Über das »Dürfen« sind die Touren selbst gewöhnlich eigener Ansicht.

Vor einer Höhe aber von 1235 m darf man natürlich die Waffen nicht

strecken. Also von Como per Bahn nach Laveno am Lago Maggiore, immer auf

italienischem Gebiet. Und nach der Nacht mit der Schafwolle ein höchst

kultiviertes Quartier im hübschen Hotel Bellevue von Laveno, das einst

Kriegshafen der Österreicher war (1849-50) und das gerade der Papa dieses

meines Hochtouristen seinerzeit befestigt hat. Eine Erinnerung, die

wir pietätvoll verschwiegen, denn sie hätte hier nicht gerade beliebt

gemacht, obwohl die Befestigungen schon längst nicht mehr existieren. Wir

bezeugten nur dem Denkmal zur Erinnerung an Garibaldis Alpenjäger, die

hier am 31. Mai 1859 beim Angriff auf das Fort gefallen sind, unsere

Ehrerbietung. Am nächsten Morgen -- ohne Rucksack, nur mit Apfelsinen

und einem photographischen Apparat -- »besiegten« wir in zweistündigem,

steilen Marsch die Pflasterwege bis hinauf nach Vararo. Wir waren

dankbar, daß die Sonne nicht noch heißer brannte und die Steine von

den Holzschlitten nicht noch glatter gerutscht waren. Man sollte sich

überhaupt immer die noch schlimmeren Möglichkeiten vorrechnen, als über

eine nicht ganz bequeme Gegenwart zu nörgeln. Das Dörfchen Vararo ist

sehr malerisch mit seinen eng ineinander geschachtelten Steinhäusern

und einer kleinen Kirche, hinter der der Sasso di Ferro einen imposanten

Hintergrund bildet. Vielleicht waren wir dieser Offenbarung auch besonders

zugänglich, weil dicht vorm Dorf die Landstraße einsetzte und die Sohlen

direkt Mutter Erde berühren durften. Die weiteren anderthalb Stunden zum

Monte Nudo hinan erschienen einem darnach leicht, angenehm -- das Ideal

eines Morgenspazierganges! Was der Gipfel an Ausblicken über den Luganer

See, den Lago Maggiore und den See von Varese bietet, ist noch dazu eine

großartige Belohnung; die Walliser Alpen in ganzer Ausdehnung und weit,

weit die Ebene. Der helle Punkt im undeutlichen Steinmeer dahinten soll

der Mailänder Dom sein; das erfüllt zwar mit Ehrfurcht, daß man so weit

sehen kann, aber für das gewaltige Gesamtbild ist es kaum von Bedeutung.

Daß der Monte Nudo seinem Ruf als schönster Aussichtspunkt der

Gegend alle Ehre macht, steht fest; daran konnten auch vorübergehende

Wolkenschatten nichts ändern. Wäre das letzte Bergab mit seinem horriblen

Pflaster, das nun in voller Vormittagssonne brannte, nicht gewesen, so

»dürfte« diese Tour zu den leichtesten und zugleich lohnendsten meines

Berglebens gehören; so hat sie am Ende einen Stachel der Erinnerung.

