Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Weitere Anmerkungen zur
Transkription befinden sich am Ende des Buches.
Die Schelme von Steinach
Erzählung für die Jugend
von
Josephine Siebe
Mit Buchschmuck von Ernst Kutzer
Fünfte Auflage
[Illustration]
Verlag von Levy & Müller in Stuttgart
Nachdruck verboten
Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten
Druck: Chr. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart
[Illustration]
Erstes Kapitel
Steinach am Wald
Zwei Reisegefährten erzählen sich etwas von den Schelmen von
Steinach, und Heinrich Fries plant mit seiner Mutter eine
Sommerreise
In einem Bähnchen, das bedachtsam, ohne sonderliche Eile, aber mit viel
Gepuff und Gestöhn durch das Land lief, saßen zwei Männer. Der eine war
alt, der andere war jung. Der Alte kannte die Gegend, der Junge kannte
sie nicht, und weil der Junge zu denen gehörte, die sich gern belehren
lassen, fragte er dies und das. Der Alte gab ihm gern Auskunft, er gab
sie wie einer, der Land und Leute liebhat.
Das Bähnchen fuhr auch an einem Dorf vorbei, über dem das Gebirge
dunkel bergan stieg. Von drei Seiten liefen Straßen auf das Dorf zu;
sie waren mit Obstbäumen eingesäumt, die just in Blüte standen. Wie
weiße, schimmernde Bänder lagen die Straßen im Sonnenglanz, und ein
weißer Blütenkranz umschmiegte auch das Dorf. Es sah hübsch aus, und
der junge Mann im Zug beugte sich rasch hinaus und las, was an dem
Bretterbudchen stand, das sich stolz Bahnhof nannte. »Steinach am Wald«
hieß das Dorf.
Auch der alte Mann schaute hinaus und nickte dem Dörfchen zu wie einer,
der einen guten Freund grüßt, zu dem er sagen will: Wir haben uns lieb.
»Da oben hat wohl einmal eine Burg gestanden?« fragte der junge Mann
und deutete auf einen mäßig hohen, nach einer Seite steil abfallenden
Berg, dessen Gipfel ein paar Mauerreste krönten.
»Ja, dort oben -- der Berg heißt der Schafskopf -- hausten einst die
Schelme von Steinach, das war ihre Stammburg.«
»Die Schelme von Steinach auf dem Schafskopf!« Der junge Mann lachte
und fragte: »Ein verlockender Name! Gibt es die Schelme noch?«
»Nein, das Geschlecht ist ausgestorben, aber« -- ein heiteres
Schmunzeln lief über des Alten Gesicht -- »die Geschichten von ihnen
leben noch in der Erinnerung, und die Nachbarn ringsum nennen die
Steinacher gern nach den alten Herren von einst die Schelme von
Steinach.«
Das Züglein hatte den kleinen Bahnhof verlassen. Pustend und stöhnend
fuhr es weiter, und das Dorf mit den weißen, schimmernden Blütenstraßen
entschwand allmählich den Blicken der Reisenden. Doch die Gedanken des
jungen Mannes blieben noch daran hängen, er fragte: »Wie waren denn
die Schelme von Steinach, daß man noch heute ihren Namen den Dörflern
anhängt?«
»Nun, beim richtigen Namen genannt waren es Raubritter. Sie hausten
wie Habichte auf ihrem Bergnest und nahmen gern, was ihnen gefiel,
auch wenn es anderen gehörte. Aber die Schlimmsten waren sie nicht,
andere adelige Herren trieben es dazumal wohl ärger. Sie waren nicht
hart, sondern gutmütig und voll lustiger Einfälle. Ein Raubzug war
ihnen meist ein heiterer Spaß, und sie schädigten die Beraubten nicht
an Leib und Leben. Ja, es kam vor, daß sie einen Kaufmann, den sie
ausgeplündert hatten, noch gastlich auf ihrer Burg bewirteten, damit er
sich vom Schreck erhole, und er von ihnen ging, als wäre er zu Besuch
da droben gewesen.«
»Und wieso gleichen die Steinacher von heute ihnen, daß man sie auch
Schelme nennt? Rauben sie etwa auch?« fragte der junge Mann fröhlich.
»Na, rauben und plündern tun sie freilich nicht, sie sind ehrlich,
einer wie der andere, aber für einen lustigen Spaß sind sie immer
zu haben,« erwiderte der Alte lächelnd. »Die Steinacher sind ein
sangesfrohes, heiteres Völkchen, und weil sie Sinn für Scherz und
Fröhlichkeit haben, leben auch noch die Geschichten der Schelme in
ihrer Erinnerung. Es geht damit wie bei manchen Dingen: das Schlimme
wird vergessen, das Gute bleibt in der Erinnerung haften.«
»Jetzt ist Steinach ganz verschwunden!« Der junge Mann rief’s
bedauernd, denn auch das letzte Zipfelchen der weißen Blütenstraßen
verhüllte nun die Ferne. »Man muß einmal hinfahren und den Spuren der
Schelme nachgehen.«
Der alte Herr sah den jungen Mann, der blaß und schmal war, prüfend an.
»Ein paar Wochen in Steinach täten Ihnen wohl gut. Sichtbare Spuren der
Schelme sind nicht mehr viele zu finden. An der Kirche steht außen ein
Grabstein aufgerichtet, ein Herr Arnulf von Steinach liegt da begraben.
Und weil den die Steinacher alltäglich sehen, erzählen sie die meisten
Schelmengeschichten von diesem Herrn Arnulf. Die Burg selbst ist ein
Trümmerhaufen, nur ein Turm steht noch halb. Aber natürlich,« der Alte
schmunzelte wieder, »liegt oben ein Schatz begraben; die Steinacher
sagen es wenigstens.«
»Ich werde den Schatz suchen gehen,« sagte der junge Mann. Er sagte
es heiter und seufzte doch dabei, denn er dachte an die kleine, enge
Viertreppenwohnung, in der er mit seiner Mutter hauste, und in der es
reichlich knapp herging.
»Ja, ja, einen Schatz möchte wohl jeder gern finden, und doch gehen die
Menschen an so vielen Schätzen der Welt achtlos vorbei. Just so wie
einst Herr Arnulf von Steinach.«
»Wie war denn das?« Der junge Mann machte ein Gesicht, daß der Alte
neckte: »Ei, auch auf Geschichten hungrig?«
»Geschichten höre ich wirklich gern,« bemerkte der andere, »und auf
Steinach und die Schelme bin ich schon ganz neugierig geworden.«
»Also die Geschichte ist so: Herr Arnulf hatte einst gehört, daß ein
Kaufmann mit kostbarem Geschmeide von Köln am Rhein käme, an des
Markgrafen von Meißen Hof wollte er. Den muß ich fangen, dann hat alle
Not ein Ende, dachte der Schelm von Steinach. Er war nämlich nicht
sehr begütert, und seine Standesgenossen pflegten zu sagen: ›Arm wie
der Schelm von Steinach!‹ Herr Arnulf legte sich also auf die Lauer
mit seinen Mannen, und richtig, der Kaufmann mit seinen Leuten zog auf
der Straße einher. Es ging wie immer in solchen Fällen: mit lautem
Geschrei überfiel der Ritter mit seinen Knechten den Zug, der Kaufmann
schrie und jammerte, seine Leute schrieen und jammerten noch lauter; es
geschah aber keinem ein Leid, und der Kaufmann mit den Seinen wurde auf
die Burg gebracht. Inzwischen ging ein armseliges Bäuerlein mit einem
Sack auf der Landstraße dahin. Es grüßte demütig, und der Ritter, froh
über den reichen Fang, warf ihm ein paar Batzen zu. »Was trägst du denn
da?«
»Schweinefutter,« stammelte das Bäuerlein und dankte untertänig für die
milde Gabe.
