Augusttagen von 1914 das gleiche Bild. Stille legten viele, viele
Männer ihre Arbeit nieder und verließen Haus und Hof, verließen die
Heimat, um für den Frieden dieser Heimat zu kämpfen. In Steinach am
Wald war es nicht anders. Da mußten Frauen ihre Männer ziehen lassen,
die Kinder weinten den Vätern nach und die Mütter den Söhnen. Und wenn
in diesen Tagen einer Mutter das Herz gar so schwer wurde und ihre
Tränen nicht versiegen wollten, dann mahnte wohl der Mann oder der
Sohn: »Sieh unsere alte Frau Lehrerin an, die ist tapfer, und ’s ist
doch auch ihr Einziger.«
Frau Fries nahm wirklich ihr Herz fest in beide Hände, sie klagte
nicht und weinte nicht. Still und emsig half sie dem Sohn die Sachen
rüsten, und sie half auch andern. In diesen Tagen begannen die Frauen
von Steinach in das Schulhaus zu laufen, um sich Rat zu holen und
Trost dazu. Die sanfte Frau, die noch kaum ein Jahr in ihrer Mitte
lebte, wurde ihnen allen eine Helferin, und manch ein Mann sagte beim
Abschied: »Na, Pfarrers sin ja da un die alte Frau Lehrerin, da frag’
nur, die helfen schon.«
Mann um Mann verließ das Dorf. Am zweiten Tage schon zog Heinrich Fries
hinaus. Seine Schulkinder standen vor der Türe, die gaben ihm das
Geleit bis zur Apfelstraße, da sandte er sie heim. Zum Bahnhof sollte
ihn allein seine Mutter begleiten. Die ganze Straße entlang aber tönte
es ihm nach: »Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!«
Endlich verhallten die Rufe, und ein paar Minuten waren Mutter und Sohn
allein, die andern Abfahrenden waren schon vorangegangen. Wie sie aber
beide an den Himbeerapfelbaum kamen, sahen sie dort einen Buben stehen,
der hatte den Baum umschlungen, als müßte er von dem Abschied nehmen.
»Holla, Fritz Schwetzer, was machst du hier?« Heinrich Fries trat
allein auf den Buben zu; seine Mutter blieb ein paar Schritte zurück,
sie dachte, mit dem Buben muß nur einer jetzt reden. »Sag’, was fehlt
dir? Dein Vater zieht doch nicht hinaus?« forschte der junge Lehrer.
Schwetzers Fritze schämte sich, daß er weinte, und er konnte doch
nicht anders. Es gibt halt Stunden, in denen auch ein Bube nicht ohne
Tränen fertig werden kann. Sein Lehrer spürte, hier gab es wirkliches
Herzeleid, und viel freundlicher als sonst klang seine Frage: »Wo
fehlt’s denn, Fritze, was bedrückt dich?«
»Weil -- weil -- Sie in ’n Krieg gehen un -- nu totgeschossen werden!«
Fritz stieß es heraus und umklammerte laut schluchzend des Lehrers
Hand. Der strich ihm sacht über den Struwwelkopf. »Na, na, mein Junge,
so schlimm braucht es doch nicht gleich zu werden. Tut’s dir denn so
leid?«
Der Bube nickte nur. Er rang mit den Worten, denn er hätte seinem
Lehrer in dieser Abschiedsstunde gern gesagt, daß er ihm gut war und
die Schule liebhatte, daß er sich sehnte, so zu werden wie dieser. Aber
ach, einem Schweiger purzeln die Worte eben nicht so flink aus dem
Munde!
Ganz langsam kamen sie nur, tropfenweise, aber Heinrich Fries verstand
auch jene, die ungesagt blieben, er verstand, daß Fritze ihn sehr
liebhatte.
