einmal laut los, denn es tat ihm plötzlich bitter leid, daß er nicht
mitgezogen war. Er wußte auch wirklich nicht viel mehr; schreiben
wollten sie, wenn sie erst dort wären, und mit der Bahn fahren.
»Gut, dann kriegen wir sie,« tröstete der Pfarrer, als er das hörte.
»Irgendwo werden sie eines Tages hungrig und verzagt aufgefunden und
nach Hause zurückbefördert werden.«
Nun riefen es die Drähte ins Land hinaus: In Steinach haben zwei Buben
in den Krieg gewollt, sucht, sucht, sucht!
Ein Tag verging und noch ein Tag, keine Kunde von den Verlorenen
kam. Der Bahnvorsteher in Steinach hatte die beiden nicht gesehen,
aber in Rothaus, dem nächsten Ort, hatten sich an dem Tage zwei
Buben Fahrkarten bis zur Schnellzugshaltestelle L. genommen. So viel
Geld mochten sie gehabt haben, aber mehr nicht. Wo waren sie dann
hingekommen?
In L. wußte erst niemand etwas von den beiden. Der Pfarrer und Bauer
Weber -- Jackenknöpfles Vater war auch im Feld -- fuhren selbst hin,
forschten und fragten. Viel wußte niemand, nur ein Bahnwärter erzählte,
er hatte die beiden Buben gesehen, einer hätte ein Gewehr gehabt und
jeder einen Schulranzen.
»Das wird meine alte Windbüchse sein,« brummte der Bauer, »vor der
läuft kein Hase mehr davon, geschweige ’n Franzose.«
Wo waren die Buben aber mit Ranzen und Schießgewehr hingekommen? In L.
verlor sich ihre Spur, Fahrkarten hatten sie dort nicht gelöst. Waren
sie geradeswegs in die fremde Welt hineingelaufen?
»Die finden wir schon,« sagten die Bahnbeamten. Und wieder surrte der
Telegraph: Sucht, sucht, sucht, hier weinen Mütter in Angst um ihre
törichten Buben.
»So eine Not fehlt uns auch noch!« schalten in Steinach die
Erwachsenen. Die Buben, von den sechsjährigen an, die redeten anders.
»Vielleicht kommen sie doch in den Krieg,« sagten sie untereinander.
»Wenn sie hinkommen und mittun, dann geh’ ich auch,« erklärte Zimplichs
Max.
»Ich auch, ich auch,« riefen dann gleich ein paar andere. Alle wollten
sie gehen, und die Mädel schalten darob, fuchswild wurden die, waren
bitterböse auf Arne und Jackenknöpfle und weinten, wenn es hieß: »Noch
immer keine Nachricht.«
»Im Krieg müssen Mädel den Mund halten,« sagte Zimplichs Max einmal
hochmütig, als Hinzpeters Malchen und ihre Freundinnen auf Arne
schalten. Aber Zimplichs Max mußte dann bald einsehen, daß Malchen
auch in Kriegszeiten nicht an das Mundhalten dachte. Zehnmal versuchte
Max, ihr zu antworten, er kam aber nicht dazu, und zu guter Letzt rief
Fräulein Regine noch, es sei Strickzeit. Da rannten alle Mädel wie der
Wind davon, Malchen drehte sich noch auf den Hacken um und schrie
verächtlich: »Wir stricken fürs Vaterland, aber ihr, ihr, was tut ihr
denn?«
Weg war Malchen, und alle Buben entrüsteten sich über diese Frechheit.
Nä, die Mädel sollten nur sehen, wenn sie alle erst Arne und
Jackenknöpfle folgten. Die kommen hin, ganz sicher, und vielleicht
kriegen sie das Eiserne Kreuz, und vielleicht redet der Kaiser mit
ihnen, und vielleicht fangen sie den Franzosenkaiser und --
»Die haben doch keinen!«
»Doch, sie haben einen!«
»Ha, ich weiß es doch!« Zimplichs Max sah sich kampfbereit um, und
Heine Langbein höhnte: »Nä, so dumm, das niche zu wissen!« Die Buben
fuhren sich in die Haare, und Frau Besenmüller sagte zu Frau Fries:
»Wenn nur erst wieder Schule wäre, ’s wird Zeit!«
Und just um die gleiche Stunde ungefähr wurde in L. ein Güterzug
zusammengekoppelt. Die Wagen wurden hin- und hergeschoben, sie
pufften aneinander, endlich standen sie in Reih und Glied. Wie sie so
stillhielten, klang aus dem einen heraus ein jämmerliches Gebrüll.