Herr Arnulf hatte keine Zeit, sich weiter um das Bäuerlein zu kümmern;
froh über den reichen Fang, zog er zur Burg hinauf. Nach Schelmensitte
wurden der Kaufmann und seine Leute in ein anständiges Gemach gebracht
und mit Wildbret, Brot und Wein bewirtet, während der Ritter erst
einmal die Beute betrachtete. Da war aber die Enttäuschung groß! Von
dem kostbaren Geschmeide war nichts zu finden, einige Kasten waren ganz
leer, und der ganze Raub bestand in einigen Ballen geringer Leinwand.
Der Kaufmann wurde herbeigebracht, und Herr Arnulf fuhr ihn zornig an,
wo denn das kostbare Geschmeide sei.
»Ach du lieber Himmel,« rief der Mann klagend, »so etwas habe ich nie
besessen; aber Gewürze hatte ich und dergleichen, die hat mir schon
jemand geraubt. Es gibt der Herren mehr, die auf uns arme Kaufleute
fahnden. Ich bin ein armer, unglücklicher Mann!«
»Potzwetter, da haben wir die falschen erwischt!« dachte Herr Arnulf
grimmig. Er ließ aber den armen Kaufmann das nicht entgelten; der
durfte noch am Abend mit den Seinen weiterziehen und sogar seinen Kram
mitnehmen. Denn dazu war der Herr Arnulf zu stolz, zu nehmen, was einer
übriggelassen hatte.
Danach lag er viele Tage und Nächte auf der Lauer, aber kein Kaufmann
zog vorbei, und von dem kostbaren Raub, den er zu machen gedachte,
bekam er kein Ringlein zu sehen.
Nach ein paar Monden kam ein Vetter, ein reiselustiger Herr, der
wußte von einem Spottlied zu sagen, das man in Köln am Rheine auf den
Gassen sang. Der reichste Kölner Kaufmann, so hieß es in dem Liede,
sei den Schelmen von Steinach als Bäuerlein mit Schweinefutter an der
Nase vorbeigezogen. Im Walde habe er dann auf sein Gefolge gewartet,
und alle miteinander hätten sich weidlich gefreut über des Schelmen
Reinfall, der das Märlein von den ausgeraubten Kisten und Ballen so
leicht geglaubt habe.
Da half nun dem Herrn Arnulf kein Wüten und Zürnen mehr, der reiche
Kaufmann saß in Köln sicher in seinem stattlichen Hause und zeigte den
Batzen, den ihm der Schelm geschenkt hatte.
Noch jetzt sagen sie in der Steinacher Gegend, wenn einer gar armselig
tut und es nicht nötig hat: »Dem würde der Schelm auch einen Batzen
schenken.««
Es war, als hätte das Züglein darauf gewartet, bis die
Schelmengeschichte zu Ende war, es hielt, und alle Leute mußten
aussteigen. Die große Bahnlinie war erreicht, und etliche Reisende
sagten: »Gut, daß die Bummelei ein Ende hat und wir in den Schnellzug
steigen können.«
Der junge Mann dachte das nicht, als er nun allein weiterfuhr, denn
sein Reisegefährte hatte ein anderes Ziel. Er dachte an das Dorf im
Kranz der blühenden Bäume; es mochte sich dort wohl gut wohnen. Nun
lächelte er nicht mehr, nun seufzte er nur, weil es ihm einfiel, wie
anders alles in seinem Leben gekommen war, als er es einst erhofft.
Studieren hatte er wollen, da war sein Vater gestorben, just als er in
der Prima saß. Seiner Mutter blieb so ein winziges Geldchen, daß sie
gerade noch so lange davon leben konnte, bis sich ein kleiner Erwerb
gefunden hatte. Er ging auf ein Seminar und wurde Lehrer, weil er dort
eine Freistelle erhielt. Nun war er Hilfslehrer in einer großen Stadt,
seine Mutter stickte und nähte noch, und beide hofften, er würde bald
eine bessere Stelle erhalten. Er hatte darum die Reise gemacht, aber
sie war vergeblich gewesen, die Stelle war einem anderen zuerteilt
worden, und er kehrte in die graue Stadt zurück. Trübe blickte er zum
Fenster hinaus.
Draußen lag die Welt im Frühlingsglanz, aber ihm war das Herz schwer.
Er wußte wohl, er hatte es eigentlich ganz gut; sein Amt war zwar
bescheiden, aber es nährte ihn doch, er war zudem jung und gesund, und
die allerbeste Mutter umsorgte ihn. Doch er konnte es nicht vergessen,
daß er hatte studieren wollen, und sehnte sich danach, noch immer mehr
und mehr zu lernen, und sollte nun lehren, -- das machte ihn unfroh. Er
wollte höher hinaus im Leben, nach Ehre und Ansehen stand sein Sinn.
An alles das dachte er auf der Bahnfahrt, er dachte auch noch daran,
als er wieder die vier Treppen zu seiner Wohnung emporstieg, und oben
las ihm seine Mutter die Gedanken von der Stirn und sagte wehmütig:
»Mein armer Junge!«
Da bezwang er sich, und heiter erzählte er von seiner Fahrt durch
das frühlingsgrüne Land, und Steinach am Walde fiel ihm dabei ein.
Er schilderte das Dörfchen, zu dem drei weiße, schimmernde Straßen
führten, und er erzählte auch von den Schelmen. Darüber wurde er ganz
froh, und zuletzt sagte er: »Weißt du, Mutter, wir sparen recht, und
dann machen wir einmal eine Ferienreise nach Steinach am Walde.«
»Ach ja,« sagte die Mutter, und ein sehnsüchtiger Glanz trat in ihre
sanften Augen, »das wird schön!«
Sie dachte an ihre fröhliche Jugend, die sie auf dem Lande verlebt
hatte, und der Sohn dachte auch daran, denn die Mutter hatte ihm
viel erzählt. Und auf einmal verschwand seine trübe Stimmung, ein
fröhlicher Arbeitsmut kam über ihn, vielleicht konnte er noch mehr
durch Stundengeben verdienen, konnte wirklich einmal mit seiner Mutter
verreisen.
Herr Heinrich Fries, so hieß der junge Lehrer, reckte die Arme und rief
heiter: »Es bleibt dabei, Mutterle, wir reisen einmal nach Steinach am
Wald. Nächstes Jahr -- oder vielleicht noch diesen Sommer.«
Die Mutter mahnte lächelnd: »Bau’ dein Luftschloß nicht zu hoch!«
»Ach, warum nicht? Wer weiß, wie schnell so etwas wird! Recht fleißig
will ich sein, und in den großen Ferien reisen wir, -- ja sicher, --
schon in den großen Ferien.«
[Illustration]
Zweites Kapitel
Auf der Apfelstraße
Warum Besenmüller auf der Pflaumenstraße sitzt und Schwetzers
Fritze seinen Himbeerapfel fortwirft -- Der neue Lehrer findet
die Begrüßung sehr seltsam, und Frau Besenmüller erscheint zur
rechten Zeit
In Steinach am Wald blühten die Bäume an den Straßen nicht mehr, denn
es war Herbst geworden. Auf jeder Straße hatte ein anderer Baum die
Herrschaft, und die Steinacher redeten darum von einer Apfelstraße,
einer Birnen- und einer Pflaumenstraße.
