Wieder klang der Befehl kurz und scharf, und wieder folgten die Buben

ohne Besinnen. Sie stürzten sich mit wildem Eifer auf die Büsche,

rissen ab, was ihnen unter die Finger kam, und Heinrich Fries mahnte:

»Nur die Früchte, keine Blätter, Äste oder gar die halben Büsche!«

Da blinzelten die Buben ein wenig nach dem neuen Lehrer hin. Das

letzte Wort klang ihnen fast wie ein Spaß, aber zu lachen wagten

sie doch nicht, und obgleich sie eine Hagebuttenernte wenig lustig

fanden, pflückten sie doch wie die Heinzelmännchen. Frau Besenmüller

vergaß darüber vor Staunen jegliche Strafrede, trotzdem sie sich von

ihrem Schreck schon wieder völlig erholt hatte. Sie saß auf einem

Mauerrest, rieb sich die Hände mit der Schürze sauber und sah zu. »Wie

’ne leibhaftige Prinzessin,« dachte sie, obgleich sie mit ihrem blauen

Kopftuch und der großen Küchenschürze nicht gerade einer Prinzessin

glich.

Von den Buben kam auch keiner auf den Gedanken, Frau Besenmüller mit

einer Prinzessin zu vergleichen, sie waren sogar alle miteinander etwas

böse auf die arme Frau. Warum hatte sie nur gleich so geschrieen? Wegen

so ’nem bißchen Vogelleim? »Sie brauchte doch nicht dranzufassen!«

brummelte Jackenknöpfle. Aber er pflückte trotzdem so geschwind wie die

andern. Ritsch, ratsch, da! Die roten Früchte kollerten in den Korb,

und sehr bald war der voll und die Rosenbüsche kahl.

»So ist’s recht!« lobte der Lehrer. »Und nun tragen zwei der Frau

Besenmüller den Korb nach Hause. Wer hat den Plan gehabt, den Strick zu

leimen?«

Einen Augenblick herrschte tiefe Stille, dann trat Arne vor. Er trug

den blonden Kopf ganz hoch, und der junge Lehrer lächelte ein wenig,

ein Heimlicher war der Bube nicht. Aber noch war Arne nicht am Korb, da

faßte schon Schwetzers Fritze mit an.

»Also ihr beide seid die Anstifter? Na, gut --«

»Nä, Schwetzers Fritze nich, der niche!« Sechs Stimmen riefen es auf

einmal, und Heinrich Fries sah etwas erstaunt auf Fritz. »Warum trittst

du denn dann vor?«

Fritz hätte schon gern eine Antwort gegeben, aber so etwas mußte doch

Zeit haben. Er blickte in die Luft, als käme eine Antwort vom Himmel

herunter, und da sagte auch schon der neue Lehrer: »Vielleicht hast

du’s gedacht?« Er nickte dabei den beiden ganz freundlich zu und mahnte

nur noch: »Tragt den Korb aber vorsichtig, damit nichts verschüttet

wird.«

Die beiden trabten los, Frau Besenmüller wanderte hinterher. Sie kam

sich nun wirklich wie eine leibhaftige Prinzessin vor. Weil sie so

schnell und sonder Plage ihre Hagebutten geerntet hatte, war ihr Herz

mild und versöhnlich gestimmt, und vor dem Schulhaus sagte sie gnädig:

»Wartet e’ bißchen, ihr sollt ’n Kuchen haben!«

Sie holte zwei mächtige Stücke herbei, von dem angeleimten Strick sagte

sie nichts mehr, und Arne und Fritze fanden den Lohn auch nur gerecht.

Sie zogen vergnügt von dannen, kauten mit vollen Backen und ahnten,

sie würden bald ihre Gefährten treffen. So war es auch. Die kamen

ihnen auf halbem Weg entgegen, und sie schrieen gleich: »Ihr eßt ja

Quetschenkuchen!«

»Na ja, von Besenmüllern!« Urne stopfte schnell sein letztes Stück in

den Mund, Fritze war schon fertig. Das war sicherer.

»Haste denn das wirklich gedacht mit ’m Strick?« forschte Jackenknöpfle

eifrig, während die andern maulten: »Wir hab’n keinen Kuchen gekriegt!«

»Hm, na ja!« Schwetzers Fritze nickte strahlend. Ihm gefiel der neue

Lehrer sehr gut. Bei dem brauchte er sich gewiß nicht mit Reden

anzustrengen, der las einem ja die Gedanken an der Nasenspitze ab.

