rannte auch nicht, als er von weitem Frau Fries kommen sah. Es zuckte
ihm freilich in den Füßen, er wäre ihr am liebsten entgegengestürmt,
hätte ihr den Brief hingehalten, aber sein Versprechen zwang ihn, und
er ging nicht einen Schritt rascher.
»Fritze,« rief Frau Fries ihm entgegen, »wo bleibst du? Wo ist der alte
Klöppel?«
»Der Brief!« Fritz hielt ihn hoch empor, und da endlich konnte er ihn
in die Hände der Mutter legen. Die faßte nach ihrem Herzen, das tat
laute Freudenschläge, der Brief kam von ihrem Sohn -- er lebte.
Sie konnte kaum mit ihren bebenden Fingern den Umschlag öffnen, und ein
paar Augenblicke tanzten ihr die Worte vor den Augen, alles flimmerte
und flirrte. »Er lebt, er lebt! Du gütiger Gott, mein Sohn lebt!«
Nur einen Augenblick blieb Fritz stehen, einen sehnsüchtigen Blick
warf er auf den Brief. Was mochte darin stehen? Doch sein Versprechen
zwang ihn vorwärts, und sein Versprechen zwang ihn zu reden, er sagte:
»Klöppel ist krank, ich muß die Briefe austragen und nach Ringelheim
gehen.«
Zum erstenmal achtete Frau Fries nicht auf das, was Fritze Schwetzer
sagte, und der ging still weiter und ließ die Mutter mit dem
Sohnesbrief allein.
Vor dem Schulhaus stand Besenmüller, und auf den trat Fritze zu und
erzählte das Geschehene. Er sparte Worte, aber er sagte alles. »Lieber
Himmel,« rief Besenmüller, »der alte Klöppel liegt auf der Straße, den
müssen wir reinholen.«
Vater Hiller kam dazu, und noch einmal erstattete Fritze Bericht. »Ich
muß nu weiter,« sagte er, »ich muß noch nach Ringelheim.«
»Es mag jemand hinfahren,« meinte Vater Hiller, aber Fritze entgegnete
ernsthaft: »Nä, ich hab’s versprochen, die Tasche niemand zu geben.«
Der alte Lehrer spürte aus des Jungen kargen Worten die große Bürde
heraus, die auf dessen Schultern lag, er sah aber auch, da war Wille
und Kraft, die übernommene Aufgabe zu vollenden, und er sagte ruhig:
»So geh! Wir wollen rasch dafür sorgen, daß Klöppel ins Dorf gebracht
wird.«
Schwetzers Fritze ging weiter, von Haus zu Haus. Überall mußte er
sagen, was geschehen war, und immer sagte er gleich dazu: »Ich muß
aber gehen.« Ins Pfarrhaus kam er, da rief er aber schon von weitem:
»Fräulein Regine, der Brief ist da, der Herr Lehrer hat selbst
geschrieben.«
»Er lebt!« jubelte Fräulein Regine, und dann lief sie fort, lief nach
dem Schulhaus hin und hörte nicht einmal darauf, was ihr Freund Fritz
noch zu sagen hatte. Fritze ärgerte sich nicht darum, er fand es
selbstverständlich, und dann -- er mußte ja auch weiter, die Briefe
austragen und nach Ringelheim wandern.
Er kam auch in sein Elternhaus, und seine Mutter eilte ihm ängstlich
entgegen. »Fritze, wo bleibst du?«
Der Bube gab Antwort, auch hier so knapp und kurz wie überall. Doch
seine Mutter war nicht damit zufrieden, die meinte: »Erst mußte zu
Mittag essen, und die Briefe, die kann unsere Emma nach Ringelheim
tragen.«
»Nä,« sagte Fritze, »ich hab’s versprochen.«
»Aber essen mußte, dein Mittag steht warm.«
Klöße mit Speck und Birnen dazu. Bei dem Gedanken daran spürte
Fritze, wie leer sein Magen war, ganz leer, das Wasser lief ihm im
Munde zusammen, er sagte aber fest: »Nä, kann nich essen. Ich hab’s
versprochen, die Tasche kriegt niemand.«
Die Mutter wollte widersprechen, aber als sie so in das entschlossene
kleine Bubengesicht sah, fühlte sie es, sie durfte ihn nicht hindern,
sein Wort zu halten. »Dann geh nur,« sagte sie, »trag’ die Briefe
weiter.«
Fritz tat einen Seufzer, nickte der Mutter zu und ging von Haus zu
Haus. Als er ans Dorfende kam, wo die Pflaumenstraße nach Ringelheim
abbog, stand seine Mutter dort, die steckte ihm einen Apfel in die
Tasche und gab ihm eine tüchtige Schnitte in die Hand. »Wirst doch
hungrig sein.«
»Danke,« sagte Fritze nur und stapfte weiter, Schritt um Schritt,
nicht zu schnell, nicht zu langsam. Einmal war’s ihm, als müßte er
sich umsehen, und als er rasch im Weitergehen rückwärts schaute, stand
seine Mutter noch am Wege und sah ihm nach. Das tat ihm gut, wie ein
zärtliches Wort der Mutter empfand er das stille Nachschauen.
