ein Stück auf dem festen Boden entlang ins Moor hinein. Ein Busch
stand am Rand, an dem machte Heine halt und sagte: »Hier mußt du
hinein, ich halt’ dich fest. Hab’ keine Angst, du fällst nicht!«
Und Babinchen trat in ihrem weißen Kleidchen ganz still und ergeben auf
das Moor. Sie stand ein Weilchen drauf wie eine weiße, helle Blüte,
auf einmal aber begann sie zu sinken, nicht tief, nur etwa bis an die
Knie, da fühlte sie schon wieder festen Boden unter sich. »Es geht
nicht weiter!« klagte sie. Aber Heine, über den in dem Augenblick, da
Babinchen zu sinken begann, eine jähe Angst gekommen war, sagte ganz
beruhigt: »Das ist gut, dann legst du dich hin, dabei ist keine Gefahr.
Dreh’ dich ein bißchen im Moor herum, dann bist du dunkel genug.«
Babinchen befolgte auch diesen Rat des Freundes. Sie drehte sich
geschwind im Moor herum, kam mit dem Gesicht hinein, aber da riß Heine
sie schon wieder mit kühnem Griff empor und zog sie auf den Steg
zurück. Aus der weißen, feinen Lilie war nun auf einmal ein kleines,
grünbraunes Ungeheuer geworden. Ein dicklicher Brei rann an ihr
herunter, klebte im Gesicht, an den Händen und troff aus den dunklen
Locken.
»Himmel,« stammelte Heine, nun doch entsetzt von dem Anblick, »du
siehst ja gräßlich aus!« --«
»Fein is das!« rief hier Jackenknöpfle andächtig; ihm gefiel dies
Moorbad ungemein.
Die andern tuschelten: »Sei doch still, jetzt wollen sie doch
rüberlaufen!«
Frau Fries hielt einen Augenblick an, und dann fuhr sie fort, während
ihr Blick gut und froh über die Kinder ging: »Babinchen schluckte und
pustete, weil ihr der Schlamm in den Mund gekommen war; als sie endlich
Luft bekam, sagte sie tapfer: »Ach, was schadet das, komm nur schnell,
schnell heim!« -- »Wirst du laufen können?« fragte der Bube besorgt.
Die Kleine aber nickte nur, denn das Sprechen war beschwerlich: wenn
sie den Mund auftat, lief ihr Schlamm hinein. Heine sah die Freundin
stolz an, und er fand, weil diese so tapfer war, sein Plan sei doch
ausnehmend gescheit gewesen. »Komm!« sagte er rasch, faßte Babinchens
Hand, und beide eilten durch den Wald.
Nach einem Weilchen gebot der Bube: »Leg’ dich einmal auf die Erde, ich
klettere geschwind auf einen Baum und sehe, ob wir hier hinüberkommen.«
Und wieder gehorchte Babinchen wortlos; in ihrer großen, heißen Angst
hätte sie alles getan.
Heine kletterte unbekümmert um Hose und Jacke eine hochgewachsene Tanne
empor. Er riß sich die Hände blutig am rauhen Stamm, die schlanke
Tanne bog sich unter seiner Last, aber der Försterbube hatte noch
jeden Baum bezwungen, auf den er klettern wollte, er kam auch hier
hinauf. Nur einige Augenblicke spähten seine falkenscharfen Augen über
die Wipfel der niedrigen Bäume hinweg, dann sah er, was da heranzog:
eine ungeheure Staubwolke, in der blitzte und blinkte es, er sah Pferde
und Menschen: es war kein Zweifel mehr, die Feinde kamen. Aber noch
waren sie nicht ganz nahe, noch konnten es die Kinder wagen über die
Straße zu laufen. Heine sauste so blitzschnell den Stamm hinunter, daß
er unten das Gleichgewicht verlor, Babinchen mitriß und mit ihr etwas
unsanft auf dem Waldboden ankam.
Pah, ein paar Löcher, darum kümmerten sich Mädel und Bube in dieser
Stunde der Angst nicht, sie schnellten beide wie Gummibälle empor, und
fort ging es im Galopp. »Noch ein paar Schritte hinauf,« sagte Heine im
Laufen, »dann kommen wir hinüber.« Er hatte Babinchens Hand erfaßt und
zog die Freundin mit sich fort.
