sprach, hatte sie auch ein glockenhelles Stimmlein, aber singen, das
konnte sie nicht. Sie sang immer ein paar Töne zu tief oder ein paar
Töne zu hoch, sie rutschte mit ihrem Singsang immer aus, und wenn die
andern in die Höhe kletterten, saß sie im Graben. Sie wurde darum
die »Krähe« genannt, ein Name, der Malchen bitter kränkte, denn sie
war so singlustig wie eine rechte Lerche. Daheim sang sie auch nach
Herzenslust, und niemand störte sie. Ihr Vater meinte: »Ein Hahn kräht
ja auch, die Schafe blöken, die Gänse schnattern, ja, warum soll da
mein Malchen niche singen?«
Auch die alte Großmuhme sagte das. Sie war freilich ziemlich taub, sie
erklärte aber doch: »Malchen singt sehre scheene, fast wie ’n Engel.
Vielleicht gefällt’s auch dem neuen Herrn Lehrer besser, mer kann so
was niche wissen.«
Daran nun dachte Malchen, als sie an diesem Nebelmorgen zur Schule
wanderte. Ach, vielleicht konnte sie auch noch einmal so singen
wie Pastors Regine. Sehr froh, sehr hoffnungsvoll trat sie in das
Schulzimmer, und dort setzte sie sich so brav an ihren Platz, wie es an
diesem Tag alle taten. Sie waren alle schrecklich neugierig, wie der
neue Herr Lehrer sein würde, und als Vater Hiller mit seinem jungen
Nachfolger das Zimmer betrat, war es, als wollten alle blauen, grauen
und braunen Augen den neuen Herrn Lehrer verschlingen, selbst die
Schüchternen starrten ihn unentwegt an. Der mußte ein wenig lächeln,
als er die Kinder alle so vor sich sah, rechts die Großen, links die
Kleinen, da die Buben, dort die Mädel. Er sah sich auch in dem großen
Klassenzimmer um, das blinkte vor Sauberkeit, und seine schön mit Stuck
verzierte Decke erzählte von glanzvoller Vergangenheit.
Vater Hiller sprach das Gebet, und dann begann der Gesang. Sorgsam
hatte der alte Lehrer das Loblied eingeübt, festlich und rein sollte es
klingen, dem neuen Lehrer zum Gruß. Daran, daß an einem solchen Tag die
Brummer teilnehmen wollten an der allgemeinen Freude, hatte er freilich
nicht gedacht. Malchen schmetterte zuerst los, Schwetzers Fritze folgte
ihr, und als das die andern Brummer hörten, sangen sie unverzagt mit.
Hui ging’s in die Höhe, bums saß Schwetzers Fritze in der Tiefe;
Malchen war einen halben Takt voraus, Hans Neuber schleppte dreiviertel
Takte hinterher.
Klapp! schlug Vater Hiller auf das Pult. »Stille! Was ist das für eine
Singerei? Es darf nur mitsingen, wer es kann.«
Ein paar senkten verlegen ihre Köpfe, nur Malchen nicht, die dachte:
»Ich kann’s doch, ich habe fein gesungen!«
Das Lied begann noch einmal, und hui entwischte Malchens Stimme wieder,
die kletterte gleich bis aufs Dach. Die andern stockten, und ein paar
murrten: »Die Krähe singt so falsch!«
Malchen wurde blutrot vor Schreck und Scham, und die Tränen stürzten
ihr aus den Augen. Malchen weinte gleich sehr heftig los, und Heines
Marlise tat es ihr nach, und Vater Hiller ließ verdrießlich den
Taktstock sinken. »Aber Kinder,« rief er ärgerlich, »was soll das?
Schämt euch, so das Festlied zu singen! Wer heult, muß raus. Also eins,
zwei, drei, jetzt noch einmal!«
Das half, die Mädel stellten das Weinen ein, die schlechten Sänger
schwiegen, und nun brauste feierlich und rein im Klang der Lobgesang
auf. Es ging glatt, nur beim letzten Vers mischte sich ein seltsamer
Ton, ein Schnurren, Scharren und Schreien hinein. Kaum war das Lied
verklungen, da riefen ein paar Stimmen: »Eine Katze, eine Katze!«
Vater Hiller war sehr sanftmütig und geduldig, er war auch immer mit
seinen Schulkindern gut fertig geworden. An diesem Tage wurde er
aber doch ärgerlich. Er hatte seinem jungen Nachfolger recht zeigen
wollen, wie nett und brav seine Schulkinder waren. Nun gab es erst die
verkehrte Singerei und jetzt das Geschrei einer Katze wegen. Er rief
darum strenger als sonst: »Wo steckt denn die Katze? Wer hat eine mit?«
Alle schwiegen, eines sah das andere an, und merkwürdig, die Katze
schwieg auch.
