die nördliche Abdachung eine etwas eintönige Landschaft auf breiten
Rücken. Der Wald ist hier nicht überall gut gepflegt, die Felder
oft mit langen Steinhalden an den Rändern versehen, die Thalränder
aber meist gut bewaldet. Von den Hohlebrunnwiesen, 601 ~m~ hoch,
unter dem aussichtsreichen Lobensteiner Kulm (728 ~m~ hoch) kommt
die Thüringische Moschwitz herab, die Grenze zwischen Bayern und
Reuß jüngere Linie bildend. An der aus den Lemnitzer Wiesenmulden
herabkommenden Lemnitz liegt die ehemalige Residenz des Fürsten
von Reuß-Lobenstein, die Stadt Lobenstein (2900 Einw.), überragt
vom 30 ~m~ hohen Wartturm, die Reste einer alten Burg. Die Stadt
hat als Badeort Wichtigkeit, da sie Stahlquellen besitzt und durch
die Eisenbahnverbindung nach Blankenstein und über Remptendorf
nach Ziegenrück dem Verkehr näher gerückt ist. Auf dem nördlichen
durchschnittlich 500 ~m~ hohen Gelände liegt an der Friesa der Flecken
Ebersdorf (800 Einw.), eine besuchte Sommerfrische mit evangelischer
»Brüdergemeine«. Das Schloß war früher Residenz der Fürsten von
Reuß-Ebersdorf-Lobenstein, jetzt Amtsgebäude.
[Illustration: Abb. 37. _Leuchtenberg und Friedensburg._]
[Sidenote: Leuchtenberg.]
Wie die ausgespreizten Finger einer Hand vereinen sich die
forellenreichen Quellbäche der Sormitz, die herniederrauschen durch
frischen Fichtenwald, bei dem freundlich gelegenen reußischen
Flecken Wurzbach (1900 Einw.). Hier werden die aus den benachbarten
Schieferbrüchen geholten Platten zu Schiefertafeln verarbeitet. Eine
schöne Poststraße führt abwärts, vorüber an vielen Hämmern, die
jetzt aber nur noch Sägewerke sind, nur die Heinrichshütte ist das
einzige noch im Frankenwald bestehende Eisenwerk. Früher bestanden
hier Silbergruben nebst Schmelzen. Schädlich für die Fischzucht sind
die roten, schwefelsaure Thonerde enthaltenden Niederschläge, die aus
den Schieferhalden von Schmiedebach herrühren. Im unteren Sormitzthal
leuchtet aus der grünen Umgebung weiß schimmernd das rudolstädtische
Städtchen Leuchtenberg (1280 Einw.), das aber nur noch 302 ~m~ hoch
liegt und als Sommerfrische besucht wird (Abb. 37). Über der Stadt
erhebt sich auf dem 100 ~m~ hohen Schloßberge die Friedensburg, eine
unregelmäßige Anlage aus dem ~XV.~ und ~XVII.~ Jahrhundert.
[Illustration: Abb. 38. _Sonneberg._
(Nach einer Photographie von Horn & Sohn in Sonneberg.)]
[Sidenote: Ludwigstadt. Probstzella.]
Nördlich des Rennsteigs, unweit des Dörfchens Brennersgrün, erhebt
sich der fichtenbewachsene Wetzstein (785 ~m~), der höchste Berg des
Frankenwaldes. Westlich davon rinnen die Quelladern der Loquitz, die
sich nach einem außerordentlich gewundenen Laufe bei Eichicht in die
Saale ergießt. Am oberen Flußlauf ist das bayerische Ludwigstadt (1700
Einw.) die bedeutendste Siedelung. Auf dem nördlichen Hange gelegen,
hat der Marktflecken zu Bayern erst engere Verkehrsbeziehungen erhalten
durch die Eisenbahn, die hier Süd und Nord miteinander verbindet.
In der Nähe gibt es viele Schieferbrüche, deren Ausbeute zu Tafeln,
Dachschiefern und Wetzsteinen verarbeitet wird. An der Einmündung
der Zopte liegt der meiningische Flecken Probstzella (1200 Einw.),
mit Porzellan- und Holzwarenindustrie. Probstzella (des Probstes
Zelle) verdankt seine Entstehung einer Kapelle, die das Saalfelder
Peterskloster hier für die zerstreut wohnenden Wäldler erbauen ließ.
