»Sie sind uns vielleicht näher, als wir ahnen,« sagte der junge Lehrer

schwer. Aber das hörte nur seine Mutter und Besenmüller. Fräulein

Regine hatte einen kleinen Stab geschwungen, und jauchzend tönte es

durch das Schulzimmer:

»Es gibt nichts Schönres auf der Welt,

Als wenn das Christkind Einzug hält

Ins Haus, ins liebe Vaterhaus,

Trotz Sturmgetön und Wetterbraus.

Es kommt so still in heil’ger Nacht

Durch Schneegeflock und Eises Pracht.

Begleiter ist der Weihnachtsmann,

Der trägt, was er nur tragen kann.

Wenn’s Kindlein noch so arm und klein,

Das Christkindlein gedenket sein:

Im Hüttlein schlecht, im reichen Haus

Teilt es die Liebesgaben aus.

Drum gibt’s nichts Schönres auf der Welt,

Als wenn das Christkind Einzug hält.«

»Und nun geht’s heim!« Frau Fries sagte es, als das Lied verklungen

war. Ein paar Minuten später liefen die Kinder jauchzend die Dorfstraße

entlang, und Frau Besenmüller räumte auf. Sie brummte dabei nicht wie

sonst, sondern sagte vergnügt: »Scheene war’s, sehr scheene!«

[Illustration]

Achtes Kapitel

Geburtstagsveilchen

Warum die Schulglocke einer entthronten Königin gleicht und

Frau Besenmüller nicht mehr Reisig zu holen braucht -- Die Zeit

läuft, auf dem Schafskopf blühen die Veilchen, und Besenmüller,

der kein Gespenst ist, erzählt eine Geschichte, die erst im

nächsten Kapitel steht

Über der Adventsfeier hatten die Kinder alle miteinander die

Schulklingel im Holzstall vergessen. Nur Schwetzers Fritze dachte

daran. Wenn nun Frau Besenmüller die Klingel nicht fand! Dann würde sie

schelten und schreien, und der Herr Lehrer würde es hören und die alte

Frau Lehrerin, und sie würden böse werden. Nein, das durfte nicht sein.

Zwischen Abendessen und Zubettgehen schlich sich Fritze noch einmal zum

Schulhaus hin. Vielleicht fand er einen Kameraden, der ihm half. Aber

es war kein Bube weit und breit zu sehen, dafür kam jemand anders, als

Fritze gerade am Holzstall anlangte: der Herr Lehrer selbst. Fritze

erschrak heftig und blieb wie erstarrt stehen.

»Na du, was tust du denn hier?« Heinrich Fries sah erstaunt drein.

»Warum bist du denn noch nicht daheim?«

Fritze hätte nun gern die Wahrheit gesagt, aber vor Schreck war ihm

der Mund noch fester verklebt als sonst, und in seiner Verlegenheit

drehte er sich um und rannte, ohne Antwort zu geben, davon. Der junge

Lehrer sah ihm ärgerlich nach. »Der ist verstockt!« dachte er, und oben

erzählte er dann seiner Mutter, Schwetzers Fritze sei ein Heimlicher,

von ihm wüßte er nie recht, was er im Sinne habe. Fritze lief

heimwärts, sehr bedrückt, aber dicht am Haus traf er Arne. Sie waren

Nachbarn und hielten auch gute Nachbarschaft. Dem Freund gegenüber tat

sich sein Mund auf, und er sprach von seiner Sorge.

Arne lachte ihn aus. »Besenmüllern muß doch früh Holz holen, da sieht

sie ja die Bimmel!«

Freilich, das stimmte. Fritze atmete auf und vergaß nun ebenfalls

die Klingel. Er träumte auch in dieser Nacht nicht von der großen,

strengen Ruferin zur Schule, von dem Kaiser Napoleon selbst träumte

er. Der verlangte von ihm, er solle geschwind nach Rußland laufen.

