Ganz früh, im unaufgeräumten Wartesaal des römischen Bahnhofs, tranken

wir unsere Schokolade. -- Eine kurze Bahnfahrt bis Zagarolo -- von hier

mit dem Omnibus bis Genazzano. Vorn neben dem Kutscher erwischen wir

noch Plätze; die Bauern hinter uns unter dem muffigen Verdeck des Wagens

können nicht begreifen, daß wir die angebotenen Ehrensitze in ihrer Mitte

verschmähen! Wir aber blicken über den mächtigen Federbusch eines auf

Urlaub für die Festtage gehenden Bersagliere -- der uns zu Füßen auf der

Deichsel hockt, nach dem schönen Spruch: Besser schlecht gefahren als gut

gegangen! -- in das sonnengetränkte, köstliche Land hinaus. Nicht tot

mehr scheint die Erde -- duftend steigt es aus den braunen Schollen empor,

in den Zweigen der Kastanien- und Ölbäume regt es sich leise, rötliche

Augen zeigen sich an den Weinreben, die sich von Ulme zu Ulme ranken.

Und welch eine Volksmenge, je mehr wir uns der kleinen Stadt Genazzano

nahen! Der Tag irgendeines Heiligen ist es, der zum Jahrmarkt benutzt wird

-- Frühaufsteher kommen uns schon mit ihren Einkäufen entgegen. Rechts

und links am Stadttor hängen goldglänzende Kupfergeschirre an den Mauern;

Bettladen, Wiegen und Truhen versetzen den Weg. Wir steigen aus und wandern

durch den Ort, vorbei an einer Wallfahrtskapelle, die auch heute ihre

Anziehungskraft beweist, vorbei am alten Palast der Colonna und den

Überresten ihres Aquädukts, dessen von Efeu umsponnene Bogen malerische

Rahmen für die Landschaft im Tal bilden. -- Der Weg nach Olevano, nicht

über die bequeme Landstraße, sondern quer durch die Felder, ist sehr

schön; auf allen kleinen Anhöhen alte Klöster und Burgen, in weiterer

Ferne Schneehäupter der Abruzzen und ringsumher ein Land, dessen

historischen Reichtum man ahnt und fühlt. In der klaren Sonne ist es, als

könnte man mit einem Schritt zu all den kleinen Ortschaften hinüber,

die sich nur durch eckige Konturen vom Felsboden, dem sie entwachsen,

unterscheiden.

Olevano liegt ebenfalls an einem Bergabhang und hat steile und schmutzige

Straßen; aber überaus malerisch ist es: der Marktplatz mit seinem

Brunnen, an dem die Esel getränkt werden, und zu dem im Abenddämmern

prachtvolle Frauengestalten, die kupferne Conca (Krug) auf dem Kopfe,

heranschreiten. Die Bewohner von Olevano haben überhaupt einen besondern,

kräftigen und schönen Typ, und sind durch den Umgang mit liebenswürdigen

Malersleuten zutraulich geworden.

Etwa eine halbe Stunde nördlich von Olevano, am Wege nach Bellagra, liegt

die Serpentara, der deutsche Eichenhain, ein Künstlerhaus mit deutschem

Namen am Eingang. Wie merkwürdig das ist: plötzlich auf deutschem Boden

zu stehen! Die Namen der besten vaterländischen Künstler sind mit

diesem Fleck Erde verknüpft, unsere größten »Landschafter« haben hier

studiert und gelernt. Ein Felsblock trägt das Relief unsres Kaisers, neben

der 1887 gepflanzten »Kaisereiche« -- ein andrer das Viktor Scheffels,

unter dem seine Worte prangen:

Hier im Zentrum des Gebirges

Lesen wir die alte Keilschrift,

Die der Haufe nie versteh'n mag,

Das Gesetz des Ewigschönen.

Einmal also, durch deutsche Künstler, haben wir im Lande unsrer ewigen

Sehnsucht ein eignes, wenn auch bescheidenes Besitztum erreicht!