Es war ihm eine Überraschung. Neun Monde lang war der Bube sein
Schüler gewesen, und er hatte gar oft in der Zeit gedacht, der ist
ein Trotzkopf, mit dem kann ich nicht viel anfangen. Und nun in der
Abschiedsstunde tat sich ihm Fritzes Herz auf, und er lernte verstehen,
wie schwer es ist, Schwetzer zu heißen und ein Schweiger zu sein.
»Lieber, lieber Junge, du!« dachte der Lehrer, »dich hab’ ich nun so
verkannt!«
»Ich -- ich -- will mit.«
»Mit in den Krieg? Das geht nun doch nicht, Fritz.« Heinrich Fries
sah zu seiner Mutter hinüber. Die stand ein wenig gebeugt, wie
niedergehalten von schwerer Last mitten auf der sonnigen Straße. Sie
weinte nicht, aber der Sohn wußte, ihr blutete das Herz in dieser
Abschiedsstunde. Da sagte er rasch: »Fritz, mitziehen kannst du nicht,
das weißt du, aber du kannst mir etwas zuliebe tun. Willst du?«
Fritz nickte heftig, ehe er aber noch eine Antwort geben konnte, bat
sein Lehrer: »Geh oft zu meiner Mutter, besuche sie und habe sie lieb.
Sieh mal, sie ist nun so allein. Sie braucht jemand in dieser Zeit!«
Heinrich Fries hielt Fritz die Hand hin, und der schlug fest ein. »Ich
will,« sprachen seine Augen, und der junge Lehrer sagte nur: »Ich danke
dir.«
Das war der Abschied zwischen den beiden. Fritz rannte davon,
querfeldein, es brauchte keiner zu sehen, wie traurig er war. Heinrich
Fries aber ging mit seiner Mutter die Apfelstraße hinab bis zu dem
kleinen Bahnhof. Der war heute so voller Menschen, als sei Steinach auf
einmal eine Stadt geworden. Aus ein paar Nachbardörfern trafen sie hier
zusammen, zehn Mann waren es, die mit dem jungen Lehrer zusammen die
Heimat verließen. Sie hatten Blumen an Röcken und Mützen stecken und
sangen wie viele Millionen in diesen Tagen: »Deutschland, Deutschland
über alles!«
Das Bähnchen pustete heran, an drei Haltestellen hatte es schon
Reisende aufgenommen. Die standen an den Fenstern, schwenkten die Hüte
und riefen den Steinachern zu: »Hurra, nun kommen die Schelme von
Steinach. Na, vor denen reißen die Franzmänner sicher aus.«
Die Steinacher nahmen den Scherz nicht übel. Frohgemut kletterten sie
in die Wagen. »Die Feinde sollen uns kennenlernen,« jauchzten sie, »die
Schelme verstehen das Dreinschlagen!«
Der Zug brauste davon. Der Gesang verhallte, und die Zurückbleibenden
gingen still heim. Frau Fries blieb ein wenig zurück, sie wollte
allein sein. Als sie aber dann, ein Stückchen hinter den andern, die
Apfelstraße entlang ging, kletterte Schwetzers Fritze auf einmal aus
dem Graben heraus. Er schob, ohne ein Wort zu sagen, seine Hand einfach
in die der alten Frau. »Willst du mich heimbringen, mein Junge?« fragte
diese.
Fritze nickte und brummelte halblaut dazu: »Der Herr Lehrer hat’s
gesagt.«
Frau Fries dachte an ihres Sohnes Wort in letzter Minute: »Mutter, wenn
Fritz Schwetzer zu dir kommt, denke, er kommt von mir.« Sie hielt die
Bubenhand fest in der ihren, und so gingen sie beide still miteinander
in das Dorf zurück. An der Haustüre trennten sie sich, und Frau Fries
sagte laut: »Auf Wiedersehen!« Fritz dachte es nur, aber seine neue
Freundin verstand ihn doch.
