er auf sein Lager und schlief. Damian tat einen noch lauteren Gähner,
und er schlief schon, ehe er auf sein Lager kam.
Sagten die Mönche: »Unserem Gast wird nichts die Nachtruhe stören.«
Sagte Herr Arnulf: »Wäre auch schlimm. Wird der im Schlaf gestört, haut
er um sich wie weiland St. Georg der Drachentöter.«
Die Mönche erschraken sehr und versprachen, nichts, auch nichts sollte
ihren werten, vornehmen Gast stören.
Sagte Herr Arnulf: »Und verwahret seine Reisesäcke wohl. Ich muß mit
dem Frühesten davonreiten.«
Sagten die Mönche: »Wir wollen tun, wie du es befohlen.«
Als das Morgenglöcklein läutete, ritt Herr Arnulf mit den Seinen von
dannen. Seine Bettsäcke ließ er den Mönchen da, und er hieß seine
Knechte des Grafen wohlgefüllte Truhen aufladen. Die Mönche meinten,
so sei es richtig, und verwahrten die Bettsäcke in des Klosters
reicher Schatzkammer. Also ritt Herr Arnulf, der Schelm von Steinach,
geschwind hinweg. Der Graf von Gehlingsberg aber schlief zwölf Stunden,
da drehte er sich das erste Mal um. Er tat seine Augen ein viertel auf,
blinzte und dachte, ’s ist ja noch Nacht. Ja ja, das dachte er.
Darauf schlief der Graf wieder zwölf Stunden, drehte sich wieder um,
tat seine Augen halb auf und dachte, ’s ist ja noch Nacht. Ja ja, das
dachte er wieder.
Damian aber rührte sich nicht, tat seine Augen nicht auf, und denken
tat er erst recht nichts.
Inzwischen langten die drei Knappen Hinz, Kunz und Jörg am Kloster St.
Kilian an und begehrten, vor ihren Herrn geführt zu werden.
Sagten die Mönche: Nein, das ginge nicht, der müßte seine Ruhe haben.
Nun, die Knappen waren’s zufrieden. Der Bruder Küchenmeister wartete
ihnen gut auf. Der Bruder Kellermeister schenkte ihnen manche Kanne
Wein, da ließen sie sich’s wohl sein.
Zwei Nächte und einen Tag schlief der Graf von Gehlingsberg, dann
wachte er auf. Er brummte: »So einen unruhigen Schlaf habe ich lange
nicht getan; nun bin ich schon dreimal aufgewacht, und immer ist’s
noch Nacht.« Er seufzte schwer, und auf einmal fing ihm sein Magen zu
knurren an. Rrrrrrrrrrrrrruh ging es.
Schrie der Graf von Gehlingsberg: »Ich bin krank, ich bin krank. Oh,
wie tut mir das im Magen weh!«
Die Mönche hörten das mächtige Schreien und liefen angstvoll herbei.
Taten die Türe auf, und das helle Sonnenlicht strömte in das
fensterlose Kämmerlein.
Riefen die Mönche: »Ei, Herr, was habt Ihr für einen guten Schlaf
getan! Sechsunddreißig Stunden pflegtet Ihr der Ruhe.«
Schrie der Graf: »Was schwätzt ihr da, sechsunddreißig Stunden hätte
ich geschlafen? Wirklich, sechsunddreißig Stunden?« Ja ja, das fragte
er.
Seufzte der Damian: »Man kann sich auch niemals im Leben ordentlich
ausschlafen.«
Rief der Graf: »Oho, nun weiß ich’s, woher mir das Grimmen im Magen
kommt, ich habe Hunger!«
»Ich auch, ich auch!« stöhnte Damian, der wurde da ganz munter. Der
Bruder Küchenmeister aber lief eilig, um ein gutes Mahl zu rüsten. Der
Graf von Gehlingsberg ließ sich das Frühstück wohl schmecken, und erst
als er satt war, fragte er nach seinem Reisegenossen. Der sei schon
lange fort, hieß es, aber des Grafen Reisegut liege wohlverwahrt in
des Klosters Schatzkammer.