Am nächsten Morgen wanderten wir nach Bellagra, dem unheimlich

schmutzigsten Ort, der mir in Italien begegnet ist und _vielleicht_ durch

diese Eigenschaft sehenswert, sonst nicht. Noch einmal steigen wir eine

steile Anhöhe hinauf: nach Rocca San Stefano, dann geht es lange neben dem

Anio, dem »immerkalten«, her, und ebenso lange liegt links vor uns auf

einem Felsen, von einer Burg überragt, Subiaco. Die sechs Stunden von

Olevano sind, ohne uns im geringsten zu ermüden, »vergangen«; das Land

und die kleinen Orte, die wir durchschreiten, bieten so viel Reize und

immer neue Abwechslung, daß man sich der Länge des Weges nicht bewußt

wird.

Wer nun wirklich mit seiner Zeit geizen muß, lasse sich an dem äußern,

reizvollen Eindruck Subiacos genügen und kehre eilig mit dem nächsten Zug

über Tivoli nach Rom zurück. Vielleicht, um dort den Osterfeierlichkeiten

in Sankt Peter beizuwohnen? Ach Gott, _diese_ Enttäuschung ist ein Kapitel

für sich! Ich feiere meine Ostern stets draußen, in irgendeinem kleinen

Nest -- weitab von den hastenden Touristen!

Denn um Subiaco recht zu würdigen, bedarf man der Ruhe. Die drei Klöster

von Santa Scolastica, »die Wiege des Mönchtums im Abendlande«, sind

so reich an Schätzen und historischen Erinnerungen, daß es schade und

nutzlos um einen kurzen Besuch wäre. Zur Zeit der Goten in Italien, als

das römische Reich sich auflöste, gründete der heilige Benedikt hier

eine Zuflucht für weltmüde Menschen, während des ganzen Mittelalters

stand es da, »ein einsamer Leuchtturm der Wissenschaft«, wie Gregorovius

es nennt, und Deutsche, Arnold Pannartz und Konrad Schweinheim, druckten

hier im Jahre 1465 das erste Buch in Italien, den Donatus, ehe sie in Rom,

im Palazzo Massimi alle Colonne, die erste Buchdruckerei errichteten.

Auch jetzt noch sind die Klöster überreich an Inkunabeln und alten

Handschriften, trotzdem die Abtei mehrmals, z. B. von den Sarazenen wie von

den Ungarn, zerstört worden ist. Aber die Macht des Klosters wurde durch

Schenkungen reicher Barone immer wieder hergestellt, die Stadt Subiaco

selbst geriet allerdings erst im Jahre 1068, als der Abt Johannes V. die

Burg erbaute, in den Besitz des Ordens. Seit dieser Zeit rivalisierten die

Benediktineräbte neben den Orsini und Colonna auch auf dem Kriegsfeld und

waren leider wegen ihrer erbarmungslosen Justiz berühmt. Deshalb entzog

Urban VI. im Jahre 1386 den Mönchen das Recht, den Abt selbst zu wählen,

und setzte zum Teil dadurch ihrem Übermut eine Schranke. Dennoch empörte

sich, fast hundert Jahre später, das Volk von Subiaco gegen die Mönche,

die an fünfzehn jungen Leuten eine Art Lynchjustiz ausgeübt hatten,

verwüsteten das Kloster und mordeten die Mönche. Auch in den ferneren

Jahrhunderten spiegelt sich in der Geschichte dieser Abtei im kleinen das

ewige Auf und Ab von Größe und Verfall wieder -- und viel von dem steten

Kampf zwischen geistlichen und weltlichen Würdenträgern!

Ein steiler Weg von fünfundzwanzig Minuten führt weiter aufwärts nach

San Benedetto, einer aus Ober- und Unterbau bestehenden Kirche, in deren

Garten der heilige Franz von Assisi die Dornen, in denen der heilige

Benedikt sich wälzte, um sich gegen verführerische Vorstellungen

zu schützen, in Rosen verwandelte. Noch jetzt ist der Garten von

Rosenbüschen erfüllt. Die Grotte, in der Benedikt lebte, ist mit einer

Statue des Heiligen aus der Schule Berninis geschmückt.

Frühlingsfahrten im Bereiche der italienischen Seen.