Nun standen sie am Graben, und es galt, die breite, sonnenbeschienene
Landstraße zu überschreiten.
Einige Augenblicke zögerten die Kinder. Ihre Herzen schlugen laut, ihre
Knie zitterten, und mit bangen Augen sahen sie auf den sonnigen Weg
hinaus. Sie hatten beide in ihrem jungen Leben schon zuviel von der
Not und dem Jammer des Krieges gehört, um nicht zu wissen, wie groß
die Gefahr war, in der sie sich befanden. Heine legte schützend seinen
Arm um Babinchen, er fühlte sich verantwortlich für die Freundin. Aber
die sonst so zaghafte Kleine war in dieser Stunde wirklich eine rechte
Heldin. Sie dachte nur immer an die Lieben daheim, und sie meinte
wieder durch das Guckerchen zu sehen, wie der Bruder zu des kranken
Großvaters Füßen saß. Ach, sie wußte, wie viele, viele Tränen die
Mutter um den fernen Bruder geweint hatte! Sie erinnerte sich noch,
wie einst die Mutter sie in die Arme genommen und mit tränenerstickter
Stimme gesagt hatte: »Laß uns beten, mein Mariellchen, und dem lieben
Gott danken, dein Bruder ist gerettet!«
Babinchen umfaßte fest des Freundes Hand, und aus ihrem braunen
Schlammgesicht schauten ihn die Augen zuversichtlich an. Heine nickte:
»Komm, wir müssen hinüber. Bücke dich etwas und renne, so schnell du
kannst, ich will zuerst hinaus!«
Nun waren sie in dem Graben, den sie kaum eine Stunde vorher lachend
übersprungen hatten. Diesmal sprangen sie nicht, sie kletterten
hindurch, holten noch einmal tief Atem, und los ging es.
War die Straße hell, war die Straße breit!
Die Kinder rasten mit vorgebeugtem Oberkörper hinüber, ihre Füße
flogen, aber wie weit schien doch der jenseitige Wald entfernt zu sein!
Heine wagte einen einzigen scheuen Blick zur Seite. Dort in der Ferne
blitzte es, dort kam etwas schnell heran. Wie ein Ruf klang es, nun
fiel ein Schuß.
Aber da war schon der Graben. Heine sprang hinüber, Babinchen kollerte
und fiel, der Bube riß sie empor. Nur hinein in den Wald, hinein in das
schützende Dunkel!
Keuchend rasten sie vorwärts, sprangen über Baumwurzeln, zwängten sich
durch dichtes Gebüsch, unbekümmert darum, daß Dornen ihre Kleider
zerrissen. Feucht und schwer schlug Babinchen das Kleid um den Körper,
aber die Kleine hielt doch neben dem Freunde aus.
Klangen dort nicht Stimmen? Hörte man nicht Pferdegetrappel? Kam nicht
der Lärm näher und näher?
»Sie haben uns gesehen,« dachte Heine Strohmann angstvoll und griff
nach Babinchens Hand. »Komm, komm, hier müssen wir durch!« Sie krochen
durch dichtes Buschwerk, dahinter war ein kleiner Kiefernwald, in dem
sie leichter vorwärtskamen, und endlich erreichten sie einen schmalen
Fußweg. Hier blieben sie aufatmend stehen und lauschten in den Wald
hinein. Ferner klang schon das Rollen und Stampfen, es wurde mehr und
mehr übertönt von dem Jubilieren und Zwitschern der Vögel.
Aber die Kinder hörten weder auf den Gesang der Vögel, noch achteten
sie auf die Blumen, die dort, wo die Sonne in den Wald hineinscheinen
konnte, ihre zarten, bunten Kelche geöffnet hatten.
»Wir müssen weiter,« sagte Heine rasch, er hatte nur Angst um seine
Freundin.