Sagte der Graf nachdenklich: »Ei, dann ist auch Zeit, wenn ich morgen
mit dem Frühesten reite. Will mich noch einmal ordentlich ausruhen für
den langen Ritt.«
Rief Damian: »Das ist wohlgetan. Ich spüre das erste Reiten noch in
allen Knochen. Umfallen könnte ich vor Müdigkeit.«
Also blieben der Graf und die Knappen noch den Tag und die nächste
Nacht im Kloster und ließen es sich wohl sein.
Seufzte der Bruder Küchenmeister: »O weh, sie essen alle meine Vorräte
auf!«
Klagte der Bruder Kellermeister: »O weh, mein schöner Wein, sie trinken
ihn allen aus!«
Am nächsten Morgen entstand ein lautes Geschrei, denn da merkte der
Graf von Gehlingsberg den Tausch des Schelmen von Steinach. Frau
Mechthild hatte ihre allerältesten Betten zur Reise hergegeben, und
soviel der Graf, seine Knappen und die Mönche auch suchten, die
köstlichen Gewänder, von denen der Schelm von Steinach erzählt hatte,
die waren nicht zu finden. Der Graf wurde fuchsteufelswild, und selbst
Damian vergaß vor Zorn seine Schläfrigkeit. Sie setzten sich auf ihre
Pferde und ritten eilfertig davon, um nur rasch an des Kaisers Hof zu
kommen und dem Schelmen seinen Raub wieder abzujagen. --
Herr Arnulf war unterdessen einen andern Weg geritten. Als das Kloster
St. Kilian hinter ihnen lag, sagte er zu Berthold, seinem Burgwart:
»Wie rede ich mich aus, wenn nun der Herr von Gehlingsberg auch an des
Kaisers Hof kommt?«
Sagte Berthold: »Reitet nicht an des Kaisers Hof.«
Zürnte Herr Arnulf: »Was soll der dumme Rat?«
Sagte Berthold: »Ein Kaiser ist freilich ein Kaiser, aber ein Herzog
ist auch ein hoher Herr. Reitet an eines Herzogs Hof.«
Sagte Herr Arnulf: »Das Wort läßt sich hören.«
Sagte Berthold: »An des bayrischen Herzogs Hof wird’s Euch wohlgehen.«
Sagte Herr Arnulf: »Das gilt. Kurzweil und ritterliche Spiele gibt’s
dort auch. Des Herzogs Sohn soll Hochzeit halten, da wird es gut sein.
Also reiten wir.« Ja ja, so sagte er.
Nun ritten sie und kamen auch an den Hof des Herzogs von Bayern. Dort
war ein lustiges Leben, und der Schelm von Steinach, der stattlich
in des Grafen von Gehlingsberg Kleidern einherging, wurde wohl
aufgenommen. Er gewann güldene Preise im ritterlichen Spiel, und weil
der Herzog um der Hochzeit willen seine Gäste freihielt, brauchte der
Schelm keinen Batzen und kein Hellerlein auszugeben. Auch ein reiches
Gastgeschenk erhielt er noch. Die güldenen Preise verkaufte er, und so
zog er mit wohlgefülltem Säcklein nach etlichen Wochen von dannen. Ja
ja, so war’s.
Inzwischen war der Graf von Gehlingsberg an des Kaisers Hof gewesen,
hatte dort den Schelm nicht gefunden und hatte dort viel Spott und
Neckerei erfahren. Es glaubte ihm niemand sein Märlein, und weil er
auch ein einfältiger Herr war, meinten alle, sie hätten einen Narren
vor sich. Der Graf vertat sein Geld und gewann nicht Ehre und nicht
Freunde, und mißmutig kehrte er nach etlichen Wochen heim. Im Kloster
zu St. Kilian gedachte er seine letzte Rast zu halten, und der Zufall
führte am nächsten Morgen den Schelmen vor das Kloster. Als dies
der Schelm hörte, ritt er eiligst von dannen, und an der Stelle,
an der er einst den Grafen getroffen hatte, sagte er zu Berthold,
seinem Burgwart: »Nun reite geschwind nach Gehlingsberg, bringe der
Frau Gräfin ihres Mannes Reisetruhen und dieses goldene Ringlein als
Reisegeschenk. Sag’ ihr, mit hohen Ehren sei ihr Mann an des Kaisers
Hof empfangen worden, und er sei nun schon auf dem Heimweg, sie möge
ihn wohl empfangen.«
Sagte Berthold: »Das will ich recht ausrichten.« Er ritt mit den
Knappen nach Gehlingsberg, während der Schelm heimwärts ritt im neuen
Wams, sein gutgefülltes Beutelchen in der Tasche.