Auch dieser Tag ging zu Ende. Der Abend dämmerte herauf, ruhvoll und
schön glänzten die Sterne am Himmel, und viele, viele Seufzer, viele
heiße Bitten stiegen zu ihnen empor. Die Züge fuhren unablässig durch
das Land, und selbst in Steinachs Stille hinein tönte ihr Brausen.
Frau Fries hörte es. Sie hörte das Ticken der Wanduhr, das schwere,
lange Schlagen des eigenen Herzens die lange Nacht hindurch. Endlich,
als der Morgen sich aus den Schleiern der Nacht löste, hielt sie es
nicht mehr aus im Zimmer, sie rüstete sich zum Ausgang und stieg leise
die Treppe hinab. Sie wollte Besenmüllers nicht stören, aber unten
am Fuß der Treppe tat sie doch einen Schrei, denn sie stieß an einen
weichen, dunklen Gegenstand. Zusammengerollt lag da etwas am Fuß der
Treppe.
»Meine Güte, nä, unsre alte Frau Lehrerin!« Frau Besenmüller hatte auch
nicht schlafen können vor Herzeleid um den Krieg. Sie riß ihre Türe auf
und zündete ein Streichholz an, der Flur lag noch in tiefem Schatten.
»I nä, so was,« schrie sie, »da liegt ja woll ’n Junge und schläft.«
Zisch, entzündete sie noch ein Hölzchen, und in dem kleinen Licht
erkannte Frau Fries Fritze Schwetzer in dem Schlafenden.
»Still, still, Frau Besenmüller,« mahnte sie rasch, »wir wollen den
Buben nicht wecken, ich trag’ ihn in mein Zimmer.«
»I nä!« Frau Besenmüller sperrte den Mund weit auf, noch schiefer als
sonst wurde der. Sie war so verdutzt, daß sie nichts mehr zu sagen
wußte, sondern vor lauter Verwunderung half, Fritze hinauf in das
Wohnzimmer von Frau Fries zu tragen. Auf das schöne, moosgrüne Samtsofa
wurde der Bube gelegt, und wieder sagte Frau Besenmüller nur »I nä!«
Weiter nichts.
»Gehen Sie leise aus dem Zimmer,« bat Frau Fries, und Frau Besenmüller
tat, als wäre die Elfenkönigin ihre Muhme, so schwebte sie. Dabei stieß
sie freilich an den Tisch, rannte zwei Stühle fast um, eckte am Schrank
an, die Tür rutschte ihr aus und fiel krachend in das Schloß, und
zuletzt purzelten noch ihre Holzpantoffeln die Treppe hinab, sie selbst
glücklicherweise nicht. Aber all dies Gepolter, Gekrach und Gelärm
störte Schwetzers Fritze nicht, der schlief ruhig weiter auf dem grünen
Samtsofa, so ruhig, als wäre das sein Bett.
Frau Fries saß neben ihm und freute sich über den kleinen stummen Gast.
Wie er nur in das Schulhaus gekommen war? Ob er sie vielleicht hatte
beschützen wollen und darum auf der Treppe geschlafen hatte? Trotz
ihres Leides mußte die Frau lächeln, und sanft streichelte sie den
Buben ein wenig. Von Frau Besenmüllers Gepolter war der nicht erwacht,
aber das sachte Streicheln machte ihn munter, er reckte und streckte
sich und sah dann die alte Frau Lehrerin namenlos verwundert an. Wo
kam die nur auf einmal her, und warum war sein Bett ein grünes Sofa
geworden? Aber Frau Fries verstand es mit einem zu reden, der für
jedes Wort Vorspann braucht. So nach und nach kam es heraus, Fritze
hatte wirklich seines Lehrers Mutter bewachen wollen und hatte sich
darum an die Treppe gelegt. Daheim war er so in der Mitte drin. Ein
paar große Schwestern gab es und ein paar winzige Brüderlein, und in
dem lebhaften Haus hatte es wohl niemand gemerkt, daß er fehlte.
