Dampfer in einer Viertelstunde ans andere Ufer, nach Pella hinüber, wo ich
den Sitz auf dem mich schon im voraus klagend anschauenden Maulesel dankend
ablehnte und auf einem Weg, den uns die Italiener als gänzlich unmöglich
für Damenfüße schilderten, sehr bequem, zum Teil durch schattigen
Wald, nach zwei Stunden den Paß la Colma erreichten. Als gewissenhafte
Alpinisten -- so ist man nun einmal! -- nahmen wir gleich den Monte Briasco
von hier aus noch mit, zu dessen Gipfel (1185 m, also fast 300 m weniger
als der des Mottarone!) man in dreiviertel Stunden gelangt, und der mir
den Monte Rosa einmal ganz ohne Wolken und durch seine Nähe von
imponierendstem Eindruck zeigte. Dann ging's von la Colma an recht
gemütlich hinab, durch prächtige Kastanien- und Nußwälder, an viel
einsamen, von blühenden Obstbäumen umstandenen Gehöften vorbei. Nur wo
in Italien immer die Menschen sind, möchte ich trotz meiner Vorliebe
für ungestörtes Wandern doch oft gern wissen. Bis unten das Sesiatal
auftauchte, kam es mir vor, als gehörte dies herrliche Land allein uns, so
wenig wurde es von anderen beansprucht. Alles in allem haben wir vier
und eine halbe Stunde bis zu dem durch seine Lage und Architektur
überwältigend schönen Varallo gebraucht -- warum also kennen Deutsche
die kleine Stadt fast gar nicht und überlassen sie den Engländern
fast ganz, die allerdings nicht ungeschickt im Aufspüren versteckter
Kunststätten sind?!
Varallo ist ein altes Städtchen, überaus malerisch mit seinen
Steinhäusern und dem lichten Grün der Laubbäume, dem dunklen der
immergrünen Pflanzen dazwischen. Alte Dokumente, zwei Diplome
Kaiser Konrads II. erzählen, daß es schon 1025 existierte. Zu
größerer Bedeutung gelangte es aber erst, als Bernardo Caimi, ein
Franziskanermönch, einer vornehmen milanesischen Familie entstammend,
im Jahre 1481 nach seiner Rückkehr aus Palästina beschloß, in seinem
Heimatlande ein Sanktuarium zu errichten, das allen heiligen Orten, die
er besucht hatte, samt den Begebenheiten, die sich dort zugetragen haben,
gleichen sollte. Er erwählte sich Varallo zu seinem frommen Werke und
erhielt im Jahre 1486 vom Papst Innozenz VIII. die Erlaubnis, ein Kloster
zu errichten. Aber erst nach einer zweiten Reise nach Jerusalem entwarf
er die Pläne für das Heiligtum, und im Jahre 1491 wurde der Grundstein
gelegt. Seit dem Besuche des Erzbischofs von Mailand, Karl von Borromeo,
im Jahre 1578, der das Sanktuarium bedeutend erweiterte und den
Beschluß faßte, in einzelnen Kapellen alle Mysterien des Lebens Christi
darzustellen, gewann Varallo seine große Wichtigkeit als Wallfahrtsort.
In den waldreichen Tälern und auf den kleinen Vorsprüngen des
Berges verteilen sich 45 Kapellen um die Hauptkirche, vor der sich ein
architektonisch höchst reizvoller Hof hinbreitet. Das Innere der Kirche
ist reich, aber modern. In den Kapellen dagegen befinden sich die alten
Fresken und Terrakottagruppen, die auf Befehl Karl Borromeos hergestellt
wurden. Fast tausend Statuen, darunter unzählige Tiere, Vögel, Reptilien,
von 80 Künstlern ausgeführt, veranschaulichen das Leben und Leiden
Christi und gelten dem italienischen Volke noch heute als wunderbare
künstlerische Leistung; während unser Geschmack wohl durch die ganze
Anlage als solche, die Architektur der Kirche und der Kapellen sowie durch
die entzückende landschaftliche Umgebung des Heiligtums mehr befriedigt
wird als durch die oft sehr bunt bekleideten und daher unruhig wirkenden
Gruppen. Einzelne allerdings, wie die »Kreuzigung« aus der Hand Gaudenzio
Ferraris, werden auf jeden Beschauer eine erschütternde Wirkung ausüben.