»Es ist ja keine hier,« brummte der alte Lehrer, »irgend jemand --«
»Miauau, raurau, miau!« schrie es jämmerlich, und Kinder und Lehrer
sahen sich an und im Zimmer herum.
»Vielleicht im Schrank,« sagte Heinrich Fries, der daran dachte,
daß auch in der Stadt mitunter eine Maus auf seltsame Weise in den
Schulschrank geriet. Vater Hiller sah prüfend die Kinder an. Offen,
zutraulich, sehr erstaunt waren aller Augen zu ihm aufgeschlagen, er
sah es gleich, keins hatte ein schlechtes Gewissen. Er trat aber doch
an den Schrank und schloß ihn auf. Keine Katze war darin.
»Miauau, raurau, miau!« quäkte es wieder, und ein paar Stimmen zugleich
schrieen: »Im Pulte ist das!«
»Ach Unsinn!« Der alte Lehrer klappte das Pult auf, keine Katze war zu
sehen. »Es wird vor der Türe sein. Also aufgepaßt, wir fangen an!«
»Miauau, raurau, miauau!« Noch kläglicher klang’s, und Heinrich Fries
sah sich verdutzt um, das kam doch von unten herauf.
Aller Augen starrten zu dem neuen Lehrer hin, das klang ja gerade, als
käme das Miauzen von dessen Platz.
Vater Hiller schritt zur Türe, öffnete sie, sah hinaus, -- nirgends war
eine Katze zu sehen, und auf einmal war alles still. War es doch ein
dummer Bubenspaß, das Gemauze?
»Miauau!« quäkte es drinnen immer jämmerlicher. Er hörte es nun genau,
es kam aus dem Zimmer. »Frau Besenmüller, Frau Besenmüller!« rief er
laut. »Kommen Sie einmal her, hier schreit eine Katze irgendwo.«
Frau Besenmüller kam mit unheimlicher Eile angelaufen, und noch an
der Türe rief sie atemlos: »Das ist sicher so ’n dummer Bube, der das
macht. Webers Arne kann gut mauzen.«
»Ich mauze nicht!« Arne kreischte ordentlich vor Entrüstung, und gleich
riefen ein paar Stimmen: »Nä, Arne war’s nicht!«
»Unterm Pult scheint etwas zu sein.« Heinrich Fries hatte es genau
gehört; er versuchte, das Pult wegzuschieben, aber Frau Besenmüller
sagte ordentlich ein wenig gekränkt: »So was is niche möglich. Erst
vorhin hab’ ich darunter und darüber gewischt. Ach nä, Herr Lehrer,
Katzen sitzen in Steinach niche im Schulzimmer. Die Buben sind’s, die
machen immer so ’ne Dummheit. Niche auszuhalten ist das manchmal mit
denen.«
»Nä,« schrieen die Buben und Mädel wie aus einem Munde, »Frau
Besenmüller verklatscht uns nur.«
»Klatsch, patsch, ich weiß, was ich weiß.«
Rutsch, schob der junge Lehrer das Pult zur Seite, und -- hervor
spazierte kläglich mauzend ein schneeweißes Kätzchen.
Erst starrte Frau Besenmüller mit offenem Munde das Tierchen an, dann
aber stürzte sie mit einem Schrei darauf los, hob es auf und sagte im
Tone allerbitterster Anklage: »Dich haben se unner’s Pult getan, mein
Minchen! Nä, aber auch so ’ne ungezogene Kinner!«
»Wir waren’s doch nicht!«
»Stille!« Vater Hiller hob den Taktstock. »Wer’s getan hat, kommt vor.«
Keins rührte sich, und wieder las der alte Mann in all den blühenden
Gesichtern, -- nein, es hatte keins ein schlechtes Gewissen. »Frau
Besenmüller,« sagte er gütig, »besinnen Sie sich mal, die Katze wird
Ihnen wohl nachgelaufen und selbst unter das Pult gekrochen sein.«
»Hm!« Die Schuldienersfrau sah ihr Kätzchen an, dann nickte sie
langsam. »Ja, erstaunlich klug ist’s freilich, da kommt kein so ’n
Dickkopp von Bube gegen auf, nä, nä! ’s ist schon möglich, se hat
zuhören wollen.«
»Aber Besenmüllern!« Die Kinder kreischten vor Vergnügen, daß die Katze
hatte zuhören wollen, und Frau Besenmüller zog schmunzelnd mit ihr zum
Zimmer hinaus.