»Wer im Schulhaus schläft, muß auch drin frühstücken,« meinte Frau
Fries. Sie richtete den Kaffeetisch, und Fritz saß nachher daran
wie ein Großer, nein, eigentlich wie ein Graf, dachte er. Und dann
entdeckte seine neue Freundin ein Loch in seiner Jacke, das flickte
sie ihm noch zu, und darüber wurde es dem Buben immer heimatlicher im
Schulhaus. Er seufzte ein wenig, als Frau Fries sagte: »Nun mußt du
aber nach Hause gehen.«
»Hm!« -- eine lange Pause -- »nachmittag komm’ ich wieder.«
»Das ist recht so, also auf Wiedersehen!« Frau Fries lächelte wieder,
und als ihr Besuch die Treppe hinabstapfte, dachte sie: »Wenn es doch
schon Nachmittag wäre!«
Sie brauchte sich freilich nicht vor der Einsamkeit zu fürchten, denn
sie blieb nicht allein. Kaum war Schwetzers Fritze mit hocherhobenem
Kopf stolz an Frau Besenmüller vorbei zur Türe hinausgegangen, da tat
sich die Türe schon wieder auf. »Als ob’s Schultag ist,« brummelte Frau
Besenmüller. Diesmal war es Pfarrers Regine. Die kam in ihres Herzens
Not zu Frau Fries. Sie wollte auch hinaus, wollte draußen pflegen,
helfen, ihre Kräfte regen, den Sturm miterleben, nicht im Winkel in
der Stille sitzen bleiben. Aber ihre Mutter war krank; konnte sie die
verlassen?
»Wie sollte das werden, wenn jeder von seinem Posten davonlaufen
möchte?« gab ihre alte Freundin zur Antwort. »Wer daheim Pflichten hat,
muß erst die erfüllen.«
»Aber draußen wird es so viel Arbeit geben, so viel Leid und Not!«
klagte Pfarrers Regine.
»Warten Sie nur ab, mein Kind, das Leid kommt auch zu uns, auch hier
wird es Arbeit geben, hier werden Sie trösten und helfen können.«
Klipp, klapp ging’s draußen, und Frau Besenmüller lief ins Zimmer
hinein. Sie vergaß alle Höflichkeit, vergaß anzuklopfen, sie jammerte
laut: »Bei Traugotts, den Müller-Traugotts, ist ’n kleines Mädel
angekommen, un nu muß heut’ der Mann weg un beide Knechte. Nä, und die
Male, was das Mädchen ist, heult, weil ihr Schatz mit muß. Sie will
nach Wiesen gehen, Abschied nehmen. Nä, so was!«
Da küßte Pfarrers Regine die alte Frau Lehrerin und sagte tapfer: »Ich
will zu Traugotts gehen und der Frau helfen. Ich will in Steinach
bleiben auf meinem Posten.«
Klipp, klapp ging’s wieder draußen. Diesmal klopfte der Besucher an,
fest und laut, Frau Besenmüller riß die Türe auf und schrie: »Nä, so
was, nu ist Schwetzers Fritze schon wieder da!«
»Ich darf bleiben.« Fritze druckste die Worte heraus und sah strahlend
zu seiner neuen Freundin auf.
»Ih, das könnt’ uns gerade passen,« knurrte Frau Besenmüller, »so ’n
Nichtsnutz zur Ferienzeit im Schulhaus! Nä, git’s nicht, raus mit dir!«
»Frau Besenmüller möchte gern Wasser getragen haben, Fritze; willst du
das wohl tun?« fragte Frau Fries in ihrer sanften Weise.