Auch darf man nicht vergessen, daß zur Zeit, als die Terrakotten
entstanden, die Bauern weder lesen noch schreiben konnten und Bücher
eine Seltenheit waren. Da mußte die anschauliche Darstellung der heiligen
Geschichte von größtem Einfluß sein.
Am Fuße des Sacro Monte, zu dem man von der Stadt aus auf sehr steilen
Wegen in zwanzig Minuten emporsteigt, liegt die äußerlich simple Chiesa
Santa Maria della Grazie, die dem 15. Jahrhundert entstammt. Eine vornehme
Familie aus Varallo, die Vincini, ließ auf ihre Kosten das große
Wandgemälde malen, welches das Prespyterium von der übrigen Kirche
scheidet. Es darf wohl als schönste Arbeit Gaudenzio Ferraris betrachtet
werden und stellt in zwanzig Vierecken, in der Mitte als größtes
die Kreuzigung, Christi Leben dar. Ein anderes Bild desselben großen
Künstlers, die Vermählung der heiligen Katharina, befindet sich
hinter dem Hochaltar der auf köstlichen Substruktionen sich erhebenden
Pfarrkirche San Gaudenzio, zu deren Füßen der Wochenmarkt abgehalten
wird. Auch über dem Portal der Chiesa della Madonna di Loreto, eine
Viertelstunde von Varallo entfernt, hat Ferrari die Geburt Christi
wunderbar =al fresco= gemalt.
Besonders anziehend wird das Stadtbild Varrallos durch die schönen
Trachten der Frauen aus den naheliegenden Dörfern und Tälern. Die
aus Fobello tragen breite, leuchtend rote Säume an den schwarzen
Faltenröcken, während eine schmale rote, hinten grüne Einfassung die
Rocksäume der Frauen aus dem Mastolonetal umgibt. Alle aber tragen
sie unter den Jacken und Miedern weiße Hemden mit kostbaren gelblichen
Macraméeinsätzen und -spitzen und breitgelegte seidene Tücher auf dem
Kopf, die nur bei der Messe durch Schleier aus Spitzen oder feinem Leinen
ersetzt werden. Als Beitrag zu einem aktuellen Thema möchte ich erwähnen,
daß ebenso allen Frauen ein schwarzes Beinkleid gemeinsam ist, das die
Beine eng bis zu den Knöcheln umhüllt; die nackten Füße stecken in den
landesüblichen Holzpantoffeln, den »Zoccoli«.
So bringt der kleine Ausflug ins »unbekannte« Italien des Erhebenden,
Neuen, Anregenden genug. Mir bleibt der Besuch des größten
Kalvarienberges der Welt eine schöne Erinnerung. Und wer die Mühe scheut
oder kein flotter Wanderer ist, dem verrate ich einen näheren, bequemeren
Weg: eine zweistündige Bahnfahrt von Arona am Lago Maggiore aus bringt
auch ans Ziel. Aber, »wem Gott will rechte Gunst erweisen,« der wandre!
III. Hochalpine Spaziergänge.
Für jemand mit der eingeborenen Lust zum Bergsteigen im Herzen ist es
undenkbar, lange still an einem Platz zu sitzen, dessen nächste Umgebung
Gebirgszüge sind. Sie locken täglich; und täglich dringender. Und nur
schlechtes Wetter und die Gewißheit auf »Aussichtslosigkeit« lassen
die Genagelten im Schrank stehen. Man hat also Zeit genug, sich vorher zu
orientieren; das ist bei allen Bergen an den oberitalienischen Seen nicht
leicht. Da gibt's keine schönen Wege wie in den Gebieten des Deutschen und
Österreichischen Alpenvereins, auch sehr selten Markierungen. Unzählige
Vieh- und Holzwege kreuzen sich und laufen nach allen Seiten, und erst wenn
man aus der Waldregion herauskommt, wird es, wenigstens für den, der ein
Auge fürs Gelände und für Bergformen hat, leicht, die beste Route zu
finden. Im ganzen bieten die Berge keine Schwierigkeiten; es sei denn, daß
noch Schnee liegt, der die Aufstiege im letzten Teil ermüdend macht. Denn
natürlich besteigt man diese Berge am liebsten im Frühjahr, weil die
Aussichten dann schöner sind als im Herbst, auch grade der Schnee die