»Hurra!« schrie er plötzlich und machte einen Luftsprung.

»Hurra!« schrieen die andern und taten es ihm nach. Und dann trabten

sie alle vergnügt dem Walde zu. Es war ja Samstag, und die Sonne

stand noch am Himmel, da konnten noch immer die allerschönsten Spiele

gespielt werden.

»Hurra, hurra!«

Der junge Lehrer Heinrich Fries hörte das Freudenrufen oben auf dem

Burgberg. Lächelnd schaute er ins Tal und dachte: »Wirklich, es scheint

so, die Schelme von Steinach leben noch immer!«

[Illustration]

Sechstes Kapitel

Die Mutter kommt

Die Steinacher Frauen haben Angst, Vater Hiller könnte Not

leiden -- Dem jungen Lehrer verderben die Novembertage die

Laune, und Fritze Schwetzer erfährt, was alles bei einem

Schweineschlachten herauskommen kann -- Eine Maus zieht aus dem

Schulhaus aus und wird eine Kirchenmaus und sieht gleich am

ersten Sonntag etwas, das ihr und andern Leuten gut gefällt

Tal und Höhen lagen noch im grauen Morgennebel, als Vater Hiller

Steinach verließ. Dem alten Mann war das Herz schwer, als er zum

letzten Mal die Schwelle des lieben, schönen Schulhauses überschritt.

Wie er aber so hinaustrat, grüßte ihn draußen ein lautes Singen: alle

seine Schulkinder standen da, bereit, ihn zum Bahnhof zu begleiten.

Die Brummer sangen auch diesmal mit, sie ließen sich nicht den Mund

verbieten, und wunderlich, dem alten Lehrer klang es hold und lieblich

in die Ohren. Er, der sonst so fein gehört hatte, vernahm diesmal kein

einziges falsches Tönlein.

Es war ein langer Zug, der sich durch die Apfelstraße hin nach dem

Bahnhof bewegte. Auch viele Erwachsene kamen mit. Jedes trug einen Korb

oder ein Päckchen, denn auf einmal war es den Steinacher Bäuerinnen

schwer auf das Herz gefallen, ihr lieber Vater Hiller könnte gar Hunger

leiden in der Fremde, könnte nicht so gute Butter, so frische Eier,

so goldgelben Honig und prächtigen Kuchen, so rundliche Würste und

köstliche Äpfel haben wie in Steinach. Für alles hatten sie gesorgt.

Als der Zug auf dem kleinen Bahnhof einlief und ein bitterschweres

Abschiednehmen begann, da füllte sich das Abteil mit Schachteln, Körben

und Paketen, und Vater Hiller wehrte erschrocken: »Das kann ich doch

nicht alles mitnehmen!«

»Ich helf’ beim Umsteigen!« Der Schaffner lachte über das ganze

Gesicht, er war doch ein Steinacher Kind, er war doch auch zu Vater

Hiller in die Schule gegangen. Die Kinder jammerten laut, als die Tür

geschlossen wurde und der Zug davonfuhr. Ein Weilchen konnten sie noch

das freundliche Gesicht ihres alten Lehrers sehen, dann entschwand es

ihren Blicken, und traurig zogen alle heimwärts. Die Großen redeten

unterwegs von dem Abgereisten; nur Gutes wußten sie alle von ihm zu

sagen.

Die Kinder aber tuschelten zusammen von dem neuen Lehrer. Wie würde

er sein? Vor der Hagebuttenernte hatte Frau Besenmüller gesagt: »Böse

wird’s!« Seit gestern sagte sie: »Gut wird’s!« Was war nun das Rechte?

»Simeliert nich so lange, geht nein!« riet Frau Hinzpeter, Malchens

Mutter, den Kindern vor dem Schulhause. Und wie sie schien innen auch

Frau Besenmüller zu denken; die klingelte laut, arg laut, dachten die

Kinder. Ein wenig seufzend zogen sie in das Schulhaus hinein, sie

meinten, Abreisetag könnte gut Ferientag sein, aber die Erwachsenen

waren alle miteinander anders gesonnen. Am wenigsten dachte Heinrich

Fries an Ferien, und schon an diesem ersten Tag spürten es die Kinder,

bei ihm mußten sie aufpassen. Ob er bös werden würde oder gut, wußten

sie diesen ersten Tag aber noch nicht, und noch viele weitere Tage

vergingen, ehe sie es erkannten.