In der Nähe bestehen große Schieferbrüche, besonders am Bocksberg
(Schieferbruch Selig) und am Kolditzberg sowie bei Kleinneundorf. Im
ehemaligen Eisenhammer Gottesgabe ist heute eine Steinschleiferei
thätig, wo Thonschiefer zu verschiedenartigsten Gebrauchsgegenständen
verarbeitet wird. Bei Hockeroda mündet die Sormitz in die Loquitz; der
Hockerodaer Hammer ist jetzt eine Holzstofffabrik.
[Illustration: Abb. 39. _Mündung des Schwarzathals._
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]
[Sidenote: Lehesten. Schieferindustrie.]
Von Ludwigstadt führt eine Zweigbahn zum meiningischen Städtchen
Lehesten (2000 Einw.), dem Hauptsitz der thüringischen
Schieferindustrie und der größten Schieferbrüche des europäischen
Festlands überhaupt, die einen Jahresumsatz von über 2½ Mill. Mark
erzielen bei einer Produktion von 42000 Tonnen (je zu 1000 ~kg~).
Der thüringische Schiefer ist in Bezug auf Güte und Schönheit
unerreicht und deckt mit seinen Tafeln die Dächer vieler Gebäude in
allen Weltteilen. Eine Masse von Arbeit ist nötig, ehe der Schiefer
zum fertigen Gebrauche vorliegt. Am gesuchtesten ist der Dach- und
Tafelschiefer von glänzend blauschwarzer Farbe, der sich noch durch
Leichtigkeit, Feinheit, Reinheit und Dauerhaftigkeit auszeichnet. Von
den Tafeln kommen die größten unter Hobelmaschinen und ersetzen dann
die Marmorplatten bei Billards u. s. f. In ungeheuerer Anzahl wurden
früher die kleinen Schiefertafeln für Schulzwecke hergestellt, doch
ist die Herstellung wegen der geringeren Nachfrage zurückgegangen.
Das Bearbeiten der Tafeln erfolgt vielfach als Hausindustrie, und in
manchem ärmlichen Dörfchen des Gebirges sind viele fleißige Hände
thätig bis hinab zu den Kinderhänden, die hier nur durch dauernde
Arbeit das Wort: »Viel Kinder viel Segen« wahr machen können. Die
Tafelindustrie ist in Lehesten und Gräfenthal am stärksten, neuerdings
auch in den bayerischen Bezirken Kronach und Stockheim. Die Konkurrenz
der Aufkäufer und Großhändler hat die Wirkung gehabt, daß hier wie
fast in allen hausindustriellen Gebieten die Preise bis zum äußersten
herabgedrückt sind. Wöchentlich kann eine Familie etwa ein Schock
Tafeln liefern, wofür 18 bis 20 Mark bezahlt werden; an Kosten für
Schiefer gehen aber fast drei Viertel davon ab, so daß für die ganze
Arbeit von 14 bis 18 Stunden täglich noch nicht eine Mark bleibt; das
Holz ist als kostenlos zu berechnen, da man so viel »findet«, als
man braucht. In neuester Zeit wird aber auch viel Schweizer Schiefer
verarbeitet, der einschließlich der Fracht noch billiger ist als der
an Ort und Stelle gebrochene. Die billige Hausindustrie ist hier immer
noch erfolgreich in Wettbewerb mit den gut eingerichteten Tafelfabriken
Rheinlands und Westfalens, sie hat aber den amerikanischen Markt
verloren, da dort aus eigenem Schiefer jetzt Tafeln hergestellt werden.
[Sidenote: Griffelindustrie.]
In besonderen Brüchen wird der Griffelschiefer gebrochen, der die
zahllosen Schieferstifte liefert. Die Griffelindustrie war früher in
Sonneberg stark vertreten, ist jetzt aber mehr in den schieferreichen
Gebieten bei Steinach, Lehesten und Gräfenthal vorhanden. Der in den
Brüchen gewonnene Stein muß leicht spaltbar und weich sein, weshalb
er möglichst feucht gehalten und vor Wind und Sonnenstrahlen behütet
wird. Auch beim Griffelmachen müssen alle Familienmitglieder mithelfen:
der Vater bricht den Stein, sägt und zerspaltet ihn; das Runden,
Aussuchen, Bemalen oder Bekleben und Spitzen besorgen Frau und Kinder.