Linien der Gipfel veredelt. Abgesehen von den italienischen Sommergästen,
die ja auch sehr bequem sind und sich nur selten zu einer Partie aufraffen,
werden diese Berge fast nie bestiegen. Die Touristen, die alles an den
Seen besuchen, was sie eben für »alles« halten, sind zu eilig, das
internationale Reisepublikum bummelt herum, Hochtouristen erscheinen nicht
auf der Bildfläche. Auf viele Berge, z. B. auf den Monte Generoso, auf
den Mottarone, auf dem ich vor zwei Jahren noch zu Fuß war, führen jetzt
Zahnradbahnen, so daß sich die »Faulen, die zu Hause liegen«, ohne
weitere Anstrengung das Vergnügen einer Aussicht verschaffen können. Was
ist das aber gegen eine selbst erkämpfte?! Freilich, die Bauern in den
kleinen, jetzt in köstlichem Grün gebetteten Felsennestern warnen wie
immer vor dem entsetzlichen Weg, der für eine Dame absolut unmöglich
sei! und vor dem tiefen Schnee am Gipfel -- Schnee bleibt nun einmal in
der Vorstellung des Italieners die böseste Naturerscheinung! Trotz der
gutgemeinten Ratschläge geht man im steten Schritt weiter; schließlich,
steckte man sich nicht höhere Ziele, könnte man einen Aussichtsberg
wie die Cimetta von Locarno aus als Morgenspaziergang behandeln, wenn man
seinen Tag um fünf Uhr begönne. Denn es handelt sich um keine bedeutenden
Höhen -- die Cimetta z. B. ist nur 1676 m hoch --, da die Seen aber tief
liegen, ca. auf 200 m, so hat man immerhin recht große Höhendifferenzen
zu überwinden. Und ist man erst oben, so möchte man gleich mehr
genießen!
Wir übernachteten daher in dem 1000 m über Locarno gelegenen
»Alpenheim«, zu dem die Straße mit den berühmten 28 Kehren
hinaufführt. Sie zeichnet sich durch die Verheißung aus, daß man ab der
22. den Monte Rosa sieht -- allerdings zuerst in einem Umfang, daß man ihn
mit der wirklich mitgenommenen Zahnbürste decken könnte -- _und_ durch
ihre Pflasterung. Oh, diese Pflasterung, die man allen hochgelegenen Orten
und den zu ihnen leitenden steilen Saumpfaden angedeihen läßt! Hinauf
geht's noch -- aber hinunter, wenn man ohnehin von seinem Berg-Tagewerk
schon müde ist, und nun sich die runden, eckigen, immer aber gebuckelten
Steine mit Vehemenz in die Sohlen drücken! Wozu sie noch niederträchtig
glatt und rutschig sind, weil sie mit Holzschlitten, die das Holz von oben
bringen, befahren werden und den Genagelten daher so gut wie keine Reibung
bieten. Da heißt's bei jedem Schritt achtgeben, will man das Mosaikmuster
nicht noch andern Körperteilen einpressen. -- Im »Alpenheim« sind noch
keine Gäste; man eröffnet mit uns die Saison. Die einzige Bedienung,
der siebenjährige Sohn der Deutsch-Schweizer Wirtin, serviert uns
die vorhandenen Genüsse: Rühreier, und Salami, in den italienischen
Bergnestern das Ein-und-Alles! Wahrscheinlich aber bereitet die auch auf
Höhen steigende Kultur der wohltuenden Primitivität hier oben bald ein
Ende: die Quelle, aus der man beim Aufstieg ahnungslos trank, soll Radium
enthalten. Schon naht ein Konsortium -- und in einer Vision sieht man
statt Hansi mit zu kurzen Hosen und bloßen Füßen befrackte Kellner und
beknöpfte Liftboys. Fliehe, ehe es zu spät ist!
Um vier Uhr früh tranken wir deshalb den »Tourenkakao«, packten harte
Eier und Salami in den Rucksack und ließen den zukünftigen Radiumpalast,
den jetzt noch eine Stearinkerze erhellte, hinter uns. Empor durch Wiesen,
vorbei an leerstehenden Almhütten. Nach gut zwei Stunden ein recht
ekelhafter Grasbuckel, auf dem man immer wieder Terrain zu verlieren statt
zu gewinnen scheint, so rutschig ist er; dann pfadlos zum Gipfel. Schön?!