Babinchen nickte stumm. Sie fühlte jetzt auf einmal, wie schwer ihr
moorgetränktes Kleid war, und der angetrocknete Schlamm brannte auf
ihrem Gesicht. Dennoch folgte sie mutig dem Freund und rannte hinter
ihm drein mit flinken Füßen auf dem schmalen Weg. Sie sprachen beide
nicht viel zusammen, nur einmal sagte Heine: »Jetzt links!« dann nach
einer Weile: »Wir kommen noch zur rechten Zeit!«
Es war still geworden, nur ein ganz fernes, leises Grollen hörte man
noch. Aber die Kinder rannten in gleicher Hast weiter, bis auf einmal
die Stille wieder gestört wurde und Laute ertönten. Wie aus einem Munde
jauchzten sie beide: »Wir sind da!«
Wirklich, nach wenigen Minuten standen sie vor dem Schloß Moorheide,
in das Babinchen wie ein richtiges Moorfräulein zurückkehrte. Die
alte Marinka sah die Kinder zuerst, sie schlug die Hände über dem
Kopf zusammen und wollte eine lange Strafrede beginnen, aber zu ihrer
grenzenlosen Verwunderung rasten die Kinder einfach in das Haus hinein.
Sie liefen die Treppe hinauf, über die Gänge, den gleichen Weg, den sie
vor wenigen Stunden heimlich und leise geschlichen waren. In das Zimmer
des Großvaters rannten sie, und dort rief Heine Strohmann mit seiner
klingenden, hellen Knabenstimme: »Die Franzosen kommen!«
Der alte Herr von Hartenstein richtete sich jäh in seinem Stuhl auf
und sah die Kinder an, sein Enkeltöchterchen und den Buben, der vor
Aufregung bebte. »Erzähl’! Wo?« fragte er kurz.
Und Heine Strohmann erzählte alles ganz kurz und eilig, Babinchen gab
atemlos ein paar Wörtlein dazu, und nach wenigen Augenblicken wußten
die Erwachsenen alles.
»Ferdinand,« stammelte Frau von Hartenstein totenbleich, und der, denn
er war wirklich der flüchtige Sohn des Hauses, nahm sein kleines,
schmutziges Schwesterlein in den Arm und sagte bewegt: »O ihr Kinder,
ihr tapfern Kinder, du liebes, braves Schwesterherz du!«
Die Mutter schlang die Hände fest ineinander, bezwang die Tränen und
fragte zitternd: »Was tun wir?«
»Förster Strohmann muß kommen,« gebot der Großvater. »Geh, Heine, wenn
du noch laufen kannst, und hol’ deinen Vater her, und deine Mutter soll
sich geschwind rüsten und mit den andern Kindern zu uns kommen.«
Heine lief schon, da hörte er noch nachklingend das Wort: »Ein
Prachtbengel!« Hei, das fuhr ihm ordentlich in die Beine, er merkte
nichts mehr von Müdigkeit, sondern raste den kurzen Weg bis zum
Forsthaus hin wie ein Windhund.
Der alte Gutsherr gab inzwischen kurz und bündig seine Befehle, kein
Wort zuviel, keins zuwenig. Es war, als sei auf einmal alle Schwäche
und Krankheit von ihm gewichen, und seine Gelassenheit beruhigte alle
Hausgenossen.
Dann kam Förster Strohmann und sprach mit seinem Herrn, und wenige
Minuten später zog er mit den beiden Gästen davon. Vorher aber
umarmte der Bruder seine tapfere kleine Schwester noch einmal. »Auf
Wiedersehen!«
»Auf Wiedersehen!« wiederholte Babinchen, die alle Scheu vor dem
großen, ihr eigentlich so fremden Bruder verloren hatte. »Verstecke
dich, verstecke dich!« bat sie flehend.
Ferdinand von Hartenstein nickte schwermütig. Wirklich, er mußte sich
in seiner eigenen Heimat wie ein Verbrecher verbergen, nur weil er sein
Vaterland so heiß und treu liebte.
Als er ging, sahen Heine und Babinchen ihm nach. Mit Förster Strohmann
schritt er in den Wald hinein, und Heines Augen blitzten. »In Vaters
Schutz sind sie sicher,« sagte er, und gar zu gern wäre er mitgelaufen.
Aber da kam seine Mutter mit den drei kleinen Geschwistern, die alle
drei geradeso flachsblond und stupsnasig waren wie er selbst. Nun
fühlte er sich wieder als Beschützer, und auch Babinchen, die sich
gewaschen hatte und wieder fein und sauber aussah, kam sich den
heulenden Försterkindern gegenüber sehr verständig vor. Sie nahm
sie mit in die Wohnstube, dort sollten die Kinder bleiben, und dort
beschrieben sie und Heine ihren Gang zu den Füchslein so spannend, daß
die Kleinen das heulen darüber vergaßen.