Der Friede war wiederhergestellt, und Vater Hiller sagte ernsthaft:
»Doch jetzt Ruhe!«
Der alte Lehrer war verstimmt, daß dieser erste Schultag so laut und
zerfahren begann. Er sah wohl das leise Lachen in den Augen des andern.
Wehmütig überschaute er seine Schar, und Mädel und Buben spürten es,
ihr guter, alter Freund war unzufrieden. Da nahmen sie sich zusammen;
ganz still und feierlich saßen sie da, und so begann der Unterricht.
Es ging nun alles glatt und gut, die Kinder wußten viel, wenn auch
nicht alles. Manch einem wollte und wollte die Antwort nicht zum
Munde heraus, was natürlich von der Antwort schnöde Bosheit war.
Mitunter klang auch wohl die Antwort so verkehrt, als wäre sie vom
Monde herabgefallen. So kam der Stille Ozean auf einmal in die Nähe
von Berlin, und die Donau bezeigte die allergrößte Lust, vom Gotthard
herunter zu rinnen. Die Hohenstaufen sollten durchaus Berge sein, und
Kaiser Friedrich Barbarossa saß auf einmal mitten im Siebenjährigen
Kriege drin, und niemand wußte, wie er hineingekommen war.
Sonst ging es aber ganz gut, Vater Hiller war leidlich zufrieden,
und die Kinder waren es ungemein, und weil der neue Lehrer lächelte,
meinten sie alle: »Der findet’s fein bei uns.«
Frau Besenmüller klingelte draußen, grell und laut fuhr der Ton durch
das weite Haus.
Der alte Lehrer erschrak. Das hörte er nun zum letztenmal. Morgen war
Sonntag, und am Montag in aller Morgenfrühe wollte er abreisen. Wenn
die Klingel wieder ertönte, dann trug ihn der Zug schon von Steinach
fort. Er stand ein wenig geneigt, weil ihn das Alter müde gemacht
hatte, vor den Kindern, zu ihnen sprechen wollte er, gütige Worte
sagen, aber die Stimme versagte ihm.
»Liebe Kinder!« setzte er an, und dann noch einmal: »Liebe, liebe
Kinder!«
Da war es Hinzpeters Malchen, als müsse ihr das kleine, zärtliche Herz
brechen vor Kummer, sie schluchzte laut auf und rief flehend: »Ach,
bleiben Sie doch bei uns, lieber Vater Hiller!«
»Ach bitte, bitte, ja, Vater Hiller!« tönten alle andern Stimmen nach.
Sonst hatten die Kinder »Herr Lehrer« gesagt, in der Abschiedsstunde
kam ihnen das trauliche »Vater« auf die Lippen. Und wie einen gütigen
Vater umdrängten sie jäh den alten Mann. Sie sprangen über Tische und
Bänke hinweg, krochen unten durch, um nur ja schnell des alten Freundes
Hand fassen zu können.
Die Mädel heulten, die Buben schnitten so widerborstige Gesichter, als
wäre ihnen ein bitteres Tränklein im Halse stecken geblieben, und immer
wieder bettelten sie: »Bleiben Sie doch da, Vater Hiller, ach bitte,
bitte!«
»Ich reise ja erst übermorgen, Kinder.« Ein paar helle, glänzende
Tropfen rannen dem alten Mann über die Backen. Die Kinder sahen es,
aber sie hörten zugleich das verheißungsvolle »Übermorgen«. Da war ja
noch viel Zeit, da konnten sie Vater Hiller noch oft besuchen, konnten
ihn sehen, wenn er durch das Dorf ging. Sie konnten ihn auch zur Bahn
bringen. Das sagten sie gleich laut: »Wir gehn mit auf ’n Bahnhof,
alle!«
»Dann müßt ihr aber alle früh aufstehen.«
»Ach ja, das wird fein! Hurra, wir gehn mit auf ’n Bahnhof!«
»Und Sie besuchen uns bald, Vater Hiller, ja?« bettelte Malchen.
