unter der Brandleite in den harten
Hornsteinporyhyr gebohrten Tunnel das Gebirge kreuzt, um weiter nach
Arnstadt zu führen. Der Scheitelpunkt des Tunnels liegt 639 ~m~ über
dem Meere und ist der höchste Punkt der Bahn, im Gerathal läuft sie
zunächst in einem fast 1 ~km~ langen Einschnitt, tief unter den Buchen
und Fichten des Bärenkopfes. Die wilde Gera verläßt das Gebirge
oberhalb des gothaischen Dorfes Gräfenroda (2300 Einw.), nachdem sie
den wildschönen Dörrberger Grund durchrauscht und sich tief in den
Porphyr eingewaschen hat.
[Sidenote: Gräfenroda. Elgersburg.]
Gräfenroda hat bedeutende Industrie und treibt auch Pechsiederei. Der
Austritt der zahmen Gera aus dem Gebirge erfolgt bei dem gothaischen
Dorfe Arlesberg, das Viehzucht treibt und bedeutenden Grubenbau auf
Braunstein hat, der in zahlreichen Pochhämmern zertrümmert wird. Der
anmutige Jüchnitzgrund führt hinauf zum einsam gelegenen Mönchshof.
Wie Arlesberg liegt an der Gesteinsgrenze auch das gothaische Dorf
Elgersburg (1000 Einw.), einer der lieblichsten Badeorte Thüringens,
hingelagert auf grüner Matte und geschützt von einer tannengeschmückten
Porphyrwand. Teilweise liegt Elgersburg in einer gleichseitig zum
Gebirgsrande verlaufenden Thalsenke, die durch starke Verwitterung und
Auswaschung der Sandsteinschichten entstanden ist. In der anmutigen
Umgebung nimmt das Körnbachthal einen bevorzugten Rang ein, nicht
allein wegen der schönen Felsenhallen des Körnbachgrundes, sondern
auch wegen seiner Erinnerungen an Goethe, der in das Fremdenbuch der
jetzt abgebrochenen Massenmühle einige Verse schrieb. Von der Felshöhe
leuchtet jetzt sein Name in vergoldeten Lettern herab. Auf steilem Fels
ragt das alte im ~XI.~ Jahrhundert erbaute Schloß empor, dessen Brunnen
von einer 900 ~m~ langen vom Rumpelsberge herkommenden Röhrenleitung
gespeist wird und das jetzt zur Badeanstalt gehört. Von Ilmenau fließt
die trockene Gera ab, die oberhalb von Plaue in die zahme Gera mündet.
[Sidenote: Oberhof.]
Von der wilden Gera führen die prächtigen Waldthäler des Sieglitzbaches
und der Lütsche hinauf zur Höhe des Gebirges. Dort kreuzen sich mit
andern Straßen in einer Höhe von 810 ~m~ die große Straße von Erfurt
nach Suhl am Geleitshause zum »oberen Hof«, dem heutigen Oberhof. Diese
Waldstraße wird urkundlich schon im ~XIII.~ Jahrhundert erwähnt. Hier
fanden damals die zwischen Thüringen und Franken hin und her ziehenden
Wagenzüge mit ihren Handelsgütern bewaffneten Schutz, der sie bis zum
nächsten Geleitshause brachte. Jahrhunderte bestand hier wie im ganzen
deutschen Lande diese Geleitseinrichtung, der einzige Schutz gegen
die auf ihren den Hauptstraßen benachbarten Burgen hausenden adeligen
Räuber. Das gothaische Dorf (400 Einw.) liegt auf ebenem grünen Plan
(Abb. 48), rings von Wald umgeben, hat ein herzogliches Jagdschloß
und ist wegen seiner reinen Luft als Sommerfrische stark besucht.
Von der Kammhöhe ziehen zahlreiche Waldgründe nach Norden hinab, vor
allem erwähnenswert der Schwarzwaldgrund und der Kerngrund, schöne
Porphyrthäler mit herrlichem Waldschmucke. Die Dörfer Schwarzwald (900
Einw.) und Stutzhaus (600 Einw.) stoßen mit ihren langen Häuserreihen
fast aneinander. Zu Füßen des 716 ~m~ hohen Kienbergs liegt das
ehemalige Schmelzwerk Luisenthal, jetzt eine kleine Sommerfrische.