Er mußte immer daran denken, was der alte Briefträger von der Krone
gesagt hatte. War’s so? Die Krone war die Arbeit, die einer tat, sein
Amt?
Der Wind hatte sich gedreht, er blies jetzt scharf von Osten her, er
brachte auch graue Wolken mit, die die glänzende Sonne überschatteten.
Einzelne Flocken fielen, dann kam Regen, der wurde heftiger und schlug
dem Buben ordentlich boshaft in das Gesicht. Den bekümmerte das nicht
viel. Er knöpfte nur seine Jacke auf und schob, so gut es ging, die
dicke, schwarze Tasche darunter. So erreichte er Ringelheim, und im
Küsterhaus sagte er seine Botschaft. Der Küster war zur Hilfe bereit,
die Post wurde ausgetragen, und Fritze konnte wieder heimwärts wandern.
In Steinach sagte es ihm eine Frau beim ersten Haus im Dorf: »Der alte
Klöppel liegt in der Schule, ach, er wird vielleicht schon tot sein.«
Fritze erschrak. Wenn der Briefträger tot war, dann konnte er doch
nicht mehr sehen, daß er die Tasche zurückbrachte, und unwillkürlich
begann er zu rennen. Aber gleich fiel ihm des Alten Mahnung ein; in der
Tasche waren noch allerlei Postsachen, die konnten verlorengehen, und
gleich ging er langsamer. Er kam auch noch zur rechten Zeit, er konnte
noch dem alten Briefträger die schwarze Tasche übergeben, und der gab
ihm die Hand und murmelte leise: »Haste alles besorgt?«
Fritz holte tief Atem und gab Bericht. Und dann, als er fertig war,
rief er mit einer ihm fremden Raschheit: »Hat jeder so ’ne Krone,
Klöppel? Wie ist das denn?«
»Das ist jedem seine Arbeit, sein Amt, das, wofür einer lebt -- und
stirbt.« Die letzten Worte klangen ganz matt, der alte Mann seufzte,
nicht schwer, sondern wie einer, der sich einer getanen Arbeit freut.
Er legte den Kopf zur Seite, faltete die Hände über der schwarzen
Tasche und schloß die Augen.