Fritze ängstigte sich sehr und sträubte sich, da wurde Napoleon

fuchsteufelswild, und wer weiß, was geschehen wäre, wenn nicht gerade

die Mutter gerufen hätte: »Aufstehen, ’s is balde Schulzeit!«

Es gab an diesem Morgen noch viel zu reden von gestern. Mädel und Buben

standen auf dem Dorfplatze zusammen und schwätzten und freuten sich,

daß sie alle so früh gekommen waren. Frau Besenmüller klingelte immer

dreimal, das erste Mal hieß: »Nun rüstet euch, es ist Zeit!« Das zweite

Mal wollte sagen: »Geschwind, geschwind ins Haus hinein!« und das

dritte Mal verkündigte: »Aufgepaßt, der Herr Lehrer kommt!«

Noch hatte die Klingel nicht einmal getönt, und die Kinder schwätzten

und vergaßen es, sich zu wundern, wie lange es heute währte, ehe es

bimmelte.

Frau Besenmüller aber rannte inzwischen im Haus aufgeregt treppauf,

treppab, -- wo war nur die Klingel? Gestern noch hatte sie unten im

Türwinkel gestanden, nun fehlte sie. »Wie närrsch bin ich,« brummelte

die Frau, »so ’ne Klingel is doch niche wie ’ne Stecknadel, die in ’ne

Ritze fällt. Nä, so was!«

Ihr Mann kam heim, der war schon beim Ortsvorsteher gewesen, er fragte

verwundert: »Du klingelst ja niche!«

»Die Bimmel fehlt.«

»I nä!«

»Frau Besenmüller, warum klingeln Sie nicht?« ertönte da die Stimme des

jungen Lehrers.

»Die Bimmel fehlt,« jammerte Frau Besenmüller. Und klagend beschrieb

sie, wo die Klingel gestanden habe, und auf einmal sei sie verschwunden.

»Die haben se versteckt,« knurrte der Mann. »Ich hol’ se alle rein.«

Heinrich Fries kam plötzlich die Begegnung mit Schwetzers Fritze

gestern am Holzstall in Erinnerung, und er sagte rasch: »Sehen Sie mal

im Holzstall nach.«

Und richtig, da war sie. Wie eine entthronte Fürstin saß die dicke

Klingel auf dem Holzstoß, und Frau Besenmüller nahm sie und schwang

sie, da gellte ihre Stimme in die Weite.

»Es bimmelt!« In all die Buben- und Mädelbeine auf der Dorfstraße fuhr

der Ton. »Bimbimbimbim!« Das schrie und schalt, so laut, so böse hatte

die Schulglocke noch nie getönt. »Bimbimbimbim!« Das hörte gar nicht

auf, und die Kinder rannten alle in der größten Eile ins Schulhaus.

Dort fanden sie zu ihrer Überraschung ihren Lehrer schon im

Schulzimmer. Der hielt seine Uhr in der Hand, zeigte darauf und sagte

streng: »Ihr kommt alle zu spät.«

»Es hat doch erst gebimmelt!« verteidigten sich etliche.

»Ja freilich, die Klingel war versteckt. Fritz Schwetzer, hast du die

Klingel versteckt?« Fritze sank fast zu Boden vor Schreck, als ihn der

Herr Lehrer so drohend ansah. Er klappte den Mund auf und zu, aber er

brachte kein Wort heraus.

»Dir steht das schlechte Gewissen an der Stirn geschrieben, und da

du mir keine Antwort gibst, bist du es jedenfalls gewesen. Du warst

gestern noch spät an Besenmüllers Holzstall. Du wirst jeden Tag in

dieser Woche eine halbe Stunde nachsitzen.«

Wieder klappte Fritze den Mund auf und zu, und wieder brachte er kein

Wort heraus. Dafür aber trat Arne vor, und Jackenknöpfle, Zimplichs Max

und ein paar andere folgten. »Ich war’s, Herr Lehrer,« rief Arne mit

heller Stimme.