[Illustration: Abb. 59. _Wartburghof mit Luthers Wohnung._
(Liebhaber-Aufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)]
[Sidenote: Tambach.]
[Sidenote: Georgenthal.]
Von den Höhen des Roßkopfes und des Sperrhügels rinnen die Quellen
der Apfelstedt, die sich bei Tambach und Dietharz mit den Gewässern
des felsigen Schmalwassergrundes, des Mittelwassergrundes und des
Spittergrundes vereinigen. Dietharz (800 Einw.) und der Flecken
Tambach (2300 Einw.) sind gothaisch und stammen beide aus dem ~XIII.~
Jahrhundert. Sie hatten schon damals Wichtigkeit wegen der Straße, die
über den Nesselberg auf die andere Seite des Gebirges nach Schmalkalden
führte. Tambach hat die seit dem dreißigjährigen Kriege erloschene
Eisenbearbeitung ersetzt durch Viehzucht, Holzhandel und Gewerbe.
Beide Orte sind beliebte Sommerfrischen geworden. Im oberen Teile des
felsigen Spittergrundes fällt der Spitterfall oder das Gespring 20 ~m~
hoch über eine Thalstufe herab, der größte natürliche Wasserfall des
Thüringerwaldes, der an solchen wässerigen Naturschönheiten sehr arm
ist. Von Dietharz führt eine Eisenbahn durch den von Säge-, Papier-
und Lohmühlen belebten Apfelstedter Grund hinaus nach Georgenthal
(900 Einw.). Auf der Berghöhe in der Nähe des Platzes, wo jetzt die
Winfriedsäule errichtet ist, gründete 1143 Graf Sizzo ~III.~ von
Käfernburg ein dem heiligen Georg geweihtes Kloster und besetzte es
mit Cisterciensern, damit sie für ihn beten möchten, »sintemalen
er keine Zeit dazu habe«. Im Jahre 1186 wurde das Kloster ins Thal
verlegt, wo die Mönche Teiche schufen und Mühlen bauten, Acker- und
Wiesenbau förderten und Fischzucht und Bergbau trieben. Bald war das
Kloster zu Reichtum gelangt und besaß außer den im Dietharzer Grund
gelegenen Burgen Falkenstein und Waldenfels zehn Dörfer, viele Mühlen
und Güter, und eine ganze Anzahl Häuser in den Städten Gotha, Eisenach,
Arnstadt und Erfurt. Im Jahre 1525 fiel das Kloster in den Wirren
der Bauernkriege, und auf seinen Trümmern wuchs das Dorf Georgenthal
langsam empor.
[Illustration: Abb. 60. _Die Lutherstube in der Wartburg._
(Nach einer Photographie von G. Jagemann in Eisenach.)]
Auf der Höhe des Ziegelberges ragen die Häuser von Altenbergen und
Catterfeld (1000 Einw.) empor, wo Hausarbeit für die Walterhausener
Spielwarenindustrie schafft und wo fruchtbare Wiesen Viehzucht
begünstigen. Über dem Dorfe Altenbergen erhebt sich die Winfriedsäule
oder der Bonifatiusleuchter (deshalb auch mit dem häßlichen Wort
Kandelaber benannt), der Sage nach an der Stelle, wo der Apostel
der Deutschen, Bonifatius, das erste Kirchlein in Thüringen
gebaut haben soll. Die wenigen Grundmauern rühren aber von jenem
Kirchlein her, das Graf Ludwig mit dem Barte 1040 dort erbaute. Der
Bonifatiusleuchter wurde erst 1811 errichtet, auf acht Steinkugeln
und mehrfach gegliedertem Sockel in roh antikisierender Form eines
10 ~m~ hohen Riesenleuchters, oben mit einer von drei Engelsköpfen
gehaltenen Pfanne endend, aus welcher steinerne Flammen aufsteigen. In
Wirklichkeit hat Bonifatius die erste Kirche in Thüringen an der Stelle
gebaut, wo jetzt die Michaeliskirche in Ohrdruf steht.
[Illustration: Abb. 61. _Das Landgrafenzimmer._
(Nach einer Photographie von G. Jagemann in Eisenach.)]
[Sidenote: Inselsberg.]