»Je, je, was ist denn das?« Der Schaffner trat erstaunt an den Wagen,
riß die Türe auf, und heraus purzelten und schwankten bleich, verheult
und zitternd Webers Arne und Jackenknöpfle.
»Hopsassa, das sind ja die beiden Steinacher!« schrie der Mann. »Ja, wo
kommt ihr denn her?«
»Wir woll’n in ’n Krieg!« riefen beide etwas kläglich.
»Na, das ist der nächste Weg, wenn ihr drei Tage hier auf dem Bahnhof
sitzt. Wie seid ihr denn in den Wagen hineingekommen?«
Tief seufzend erzählten die beiden ihre Schicksale. Sie hatten kein
Geld gehabt, Fahrkarten zu lösen, und hatten sich heimlich auf den
Bahnhof geschlichen. Hier hatten sie einen Wagen gesehen, an dem stand
Straßburg, in den waren sie hineingekrochen. Kaum waren sie drin, hatte
jemand den Wagen zugeschlossen, und die Fahrt war losgegangen. »Wir
sind immerzu gefahren,« versicherte Arne. »Sind wir nun bald im Krieg?«
fragte er bedrückt.
»Im Krieg? Seid froh, daß der so ferne ist! In einer halben Stunde
fährt der Zug nach Steinach, da seid ihr zum Vesperbrot daheim.« Der
Bahnvorsteher, der dazugekommen war, lachte und erklärte den Buben, der
Wagen sei zwischen L. und M. ein paarmal leer hin und her gefahren. Nun
waren sie wieder in L.
Die beiden senkten die Köpfe wie die begossenen Pudel. So nahe waren
sie der Heimat, waren gar nicht nach Frankreich gelangt. Heimlich
frohlockte in ihren Herzen ein Stimmlein: »Wie gut, wie gut!« Aber
darauf mochten sie nicht hören, und verzweifelt heulten sie los: »Wir
woll’n in den Krieg!«
»Wohin wollt ihr Dreikäsehoch?« Eine feste, starke Stimme fragte das;
ein hochgewachsener, älterer Offizier war herangetreten, und der
Vorsteher klärte ihm den Fall auf. »In den Krieg zieht man nicht mit
dem Schulranzen.« Der Offizier sagte es ernst, aber er lächelte dabei.
»Kommt einmal mit, ich will euch etwas vom Krieg erzählen, bis euer Zug
kommt.«
Die Bahnbeamten machten dem Offizier ehrerbietig Platz. Man sah es
ihm an, er war schon draußen gewesen in Kampf und Not. Ganz verwirrt,
geblendet von der Tageshelle nach dem langen Aufenthalt in dem
dämmrigen Wagen, folgten die Buben. Sie bekamen Brot und Saftwasser,
aber so hungrig und durstig sie auch waren, denn die Vorräte aus der
Mütter Speisekammer hatten für die lange Reise nicht gereicht, sie
vergaßen doch Essen und Trinken vor dem, was sie hörten. Von dem
Krieg erzählte der fremde Offizier, von dem schweren, harten Kampf,
dem verzweifelten Ringen gegen anstürmende Übermacht. Im Osten hatte
der Erzähler mitgekämpft, und er erzählte von verbrannten Dörfern,
zerstörten Heimstätten, fliehenden Bewohnern, und er erzählte, wie
unermüdlich deutsche Männer das Land verteidigten. Im Kugelregen, im
nimmerruhenden Feuer hatten sie gestanden Stunden und Tage, und dann
waren sie marschiert, Stunden um Stunden, Tage um Tage, hungernd,
dürstend, aber sie hatten alle nur das eine gedacht: »Es ist fürs
Vaterland.« Es hatte keiner geklagt, es war keiner verzagt, singend
waren sie in den Tod gegangen. Und ob die Sonne glühend über ihnen
brannte, ob sie durch Moor und Wasser waten mußten, ob der Regen sie
durchnäßte, in Wunden und Schmerzen hatten sie nur an ihr Vaterland
gedacht. Das war der Krieg, in den die Buben mit dem Schulranzen ziehen
wollten.