Die Bäume hingen voller Früchte, und keine Steinacher Hausfrau
brauchte weder um Weihnachtsäpfel noch um Pflaumen zum Kuchen oder um
Birnenschnitze für die Winterszeit in Sorge zu sein. Von allem gab es
reichlich. Die Äste brachen fast unter der Last der reifen Früchte.
»Destowegen braucht das Kindervolk aber nicht immer auf die Bäume
zu klettern oder drumherum zu kriechen,« sagte Besenmüller, der in
dieser Zeit in Steinach das Amt eines Obstwärters ausübte. Das war
nicht leicht. Spazierte nämlich Martin Besenmüller auf der Apfelstraße
entlang, dann spielten die Kinder auf der Pflaumenstraße, und schrie da
ein Bube »Besenmüller!«, flugs liefen alle zur Birnenstraße.
An einem Herbsttag, der heiß und sonnenleuchtend war, -- man hätte
ihn für einen Sommertag halten können -- saß um die erste frühe
Nachmittagsstunde Besenmüller auf der Pflaumenstraße und strickte. Das
war eine Arbeit, die ihm manchen Spott eintrug. Die Steinacher Kinder
waren unnütz genug, ihn oft neckend zu bitten: »Besenmüller, ich hab’
’n Loch im Strumpf, geh, schenk mer ’n neuen!«
Dann tat Besenmüller zwar gewaltig böse, er schimpfte und schalt, und
seine liebe Frau schalt noch mehr, aber der Mann blieb doch sitzen und
strickte weiter. Und seine Frau sagte: »Strick’ nur, Besenmüller, was
for ’s Gemüt muß der Mensch haben. Was für Stadtleute das Gelese und
Klaviergespiele is, das is for dich das Gestricke. Laß dir deine Freude
nicht verärgern!«
Besenmüllers Ärger ging aber nicht tief, und wenn er zankte, lag wohl
ein heimliches Lachen in seinen Augen. --
Ein Vergnügen war es nun wirklich, so im Sonnenschein unter einem Baum
zu sitzen und zu stricken. Besenmüller hatte einen rosenroten Strumpf
vor, und seine Laune war auch rosenrot; er rief herzvergnügt »Guten
Tag!«, als ein Bauer vorbeikam.
»Na, Besenmüller, hütest du die Zwetschen mal wieder?« fragte der Mann.
»Freilich, freilich, se sin arg schene alleweil. Das Kindervolk möchte
zu gern ran.«
Besenmüller lächelte schadenfroh. Auf der Birnenstraße gab es nicht
mehr viel zu holen, und die Winteräpfel, die noch auf den Bäumen saßen,
lockten nicht so sehr. »Se sin jetzt sehre wilde, de Kinner,« brummelte
er.
»Jo, jo, wenn nur der neie Lehrer erst käme!« gab der Bauer zur
Antwort. »Vater Hiller ist zu gut.«
»Aus ’ner großen Stadt kommt der.« Besenmüller machte ein unzufriedenes
Gesicht, und der Bauer fragte: »Is dir wohl niche recht?«
»Nä, bewahre, ’n Städter ist ’n Städter, der wird nich nach Steinach
passen. Iche bin unzufrieden.«
Da ging der Bauer kopfschüttelnd weiter. Ja, wenn Besenmüller
unzufrieden war, so war das eine schlimme Sache. Besenmüller war nicht
allein Obstwächter, er war auch der Schul- und Kirchendiener. Je ja,
und der war nun mit dem neuen Lehrer unzufrieden!
Besenmüllers Laune war nun nicht mehr so rosenrot wie sein Strumpf,
der Gedanke an den neuen Lehrer hatte sie ihm ein bißchen verdorben.
Fünfunddreißig Jahre hatte der alte Lehrer Hiller in Steinach sein Amt
verwaltet, und auf einmal wollte er fort. Er brauche Ruhe, hatte der
Arzt gesagt. Nun wollte Vater Hiller, so wurde er gern genannt, zu
seinen Kindern ziehen, und ein neuer sollte an seine Stelle treten.
Wie dieser neue Lehrer sein würde, daran dachte nicht allein
Besenmüller an diesem Nachmittag, auch die Kinder redeten davon. Die
saßen alle miteinander, Buben und Mädel, große und kleine, auf der
Apfelstraße und fanden, daß Winteräpfel auch schon im Herbst ganz gut
eßbar sind. Sie kannten auch genau die Bäume, auf denen die frühreifen
Früchte hingen. Die Buben saßen auf den Bäumen, die Mädel darunter, und
alle schmausten sie mit vollen Backen.
Dort, wo sich die Apfelstraße schon dem kleinen Bahnhof näherte, --
er lag etwa eine Viertelstunde vom Dorf entfernt -- saß auf einem
Himbeerapfelbaum Arnulf Weber. Schlank und rank war er; wenn er mit
seinen Kameraden ging, ragte er immer ein Stückchen über sie hinaus.
Und lärmten die Buben auf der Straße gar zu arg, dann sagten die
Steinacher: »Mer hört’s, Arne is dabei.«
Arne saß oben auf dem Baum, und im untersten Geäst hing Fritze
Schwetzer. Der war kurz und stämmig, und seinen Namen verdiente er gar
nicht. Maulfauler als Fritze Schwetzer konnte nicht leicht einer sein.
Wenn den seine Mutter mit einer Bestellung zu einer Nachbarin schickte,
dann sagte er dort meist nur das letzte Wort, etwa »Kuchenblech«,
die Nachbarin mußte es sich dann dazu denken, daß Frau Schwetzer ein
Kuchenblech geliehen haben möchte. An diesem Herbstnachmittag sagte
Fritze überhaupt nichts. Er aß nur einen Himbeerapfel nach dem andern,
obgleich seine Mutter bei Tisch gesagt hatte: »Fritze, du wirst noch
platzen, wenn du so arg stopfst.«
Desto mehr redete Arne. Seine Stimme tönte hell die Apfelstraße
entlang, und von einem Pfundapfelbaum und anderen Bäumen, auch aus dem
Graben heraus, in dem die Mädel saßen, kam Antwort. Lustige Neckworte
flogen hin und her. Manchmal sauste ein Apfel von Baum zu Baum, im
Graben kicherte es, und in all den heiteren Lärm hinein schrie auf
einmal Zimplichs Max: »Nu kommt er balde!«
»Wer denn?« Die den Ruf gehört hatten, fragten es, und die anderen
riefen: »Was hat er gesagt?«
»Der Neue.« Zimplichs Max brüllte es laut, und Ach- und Ohrufe tönten
die Apfelstraße entlang. Auf einmal dachten sie alle an den neuen
Lehrer, auf den sie ungeheuer neugierig waren. Ob er wohl sehr streng
war? Strenger als Herr Hiller sicher! Und nun würden die schönen vielen
Feiertage ein Ende haben, denn Vater Hiller hatte zuletzt nicht mehr
soviel unterrichten können, er war lange leidend gewesen.
