war, dachte, nun müsse man singen. Aber ein Weihnachtslied wollte ihr
nicht aus der Kehle dringen, sie war viel zu kriegerisch gesinnt, und
plötzlich tat sie ihren Mund auf und sang so falsch als möglich: Es
braust ein Ruf wie Donnerhall ...
»Falsch,« riefen ein paar. Aber die andern redeten nicht, sondern
fielen richtig ein, übertönten Malchens falsche Töne, und der Gesang
schallte hinaus in die Winterstille. Ein paar Mütter saßen mit
gesenkten Häuptern, und jede dachte, vielleicht behütet auch meinen
Sohn mein Denken und Gebet.
Die Adventsfeier dehnte sich lange aus. So lustig war sie nicht wie vor
einem Jahre, aber zuletzt gingen doch alle zufrieden heim. Sehr viele
Pakete und Kisten waren gepackt worden, so viele fleißige Arbeit ruhte
darin. Und doch sagte die alte Frau Lehrerin zu Pfarrers Regine: »Man
muß noch mehr tun. Die Not ist groß!«
Frau Weber, Arnes Mutter, war eine kluge, tätige Frau, die es auch
verstand, über Steinachs Grenzen zu schauen. Sie hatte zudem Verwandte
drinnen im Elsaß, und sie erzählte allerlei, wie es dort zuging.
Befreien wollten die Franzosen das Land, so sagten sie, und hausten
darin, daß es zum Erbarmen war.
Pfarrers Regine hatte einen Brief mitgebracht, den eine Freundin der
Mutter geschrieben hatte. Aus Ostpreußen kam er, darin wurde erzählt,
wie die Russen gekommen waren über Nacht, und wie alles in Flammen
aufgegangen war. Und von der Russennot kam das Gespräch wieder auf
Held Hindenburg und auf andere Helden. Die Erwachsenen redeten, die
Kinder hörten zu, die Weihnachtslieder wurden vergessen, und erst als
spät alle auseinander gingen, rauschte noch einmal das alte, schöne
Lied auf: »Wie soll ich dich empfangen und wie begegnen dir?«
Und dann tat Frau Besenmüller die Haustür auf, und alle gingen heim.
Am nächsten Tag erhielt Frau Fries die Nachricht, ihr Sohn sei
schwerverwundet in französische Gefangenschaft geraten. Wo er sei, ob
er noch lebe, wußte man nicht. Verwundet und gefangen!
Die Frau preßte die Hände an ihr Herz, festhalten mußte sie es, stark
und tapfer sein. Noch lebte vielleicht der Sohn, vielleicht kehrte er
ihr doch zurück. Am gleichen Tage seufzte der alte Briefträger wieder:
»So lange trag’ ich nun schon die Post herum, aber so schwer war’s noch
nie, nä, noch nie.« Er hatte in ein Haus in Steinach die Nachricht
gebracht, daß der Mann gefallen sei. Der Schmiede-Franz war es, eine
junge Frau weinte sich fast die Augen aus, und Frau Fries ging zu ihr
und stand ihr bei in ihrer Not.
Und so kam Weihnachten heran, und es war still und feierlich. Es war
kein Freudenfest, aber die Herzen taten sich viel, viel weiter als
sonst auf, den Heiland zu empfangen.
[Illustration]
Vierzehntes Kapitel
Silvias Tat für das Vaterland
Warum Silvia Traugott keine Strümpfe strickt, und was sie
alles tun will -- Malchen sieht beinahe wie ein Junge aus,
die Öllampe zerbricht, Fräulein Regine kommt, und zwei werden
wieder die allerbesten Freundinnen
Unter den Kindern von Steinach gab es ein Mädchen, das redete nicht
viel mehr als Schwetzers Fritze. Aber während sich der Bube manchmal
ärgerte, daß ihm das Reden gar so schwer wurde, fühlte sich Silvia
Traugott so wohl in ihrer schweigsamen Stille wie jemand, der viele
Stunden seines Lebens in einem schönen, blumenreichen Garten verträumt.