Dem jungen Lehrer Heinrich Fries erging es in den ersten Wochen in

Steinach am Wald genau so wie seinen Kindern, er wußte auch nicht,

ob er bös werden würde oder gut. Es gefiel ihm manchmal recht gut in

der neuen Heimat und manchmal herzlich schlecht. Wenn er die Gegend

durchwanderte, zum Walde emporstieg, oder wenn er durch die weiten

schönen Räume seines Schulhauses ging und die Sonne zu den Fenstern

hineinschien, oh, dann gefiel es ihm. Als aber der November mit Sturm,

Regen und kurzen, grauen Tagen anrückte und man auf der Dorfstraße

nur die Wahl hatte, in eine Pfütze oder in den Schlamm zu treten,

da gefiel es ihm gar nicht. Es war ihm einsam und unbehaglich, er

ärgerte sich über Frau Besenmüllers Schelten und fand doch auch, die

Kinder brauchten nicht die halbe Dorfstraße mit ihren Schuhen ins Haus

zu tragen. Nur an einem Ort im Dorf war es ihm immer gemütlich: im

Pfarrhaus.

Das Fräulein Regine sah immer aus, als hätte ihr die liebe Sonne einen

Kuß auf den Mund gegeben. Wenn sie lachte, dann war es wie Frühling,

und wer ins Pfarrhaus kam, der vergaß schlechtes Wetter, schlechte

Laune und alle andern bösen Dinge, dem wurde es warm ums Herz.

Doch Heinrich Fries wohnte im großen Schulhaus, und da war es einsam.

Sein Zimmer war kahl und unwohnlich, und Frau Besenmüller ging nicht so

sacht und leis einher wie seine Mutter. Sie hatte auch nicht eine so

liebe, sanfte Stimme, sondern redete laut, es dröhnte immer durch das

ganze Haus. »Wie ein alter Landsknecht schreit sie,« dachte der neue

Hausbewohner wohl.

Und am allerwenigsten gefielen die Kinder an solchen Tagen dem jungen

Lehrer. Die schienen ihm besonders ungezogen zu sein und gar nicht

lernlustig. Er ärgerte sich und redete streng zu ihnen, verlangte, sie

sollten allerlei wissen, was sie nicht konnten. Eins um das andere

fehlte in dieser Zeit, und wenn er wissen wollte, warum, sagten sie,

daheim sei Schlachttag. Da schalt er, dies sei nicht so wichtig, um

die Schule zu versäumen. Da kränkten sich die Kinder, denn in Steinach

wußte es jeder, ein Schlachtfest ist eine wichtige Sache, eine

ungeheuer wichtige sogar.

Schwetzers Fritze dachte das auch, und seine Mutter dachte ebenso,

und darum kam Fritze eines Tages nicht in die Schule. Und am nächsten

Tage kam er und brachte, wie es Sitte war, dem Herrn Lehrer eine

frische Wurst und einen Topf der schönsten Wurstsuppe mit. Seine

Mutter schärfte ihm noch ein: »Sag’s ja recht höflich zum neuen Herrn

Lehrer!« Sie schmückte ihm auch die Wurst noch mit einem dicken

Petersilienbüschel, und darüber verging die Zeit, und da ein Topf mit

Wurstsuppe vorsichtig getragen werden muß, kam Fritze am Schulhaus an,

als Frau Besenmüller schon dreimal kräftig die Klingel geschwungen

hatte.