Als er am Tor anlangte, lief Frau Mechthild ihm entgegen und klagte:
»O du armer Mann, ohne deine Knechte kehrst du heim! Dir mag es übel
ergangen sein.« Ja ja, so klagte sie.
Rief Herr Arnulf: »Schau her!« Er wies ihr das neue Wams, das Geld und
eine feine Gürtelschnalle.
Lachte Frau Mechthild: »Ich sehe schon, die Schelme verderben nimmer.«
Mißmutig kehrte der Graf zu seiner Burg zurück. Doch dort empfingen
ihn alle festlich geschmückt, und seine Frau Gräfin rief: »Willkommen,
edler Held!« Sie dankte ihm gar herzlich für das güldene Geschenk.
Sagte der Graf brummig: »Was soll das Geschrei?«
Schrie Damian: »Herr, da stehen unsere Truhen.«
Sagte die Gräfin: »Die sandtest du mit des Schelmen Knechten. Die haben
auch gesagt, wie reich du geehrt worden bist an des Kaisers Hof.« Da
schwieg der Graf mäuschenstill und verbot auch seinen Knechten zu
sagen, wie es ihnen ergangen war. Ja ja, das tat er.
Er erzählte viel von des Kaisers Hof, zuletzt glaubte er selbst, ihm
sei es gut gegangen dort, und schließlich glaubten alle, der Kaiser
würde wohl auch bald zu Besuch kommen, weil er dem Grafen so gut war.
Aber mit dem Schelmen von Steinach tat der Gehlingsberger nie mehr eine
Reise zusammen. Mit Fehde überzog er freilich auch nicht seine Burg,
wie er es sich vorgenommen hatte. Sah er von fern den Schelmen kommen,
dann beschrieb er einen großen Bogen um ihn, er fürchtete dessen Spott.
Ja ja, den fürchtete er.«
[Illustration]
[Illustration]
Zehntes Kapitel
Sommertage
Des Pfarrers Freund redet vom Krieg, aber dem jungen Lehrer
laufen die trüben Kriegsgedanken davon -- Auf dem Schafskopf
brennt das Johannisfeuer, die Rosen blühen, es wird wieder
Geburtstag gefeiert, und niemand weiß an dem Tage, was in der
Welt geschehen ist -- Der Lehrer erzählt von Deutschland, und
Frau Fries hält ihr Herz fest und klagt nicht.
Pfarrers Regine hatte ihren Geburtstag gefeiert, und die Sonne hatte
dazu geschienen, wie es sich für einen rechten Frühlingstag schickt.
Kein Wölkchen war zuerst am Himmel gewesen, aber plötzlich, am
Nachmittag, waren schwere, dunkle Wolken aufgezogen, Sturm, Regen, ein
Blitz, ein Donnerschlag, und im Umsehen war es wieder hell gewesen. Das
erste Frühlingsgewitter war vorübergerauscht. Ein paar Tage lang hatte
es im Pfarrhaus köstlich nach Veilchen geduftet, dann waren die kleinen
blauen Frühlingskinder verwelkt, und droben auf dem Schafskopf sproßten
Blätter und Knospen der Heckenröslein hervor. Die sagten: »Nun kommen
wir bald dran.«
»Nein, erst wir.« sagten im Wald die Maiglöckchen. In den Gärten
blühten Narzissen, Tulpen, Schwertlilien, Stiefmütterchen, hängende
Herzen und viele andere Blumen auf. Die drei Straßen hatten sich wieder
in weiße, schimmernde Wege verwandelt, gerade wie vor einem Jahr, als
Heinrich Fries Steinach am Wald zum erstenmal gesehen hatte. Er dachte
daran und dachte dabei auch an seinen Reisegefährten, der ihm zuerst
von den Schelmen erzählt hatte. Und ganz unvermutet lief ihm der alte
Herr über den Weg, mitten auf der Apfelstraße. Sie erkannten sich
beide, und der junge Lehrer erfuhr nun, sein Reisegefährte sei ein
Freund des Pfarrers. »Ich flüchte mich immer mal für etliche Tage in
Steinachs Stille, und dies Jahr war die Sehnsucht besonders groß. Es
sieht nicht gut aus in der Welt.«
»Nicht gut sieht es aus in der Welt? Wieso?« Der junge Lehrer fragte es
erstaunt, nachdenklich.