Die beiden Buben saßen still mit gesenkten Köpfen am Tisch. Der Fremde
sagte nicht: Ihr seid recht dumme, unbedachte Jungen gewesen, was wollt
ihr mit euren schwachen Kräften da draußen? Aber sie hörten beide doch
in ihren Herzen diese Worte.
»Nach Steinach, einsteigen,« rief der Schaffner ihnen zu.
Der Offizier sprang auf und schob sie beide rasch dem Zuge zu. Sie
wurden in einen Wagen gehoben, die Türe wurde zugeschlagen, der Zug
setzte sich in Bewegung, und die beiden sahen noch eine Weile den
fremden Offizier groß und stattlich in der Sonne stehen. Wie ein
rechter Held stand er da. Da stöhnte Arne schwer und sagte scheu: »Am
Ende war das Hindenburg.«
Jackenknöpfle schnappte nach Luft vor Überraschung. »Hindenburg!«
Weiter konnte er zuerst nichts sagen, und auch Arne flüsterte es nur
nach: »Hindenburg!«
Der Gedanke an dieses ungeheure Erlebnis linderte ihren Kummer über die
verfehlte Reise, auch die Angst vor dem Empfang daheim war nicht groß.
Vielleicht hatten sie wirklich Hindenburg gesehen, nun konnten sie doch
etwas erzählen. Zuletzt wuchs ihre Ungeduld, und sie konnten es kaum
erwarten, wieder in Steinach zu sein. Als der Zug hielt, hatten sie es
sehr eilig, den Wagen zu verlassen. Sie wollten rasch die Apfelstraße
entlang laufen und ins Dorf stürmen mit dem Ruf: »Wir haben Hindenburg
gesehen!« Fein würde das werden, -- es kam aber anders. Auf dem
Bahnsteig standen Arnes Eltern, Jackenknöpfles Mutter und der Pfarrer,
denen liefen die beiden Ausreißer gerade in die Arme.
Der Schreck darob fuhr ihnen in die Glieder, und es dauerte ein
Weilchen, ehe sie reden konnten.
Wo sie gewesen wären, wollten die Erwachsenen wissen. Die hatten nur
die Nachricht von L. bekommen, die Buben wären gefunden. Da mußten sie
erzählen von ihrer Fahrt hin und her im Güterwagen von L. nach M. und
wieder von M. nach L.
»’n ganzen Tag sind wir gefahren,« versicherte Arne.
»Unsinn, drei Tage! Ihr habt wohl immer geschlafen?«
Ja, das mochte wohl sein, geschlafen hatten sie viel, auf Stroh und
Decken, die im Wagen gelegen hatten.
Was sie gegessen hätten, wollten die Mütter wissen.
Das war eine peinliche Frage, denn Mütter lieben es nie sehr, wenn
Kinder sich in die Vorratskammer schleichen. Arne half sich, er schrie:
»Wir haben Hindenburg gesehen!«
»Prahlhans!« Schwapp hatte er einen tüchtigen Katzenkopf weg. Sein
Vater sah ihn zürnend an. »Geflunkert wird nicht!«
»Vielleicht war er’s doch,« stammelte Jackenknöpfle. Recht kleinlaut
erzählte er das letzte Erlebnis. »Ihr Dösköppe,« brummte Bauer Weber,
»ein Hindenburg hat was anderes zu tun als mit zwei Ausreißern zu
reden.«
Der Pfarrer nickte ernst. »Der reist nicht im Lande herum, im Osten
hält er Wacht. Gott sei Dank, der uns solchen Wächter gab!«
Da war es nun nichts mit dem Sturm in das Dorf hinein, und doch
kamen sie mit Jubel an. Denn kaum waren sie wenige Schritte von dem
Bahnhöfchen entfernt, als der Vorsteher ihnen eiligst nachgelaufen kam.
»Sie haben Antwerpen, Herr Pfarrer, Antwerpen ist unser, eben wird’s
gemeldet.«
Antwerpen erobert! Da vergaßen die Männer die Strafrede, und die Mütter
hatten sie ohnehin schon vergessen in der Freude, ihre unnützen Buben
heil wiederzuhaben.