Silvia war das einzige Kind ihrer Eltern, sie hatte aber Vettern und
Basen genug, denn in Steinach saßen auf vier Höfen Traugotts, die waren
alle versippt miteinander. In den Krieg hatte Silvias Vater nicht
mitziehen können, er hatte ein steifes Bein von einem Sturz vom Wagen
her, aber trotzdem wurde bei den Traugotts nicht weniger vom Krieg
gesprochen und nicht weniger daran gedacht als in andern Häusern.
Immer saß Silvia still dabei. Sie fragte und sagte nichts, sie ging
einher, als wäre kein Krieg auf der Welt. Ihre Mutter bekümmerte das
manchmal, und sie mahnte oft: »Silvia, strick’ an deinem Strumpf, denk’
an die Soldaten draußen!«
Dann strickte die Kleine wohl rasch ein paar Nadeln, aber meist ließ
sie die Arbeit bald wieder sinken und träumte vor sich hin. »Traumsuse«
nannte ihr Vater sie, auch Fräulein Regine sagte manchmal so, auch die
mahnte: »Silvia, dein Strumpf! Willst du gar nichts für die Soldaten
tun?«
Dann wurde Silvia feuerrot; sehr traurig machte sie so eine Frage,
denn sie hatte den sehnsüchtigen Wunsch, viel, sehr viel für die
Soldaten, für das Vaterland zu tun. Silvia hatte einmal von einem
Mädchen gelesen, das in großer Kriegsnot erschienen und allen voran in
die Schlacht gezogen sei, um ihr Volk zum Sieg zu führen. Daran mußte
Silvia immer denken, und sie hätte himmelgern auch so etwas getan.
Oder sie wäre gern mitten in die Schlacht hineingelaufen und hätte den
Soldaten Wasser gebracht oder die Verwundeten gepflegt. Seit Krieg war,
dachte Silvia nicht mehr an ihre Märchen wie früher, sie träumte nicht
mehr mit offenen Augen von goldenen Schlössern, Königen, Prinzessinnen,
von aller Lust und Pracht des Märchenlandes, sie dachte nur immer an
den Krieg.
Sie dachte, vielleicht kommen die Feinde einmal nach Steinach; ich
merke es zuerst, dann rufe ich es im Dorfe aus, ganz laut, und in
die Kirche renne ich und läute selbst die Glocke, und alle werden so
gerettet.
Die kleine Silvia wußte nicht viel von der Welt draußen, nicht, wie
weit sich die Länder dehnen, sie dachte, im Kriege müßte es so zugehen
wie in ihren Märchenbüchern: Puff, puff! und die Kriege waren gleich
aus. Als dann Webers Arne und Jackenknöpfle ausgerissen waren, um
geschwind in den Krieg hineinzulaufen, da klopfte ihr das Herz vor
Sehnsucht. Sie wäre gern mitgezogen, und sie überlegte ganz ernsthaft,
ob sie nicht nachrennen sollte. Sie lief auch die Birnenstraße entlang,
denn Frau Besenmüller hatte gesagt, dorthin ginge es nach Frankreich.
Wie sie aber so weit gelaufen war, daß sie Steinach nicht mehr sah,
überfiel sie eine furchtbare Angst vor der weiten Fremde, und sie
kehrte geschwind wieder um.
Die Buben kamen zurück, und im Dorfe lachten sie über die verunglückte
Reise in den Krieg. An diesem Tage gerade las Silvias Vater einen
Brief aus dem Felde vor, darin stand: »Vier Tage sind wir bis hierher,
bis an die russische Grenze gefahren!«
Vier Tage! Der kleinen Silvia verging aller Mut, jemals in den Krieg zu
kommen und draußen Heldentaten zu verrichten, und da Steinach wirklich
inmitten des deutschen Vaterlandes lag, sagten alle: »Zu uns kommt nie
der Krieg. Gott sei Dank!«
»Man kann auch im Lande Kriegsarbeit tun,« sagten die großen Leute.
Silvias Mutter meinte: »Strick’ fleißig, jeder Soldatenstrumpf hilft
den Krieg gewinnen.«
Das verstand Silvia nun ganz und gar nicht. Was hatten die dicken,
grauen, häßlichen Strümpfe mit glänzenden Heldentaten, mit Sieg und
Ruhm zu tun?