Unbeschreiblich! Der Lago Maggiore in lichter Morgensonne, gerade noch
sieht man das goldene Gegitter des Mondes in den dunklen Fluten vertauchen
-- leichte, lila Wölkchen um die schneebedeckten Gipfel, als Glanzpunkt
des Gebirgspanoramas der Monte Rosa in strahlender Pracht und jetzt jedem
banalen Vergleich unerreichbar, dazu die Mischabel, in greifbarer Nähe der
stolze Basodino -- und dann die Talblicke! Rauschende Ströme, blitzende
Wasserfälle, duftige Wälder und überall auf Terrassen und Hängen, vom
Grün der Weinberge umschlossen und von malerischen Kirchen überragt,
Ortschaften und Dörfer, die immer aus der Ferne wie königliche
Residenzen wirken und in der Nähe, ach, von solch schmerzlicher Armut
und Verkommenheit sind. Im Augenblick aber freut einen nur die kostbare
Schönheit ringsum -- man möchte mehr und mehr von ihr haben! Also
hinunter zum Sattel -- mühelos gewinnt man ihn -- und wieder aufwärts
über einen steilen Fels- und Schneegrat zum Gipfel des Poncione di
Trosa (1874 m). Hier gibt's dieselbe, nur noch erweiterte Aussicht, ein
Frühstück im Schnee und dann eine Abfahrt, im Sitz, die steilen
Hänge hinunter im Schnee, höchst amüsant und sehr verwegen über die
tiefvergrabenen Buchenäste und Alpenrosenbüschen fort -- recht groß
kommt man sich vor! Ja -- bis man plötzlich bis über die Hüften im
Schnee feststeckt und das rechte Bein weder rück- noch vorwärts bewegen
kann, so zäh umklammert es das Gezweig. Es ist zum mindesten ungemütlich,
und wäre man jetzt allein -- und bis Mittag frören die Zehen ab und vom
Nachmittag an brauchte man von einem Paar Strümpfen nur noch den linken
-- es nützt nichts, »der« Hochtourist, der unten am Sattel steht und
schreit und brillante technische Ratschläge gibt, nach denen jedes bessere
Bein ein Korkenzieher würde, muß noch einmal herauf und mit Pickel und
freundlichen, auftauenden Worten »der« Bein ausgraben. Es gibt einen
unvorhergesehenen Ruck und Bein mit Genageltem schnellen dicht am Antlitz
des Befreiers vorüber ans Tageslicht. Daß man sich nun erst recht noch
einen Gipfel erkämpfen muß, steht fest. Vom Sattel geht's ziemlich
bequem -- was man in den Bergen so nennt, wo glitschige Platten, fatales
Gestrüpp, steiles Gras und schließlich wieder harter Schnee nur angenehme
Begleiterscheinungen sind -- zum Gipfel des Madone hinauf (2050 m). Dies
Auf und Ab ist durchaus interessant und wohltätig für die Geschmeidigkeit
des Körpers, die Aussicht von hier auch noch weiter, noch imposanter, und
eventuell noch ein halbes Dutzend Gipfel bequem bei Hand und Fuß. Aber ich
bedeute meinem Hochtouristen ernsthaft, daß ich im Leben nie unbescheiden
gewesen sei und mir bis vormittags 11 Uhr drei Gipfel genügten, und meine
Kousine, deren erste Bergtour es war, erklärt, daß sie sich die Sache
überhaupt ganz anders vorgestellt habe und keinen Schritt mehr aufwärts
steigen wolle. Darauf fuhren wir froh auf dem Teil, den der liebe Gott zum
Sitzen eingerichtet hat, über den Schnee, zum Sattel hinunter, trockneten
an einer noch verlassenen Almhütte einige Kleidungsstücke in der
mitleidigen, aber doch leis verstimmten Sonne, aßen den Rest der Salami
und marschierten ab, auf recht miserablen Alpenwegen, zum Tal der Verzasca
hinunter. Was vorher leichter Nebel war, verdichtete sich zu feuchten
Niederschlägen; die Feuchtigkeit zu sanftem, starkem -- dann brausendem
Regen. Bis zum hübschen Mergoscia, das immer noch 735 m hoch liegt,
triefte es von meinem guten Hut, und aus meinen Handschuhspitzen lief das
Wasser. Aber nach einer Stärkung an entsetzlichem Kaffee, bei dem einem
mal wieder klar wurde, _wie_ gut man's hat, daß man den nicht täglich zu
trinken braucht, besannen wir uns darauf, daß wir schließlich erst gut
acht Stunden marschiert seien, abgesehen von der durch Rasten und Ausgraben
verlorenen Zeit, daß die am Nachmittag fahrende Post vielleicht schon
besetzt wäre und wir inzwischen keinenfalls auf eine Trocknung unseres
inneren und äußeren Menschen zu rechnen hätten. Ich setzte den guten
Hut wieder auf und durch das wildromantische Tal, in dem sich die Verzasca
durch starre Felsen ihre Bahn gräbt -- das also bei schönem Wetter jeden
Lyriker begeistern würde -- eilten wir mit zusammengebissenen Zähnen
heimwärts. Zwei volle Stunden lang im alpinen Schritt. Rucksack und Hut
vermehrten ihr Gewicht bedeutend. Den Regen aber kümmerte das nicht.