»Ja freilich, ich besuche euch bald.«
»Hurra, Vater Hiller besucht uns!« In den Augen standen noch Tränen,
die Münder lachten schon, und immer wieder drückten die kleinen derben,
braunen Hände die welke Hand des treuen Freundes. Sonst liefen Buben
und Mädel immer alle, so flink sie nur konnten, zur Schule hinaus,
heute konnten sie sich gar nicht trennen. Vater Hiller mußte sie selbst
mit sanfter Gewalt bis zur Haustüre geleiten, und draußen ging es
nochmals an das Abschiednehmen.
In einem Winkel stand Frau Besenmüller, sie hatte die große Schulglocke
mit beiden Händen an ihr Herz gedrückt, und ihre Tränen fielen darauf
nieder.
»So ist’s recht, so muß nu ’n Abschied sein,« brummelte sie vor sich
hin. »Da sieht man doch, ’s war die rechte Liebe.«
Die rechte Liebe! Das Wort tönte wie ein silbernes mahnendes Glöcklein
im Herzen des jungen Lehrers. Still entfernte er sich, und niemand
merkte es. Er stieg die Treppe hinauf, betrat sein Zimmer, und dort
öffnete er weit das Fenster. Er sah, wie sich draußen der Nebel löste
und die letzten Fetzen zerflossen. Die Sonne ging siegreich hervor,
und schimmernd glänzten Büsche und Bäume im goldenen Herbstkleid. Die
rechte Liebe, dachte Heinrich Fries, -- würde sie ihm auch wachsen zu
Steinach und seinen Kindern?
[Illustration]
[Illustration]
Fünftes Kapitel
Auf der Schelmenburg
Frau Besenmüller erlebt eine ganz schauerliche
Gespenstergeschichte -- Ihr Korb füllt sich geschwinde, und
Webers Arne und Schwetzers Fritze bekommen Zwetschgenkuchen zu
essen -- Der neue Lehrer aber denkt an die alten Schelme von
Steinach
»Besenmüllern«, wie die Kinder die Schuldienersfrau nannten, hatte
viele vortreffliche Eigenschaften, aber auch zwei Fehler: sie war
neugierig und sehr abergläubisch. Zwar sagten die Kinder, Frau
Besenmüller scheure auch zuviel, das hielten sie für deren allergrößten
Fehler, aber die Erwachsenen waren anderer Meinung. Vater Hiller nannte
Frau Besenmüller eine tüchtige, saubere Frau, während besonders die
Buben es höchst überflüssig fanden, wenn Frau Besenmüller sie immer
ermahnte: »Putzt eure Schuhe ab, tragt mir nicht die ganze Dorfstraße
ins Haus!«
Zimplichs Max knurrte immer: »Um so ’n bißchen Dreck!« Aber wie es halt
ist, Frau Besenmüller hatte andere Ansichten. Sehr lustig dagegen
fanden die Kinder es, wenn die Frau ihnen allerlei erzählte, was sie
vorausgeahnt hatte, und was sonderbarerweise immer ganz anders in
Erfüllung ging. Es sah Frau Besenmüller zum Beispiel aus allerlei
Zeichen und Andeutungen, auch aus ihren Träumen, daß sie einen Unfall
erleiden würde; dann fiel vielleicht Hinzpeters Malchen auf die Nase,
und das war weder für Malchen noch für Frau Besenmüller ein großes
Unglück.
Aber die Frau blieb dabei, dies und das als besonderes Zeichen
zu deuten, und darum sagte sie auch nach Heinrich Fries’ erstem
Schulvormittag zu ihrem Mann: »Paß auf, mit dem neuen Herrn Lehrer wird
das nischt hier!«
»Warum denn niche, Frau?«
»Na, da ist das zerbrochene Fenster und dann -- die Katze. Nä, das wird
nischt!«
»Aber Frau!« Der Schuldiener lachte. »Scherben bedeuten Glück, und die
Katze, die war doch weiß, und nur die schwarze Katze bringt Unglück,
und stimmen tut das nicht emal. Mir hat noch nie ’ne Katze Verdruß
gebracht. Nur einmal hat mir eine meine Wurst gestohlen, und die war
grau, die Katze nämlich.«
»Hm!« Frau Besenmüller seufzte, sie hätte ihres Mannes Worten schon
gern vertraut, aber sie konnte nicht. »Nä, nä, Scherben und ’ne Katze,
was zuviel is, is zuviel!« murmelte sie.