»Hm,« Fritze nickte nur. Er wußte, wo die Eimer standen, wußte, wo der
Brunnen war; die alte Frau Lehrerin wünschte es, also ging er und trug
Wasser. Frau Besenmüller aber saß in ihrer Küche auf der Ofenbank und
sagte nur immerzu: »Nä, so was, die Welt dreht sich um und um, nu trägt
mir Schwetzers Fritze Wasser, und draußen ist Krieg.«
Frau Besenmüller gab dann freilich das Verwundern bald auf, zu viele
Wunder geschahen in dieser Zeit. Da schwiegen im Lande Streit und
Hader, eigensüchtige Ichmenschen wurden freundliche Helfer, alle
dachten sie nur: »Das Vaterland ist in Gefahr, Herr Gott, hilf uns!«
Die Glocken sangen über die Lande, Fahnen wehten: Sieg, Sieg! In
den Siegesjubel hinein aber tönte die Klage: »Ostpreußen in Not, in
Ostpreußen hausen die Russen, als wären die Zeiten des Dreißigjährigen
Krieges angebrochen.«
Pfarrers Regine lüftete die Fremdenzimmer, überzog Betten, suchte
Truhen und Schränke durch, das Pfarrhaus wollte Flüchtlinge aufnehmen.
Frau Fries aber ging von Haus zu Haus, und Schwetzers Fritze folgte
ihr. Sie bat um alles, was Hausfrauen entbehren konnten, der Landsleute
Not in Ostpreußen zu lindern. Die Steinacher Bäuerinnen gaben gern, und
im Schulhaus wurden Kisten gepackt für die Ostpreußen. Dazwischen kamen
die Frauen aus dem Dorfe und fragten: »Wie machen wir’s, daß unsere
Männer und Söhne alles richtig ins Feld bekommen? Dies soll verschickt
werden und das; wie packen wir es ein? Was schreiben wir darauf?«
Und immer wußte Frau Fries Rat. Frau Besenmüller brummelte freilich:
»Unsere alte Frau Lehrerin soll ja wohl zehn Hände und fünf Köpfe
hab’n. Nä, so was! Ein Getrample, ’s ist schlimmer, als wenn Schule
wär’.«
Und dabei rannte Frau Besenmüller doch selbst die Treppe auf, die
Treppe ab, als wäre sie sechzehn Jahre, nur um ihrer Hausgenossin zu
helfen. Am allerflinksten aber rannte sie, wenn sie von ferne den
Briefträger erblickte, aber sie erreichte ihn nie zuerst, immer war
Schwetzers Fritze schon da. Und Frau Fries erfuhr es schnell, wenn ein
Brief von ihrem Sohne da war. »Ein Brief vom Herrn Lehrer,« gellte
Fritzens Stimme auf. Vielfaches Echo antwortete, von da und dort kamen
Mädel und Buben gelaufen, und der Brief war wie ein König, der mit
großem Gefolge in sein Schloß einzieht.
Doch wie im Lehrerhaus, so wartete beinahe in jedem Bauernhaus eine
Mutter, eine Frau auf ein Wort, das von draußen hereinklang. Der alte
Briefträger Klöppel hatte kurz vor dem Kriege sein Amt aufgegeben
gehabt. Er lief nun aber wieder mit der Tasche, weil die jungen
Männer alle draußen waren, dachte unterwegs immer an die Briefe und
Karten, die er trug. Der hat geschrieben und der, überlegte er, aber
die Knöpfle wird warten, je, je, so lange kein Brief! Von Pfarrers
schreibt nur einer, eigentlich müßten’s zwei heute sein. Warum schreibt
der andere nicht? Ist dem was zugestoßen?
Früher hatten die Steinacher Mädel und Buben sich kein bißchen um
Briefe gekümmert, das waren für sie Dinge, an denen nur Erwachsene
Freude hatten. Jetzt war es auf einmal anders geworden, und als
Schwetzers Fritze selbst vom Herrn Lehrer eine Feldpostkarte bekam, da
beschlossen alle seine Kameraden und Kameradinnen: »Wir schreiben auch,
wir woll’n auch was kriegen.«
Etliche liefen auch geschwind zu der ganz kleinen, dicken Krämersfrau
Laura Langbein und verlangten einen feinen Bogen, aber nur etliche
feine Bogen wurden Briefe, die in den Krieg reisen konnten, auf den
andern wimmelten die Kleckse nur so herum wie Fliegen auf einem
Honigbrot.