»Ich fürcht’ mich niche!« Ein kleiner, dicker Stöpsel, der mit Müh und
Not auf einen niedrigen Baum gekommen war, schrie es kühn und laut. Das
Wort fand Beifall von da und dort, von oben und unten versicherten es
Buben und Mädel: »Wir ferchten uns niche.«
»Jackenknöpfle hat recht!« Webers Arne warf dem kleinen, dicken
Burschen einen roten Himbeerapfel hinüber, der fing ihn auf, biß hinein
und ärgerte sich dabei. Sein Spitzname kränkte ihn. Jakobus Knöpfle
hieß er, daraus hatte ein Spaßvogel Jackenknöpfle gemacht, und dieser
Name hing ihm nun an. Seine Mutter tröstete zwar: »Sei froh, daß
sie nicht Hosenknöpfle sagen!« Aber das war doch nur ein schlechter
Trost. --
Während so die Kinder auf der Apfelstraße von dem neuen Lehrer redeten
und Besenmüller auf der Pflaumenstraße verdrießlich an ihn dachte,
fuhr Herr Heinrich Fries im Zuge nach Steinach. Er war der neue Lehrer,
und als er so das Land im Herbstschmuck sah und an seine Frühlingsreise
dachte, kam es ihm ganz wunderbar vor, daß nun Steinach sein Ziel war.
Wie es so kommt. Im Sommer hatten die Ersparnisse noch nicht zu einer
Reise gereicht, und Mutter und Sohn hatten zueinander gesagt: »Nächstes
Jahr vielleicht.« Und dann war Heinrich Fries eines Tages in die Schule
gekommen, in der er als Hilfslehrer unterrichtete, da hatte sein
Rektor zu ihm gesagt: »Wollen Sie auf das Land? Es ist schnell eine
gute Stelle zu besetzen. Der dortige Lehrer ist krank, er will in den
Ruhestand treten.«
Auf das Land? Dorflehrer sollte er werden? Nur zögernd hatte er
gefragt: »Wie heißt denn der Ort?«
»Steinach am Wald.« Der junge Lehrer im Zug mußte wieder lächeln, als
er an sein Erstaunen damals dachte und an das seiner Mutter über den
seltsamen Zufall. Steinach am Wald, dorthin sollte er. Nur drei Tage
blieben ihm Bedenkzeit, und in diesen Tagen hatten Mutter und Sohn viel
von dem fernen Dorf gesprochen. Sehr froh waren sie beide nicht, sie
wären gern in der Stadt geblieben.
Frau Fries gehörte zu jenen Müttern, in deren Herzstübchen die Wände
voller Bilder hängen, fast alles Bilder ihrer Kinder. In diesem
Stübchen stehen dann lauter Dinge, an denen die Kinder ihre Freude
haben oder sie einst hatten. Auch ein großes Sorgenwinkelchen gibt es
drin, dort liegt das Leid der Kinder. Manchmal ist dieser Sorgenwinkel
recht groß, und die Mutter hat viel, viel damit zu tun. Auch Frau
Fries’ Herzstübchen war immer ausgefüllt von der Sorge und Freude um
ihren Sohn. An sich selbst dachte sie nie, nur an den Sohn, und der
sollte mehr werden als nur ein Dorflehrer, ein Gelehrter sollte er
werden wie sein Vater. In der Stadt konnte er weiterarbeiten, auf dem
Dorfe wohl nicht.
Die gute Mutter! dachte Heinrich Fries, als er Steinach immer näher
kam. Nun würde er bald dort sein, aber allein zuerst, so hatte es die
Mutter verlangt. »Wenn es dir nicht gefällt, kommst du zurück,« waren
ihre Worte gewesen. Und der Sohn wußte, sie würde in ihrer Einsamkeit
von morgens bis abends arbeiten, nur für ihn. Sie würde für ihn sorgen
unermüdlich, vielleicht kam er bald zurück und brauchte ihre Hilfe.
Da hielt der Zug, Steinach am Wald war erreicht. Er stieg aus und sah,
daß er der einzige Reisende war, der das tat. Der Zug fuhr weiter,
und er schlug den Weg nach dem Dorfe ein. »Nur immer die Apfelstraße
hinunter,« sagte der Bahnbeamte freundlich. »Ihren Koffer lassen Sie
nur hier, Herr Lehrer, -- das sind Sie doch?«
Der Mann grüßte und nickte, und Heinrich Fries ging die Apfelstraße
entlang. In der großen Stadt, aus der er kam, konnte er durch viele
Straßen gehen, niemand kannte ihn, und hier wußten sie gleich, wer er
war. Es ist freilich ein Dorf, sagte er zu sich und seufzte im Herzen,
nur ein Dorf!
Um diese Zeit dachte Besenmüller gerade auf der Pflaumenstraße: »Heute
sin se aber brav, die Kinner!« und die braven Kinder jauchzten, lärmten
und schmausten vergnügt auf der Apfelstraße. Da tönte der schrille
Pfiff einer Lokomotive in das fröhliche Gelärm hinein, und Arne schrie:
»Vielleicht kommt jemand.«
Geschwind verkrochen sich die Buben im dichteren Blattgewirr, und die
Mädel duckten sich in den Graben. Es war doch möglich, daß jemand
vom Bahnhof kam, und wenn sie auch alle meinten, im Recht zu sein
mit dieser Schmauserei, erwischen lassen wollte sich keins. Ein paar
meinten: »Arne, paß auf!«
»Es kommt wer -- ’n Fremder!« schrie der zurück, und der Ruf eilte die
Apfelstraße entlang von Baum zu Baum.
Von den Bäumen herab, aus dem Straßengraben hinauf lugten schwarze und
blaue Augen dem Ankommenden lustig entgegen. Wer mochte das sein? Ein
Fremder in Steinach, welch ein Wunder!
Fritz Schwetzer allein kümmerte sich nicht um den, der kam. Er hatte
eben einen Himbeerapfel angebissen, der außen schön rot und glänzend,
aber innen verfault und bitter war, das ärgerte ihn. Er drehte den
Apfel rundum, biß noch einmal da an und dort, vielleicht gab es noch
eine süße Stelle, aber da der Apfel bitter blieb, warf Fritze ihn in
weitem Bogen auf die Landstraße, da mochte er liegen.
»Holla, was ist denn das?« Heinrich Fries sah sich erstaunt um, ihm
war etwas an den Kopf geflogen und hatte ihm den Hut heruntergerissen,
und doch war es ganz windstill, kein Lufthauch war zu spüren. Aber
freilich, in den Bäumen raschelte und zitterte das Laub, und der junge
Lehrer sah da und dort Bubenbeine hängen, er sah auch neben seinem Hut
einen angebissenen Apfel liegen. Rasch trat er auf den Himbeerapfelbaum
zu, packte Fritzes Beine und rief: »He, du da oben, ist das Sitte hier,
Fremden den Hut vom Kopf zu werfen?«
Fritze erschrak. Er sagte aber nichts, sondern versuchte nur seine
Beine zu befreien. Arne beugte sich rasch hinab, um sich den Fremden
näher anzusehen. Doch dabei entglitt ihm sein Apfel und traf Herrn
Fries an die Nase.
»Potzwetter,« rief der nun ärgerlich, »da sitzt ja noch so ’n heilloser
Bube! Ihr scheint mir ja nette Rangen zu sein! Kommt mal gleich
herunter.«
»Nä,« rief Arne trotzig. Der hatte gar keine Lust, mit dem
Fremden unten auf der Landstraße zu stehen. Auch Fritze Schwetzer
verspürte dazu keine Neigung, aber ihn konnte der junge Mann leicht
herunterholen. Das war bedenklich, und er überlegte, es wäre
eigentlich ganz ratsam, dem fremden Mann einfach über den Kopf weg zu
springen. Auf diese Weise entging er aller Fragerei. Gedacht, getan.