Froh ging’s ins Dorf hinein. Nun konnten die Glocken rufen und die
Fahnen wehen: »Sieg, Sieg, Sieg!«
Arne und Jackenknöpfle marschierten einher, als wären sie wirklich
draußen gewesen, als hätten sie geholfen Antwerpen erobern. Sie hoben
stolz die Nasen, und ein Weilchen fühlten sie sich beinahe als Helden,
weil alle sie anstaunten. Aber nur ein Weilchen hielt der Stolz an,
dann kam die Vergeltung für begangene Missetaten. Einem Racheengel
gleich schoß Frau Besenmüller aus der Türe mit dem Rufe: »Meine Strümpe
her! Wo habt ihr meine Strümpe?«
Die Buben wurden feuerrot, himmelgern hätten sie jetzt wieder im
verschlossenen Güterwagen gesessen, es half aber nichts. Sie mußten
ihre Ranzen öffnen, und da kamen wirklich die vermißten Strümpfe zum
Vorschein. »Die waren doch für Soldaten, und weil wir doch Soldaten
werden wollten, darum -- --«
»Darum lirumlarum! Setzt euch auf den Schafskopf. Da paßt ihr hin,
da habt ihr gleich den rechten Namen,« schrie Frau Besenmüller
erbost. »Nä, so was, die scheenen Strümpe! Und gestimmt hat’s doch,
hundertvierunddreißig. Ja, zählen, das kann ich. Aber Zeit wär’s, die
Schule finge an, sonst kommen noch mehr Buben auf dumme Gedanken.«
[Illustration]
[Illustration]
Dreizehntes Kapitel
Advent in Sorgen
Jemand kommt auf der Apfelstraße daher, und der alte
Briefträger Klöppel sagt: »Morgen, morgen!« -- Weihnachtspakete
werden gepackt, und diesmal erzählt Vater Hiller eine
Geschichte, und die Mütter denken an ihre Söhne, Malchen aber
stimmt die Wacht am Rhein an
Ein paar Tage nach Arnes und Jackenknöpfles Heimkehr war es, da kam
vom Bahnhof her ein alter Mann die Apfelstraße entlang. Er ging ganz
langsam, blieb auch einmal stehen und sah sich um, und obgleich es
ein trüber Tag war und der Nebel die Ferne verhüllte, schien dem
alten Mann doch alles sonderlich gut zu gefallen. Kurz vor dem Dorfe
bogen von einem Feldweg etliche Kinder auf die Apfelstraße ein. Sie
hatten Kartoffeln gegraben und sahen wie richtige Erdmännlein aus. Der
Fremde blieb stehen und ließ die Kinder herankommen; die musterten ihn
neugierig, aber nur wenige Augenblicke stutzten sie, dann schrieen sie
plötzlich alle wie aus einem Munde: »Herr Hiller, unser Herr Hiller!«
Es war wirklich Vater Hiller und kein anderer, der da auf der
Apfelstraße von Steinach stand und all die kleinen schmutzigen Hände
herzlich in die seinen nahm. Die Kinder meinten, er sei zu Besuch
gekommen, aber bald erfuhren sie es, Vater Hiller wollte wieder ihr
Lehrer sein. Er wollte seinen jungen Nachfolger vertreten, bis der
heimkam.
»Vater Hiller ist wieder da!« Der Ruf lief durch Steinach wie eine
Siegesnachricht, und wie bei einer solchen strömten die Leute aus den
Häusern. Vater Hiller war da, ihr alter, guter Vater Hiller, den mußten
sie doch sehen. Dem alten Mann streckten sich so viele Hände entgegen,
so viele Leute kamen, ihm guten Tag zu sagen, daß er nur ganz langsam
vorwärts kam. Frau Besenmüller im Schulhaus verging fast vor Ungeduld.
»Keinen Empfang, nischte nich hat er gewollt, un nu is ’n Lärm im Dorfe
wie beim Vogelschießen,« schalt sie. Die große Schulglocke hatte sie im
Arm, denn damit wollte sie den alten Lehrer begrüßen. Tüchtig klingeln
wollte sie, die Glocke sollte rufen: »Hurra, hurra!« Endlich näherte
sich der Zug langsam dem Schulhaus, und nun hielt es Frau Besenmüller
nicht mehr aus, sie wollte ihr Freudenklingeln beginnen, aber ihre
Hände zitterten vor Aufregung, die Klingel entrutschte ihr und kollerte
Vater Hiller vor die Füße.