Das Wetter hielt sich noch immer, nämlich mäßig, und ließ alle

Möglichkeiten zu. Weshalb da nicht noch einmal etwas wagen? Hatten wir

den Camoghe, den »hervorragendsten Aussichtsberg« des ganzen Tessin nicht

bereits dreimal umsonst belagert? Das viertemal mußte es glücken! Zurück

nach Lugano, denn auf der Nordseite gab's noch zuviel Schnee und der Zugang

vom Süden bietet außerdem noch den Vorteil, den Monte Garzirola und den

Monte Segor, die man traversieren muß, gleich noch mitzumachen, also drei

Gipfel auf einen Schlag! Es ließ sich auch alles vorteilhaft genug an: mit

der Elektrischen von Lugano nach Tesserete, von dort in anderthalb Stunden

gemächlicher Wanderung nach Maglio di Colla (in der Val di Colla), das

trotz seiner hohen Lage (850 m) ein sehr mildes Klima hat. Im ganzen Tal

kommen bis zu 1200 m hinauf noch Kastanien und Wein fort; im übrigen

gedeihen hier besonders gut die Schmuggler, die zur nahen italienischen

Grenze hinüberwechseln und sich ihren ehrlichen Lebensunterhalt durch

inoffiziellen Export von Zucker, Tabak usw. verdienen. Denn in all diesen

Gebirgsdörfern, auf schweizerischer wie italienischer Seite, gilt

der Schmuggel als anständiges Gewerbe. Es kommt auch hier nur auf die

Anschauung an. Die Eisenöfen, die einst dem Orte den Namen gaben -- Maglio

heißt Hammerwerk -- sind längst eingegangen und haben schuld an der

Vernichtung des Waldes; was also sollen die armen Leute tun? Genug sind

auch ausgewandert, die Frauen dominieren in allen Dörfern des Tales.

Uns berechtigte ein klarer, köstlicher Abend zu den schönsten

Bergsteigehoffnungen. Der Hochtourist stellte seine liebenswürdige Weckuhr

auf 3½, in Anbetracht der sehr langen Tour: Garzirola 2119 m, Segor ca.

2100 m, Camoghe 2296 m und auf 1057 m waren wir erst. Man bereitete seine

Beine auf drei Gipfel vor. Aber die Rekognoszierung um halb vier ergab

Nebel um die Bergspitzen, die um fünf Nebel bis zur Talsohle, die um sechs

strömenden Regen! Der Camoghe wollte zum viertenmal nicht -- es gab wieder

nichts als heimfahren. Ob er je wollen wird? Wir lesen die Wetterberichte;

sie lauten aus allen Orten in edler Abwechslung: =coperto= (bedeckt),

=pioggia= (Regen), =nuvoloso= (bewölkt). Wir haben viel vor den andern

voraus, bei uns ist alles drei: =coperto=, =pioggia=, =nuvoloso=.

Und augenblicklich gießt es, wie seit drei Tagen unaufhörlich. Auf

Wiedersehen, Camoghe!

IV. Im höchsten Tessin.

Bei zweimaligen längeren Aufenthalten am Lago Maggiore habe ich fast

alle Täler, deren brausende, klare Ströme in die Silberschale des Sees

münden, durchstreift, habe die Höhen erklettert, die seinen

kostbaren Rahmen bilden, und mich immer wieder an den armen und doch

so anmutsreichen, in Weinbergen gebetteten Dörfern der Ufer und Hänge

erfreut. Freilich, das Geschick ihrer Bewohner ist nicht so heiter und

glücklich, wie man leicht nach der Schönheit der Landschaft und dem

gesegneten Klima annehmen könnte. Auf wieviele ganz verlassene Weiler

trifft man nicht, während es in anderen Dörfern nur Frauen, Kinder und

alte Männer gibt, da die arbeitsfähigen Männer in der Fremde ihr Geld

verdienen müssen, zum Teil auch nach Amerika ausgewandert sind. Die Arbeit

auf den Feldern und in den Weinbergen wird daher meist von den Frauen

verrichtet, die solch ein bescheidenes Leben führen, wie es allerdings

auch nur in diesem Klima denkbar ist.