Ehe Herr Heinrich Fries noch wußte, wie und was, sauste Fritze vom
Baum herunter; aber hatte vorher sein Apfel des jungen Lehrers Hut
mitgenommen, so nahm der Bube gleich diesen selbst. Pardauz lagen beide
auf der Straße, Fritze überschlug sich zweimal, sprang auf und raste
hinweg.
Aus dem Graben schauten drei lachende kleine Mädel heraus, und oben auf
dem Baume kreischte Arne laut vor Vergnügen. Sein Jubel fand ein Echo.
Plötzlich lachte, schrie und kicherte es die ganze Apfelstraße entlang.
Den Buben und Mädeln schien die Purzelei des Fremden ein lustiger Spaß
zu sein, dieser selbst freilich fand es gar nicht lustig, der war sehr
verdrießlich. Er suchte mißmutig seine Sachen zusammen, die zerstreut
am Boden lagen, und dachte dabei: »Das ist ja ein netter Anfang! Wenn
das so weiter geht, wird es mir schwerlich gut in Steinach gefallen.«
[Illustration: Die Schelme von Steinach. Seite 22.]
Unschlüssig stand er eine Weile da und sah die lange Straße hinab.
Kerzengerade lief sie bis zum Dorfe hin; an ihrem Ende ragte fein und
schlank der Kirchturm in die Luft. Der junge Lehrer sah aber nicht
allein das Dorf im Hintergrunde, er sah auch da und dort Bubenbeine
von den Bäumen herabhängen, und kleine kecke Mädelnasen streckten sich
aus dem Graben heraus. Recht seltsame Früchte waren das. Wie er noch
so stand und sich seine zukünftigen Schulkinder betrachtete, tönte von
unten herauf der Ruf: »Besenmüller, Besenmüller kommt!«
Ritsch, ratsch verschwanden die Beine, wie reife Äpfel plumpsten die
Buben von den Bäumen, aus dem Graben kamen die Mädel heraus, und heidi
ging es nach rechts und nach links über die Stoppelfelder hinweg. Im
Umsehen lag die Apfelstraße verlassen da, nur eine auffallend große
Frau schritt dem jungen Lehrer entgegen.
In der Mitte der Straße trafen sich beide. Die Frau musterte rasch den
Fremden, dann sagte sie: »Ich bin die Besenmüllern, Herr Lehrer!«
»Ja, kennen Sie mich denn?«
»Nu freilich, sonst kommt doch ’n Fremder nich her um die Zeit. Und
Pflaumenkuchen hab’ ich schon gebacken, und unser alter Herr Lehrer
erwartet Sie. Und mein Mann sitzt unten auf der Pflaumenstraße, und ich
dachte gleich, de Kinner sin hier. Besenmüller is zu gut, viel zu gut,
Herr Lehrer, so gut is keiner wie der. Er müßte strenger sein gegen die
Kinner. Gelle, das meinen Sie auch?«
»Hm,« sagte der junge Lehrer nur. Er kannte weder Besenmüller noch
seine Frau, er wußte nichts von deren Güte oder Strenge. »Ich will nun
gehen,« murmelte er.
»Ich geh’ mit, und Ihr Zimmer ist schon fertig, Herr Lehrer.«
So schwatzte Frau Besenmüller, des Kirchen- und Schuldieners Frau,
unablässig weiter und führte den jungen Lehrer nach Steinach hinein.
Der brauchte nichts zu fragen und zu sagen, Frau Besenmüller erzählte
ihm alles, wie ein Mühlwerk ging ihre Rede, und dabei konnte ihr
Begleiter nie sehen, weinte sie oder lachte sie, weil nämlich ihr
Gesicht ganz merkwürdig schief war. Seltsame Leute und seltsame Sitten
scheint es hier in Steinach zu geben, dachte der junge Lehrer, als sie
das Dorf erreichten. Ob ich hier wohl lange bleiben werde? Sicherlich
nicht!
»Nä, so was,« rief da Frau Besenmüller, »Webersch Wagen is umgepurzelt,
nä aber!«
Quer über die Straße lag ein umgestürzter Düngerwagen und versperrte
den Zugang. Der Duft, der von ihm ausging, war nicht lieblich, und
Heinrich Fries schickte sich seufzend an, in einem weiten Bogen
herumzugehen, und so langte er endlich verdrießlich vor dem Schulhause
an.
[Illustration]
[Illustration]
Drittes Kapitel
Der Empfang
Eine Ratssitzung auf dem Schelmenacker -- Malchen gibt ein
rotes Band, und Fritze Schwetzer zeigt, wie gut er werfen kann
-- Besenmüller nennt seine Frau Lydia, und Heinrich Fries
lauscht dem Abendgesang
»Da sin mer also!«
Frau Besenmüller blieb vor einem großen, stattlichen, gelbgetünchten
Hause stehen, und der junge Lehrer sah verwundert daran empor. Das
sollte ein Dorfschulhaus sein?
»Gelle, das ist mal fein?« Die Frau Besenmüller schmunzelte, und selbst
ihre weinerliche Gesichtsseite wurde freundlich. Sie war ungemein stolz
auf das Schulhaus und merkte gleich, dem neuen Lehrer gefiel es.
Der maß das stattliche Gebäude mit hellen Blicken. Ja freilich, so
ein Haus konnte einem schon gefallen. Es glich eher einem großen
Gotteshaus, und es mochte anderthalb Jahrhunderte und mehr auf seinem
Platze stehen. Es war zweistöckig und hatte ein doppeltes Dach.
Lustig, wie lauter vergnügte Kinderaugen, schauten die Dachaugen in die
Welt hinein. An der Ostseite rankte sich wilder Wein am Hause empor,
der glühte im Herbstrot, und so in farbiger Schöne prangte auch der
Garten, der von zwei Seiten an das Haus grenzte.
»Gelle ja, das is fein?« sagte Frau Besenmüller noch einmal und führte
den jungen Lehrer in das Haus hinein. Dem weiten Hausflur und der schön
gewundenen Treppe war es auch anzumerken, daß das Haus nicht als Schule
gebaut worden war. »Ein Graf hat das Haus einmal gebaut,« erzählte denn
auch des Schuldieners Frau eifrig, als sie die Treppe voran emporstieg.
»Der hat gesagt, in der Stadt taugten die Leute nischte niche, womit
er ja recht hatte, und daderum wollte er auf dem Dorfe leben. Wie nun
das Haus fertig war, is er niche reingezogen, denn hat’s ihm gerade
wieder in der Stadt gefallen. Da hat er gesagt, auf dem Dorf taugten
sie nischte niche. Närrsch, gelle? Ja, so sin nu die Leute. Un hier is
unser alter Herr Lehrer, un ich bring’ gleich den Kaffee.«
Frau Besenmüller hatte eine Türe geöffnet und rief in das große, helle
Gemach hinein: »Hier is er!« Dann verschwand sie eilig, und die beiden
Lehrer standen sich gegenüber. Der eine weißhaarig und gebückt, viele,
viele Furchen im alten, milden Gesicht, der andere blond, groß und
schlank, seine grauen Augen blitzten tatenlustig. Sie schüttelten sich
die Hände, und jeder dachte vom andern: »Der gefällt mir.«
Frau Besenmüller brachte wirklich sehr schnell Kaffee und einen
ungeheuren Teller voll Pflaumenkuchen dazu, auch Brot, Butter und
Wurst, gerade so, als hätte Heinrich Fries eine Weltreise gemacht.