Als daher die Weihnachtspakete gepackt wurden, lag von jedem Mädel, das
in Steinach stricken konnte, eine Arbeit dabei, nur Silvia Traugotts
Strümpfe waren nicht fertig. Alle sagten, das sei eine Schande. Silvia
schämte sich auch sehr, aber trotzdem träumte sie weiter von großen
Taten, wenn sie stricken sollte, und vergaß darüber ihre Arbeit.
Die Kinder redeten viel davon, daß ihr junger Lehrer Heinrich Fries
gefangen sei. Silvia weinte heiße Tränen um ihn. Sie meinte, er säße
nun in einem finstern, dunklen Turm und müßte hungern. Wenn es nur
nicht so weit gewesen wäre, und wenn sie nur den Weg gewußt hätte,
sie wäre gleich zu ihm gewandert, hätte ihm Essen gebracht und ihn
vielleicht auch befreit. Ja, wären nur die vielen dummen Wenn und Aber
nicht gewesen, diese bösen Wörter, die sich stets so höhnisch in die
allerschönsten Pläne hineinschieben! Immer, wenn Silvia sich etwas
recht schön ausgedacht hatte, kam so ein Wort, nahm den Plan und riß
ihn mitten durch, -- ritsch, ratsch, nichts war es damit.
Weihnachten kam, und Weihnachten verging. Die laute Freude schwieg, und
viele, viele Tränen flossen an dem sonst so frohen Fest. Gabentische,
die fast brachen unter der Fülle, kannte man auch in guten Jahren in
Steinach nicht, aber in diesem Jahr lagen in den meisten Häusern nur
wenige Geschenke unter dem Baum. Silvia bekam eine neue Schürze und ein
Buch, das hatte eine Base aus der Stadt geschickt. In dem Buch stand,
wie es vor hundert Jahren in Deutschland gewesen war, als jahrelanger
Krieg das blühende Land verwüstet hatte. Was Silvia da las, verwirrte
ihren kleinen Kopf ganz und gar. Da stand von einem Mädchen, das als
Soldat mit in den Krieg gezogen war, eine andere hatte sich ihre
langen Haare abgeschnitten als Opfer für das Vaterland. Warum sie es
getan, verstand Silvia zwar nicht recht, aber schön fand sie es, und
sie träumte nun wieder davon, es dem schönen, blonden Edelfräulein von
einst nachzutun. Es mußte doch etwas sehr Schönes, Großes sein, sich
die Haare abzuschneiden, wenn es nach hundert Jahren noch in einem
Buche erzählt wurde.
Silvia dachte an die abgeschnittenen Zöpfe und nicht an ihren Strumpf,
und als sie nach den Feiertagen zum erstenmal in die Strickstube ging,
wie es Fräulein Regine nannte, da war der Strumpf noch immer nur ein
unförmliches Ding. Die Strickstube tagte jetzt immer im Schulhaus,
Frau Fries half dabei, und Besenmüller war Ehrengast. »Der sitzt da
als Vorbild,« sagte seine Frau, »denn mein Besenmüller ist in der
Strickerei, was Hindenburg for die Soldaten ist.«
An diesem ersten Nachmittag las Frau Fries ein paar Briefe vor, die den
weiten Weg von Frankreich und Rußland bis nach Steinach gereist waren,
um den kleinen Mädeln von Steinach Dank für alle gestrickten Sachen zu
sagen. Für alle war der Dank, nur für das Traumsuschen Silvia Traugott
nicht. Ein Soldat schrieb, er hätte tagelang halb im Wasser gestanden,
hätte keine trockenen Strümpfe, gar nichts mehr gehabt, da wäre das
Paket von Steinach gekommen, und er hätte weinen müssen vor Freude über
alle die schönen Weihnachtsgaben. Frau Fries tat das Herz weh, als sie
es las, so wie jener hätte sich ihr Sohn wohl auch gefreut, aber ihr
Sohn war gefangen, noch hatte kein Gruß ihn erreicht. Sie wußte nicht
einmal, ob er noch lebte, ob er nicht schon einsam und verlassen im
Feindesland gestorben war.
Die Mädel hörten alle nicht, wie das Mutterherz weinte, sie waren alle
glückselig über die Briefe. Nun hatten sie doch etwas getan, hatten für
das Vaterland gearbeitet. Sie alle, alle, nur eine nicht, Silvia nicht.