Während Frau Besenmüller so geheimnisvoll allerlei Ungemach
vorausahnte, ging Heinrich Fries sehr vergnügt in Steinach spazieren.
Das Dorf gefiel ihm immer besser. Es war sauber und wohlhäbig. Die
kleinen, weißen Häuser waren alle mit Schiefer gedeckt, und diese
dunklen Dächer glänzten in der Sonne wie edles Gestein. Ein Gärtchen
schmiegte sich an jedes Haus an, und hinter den Fenstern blühten noch
Geranien und manche andere feine Blumen. Der junge Lehrer ging bis
zur Kirche, die inmitten des Dorfes lag; sie war grau und alt, Efeu
war an ihr emporgewachsen, und ein wenig hatte der auch den Grabstein
des Schelmen umrankt, der hier begraben lag. Die Inschrift war schwer
zu lesen, und der Ritter, der fromm die Hände gefaltet hatte, sah gar
nicht so schelmisch drein, wie das doch eigentlich ein Held so vieler
Schelmengeschichten tun müßte.
[Illustration: Die Schelme von Steinach. Seite 56.]
Von der Kirche aus führte ein schmaler Weg zum Pfarrhaus hinüber.
Das lag weiß und still in einem großen Garten, die Fenster standen
offen, und die weißen Vorhänge flatterten und wehten, als wollten sie
winken: »Komm herein, komm herein!« Doch Samstag nachmittag war keine
Besuchszeit für ein Pfarrhaus, und darum blieb der junge Lehrer auch
nur draußen am Zaun stehen. Vater Hiller hatte ihm viel Liebes und
Freundliches von den Pfarrersleuten erzählt. Sieben Kinder waren in dem
weißen Haus groß geworden. Sechs waren draußen in der Welt, lernten und
schafften dort, und nur die Jüngste war noch daheim.
Ob das wohl die Sängerin war, die mir gestern einen so guten Trost ins
Herz gesungen hat? dachte Heinrich Fries. Er brauchte nicht lange auf
eine Antwort zu warten, denn drinnen im Garten hub die gleiche Stimme
ein lustiges Liedchen an. Kinderstimmen fielen ein, und als der junge
Lehrer weiterging, da sah er auf zwei langen Bänken viele kleine Mädel
sitzen, die strickten und nähten, und ein junges Mädchen saß vor ihnen,
schön und anmutig anzuschauen: Pfarrers Regine. Eine allzu strenge
Lehrerin mußte sie nicht sein, denn man konnte nicht leicht etwas
Vergnüglicheres sehen als diese Nähstunde im herbstlich bunten Garten.
Die Mädel saßen alle dort, aber wo mochten die Buben sein? Heinrich
Fries sann darüber nach, als er weiterging. Er sah nur die
Allerkleinsten auf der Gasse spielen, jene, die noch nicht am ersten
Schultag zu seufzen brauchten: »Wenn doch erst wieder Ferien wären!«
Die großen Buben waren alle unsichtbar, sie mochten wohl wieder auf
einer der Obststraßen sein, denn nicht einmal ihr Rufen ertönte. Da und
dort grüßte man den jungen Lehrer freundlich, der redete mit dem und
jenem, und dabei wunderte er sich, daß niemand die Frage tat, wie es
ihm hier gefalle. Er wußte nicht, daß die Steinacher meinten, ihr Dorf
müsse eben jedem gefallen, weil es gar so hübsch war.