»Dieser Empfang gefällt mir besser,« sagte er heiter, und dann
berichtete er Vater Hiller von seinem Erlebnis auf der Apfelstraße. Der
lächelte dazu und erwiderte: »Böse gemeint war’s nicht, na ja, aber
wild sind sie freilich, das ist schon wahr.«
Er erzählte seinem jungen Nachfolger allerlei von Steinach und seinen
Bewohnern, von den Kindern und dem Schulhaus. Das war wirklich ein
altes Herrenhaus gewesen, wie es Frau Besenmüller erzählt hatte. Drei
alte Gräfinnen, Schwestern, hatten zuletzt viele Jahre darin gewohnt,
und es war nach ihrem Tode, weil ihr Erbe unauffindbar gewesen war, dem
Dorf als Schulhaus gegeben worden.
Während die beiden Lehrer so von alten und neuen Zeiten, vom Schulhaus
und den Steinacher Kindern sprachen, saßen die letzteren auf dem
sogenannten Schelmenacker. Das war ein Stück Wiesenland zwischen
der Apfelstraße und der Birnenstraße; dort lag inmitten ein großer
Steinhaufen, auf dem es sich wunderbar saß, wenigstens sagte es Webers
Arne. Alle die Buben und Mädel hatten sich hier versammelt, die auf der
Apfelstraße gewesen waren. Dort hatten etliche Frau Besenmüllers laute
Worte gehört, und sie wußten es jetzt, der Fremde war der neue Lehrer.
Sie waren sehr niedergeschlagen, denn so seltsam hatten sie den neuen
Lehrer doch nicht empfangen wollen. »Du bist dran schuld,« sagten sie
alle einmütig zu Fritze Schwetzer.
»Nä.« Fritze sagte weiter nichts, aber dies eine Wort ärgerte
die andern, sie riefen entrüstet: »Leugne nich, du hast’n Hut
runtergeschmissen!«
»Ja.« Fritze seufzte, das viele Reden war doch beschwerlich.
»Wir wollen was singen.« Ein Mädel mit Augen und Haaren, wie Tinte so
schwarz, rief das.
»Jetzt?« Ein paar Stimmen fragten es mißmutig. »Warum denn?«
»Hier doch nicht!« Hinzpeters Malchen, so wurde die Kleine genannt,
kicherte in ihre Schürze hinein. »Hihihi, ich meine -- nä -- so nich,
hihihi, wir wollen dem neuen Herrn Lehrer was singen.«
»Nä.« Fritze Schwetzer sah Malchen ganz wütend an. Singen, das könnte
ihm passen!
Die andern fanden den Plan aber nicht so dumm, einige sagten ja, andere
nein, bis Arne alle überschrie: »Wir wollen doch in der Schule singen,
beim ersten Mal, Herr Hiller hat’s gesagt.«
Freilich, so war’s, Arne hatte recht. In der Schule sollten sie den
Lehrer mit Gesang begrüßen.
»Wir bringen ihm ’nen Strauß.« Malchen kicherte wieder, und wieder
sagten etliche ja und etliche nein.
Die Buben waren die Neinsager, die Mädel die Jasagerinnen. »Blumen sind
Quatsch,« erklärte der kleine dicke Jakobus.
»Och, Jackenknöpfle, sei doch stille, Blumen sind fein! Und Stadtleute
lieben Blumen.«
Vier Mädel redeten auf einmal, und sie hörten auch nicht gleich auf,
sie erzählten von allerlei Blumenempfängen, von denen sie wußten oder
gehört hatten.
Eine Weile wogte der Streit hin und her, aber zuletzt fanden die Buben
den Blumenstrauß ganz gut, und sie beschlossen, jeder sollte rasch
laufen und Blumen holen, und dann wollten sie hier einen schönen Strauß
binden. Malchen Hinzpeter versprach ein rotes Band dazu.
Nun der Plan gefaßt war, gingen alle sehr eilig an die Ausführung.
Das Blumenholen war nicht so einfach. In den kleinen Gärten, die
so freundlich die Häuser von Steinach schmückten, gab es zwar noch
allerlei Blumen, aber die Bäuerinnen hüteten sie ängstlich. In Steinach
gingen die Frauen Sonntags noch mit einem Strauß zur Kirche, und jede
wollte einen schönen Kirchenstrauß haben. Weil es im Herbst auch
allerlei Feste gab, Hochzeiten und Kirmesfeiern, darum hüteten die
Steinacherinnen im Herbst ihre Gärten besonders gut. Heimlich huschten
die Buben und Mädel hinein, pflückten von den nur noch spärlichen
Blumen ab, was sie erreichen konnten, und kehrten mit ihrem Raube
vergnügt zum Schelmenacker zurück.
Dort wanden die Mädel den Strauß, alles kunterbunt durcheinander:
Astern, späte Levkoien, gelbe Studentenblumen und Georginen, so dick
wie Pfannkuchen; auch ein paar Reseden und Rosen kamen noch hinein,
dazu Spargelkraut, und das rote Band umschloß das Ganze zuletzt
feierlich.
Als der Strauß fertig war, entstand eine große Frage: Wer sollte ihn
überreichen?
»Ich, ich, ich!« schrieen geschwinde etliche Stimmen, aber schnell kam
es ihnen in den Sinn, daß es ein schweres Werk sei, dem neuen, fremden
Lehrer den Strauß zu geben, und alle riefen einmütig: »Ich nicht!«
»Webers Arne soll’s tun,« sagten die Mädel.
»Hinzpeters Malchen ist die Rechte dazu,« erklärten die Buben. Aber die
beiden wollten auch nicht. Sie redeten alle hin und her, bis zuletzt
Arne sagte, er wolle es tun, aber Malchen müsse den Strauß tragen,
und alle sollten mitgehen. Damit waren denn die andern einverstanden,
und sie zogen nach dem Schulhause, Malchen mit dem Strauß, den sie
ängstlich unter ihrer Schürze verbarg.
Sie beschrieben einen Umweg und langten so ziemlich unbemerkt vor dem
Schulhaus an. Dort schubsten sie sich vor der Türe herum und wagten
nicht hineinzugehen; die Allerfurchtsamsten mahnten ärgerlich: »Arne,
geh doch! Hinzpeters Male ist ’n Furchthase.«
Auf einmal rief aus einem der oberen Fenster Frau Besenmüller herab:
»Nu, was soll’s denn? Was wollt ihr?«
Husch, husch, rissen alle aus. Wie die Hasen liefen sie davon, denn
vor der Schuldienersfrau hatten sie gewaltige Angst. Frau Besenmüller
schalt noch eine Weile, dann klappte sie das Fenster zu, und es war
wieder still. Die Kinder standen alle hinter dem Hause und sahen zu den
Fenstern empor. Jackenknöpfle zeigte auf ein Fenster, das offen stand;
er flüsterte geheimnisvoll: »Dort wohnt er!«
»Fein!« jubelte Arne. »Wir werfen den Strauß rein.«
»Nä!« murrte Fritze Schwetzer, aber gleich fragten fünf zugleich:
»Willst du ihn reintragen?«
»Nä!« Fritze verzog sich. So ging es immer: Wenn er einmal was sagte
oder sagen wollte, schrieen die andern so sehr, das war wirklich
anstrengend.