Die saß wie erstarrt. So war es, wie der Soldat schrieb, im Wasser
standen sie, nicht trocken wurden sie, und sie freuten sich, wenn sie
Strümpfe bekamen, sie dankten dafür, als wären es die allerköstlichsten
Dinge.
»Ich glaube,« las nun Pfarrers Regine aus einem andern Briefe vor,
»in Steinach gibt es nur fleißige Mädchen. Wenn ich heimkomme aus dem
Krieg, dann komme ich auch nach Steinach und bedanke mich bei allen.«
»Bei dir nicht,« durchfuhr es Silvia, und ihr Kopf sank ganz tief auf
den Strumpf herab. O die Schande! Sich verkriechen hätte sie mögen vor
Scham.
»Ich hab’ beinahe wieder ’n Paar fertig,« schwätzte neben ihr Malchen
Hinzpeter. »Fein, was?«
Silvia gab keine Antwort, Tränlein um Tränlein rann auf das graue
Wollgespinst nieder. Ihre Hände zitterten, und auf einmal bekamen die
Nadeln die ungeschickten Hände satt, sie rissen aus, eine, dann noch
eine, die dritte hielt Malchen auf. Die sah das Unheil und sah Silvias
Schmerz, und hilfsbereit sagte sie schnell: »Ich helfe dir.«
Silvia hörte das kaum. In ihr stürmte es. Nichts, nichts hatte sie für
das Vaterland getan, gar nichts, und doch hatte sie so viel tun wollen.
Immer heftiger rannen ihre Tränen, und Malchen tröstete: »Die fang’ ich
schon, wein’ doch nicht!«
Aber Silvia dachte gar nicht an die entwischten Nadeln. Das Herz
brannte ihr. Oh, nur etwas tun können für das Vaterland, nur zeigen
dürfen, wie gut ihr Wille war! Ganz jäh kamen ihr die abgeschnittenen
Zöpfe des blonden Edelfräuleins in den Sinn. Ihre waren zwar dunkel
wie die von Malchen, aber das schadete gewiß nichts. Zopf ist Zopf.
Ihre Nachbarin hatte eine Schere vor sich liegen, die sah sie, obgleich
ihr die Tränen fast den Blick verdunkelten. Ach, ein Zopf ist schnell
abgeschnitten! Eins, zwei, drei, ritsch! nur flink gleich alle beide.
»Au!« kreischte Malchen neben ihr auf, »huhuhu, mein Zopf, mein Zopf!
Silvia hat mei -- --,« weiter kam Malchen nicht, sie brach in ein
wildes Jammergeheul aus.
Es war, als wäre ein Wirbelsturm in die Strickstube gefahren. Zuerst
wußte im wilden Hinundher niemand, was geschehen war. Malchen schrie
vor Schreck und Empörung immer lauter, ihre Nachbarinnen zeterten:
»Der Zopf, der Zopf!« Nur Silvia stand leichenblaß, stumm inmitten des
Wirrwarrs, zwei Zöpfe hielt sie in der Hand, der eine war braun, der
andere schwarz, aber rote Schleifen hatten sie beide.
»Traugotts Silvia hat Hinzpeters Malchen einen Zopf abgeschnitten, sich
selbst aber auch einen.« So nach und nach erst bekamen Frau Fries und
Fräulein Regine heraus, daß dies geschehen war. »Warum? Silvia, warum
hast du das getan?«
Silvia gab keine Antwort. Sie konnte nicht, sie tat ein paarmal die
blassen Lippen auseinander, aber kein Laut kam hervor. Frau Fries sah
es, die Kleine konnte nicht sprechen, sie nahm sie sacht bei der Hand
und führte sie zu sich hinauf. Vielleicht erschloß sich ihr allein das
scheue Herz. Aber Silvia brach oben nur in ein verzweifeltes Weinen
aus, sie weinte und weinte und hörte auch nicht auf, als ihre Mutter
kam.