Einer meiner interessantesten Ausflüge war nun der ins »höchste

Tessin«. Die kleine Bahn, die durch die Valle Maggia fährt, brachte mich

eines frühen Morgens -- Abfahrt von Locarno um 5 Uhr 5 Minuten -- Ankunft

in Cevio um 6 Uhr 26 Minuten -- (das zeitige Aufstehen lernt man bei diesen

Gelegenheiten so nebenher!) an die Mündung des Campotales, das vom wilden

Lauf der Rovana durchströmt wird. Eine schön angelegte Poststraße --

überhaupt eine Spezialität der Schweiz! -- schlängelt sich in unendlich

zahlreichen Krümmungen am Abhang des Madone di Camedo hinauf. Die

Postkutsche, mit zwei starken Pferden bespannt, sah ganz vertrauenerweckend

aus; aber da ich vor der Abfahrt in unstillbarem Tatendrang noch die =beaux

restes= irgendeines ehrwürdigen Palazzo besichtigte, hatte ein verbindlich

lächelnder Pater den begehrten Platz neben dem =postiglione= eingenommen

und ersuchte mich, wieder verbindlich lächelnd, seinen Hut und sein

Täschchen zu bewahren. Ich trat diesen Gegenständen, wie meinem Rucksack,

lieber meinen Sitz auf den heißen Polstern ganz ab und wanderte -- zur

Abwechslung allein, denn der Hochtourist trieb sich irgendwo in Kalabrien

herum -- im selben Tempo wie die armen Pferde aufwärts, allerdings häufig

die steilen =scorciatoi= benutzend, die quer über die Kehren fortführen.

Nach gut zwei Stunden erreichten die Pferde und ich etwas atemlos

Cerentino, ein wirklich reizend gelegenes Dörfchen, von grünen Halden und

Wäldern umgeben. Nun begann erst »programmäßig« meine Arbeit, denn die

Poststraße und -fahrt endet hier. Geduldig nahm ich meinen Rucksack

auf die Schultern, frühstückte an der ersten Quelle -- ein Teil des

Tagewerks, der mir stets sehr lieb ist! -- und wanderte über die Anhöhe,

auf der die Kirche des römischen Märtyrers San Bonifazio steht, ins

Tal von Bosco hinein, über eine primitive Holzbrücke das linke Ufer des

Wildbaches gewinnend und immer seiner Quelle zu, dem schmalen Saumpfad

folgend, der die einzige Verbindung mit meinem Ziel, dem Dörfchen Bosco,

bildet. Der Weg war erst seit einigen Tagen schneefrei -- auf der anderen

Seite lagen sogar noch mächtige, mit Geröll und Baumstämmen durchsetzte

Lawinen, deren Sturz der Bach aufgehalten hatte und deren unbehaglichen

Nähe man doch gern auswich! Sonst gleicht dieser gemächliche Aufstieg,

bis vielleicht auf sein letztes Viertel, das sehr steil durch einen

schattigen Lärchenwald aufwärts führt, fast einem Parkspaziergang; so

anmutig, an Wäldchen und blumenbedeckten Halden reich, ist das Tal und die

wunderbare Luft, von Tannenduft gesättigt, befreit von allen Nöten, unter

denen man sonst beim Steigen leidet. Der gute Pater hatte mir noch beim

Abschied freundschaftlich geraten, diese Partie aufzugeben, sie sei für

eine Dame wirklich unmöglich! Die Italiener haben eben über körperliche

Leistungsfähigkeiten besondere Begriffe, und ich fürchte, mein Ratgeber

selbst hat sich noch nie auf diese »=via brutta=« gewagt! Dann und

wann traf ich auf primitive Sennhütten, von winzigen Kartoffel- und

Rübenäckern, oft nicht größer als ein Bettvorleger, umgeben. Die

meisten Hütten standen noch leer, bis ich dicht vorm Walde nach vielen

Wochen zum ersten Male wieder ein deutsches Wort von einer Bäuerin hörte!

Zwar mußte ich bei unsrer Unterredung manches erraten, denn es war ein

»Schwyzer-Dütsch« allerärgster Sorte. Aber es ist rührend, mit welcher

Treue und Zähigkeit sich die kleine Gemeinde von »Gurin«, wie sie selbst

ihr Dorf nennen, während die Italiener es nach seinem Waldreichtum »=il

bosco=« getauft haben, Sprache und Sitte auf fremdem Boden erhält.