Als Heinrich Fries es nach allen Seiten hin durchwandert hatte,
beschloß er, da die Sonne noch hoch stand, gleich noch den Schafskopf
zu besteigen, um von dort aus das Land zu überschauen. Eine halbe
Stunde, länger währte der Weg wohl nicht. Ein Bauersmann gab ihm
bereitwillig Auskunft, welcher Weg zu gehen sei, und versicherte dabei:
»’s ist recht sehre scheene oben, nur niche, wenn’s dunkel ist.«
»Warum? Spukt es vielleicht?«
Der junge Lehrer lachte, und der Bauer lachte auch. Er sagte nicht ja,
er sagte nicht nein, in seinen Augen aber war ein lustiges Blinken,
und Heinrich Fries dachte: »Wirklich, die Schelme scheinen noch nicht
ausgestorben zu sein.« Er schlug den Weg nach dem Schafskopf ein, und
um die gleiche Zeit tat dies Frau Besenmüller auch. Oben am Berghang
gab es viele wilde Rosen, und ihre kleinen roten Früchte wollte Frau
Besenmüller pflücken. Ihr Mann liebte den Hagebuttentee, meinte, er
sei gut für allerlei Gebreste im Winter, und darum sorgte die Frau
immer beizeiten für einen rechten Wintervorrat. Es war ihr immer ein
schwerer Weg; sie ging nicht gern auf den Schafskopf, selbst nicht am
Tage, abends wäre sie um keine Königskrone gegangen. Sie graulte sich,
sie meinte immer, von den Schelmen säße noch etwa ein halbes Dutzend in
irgendeinem Mauerloch zu allerlei Untaten bereit.
Weil sie sich fürchtete, rannte Frau Besenmüller; je schneller sie oben
war, desto schneller war sie wieder unten. Sie kam daher auch viel
früher oben an als der neue Lehrer und begann eilfertig zu pflücken.
Die wilden Rosen hatten das alte Gemäuer dicht umzogen. Wo nur ein
freies, sonniges Plätzchen war, gleich hatte sich so ein Rosenbusch
hingesetzt und gedacht: Da bin ich und bleib’ ich, das ist nun mein
Reich. Weil die Sonne immer so warm auf dem Schafskopf ruhte und
niemand den Frieden dieses stillen Fleckchens störte, blühten die
Rosen meist in üppiger Fülle, und ebenso ungestört wurden kleine, rote
Hagebutten daraus.
Frau Besenmüller brauchte nur zuzugreifen, ribsch, rabsch, da füllte
sich ihr Korb. Um den Turm herum, von dem freilich nur noch ein
kümmerliches Restlein stand, wuchsen die meisten Rosen, und die
größten Hagebutten gab es da. Wie sich die Schuldienersfrau nun dem
Turme näherte, graulte sie sich wie immer etwas. Sie blickte an
dem grauen Gemäuer empor. Nur auf der einen Seite gab es noch eine
Fensteröffnung, und aus diesem Loch heraus hing ein Strick.
Frau Besenmüller schrie laut auf, als sie das sah. Sie rannte gleich
den Berg wieder ein Stück abwärts. Wo kam der Strick her in dem
verfallenen Turm? Von unten herauf starrte die Frau zu dem Strick
empor, -- ganz ruhig, unbewegt hing er da. Von den alten Herren von
Steinach konnte er nicht mehr übrig geblieben sein, denn sooft Frau
Besenmüller auch schon hier gewesen war, den Strick hatte sie noch nie
gesehen.
Also war jemand oben gewesen, jemand hatte den Strick dorthin getan.
Wozu? Warum? und wer war es gewesen? Die Frau seufzte schwer. Sie
graulte sich und war neugierig, die Furcht trieb sie zurück, die
Neugier wieder vorwärts. Sie stand und überlegte, sah auf den Strick,
der seltsam in der Sonne glänzte und dahing, als müßte es so sein. Und
just über den allerschönsten Rosenbüschen hing er, an denen die roten
Früchte schimmerten und lockten.
Und Frau Besenmüller ließ sich locken. Schritt um Schritt kam sie
näher, bis sie vor den Büschen stand. Sie pflückte rasch und
eilfertig, rupfte und rupfte, und dabei blinzelte sie immer wieder nach
dem Strick. Was tat denn der? Er schwankte und zitterte doch hin und
her!
»Was nur damit ist? Müßte mal dran ziehen!« Frau Besenmüller überlegte
das eben, als sie Schritte hörte; trapp, trapp kamen sie den Berg
herauf.
Sie erschrak sehr, aber da begann ein lustiges Singen, und da
Gespenster am hellichten Tage nicht Wanderlieder zu singen pflegen,
beruhigte sie sich gleich wieder. Ein Weilchen lauschte sie dann,
da sah sie Heinrich Fries den Weg emporkommen, und sie brummelte
zufrieden: »Das ist mal recht, der sieht sich gleich gut um.« Alle
Furcht war wie weggeblasen, nur die Neugierde war geblieben, und die
trieb sie noch näher zu dem Stricke hin. Sie mußte doch sehen, wie der
hierher kam. Was hatte so ein Strick hier zu diesem Loch, das früher
ein Fenster gewesen war, herauszuhängen?