»Ich denk’ immer, die Franzosen kommen gar nicht,« prophezeite
Lisabetha, »hierher finden die nicht!«
Aber sie fanden doch den Weg in diese friedliche Waldeinsamkeit. Etwa
dreißig Mann, geführt von zwei Offizieren, rückten gegen Abend im
Schlosse ein. Sie verlangten in ziemlich barschem Ton den Hausherrn zu
sprechen, verlangten von diesem Pferde, Schlachtvieh und Lebensmittel
aller Art. Herr von Hartenstein erfüllte schweigend die Wünsche, er
wußte, ein Widerstand würde doch nichts nützen. Wohl betonten die
Offiziere, daß sie Freunde wären, aber dabei sahen sie so drohend aus,
daß die alte Marinka sagte: »Der liebe Gott schütze uns vor so ’ner
Freundschaft, davon halte ich nichts, rein gar nichts!«
Drei Wagen waren beladen, Pferde und Rinder standen zum Fortzug bereit,
denn die ungebetenen Gäste wollten noch am Abend weiterziehen, als
plötzlich ein neuer Trupp Soldaten ankam. Der Offizier, der sie führte,
war ein hochgewachsener, stattlicher Mann, der den alten Gutsherrn
deutsch anredete. Es war einer der vielen Deutschen, die unter des
französischen Kaisers Fahnen fechten mußten. Höflich, aber streng
erklärte er, er hätte Befehl, das Haus zu durchsuchen.
»Nach was?« fragte der Gutsherr gelassen.
»Nach Ihrem Enkelsohn,« erklärte der Offizier, »man hat Verdacht, daß
er sich hier aufhält.«
»Bitte, suchen Sie,« sagte Herr von Hartenstein ruhig.
Diese Ruhe verwirrte den Offizier. Forschend sah er die Hausfrau an,
aber auch sie, obgleich ihr Herz in heißer Angst um den Sohn schlug,
sagte gelassen: »Bitte, suchen Sie!«
»Er ist nicht hier,« dachte der Offizier und frohlockte innerlich, denn
die Erfüllung dieses Auftrages war ihm schwer genug geworden. Einen
Mann suchen und verhaften müssen, der sein Vaterland so treu liebte,
wie dieser Ferdinand von Hartenstein es tat, das schien ihm eine harte
Aufgabe zu sein. Er mußte aber seine Pflicht erfüllen, und so ließ er
denn auch das Haus von oben bis unten durchsuchen. Kein Winkel blieb
unbeachtet, kein Kleiderschrank, keine Truhe, kein Bett undurchwühlt,
sogar in die Mehlkiste schauten ein paar Soldaten zu Lisabethas
Empörung hinein. Aus der Räucherkammer nahmen sie dabei gleich noch
die letzten Würste und Speckseiten mit. Gut war es nur, daß sie der
Wohnstube bloß einen kurzen Besuch abstatteten; darin gab es keine
großen Kisten und Wandschränke, in die hineinzusehen sich lohnte. In
die blitzenden, triumphierenden Augen Heines und Babinchens schauten
sie glücklicherweise nicht.
Im Haus fand sich keine Spur des Gesuchten, und von den Dienstboten
verriet niemand ein Wort von den geheimnisvollen Gästen, die so
plötzlich verschwunden waren. Auch das Forsthaus wurde durchsucht,
der Wald durchstreift, nirgends wurde eine Spur gefunden. Babinchen
zitterte und zagte, denn sie sah auch in der Mutter Augen Angst
und Sorge stehen. Doch Heine Strohmann tröstete: »Die werden nicht
gefunden, mein Vater hat sie geführt, da sind sie sicher!«
Des Buben felsenfestes Vertrauen auf seines Vaters Klugheit und Treue
gab Babinchen den Mut zurück. Als einer der französischen Offiziere
sie ansprach, da flüchtete sie nicht schreiend wie die kleinen
Förstermädel, sondern schaute zu dem Fremden so furchtlos auf und
antwortete so ruhig, daß Heine mal wieder sehr stolz auf seine kleine
Freundin war.