Auch das Dorf selbst, das sogleich jenseits des Lärchenwaldes beginnt,

unterscheidet sich im Bau der Häuser stark von der sonst im Tessin

gebräuchlichen Art; es erinnert an Oberwallis, von dem aus ja auch die

Kolonie hier im zwölften Jahrhundert gegründet wurde. Die heutigen

Bewohner sind durch ihre Zugehörigkeit zum Tessin wie durch die

italienische Umgebung gezwungen, italienisch zu lernen; leider bewilligt

man ihnen auch keinen deutschen Geistlichen. Aber untereinander reden sie

nur deutsch, und es machte mir viel Spaß, in den engen Gängen zwischen

den Häusern -- »Straßen« kann man unmöglich sagen! -- die Kinder bei

ihren deutschen Spielen zu beobachten. Auch Gurin ist sehr arm; und da

die Männer als Vergolder, Schnitzer und Maurer in die Fremde wandern,

betreiben die Frauen die Viehzucht, schleppen die Holzlasten auf dem

Rücken heim und bestellen die Felder, die hier oben einen etwas größeren

Umfang besitzen. Die Seidenindustrie, die nach den Reisehandbüchern hier

betrieben werden soll, ist dagegen längst erloschen. Die ziemlich große

Kirche, dem heiligen Jakob und Christoffel geweiht, enthält als größtes

Heiligtum die Gebeine des hl. Theodor, von dem sich auch ein ziemlich

unglückliches Gemälde vorfindet. Die guten Fresken der Kirche scheinen

dagegen vom Maler Lorynis zu stammen, dessen Arbeiten ich auf diesem

Ausflug noch mehrmals begegnete. -- Das Wirtshaus »Zum Edelweiß«, das

ich mir zum Übernachten bestimmt hatte -- ein zweites, von Cevio aus

gegründetes neues Hotel war leider noch nicht eröffnet -- erwies

sich selbst für meine auf solchen Ausflügen sehr niedrig geschraubten

Ansprüche als »einfach unmöglich«. Ich aß dort zwar vorsichtshalber

nur gekochte Eier, an denen, falls sie frisch sind, ja nicht viel zu

verderben ist; aber selbst diese frugale Mahlzeit wurde mir leid, als

ich die verwahrlosten Hühner und die nähere Umgebung, in der dies

»Edelweiß« wächst, betrachtet hatte. Es blieb mir also nichts übrig,

als den kleinen alpinen Spaziergang, der hinauf 2½ Stunden gedauert hatte,

noch einmal nach Cerentino zurückzumachen. Dort hatte ich des Morgens

ein Wirtshaus mit einer Terrasse gesehen -- eine Seltenheit bei

Dorfwirtschaften! -- und an diese dachte ich nun, um mich selbst zu

ermuntern, und mir das »Vernünftige« der Rückkehr klar zu machen.

Vorher ein Schlaf im Lärchenwald, blaue Enzianen zu Häupten und zu

Füßen -- und von der Schlucht herauf, denn hier hat der Bach sich

durch Felsen zu zwängen, das Brausen des Wassers als etwas kriegerische

Schlafmelodie.

Und die Wanderung im Nachmittagsfrieden war so köstlich, daß ich sie

wirklich nicht bedauerte und genug zu tun hatte, um nur alle Schönheit

ringsum, das Lichtspiel auf den von allen Seiten herantosenden Wassern,

über den Felsen und in den sanft rauschenden Baumwipfeln zu bewundern.

-- In Cerentino fand ich die Terrasse wieder und außerdem vorzüglichen

Barbara, den mir die schöne französische Wirtin »=della posta=« zu

ihren höchst schmackhaften Gerichten kredenzte.