»Er will schlafen,« sagte Vater Hiller, der am Lager saß, »er ist müde
vom Leben. Geh du nun heim, Fritz.«
Der Bube ging nach der Tür, er trat so leise auf, so leise er konnte,
aber er ging nicht die Treppe hinab, sondern den Gang bis zu dem
Zimmer, in dem Frau Fries wohnte. Dort bekam er nun wirklich den Brief
seines Lehrers zu hören. Viel stand nicht darin, denn viel durften
die Gefangenen nicht schreiben. Heinrich Fries schrieb, es ginge ihm
leidlich gut, er sei lange, lange krank gewesen, nun wäre er aber
wieder ziemlich gesund. Daß er schon oft geschrieben hatte, teilte er
mit. Von der Heimat schrieb er, vom Wiedersehen; ganz froh klang alles,
und Fritze Schwetzer sah strahlend drein, ihm schien es, als sei nun
alle Sorge gelöst. Und weil er an diesem Tage nun schon so viel geredet
hatte, erzählte er auch seiner alten Freundin seine Erlebnisse. Auch
das Wort von der Krone sagte er, nur scheu, undeutlich, aber Frau Fries
verstand ihn doch. Sie beugte sich plötzlich über ihn und sagte mit
einer seltsam schweren Stimme: »Unser Vaterland ist auch eine Krone,
für die wir leben und sterben -- und leiden müssen.«
Der Bube saß ganz still, er ahnte nicht, daß die Mutter Leiden,
schweres Leiden aus dem Sohnesbrief herausgelesen hatte. Aber er
fühlte, da war etwas nicht so wunderherrlich, wie er es sich gedacht
hatte. Er wußte aber nichts zu sagen, und er sah die alte Frau
Lehrerin nur treuherzig an. »Nu muß ich gehn,« brummte er endlich. Und
nach einer Pause fügte er hinzu: »Ich komm’ noch mal wieder.«
»Heute nicht, du wirst müde sein und hungrig, Fritz, ich danke dir.«
Schwetzers Fritze stapfte zur Tür hinaus, und er ging so leise die
Treppe hinab, so leise es seine knarrenden Stiefel erlaubten, der
alte Klöppel schlief ja. Oben sah Frau Fries dem Jungen nach, und sie
dachte, wie seine Mutter zu Mittag auf der Landstraße gedacht hatte:
»Der wird noch einmal ein rechter Mann.«
[Illustration]
[Illustration]
Sechzehntes Kapitel
Heimkehr
Es geschah viel, und Pfarrers Regine steigt auf den Schafskopf
hinauf -- Fritze fährt nach L., es merkt aber niemand etwas
davon, und Frau Besenmüller hält ihn für ein Gespenst -- Eine
Unterredung im Holzstall -- In Steinach wird Hochzeit gefeiert,
und die Kinder schreien hurra auf der Apfelstraße
Der alte Briefträger Klöppel wanderte nun nicht mehr auf der
Birnenstraße nach Steinach hin. Der war wirklich eingeschlafen für
alle Zeit, und seine geliebte schwarze Tasche trug ein anderer. Der
brachte die Nachrichten von Leid und Freud in die Dörfer, von großen
Siegen, von stolzen Taten, aber immer und immer nicht die ersehnte
Friedensbotschaft.
In Steinach war es nicht anders als in allen deutschen Städten und
Dörfern. Die Daheimgebliebenen schafften fleißig und sorgten um jene,
die draußen standen. Ein paar Bäuerinnen trauerten um ihre Männer, und
Hinzpeters Malchen kam eines Tages in großem Herzeleid in die Schule:
ihr Vater war gefallen. Da hatte Silvia Traugott viel zu tun, um der
Freundin beizustehen, und sie vergaß darüber noch mehr ihre Träume von
großen Wundertaten. An herzhaftem Mitleid fehlte es nicht. Selbst die
Buben sannen darüber nach, womit sie das Malchen wohl erfreuen könnten,
und sie kamen schließlich überein, sie wollten Malchen ein Tier fangen,
einen jungen Hasen, ein Rehlein vielleicht etwa, denn Malchen hatte an
allem Getier eine besondere Freude.
Es lenzte draußen schon an Hängen und Grabenrändern, an Büschen, die
in der Sonne standen, grünten Knospen und winzige Blättchen, und manch
ein kleines Hasenkind wurde um diese Zeit geboren. Im Walde war die
Aufsicht jetzt nicht so streng, und eines Nachmittags zogen ein halbes
Dutzend Steinacher Buben hinaus, um ein Tier zu fangen. Aber sie
brachten nur einen Igel heim und einen Maulwurf, und vor beiden graulte
sich Malchen schrecklich. Schelte gab’s obendrein. Das Tierfangen
im Walde war streng verboten. Die Buben bekamen so schwere Strafen
angedroht, daß ihnen die Lust zu weiteren Raubzügen verging. Also
ließen sie das Trösten sein.
Der Frühling kam, und er war so blütenreich, so voller Glanz und
Schöne, als wollte er liebreich den Menschen in ihrem großen Jammer
beistehen. Es blühte an allen Ecken und Enden, und kaum jemals hatte
es auf dem Schafskopf so viele Veilchen gegeben wie in diesem Jahr.