»Ich auch.« -- »Ich auch.« -- »Ich auch,« klang es nach, und nun

endlich fand Fritze seine Sprache wieder, und im Baß brummte er nach:

»Ich auch.«

»Also ihr waret es alle!« Prüfend überschaute der Lehrer die Buben,

er schaute schon viel milder drein. »Wie war denn das? Arnulf Weber,

erzähle du einmal!«

Und Arne erzählte frank und freimütig, auch von Fritzens abendlichem

Gang nach dem Holzstall.

»So äne ausgesuchte Bosheit!« schrie Frau Besenmüller. Die hatte ganz

leise die Türe ein Ritzchen aufgemacht und hatte draußen gehorcht.

»Wartet ihr nur, ihr Rasselbande!« Sie streckte den Kopf zur Türe

hinein, drohte mit der Hand und fuhr blitzschnell wieder zurück. Von

der Treppe her sagte ihr Mann vorwurfsvoll: »Na, wenn nu das de Kinner

täten, Lydia!«

Tief beschämt zog Frau Besenmüller ab, und innen sagte der junge

Lehrer: »Für diesmal sei euch die Strafe geschenkt, weil ihr es

eingestanden habt. Aber wem es recht leid tut, der sammelt heute

nachmittag für Frau Besenmüller ein Bund Reisig im Walde; ihr selbst

wird das Bücken schwer.«

Danach begann der Unterricht. Die Kinder waren alle mäuschenstill und

sehr eifrig. In der letzten halben Stunde erzählte ihnen Heinrich Fries

noch etwas von der Zeit vor hundert Jahren. Das tat er jetzt oft, und

die Kinder meinten, zwischen 1913 und 1813 sei die Zeit gar nicht lang,

sie lauschten, als wären es Taten von heute. Darüber verrann ihnen

allen die Zeit gar geschwind. Auf einmal ertönte draußen die Klingel,

als wäre sie noch immer böse, so laut gellte ihre Stimme, und Fritze

Schwetzer dachte seufzend: »Wenn sie doch noch im Holzstall säße!«

Sie hatten alle gedacht, Frau Besenmüller würde noch schelten, aber

die ließ sich gar nicht sehen, sie saß in ihrer Küche und schämte

sich ihrer Horcherei. Der Nachmittag brachte ihr noch eine große

Überraschung. Der kurze Wintertag verdämmerte just zum Abend, als in

langem Zug Buben und Mädel daherkamen. Jedes trug ein Reisigbündel, und

diese vielen Bündel schichteten sie alle vor Besenmüllers Holzstall auf.

Die Frau lief hinaus, und ihr Mann vergaß für einige Minuten sogar

Strickstrumpf und Pfeife, er rannte ihr nach. Draußen stand Heinrich

Fries, der lachte über das ganze Gesicht und erklärte die Sache.

»Nä, so was, so was!« Frau Besenmüller führte die Schürze an die Augen,

sie war tief gerührt, ganz stumm blieb sie vor lauter Rührung. Erst

oben bei sich fand sie die Worte wieder, und sie sagte zu ihrem Mann:

»Paß auf, mit dem neuen Herrn Lehrer wird’s gut.« --

Daß es schon gut geworden sei, meinten viele Leute im Dorf. Die Mädel

und Buben sagten nichts dazu, wenn sie aber ihren Lehrer die Straße

daherkommen sahen, dann rannten sie nicht mehr weg, sondern liefen ihm

entgegen und grüßten ihn mit frohem Lachen. »So muß es sein,« dachte

die alte Frau Fries, und sie seufzte doch leise dazu. Ihr Sohn freute

sich wohl über das wachsende Zutrauen der Steinacher, aber an ihm

zehrte doch die Sehnsucht nach der großen Stadt. Er zeigte es nicht,

aber die Mutter spürte es, und das Herz tat ihr darum weh. --

Auch in der Stille von Steinach hatte jeder Tag nur vierundzwanzig

Stunden, und Tag reihte sich an Tag. Eine Woche vorbei, Weihnachten

da, Weihnachten vorüber. Das neue Jahr stand vor der Tür, das alte

Jahr nickte noch einmal in alle Häuser hinein; es sah, wie in Steinach

die Christbäume brannten, wie Blei gegossen wurde und die Kinder auf

Waschschüsseln Lebensschifflein schwimmen ließen, -- vorbei, vorbei!