Unten hatte sich Hinzpeters Malchen viel schneller über den verlorenen
Zopf getröstet. Sie lachte schon wieder, als Silvia oben vor Leid
noch fast verging. Zimplichs Lenchen hatte nämlich mitten in das
Jammergeheul hineingerufen: »Jetzt biste beinahe wie ’n Junge.«
Dies Wort trocknete wie der Wind Malchens Tränen. Wie ein Junge
herumgehen dürfen, kurzgeschnitten, ohne Zöpfe, von denen man doch
immer die Bänder verlor, das war noch eine Sache. Am liebsten hätte
sie nun geschwind gleich den zweiten Zopf abgeschnitten, doch das
litt Fräulein Regine nicht. Die schloß für heute die Strickstube und
erklärte, sie selbst wolle Malchen heimbringen. Das wollten aber alle
andern auch, und so wurde Hinzpeters Malchen wie eine Prinzessin
heimgeleitet. Fräulein Regine trug selbst den abgeschnittenen Zopf und
erzählte Frau Hinzpeter auch die merkwürdige Geschichte, und Malchen
kam sich ungeheuer wichtig vor. Die Mutter sah nicht gerade erfreut
aus, sie verwunderte sich sehr über Silvias Untat, aber sie war keine
Frau, die viel unnütze Worte machte. »Meinetwegen mag auch der zweite
Zopf herunter,« sagte sie, »so halbseitig kannste niche rumlaufen.« Und
ritsch, ratsch schnitt sie den zweiten Zopf ab, und Malchen jauchzte
laut, als wäre ihr das größte Glück widerfahren. --
Inzwischen war auch Silvia heimgekehrt unter dem Schutz der Mutter. Die
hatte das weinende, zitternde Kind zu Bett gebracht und hatte neben ihr
gesessen, bis sie meinte, es schlief.
Aber Silvia schlief nicht. Die lag wach im allergrößten Herzeleid.
Sie wußte kaum, worüber sie trauriger war, über den Zopf, den sie der
Kameradin abgeschnitten hatte, oder über ihre Faulheit. Plötzlich fiel
es ihr ein, wenn sie nun strickte, immerzu strickte, Tag und Nacht,
dann wurden doch die Strümpfe fertig. Sie stand auf und tastete sich
vorsichtig hinaus; sie wußte, wo Zündhölzer lagen und ein Öllämpchen
stand, das holte sie sich, nahm ihr Strickzeug und begann zu stricken,
Nadel um Nadel. Und auf einmal war der Strumpf fertig und gleich wieder
einer und immer mehr und mehr, die türmten sich auf, ein Berg wurde es,
ein hoher, hoher Berg, und oben saß Malchen Hinzpeter und schwang ihren
Zopf; sie schlug damit auf die Strümpfe, und merkwürdig, das klirrte
und klang, und Silvia schrie laut vor Schreck.
»Aber Silvia, um Gottes willen, was ist das?« Silvias Mutter war von
einem Klirren aufgewacht und hinübergelaufen in ihres Mädels Kammer.
Da lag das Laternchen zerbrochen am Boden; glücklicherweise war es
ausgegangen, und Silvia lag auf dem Bett, ihren Strickstrumpf fest
umklammernd. Sie war eiskalt, und danach wurde sie glühend heiß. Sie
hatte heftiges Fieber, und in dem Fiebertraum klagte sie immer, sie
wolle etwas für das Vaterland tun. Ein paar Tage war Silvia krank, und
in dieser Zeit erschloß sich ihr Herzlein der Mutter, von ihrem Willen
redete sie, viel, ja ungeheure Taten für das Vaterland zu vollbringen.
»Lieber Himmel,« sagte Frau Traugott, »was kann so ein Dreikäsehoch in
dieser furchtbaren Zeit tun!« Sie redete lind und gut zu ihrem Kind,
und dann lief sie zu Pfarrers und holte Fräulein Regine herbei. Die
kam auch, und sie wußte Silvia gut zu raten und zu helfen, sie hatte
ja selbst anfangs gemeint, die stille Arbeit daheim in Steinach sei zu
klein, zu unbedeutend.
»Ich will stricken,« sagte Silvia demütig und sah sich wieder nach
ihrem grauen Strumpf um.
»Erst gesund werden,« riet Fräulein Regine, »dann kommst du wieder in
die Strickstube.«
Silvia seufzte bang. In der Strickstube war Malchen, da waren alle
andern, die würden böse sein, würden spotten und lachen -- wie schwer
würde das sein!