Aber Pfarrers Regine wollte in diesem Jahr keine Veilchenkränze zu
ihrem Geburtstag haben, und die Veilchen verblühten ungepflückt. An
ihrem Duft, ihrer Lieblichkeit freute sich Regine aber doch. Sie stieg
an ihrem Geburtstag allein auf den Schafskopf hinauf; lange saß sie
dort unter dem alten Gemäuer. Sie weinte bitterlich, denn sie trug ein
heimliches Leid im Herzen. Wie sie aber so weinte, so unendlich traurig
war, spürte sie den Veilchenduft. Der umschmeichelte sie, der zwang
sie, an den Frühling zu denken, an Sonnenschein und an Freude. Und ganz
leise sang sie vor sich hin, und im Singen löste sich ihre Traurigkeit.
Sie sang:
»Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden!
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß die Qual,
Es muß sich alles, alles wenden!«
Um die gleiche Stunde wohl dachte ein Mann an Steinach am Wald, der
in einem fremden Land in einem Zuge fuhr. Er trug einen abgetragenen
feldgrauen Rock, und die mit ihm waren, glichen ihm. -- Ein seltsamer
Zug war es. Lager reihte sich an Lager, Schwerverwundete, Krüppel
durften heimkehren aus Frankreich ins deutsche Vaterland.
Der Austausch der unheilbaren Kriegsverwundeten von Frankreich ging
über die Schweiz, und nach langer, langer Fahrt, durch das herrliche,
stets hilfsbereite Schweizer Land, das von den Schrecken des Krieges
verschont geblieben war, langte der Zug in der Nacht an der Grenze
an. Von Deutschland her kam um die gleiche Zeit auch ein solcher Zug.
Einmal fuhren die beiden aneinander vorbei, sie wußten es nicht; die
Männer, die jetzt todwund heimkehrten, hatten sich vielleicht schon im
Kampf gegenübergestanden.
Heinrich Fries, der Lehrer von Steinach, lehnte am Fenster. Er konnte
nicht schlafen, vor Freude nicht und vor Leid nicht. So mußte er
heimkehren, ein Krüppel! Ein Bein hatte er verloren, auch die linke
Hand fehlte ihm, und über die Stirn lief ihm eine breite rote Narbe.
Er dachte, mit welch hochfliegenden Plänen er einst im Leben gestanden
hatte, wie unzufrieden er in Steinach gewesen war. Nun war das alles
vorbei, selbst zum Lehrer in Steinach mochte er gewiß nicht mehr
taugen. Wunderlich war ihm das oft gegangen draußen. An die Stadt,
in der er so lange gelebt, hatte er wenig gedacht, immer, wenn er
mit seinen Kameraden von der Heimat sprach, kehrten seine Gedanken in
Steinach ein. In den heißen, blutigen Schlachten, mitten im Donnern
und Brüllen der Geschütze sah er plötzlich das Dorf vor sich und die
blühenden Straßen, so wie er es zuerst gesehen hatte. Er dachte an die
Kinder; er hatte sie doch alle lieb, selbst so unnütze Wildfänge wie
Jackenknöpfle und das lachlustige Malchen Hinzpeter. Einmal hatte er
gerade wieder an allesamt einen Brief geschrieben, da war eine Granate
neben ihm eingeschlagen, und er hatte die Stirnwunde bekommen.
Ins Lazarett sollte er, in die Heimat zurück, aber er hatte nicht
gewollt, und zwei Tage später hatte er, verwundet schon, mitten im
furchtbaren Kampf gestanden. Neben ihm waren seine Kameraden gefallen,
er war vorwärts gestürmt, immerzu, immerzu. Dann hatte ihn ein Schuß
getroffen, er war zusammengebrochen, und als er nach vielen, vielen
Stunden wieder zum Bewußtsein gelangte, war er in Gefangenschaft
gewesen. Krank und gefangen! Es ahnen nicht alle, wie groß dies Elend
ist.
Nun kehrte er heim. Heinrich Fries sah hinaus. Es war Mondschein, und
er sah im Silberglanz einen See, glatt wie ein Spiegel, und Berge,
hohe, weiße Berge. Wie ein Märchenland war es, so wunderschön. Er
hatte oft Sehnsucht gehabt, dies schöne Land zu durchwandern, das
war nun auch vorbei, nun sah er es so. Ein fremdes Land, aber kein
Feindesland. Ach nein, feindlich waren die Menschen nicht, die auf
den Bahnhöfen waren, die liebevoll die Verwundeten versorgten. Gute,
hilfsbereite Menschen waren es.