Das neue Jahr rief die Kinder wieder in die Schule, und Frau

Besenmüller seufzte: »Nu geht das Geschrei wieder los.« Aber das

neue Jahr, das sich stolz 1914 nannte, hatte ein strenges Gesicht

aufgesetzt, es dachte »nicht verwöhnen«, und Meister Januar kam mit

viel Schnee und Eis einher. Er blieb, solange er durfte, er zwackte

seinem Bruder Februar noch einen Tag ab, dann erst ließ er ihn herein.

Der nun liebäugelte schon ein wenig mit dem Frühling; warme, sonnige

Tage kamen, ein milder Wind wehte, bis es dem Februar wieder einfiel,

daß er eigentlich ein Wintermonat sei. Und schwuppdirwupp schüttelte er

ein paar Schneesäcke aus, überzog die Wässer mit Eis und schnob die

Menschen an: »Geschwind hinter eure Kachelöfen, da gehört ihr hin!«

Doch vorbei, vorbei! Der März löste den Februar ab, und je länger er

auf der Erde war, desto milder wurde sein Lächeln. Und dies milde,

sonnige Lächeln lernte der April von ihm, der sonst ein rechter Bube in

der Zeit der Flegeljahre ist. Den Schnee trank die Sonne auf, das Eis

zerfloß, und unversehens blühten in Steinach die Veilchen. Und nirgends

blühten sie reicher als auf dem Schafskopf.

Eines Tages wanderte Heinrich Fries mit seiner Mutter zur Schelmenburg

empor, und dort sahen sie beide das holde Frühlingswunder: Heckenrosen

im Sommer, Veilchen im Lenz, das waren die Blumen des Schafskopfes.

Es war ein sonnenheller Frühlingstag, und der junge Lehrer sagte droben

am Ziel laut das kleine Lied:

»Saatengrün, Veilchenduft,

Lerchenwirbel, Amselschlag,

Sonnenregen, linde Luft!

Wenn ich solche Worte singe,

Braucht es dann noch großer Dinge,

Dich zu preisen, Frühlingstag?«

Ganz still schauten Mutter und Sohn von der Höhe nieder in die

liebliche Landschaft. Da wurde plötzlich die Stille durch hellen

Singsang unterbrochen, aber Lerchen und Amseln waren es nicht, und

Heinrich Fries kannte seine Vöglein wohl, die da zwitscherten. Die

Steinacher Kinder kamen den Berg herauf. Die Schelme wollten die

Schelmenburg besuchen. Sie kamen aber nicht sacht und gemessen, wie man

wohl zu vornehmen Leuten geht, ihre Stimmen klangen immer lauter, und

es war eigentlich ein Wunder, daß der alte Turm nicht vor Schreck über

den Lärm umpurzelte.

»Holla, wo kommt ihr denn her?« Heinrich Fries stand vor Mädeln und

Buben, und jäh verstummten alle. Doch nur für einen Augenblick, dann

schnatterten sie los. »Wir wollen Veilchen suchen. Fräulein Regine hat

Geburtstag morgen, und die kriegt immer Veilchen, allemal.«

»Wenn se nämlich blühen,« fügte Jackenknöpfle vorsichtig hinzu.