I. Locarno.

Eins wollen die seit undenklichen Zeiten an Italien-Sehnsucht krankenden

Deutschen nie lernen: daß sie nämlich dieses Land, das wie kein anderes

Sonne, Wärme und frisches Grün verlangt, stets viel zu früh aufsuchen

und es gerade dann verlassen -- wenn es erst anfängt schön zu werden! Den

früher so viel beklagten Übelständen: schlechten Heizungsmöglichkeiten,

Steinböden usw., ist zwar längst, wenigstens in den besseren,

internationalen Hotels und Pensionen, abgeholfen; es gibt überall

Zentralheizung, Parkettböden, mit Teppichen ausstaffierte Hallen und

Lifts und Wintergärten, und der Deutsche findet es mit steinerner Stirn:

»ebenso wie zu Hause« -- aber natürlich, den echten, gemütlichen

italienischen Albergos muß er aus dem Wege gehen, weil er eben in ihnen

friert und sie deshalb für »unmöglich« hält. Das ist der zweite

Nachteil seiner vorzeitigen Erscheinung jenseits der Alpen. Der erste,

wie gesagt, die tote Natur. Eine nordische Landschaft kann durch schweren,

bewölkten Himmel Ausdruck und Stimmung erhalten und malerisch wirken, die

italienische wird ohne Sonne farb- und charakterlos. Und weshalb begnügt

man sich mit ein paar warmen Mittagsstunden? -- In der Hauptsache wohl,

weil es diese auch zu Hause nicht gibt. Jetzt dehnt man sich schon morgens

im Bett mit dem wohligen Gefühl, zu einem echten, rechten Sommertag

erwacht zu sein; durch das weitoffene Fenster zieht laue Luft, durchsetzt

vom wundervollen Duft der Glyzinien, deren schwere lila Trauben einen

undurchdringlichen Baldachin über der Terrasse bilden. Man hat geschlafen,

gewiß; aber bis in den Traum hinein hat man die Nachtigall gehört, die

die Nacht durchschluchzte, und von der man ohne weiteres annimmt, daß sie

poetisch genug war, ihr kleines Nest im Kamelienbaum aufzuschlagen;

über und über bedeckt ist er mit leuchtenden, roten Blüten -- und die

Nachtigallenkinder werden ihr Leben lang vollauf zu tun haben, wenn

sie auch nichts anderes lernen wollen, als ihn würdig zu besingen. Man

lächelt vor sich hin, wenn man nun ans Fenster tritt und nach stillem

Blick über den stahlblauen Spiegel des Sees die Wunder in der Nähe

betrachtet: die Kletterrosen mit ihren Tausenden zartweißen, rosa oder

gelben Knospen und Blumen, die prangenden Rhododendrons, die köstlich

gefärbten und duftenden Azaleen, die alle in jeder Nacht an ihrer

Vervollkommnung weiter arbeiten -- aber mischte sich nicht in die

langgezogenen Seufzer der Bülbül ein merkwürdig nüchterner Ton?!

Man erinnert sich plötzlich: der Hahn war es, den die Kunst der grauen

Sängerin nicht schlafen läßt, und der es in Locarno für nötig hält,

noch vor Mitternacht die Menschheit an sein Dasein zu mahnen. Aber hier

versteht man das; in diesem Zauberreich müssen die ältesten Gesetze ihre

Kraft verlieren und aufgehoben werden. Die Natur befreit sich von allen

Fesseln, und in ihrer unerhörten Verschwendung verleiht sie auch dem

bescheidenen Haushahn die Gabe, über seine eigentliche Bestimmung hinaus

zu krähen.

Drunten pfeift der erste Dampfer, deutlich kann man verfolgen, wie von

allen Seiten Omnibusse heranrollen, etwas Gepäck verladen wird und einige

Pärchen Hand in Hand den Weg, der zum Schiff hinüberführt, betreten.

Der Dampfer gibt ein zweites, wehmütiges Signal: aber niemand kommt mehr.