Eine Griffelmacherfamilie fertigt wöchentlich 12000 bis 15000 Griffel,
von deren Verkaufspreis die Lebensführung abhängig ist. Aber auch hier
kam rücksichtsloseste Konkurrenz zwischen den privaten Griffelmachern
und den Genossenschaften, so daß trotz aller Mühe der Preis für das
Tausend bis eine Mark und darunter sank. Eine andere Schieferart
liefert den harten hellfarbigen Wetzschiefer, woraus die Wetzsteine
hergestellt werden. Die größten Schieferbrüche sind der herzogliche
Schieferbruch mit 600 Arbeitern, und der Oertelsche Schieferbruch
mit etwa 1000 Arbeitern, durch eine 3 ~km~ lange Zahnradbahn mit dem
Bahnhof Lehesten verbunden. Diese Betriebe gehören geologisch zum
Kulm oder unteren Karbonformation, in der Thonschiefer vorherrschen,
während in der oberen Karbonformation die Grauwacken überwiegen. Oft
durchsetzen Grünsteine die meist steil aufgerichteten Schieferlager, so
im malerischen Höllenthal (unteres Selbitzthal), am Lobensteiner Kulm,
im Thale der wilden Rodach und anderwärts, aber auch Granit, wie am
Hainberg (704 ~m~) bei Schmiedebach unweit von Lehesten.
[Sidenote: Erdgeschichte des Frankenwaldes.]
Es sind im Frankenwald dieselben Kräfte thätig gewesen, die das obere
Gebiet des Osterländischen Stufenlandes geformt haben und die sich noch
weiter äußerten im Schiefergebiete des südöstlichen Thüringerwaldes.
Durch den von Südost wirkenden Druck wurden auch hier die älteren
Schichten zusammengeschoben und emporgehoben zu mächtigen Faltungen,
welche die streifenartige Anordnung der Formationen bedingen. Im
ganzen Schiefergebirge des Thüringerwalds, des Frankenwalds und
des Osterländischen Stufenlands, sowie im Fichtelgebirge sehen wir
nur noch einen Teil des alten Hochgebirges, das von Südwesten nach
Nordosten sich quer durch Mitteleuropa erstreckt. Im Thüringerwald
kreuzte sich mit diesem nordöstlichen Faltensystem ein nahezu senkrecht
darauf stehendes nordwestliches, die zusammen den verwickelten
geologischen und Oberflächenbau unseres Gebietes hervorgerufen haben.
Gegen Ende der Steinkohlenzeit stiegen diese Mitteldeutschen Alpen
wahrscheinlich zu ihrer größten Höhe empor, woran sich dann wieder
die Periode des Verfalls anschloß. Abtragung durch Wasser, das an
der Zertrümmerung und Wegschaffung der Gesteinsmassen arbeitet;
ferner Senkungen und Spaltenbildungen, womit wohl die gewaltigen
Ausbrüche von Eruptivgesteinen im Unterrotliegenden in ursächlichem
Zusammenhange stehen. Das Endresultat war eine annähernde Einebnung der
Mitteldeutschen Alpen, zumeist durch Ablagerungen des Rotliegenden,
die von den Wässern in die Vertiefungen getragen wurden. Später
drang das Meer weit in das bisherige Festland ein, hobelte die noch
bestehenden Höhen ab und brachte die Ablagerungen des Zechsteins,
der Triasformation (Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper), des Jura
und der Kreide. Viele dieser Schichten haben damals das alte Gebirge
des Thüringerwalds überdeckt, sind aber bis auf geringe Reste der
Zerstörung anheimgefallen. Der aus Südwesten wirkende gewaltige Druck
bewirkte nun neben Faltungen auch vielfache Zerreißungen. Ausgedehnte
Landschollen sanken in tiefere Lagen, und in ursprünglicher Höhe
blieben nur wenige »Horste« stehen, zu beiden Seiten des großen
Thüringischen Senkungsfeldes (der Triasmulde) als wichtigste Landformen
die Horstgebirge des Thüringerwalds und des Harzes. Von geringerer
Bedeutung sind die Horste des Kyffhäusers, des sogenannten kleinen
Thüringerwalds bei Schleusingen und die Görsdorfer Scholle bei
Eisfeld. Durch bedeutende teils durch Verwerfungen und Absenkungen
erfolgte Verschiebungen kam der heutige Thüringerwald in eine
höhere Lage als die beiderseits anstoßenden Senkungsfelder. Weiter
folgten dann noch starke atmosphärische Abtragungen, die meist die
jüngeren Ablagerungen angriffen und häufig bis auf das alte Gebirge
zurückgingen, die aber auch Veranlassung haben zu den heutigen weichen
Umrißlinien des Gebirges, wodurch die thüringische Landschaft so
reizvoll wirkt.