Nun, blühen taten sie in diesem Jahr in reicher Fülle. Da und dort

schimmerte es ganz blau, und es war nicht schwer, die Körbchen zu

füllen. Malchen trug eins, ebenso die Freundin Sylvie, Rosine und Trude

Weber auch; da hinein kamen alle Blüten. Später sollten dann Sträuße

und Kränze gewunden werden. »Faden haben wir mit, aber die Kränze

wollen immer nicht werden,« erzählte Hinzpeters Malchen.

»Pflückt nur schnell, ich helfe euch dann,« versprach die alte Frau

Lehrerin. Da gingen die Kinder eifrig ans Werk, während Heinrich Fries

seine Mutter auf dem Berg herumführte. Sie war noch nicht oben gewesen,

denn der Weg war im Winter schwer begehbar. Plaudernd schritten sie

zwischen den Trümmern dahin, als ein lauter Schrei aufgellte; er kam

aus einem Winkel, wo noch ein Mauerviereck stand. Von allen Seiten

her eilten die Kinder dem Schrei nach. Der junge Lehrer machte lange

Schritte, und seine Mutter folgte, so schnell sie nur konnte.

Was war geschehen? War ein Kind gefallen, ein Stück Mauer

herabgestürzt? Bleich und zitternd kam Zimplichs Lenchen aus dem Winkel

heraus. »Da -- da,« stammelte sie, »sitzt der Alte!«

»Welcher Alte, Kind?« Der junge Lehrer nahm die Hand der Kleinen und

fragte noch einmal freundlich: »Welcher Alte?«

»Der alte Schelm, der immer spukt,« schluchzte Lenchen, die auch so ein

Angsthäslein war, »und -- und eine große Blume -- oder so was -- hat

er.«

»Komm mit, und ihr alle auch, wir wollen uns den alten Schelm mal

ansehen.« Heinrich Fries lachte, und sein heiteres Lachen gab den

Kindern Mut. Sie folgten mehr neugierig als bänglich, nur Lenchen

zitterte wie eine Feder im Wind.

[Illustration: Die Schelme von Steinach. Seite 137.]

Ein Stück Mauer lag völlig in der Sonne, und auf dieser Mauer saß

-- Besenmüller. Er strickte wieder an seinem rosenroten Strumpf und

schmunzelte über das ganze Gesicht, als er alle daherkommen sah. »Oh,

Besenmüller ist’s nur!« schrieen die Kinder enttäuscht.

»Nu freilich, iche bin’s.« Der Alte zog seinen Mund in die Breite, als

wäre der aus Gummi. »Ihr dachtet wohl, hier säße der Herr Arnulf und

dächte an alle dummen Streiche, die er gemacht hat in seinem Leben? Nä,

so etwas is niche.«

»Besenmüller, ach, erzähl’ uns mal von dem!« bettelten die Kinder.

»Heute niche,« brummelte der Alte, er warf dabei einen etwas scheuen

Blick auf Frau Fries und ihren Sohn. Doch auch die baten: »Erzählen

Sie, Besenmüller.« Heinrich Fries fügte hinzu: »Ich wollte schon

lange darum bitten. Der Herr Pfarrer sagte, es wüßte niemand so viel

Schelmengeschichten wie Sie.«

»Na ja, Geschichten sin was Feines!« Besenmüller nickte. Er sah auf die

Kinder und auf die noch halb leeren Körbchen. »Aber erst pflückt die

Veilchen, denn sonst kriegt ’s Fräulein Regine nischt.«

»Ja, erst pflücken. Wenn wir dann den Kranz und die Sträußchen winden,

erzählt Besenmüller,« sagte auch Frau Fries. Zur Eile brauchte sie

nicht erst zu mahnen. Die Kinder stoben davon und pflückten nun

wirklich mit der allergrößten Emsigkeit. Die Körbchen füllten sich,

und es dauerte nicht lange, da konnten sie die Blumen Frau Fries

bringen, die sich auf das sonnenbeschienene Mäuerlein gesetzt hatte.