Schwerfällig legt er ab. Und der junge blonde Kontrolleur, der seit fünf

Jahren täglich vom Morgen bis zum Abend die zwölf Dampfer seiner Linie

kontrolliert, wird keine zu große Arbeit haben. Diese da, die letzten,

allerletzten deutschen Hochzeitsreisenden haben richtige Billette, sitzen

in der ihnen zukommenden Klasse, verlassen das Schiff ordnungsgemäß an

der =Isola bella=, durcheilen Hand in Hand Schloß und Garten und stehen

nach zwei Stunden Hand in Hand wieder bereit, um die Rückfahrt anzutreten.

Nicht einen Schritt vom vorgeschriebenen Wege tun diese Leute -- nichts

sehen sie als die im Reisehandbuch verzeichneten Merkwürdigkeiten, und

ohne Aufenthalt setzen sie ihre Tour fort: nach Lugano hinüber, oder

gleich zurück über den Sankt Gotthard -- und ahnen nicht, daß sie an den

Hauptschönheiten vorübergegangen sind und sich ihnen nur eine Spalte des

Allerheiligsten geöffnet hat! Nein, ich fahre nicht über den See; ich

warte, bis auch die letzten Hochzeitsreisenden fort sind und sich die

braven Italiener, die dann mit schwatzenden, lachenden Kindern Vor-

und Hinterdeck in Beschlag nehmen, sich nicht mehr über die fabelhafte

Ungeniertheit der Jungvermählten chokieren. Und abends kehre ich erst

heim, wenn das Mondlicht ein glitzerndes Netz übers Wasser wirft und

all die kleinen Uferstädte nur mehr durch die Perlenreihe der Lichter

erkennbar sind und nach kurzem wieder in mystisches Dunkel zurücksinken.