Am nächsten Morgen kam Förster Strohmann wieder. Er hatte allerlei
Raubtiere geschossen, einen Marder, ein paar Habichte und sogar einen
Fuchs. Den französischen Offizieren war das Verschwinden des Försters
aufgefallen. Wo war er? Warum weilte seine Familie im Herrenhaus?
Als nun aber der Mann so schwerbeladen und jagdmüde heimkam und die
unwillkommenen Gäste recht erstaunt und unwillig zu betrachten schien,
schwand ihr Mißtrauen, und sie gaben das Suchen nach dem Flüchtling
auf.
Am Nachmittag zogen die Soldaten ab. In den Ställen fehlten Pferde und
Rinder, die Vorratskammern waren leer geworden, und mancher Bauer im
Dorf dachte sorgenvoll an kommende Zeiten. Hunger und Not würden nun
wieder ihren Einzug halten. Mit derlei Sorgen plagten sich Babinchen
und Heine nicht, sie dachten nur an Ferdinand und seinen Freund. Waren
sie noch in der Nähe, im Wald verborgen, wie Heine meinte, oder waren
sie schon wieder in ein fremdes Land geflüchtet?
Einmal fragte Babinchen die Mutter; da strich ihr diese lind über die
Locken und sagte seufzend: »Wir wollen hoffen, mein Kind, daß alles gut
wird. Noch ist dein Bruder nicht in Sicherheit.«
Es vergingen einige Tage. In der Umgegend war es wieder ruhig geworden.
An einem schönen Sommermorgen weckte Frau von Hartenstein Babinchen mit
der Frage: »Wollen wir heute zusammen eine weite, weite Waldwanderung
unternehmen?«
Das Mädchen sprang geschwind mit beiden Beinen zum Bett heraus. »Zu
Ferdinand?« fragte es ahnungsvoll, hoffnungsfroh.
Die Mutter nickte, sie gebot aber Stillesein, denn nur der Großvater
und Marinka wußten etwas, und ermahnte ihr Mädel zur Eile. Eine Weile
später stand dann Babinchen heiß und aufgeregt vor dem Großvater, der
sagte herzlich: »Grüße deinen Bruder, Kind, bringe ihm meinen Segen.«
Und leiser, halb zu sich selbst sprechend, fügte der alte Mann hinzu:
»Ich wollte, es dächten viele so und liebten ihr Vaterland so wie er,
wären so treu in den Tagen der Not!« Dem Babinchen fiel das Wort des
Großvaters in ihr Herzlein wie ein köstlicher Edelstein.
Frau von Hartenstein trug einen Korb mit Eßwaren gefüllt, auch
Babinchen hatte einen zu tragen bekommen. Still bogen Mutter und
Tochter gleich dicht am Haus in einen schmalen Waldweg ein, nicht
jenen, den die Kinder vor wenigen Tagen gelaufen waren. Kaum waren die
beiden ein Stück Wegs gegangen, als ein lautes Hallo sie grüßte. Da
stand Förster Strohmann mit Heine, und der Bube schrie seiner kleinen
Freundin entgegen: »Wir gehen mit!«
Babinchen hätte sich nicht gefürchtet, mit der Mutter allein zu gehen,
sie fand es aber doch behaglicher, unter Förster Strohmanns Schutz zu
sein. Bald bogen die vier Wanderer von dem breiten Wege ab, und es
ging pfadlos quer durch den Wald, und nur jemand, der so gut im Wald
Bescheid wußte, konnte so unverzagt, ohne einmal zu irren, mitten
hindurchgehen.