Mit flinken Händen wand sie den Kranz. Die Mädel, denn dazu waren die

Buben zu tolpatschig, reichten ihr die Veilchen in kleinen Büscheln

zu. Besenmüller strickte emsig seinen rosenroten Strumpf, und dabei

erzählte er, wie einst Herr Arnulf von Steinach an des Kaisers Hof

gereist war. Die Kinder paßten alle sehr gut auf, am allerbesten aber

paßte ihr Lehrer auf. Der schrieb nach, so wie Besenmüller erzählte,

denn Besenmüller hatte seine eigene Weise, Geschichten zu erzählen.

Wort um Wort kam die Geschichte in Herrn Heinrichs Taschenbüchlein zu

stehen, und während er so zwischen den Trümmern der alten Schelmenburg

saß, kam es ihm in den Sinn, er möchte ein Buch von den Schelmen

schreiben.

»Fertig die Geschichte.«

»Fertig der Kranz,« sagten Besenmüller und Frau Fries fast zu gleicher

Zeit. »Fein!« schrieen die Kinder im Chor, und es war nicht recht zu

unterscheiden, ob sie die Geschichte oder den Kranz meinten.

Mutter und Sohn aber sagten, die Geschichte habe ihnen sehr gut

gefallen. »Ja, und derweile is mein Strumpf fertig geworden. Das is nu

en Jammer.«

»Warum denn?« fragte Frau Fries erstaunt. »Ein fertiger Strumpf ist

doch ein gutes Ding.« Doch da fiel ihr ein, Frau Besenmüller hatte

schon manchmal über ihres Mannes flinkes Stricken geklagt, über die

viele Wolle, die es kostete. Nur in Steinach gab es etliche Leute, die

rosenrote und kornblumenblaue Strümpfe tragen mochten, in der Stadt

wollte sie niemand kaufen. Besenmüllers hatten eine ganze Truhe voller

Strümpfe liegen, und am liebsten hätte er jeden Tag einen Strumpf

gestrickt.

Frau Fries versprach neue Wolle, da hellte sich Besenmüllers Gesicht

wieder auf, und vergnügt wandelten nun alle bergabwärts. Der Lehrer

stimmte ein Lied an, die Kinder sangen, es wurde ein lustiger Heimweg.

Dicht vor dem Dorfe erblickten sie alle auf einmal Fräulein Regine,

die durfte sie nicht sehen. Eins, zwei, drei rannten die Kinder dahin

und dorthin, nur die Erwachsenen blieben stehen. Erst schaute Fräulein

Regine erstaunt den Kindern nach, die liefen doch sonst nicht vor ihr

davon, aber plötzlich glänzte ihr Gesicht in heller Freude, und sie

sagte schelmisch: »Ach so, auf dem Schafskopf blühen die Veilchen.«

»Jawohl, und morgen hat unsere Fräulein Regine Geburtstag,« brummelte

Besenmüller schmunzelnd.

[Illustration]

[Illustration]

Neuntes Kapitel

Besenmüllers Geschichte

Frau Mechthild findet, dreizehn Flicken auf dem Wams und

neunzehn auf den Hosen wären zuviel, um damit an des Kaisers

Hof zu reisen, aber Herr Arnulf weiß sich zu helfen, und der

Graf von Gehlingsberg geht ihm fortan aus dem Wege

»Als die Schelme von Steinach noch lebten, haben die Leute noch keine

Strümpfe gestrickt. So dumm waren sie noch, aber ganz schön muß es

gewesen sein, ja ja, ganz schön.