Der hob sie lächelnd auf. »Ei, die kann es wohl nicht erwarten?« sagte
er heiter und schwenkte sacht die Klingel. Die tönte ein wenig, nur als
wollte sie fein bescheiden »Willkommen!« sagen.
So zog Vater Hiller ohne stürmisches Klingelgeläut in seinem lieben
Schulhaus wieder ein, und am nächsten Morgen stand Frau Besenmüller
wieder vor der Türe, wie schon viele Jahre, und die Glocke schrie: »Es
ist Zeit, Zeit, die Schule fängt an! Fleißige und Faule herbei, herbei!«
Die Kinder kamen gern, und als die so lange verschlossene Schulstube
sich wieder auftat, da wurde es ihnen ganz heimatlich zumute. Auf
einmal behaupteten sie alle miteinander, sie hätten die Ferien schon
recht satt gehabt; aber auf die Weihnachtsferien freuten sie sich doch
alle.
Den Erwachsenen war es nicht weihnachtlich ums Herz in diesem Jahr.
Die horchten alle hinaus, hin nach des Reiches Grenzen. Immer weiter
tobte dort der Kampf. Der November kam mit grauen, trüben Tagen, da
kehrte Trauer ins Pfarrhaus ein: der älteste Sohn war gefallen. Der
alte Briefträger sagte, als er die Nachricht überbrachte: »Es ist eine
schwere Zeit für unsereinen, man trägt so viele Sorgen aus.« Dabei
sah er trüb nach dem Schulhaus hinüber. Da drinnen wartete Frau Fries
seit zehn Tagen auf einen Brief des Sohnes. »Morgen kommt der Brief,«
versicherte der alte Briefträger, »morgen sicher.«
Am nächsten Tage -- gegen Mittag kam die Post erst ins Dorf -- rannte
Fritze Schwetzer weit hinaus auf die Birnenstraße; von dorther kam der
Bote, vielleicht brachte er heute den ersehnten Brief.
Der Alte winkte schon von weitem abwehrend mit der Hand. »Gibt nichts,
morgen, morgen -- vielleicht.«
Schwetzers Fritze raste zurück. Vor dem Schulhaus stand schon Frau
Fries, da tat es der Bube dem alten Briefträger nach, schüttelte auch
mit dem Kopf: »Morgen, morgen sicher!« Aber er sagte »sicher« dazu.
Und wieder wurde es Mittag, und wieder wartete Schwetzers Fritze weit
draußen auf der Straße, und der alte Bote schüttelte wieder den Kopf.
»Heute nicht, aber morgen -- vielleicht.«
So ging es fort Tag um Tag. Einmal stand Fritze nicht mehr allein weit
draußen, Pfarrers Regine stand neben ihm, die wollte auch wissen, ob
Heinrich Fries nicht geschrieben hatte. Aber wieder schüttelte der
Briefträger den Kopf. »Morgen -- vielleicht,« sagte er, wie schon so
viele Tage, und dann seufzte er: »Eine schwere Zeit, schlimm, schlimm!«
Tag um Tag verging so. Immer wieder lief Schwetzers Fritze hinaus, und
Fräulein Regine ging mit ihm, und immer kehrten sie beide enttäuscht
heim und sahen die alte Frau aus dem Schulhaus schon den Weg entlang
kommen. »Kein Brief, keine Nachricht!«
Dann endlich eine Karte von einem Kameraden. Heinrich Fries wurde
vermißt. War er tot, war er gefangen? Man wußte es nicht.
»Vermißt!« Es sah niemand in Steinach die alte Frau Lehrerin weinen,
still tat sie ihre Arbeit, still half sie andern, aber wenn die Leute
diese stille Frau durch die Gasse schreiten sahen, dann sagten sie
zueinander: »Der bricht das Herz.«
Im Pfarrhaus trauerten sie um den einen Sohn, aber die Pfarrersleute
waren noch reich, und die junge Regine tat den Eltern alle Liebe an.