Auf dem Wege hatte Fritze sich ein gutes Sprüchlein vorgesagt. Immer

wieder hatte er sich die Worte überlegt, und er war sicher, diesmal

würde er reden können. »Einen schönen Gruß von meiner Mutter, und

der Herr Lehrer möchte entschuldigen, bei uns ist Schweineschlachten

gewesen,« so wollte er sprechen. Dazu wollte er einen Diener machen,

nicht so tief, damit die Suppe nicht überschweppte, und --

»Nä, Fritze, du schleichst ja, kommst nich heute, da kommste morgen. So

was!« Frau Besenmüller rief es ihm böse entgegen, und verwirrt betrat

er das Schulhaus. »Man schnell, man schnell!« Die Frau riß die Tür auf,

und Fritze platzte in das Klassenzimmer, just als sie sich alle nach

dem Morgengebet setzten. »So spät?«

Heinrich Fries runzelte die Stirn. Er sah Fritze drohend an. Jedesmal,

wenn er den Buben sah, mußte er an den Empfang auf der Apfelstraße

denken, und er hielt Fritze für einen besonders Unnützen und einen

Heimlichen dazu. »Warum so spät?«

Schwetzers Fritze wurde puterrot, und wie immer in solchen Augenblicken

versagte ihm die Stimme. Seine ganze schöne Rede hatte er vergessen,

die Worte liefen ihm davon, er konnte sie nicht aufhalten. Nur

eines fing er noch, das schrie er hinaus und verneigte sich dazu.

»Schweineschlachten« hallte es durch das Zimmer, und klatsch fiel

Wurstsuppe und die schön geschmückte Wurst dem Herrn Lehrer vor die

Füße.

»Bengel du!« Der junge Lehrer hielt’s für Frechheit, was

Ungeschicklichkeit war; er ärgerte sich, statt zu lachen, desto mehr

lachten die Kinder, aber sie schwiegen rasch, als Heinrich Fries mit

scharfer Stimme Ruhe bot. Er ging zur Türe und rief Frau Besenmüller,

und als die Frau eine lange Rede halten wollte ob der vergeudeten guten

Suppe, gebot er kurz Ruhe, und ebenso kurz sagte er zu Schwetzers

Fritze: »Du bleibst heute und morgen da.«

Nachsitzen hielten die Steinacher Kinder für eine ungeheure Schande.

Nur selten hatte Vater Hiller so gestraft, und daß einer zwei

Tage nacheinander dableiben mußte, so etwas war noch gar nicht

vorgekommen. Sie waren alle fast erstarrt vor Schreck, und weil sie

gar so erschrocken waren, gaben sie an diesem Tage unglaublich dumme

Antworten. Schwetzers Fritze gab überhaupt keine. Schnapp, war dem der

Mund zugeklappt wie ein Schloß, und niemand hatte den Schlüssel, es

wieder aufzuschließen.

Wenn er um Verzeihung bittet, erlaß ich ihm die Strafe, dachte der

Lehrer, der sich überlegt hatte, Wurst und Suppe seien doch wohl eine

gutgemeinte Gabe. Aber Fritze bat nicht. Wie himmelgern er es getan

hätte, ahnte Heinrich Fries nicht, der nahm es für Trotz. Und der arme

Fritze mußte dableiben und mußte doppelte Last tragen, denn auch daheim

bekam er Schelte, aber auch hier tat sich das Schloß vor seinem Munde

nicht auf.

Strafe erleiden ist nicht vergnüglich, aber strafen müssen auch nicht.

Heinrich Fries war an diesem Tage geradeso niedergeschlagen wie die

Buben und Mädel. Er stieg nach Schulschluß mit einem so finsteren

Gesicht zu seiner Wohnung empor, daß Frau Besenmüller kein Wort wagte.

Nachher sagte sie zu ihrem Manne: »Es wird doch nichts mit dem neuen

Herrn Lehrer, nä, nä!«

Heinrich Fries hatte nicht gehört, was Frau Besenmüller sagte, aber

als er durch seine kahlen Zimmer schritt und hinaussah, wie der Regen

langsam herniederrann, da dachte er auch: »Es wird nichts, hier halte

ich es nicht lange aus.« Und weil er Sehnsucht hatte nach eines lieben

Menschen Trost, setzte er sich hin und schrieb an seine Mutter einen

langen, langen Brief, wie es sei in Steinach am Wald, und daß es gut

wäre, sie käme nicht her, lange würde er doch nicht bleiben.