Der andere nickte: »Ja ja, mir will’s immer scheinen, als hinge Krieg
über uns gleich einer Wetterwolke.«
»Krieg!« Das Wort stimmte so gar nicht hinein in den heiteren
Frühlingsfrieden von Steinach, und Heinrich Fries sagte abwehrend:
»Ach Krieg, es wurde schon so oft davon gesprochen -- ich glaube nicht
daran.«
»Hurra, Hurra, bald ham’ mer se!« Wildes Geschrei gellte auf, und über
die Apfelstraße hinweg rasten vier Buben, ein halbes Dutzend andere
folgten ihnen, bewaffnet mit Blechsäbeln, einem Pusterohr und einem
Ding, das ungemein viel Lärm machte. Eine Rassel war es von lauter
alten Topfdeckeln.
»Wen habt ihr bald, he?« Jackenknöpfle lief seinem Lehrer gerade in
die Arme, und der hielt ihn fest. Doch der kleine, dicke Kerl mußte
erst ein paarmal nach Luft schnappen, ehe er Antwort geben konnte.
»Wen wollt ihr fangen?« Heinrich Fries fragte es noch einmal, und nun
stieß Jackenknöpfle heraus: »Die Indianer! Wir spielen Indianers, und
dahinten liegt Indien.«
Er deutete nach dem Schelmenacker hin, und sein Lehrer meinte heiter:
»Nenn’s Amerika, da nun doch einmal dort die Heimat der Indianer ist.«
Er ließ Jackenknöpfle los, der stürzte eilfertig davon, und das
Geschrei aller vereinte sich bald drüben am Schelmenacker. »Solchen
Krieg gibt’s immer,« sagte der junge Mann zu dem Alten.
Der sah ernst ins Weite. »Wer weiß, wie bald unsere Jungen gegen
Franzosen, Russen und noch sonst welchen Feind ins Feld ziehen wollen!«
»Glauben Sie das?« Nun lächelte auch Heinrich Fries nicht mehr. Er
sah zum Himmel auf, der klar und blau war. Würde so schnell ein Wetter
daherziehen wie an Fräulein Regines Geburtstag? --
Wie schön war der Frühling, wie schön, selbst wenn der Regen warm und
lind auf die Erde niedersank. Und wie leicht laufen trübe Gedanken
im Frühling davon. Heinrich Fries erging es so. Als er dann mit
seinem alten Reisegefährten am Pfarrhaus anlangte, stand Fräulein
Regine da, die hatte sich mehr noch als sonst ihr liebliches Gesicht
mit Frühlingssonne eingerieben, da liefen geschwinde alle trüben
Kriegsgedanken davon.
Das taten die bösen Gedanken noch manchmal in diesen Tagen, aber -- sie
kamen doch immer wieder. Der alte Herr Berner, so hieß des Pfarrers
Freund, war abgereist, beim Abschied hatte er gesagt: »Im August komme
ich wieder -- vielleicht.«
»Vielleicht, vielleicht,« sang Pfarrers Regine fröhlich, »vielleicht
reise ich im August in die Schweiz, vielleicht sehe ich Schneeberge.«
»Vielleicht, vielleicht baue ich mir ein Schloß im Monde,« neckte sie
der Vater.
»Vielleicht erhalte ich zum Herbst eine bessere Stelle in der Stadt,«
sagte Heinrich Fries zu seiner Mutter. Er sagte es hoffnungsfroh, und
die alte Dame unterdrückte den leisen Seufzer. Ach, sie wäre so gern
in Steinach geblieben!
Auch die Steinacher Buben und Mädel schmiedeten allerlei Pläne, die mit
»vielleicht« begannen, und die so wundervoll lustig wie die Sommertage
waren. »Vielleicht gibt’s diesmal länger Ferien,« sagten die Faulpelze,
obgleich sie nicht zu sagen wußten, warum dies geschehen sollte.