Dem Herrn Arnulf von Steinach hat’s auch auf der Welt gefallen, das ist

ein lustiger Herr gewesen. Er ist auch immer ’n bißchen gern im Lande

rumkarriolt. Ja ja, das tat er gern. Auf seinem Schafskopf hielt er es

nie lange aus. Einmal sagte er zu seiner Frau Mechthild: »Frau, ich

will nach Wien an des Kaisers Hof reiten.«

Sagt Frau Mechthild: »Das kostet Geld.«

Sagt Herr Arnulf: »Ja, das weiß ich.«

Sagt Frau Mechthild: »Aber du hast keins.«

Sagt Herr Arnulf: »Ich werd’s schon kriegen.«

Sagt Frau Mechthild: »Und dein Wams, dein allerbestes, hat dreizehn

Flicke.«

Sagt Herr Arnulf: »Schaff ich mir ein anderes.«

Sagt Frau Mechthild: »Und deine Hosen haben neunzehn Flicke, und deine

güldene Halskette hast du verkauft, und deine Rüstung ist verbeult, daß

Gott erbarm, und dein Barett ist neulich in den Brunnen gefallen.«

Schreit Herr Arnulf: »Hör’ auf, hör’ auf!«

Klagt Frau Mechthild: »Also kannst du nicht reiten.«

Brüllt Herr Arnulf: »Und ich muß doch reiten!« Ja ja, das sagte er.

Herr Arnulf überlegte nun alle Tage: Wie komme ich in Glanz und Pracht

an des Kaisers Hof? Denn mit dreizehn Flicken auf dem Wams und neunzehn

auf den Hosen konnt’ er nicht reiten, das sah er ein.

Er seufzte nun schrecklich jeden Tag, und seine liebe Frau seufzte auch

schrecklich jeden Tag. Sie war ein gutes Weib, und ihr Mann tat ihr

leid; sie hätte ihm schon gern geholfen und hätte gern ihr Staatskleid

für ihn zu Wams und Hose zerschnitten. Es war nur -- sie hatte kein

Staatskleid.

Eines Tages reitet jemand den Schafskopf hinan: ein Bote war’s von dem

reichen Grafen auf dem Gehlingsberg. Der Mann stellt sich steif vor den

Herrn Arnulf, Schelm von Steinach, hin und sagt: »Mein Herr Graf will

an des Kaisers Hof reiten, er läßt den Herrn von Steinach fragen, ob er

mitreiten will.«

Sagt Herr Arnulf: »Ja, das will ich tun. Muß nur eiligst meine

Prunkgewänder richten.«

Sagt der Bote: »Mein Herr Graf reitet schon morgen.«

Sagt Herr Arnulf: »Ist mir auch recht.«

Der Bote geht nun wieder. Frau Mechthild aber jammert: »Mann, liebster

Mann, dich weisen sie ja mit Schimpf und Schande von des Kaisers Hofe.

Mit dreizehn Flicken auf dem Wams und neunzehn auf den Hosen!«

Doch Herr Arnulf lachte dazu. Er ließ die Pferde satteln und ließ ein

paar Betten zu großen Ballen zusammenschnüren. Das sei sein Gepäck,

erzählte er. Dann ging’s los. Hoppla hopp! Drei Knappen und der alte

Burgwart Berthold, die ritten mit. Frau Mechthild hatte gesagt: »Gib

fein acht, Berthold, daß sich mein Gemahl nicht noch ein Löchlein

reißt. Geflickt ist schon schlimm, aber Löcher sind noch schlimmer.« Ja

ja, das hat sie gesagt.«

Hier hatte Besenmüller Zimplichs Max scharf angesehen, und der war

feuerrot geworden. Er hatte geschwind die Hand auf sein Knie gelegt,

das Dreieck da im Hosenbein hätte Besenmüller auch nicht zu sehen

brauchen. Der erzählte weiter: »Hoppla hopp! Auf halbem Weg von Burg zu

Burg trafen die Ritter zusammen. Der von Gehlingsberg war reich, geizig

und faul, und neidisch war er auch, hochmütig und dumm dazu. Er hatte

den Schelmen von Steinach nur zu dem Ritte fordern lassen, um den wegen

seiner Armut zu verhöhnen.