[Illustration: Abb. 40. _Blankenburg und Burg Greifenstein._
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]
~VII.~
[Sidenote: Südöstlicher Thüringerwald.]
Wir wandern aus dem Frankenwald hinüber in den benachbarten
Thüringerwald, aber dem Auge bleibt die Scheidegrenze verborgen,
da sie nicht von der Natur sehr sichtbar vorgezeichnet wurde. Über
uns rauschen immer noch die dunklen Fichten und Tannen, und wo wir
hinausblicken aus dem Wald, da vermeinen wir die gleichen fernen Höhen
und nahen Thäler schon irgendwo gesehen zu haben, die uns jetzt in die
Erscheinung treten.
Dieser südöstliche Teil des Thüringerwaldes ist meist von kambrischem
Schiefergebirge gebildet und gleicht daher auch in seinen
Oberflächenformen sehr dem benachbarten Frankenwalde. Auch hier ragen
die Gipfelhöhen aus der Hauptmasse des Gebirges nicht allzu kräftig
empor, wenngleich sich das Gebirge schon etwas verschmälert und dadurch
den Anfang zur Ausbildung eines Gebirgskammes macht, der aber erst im
Nordwesten völlig ausgebildet erscheint.
[Sidenote: Kohlen.]
Der südöstliche Teil des Thüringerwaldes reicht von der Wasserscheide
zwischen Loquitz und Haßlach in einer Kammlänge von 38 ~km~ und einer
mittleren Breite von 20 ~km~ bis zur Schwalbenhauptwiese, also etwa bis
zu einer Linie, die man von Amt Gehren nach Gießhübel und Unterneubrunn
zieht. Der Rennsteig, der auf der Höhe des Gebirgs entlang führt, mißt
von der Bahn Probstzella-Hochstadt bis zur Schwalbenhauptwiese 44 ~km~.
Die Hauptmasse besteht aus kambrischen Schiefern, denen auf der Linie
Mengersgereuth-Steinach im Südwesten bis Saalfeld im Nordosten ein
Silurband von wechselnder Breite und ein schmaler Devonzug aufliegen.
Im Süden des Rennsteigs reicht dieses Devonband über Ludwigstadt bis
Lehesten und ist wichtig wegen ockerhaltigen Schichten und Knotenkalk.
Daran schließt sich ein Silurstreifen, der eine kambrische Scholle
umschließt. Weiter nach Südosten folgen die mächtigen Schichtenmassen
der Kulmschiefer, in der Umgegend von Stockheim zu beiden Seiten des
Haßlachthales von Rotliegendem überlagert. Der Silur ist wegen seines
Gehaltes an Eisen und Griffelschiefern wichtig, im Kulm befinden sich
die großen Dachschieferbrüche. Die jüngere (produktive) Steinkohle kam
im Thüringerwalde nicht zur Entwickelung, dagegen gibt es zahlreiche,
wenn auch minder ergiebige Kohlenflötze im Rotliegenden, bei Stockheim,
Eisfeld, Manebach und Kammerberg, Schmalkalden, Tambach, Thal u. s. f.
Im Westen unseres Gebiets stößt Kambrium an das Rotliegende und die
Porphyrite der Bogenlinie Amtgehren-Schleusegrund, noch im Westen der
Schleuse zungenartig hinübergreifend über Frauenwald bis zum Adlersberg
und Schmiedefeld ins Gebiet der Porphyrite und Quarzporphyre.