Schwetzers Fritze hatte zwar drei Bogen verschrieben, aber zuletzt
hatte er doch einen vier Seiten langen Brief fertiggebracht.
Freilich standen auf jeder Seite nur fünf Wörter, doch das schadete
nichts. Brief ist Brief, und stolz zeigte er seinem Freund Arne das
Schriftftstück.
»Fein,« lobte der, »aber Briefe schreiben ist nischt, ich geh’ selbst
raus. Willste mit?«
»Nä.« Fritze sah den Freund verdutzt an, er schüttelte bedachtsam den
Kopf, das ging doch nicht.
Webers Arne war anderer Meinung. Er hatte sich schon alles fein
ausgedacht, einen richtigen Kriegsplan hatte er entworfen, und eifrig
erzählte er, wie er es machen wollte. Höchst einfach war es. »Gehste
mit?« fragte er wieder.
»Nä,« gab Fritze zur Antwort.
»Bist dumm,« brummte Arne und erzählte weiter. »Gehste mit?« fragte er
zum dritten Male, und wieder rief Fritze: »Nä.«
»Och, so feige!« kreischte Arne. Doch da verlor Fritze die Geduld,
puff, puff ging’s los. Einmal lag Arne unten, einmal Fritze. Weil
sie ziemlich gleich stark waren, bekam jeder Prügel. Der Kampf blieb
unentschieden, weil Frau Besenmüller mit ihrem Wappenzeichen, einem
Besen, dazwischentrat; mit Frau Besenmüller wollten sie aber beide
nicht kämpfen. Sie ließen sich los. Arne raffte seine Mütze vom Boden,
Fritze nahm den Brief vom Fenstersims, auf das er ihn vorsichtig gelegt
hatte, und im Davonlaufen schrie der eine noch: »Ich geh doch!« und der
andere: »Nä.«
[Illustration]
Zwölftes Kapitel
Zwei wollen Helden sein
Frau Besenmüller sagt, es wären hundertvierunddreißig Strümpfe,
und an einem Tag werden vier Strümpfe und zwei Buben vermißt --
Zimplichs Max will auch hinaus -- Malchen Hinzpeter denkt nicht
ans Mundhalten, und ein Bahnwagen fährt nicht immer dahin,
wohin die Reisenden wollen -- Hindenburg unterhält sich nicht
mit den Steinacher Buben, und Antwerpen fällt
Die Ruhestunden waren knapp in diesen ersten Kriegswochen. Doppelte
Last lag auf den Schultern der Daheimgebliebenen, und in Steinach
mußten auch die Kinder helfen die Ernte einbringen. Die Ferien gingen
vorbei, die keine Ferien gewesen waren, aber die Schule begann nicht,
der Lehrer fehlte. Zum lustigen Spiel blieb freilich wenig Zeit. Der
Schelmenacker lag öde, und auf dem Schafskopf hätten die Geister der
alten Schelme nach Herzenslust spuken können, es störte sie niemand.
Selbst Besenmüller saß nicht mehr auf der zerbröckelten Mauer im
Sonnenschein, der blieb auf der Bank vor dem Schulhaus sitzen. Da
hörte er es doch, wenn es wieder einen Sieg gab, oder wenn einer von
draußen geschrieben hatte. Dazu strickte er Strumpf um Strumpf, kein
Weiblein im Dorf konnte es flinker und besser als er. Hatte er wieder
ein paar Strümpfe fertig, dann seufzte er wohl und sagte zu seiner
Frau: »So hab’ ich’s mir nu mein Lebtag gewünscht, immer Wolle zu
haben, viel Wolle und stricken zu können alle Tage. Nä, und nu macht’s
mir kein rechtes Vergnügen.«
Eines Tages wusch Frau Besenmüller siebenundsechzig Paar rosenrote und
himmelblaue Strümpfe und hing sie vor dem Schulhaus zum Trocknen auf.