Aber wie Herr Arnulf ihn sah, schrie er gleich: »Ei, lieber Freund

und Gevatter, so fein angetan? Zum Reisen trage ich immer nur alte

Kleider. Seht da die Ballen, die allerschönsten Gewänder hat meine Frau

Mechthild hineingetan.«

Der Graf erschrak. Er wurde gleich grün, gelb, rot, blau und braun vor

Neid. Weg war seine gute Laune, ganz weg.

Na, und nun ritten sie.

»Heiliger Severinus,« seufzte Berthold, »mein Herr hat ein neues Loch

in der Hose, wie soll das enden!«

Den Herrn Arnulf aber bekümmerte der neue Schaden kein bißchen. Der

erzählte, ein grünes Sammetwams sei in dem Ballen, ein rotes aus

Brabanter Tuch, eins, das sei braun wie die Eichenblätter im Herbst,

und alles sei gar köstlich gestickt und verziert.

So ritten sie. Und wie sie eine Stunde etwa geritten sind, da jackert

ihnen auf einem mageren Pferd ein Bursche nach. Der verneigt sich vor

Herrn Arnulf und ruft: »Die gnädige Frau Mechthild schickt Euch dieses

Amulett, möchtet es immer tragen, es soll Euch wohl schützen.«

Sagt Herr Arnulf: »Das war wohlgetan.«

Sagt der Graf von Gehlingsberg: »Was soll die Narretei?«

Sagt Herr Arnulf: »Das ist ein gutes Ding. Schlimm, schlimm, wenn Euch

Eure liebe Frau nicht auch ein Amulettlein gab!«

Das ärgerte nun den Grafen gewaltig. Er sagte grollend: »Ich lasse es

noch holen.« Sagt Herr Arnulf: »Tut das, viellieber Freund. Im Kloster

zu St. Kilian da warten wir auf den Boten.«

Sagt der Graf: »Der Kunz soll reiten.«

Sagt Herr Arnulf: »Eure Frau wird Euch gewiß ein gar köstlich

wertvolles Amulettlein senden, laßt zweie reiten, das ist sicherer,

oder dreie.«

Schreit der Graf: »Dreie, bei meiner Seel’!«

Also ritten dreie, Jörg, Hinz und Kunz. Zurück blieb nur der Damian,

der war so dumm wie dick, so faul wie lang.

Na, und dann kamen sie an das Kloster von St. Kilian, und die frommen

Mönche nahmen sie wohl auf. Die rüsteten ein Mahl, und dabei aß der

Graf von Gehlingsberg einen Rehschlegel, sechs Rebhühner, sechzehn

Krautklöße, eine Schweinspastete, einen gedünsteten Hecht, eine

Schüssel gedämpften Kohl, drei Teller voll Backwerk und dreizehn« --

»Besenmüller, das ist zu viel,« riefen die Kinder entrüstet, und Arne

fügte keck hinzu: »Da wäre ihm ja der Bauch geplatzt.«

»Na ja, meinetwegen, wenn ihr’s ihm nicht gönnt, mag er weniger

gegessen haben.« Besenmüller ließ sich nicht aus seiner Ruhe bringen,

gemächlich fuhr er fort: »Aber plumpsatt war er, das steht nu mal

feste. Kaum schnaufen konnt’ er. Ja ja, so war’s.

Der Graf müsse in ein pechdunkles Kämmerlein zu liegen kommen, riet der

Schelm von Steinach, da könnte er sich gut ausschlafen.

Sagten die Mönche: »Soll uns wohl recht sein.«

Meinte Herr Arnulf: »Den Damian müßten sie dazu legen.«

Sagten die Mönche: »Ei freilich, der soll seinem Herrn aufwarten.« Sie

führten denn nun den Grafen in ein fensterloses Kämmerlein, und weil

sie mit brennenden Kienspänen leuchteten, merkte der es nicht. Und

Damian merkte überhaupt nie etwas.

Die Schelme von Steinach: Erzählung für die Jugend · 第 6 / 12 段