Die durch die Thäler der Loquitz und Haßlach und über den Kamm
des Gebirges führende Eisenbahn von Saalfeld über Probstzella
und Stockheim nach Lichtenfels ist nicht nur eine bedeutende
Verbindungslinie zwischen Nord und Süd geworden, eine Konkurrenzbahn
für die früher allein wichtige Hauptbahn Leipzig-Hof, sondern hat
auch in manche Thäler regeres Leben gebracht, besonders durch die
Zweigbahnen Schwarza-Paulinzella-Arnstadt, Probstzella-Wallendorf
und Ludwigstadt-Lehesten. In Ludwigstadt übersetzt die Bahn den im
Trogenbachthal liegenden Ortsteil auf einem 200 ~m~ langen, auf fünf
mächtigen, 26 ~m~ hohen Steinpfeilern ruhenden eisernen Viadukt, steigt
dann 1 : 40 an und überschreitet die Kammlinie des Gebirges, also die
Wasserscheide zwischen Elbe und Rhein, mittels eines 7-13 ~m~ tiefen
und 1400 ~m~ langen Einschnittes in einer Höhe von 594 ~m~ über dem
Meere. Der bayerische Flecken Rothenkirchen (750 Einw.) liegt nur noch
410 ~m~ hoch und treibt Flachshandel. Beim bayerischen Dorfe Stockheim
(800 Einw.) und dem benachbarten meiningischen Flecken Neuhaus (1200
Einw.), beide im Gebiete des Rotliegenden, gibt es die ergiebigsten
Steinkohlengruben Thüringens. Die Produktion auf den meiningischen
Gruben betrug 1896 für Heiz- und Schmiedekohlen 325000 Centner im Werte
von 106000 Mark. Im Tettauthale, das hoch vom Kamm herabkommt und bei
Pressig ins Haßlachthal mündet, herrscht reges, gewerbliches Leben.
Der meiningische Flecken Heinersdorf (1400 Einw.) und das bayrische
Dorf Tettau mit Porzellanfabrik und der Glasfabrik Alexandershütte
sind die wichtigsten Plätze in dem grünen Thale. Landschaftlich
wichtiger ist das westliche, benachbarte Gebiet, das seine Zuflüsse in
der Steinach (steinige Ache = steiniges Wasser) sammelt, die aus den
Quellen des Bernhardsthaler Teiches am Rennsteige entsteht und die über
Unter-Lauscha bis Köppelsdorf ein Waldthal durchströmt, das mit seinen
Nebengründen (Höritzgrund u. a.) herrliche Naturbilder bietet und durch
Mühlen- und Hammerwerke belebt ist. Die Steinach ist durch Anlage von
Sammelteichen dem Flößereibetriebe dienstbar gemacht, auch führt jetzt
das Thal aufwärts eine Bahn bis Lauscha. Ein schon 1578 angelegter
Floßgraben führt von Oberlind nach Neustadt an der Heide, und verbindet
dadurch die Steinach mit der Röden und Itz.
[Illustration: Abb. 41. _Paulinzella._
(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)]
[Sidenote: Lauscha. Steinach.]
Wir betreten hier eine Gebirgslandschaft, die bis zu den Kammhöhen
hinauf vom Segen der Arbeit befruchtet wird und deshalb auf
verhältnismäßig magerem Boden und trotz ausgedehntester Waldungen
volksreiche Ortschaften aufweist. Im Osterländischen Stufenlande
hat sich die Textilindustrie zur Großindustrie umgewandelt, daran
schließt sich im Frankenwalde eine großartige Schieferindustrie,
die vielfach noch hinübergreift in den Thüringerwald, wo sich dann
Porzellan- und Glasindustrie anschließen, um im Südwesten in der
Eisenindustrie ihren Abschluß zu finden. Am Rennsteig oben liegt das
mit Neuhaus fast zusammenstoßende sperlingslose Dorf Igelshieb (800
Einw.), mit 838 ~m~ Meereshöhe das höchst gelegene Dorf Thüringens,
auf waldumrahmter Hochfläche in lang gestreckter Häuserreihe. Die
Häuser sind mit Schiefer oder wetterdunklen Brettern beschlagen, die
Bewohner arbeiten in der Glasfabrikation. In der oberen Thalmulde liegt
das meiningische Dorf Lauscha (4400 Einw.) mit durch eigentümliche
Mundart, Tracht und Sitte charakterisierter Bevölkerung, die
sich durch Fleiß und Erfindungsgabe ebenso auszeichnet wie durch
Lebensfreudigkeit und Spottlustigkeit. Hier »in der Lausche« war der
Ursprung der thüringischen Glasindustrie, hier gründeten 1595 Greiner
aus Schwaben und Müller aus Böhmen (deren Namen noch heute zahlreiche
Familien tragen), die erste Glashütte, die zum Vorbilde für alle
anderen derartigen Anstalten wurde. In den in Lauscha bestehenden drei
Glashütten werden die verschiedenartigsten Gegenstände gefertigt:
künstliche Menschenaugen, Glasaugen für ausgestopfte Tiere und Puppen,
Glasblumen und -früchte, Perlen, Spielwaren. Auch werden Glasspinnerei
und Porzellanmalerei getrieben. Schon 1867 wurde hier eine Gasfabrik
errichtet zur Speisung der Lampengebläse für die Glasbläser in
Lauscha sowie der höher gelegenen Dörfer Ernstthal, Igelshieb und
Neuhaus. Weiter abwärts im engen Thal liegt der meiningische Markt
Steinach (5300 Einw.) mit Schiefer- und Griffelbrüchen, sowie einer
Glashütte. Auf der Höhe zwischen dem Steinacher Hüttengrund und dem
Tettauthal bauen sich in langer Reihe die Häuser des Fleckens Judenbach
(2000 Einw.) auf, dessen Bewohner Spielwaren herstellen oder in den
Porzellanfabriken Hütten-Steinach (960 Einw.) arbeiten. Judenbach
war früher eine wichtige Haltestelle an der großen Handelsstraße
von Nürnberg nach dem Norden, und es gediehen hier Fuhrbetrieb und
Geleitswesen.