Jetzt wandere ich lieber die Höhen hinauf, in der tröstlichen Gewißheit,

keiner Seele mehr zu begegnen, sobald ich den Stadtrayon verlassen habe. Am

wilden Garten der Madonna del Sasso, die sich eher wie eine Festung als wie

eine Kirche auf steilem Fels inmitten einer Schlucht erhebt, schlendere

ich vorbei, über Orselina Brione und Contra bis zu dem entzückenden,

weltvergessenen Mergoscia im Tal der Verzasca, die sich nicht genug tun

kann an größeren und kleineren Fällen; oder zur anderen Seite nach dem

malerischen Ascona, das noch seinen besonderen Reiz durch die Gruppe der

»Naturmenschen« erhält, die sich auf der Höhe des Monte Verità in

verlassenen Bauernhäuschen angesiedelt haben und ihren Individualismus

durch vegetarische Kost, flatternde Haare, wenig Bekleidung und größte

Saloppheit dartun. Ich nehme mir aber bestimmt vor, sobald es noch heißer

wird, mich wenigstens »vegetarisch« zu frisieren und alle künstlichen

Unterlagen fortzulassen. Ascona ist auf dem Land erbaut, das die Maggia

angeschwemmt hat; in ihrem langen Tal ist wohl der schönste Punkt bei

Ponte Brolla, wo der Bach durch schroffe Felsen bedrängt wird, und später

bei Visletto. In Cevio mündet ein neues Tal ein, das Valle di Campo, von

der klaren Rovana durchströmt, von dessen verschiedenen Ortschaften aus

über zahlreiche Pässe leichte und etwas schwierige Touren sich nach

Gefallen und Wanderlust ausführen lassen. Aber sieh, das Beste liegt so

nah! Der köstliche Weg von Locarno nach Ronco, hoch überm See, mit stetem

Blick auf seine Fläche und die anmutigen Inseln bei Brissago, führt durch

schattenspendenden Wald; nicht durch immergrünen mit hartem, dauerhaftem

Laub, sondern unter den zartgrünen Zweigen von Ulmen, Buchen und den

lichten Schleiern der Birken hin. Und über allen Vorbergen, die im

April noch so plump in ihrem farblosen Massiv dastehen, haben die Birken

ebenfalls ihr beständig flimmerndes Grün geworfen; auf den höheren

Gipfeln leuchtet noch der Schnee, von den Abhängen erstrahlen die

Obstbäume in blendender Pracht, und die Weinreben strecken sich von

Maulbeerbaum zu Maulbeerbaum grüne Blättchen auf verlangend

wachsenden Armen entgegen. Ein reizender Winkel, verfallende, verlassene

Bauernhäuschen, durch dichten Efeu zu malerischsten Ruinen umgewandelt,

ist Fontana Martina, noch hinter Ronco gelegen und von Brissago aus über

einen mörderisch steilen Pfad zu erreichen. Ein Deutscher wohnt hier

einsam in dem toten Gemäuer, das für jemand, der wirklich Ruhe sucht, ein

Dorado sein muß. Aber diese Jemande scheinen seltener zu sein, als man im

allgemeinen annimmt: kein Liebhaber oder Räuber meldete sich bis jetzt,

und der Deutsche, der ein wenig auf die Eigenbrödelei seiner Landsleute

gerechnet hat, folgt am Ende eines schönen Tages -- die hier ja nicht

selten sind! -- dem Beispiel seines Vorgängers und zieht sich mit einer

reichen Frau in das Weltgetöse Mailands zurück. Die Kontraste liegen im

Leben ja meistens dicht nebeneinander.

Auch hier. Denn neben den Kindern heißerer Sonne, den hohen Fächerpalmen

mit ihren kraftstrotzenden, sich eben öffnenden Blütenkolben sendet unser

nordischer Flieder seine lila und weißen Sternchen im leisen Wind hinüber

zu dem unendlichen Reichtum der Mimosenbäume; die zarten Kerzen des

Kirschlorbeers strecken sich neben den derberen der Kastanie vor, die

Orangenblüten erstrahlen doppelt neben den schwarzen Kugelfrüchten der

Zypressen, die Iris gesellt sich zum Calicanthus, dem »Erdbeerbaum«

unserer Kindheit, und zu Füßen des spielerischen Bambus und des

selbstbewußten Eukalyptus sehen uns unsere Stiefmütterchen mit ernsten

und etwas größeren Augen als zu Hause an.

Ich will dem deutschen Frühling nicht seine Schönheit bestreiten; er

hat längere Frist, sich zu entwickeln, und muß heftig genug um die

hartgefrorene Erde und mit seinem Todfeind, dem Nachtfrost, ringen. Das mag

seinen Kräften nur förderlich sein. Hier kommen sich Sonne und Erde

in langem, heißem Kuß entgegen, es gibt kein Verweilen, nur ein

Vorwärtsdrängen, ein Entfalten, Sprießen und Wachsen von Stunde zu

Stunde. Und unter den glücklichsten Verhältnissen, vom hehren Rahmen der

Berge umfaßt, lacht aus betörender Farbenpracht mit tausend Augen der

Sommertag, und klingt sein Herzschlag aus dem Lied der Amsel und dem

unablässigen Zirpen der Grillen.

Auf meiner Fensterbank liegt eine smaragdgrüne Eidechse. Sie genießt die

Wonne ihres Daseins -- sie ist wunschlos glücklich!

II. Vom Lago Maggiore zum größten Kalvarienberg der Erde.

Einen köstlichen »Aussichtsberg« überm Lago Maggiore gibt es, sagte

man mir, und nachdem ich so lange darauf angewiesen war, allein oder in

Gesellschaft von weder bergkundigen noch steigelustigen Genossinnen

über bessere Hügel zu spazieren, wurde der Höhendrang von Tag zu

Tag mächtiger. Sofort nach Ankunft des »Hochtouristen«, der auf

Entdeckungsfahrten im »unbekannten Italien« auszog und sich, wie er

sich bescheiden ausdrückte, »herabließ«, auf der Durchreise dem Lago

Maggiore ein paar Tage zu »opfern«, wurde eine größere Tour vereinbart.