Einer, der mit im Zuge fuhr, richtete sich ein wenig auf seinem Lager
auf und flüsterte: »Kamerad, nun sind wir bald in Deutschland. Ich
habe eine Frau daheim und einen Buben, Herrgott, die soll ich nun
wiedersehen! Wen hast du?«
»Eine Mutter,« sagte Heinrich Fries.
»Da sind wir beide gut versorgt,« sagte der andere. »Sieh doch mal
raus, ist’s noch nicht bald Deutschland?«
»Es dauert noch ein paar Stunden.« Heinrich Fries sah wieder hinaus.
Der Mond stand nur noch als blasse Scheibe am Himmel, der Morgen
dämmerte herauf, und in dem fahlen, harten Licht des Morgens stiegen
die Berge riesenhaft empor. Aber dann begannen sie zu glühen und zu
schimmern, die Sonne ging auf.
Und im hellen, strahlenden Licht der Frühlingssonne fuhr Heinrich
Fries mit seinen Kameraden bei Konstanz über die deutsche Grenze. Ein
brausender Jubel empfing sie. Fremde Menschen kamen auf sie zu und
umarmten sie, Blumen wurden ihnen gebracht und Erfrischungen. Immer
neue Hände streckten sich ihnen entgegen, alle wollten ihnen helfen,
alle ihnen Liebes erweisen, alle, alle zeigten ihre Freude.
O Vaterland, o Heimat!
Die Todwunden, denen die Tage und Nächte in Schmerzen vergingen,
die Blinden, die Krüppel, sie alle sangen dem Vaterland entgegen:
»Deutschland, Deutschland über alles!«
Heinrich Fries hatte seine Heimkehr nicht melden können. Seine
Auslösung war überraschend gekommen, und seine Mutter ahnte nicht,
daß er in Deutschland war. Er hatte ihr auch nie geschrieben, wie
schwer seine Wunden gewesen, er wollte ihren Kummer nicht vergrößern.
Nun dachte er, wenn ich in ein Lazarett komme, dann schreibe ich ihr.
Noch wußte er ja nicht, wohin man ihn bringen würde. Nimmer hätte er
gedacht, daß er so sehr in Steinachs Nähe kommen würde. Erholen sollte
er sich nun, dann sollte er ein künstliches Bein bekommen, eine Hand,
und der Arzt, der ihm das versprach, tröstete: »Dann ist’s nicht mehr
schlimm.«
Eines Tages liefen Pfarrers Regine und Fritze Schwetzer auf der
Birnenstraße wieder dem Briefträger entgegen. Seit Wochen hatte der
nun nichts aus Frankreich ins Schulhaus gebracht, und die alte Frau
Lehrerin zagte und zitterte in Sorge. Der neue Briefträger, er hieß
zu der Kinder Ärger Schmidt, was doch kein richtiger Name sei, so
meinten sie, wußte nun auch schon, wer in Steinach um Briefe bangte. Er
schüttelte also den Kopf: »Kein Brief aus Frankreich, ’n anderer nur.«
Da rannte Fritze zurück, und Fräulein Regine ging ihm nach, der andere
Brief war ihnen nicht wichtig. Den erhielt ein paar Minuten später Frau
Besenmüller zur Besorgung. Die nahm ihn mit dem Schürzenzipfel, weil
sie nasse Hände hatte, und trug ihn so in das Haus hinein. Drinnen kam
ihr Mann ihr entgegen, und sie bat: »Besenmüller, trag’ du mal den
Brief rauf, der rechte ist’s wieder niche.«
Oben traf Besenmüller Vater Hiller, der gerade zum Mittagessen zu Frau
Fries gehen wollte, der nahm ihm den Brief ab, und Besenmüller sagte:
»Der rechte ist’s nicht.«
Vater Hiller trug den Brief in die Stube, legte ihn vor Frau Fries hin
und sagte auch bedauernd: »Ein Brief, leider nicht der rechte.«
Und es war doch der rechte Brief. Nur in die Hand nahm ihn Frau Fries,
dann wußte sie es. Mutteraugen sind scharf, Mutterherzen spüren des
Kindes Nähe.
Durch das Dorf lief die Kunde, der junge Herr Lehrer ist heimgekehrt
aus Frankreich, in L. ist er, aber -- er ist ein Krüppel. Fritze
Schwetzer raste zum Schulhaus hin. Und den Brief hatte er nun nicht
gebracht, gerade den Brief nicht. Er polterte mal wieder ungeheuer
auf der Treppe, aber Frau Besenmüller schalt nicht, die hörte es gar
nicht, die scheuerte im Schulzimmer, denn irgendwie mußte sie ihre
Freude zeigen, ritsch, ratsch mit der Bürste hin und her. »So recht
ausscheuern tut gut,« brummelte sie.