Am nächsten Morgen bestieg ich einen kleinen Wagen, den der rundliche

Gatte der schönen Französin lenkte. Die Break war leider beim Renovieren,

und ich saß da, wo sonst Kälber und Schweine mutlos ihrem traurigen

Geschick entgegen zu sehen pflegen. Aber ich bildete mir ein, schlecht

gefahren sei besser als gut gegangen, wenigstens auf der Landstraße. Wäre

der Paß nicht noch verschneit gewesen, so hätte ich es natürlich als

brave Hochtouristin vorgezogen, mein neues Ziel »über die Berge«

zu erreichen, jetzt vertraute ich mein Leben diesem Wagen an. Es war

leichtsinnig; solch eine unbehagliche Straße bin ich denn doch selten

gefahren! Nicht, daß sie in schlechtem Zustande gewesen wäre; aber sie

geht beharrlich an steilsten Abgründen vorbei, und ist so schmal, daß

jede ungeschickte Bewegung an den Kehren, an denen sie überreich ist,

das Gefährt in die Tiefe stürzen muß. Gleich im Anfang schlugen wir,

trotzdem es stark bergauf ging, ein beschleunigtes Tempo an; und auf

meine Frage, die einem geängstigten Gemüte entstieg, erhielt ich die

trostreiche Antwort, es sei Eile geboten, um nicht mit dem Postwagen von

Campo zu kollidieren, denn Ausweichen sei unmöglich! Ja, das mußte ich

schaudernd zugeben. Schließlich warteten wir gleich hinter dem Weiler

Pedigiodi auf einer breiten Kurve, bis oben über uns aus dem Wald der

kleine Postwagen, durch seine schwarze Plane einem Leichenwagen sehr

ähnlich, herauskam und vorsichtig an uns vorüberglitt. Er beförderte

übrigens keine Menschen, sondern nur Pakete und Briefe. Wir ratterten

weiter -- Kälber und Schweine scheinen unbeschadet jeder Elastizität

ihres Gefährtes entraten zu können! -- an Riva vorbei, das anmutig auf

grünen Wiesen am Rande der Rovana gebettet ist und als =vis-à-vis= das

düstere Campellotal, vom unheimlichen Molineva verriegelt, ertragen muß.

Nach gut zwei Stunden schwerer Arbeit für das Pferd sowohl wie für die

eigene Beherrschung, denn ich fand, man sei wie auf dem Meer auch hier

etwas zu sehr in Gottes Hand, erblickte ich von dem kleinen Dörfchen Piano

aus: Land! Und zwar zuerst das noch hinter Campo, aber höher gelegene

Cimalmotto. Und dann nach ein paar Wegbiegungen taucht Campo auf, aus der

Ferne von ganz großartiger Wirkung mit seinen stattlichen Häusern,

der schönen Kirche, den saftigen grünen Weiden ringsumher! Aber mein

liebenswürdiger, dicker Kutscher bittet mich auszusteigen und den Fußweg

ins Dorf einzuschlagen: -- »Denn sehen Sie, Signora, wie sich die Straße

schon wieder senkt und verdorben ist!« -- Ja, ich sehe. Und noch mehr

wehmütiges Bedauern ergreift mich, als ich die von unten so schöne

St. Bernhardkirche betrete: zahllose Sprünge zerreißen ihre Wände und

die feinen Fresken Lorynis; die Schwellen unter ihren Türen haben sich

verschoben, die Fenster stehen schief. Ein Stukkateur ist an der Arbeit,

die Hauptschäden oberflächlich auszubessern; mit der vollen Pietät des

Italieners für Kunstwerke beklagt er mit mir den unaufhaltsamen Verfall

der =chiesa= des Dorfes -- des ganzen =paese=! Es ist verlorenes Land,

auf dem ich stehe, ein Land, das dem Untergange geweiht ist. Seit der

furchtbaren Überschwemmung des Jahres 1868 untergraben die Wasser die

ganze Hochebene, auf der Campo steht, und reißen ein Stück nach dem

andern ins Tal hinunter. Man kann sagen: der ganze Berg wandert in die

Tiefe. Da ist kein geradestehendes Haus mehr, keine Wand ohne Riß;

überall hängen Türen und Fenster in den Angeln, und die Heustadeln sehen

traurig aus unter den schiefsitzenden Dächern. Eine Tragik liegt über dem

Dorf trotz seiner heitern Umgebung; und was mag in den Seelen der Menschen

vorgehen, die unbarmherzig ihren Besitz schwinden sehen? Einmal ist von der

Regierung für viele Tausend Lire eine Schutzmauer im Tal errichtet worden;

der erste Frühlingssturm riß sie ein. Ein anderes Projekt eines Berner

Professors, Abzugskanäle anzulegen, würde Millionen erfordern. Das

Stückchen Land ist nicht soviel wert -- es muß geopfert werden!