»Ich werfe!« Webers Arne nahm Malchen den Strauß aus der Hand, zielte,
und bums schlug der Strauß an ein anderes Fenster an.
»Ich kann’s besser!« Heine Langbein griff nach dem Strauß, und die
Mädel kreischten: »Ihr zerhaut ihn noch!«
Richtig, pardauz klatschte der Strauß an die Mauer an und fiel zurück,
und Röse Traugott ergriff ihn noch, ehe er auf die Erde fiel.
»Ich will werfen!« -- »Nä, ich!«
Ein paar Bubenhände griffen nach dem Strauß, aber Röse wehrte ab und
klagte: »Da, die Rose ist schon abgebrochen und die auch.«
»Schwetzers Fritze, wirf du doch, du kannst das so fein!« rief Arne.
Das war nicht Spott, Fritze war als guter Werfer bekannt, und wirklich
kam er wieder herbei, und ihm gab Röse auch den Strauß. »Nimm ihn
recht in acht!«
»Hm!« Fritze wog den Strauß prüfend in der Hand, dann zielte er, trat
drei Schritte zurück, zielte wieder, und hoch im Bogen sauste der
Strauß durch die Luft. Wutsch, flog er in das offene Fenster hinein.
Drinnen erklang ein lautes Klirren, ein Rufen, und unten flohen die
Kinder entsetzt nach allen Seiten hin und schrieen: »Er hat das Fenster
eingeschlagen!«
»Nä, drinne etwas!« Husch, husch, husch waren alle fort, nur Fritze
Schwetzer stand wie erstarrt vor dem Hause, er war so tief erschrocken,
daß er nicht einmal an das Ausreißen dachte. Was war da oben geschehen?
Vater Hiller hatte seinen jungen Nachfolger gerade in das Zimmer
gebracht, in dem er vorläufig wohnen sollte. Zur Einrichtung hatte
Frau Besenmüller überall im Dorfe Hausrat zusammengeborgt. Ein wenig
zusammengewürfelt sah daher das Zimmer innen aus, aber doch freundlich
und behaglich, und Heinrich Fries meinte, bis seine Mutter nachkäme,
würde es schon gut gehen. Aus dem Tische stand Frau Besenmüllers
Glanzstück, eine himmelblaue Glasvase, die ihr gehörte. Und just als
der junge Lehrer die ansah und dachte: »Nein, so ein häßliches Ding!«
kam etwas in das Zimmer geflogen. Klirr ging’s in eine Scheibe des
Fensters hinein, und klirr, bums, klatsch! lag auch die himmelblaue
Vase zerschmettert am Boden. Frau Besenmüller kreischte entsetzlich.
Heinrich Fries eilte zum Fenster und sah hinaus. Dort unten stand
Schwetzers Fritze unbeweglich wie ein Baum. »He du,« rief der junge
Lehrer hinab, »was soll der Unsinn? Hast du geworfen?«
Dem Fritze war die Stimme bis in den Magen gerutscht, dort saß sie, und
Fritze konnte sich noch so abquälen, kein Wörtlein kam heraus.
»Nun, sehen Sie nur, Herr Hiller den Jungen da unten, wie frech er
dasteht! Ob er geworfen hat?«
Der alte Mann hatte den Strauß erblickt, der in eine Ecke gefallen war,
er hatte ihn aufgehoben und strich nun liebevoll über die zerknickten
Blumen. Er sah auch Fritze unten stehen und ahnte, die andern waren
ausgerissen. Milde sagte er: »Es sollte wohl ein Willkommensgruß für
Sie sein, Herr Kollege.«
»Ein eingeschlagenes Fenster, eine zerbrochene Vase und --,« Heinrich
Fries sah nun auch den Strauß mit dem roten Bande, da mußte er lächeln.
»Ein wenig seltsam ist ja die Art, mir die Blumen zu bringen.«
»Aber gut gemeint. Ich kenne meine Steinacher Kinder, sie haben
gedacht, es sei sehr schlau so.« Vater Hiller lächelte gütig, und
sein Lächeln fand auch auf dem Gesicht seines Nachfolgers heiteren
Widerschein.
Frau Besenmüller dagegen sah nicht allein grimmig drein, sie schalt
auch für drei, und als sie die Scherben ihrer himmelblauen Vase auflas,
drohte sie bei jedem Stück: »Na, wartet nur, Besenmüller soll euch
schon strafen, wartet, wartet!«
Es wartete aber keiner von den Missetätern ab, was geschehen würde,
selbst Schwetzers Fritze war auch davongelaufen. Auf dem Schelmenacker
fanden sich alle wieder zusammen, und sie berieten, was zu tun sei.
Zerschlagen hatte Fritz mit dem Strauß etwas, das stand fest. Etliche
wollten ihm darum Vorwürfe machen, aber da erhoben Arne und Malchen
laut ihre Stimmen: »Er kann nischte dafor.«
»Nä,« sagte Jackenknöpfle in edler Selbsterkenntnis, »ich hätte noch
mehr zerschmissen.«
Sie überlegten ernsthaft, was sie tun sollten, und alle meinten, Frau
Besenmüller müßte versöhnt werden; denn war Frau Besenmüller böse,
dann ging sie sicherlich von Haus zu Haus und erzählte die Geschichte,
oder sie stellte sich morgen an die Schultüre und gab jedem einen
Katzenkopf, ob groß, ob klein, ihr war es gleich, die stärksten Buben
duckten sich vor Frau Besenmüller.
»Wir sagen’s Besenmüller, der hilft uns schon,« riefen nach etlichem
Hin- und Herreden ein paar Stimmen. Der Vorschlag fand gleich
ungeteilten Beifall, und die Kinder wunderten sich schließlich alle,
daß sie nicht gleich auf den Gedanken gekommen waren.
»Hurra, zu Besenmüller! Hurra, hurra!«
»Auf der Pflaumenstraße sitzt er.«
Auf der Pflaumenstraße saß Besenmüller wirklich. Sein rosenroter
Strumpf war ziemlich vollendet, keine Bäuerin hätte ihn glatter
und sauberer stricken können. Aber beinahe entfiel die rosenrote
Herrlichkeit Besenmüllers Händen, so eilig, mit so viel Geschrei und
Geschwätz kamen die Kinder alle an.
»Holla, an die Zwetschen geht mir keins!«
»Nä, Besenmüller, nä, wir kommen nur mal so.«
»So, ih nä!« Besenmüller zwinkerte mit den Augen. »Was ist denn? Warum
ist meine Frau denn so böse?«
»Ach, nur wegen dem Strauß!«
»Was ist mit dem Strauß?«
»Wir wollten dem neuen Herrn Lehrer einen schenken.«
»Und Schwetzers Fritze hat ihn geworfen.«
»Das Fenster war offen.«
»Nur --.« Da schwiegen alle, und Besenmüller strickte klapp, klapp,
Nadel um Nadel. Endlich sagte er: »Das Fenster ist wohl zerschmissen?«
»Ja -- aa,« ertönte es kleinlaut, »und -- und --«
»Was denn noch?«
»Das wissen wir niche!«
»Hm, und nun ist Frau Besenmüller böse?«
»Ja, Besenmüller. Wir haben sie noch schimpfen hören.«
»Ihr seid wohl gleich ausgerissen, haste nich, kannste nich?«
»Ja.« Sie drängten sich alle lachend dichter und dichter an Besenmüller
heran. »Sag’s ihr doch, sie soll wieder gut sein.«
»So fix geht das niche. Erst versprecht, Zwetschen werden nich genommen
heute.«
»Nä,« riefen alle einstimmig; sie sahen aber gar nicht erst zu den
Bäumen hinan, so voll hingen sie, so köstlich blau schimmerten die
Früchte.