Fritz fand Frau Fries oben reisefertig. Die wollte gleich nach L.
fahren mit dem nächsten Zug. »Lauf zu Pfarrers,« bat die Frau,
»vielleicht kommt Fräulein Regine mit.«
Nie hatte Frau Fries nach einer Stütze verlangt, jetzt, da sie den Sohn
wiedersehen sollte, in der Freude verlangte sie Hilfe. Und Pfarrers
Regine kam. Fritz hatte seine Botschaft noch nicht raus, da sagte sie
schon: »Ich fahre mit, natürlich!«
Sie lief dem Buben voran und meinte, der käme hinterher, aber der kam
nicht. Der rannte heimwärts, fiel seiner Mutter beinahe ins Spülfaß und
schrie so laut, wie es noch nie jemand von ihm gehört hatte: »Meine
Sparbüchse!«
»Junge, biste närrisch?« Seine Mutter trocknete sich ärgerlich die
Hände ab. »Sag’, was soll das Geschrei?«
»Ich muß nach L.«
»So eins, zwei, drei im Handumdrehen?« Frau Schwetzer wollte nein
sagen, aber dann sagte sie doch ja, ging und schüttelte die Büchse vor
Fritz aus. »Viel ist nicht drin, ’n Groschen fehlt, den will ich dir
schenken. Da nimm ’n Brot und geh!«
Doch Fritze lief dem Brot davon. Er rannte die Apfelstraße entlang, bis
er Frau Fries und Fräulein Regine sah, da ging er langsam nach. Und
nach ihnen kletterte er in den Zug, und die beiden sahen ihn nicht.
Sie sahen ihn auch nicht, als sie in L. ausstiegen. Und wieder trabte
ihnen Fritz nach bis zu dem Lazarett, da gingen sie hinein, und --
Fritz blieb draußen. Hier verließ ihn auf einmal sein Mut, er wußte
nicht, wie er in das große Gebäude hineingehen sollte. Er ging auf und
ab, durch die Türe da waren die beiden Frauen hineingegangen, das mußte
doch der rechte Weg sein. Er rappelte sich endlich zusammen, trat auf
das Tor zu, klinkte es auf, da tönte ihm ein Halt! entgegen.
»Wo willst du hin?«
»Da ’nein.«
»Ei, da könnte jeder dumme Junge kommen; so was gibt’s nicht.«
Ein anderer hätte nun dem gestrengen Wärter am Tor geschwinde erklärt,
so ist die Sache und so, ich habe die Fahrt gemacht von Steinach
hierher. Aber das brachte Schwetzers Fritze nicht fertig; ehe er eine
Antwort heraus hatte, war das Tor geschlossen, klapp zu, ihm vor der
Nase, er konnte draußen stehen. Er ging wieder auf und ab, hin und her.
Drei Frauen kamen jetzt, dunkel gekleidet und ernst, die wollten auch
in das Lazarett gehen. Vor ihnen tat die Türe sich auf. Fritz lief
ihnen nach, aber klapp, schloß sich das Tor, und er stand wieder einsam
auf der Straße.
Noch einmal versuchte er es hineinzukommen, vergeblich. Endlich kamen
Frau Fries und Fräulein Regine wieder heraus, und wieder lief Fritz
ihnen stumm wie ein treuer Hund nach. Die Frauen gingen der Stadt zu.
Vor einem Haus, an dem ein Wort stand, das Fritz zehnmal las und doch
nicht verstand, es hieß »Hospiz«, nahmen sie Abschied voneinander. Frau
Fries ging mit ihrer kleinen Tasche in der Hand in das Haus hinein.
Fritz hörte sie noch sagen: »Bestelle, bitte, Frau Besenmüller, sie
möchte ja nicht vergessen, für Herrn Hiller heute Brusttee zu kochen,
er ist so erkältet,« dann trennten sich beide.
Nun rannte Fräulein Regine nach dem Bahnhof, und Fritz rannte
hinterdrein. Sie stiegen beide in den Zug, der fuhr davon, und in
Steinach kletterten beide heraus.