Vielleicht dürfen wir alle nach M. zum Jahrmarkt, hofften etliche.
Vielleicht dies, vielleicht das. Eine Ferienfahrt, ein neues Kleid,
ein riesengroßer Drache, ein langer Schulspaziergang, -- das waren
alles Dinge, die mit »vielleicht« gesagt wurden. Und darüber reihte
sich Tag an Tag. Flieder und Goldregen blühten auf und verblühten, die
Rosen dehnten sich in ihren engen Knospenkleidern und riefen: »Endlich,
endlich kommen wir an die Reihe!« Sie erblühten in köstlicher Schöne,
kein Gärtlein gab’s in Steinach, in dem nicht ein Rosenbusch wie ein
holdseliges Mädchen stand. Wer daran vorüberging und eine horchende
Seele hatte, der hörte wohl, wie die Rosen sangen: »Sonne, küsse uns,
Wind, streichle uns, Mensch, freue dich an uns!«
»O ihr Rosen, ihr lieben Rosen!« sang Pfarrers Regine, wenn sie
durch den Garten ging, und dann mahnte sie: »Vergeßt es nicht, am
Johannistag recht schön zu blühen, das gehört sich so, und dann noch
ein paar Tage länger, dann hat die alte Frau Lehrerin Geburtstag. Ihr
erster ist’s in Steinach, den wollen wir recht feiern.«
Der Johannistag kam, die Rosen blühten und dufteten, auf dem Schafskopf
brannte ein Johannisfeuer, und Frau Besenmüller schalt: »So etwas weckt
nur die alten Schelme auf, das is niche gut.«
»Lydia, schimpf’ nicht,« sagte ihr Mann. »Denk’ daran, Sonntag hat
unsere alte Frau Lehrerin Geburtstag.«
Da wurde Frau Besenmüller sanft und freundlich und redete von allerlei
Festvorbereitungen. Die alte Frau Lehrerin hatte sich längst viele
Herzen in Steinach gewonnen. Wenn sie über die Gasse ging und in
ihrer freundlichen, stillen Weise alle grüßte, dann sagten wohl die
Steinacher: »Die paßt nu so recht scheen zu uns.«
Und diese gütige, sanfte Frau hatte nun Geburtstag, an einem Sonntag
dazu. Die großen Leute fanden dies paßlich, und die kleinen Leute
ärgerten sich darüber. Warum nicht an einem Wochentag, der dann zu
einem Feiertag wurde? Wie konnte ein Geburtstag nur so ungeschickt
sein, auf einen Tag zu fallen, an dem es ohnehin Kuchen gab in den
meisten Steinacher Häusern! Trotz dieses Ärgers wanderten aber alle
Schulkinder in der rechten Geburtstagsstimmung am Morgen vor das
Schulhaus und sangen dort einen Morgengruß. Die Brummer mit. Fräulein
Regine hatte ihnen einen wundervollen Rat gegeben. Sie hatte gesagt:
»Singt stumm, den Mund auf, Mund zu und nur im Herzen mitgesungen.« Das
taten die Brummer nun auch voll Eifer, und Stipsels Oswald sah dabei
aus wie ein Fisch, den man statt ins Wasser auf ein Sofa gelegt hatte.
Schnapp auf, schnapp zu, so ging es bei ihm.
»Der Oswald hat wohl was verschluckt? Der kriegt Zustände,« sagte Frau
Besenmüller ängstlich. Mitten im Lied trat sie hinter den Buben und gab
ihm einen kräftigen Stoß in den Rücken. »Ist’s raus?« flüsterte sie so
laut, als müßte das Geflüster oben auf dem Schafskopf gehört werden.
»Hup!« machte Oswald; er konnte vor Schreck nicht sprechen.
Glücklicherweise ersah Fräulein Regine Frau Besenmüllers Tat, sie zog
rasch die Frau aus dem Kreis und erklärte ihr das Mund auf, Mund zu.
»I nä,« brummelte Frau Besenmüller, stumm singen, ja, das könnte sie
auch. Sie trat an ihren Platz zurück, klappte nun auch ihren großen
Mund auf und zu, und Webers Arne flüsterte Jackenknöpfle ins Ohr: »Wie
’ne Brotschachtel.«
Trotz dieser kleinen Zwischenfälle klang der Gesang festlich und
rein in den hellen Sonntagmorgen hinaus, und Frau Fries freute sich.