Sie fürchtete, sie könnten abfärben, und rote und blaue Beine sollten
die Feldgrauen draußen nicht bekommen. »Sie werden sich ohnehin ärgern
über die bunten Strümpe,« klagte die Frau, als sie die stattliche Reihe
überschaute.
»I nä, Lydia,« tröstete Besenmüller, »ob ’n rotes oder blaues Bein im
Stiefel steckt, ist gleich. So sehr ich for Strümpfe bin, Stiefeln sin
die Hauptsache.«
»Du hast alleweil recht,« sagte seine Frau. Sie schaute
bewundernd auf die bunte Pracht, wie ein Festschmuck sah sie aus.
»Hundertvierunddreißig Strümpe,« rief sie stolz, »nä, die beim Roten
Kreuz werden staunen!«
»Hundertdreißig,« brummelte Schwetzers Fritze von der Tür her. Dort
saß er und wartete auf Frau Fries; inzwischen hatte er die Strümpfe
gezählt. »Hundertvierunddreißig, du Naseweis,« rief Frau Besenmüller
ärgerlich, »was ich weiß, das weiß ich.«
»Nä, hundertdreißig.« Fritze blieb dabei.
Traugotts Hanne ging just vorbei, und Frau Besenmüller rief ihr zu:
»Hanne, wieviel Strümpe hängen hier?«
Hanne zählte stöhnend. »Hundertachtzehn!« rief sie.
»Hundertdreißig,« schrie Fritze.
»Hundertvierunddreißig,« zeterte Besenmüller.
»Hundertdreiundfünfzig.« Hinzpeters Malchen war dazugekommen; sie hatte
auch gezählt.
»Hundertdreißig,« rief nun auch Besenmüller, »Fritze hat recht.«
»Hundertvierunddreißig!« Frau Lydia wurde rot wie ein Krebs vor Ärger.
»Unsere alte Frau Lehrerin hat sie vorhin gezählt, und die kann’s.«
Zur rechten Zeit, so fanden alle, kehrte Frau Fries heim. Die zählte
noch einmal und noch einmal, es waren und blieben aber wirklich nur
hundertunddreißig Strümpfe, vier fehlten, denn auch Frau Fries sagte
es, vorhin wären es so viel gewesen.
»Die sind weggeflogen,« sagte Hanne und sah sich rundum.
»Da müßte der Wind gerade in deinem Korbe stecken,« spottete
Besenmüller. Es wehte wirklich kein Lüftchen. Der Tag war warm und
schön, er hätte ein Sommertag sein können, kaum war der Herbst zu
spüren.
»Die hat jemand geholt,« rief Frau Besenmüller zornig.
»I nä, ich hab’ doch alleweil hier gesessen!« Ihr Mann schüttelte den
Kopf. Wer sollte wohl in Steinach Strümpfe von der Leine wegtragen?
Solche Untaten mochten in Städten vorkommen, in Steinach nicht.
»Aber ’s waren doch hundertvierunddreißig,« jammerte Frau Besenmüller,
als Frau Fries einwarf, sie könnte sich vielleicht auch verzählt haben.
»Zählen, das kann ich, schreiben und lesen, nä, aber zählen fein. Und
hundertvierunddreißig Strümpe waren’s.« Dabei blieb Frau Besenmüller,
aber sooft sie es auch versicherte, die Strümpfe kamen nicht wieder,
und es wußte ihr auch niemand zu sagen, wohin sie gekommen waren.
Wenn vier Strümpfe auf einmal spurlos verschwinden, so ist das
sonderbar, viel sonderbarer aber ist es, wenn am hellen Tag zwei Buben
aus einem Dorf verschwinden, als hätte die Erde sie verschluckt.