Er tat ganz, als sei er in dieser Umgebung zu Hause und begleitete uns
gastlich bis zur Schwelle.
* * * * *
Man muß nicht nur die Feste feiern wie sie fallen, sondern in einer
Periode, in der das Wetter höchst beständig, nämlich: beständig
schlecht ist, sich zu seinen Unternehmungen sofort auf die auch nur
einigermaßen guten Tage stürzen. Solch ein »einigermaßener« Tag war's,
den wir von Locarno aus zur Fahrt nach Bellagio benützten, nicht um die
Reize dieses Glanzpunktes aller italienischen Seen in gemächlicher Ruhe
zu genießen, um Spitzen, Intarsien oder »echte« Antiken einzuhandeln
-- etwas »Höheres« lockte uns seit langem, der Monte San Primo, der
höchste Punkt der Halbinsel, die an ihrer nördlichen Spitze Bellagio
trägt. Nach einem wohltuenden =pranzo= (Mittagessen) im Freien, auf der
Terrasse des Hotels Florenz, den herrlichen See zu Füßen, gegenüber im
wunderbarsten Blumenflor die Villa Carlotta des Herzogs von Meiningen,
und nach einem ausruhenden Bummel unter den Palmen des Parkes Serbelloni,
machten wir uns ans Werk, angefeuert vom Studium der Karte, die ungefähr
verrät, was einen auf diesem Gipfel erwartet. Der Rucksack ist gottlob
nicht schwer, denn die Luft ist fürs Steigen auf der bequem angelegten
Straße immerhin schwül. In den Weinbergen schlagen sich schon grüne
Bogen von einem Maulbeerbaum zum andern, aus dem hohen Gras ihrer Terrassen
glänzen die weißen Sterne der Narzissen. Man denke: es gibt hier
Wegweiser! Und so landet man nach dem Durchwandern einiger kleiner
Ortschaften ohne alle Fährnisse in Guello, das schon 600 m hoch liegt und
uns zur Nacht beherbergen soll. Im Bädeker steht bei diesem Namen: (Whs.)
-- bedeutet Wirtshaus --, ein »Allogio« dort gäbe es nicht, hatte uns
der Kellner in Bellagio versichert. Das schien auch fast so; obgleich der
Ort, in dem es außer einigen übrigens über das ganze Dorf verstreuten
Villen nur vier Häuser gibt, zwei mit der lockenden Aufschrift
»Ristorante« und »Birraria«, zu verzeichnen hat. Die Dämmerung war
hereingebrochen; so konnten wir nicht mehr auf des andern Gesicht lesen,
was als Hochmut und unberechtigte Anspruchsfülle zu deuten gewesen wäre.