Der Dampfer brachte uns nach Stresa, wo ein starker Gewitterregen die

wichtige Frage nach bequemem Aufstieg, schöner Aussicht usw. zunächst so

zweifelhaft machte, daß wir uns erst mal zum Bleiben entschlossen, an

den pompösen Hotels und den noch schlafenden Villen der reichen Milanesen

vorbeischlenderten und über einen der berühmten, herrlich angelegten

Spaziergänge Doktor Georg von Siemens' wieder in das engmaschige Netz der

Straßen des Städtchens zurückgerieten. Hallo, dort ist ein Auflauf vor

einer Kirche! Wir stellen uns zwischen die anderen Neugierigen, und nach

ein paar Minuten fährt -- höchst modern! -- ein Bischof im Automobil vor

und nimmt große Sträuße, von Chiffonschleiern geschmückt, in Empfang.

Eine Kapelle empfängt ihn mit dröhnender Musik -- leider ist es die

Marcia Reale, im Jubiläumsjahre römisch-klerikalen Ohren gewiß eine

doppelt unsympathische Melodie. Aber der geistliche Herr findet sich

mit Würde in diesen überraschenden Kunstgenuß, verschwindet unter dem

feuerroten, mit breiten Goldstreifen umsäumten Baldachin und erscheint

nach kurzem wieder, in voller Amtstracht, die Hand mit dem Hirtenring

segnend nach links und rechts streckend. Der Zug ordnet sich; als Trägerin

eines riesenhaften Kreuzes eine jüngere Person wie eine Schar ihr

folgender, bedeutend älterer in blauem Überwurf und weißen Schleiern,

dazu haben alle -- sogar die Kreuzträgerin -- trotz der Heiligkeit des

Moments, ihre mächtigen baumwollenen Regenschirme am Arm, die wohl nur

im Tode von den Italienern abgelegt werden. In langen Reihen folgen die

Schulkinder, Knaben wie Mädchen, von Geistlichen und Schwestern geleitet;

am anderen Tage gibt's eine große Firmelung, obgleich der eigentliche

Zweck des Signor Vescovo nur eine =visita pastorale= sein soll, der Besuch

des Hirten bei seinen Schäflein. Armselig genug sehen sie aus, die ihm in

die nächste Kirche folgen, und sein ernsthafter Blick gleitet über die

Fremden hin, die abseits stehen. Und in diesem ruhigen Blick und in der

Bewegung der segnenden Hand liegt so viel Achtunggebietendes, daß sich

die Köpfe derer, die eben noch über die bescheidene Prozession und den

modernen Bischof im Auto gelächelt haben, demütig senken und ihren Teil

an seinem Segen hinnehmen.

Am anderen Morgen hat es sich so weit geklärt, daß man nach Meinung der

Eingeborenen den Aufstieg wagen darf: schlechtes Wetter hält sich hier ja

nie länger als einen Tag, der Wind hat gewechselt, Gewitter kommt nicht --

also! Und was man gerne glauben möchte, glaubt man ja einfach, obwohl der

Hochtourist behauptet, die Einheimischen verstehen vom Wetter nie etwas.