Am Abend dieses schönen Herbsttages sagte Arne Webers Mutter ärgerlich:
»Der Junge ist nicht heimgekommen, seit Mittag sitzt er nun bei
Knöpfles.«
Knöpfles Haus lag am andern Dorfende, man ging sechs Minuten bis dahin,
und in Steinach nannten sie das einen weiten Weg. Frau Weber schickte
daher auch keinen Boten aus; kam Arne nicht heim, so schlief er wohl im
Knöpfle-Haus. »Morgen gibt’s Geschimpfe,« drohte nur die Mutter. Und
um die gleiche Stunde sagte dies Frau Knöpfle. Auch sie war ärgerlich,
daß ihr Jakobus seit Mittag bei Webers war, denn dahin hatte er gehen
wollen.
In dieser Zeit bedrängten die Bäuerinnen mancherlei Sorgen, und um die
Kinder, die daheim geblieben waren, konnten sie sich weniger kümmern.
Erst am nächsten Morgen -- schon war viel Arbeit im Hause getan -- lief
von Webers zu Knöpfles und von Knöpfles zu Webers je eine Magd, die
Buben heimzuholen. Die Botinnen kamen mit viel Geschrei zurück. Arne
war nicht bei Knöpfles und Jackenknöpfle nicht bei Webers.
Vielleicht waren sie bei Zimplichs, vielleicht bei der kleinen
Krämersfrau Langbein, vielleicht da, vielleicht dort? Erst war es ein
Fragen ohne Sorgen, aber wie der Tag weiter vorschritt und immer mehr
Leute im Dorf erklärten, sie hätten die Buben überhaupt nicht gesehen,
da wurden die Mütter ängstlich. Wo waren die nur? »Vielleicht auf dem
Schafskopf,« dachte der Bauer Weber, und er sagte nicht, wie jäh die
Angst riesengroß in ihm wurde, die beiden könnten oben in dem alten
Gemäuer verschüttet worden sein.
Er stieg selbst hinauf mit seinem alten Knecht, so schnell er konnte,
andere folgten, aber oben fanden sie alle nichts. Nicht einmal eine
frische Fußspur war zu sehen. Die Hagebutten glänzten rot wie vor einem
Jahr, als Heinrich Fries zum erstenmal auf dem Berg gewesen war.
Waren die Buben in den Wald gelaufen und hatten sich dort verirrt?
Steinacher Buben im Steinacher Wald verirrt! Es glaubte niemand
recht daran, immerhin begann man im Walde zu suchen. Der Förster war
eingezogen, nur der alte Waldhüter Michael war da, und der hatte an
diesem Tage keinen Buben im Walde erblickt.
Unten im Dorf vergaßen die Leute ihre Arbeit, je weiter der Tag
vorschritt. Immer ungeheuerlicher erschien ihnen das Verschwinden der
beiden Buben. Frau Besenmüller sagte wieder einmal zu ihrem Mann:
»Wenn uf emal zwei Buben un vier Strümpe verschwinden, dann hängt das
zusammen.«
»Hm!« -- Besenmüller sah nachdenklich auf seinen Strumpf, aber
plötzlich ließ er das Strickzeug fallen und schrie: »Lydia, die sind
vielleicht zu den Soldaten gerannt!«
Ein tiefer Seufzer gab Antwort. An der Türe stand Schwetzers Fritze,
der hatte so schwer geseufzt. Besenmüller sah ihn durchdringend an.
»Heda, mein Freund, du weißt etwas, raus mit der Sprache!«
Das ging nun freilich nicht so flink, und Frau Besenmüller tat das
Vernünftigste, was sie tun konnte, sie holte Frau Fries herbei. Die
wußte so lind zu fragen, und nach etlichen schweren Seufzern gab Fritz
endlich Antwort. »Die sin in ’n Krieg.«
»Wie denn das?« rief Besenmüller. »Einfach so nein, haste nich geseh’n,
da siehste, das geht doch niche. Wo sind sie hin?«