Als Frau Fries den Brief bekam, dachte sie gleich: »Ich muß zu ihm,

er braucht mich. Er ist zu einsam am fremden Ort, darum bleibt der

ihm fremd.« Und feinhörig, wie Mütter sind, las sie auch aus dem Brief

heraus, daß es dem Sohn eigentlich ganz gut in Steinach gefiel. Es ging

ihm damit wie mit manchen Menschen, von denen man nicht weiß, daß man

sie im Grunde seines Herzens eigentlich recht liebhat, weil man sich

über allerlei kleine Fehler an ihnen zuviel ärgert.

Wenn die Mutter Fries einmal etwas für richtig hielt, dann tat sie es

auch und wartete nicht lange. Sie schrieb also ihrem Sohn: »Ich komme

zu dir, hab’ es mir überlegt. Der Winter ohne dich ist mir zu einsam.«

Oho, die Mutter hält es nicht aus, dachte der Sohn und ahnte nicht, daß

die Mutter nur um seinetwillen kam. Er freute sich unbändig über seiner

Mutter Sehnsucht; freilich, wenn sie es nicht aushielt, mußte sie

kommen. Es war ein so ungemütlicher Tag, wie sie fast nur im November

zu finden sind, Regen, Sturm, Schnee, Kälte, alles kam zusammen; gerade

da erhielt Heinrich Fries den Brief seiner Mutter. Und an diesem Tage

staunten die Kinder, als sie nachmittags in die Schule kamen. Ihr

Lehrer schaute drein, als wäre Maientag draußen, oder als hätte er sich

von Fräulein Regine im Pfarrhaus mit Gutwetterlaune versorgen lassen.

Die Mutter kam, die Mutter kam! Wie ein Lied klang ihm das fort und

fort im Herzen.

In Steinach am Wald wußten die Nachbarn schnell, was in des andern

Haus vorging. Das war nun einmal so. In welchem Hause große Wäsche,

Schweineschlachten oder Kuchenbacken war, wußte jeder im Dorf, und

für wen Zimplichs Hulda, die Dorfschneiderin, gerade ein Kleid nähte,

wußten auch alle. Und so redeten auch schon am andern Tag die Großen

und Kleinen im Dorf: »Die Mutter vom neuen Herrn Lehrer kommt!«

Frau Besenmüller hatte diese Neuigkeit von Haus zu Haus getragen. Mit

Sack und Pack wollte sie kommen. Und der Herr Lehrer hatte selbst die

große Hinterstube bestimmt, in der sollte seine Mutter wohnen, weil man

von da aus den Wald sehen konnte und in den Garten hinein.

»Kurios so was,« meinte Besenmüllern, »mir ist’s alleweil lustiger,

auf die Straße zu gucken.« Aber sie scheuerte und putzte in der großen

Stube herum, so sehr, als müßte sie noch sauberer als sauber werden.

Kein Spinnchen wagte es darin zu bleiben, die holte Frau Besenmüllers

Scheuerlappen aus jedem Winkel heraus, und ganz schlimm erging es einer

kleinen Maus. Die hatte sich ein Loch genagt und hatte gemeint, die

große Stube würde eine gute Winterwohnung werden. Doch hui, da kam Frau

Besenmüller. Sie stopfte spitzige, scharfe Glasscherben in das Loch

und verkittete und verklebte es, -- nun mochte die Maus sehen, wo sie

blieb. Vielleicht war es die, die am nächsten Tage in das Schulzimmer

gelaufen kam. Sicher wollte sie Frau Besenmüller verklagen, aber weil

die Kinder gleich lachend ihren Namen schrieen, erschrak sie und

kletterte an Toni Hases Röckchen empor. Nun war Toni zwar kein Hase,

wenn sie auch den Namen trug, aber eine Maus, die den Weg zu ihrer Nase

nahm, war ihr doch greulich. Sie quietschte, schüttelte sich, schlug

um sich, traf ihre Nachbarin, warf die Bücher vom Tisch, und heilloser

Wirrwarr entstand.

Um eine Maus! Der junge Lehrer schalt an diesem Tage nicht, obgleich

er den Lärm doch recht überflüssig fand. Er fing selbst die Maus und

warf sie zum Hause hinaus; ein Tier zu töten tat ihm leid. Die arme

hinausgeworfene Maus erlebte an diesem Tage noch allerlei seltsame

Abenteuer, bis sie schließlich in die Kirche geriet. Sie wurde nun dort

eine arme Kirchenmaus, aber ihr neues Leben gefiel ihr gut, und sie sah

sich nie wieder nach einer andern Wohnung um.