Sie hatte aber auch immer noch Zeit, in das Schulhaus hinüber zu
laufen, gerade wie Schwetzers Fritze, der halb im Schulhaus wohnte. Er
machte seine Arbeiten an Frau Fries’ Tisch, er half Frau Besenmüller,
und wenn seine alte Freundin durch das Dorf ging, da ging er mit, immer
drei Schritte hinterher. Redselig war Fritze noch immer nicht, aber mit
Frau Fries unterhielt er sich doch gut, da brauchte er nur drei statt
zehn Worte zu sagen, gleich verstand sie ihn. Und wenn er einmal später
kam, dann sah sie schon nach ihm aus, atmete tief und sagte wohl: »Gut,
daß du da bist, Fritz!«
Der erste Schnee sank auf Steinach nieder, und er blieb liegen und
schmolz nicht gleich wie wohl in den großen Städten. Die Adventszeit
brach an, und wenn die Kinder untereinander waren, dann redeten sie
doch von Weihnachten, aber je näher das Fest kam, desto weniger wollten
die Erwachsenen davon wissen. Und doch lud auch dieses Jahr Frau
Fries die Kinder wieder zur Adventsfeier ein. Zu einem Arbeitsfest,
sagte sie, alle sollten ihr helfen, Weihnachtsgrüße zu packen. Nach
Ostpreußen sollten noch Pakete gehen, ins Elsaß und zu den Feldgrauen
in die Schützengräben, in denen sie in Regen, Schnee, Sturm und Kälte
hausten.
Diesmal kamen die Kinder nicht allein, auch die Mütter kamen mit, und
das große Schulzimmer war fast zu klein für alle Gäste. Besenmüller saß
wieder im Winkel und strickte, jetzt aber einen grauen Strumpf, und die
Bäuerinnen strickten auch. Die Kinder dachten alle, Besenmüller würde
vielleicht eine Geschichte erzählen. Erst warteten sie still, dann
fragten sie laut, doch Besenmüller schüttelte traurig den Kopf: »Nä,
nä, ich weiß nur was von den alten Schelmen, und das paßt nicht für
heute.«
»Keine Geschichte?« klagten die Kinder.
Frau Fries seufzte. Eine Geschichte erzählen, ja, das gehörte zu einer
Adventsfeier, aber ihr Herz war ihr so schwer, es tropfte und rann
unablässig darin, es weinte. Vater Hiller saß auch im Schulzimmer, und
als die Kinder so um ihre Geschichte klagten, da nickte er Frau Fries
zu und sagte: »Ich will euch heute eine Geschichte erzählen, eine
selbsterlebte dazu. Besenmüller sagt, eine Schelmengeschichte paßt
nicht in diese Zeit, aber eine aus dem Krieg von 1870/71, die kann es
wohl sein.«
»Vater Hiller war nämlich dabei,« flüsterten sich die Bäuerinnen zu,
und die Kinder spitzten die Ohren; hoho, ihr alter Lehrer war auch im
Krieg gewesen.
Der begann: »Die großen Schlachten des Krieges waren schon geschlagen,
ihr wißt: Gravelotte, Sedan, all die herrlichen Siege. Wir lagen vor
Paris. Ein kalter Winter war’s, wir haben weidlich gefroren, und wir
hatten viel auszustehen. In Frankreich kämpften auch jene gegen uns,
die nicht Soldaten waren, Männer und Frauen. Heimlich, hinterlistig
suchten sie uns zu verderben; es sind ihnen viele von uns zum Opfer
gefallen.
Im Quartier lag ich mit einem blutjungen Burschen zusammen. Heinrich
will ich ihn nennen. Ein feiner, hübscher Junge war es, mit
einem freien, hellen Blick. Dazu stimmte gar nicht sein stilles,
verschlossenes Wesen. Es war leicht zu merken, er trug einen Kummer,
der hatte ihn so ernst, fast finster gemacht. Durch einen Zufall erfuhr
ich, was ihn quälte. Er war einer Witwe einziger Sohn, und er hatte
sich das Hinausgehen ertrotzt. Von der Schule weg war er mitgegangen,
nur kämpfen für das Vaterland, das war sein einziger Gedanke. Keine
Mutterbitte hatte ihn gehalten.
Seine Mutter war eine zarte Frau, die Sorge um ihr einziges Kind hatte
sie aufgerieben. Sie war erkrankt, hatte es lange dem Sohn verborgen,
bis der es durch Verwandte erfuhr. Da quälte ihn die Sorge so, daß er
stumm und verschlossen darüber wurde. Immer wieder fragte er sich, ob
er unrecht getan, daß er ging. Aber dem Vaterland zu dienen, war doch
Pflicht und Ehre. Einen bitterschweren Kampf kämpfte der arme Junge in
aller Stille durch.