Aber es wurde gar nicht schwer, denn Malchen Hinzpeter hatte ein gutes
kleines Herz, und als sie von Fräulein Regine hörte, Silvia sei
krank, da kam sie geschwind angelaufen. Sie versöhnten sich beide und
waren Freundinnen wie zuvor nach Besenmüllers Wort, der immer sagte:
»Beim Dummtun und Bösesein kommt nischte nich heraus.« Immer wieder
versicherte auch Malchen: »Fein is das ohne Zöpfe!«
Freilich, bei Silvias erstem Schulgang wollten die Buben spotten über
die zopflosen Mädel, aber da kamen sie bei Malchen schlecht an. Der ihr
flinkes Zünglein gab jedes Wort doppelt zurück, und zuletzt rief sie
stolz: »Und die Zöpfe wer’n verkauft, un für das Geld gibt’s Wolle, und
da stricken wir Strümpfe davon!« Sie sah die Necklustigen strafend an.
»Könnt ihr so was?«
Nein, Zöpfe konnten sie sich nicht abschneiden, und Strümpfe konnten
sie auch nicht stricken; trotz Besenmüllers Vorbild.
»Aber wir gehen selbst in ’n Krieg,« schrie Zimplichs Max.
»Ja, und ihr schlaft bei Tage in der Eisenbahn, un denn seid ihr wieder
da!« Da behielt Malchen das letzte Wort, und Silvia sah bewundernd
zu der mutigen Freundin auf. Wie die wollte sie werden, und fortan
strickte sie auch Strümpfe wie die andern Mädel von Steinach, dicke,
graue Soldatenstrümpfe.
[Illustration]
Fünfzehntes Kapitel
Die Krone
Der alte Briefträger kommt nicht, und Fritze geht ihn suchen
-- Das Wort von der Krone, und wie selbst Klöße mit Speck und
Backbirnen nicht locken -- Fritze kehrt von Ringelheim zurück,
und Frau Fries denkt: Der wird noch einmal ein rechter Mann
An einem Februartag stand Schwetzers Fritze wieder auf der Birnenstraße
und wartete wie schon so oft auf den Briefträger. Die Sonne schien
hell, und ein sanfter Wind wehte, wie Frühling war es, aber darauf
achtete Fritze gar nicht. Er dachte nur an den Brief, der immer und
immer nicht kam. Seit Frau Fries die Nachricht erhalten hatte, ihr
Sohn wäre schwerverwundet in die Hände der Franzosen gefallen, hatte
sie nichts wieder von ihm gehört. Jeden Tag lief Fritz dem Briefträger
entgegen, und jeden Tag stand Frau Fries am Schulhaus und sah den Buben
mit leeren Händen kommen. Sie hatte nach Genf geschrieben, dahin und
dorthin, aber noch nichts über den Sohn erfahren. Lebte er noch? Hatten
ihn die Franzosen auch nach Afrika geschafft wie so viele andere?
»Er kommt nicht wieder, er ist tot,« sagte die Mutter sich oft in den
langen, langen Nächten, wo alles ruhte in dunkler Stille und nur die
Sorgen wach waren.
»Er kommt nicht wieder, er ist tot,« sprachen auch die Leute von
Steinach untereinander. Nur Pfarrers Regine und Fritze Schwetzer
sagten: »Er kommt wieder!« Und dieser beiden unverzagte Hoffnung
richtete Frau Fries immer wieder auf. Dann läutete auch in ihrem Herzen
das Hoffnungsglöcklein: »Er kommt wieder, er lebt!« --
Wo nur der Briefträger blieb? Fritze spähte scharf in die Ferne. Einsam
lag die Straße, niemand kam. Der Bube stapfte weiter. Es war zwar
Mittagszeit, aber das bekümmerte ihn nicht, seine Mutter hatte ohnehin
gesagt: »Wenn’s um den Brief für die alte Frau Lehrerin ist, nu, da mag
das Spätkommen schon sein.«
Fritze dachte nicht einmal daran, daß es heute eines seiner
Leibgerichte gab: Klöße mit Speck und Backbirnen, er hatte nur den
einen Gedanken, vielleicht kam heute, gerade heute der Brief. Aber
soviel er auch lugte, der Briefträger kam nicht.