Es war schon dunkel, und Pfarrers Regine sah ihren kleinen Freund auch
jetzt nicht. Der trabte ihr nach, als sie aber erst nach dem Pfarrhaus
abbog, lief er gleich zum Schulhaus. Dort riß er die Türe auf, stürmte
in Besenmüllers Stube und schrie: »Se möchten Tee kochen für Herrn
Hiller.« Krach, schlug er die Türe zu und rannte davon.
Eine halbe Stunde später kam Fräulein Regine ins Schulhaus. Sie wollte
erzählen, wie es Heinrich Fries erging, und sie richtete auch den
Auftrag aus. »Teekochen?« rief Besenmüller. »Schwetzers Fritze hat’s ja
schon bestellt.«
»Wie kann er, ich habe ihm ja nichts gesagt?« Das Fräulein wunderte
sich, und Frau Besenmüller wunderte sich, ja Frau Besenmüller war
geneigt, Fritz für einen Geist zu halten, aber ihr Mann sagte: »Nä, das
war Fritze, und vielleicht hat’s ihm Frau Fries vorher bestellt.«
Auf dem Heimweg ging Regine noch einmal zu Schwetzers hinein, da
erfuhr sie Fritzens Reise. »Ein närrscher Junge,« klagte seine Mutter,
»nich Stipp, nich Stapp hat er erzählt, nur gegessen, und dann ist er
schlafen gegangen, aber geheult hat er in seinem Bette.«
Ja, geheult hat Fritz, aber der Schlaf hatte ihm die Tränen schon
wieder getrocknet, als Fräulein Regine an sein Bett trat. Und am
nächsten Morgen erzählte er auch mit so wenig Worten als möglich
seine Reise. Seine Mutter tat ihm schweigend so viel Geld in seine
Sparbüchse, als das Fahrgeld nach L. betrug, aber Fritz fuhr nicht
wieder hin. Er graute sich vor dem großen Haus und vor den vielen
Menschen, die da aus- und eingingen. Er wartete in Steinach auf seinen
Lehrer, und je näher der Tag kam, an dem er ihn sehen sollte, desto
größer wurde die Scheu vor ihm. Ob der ihn noch kannte, noch mit ihm so
sprach wie damals beim Abschied?
Heinrich Fries kam, als in Steinach der Flieder blühte. In jedem
Garten, in Hofwinkeln an der Kirche, da wo Heckenwege die Häuser
trennten und verbanden, überall blühte der Flieder. Dichte, blaue
Büsche, blaue Wände gab es und blaue Blumenberge, und ganz Steinach
war eingehüllt in Duft und Glanz. Vom Schulhaus wehte die Fahne, denn
ein Held kam ja heim, einer, der draußen gekämpft und gelitten hatte,
einer, dem das Kreuz von Eisen die Brust schmückte.
Heinrich Fries hatte gemeint, er würde still durch das Dorf fahren und
still in sein stattliches Schulhaus treten. Aber vor dem standen die
Kinder alle, auch die Brummer waren dabei, und alle sangen ihm das Lied
entgegen, das im Leben und Sterben kein Deutscher vergißt. Und danach
das schöne »Lobe den Herrn«.
Mitten im Gesang brach Malchen Hinzpeter in Tränen aus. Sie dachte
an den Vater, der nun nie wiederkehrte. Vater Hiller zog sie aus dem
Kreise und nahm sie in seine Arme, am Herzen dieses treuen Freundes
weinte sie sich ihren Kummer aus. Heinrich Fries hörte an diesem
Tage keinen falschen Ton heraus, er meinte, noch nie einen schöneren
Gesang gehört zu haben, und als ihn dann alle umdrängten, auch die
Erwachsenen, und alle baten: »Sie bleiben doch wieder hier?« da rannen
auch ihm die Tränen aus den Augen, und er schämte sich nicht.
Nachher sagte er zu Vater Hiller: »Werde ich es können, ein Krüppel als
Lehrer?«
Der alte Mann nickte. »Sie werden es können, und viele, die heimkommen,
werden siech sein und doch eintreten in ihren Beruf. Und unsere Jugend
wird lernen, Geduld haben und Ehrfurcht vor jenen, die um unseren
Frieden gekämpft haben. Ja, sie werden es können, wenn -- Sie in
Steinach bleiben wollen.«