Sie freute sich auch über die Rosen, die Pfarrers Regine brachte,
über all die bunten Sträuße aus den Steinacher Gärten, sie freute
sich über die lachenden Gesichter der Kinder, und sie freute sich am
meisten über die Liebe, die man ihr erzeigte. Dieser Tag ging zur
Ruhe wie ein glückliches Kind, das sich müde gefreut hat und noch im
Schlafe lächelt. Die Nacht blieb hell, die Sterne funkelten in ewiger
Schönheit am Himmel, und im Grase wisperten die kleinen, lustigen
Johanniswürmchen: »Seht nur, wir funkeln auch wie die Sterne!«
»Noch mehr, noch mehr,« sagten die andern Käfer, die konnten nämlich
nicht bis zum Himmel hinauf sehen.
Im warmen Sommerfrieden schlief Steinach ein, und niemand darin ahnte
etwas von dem schweren Geschehen draußen in der Welt. Da hatten im
fernen Land ruchlose Buben Österreichs künftigen Kaiser und seine Frau
ermordet. Als die Kunde von dem Mord durch die Lande lief, von Stadt zu
Stadt, das einsamste Dorf nicht vergaß, erfaßte tiefes Entsetzen die
Menschen. Ein dumpfes Ahnen kommenden Leides lag über den Landen.
»Wir bekommen Krieg,« sagten manche. Aber jene, die nicht gern an
Sorgen und kommendes Leid dachten, sagten: »Ach nein, wer wird unseren
Frieden stören und unsere Sommerlust!«
Die Buben und Mädel in Steinach redeten nicht von Krieg und dachten
nicht an Krieg. Sie gingen in die Schule und freuten sich auf die
großen Ferien. Am Montag freuten sie sich auf den Sonntag, am Morgen
auf das Mittagessen, und zu Mittag redeten sie davon, wie sie abends
auf der Gasse spielen wollten. Sie stiegen auf den Schafskopf, riefen
und neckten die Geister der alten Schelme, zitterten, die könnten
wirklich erscheinen, und ärgerten sich, daß sie nicht kamen. Sie
zankten sich mit Frau Besenmüller und liefen dann schuldbewußt zu deren
Mann; der mußte seine Frau »Lydia« nennen, damit sie wieder gut werde.
Auf den Feldern reifte das Korn, und die Schnitter dengelten schon ihre
Sensen: bald, bald fängt die Ernte an.
So verging Tag um Tag. Das Jahr 1914 saß in seinem Himmelswinkel, es
strich die Tage aus, und immer ernster wurde sein Gesicht.
Der Juli neigte sich schon seinem Ende entgegen, da kamen Tage, an
denen niemand Lust zur Arbeit und Freude hatte. Selbst in Steinach
standen die Männer auf der Dorfstraße und redeten ernst und eifrig
zusammen, und die Frauen sahen zu ihnen hin, und manch eine wischte
sich heimlich eine Träne aus den Augen. Wer weiß, wie bald zog ihr Mann
hinaus!
Der junge Lehrer Heinrich Fries ließ jetzt immer Vaterlandslieder
singen, und wenn die Kinder aus dem Schulhaus kamen, dann sangen sie:
»Deutschland, Deutschland über alles,« und immer sang mit, wer es hörte.
Jeden Tag fuhr jetzt jemand nach dem nächsten großen Ort, um dort
die neuesten Telegramme zu lesen. Dann hieß es den einen Tag: Es
gibt Krieg! den andern: Der Friede bleibt erhalten. Noch lag eine
Lokalisierung des Krieges im Bereich der Möglichkeit. Die Diplomatie
arbeitete fieberhaft. Telegramme flogen hinüber und herüber. Viele
deutsche Herzen hofften noch, der Friede möchte der Welt erhalten
bleiben. Aber mitten in alle heitere Sommerschönheit hinein gellte
der Ruf: »Es gibt Krieg, Krieg mit Frankreich, Krieg mit Rußland, mit
England, Krieg mit der halben Welt.«
Die Buben und Mädel in Steinach hatten sich auf die Ferien gefreut,
wie sich überall Buben und Mädel auf die Ferien freuen. Aber als sie da
waren, dachte niemand an Ferienfreude. Am Samstag sollte Schulschluß
sein, und an diesem Tag gab der junge Lehrer Heinrich Fries keine
Stunde mehr. Er hatte die große Karte von Europa angehängt, und daran
zeigte er den Kindern, wie riesengroß die Länder der Feinde waren gegen
die der beiden treuen Bundesbrüder Deutschland und Österreich-Ungarn.