»Überall Unordnung! Ärgern muß mer sich alleweil,« schalt die Frau,
griff rasch nach dem Strick und zog fest daran und --
Heinrich Fries hörte auf einmal ein lautes Geschrei, ein Poltern und
Rasseln. Er brach jäh sein Lied ab und war mit ein paar Sätzen im
Burghof.
»Hilfe, Hiiiilfe, uuh, uuh!« kreischte Frau Besenmüller. Die hielt den
Strick in der Hand, schwankte mit ihm wie eine Fahne im Winde, während
unaufhörlich Mauergeröll purzelnd von oben herabrieselte.
»Lieber Himmel, was ist das?« Der junge Lehrer hatte die Frau erreicht,
er hielt sie fest. »Was ist geschehen? Lassen Sie doch den Strick los!«
»Huuhhu,« heulte Frau Besenmüller, »er -- er -- is -- ja verhext!«
»Was, der Strick?« Heinrich Fries wollte auch danach greifen, aber
er zog rasch seine Hand zurück. »Der klebt ja, der ist mit Vogelleim
eingeschmiert.«
»Huuhhuuh, drinne sitzt -- huhuhuh -- so ’n Graul!« Frau Besenmüller
zog angstvoll am Stricke, der gab jäh nach, und plumps saß die
Schuldienersfrau halb in den Rosenbüschen drin. Von dem alten Mauerwerk
bröckelte wieder etwas ab, das rieselte zu Boden, und eine Staubwolke
stieg empor.
»Holla, das Gespenst wollen wir mal fangen!« Der junge Lehrer hatte
flinke Beine, er lief um den Turm herum, fand den Eingang und fand
auch die bösen Neckgeister. Ein ganzes Nest voll war es. In dem von
drei Seiten nur mit ganz niedrigem Gemäuer umschlossenen Turmviereck
wimmelte es von Buben, und Arne Weber hatte Schwetzers Fritze auf den
Schultern, und der trug wieder das Jackenknöpfle; so reichte es knapp
bis zum Fensterloch. Jackenknöpfle wollte gerade herabklettern, als der
neue Lehrer erschien. Da wackelte die lebendige Leiter, und Heinrich
Fries konnte das Jackenknöpfle noch eben auffangen und es vor einem
vielleicht schlimmen Fall bewahren.
Draußen jammerte und schrie Frau Besenmüller noch immer angstvoll um
Hilfe, innen starrten die Buben den neuen Lehrer an, als wäre nun der
das Gespenst, mit dem sie die Schuldienersfrau hatten schrecken wollen.
»Kommt mal mit!« Kurz und scharf klang der Befehl, und kein Bube wagte
es, auszureißen. Wie eine Schafherde, die in einen Gewittersturm
geraten ist, so folgten sie alle ihrem neuen Lehrer. Der führte sie um
den Turm herum bis dahin, wo Frau Besenmüller noch immer einen wilden
Kampf mit dem geleimten Strick ausfocht.
»Da sind die Gespenster, Frau Besenmüller.«
»I du meine Güte, nä, so was!«
Die Frau wäre weniger verdutzt gewesen, wenn Heinrich Fries ein in
weiße Bettücher gewickeltes Gespenst oder einen alten, mit Ketten,
Schwertern, Schlössern und sonst was für Eisenkram rasselnden Ritter
angebracht hätte. »I du meine Güte, die verflixten Bengel!«
»So, jetzt helft einmal Frau Besenmüller vom Strick loskommen. Schnell,
eins, zwei, drei!«
Zehn Bubenhände und mehr griffen nach dem ungeleimten Ende, sie zerrten
und zogen. »Herrje,« schrie Frau Besenmüller, die vorwärtsgezogen
wurde, »nicht so rasch, du meine Güte!« Plumps, saß sie noch einmal in
den Rosenbüschen, aber sie war doch den unheimlichen Strick los.
»Und nun geschwind, Buben, alle heran und Hagebutten gepflückt! In
einer halben Stunde muß der Korb voll sein.«