»Also euer Wort?«
»Ja!« Sie schrieen es wieder im Chor, und Besenmüller wickelte darauf
sorgsam seinen Strumpf zusammen, nahm seinen Stock und verließ für
diesen Tag die Pflaumenstraße. Er wußte, die Kinder hielten ihr
Versprechen, also mußte er nun auch das seine halten und seine Frau
versöhnen. Bis in die Nähe des Schulhauses gab die Schar dem alten
Manne das Geleit, weiter nicht; Frau Besenmüller könnte sie ja sehen.
Die hatte freilich längst den Zug erblickt, und als ihr Mann das Haus
betrat, kam sie ihm entgegen und rief vorwurfsvoll: »Besenmüller, du
bist zu gut, nä, die Kinner verdienen’s nicht!«
»Aber Lydia, Kinner sin Kinner!« Weiter sagte der Schuldiener gar
nichts. Es war auch nicht nötig. Seine Frau vergaß die himmelblaue
Vase, das zerschlagene Fenster, ihren Zorn und alles; wenn ihr Mann sie
Lydia nannte, dann war es ihr immer gleich wie Feiertag, pflegte sie
zu sagen. Es gab nämlich auf der ganzen weiten Welt keinen Menschen,
den die Schuldienersfrau mehr bewunderte als ihren Mann. Was der sagte,
galt. Wenn der Herr Schulrat gekommen wäre und hätte Besenmüller du
genannt und ihn zum Schulvorstand ernannt, Frau Besenmüller hätte sich
kein bißchen darüber verwundert. Höchstens hätte sie gesagt: »So was
ist richtig!«
Die Kinder sahen den Schuldiener in das Haus treten, hörten drinnen die
Stimme der Frau, dann liefen sie beruhigt von dannen -- nun war Frau
Besenmüller versöhnt.
Sie schliefen alle trotz ihrer verschiedenen Dummheiten, die sie
tagsüber begangen hatten, sehr gut. Nur Schwetzers Fritze träumte
schwer, er war im Traum als riesengroßer Blumenstrauß dem neuen Lehrer
selbst vor die Füße gefallen. Doch Träume sind Schäume, sie vergehen im
Lichte des neuen Tages.
Ernste Gedanken vergehen nicht so leicht, die verscheuchen selbst den
Schlaf. Während in Steinach am Wald alles in tiefer Ruhe lag, strahlten
im Schulhaus noch lange zwei Fenster hell in die Nacht hinaus. Der
alte und der junge Lehrer, sie wachten beide, jeder saß einsam in
seinem Zimmer, der eine sann der Vergangenheit, der andere der Zukunft
nach. »Ich wollte, ich könnte in meinem Steinach bleiben,« dachte
Vater Hiller wehmütig; es wurde ihm schwer, aus seinem lieben Amt zu
scheiden. Sein junger Nachfolger aber seufzte: »Werde ich es je in
diesem Steinach aushalten?« Er stand am offenen Fenster, ringsherum
lag alles im Schweigen. Bis auf einmal ein fernes Sausen durch die
Nacht kam; es klang näher, ein Pfiff ertönte, dann verhallte das Sausen
wieder: ein Zug war vorbeigefahren. »Könnte ich doch wieder mit hinaus
aus dieser Enge!« entfuhr es dem jungen Lehrer, und er seufzte abermals.
Heinrich Fries streckte die Arme aus, aber plötzlich ließ er sie
sinken und lauschte, ein anderer Ton wurde laut, ein feines, süßes
Singen rauschte auf.
»Breit aus die Flügel beide,
O Jesu, meine Freude,
Und nimm dein Küchlein ein!
Will Satan mich verschlingen,
So laß die Englein singen:
Dies Kind soll unverletzet sein.
Auch euch, ihr meine Lieben,
Soll heute nicht betrüben
Ein Unfall noch Gefahr,
Gott laß euch ruhig schlafen ...«
Die Stimme verhallte, und nichts regte sich mehr im Dorf. Heinrich
Fries stand noch lange am Fenster. Er war aber nicht mehr unruhig und
niedergedrückt, das holde Singen hatte ihn froh gemacht, und er dachte
an die neue Arbeit, und daß er sein Amt mit frischem Mut antreten wolle.
[Illustration]
[Illustration]
Viertes Kapitel
Ein letzter Schultag
Die Brummer wollen auch singen, und die Katze Minchen will in
die Schule gehen -- Die Hohenstaufen sollen Berge sein, und
Frau Besenmüller redet von der rechten Liebe
Am nächsten Morgen lag Steinach im Nebel. Die Sonne wollte zwar sehr
gern scheinen, sie bezeigte die allergrößte Lust dazu, aber der Nebel
ließ sich nicht so schnell verjagen. Der hatte das ganze Dorf in
dichte, weißgraue Schleier gehüllt, und es konnte gerade jeder noch
seinen Nachbar sehen, mehr nicht. Es sah sehr lustig aus, wenn auf
der Dorfstraße Gestalten im Nebel auftauchten und gleich darin wieder
verschwanden. »Wie Rosinen im Mehl,« sagte Frau Knöpfle, des Jakobus
Mutter.
Den Kindern schien der Nebel ein vergnügliches Ding zu sein, und
Jackenknöpfle stellte die nachdenkliche Frage: »Ob’s mal so dicken
Nebel gibt, daß mer die Schule nich findet?«
Die andern meinten zwar alle, dies würde sehr fein sein, und etliche
strengten sich auch an, die Schule nicht zu sehen, sie sahen sie aber
doch. Zum Überfluß klingelte Frau Besenmüller auch noch lauter als
sonst, und die Kinder dachten schon: »Oje, vielleicht ist sie doch
böse!« Aber die Schuldienersfrau war nicht mehr böse. Die hatte schon
am frühen Morgen das Klassenzimmer blitzblank geputzt, hatte ein
Blumengewinde um die Türe angebracht und einen Strauß auf das Pult
gestellt. Es sah sehr festlich aus, und die Kinder staunten ehrfürchtig
ihr Schulzimmer an; es wurde ihnen darüber auch ganz festlich zumute,
und alle nahmen sich vor, sehr gut zu singen. Die Steinacher waren
ein sangeslustiges Völkchen. Sie sangen gern und gut, aber Brummer
gab es auch unter ihnen und solche, die nicht singen konnten, so gern
sie vielleicht auch wollten. Unter den Kindern war Schwetzers Fritze
ein rechter Brummer. Alle meinten, dem Buben wäre das gleich, aber da
irrten sie alle, denn heimlich im Herzen bekümmerte es Fritze sehr,
daß er so schlecht singen konnte. Er hätte manchmal gern recht aus dem
Herzen heraus gesungen, wie er sich auch sehnte zu schwatzen wie die
andern. Es war aber damit schlimm. Wenn er was sagen wollte, hatten es
zwei andere schon gesagt, und wenn er singen wollte, rief selbst der
gute Vater Hiller: »Hör’ auf!«