Weit, weit über halb Asien hinweg dehnte sich das unermeßliche
russische Reich, und Frankreich lag mit weiten Küsten am blauen Meer.
Im Norden drohte England. Feinde, Feinde, wohin das Auge blickte. Die
Brandfackel des Weltkriegs, des fürchterlichsten aller Kriege, war
entzündet. Das Verhängnis nahm rasch und unaufhaltsam seinen Lauf.
Armes Deutschland, armes Vaterland! Dem jungen Lehrer wurde das Herz
schwer, als er an das furchtbare Ringen dachte, das nun beginnen
würde. Doch größer noch als die Sorge war die Freude, daß auch er mit
hinausziehen durfte in den Kampf für das Vaterland.
Und an diesem letzten Schultag ließen die Kinder Bücher und Hefte in
ihren Ranzen, und Heinrich Fries erzählte ihnen von Deutschland, von
seiner Vergangenheit, seiner Herrlichkeit und seiner Not, wie es immer
und immer wieder hatte kämpfen müssen um seine Freiheit. Auch von des
Vaterlandes stiller Schönheit sprach der junge Lehrer, von seinen
Städten, Dörfern, seinen Wäldern und Flüssen, seinen friedlichen Tälern
und vom deutschen Heimatzauber.
Es war mäuschenstill in der Schulstube. Noch nie hatten die Kinder so
lautlos zugehört, und keines sehnte das Ende dieser letzten Schulstunde
herbei. Und als draußen die Glocke ertönte, die Frau Besenmüller im
Jammer ihres Herzens wilder denn je schwang, da baten all die braunen
und blauen Kinderaugen, in die der Lehrer sah: »Weiter, weiter!«
Heinrich Fries atmete tief. Das eine Fenster der Stube lag in der
Sonne, und golden umwob der Schein die Buben- und Mädelköpfe. Das
würde er nun lange nicht mehr sehen, vielleicht nie wieder. Er zog
hinaus in den Kampf, vielleicht in den Tod! Er schwieg, atmete tief,
und dann sagte er einfach: »Ich gehe nun von euch, Kinder; ob wir uns
wiedersehen, steht in Gottes Hand. Er schütze unsere Heimat, er schütze
euch. Werdet tapfere deutsche Männer und Frauen und vergeßt es nie,
nie: Das Vaterland über alles!«
Deutschland, Deutschland über alles! Jauchzend brauste der Gesang
plötzlich auf, die Kinder wußten selbst kaum, wie es kam, daß sie
auf einmal das Lied sangen. Wie ein Jubelruf klang es und ein Gebet
zugleich. Draußen vor der Tür stand Frau Besenmüller, sie hielt die
Schulglocke fest im Arm, und heiße, heiße Tränen rannen darauf nieder.
»Das Herze bricht einem fast!« schluchzte sie. »Nä, der Jammer, nä, das
Unglück!«
»Schäm’ dich, Lydia, so redet keine deutsche Frau,« rief ihr Mann von
der Treppe her. »Sieh unsere alte Frau Lehrerin an, die nimmt ihr Herze
fest in die Hände.«
Da schwieg Frau Besenmüller beschämt. Ihr Mann hatte recht, der hatte
immer recht. Und stille nahm sie sich vor, so tapfer zu sein wie Frau
Fries, die ihr Herz fest hielt und nicht weinte und nicht klagte.
[Illustration]
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Elftes Kapitel
Schwerer Abschied
Die Steinacher ziehen auch hinaus, und Schwetzers Fritze will
mit -- Auch Pfarrers Regine will hinaus, geht aber dann zu
Traugotts -- Der alte Briefträger übt wieder sein Amt aus, und
Fritze schreibt einen Brief und prügelt sich mit seinem Freund
Arne
Mobilmachung, Abschied!