Über einen kleinen Fußweg gelangt man in zwanzig Minuten zum kleinen

Hochplateau hinauf, das auf seinem Rücken Cimalmotto trägt. Ein Haufen

recht elendiger Steinhäuser, die auch zum Teil Spuren des Verfalls, wenn

auch nicht so stark wie in Campo tragen. In der offenen Halle der Kirche

befindet sich eine sehr schöne »Kreuzigung« von Lorynis, ursprünglich

=al fresco= gemalt; doch hat man das Bild, um es vorm Untergang zu

bewahren, durch ein chemisches Verfahren auf Leinwand übertragen. Es weist

aber auch jetzt schon wieder Sprünge und lädierte Stellen auf. Keinem

Menschen bin ich in diesem kleinen Dorf begegnet; mir wurde direkt

unheimlich in dem verlassenen Ruinenhaufen. Galba, der Begründer des

Ortes, wie eine Tafel an der Kirchhofsmauer erzählt, mag sich mit vollem

Recht mit seinen Schätzen und seinem Weibe Pulcheria, der Tochter des

Herzogs von Aquitanien, hierher geflüchtet haben, um allen Verfolgungen

zu entgehen: man muß schon jemand sehr lieben oder sehr hassen, sonst

stöbert man ihn hier nicht auf! -- Vor der Kirche in Campo fand ich meinen

Kälberwagen wieder; knapp vierzig Minuten brauchten wir für die Fahrt

abwärts bis nach Cerentino zurück. Behaglicher als das Hinauf war sie

keinesfalls, besonders da ein tüchtiger Gewitterregen einsetzte, wie es

sich zwar zur Krönung einer richtigen Landpartie gehört, den wir vier:

Wagen, Pferd, Kutscher und ich aber doch mit verbissenem Grimm erduldeten.

Bis mir aus einem Weiler hilfreich ein mächtiger roter Regenschirm

geliehen wurde. So liegen Freude und Leid doch immer nahe beieinander im

Menschenleben; das bewiesen mir die Ausflüge ins »höchste Tessin« --

auch Campo liegt noch 1200 m hoch -- aufs neue. Deshalb liebe ich es und

sage traurig auf gut tessinisch:

»=Ciau Ticino!=« Lebewohl, Tessin!

Aus dem gleichen Verlag zu beziehen:

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Walter Schmidkunz

Bayerstraße 25 München Bayerstraße 25

[ Hinweise zur Transkription

Der Schmutztitel wurde entfernt. Die Nennung der Druckerei wurde von ihrer

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Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt. Textanteile, die abweichend in

Antiqua gesetzt sind, wurden in dieser Transkription markiert, jedoch

wurde für Römische Zahlen und die Maßeinheiten "m" und "km" auf eine

Markierung verzichtet.

Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden

Ausnahmen,

Seite 26:

im Original: "erheben sich die weißen Linie der ewigen Gletscher"

geändert in: "erheben sich die weißen Linien der ewigen Gletscher"

Seite 33:

im Original: "Leute von der Knorrhüte"

geändert in: "Leute von der Knorrhütte"

Seite 65:

im Original: "schon alle, ungegefähr 700 Stück graubrauner Kühe"

geändert in: "schon alle, ungefähr 700 Stück graubrauner Kühe"

Seite 74:

im Original: "noch mühsam und nicht gerade wohltuend"

geändert in: "noch mühsam und nicht gerade wohtuend"

Seite 84:

im Original: "in einem Purpurmeer vertautauchenden Gestirns"

geändert in: "in einem Purpurmeer vertauchenden Gestirns"

Seite 108:

im Original: "von dem sogar die altmodische Post"

geändert in: "vor dem sogar die altmodische Post"

Seite 128:

im Original: "fielen alle kleinen Erdennöten vom Herzen"

geändert in: "fielen alle kleinen Erdennöte vom Herzen"

Seite 175:

im Original: "»=Giau Ticino!=« Lebewohl, Tessin!"

geändert in: "»=Ciau Ticino!=« Lebewohl, Tessin!" ]

»Sie« am Seil · 第 11 / 11 段