Gleich am ersten Sonntag sah die kleine, graue Bewohnerin in der Kirche

etwas, das ihr besonders gut gefiel. Da saß eine schlichte ältere Dame

vorn auf der ersten Bank, und ein heiteres, frohes Scheinen lag in

ihren Augen, als die Orgel erbrauste. Droben spielte ihr Sohn schöne,

feierliche Weisen, und in der Kirche reckten und streckten alle die

Hälse vor und schauten auf die Fremde. »Die alte Frau Lehrerin ist’s,«

sagten sie. Es lag Neugier in den Blicken, aber auch viel herzliche

Freude, und Frau Fries spürte mehr die Freude, und wie sie so still in

der kleinen alten Kirche saß, dachte sie: »Hier gefällt es mir!«

Am Abend vorher war Frau Fries gekommen. Frau Besenmüller war sehr

zufrieden gewesen, daß jemand am Samstag kam, da war doch alles

blitzblank geputzt. Nur den Himmel hatte Frau Besenmüller nicht

scheuern können, so gern sie dies auch getan hätte. Der hing voller

grauer Wolken, und die Steinacher sagten: »Es gibt Schnee.« Es gab aber

nur einen Mischmasch von Schnee und Regen, und um die Geschichte noch

ungemütlicher zu machen, heulte der Wind wie ein ganzer Chor böser

Buben. Wirklich, es war höchst ungemütlich, und als Frau Fries in der

Dämmerung auf Bauer Hinzpeters Wagen in das Dorf einfuhr, schauerte sie

leicht zusammen; nein, schön war es wohl in Steinach am Wald nicht.

Aber schön war die große Freude ihres Sohnes, und die war es auch, die

es der Mutter behaglich in dem alten Hause machte.

In der Nacht hatte sich dann das Wetter besonnen, es zeigte ein

freundlicheres Gesicht. Der Sturm riß aus, und der Mond kam hervor.

Der hielt um die erste Tagesstunde Zwiesprache mit der Sonne, und

diese etwas launenhafte Dame erklärte sich bereit zu scheinen, weil

doch erster Advent war, und weil doch die alte Frau Lehrerin Steinach

im Sonnenglanz sehen wollte. Am nächsten Morgen lag eine zarte weiße

Schneedecke über dem Land. Wie versilbert standen die Bäume da, und

über alles breitete die Sonne goldenen Schein. Es schimmerte und

glänzte schöner als im Juwelenkästlein einer Königin. Als Frau Fries

hinaussah, erst hinüber nach den dunklen Waldbergen und dann hinweg

über das Dorf, sagte sie heiter: »Hier gefällt es mir!«

Die Steinacher mußten es wohl spüren: »Der Frau gefällt es unter

uns.« Sie grüßten sie, und viele reichten ihr die Hand. Sie taten das

treuherzig und freundlich, und Frau Hinzpeter sagte: »Es ist eben nich

Mode bei uns, fremde tun.«

Daß Fremdtun nicht Mode war, sah Frau Fries auch an den Kindern. Die

standen freilich erst scheu zur Seite, aber als sie ein paar kleinen

Mädeln die Hand gab, kamen geschwind andere herbei, und immer mehr

kleine, braune Hände, auch derbe Jungenpatschen, streckten sich ihr

zutraulich entgegen. Sie wollten alle gern der alten Frau Lehrerin

guten Tag sagen. Die Sonne strahlte hell, aber noch heller schien

ihr Glänzen zu werden, als Pfarrers Regine aus der Kirche trat.

Gerade neben dem alten steinernen Schelm von Steinach stand sie, als

Frau Fries sie erblickte. Die alte Frau und das junge Mädchen sahen

sich an, und beide spürten es gleich: wir werden uns liebhaben. Sie

schüttelten sich die Hände wie gute Bekannte, und dann gingen sie ein

Stück die Dorfstraße entlang heimwärts, und Frau Fries versprach zum

Nachmittagskaffee in das Pfarrhaus zu kommen. Regines Mutter war viel

krank; die freue sich schon auf den Besuch, sagte das junge Mädchen,

sehr sogar freue sie sich.

Da verging denn dieser erste Sonntag in Steinach am Wald für Frau Fries

hell und heiter, und sie nahm es als ein gutes Zeichen für kommende

Tage.