Ich trat entschlossen auf das wenigst schlechte Haus zu, in dem eine
=padrona=, die genau so schwarz und so rußig war wie ihr Kupferkessel
überm offenen Feuer, uns bedeutete, daß wir nicht allein Eier und Salami,
sondern auch, o Wunder, ein kleines, von uns unbeachtetes Häuschen,
dass unten eine große, etwas modrig duftende Wirtsstube und, durch eine
Außentreppe zu erreichen, oben zwei ganz nette Gastzimmer aufwies, haben
könnten. Die Betten sind in Italien auch im bescheidensten Nest gut,
auch hier; von der übrigen Einrichtung nenne ich nur einen großen Haufen
Schafwolle in einer Ecke, in der andern das Sonntagszeug der männlichen
Hausbewohner. Salami und Eier schmeckten vorzüglich, das Brot mußte man
sich im herben =vino da pasto= (Landwein) erst aufweichen; serviert
war, auch wie überall in Italien, auf reinem Tischtuch mit Zugabe von
tadellosen Servietten. Das bunte Tischtuch bleibt, Gott sei Dank!, eine
deutsche Erfindung, dafür ist in ähnlichen, elenden Wirtshäusern
unseres Vaterlandes die Serviette, die der Italiener zum einfachsten
Imbiß spendiert, z. B. zum Kaffee oder Tee, etwas total Überflüssiges,
Luxuriöses. Um halb vier Uhr rasselte im Nebengemach die Taschenuhr
»des« Hochtouristen los, die immer dann geht, wenn man am besten
schläft; zugleich versicherte die =padrona=, daß das Wetter schön und
der Kakao fertig sei. Umgekehrt hätte auch nicht gestimmt: das Wetter war
trübe, der Kakao schlimm. Aber man muß guten Mut haben! Es klärte
sich auch ziemlich auf, so daß man seine Freude an den hier oben noch
blühenden Obstbäumen und den sich eben erschließenden, alle Wiesen
und Hänge bedeckenden Bergschlüsselblumen haben konnte. Da der weite
Talkessel bis hoch hinauf größere und kleinere Sommerhäuschen der
Milanesen trägt, geht der Fahrweg am Sasso Lentina, einem berühmten
eratischen Riesenfelsblock, vorüber, bis zu einem Wäldchen hinauf, von
dem jenseits die Alpe del Borgo liegt. Nun führt ein rauher Bergsteig
durch Erikabüsche aufwärts zum östlichen Gipfel des Monte San Primo, den
man nach gut drei Stunden betrübten Herzens erreicht; denn die Aussicht
wird, bei diesem Nebel, der zuerst das Tal nach links, dann auch die rechte
Seite schließt, kaum nennenswert sein. Man konstatiert ärgerlich, daß
hier oben noch Schnee liegt, die Christrosen noch grün sind, das kleine,
struppelige Buchengestrüpp kaum Knospen ansetzt -- und dann, am östlichen
Gipfel, zerreißt der Nebel plötzlich, See, Wald, Halbinsel, Ortschaften,
Berge tauchen auf, die Wanderung am Grat entlang bis zum Hauptgipfel
(1685 m), die noch eine gute Stunde beansprucht, wird zu einem wunderbaren
Genuß! Das Kapellchen oben ist zerfallen, der Schutzraum noch voll Schnee
-- aber der Blick, der wunderbare, unvergleichliche Blick! Die Seearme von
Lecco und Como umschließen den Bergrücken, auf dem man steht, die ganze
Halbinsel mit ihrem köstlichen Wechsel von Wald und Hang, Villen, Parks
und Ortschaften, mit Bellagio und den Städtchen und Dörfern am andern
Ufer breitet sich aus, umschlossen vom prachtvollsten Bergkranz, in dem
besonders die nahe Grigna und die herrliche Pyramide des Monte Leone, das
Wahrzeichen des Comosees, fesselt. Und dieses Bild bleibt, während man
den langen Rücken des San Primo abschreitet, ungefähr noch zweieinhalb
Stunden, in stetem Auf und Ab, von einem kleinen Gipfel zum andern. Diese
gemütliche Gratwanderung mit der großartigen Fern- und Nahsicht ist der
Hauptreiz dieser Tour. Am aller- allerschönsten Punkt wird gefrühstückt
-- Salami und Eier! Dann geht's vom westlichsten Gipfel zuerst weglos
hinab. Die großen, blauen Enzianglocken geben den Matten einen
blauen Schleier, seltene Orchideenarten gesellen sich zu großäugigen
Vergißmeinnichten und unzähligen, zartgelben Stiefmütterchen. Die
Nachtigallen können kein Ende finden ihres sehnsüchtigen Gesanges; der
Kuckuck mahnt aus der Waldesstille. Und Menschen --? Von Guello ab keine
Seele; beim Abstieg die ersten wieder in Nesso, das anmutig genug am See
liegt und an dem uns der Dampfer wieder aufnimmt und nach Como trägt. Man
mag auch diese Menschenleere einen Reiz des Abstiegs nennen, der übrigens
dreieinhalb Stunden dauerte. Die letzte Stunde aber, auf den gepflasterten
Wegen nach Nesso hinein -- Damen mit empfindlichen Sohlen oder Zehen ist er
nicht zu raten! _Diesen_ Reiz des Ausflugs könnte man entbehren.
»Den Monte Nudo,« sagte mein Hochtourist, »ja, den können wir noch
morgen machen! Zwei so kleine Touren wie die auf den San Primo und den Nudo
hintereinander dürften Sie kaum anstrengen.«