Die vier Wanderer schritten kräftig aus. Nach zwei Stunden etwa hörte
der Hochwald auf, nur niedriges Gebüsch und Gestrüpp kam, der Bruch,
das Sumpfland; über dem stand hell und golden die Sonne. Hier hieß es
vorsichtig gehen, denn es gab tiefe Moorlöcher, in die ein Unkundiger
leicht versinken konnte, da man sie unter der schimmernden grünen
Pflanzendecke nicht bemerkte. Förster Strohmann führte die kleine
Gesellschaft am Rande entlang, und als Heine, seiner Ortskenntnis froh,
sagte: »Hier geht es nach dem Torfstich,« nickte der Vater und wies
nach einer Stelle. Dort arbeiteten zwei Männer. Sie stachen aus dem
schwarzen Boden etwa ziegelsteingroße Stücke aus und schichteten sie
zum Trocknen übereinander. Mit diesem trockenen Torf wurden nachher
im Winter die Öfen geheizt. An der Arbeitsstelle war eine kleine
Holzhütte, und daneben schwelte ein Feuerchen. Babinchen wunderte sich,
daß die Mutter auf einmal so eilig lief, und plötzlich begann sie gar
zu winken; der eine der Männer ließ seine Schaufel sinken und kam in
schnellen Schritten dahergesprungen -- es war Ferdinand.
Heine und Babinchen hatten gemeint, sie würden die Flüchtlinge tief im
Wald geheimnisvoll verborgen finden, nun standen beide da im hellen
Sonnenlicht; ach -- und wie sahen sie aus! Mit Moor beschmiert von
oben bis unten. Selbst die Mutter schaute den Sohn erstaunt an. Der
war wirklich von einem echten Torfstecher nicht zu unterscheiden, auch
der Freund nicht, der nun gleichfalls herankam. Die beiden Männer
lachten fröhlich, und Ferdinand nahm Babinchens beide Hände und sagte
schelmisch: »Weißt du auch, kleine Schwester, daß dein Moorkleid
neulich unsern guten Strohmann auf den Gedanken gebracht hat, uns hier
einfach als Torfarbeiter herzustellen, weil wir da am sichersten wären?
Unter dieser Verkleidung sucht uns niemand.«
»Und geschafft haben die Herren, alle Achtung!« rief Förster Strohmann
und schaute behaglich auf die großen Haufen aufgeschichteter
Torfstücke. »Das nenne ich arbeiten!«
»Will’s meinen,« sagte Ferdinands Freund stolz. Er erzählte noch, daß
ein paar französische Soldaten auch am Torfstich vorbeigekommen wären
und nach dem nächsten Weg zur Landstraße gefragt hätten, sie hätten
aber weder ihn noch den Freund recht genau oder forschend angeschaut.
Ein paar Stunden blieb Frau von Hartenstein mit den Kindern, dann
mußten sie Abschied nehmen.
»Und du?« fragte sie den Sohn traurig.
»Wir bleiben hier.« Der nickte seinem Freunde zu. »Ein paar Wochen
wollen wir noch Torfarbeiter sein, nachher finden wir wohl einen Weg
zur Flucht.«
»Komm doch mit,« flehte Babinchen, »es sind doch keine Feinde mehr da!«
Aber der Bruder schüttelte den Kopf. »Sie haben Späher ringsum, noch
kann ich’s nicht wagen.«
Der Abschied wurde allen schwer; die Kinder versprachen eifrig, sie
würden bald wiederkommen, und nahmen sich dies auch fest vor. Doch Tag
um Tag verging, die Tage wandelten sich zu Wochen, Förster Strohmann
führte die Kinder nicht mehr ins Moor hinaus. Aber manchmal in der
Nacht hörte Babinchen sprechen in des Großvaters Zimmer. Einmal kam
auch Ferdinand an ihr Bett und küßte die kleine Schwester; da wußte
sie, er kam zu nächtlichen Besuchen. Am Tag konnte er nicht kommen,
denn immerfort zogen Truppen die Landstraße daher, immer wieder suchten
Franzosen das einsame Schloß heim.
Der Sommer verging, der Herbst kam an. Der brachte klare, helle Tage,
aber auch frühe Kälte. Die Wetterkundigen sagten einen harten Winter
voraus, und oft sah Babinchen in diesen ersten kalten Tagen die Mutter
traurig hinausschauen. Weilt der Bruder noch in der kleinen Hütte
im Moor? Sie wagte es endlich, die Mutter zu fragen. Die sah sie
tieftraurig an. »Der Großvater ist sehr krank, darum will dein Bruder
nicht das Land verlassen. Er ist noch im Moor, und sein Freund hält bei
ihm aus.«
Babinchen und Heine redeten oft von den beiden Freunden im Moor. Sie
konnten es gar nicht begreifen, warum die nicht doch irgendwo versteckt
im Hause wohnten. Aber da kamen wieder unerwartet von der nahen Festung
ein paar Offiziere, und die Kinder merkten nun doch, der Bruder tat
wohl gut, sich verborgen zu halten.