[Illustration]

Siebentes Kapitel

Schloß Moorheide

Es weihnachtet sehr -- Frau Fries ladet zu einer Adventfeier

ein, und Frau Besenmüller läßt die Schulglocke stehen -- Eine

Geschichte wird erzählt, die im Sommer beginnt und in der

Adventszeit endet, und die schon hundert Jahre alt ist

Ob es in der zweiten Nacht, die Frau Fries in Steinach zubrachte, der

Mond vergaß, mit der Sonne zu reden, ob sie sich stritten, -- wer

kann es wissen? -- jedenfalls blieb die Sonne am nächsten Morgen in

ihrer warmen Sonnenstube. Grau hing der Himmel über dem Dorf, und dann

begann es zu schneien. Erst sacht und sanft, dann wurden die Flocken

größer, sie wirbelten und tanzten in der Luft herum, und ganz Steinach

versank allmählich in ein weiches, weißes Schneebett. Es wurde so

huschelig, so weihnachtlich, und man hätte das ganze Dorf mit seinen

weißbeschneiten Dächern, den hohen Schneewällen ringsum gleich in ein

Weihnachtsbilderbuch setzen können, so sah es aus. Durch den Schnee

kamen eines Tages ein paar große Wagen gefahren vom Bahnhof her,

der Hausrat der alten Frau Lehrerin. Und nun schaffte diese emsig im

Haus, Frau Besenmüller half ihr, und selbst der Schuldiener mußte mit

eingreifen. Aus dem Pfarrhaus kam Fräulein Regine, und die rief einmal

über das andere: »Wie hübsch das ist, wie hübsch!«

Manch Stück aus der Großmutterzeit war unter den Sachen, das paßte gut

in die großen Stuben des Schulhauses, viel besser als in die enge,

kleine Viertreppenwohnung der grauen Stadt. Mutter und Sohn staunten

selbst, wie hübsch es wurde, und als dann die Bücherkisten kamen und

Heinrich Fries die lieben gedruckten Freunde wiedersah, da fand auch er

es nicht mehr so einsam in Steinach.

Draußen wurde es immer weihnachtlicher. Die Kinder sangen

Weihnachtslieder, wo sie gingen und standen, und keiner schalt, wenn

die Brummer auch sangen. Hinzpeters Malchen sang manchmal noch im Bett

ihre kleinen frohen Lieder. Im Schulhaus hörte die alte Frau Lehrerin

das frohe Singen auch, und sie meinte, seit vielen, vielen Jahren sei

es ihr noch nicht so weihnachtlich zumute gewesen wie hier in Steinach.

Ihr fielen allerlei heitere Dinge ein, die sie einst im Elternhaus

unter der Adventskrone getan hatte, und eines Tages wanderte sie

selbst in den Wald, holte sich Tannengrün, wand eine Adventskrone,

steckte drei Lichter darauf, denn so weit war die Zeit vorgeschritten,

und dann lud sie die Schulkinder zu einer Adventsfeier ein.

So etwas hatte es noch nie in Steinach gegeben, und sämtliche Spatzen

im lieben deutschen Land zusammen konnten nicht so neugierig sein

wie die Steinacher Kinder. Die hatten es an diesem Sonntagnachmittag

ungeheuer eilig, in das Schulhaus zu kommen. Eine Stunde früher als

angesagt waren sie schon da. Aber Frau Besenmüller war auch da, und die

fand gar nicht, daß es nötig sei, nur eine Minute früher zu kommen.

»Geht nur wieder,« sagte sie, hartherzig, wie die Kinder meinten, »ich

bimmle schon!« Und klapp schloß sie ihnen die Türe vor der Nase zu.

»Frech!« rief Arne.

»Besenmüllern ist komisch!« brummten etliche.

»Huje, da is die Bimmel!«

Zimplichs Max jauchzte es laut. Die andern folgten mit ihren Blicken

seinem Zeigefinger, und da sahen sie wirklich alle außen im Türwinkel

die große Schulglocke stehen. Frau Besenmüller hatte sie am Morgen in

Gedanken außen statt innen in die Ecke gestellt.

Die Schelme von Steinach: Erzählung für die Jugend · 第 3 / 12 段