Zuerst geht's einen steilen Fosso, eine kleine Schlucht, empor; die

Sonne brennt wahnsinnig, besonders, da ein fast senkrechter

Bauern-»=scorciatoio=« zum Abkürzen verlockt hat und man sich mit

Unterholz und Geröll herumplagen muß. Dann oben auf dem harmlosen Grat,

zum Teil durch Wald, ist es recht hübsch; dann furchtbar langweilig,

trotzdem man sich allmählich zur alpinen Flora emporgearbeitet und

tiefblaue Enziane auf den sumpfigen Wiesen findet -- denn natürlich

hat man wieder »abgekürzt«, schon um nicht immer neben dem im Bau

befindlichen Damm der Zahnradbahn herlaufen zu müssen. Im Mai dieses

Jahres noch soll sie eröffnet werden, dann werden endlich auch die

Italiener, die mit wenig Ausnahmen ja das Wandern verabscheuen, diesen Berg

gewinnen, und seine Einsamkeit wird dahin sein. Denn jetzt haben wir in den

vollen vier Stunden, die wir zum Aufstieg ohne Rast brauchten, nur ein

paar Bahnarbeiter getroffen, sonst keine Seele. Dicht vorm Albergo lag noch

Schnee, zugleich setzte ein Hagelschauer ein, dem ein heftiges Gewitter

folgte; da wir nun doch schon naß waren, erklommen wir gleich den nur zehn

Minuten vom Restaurant entfernten Gipfel, mußten aber durch meterhohen

Schnee waten. Oben, unter dem 15 m hohen Kreuz, lagerten wir an einer

schneefreien, aber leider nicht windfreien Stelle und warteten geduldig,

bis das Wetter sich verzog und langsam, langsam die liebe Sonne wieder

durch die schweren Wolken kam. Welch ein Wunder sich dann offenbarte,

und wie aus der Riesenkette schneebedeckter Häupter allmählich in

überwältigender Höhe die Gruppe des Monte Rosa emporwuchs, das wäre

auch mit drei Gewittern und vier Meter hohem Schnee nicht zu teuer bezahlt

gewesen! Und drüben, über den sieben Seen, die man von oben zählt,

fuhren die gewitterschwangeren Wolken noch unruhig hin und her, ein ewig

wechselndes, berauschendes Farbenspiel auf den Wasserspiegeln hervorrufend,

während der Schnee ihrer Berge in schwefelgelbe Tinten getaucht war.

Ich glaube kaum, daß es an besonders klaren Tagen, an denen sich in der

lombardischen und piemontesischen Ebene von hier aus Mailand und Turin

zeigen sollen, schöner sein kann, als wir es oben hatten. Aber leider

haben manche Leute ja ein Vorurteil dagegen, bei Gewittern auf Berggipfeln

zu sein!

Nach einer angenehmen Collazione im vortrefflich geleiteten Albergo, das

den in Italien als Gastwirte bekannten Guglielminas gehört, stiegen wir

dem westlichsten der oberitalienischen Seen, dem Lago d'Orta, zu, an der

Südseite des Mottarone hinunter. Abkürzungswege, auf die wir an diesem

Tage nun einmal geschworen hatten, brachten uns schneller ins Tal und dazu

durch Gegenden, die absolut menschenleer waren, und in denen außer anderen

Vogelstimmen sich sogar auch Nachtigallen hören ließen. Aber diesen

wundervollen Weg, der allmählich wieder in die Region der immergrünen

Gewächse hinabführte und zum Schluß an ganzen Narzissenfeldern vorbei,

beschreibe ich nicht näher; aus Angst, ein Italiener könnte lesen, daß

es bei ihm noch irgendwo Singvögel gibt! Dann wär's aus mit ihnen!

Nach gut vier Stunden tauchte endlich am Ende der Schlucht wieder der

vom Gipfel des Mottarone schon begrüßte See auf, entzückend in seiner

Stille, der malerischen Umrahmung und der Insel San Giulio mit der alten

Kirche darauf in seiner Mitte. Zwar fielen jetzt wieder große Tropfen,

während ich noch den imponierenden Sassina-Viadukt bewunderte und

wiederholt meine Bedenken gegen die Wetterkenntnis der Eingeborenen

äußerte. Aber weit vom Ziel konnten wir doch nun nicht mehr sein; ich

verwandelte mich mit meinem Wetterkragen in eine der besonders beliebten

»Lodendeutschen« und wanderte tapfer fürbaß -- wohl noch fast

eine Stunde in immer stärker strömendem Regen, unliebenswürdigem

Donnergrollen und überflüssig häufigen Blitzschlägen. Manchmal ist

einem doch _ein_ heftiges Gewitter pro Tag genug. Jedenfalls war ich recht

froh, als wir endlich beim Pranzo auf der kleinen Terrasse des Albergo Orta

saßen und ich den Regen nicht mehr direkt ins Gesicht und auf den Kopf

bekam. Übrigens ist die kleine Stadt Orta, die eigentlich nur aus einer

Piazza und einer einzigen engen Straße, abgesehen von einigen an den

Hängen verstreuten Villen, besteht, sehr reizvoll, und ihr Sacro Monte, in

dessen Kapellen das Leben des hl. Franz von Assisi in den in dieser Gegend

bevorzugten Terrakottafiguren dargestellt wird, bietet eine entzückende

Aussicht.

»Sie« am Seil · 第 9 / 11 段