Weihnachten rückte näher, aber Weihnachtsjubel, Weihnachtsfreude gab es
nicht. Es gab viel Armut und Not im Land, und immer heißer brannte die
Sehnsucht, das Joch der Fremdherrschaft abzuschütteln, in den deutschen
Herzen. Zur Sorge der Zeit kam für Frau von Hartenstein noch die Sorge
um den Vater. Seine Krankheit hatte sich verschlimmert, und wer das
bleiche, abgezehrte Gesicht sah, ahnte wohl, der Tod würde bald im
Schloß Moorheide einziehen.
Es war am letzten Adventssonntag. Nicht wie sonst brannten vier
Adventslichter, und nicht wie sonst erzählte die Mutter Babinchen
freundliche, liebe Weihnachtsgeschichten. Sie saßen alle beieinander
im Krankenzimmer, lauschten auf des Großvaters matte Atemzüge, und
Heine saß dabei, als müßte es so sein. Und eigentlich hätte er zu Hause
Mutter und Geschwister beschützen sollen, denn seit mehreren Tagen war
sein Vater fort. Niemand ahnte, wohin, selbst Frau von Hartenstein
schien es diesmal nicht zu wissen, sie hatte schon etliche Male
gefragt: »Wo mag nur der Förster sein?«
Die alte Kastenuhr an der Wand tickte laut und schwer, kein Laut
unterbrach sonst die Stille.
Doch plötzlich schlugen auf dem Hofe die Hunde an, kurz und scharf; sie
schwiegen gleich wieder, sie mußten den kennen, der kam. »Ferdinand!«
Der Kranke richtete sich plötzlich im Bett auf, laut und froh klang
seine Stimme.
»Ferdinand ist nicht hier,« sagte Frau von Hartenstein. Doch noch hatte
sie nicht recht ausgesprochen, da erklangen draußen Schritte, und über
die Schwelle traten wirklich die beiden Freunde und Förster Strohmann.
»Ferdinand, was bringst du?« Der Großvater sah dem Enkel entgegen, und
der sank mit einem Jubelruf an dem Bett nieder. »Großvater,« stammelte
er, »das französische Heer ist in Rußland vernichtet, der Kaiser nach
Frankreich entflohen.«
»Das ist Freiheit für uns!« Der alte Mann sagte es laut und feierlich.
Er legte die Hand auf des Enkels Scheitel. »Gott segne dich für diese
Botschaft! -- Nun erzähle!«
Und Ferdinand berichtete. Mit seinem Freund und dem Förster waren sie
in Rußland gewesen, dort hatten sie Kunde erhalten von dem Untergang
des Heeres an der Beresina. Mit ihren eigenen Augen hatten sie
schon die Jammergestalten der Heimkehrenden gesehen. Napoleons Heer
vernichtet! Vielleicht schlug nun für Preußen die Stunde der Befreiung!
Der Großvater lag still mit gefalteten Händen da, und die Mutter
flüsterte: »Er stirbt!« Aber wunderbar, von jener Stunde an wurde es
besser mit ihm. »Mein Gott läßt mich noch leben, bis das Vaterland frei
ist,« sagte er freudig.
So wurde es auch. Das neue Jahr brachte die Freiheit. Bei Leipzig
kämpfte Ferdinand von Hartenstein als ein Held wie Tausende und
Tausende mit ihm.
Er wurde verwundet und lag lange schwer darnieder; aber als wieder die
Adventsglocken tönten und zum vierten Mal mahnten, an das hohe Fest
der Liebe zu denken, kehrte Ferdinand heim. Der Großvater lebte nur
noch wenige Tage. Er schlief friedlich ein mit dem Bewußtsein, daß sein
geliebtes Vaterland frei wurde von fremder Herrschaft.«
Frau Fries schwieg, und ein Weilchen war alles ganz still im Zimmer.
Endlich tat Frau Besenmüller einen tiefen Atemzug und sagte feierlich:
»Gott behüte uns vor solchen Zeiten!«