[Illustration: Abb. 42. _Ilmenau._
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]
[Sidenote: Sonneberg. Sonneberger Spielwarenindustrie.]
Von Judenbach aus führt die Straße nach dem ärmlichen am Kamm
liegenden Griffelbrecherdorfe Spechtsbrunn fast immer in gleicher
Höhe von 700 ~m~ fort. Die Gipfel erheben sich hier nicht bedeutend
aus ihrer Umgebung heraus, der höchste bis 868 ~m~ Höhe ist das
Kieferle bei Steinheid, der aber keinen umfassenden Rundblick
bietet. Von seinen Flanken rauscht der Effelder Bach zu Thale,
an dem Mengersgereuth und Effelder (930 Einw.) liegen, beide mit
zahlreichen Mahl- und Märbelmühlen (Märbeln = Murmeln, die kleinen für
Kinderspiele hergestellten Kugeln). Am Austritt des Rödenbaches aus dem
Schiefergebirge, an der Grenze zwischen Kulmformation, Buntsandstein
und des Oberlindischen Diluvialbeckens erhebt sich die 1317 zuerst
urkundlich genannte meiningische Stadt Sonneberg (12200 Einw.), der
Mittelpunkt der thüringischen Spielwarenindustrie, deren Erzeugnisse
sich in allen Weltteilen Absatzgebiete erobert haben (Abb. 38). Hier
ist das Wunderland für die Freuden der Kinderwelt, denn hier wird das
herrliche Spielzeug geschaffen, das Tausende von Händen aus Holz und
Papier, Glas oder Porzellan, aus Marmor oder Steinen hervorbringen.
Diese Industrie gelangte von Nürnberg her auf der alten über Sonneberg
führenden Handelsstraße ins meiningische Oberland, ist in ihren
Anfängen bis ins ~XIV.~ Jahrhundert zurückzuverfolgen, aber erst seit
dem ~XVIII.~ Jahrhundert konnte sich ein Aufschwung vorbereiten.
Für die mannigfaltigsten Unternehmungen war schon von der Natur
ein günstiger Boden gegeben, der Holz, Kohle, Schiefer, Marmor,
Sandstein, Thon u. a. spendete, deren Verarbeitung wiederum durch
Wasserkräfte erleichtert wurde. Schon immer trieben die Waldbewohner
im Gebirge allerlei Hausgewerbe, besonders Herstellung hölzerner
Gebrauchsgegenstände. Zu den gewöhnlichen Holzwaren kamen dann allerlei
Spielwaren, seitdem sich Sonneberg vom Nürnberger Handel unabhängig
gemacht hatte, und diese Waren gingen schon damals nach England und
Amerika. Den Spielwaren gesellte sich die Porzellanherstellung und
Porzellanmalerei, ferner die durch eingewanderte Salzburger bekannt
gewordene Fabrikation von Märbeln. Seit 1820 begann die Fertigung von
Papiermasse und daraus bestehender Waren. Hierdurch wurde es erst
möglich, Massenartikel zu billigem Preise herzustellen, und es trat
seit dieser Zeit in den Gewerbsverhältnissen eine völlige Umwälzung
ein. Die Thätigkeit drängt sich für die Weihnachtsproduktion auf
wenige Monate zusammen, wo es dann Tag und Nacht gilt, beim Kneten und
Formen, Hämmern und Raspeln, Malen, Nähen und Puppenbekleiden rastlos
fleißig zu sein. Nach Weihnachten herrscht dann im ganzen Meiningischen
Oberlande Arbeitsstille.
[Illustration: Abb. 43. _Ilmenau, neuer Teil._
(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)]