Es war um die Weihnachtszeit. Wir dachten viel an die Heimat,
und manchmal, wenn wir so hinübersahen nach Paris, da sangen wir
wohl halblaut die lieben deutschen Weihnachtslieder. Am dritten
Adventssonntag war es, da mußte Heinrich Wache stehen. Er hatte vorher
noch nachgefragt, ob ein Brief für ihn gekommen sei. Nein, es war
keiner da. Ich sah es ihm an, wie groß seine Enttäuschung war, und als
er fort war, fiel es mir ein, heute war sein Geburtstag. Einmal hatte
er halb scherzend, halb traurig gesagt, er sei ein Adventskind.
Am Geburtstag keinen Brief von der Mutter zu erhalten, von der Mutter,
die krank war, ihm vielleicht zürnte, das mochte hart sein. An diesem
Tag erhielten wir dann zufällig noch eine Postsendung, eine Anzahl
Briefe, einer für Heinrich war auch dabei. Ich nahm ihn an mich und
wollte ihn später abliefern, aber wunderlich, der Brief in meiner
Tasche machte mich unruhig. Ich war frei, und so überlegte ich nicht
lange, ich ging dahin, wo Heinrich die Wache hatte. Lesen konnte er den
Brief dort nicht, so hell war der Abend nicht, aber er wußte doch, die
Mutter hatte geschrieben, schon das mochte ihn freuen.
Ich ging also den Weg, ging ganz allein und dachte an die Heimat. Würde
ich nächstes Jahr Weihnachten wieder daheim sein? Ein leises Geräusch,
wie ein huschen von Schritten, ließ mich aufsehen. Ich sah vor mir zwei
dunkle Gestalten auftauchen und verschwinden -- Freischärler.
Ich spannte mein Gewehr, schlich langsam vorsichtig weiter, leise, ganz
leise, und dann plötzlich sah ich seitwärts jemand knien, eine Büchse
zielend gespannt in der Richtung, wo Heinrich auf Wache stand. Ich habe
nicht lange überlegen können, laut rief ich: »Wer da?«
Ein Schuß von mir, einer von dort, noch einer, der Mann überschlug
sich, aber er mußte noch nicht schwer verletzt sein, ich sah zwei
fliehende Gestalten.
Rasch vorwärts! Heinrich, war mein Gedanke. Er war unverletzt. Mein Ruf
hatte ihn aufmerksam gemacht, er hatte noch Deckung suchen können, er
hatte auch geschossen, wußte aber nicht, ob er jemand getroffen hatte.
Die Schüsse waren von unsern Leuten gehört worden, Hilfe kam herbei.
Wir durchsuchten die Gegend, fanden aber niemand. Die Wache wurde
verstärkt, und die Nacht ging ruhig vorüber.
Den Brief habe ich Heinrich gegeben, den Brief der Mutter, der ihm
eigentlich das Leben gerettet hatte. Nur um des Briefes willen hatte
ich ihn aufgesucht, und ohne mein Dazwischenkommen wäre der Anschlag
sicher geglückt. Am nächsten Tage hat mir Heinrich den Brief gegeben,
es war ein lieber, mutiger Brief, ein rechter, herzwarmer Mutterbrief.
Die einsame Frau klagte nicht, mutig, tapfer schrieb sie dem Sohn.
An seinem Geburtstag dankte sie ihm, daß er hinausgezogen war in den
Kampf für das Vaterland. »Ich bin stolz auf dich, mein Junge,« schrieb
sie ihm. »Und das ist so wundervoll, wenn eine Mutter dies an ihr Kind
schreiben kann, schreiben darf: Ich bin stolz auf dich. Ich war schwach
und kleinmütig, aber der Gedanke an meinen tapferen, pflichttreuen Sohn
hat mich stark gemacht.«
Heinrich ist heimgekehrt, seine Mutter hat auch sonst stolz auf ihn
sein dürfen. Er lebt noch heute, das Vaterland nennt ihn einen seiner
größten Gelehrten. Seine Mutter hat sich noch lange an ihm freuen
können.«
Der alte Lehrer schwieg. Die beiden Adventslichtchen auf dem dicken
Kranz, der an roten Bändern von der Decke herabhing, flackerten, und
ein Tannenzweiglein knisterte schwelend. Es war ganz still im Zimmer,
feiertagsstill.