Im Dorf schlug die Uhr. Ein Uhr schon! Das Mittagessen war vorbei,
und fast eine Stunde wartete er schon. War der alte Bote so lange im
nächsten Dorf geblieben? Fritzes Magen knurrte, aber der Bube trabte
weiter. Wiesen, das Nachbardorf, lag noch eine halbe Stunde entfernt,
vielleicht war der Briefträger dort, und er fand ihn, und wenn der
Brief da war, dann wollte er zurück mit dem Wind rennen.
Fritz rannte. Er sah nicht rechts, nicht links, und beinahe überhörte
er die schwache Stimme, die seinen Namen rief: »Schwetzers Fritze, Gott
sei Dank, lauf doch niche fort!«
Verdutzt sah sich Fritz um. Da unter einem Baum kauerte der alte
Briefträger, er hatte den Kopf an den rauhen Stamm gelegt, und selbst
Fritz sah es, der alte Mann war krank. Mit einem Satz war der Bube
neben ihm, sein Mund schwieg, aber seine Augen fragten, und der Kranke
verstand diese stumme Frage. »Ich komm niche mehr weiter, aber der
Brief ist da.«
»Der Brief!« jauchzte Fritz und vergaß darüber des alten Mannes Not.
Der lächelte matt. »Ja, er is da, und eures Herrn Lehrers Name steht
darauf, also er lebt. Und siehste, das hätt’ ich nu zu gern der alten
Mutter gebracht. Nä, nu is das niche!«
Er seufzte tief und versuchte seine Tasche zu öffnen, aber die Hand
sank ihm matt zurück. »Fritze«, stöhnte er, »jetzt gibste mir deine
Hand, daß du alles tust, wie ich’s sage, nimm deinen Verstand zusammen!«
[Illustration: Die Schelme von Steinach. Seite 229.]
Fritze legte seine Hand in die des alten Boten, kraftlos war die und
kühl, und nur mühsam redete der: »In Steinach gibste alles ab, was
dahin gehört, un dann läufste nach Ringelheim, denn da warten auch ’n
paar Frauen so arg auf Briefe, un grade heut’ sin se da. Verlier aber
nischte! In Ringelheim gibste alles dem Küster, der macht’s schon, un
denn kommste nach Steinach zurück -- -- un vielleicht bin ich dann da.«
Er nestelte mühsam seine Tasche ab. Fritze wollte sie nehmen, aber der
Alte hielt sie fest. »Niche so schnell! So ’ne Tasche is was Heiliges.
Weißte, wenn dir ’n König seine Krone geben möcht’ und sagt: »Heb se
auf!« das is justament so, als ob ich dir meine Tasche geb. Verstehste
mich?«
Fritz nickte. Es war ihm seltsam feierlich zumute. Auf einmal, er wußte
nicht, wie es ihm in den Sinn kam, dachte er, der alte Briefträger
Klöppel ist auch wie ein Soldat auf dem Schlachtfeld.
»Fritze,« mahnte der Alte noch, »hörste, du mußt aber auch reden, in
Steinach sagen, wie’s is mit mir, un in Ringelheim auch. Und rennen
darfste niche, auch jetzt niche, ’s könnt was aus der Tasche fallen,
aber dich auch niche aufhalten, ja niche! Versprichste mir das?«
»Ja,« sagte Fritz und sah dem Alten fest in die Augen.
»Un reden mußte, Fritze, alles sagen.«
»Ja.« Fritz seufzte, das war schwer, aber es mußte sein. Er griff
wieder nach der Tasche, und wieder hielt sie der alte Briefträger
fest. »Wie ’n König seine Krone, justament so is das.« Er strich fast
zärtlich über das abgeschabte Leder. »’s ist mir schwer geworden jetzt
das Tragen. Ja ja, schwer. Aber weißte, Fritze, ’s war auch fürs
Vaterland. Weil die Jungen fort sind, müssen’s die Alten tun. Ja ja! Un
wenn du jetzt gehst, Fritze, denk’ dran, ’s ist auch fürs Vaterland.
Niche rennen, un dann reden -- -- meine Krone trägste, Fritze, meine
Krone, merk’ dir’s.«
»Ja,« sagte Fritze wieder, und seine Stimme tönte wie eine Glocke.
Da gab ihm der Alte die Tasche. »Um mich brauch’ keiner sorgen, das
is ganz scheene so in der lieben Gottessonne« -- -- er sprach nicht
weiter, er nickte nur dem Buben noch einmal zu.