»Man« lächelte unmerklich und gab ihr den väterlichen Rat, sich nur

nicht durch irgendeinen dummen Sport noch mehr herunterzubringen oder

sich gar eine Herzschwäche zu holen, die bei der jetzigen Unvernunft und

Übertreibung an der Tagesordnung sei. »Man« redete ihr zu, lange zu

schlafen, kräftig zu essen und ein wenig in der Sonne zu sitzen.

Sie setzte sich wieder auf ihren Platz, aber sie arbeitete nicht mehr.

»Geben S' nach -- bleiben S' da?« fragte eine Stimme neben ihr.

Sie schüttelte den Kopf, ehe sie sich noch Rechenschaft darüber gab, wer

zu ihr spräche: ah, der »fade« Doktor! Mochte er sich ebenso über sie

lustig machen wie die andern. Aber vorläufig sagte er gar nichts, sondern

sann vor sich hin. Und dann bat er hastig und scheu: »Mögen S' meine

Erfindung anschauen, an der ich gebastelt habe alle Tag'?«

Mein Gott, augenblicklich lag ihr die ganze Arbeit hier so fern!

»Gestohlen werden kann sie mir«, hätte sie am liebsten gesagt. Doch

zwang sie sich zu einem Lächeln und entgegnete: »Gewiß -- gern!«

Er führte sie an seinen Arbeitstisch, schob Bücher und Hefte beiseite und

zog ein paar merkwürdige Eisenklammern hervor, deren Teile mit gewachstem

Bindfaden verbunden waren. Triumphierend hielt er sie ihr hin.

Ratlos stand sie da und sah auf die Dinger. Sein Preisrätsel »Cacao«

fiel ihr ein, und sie hütete sich wohl, irgend etwas zu äußern, was auch

diesmal ihre völlige Unkenntnis verraten hätte. Infolgedessen konnte sie

überhaupt nichts sagen -- denn kein Lichtstrahl machte ihr klar, was diese

Erfindung bedeute.

Er aber, mit dem blinden Entzücken aller Erfinder über ihr Produkt,

sagte voll Begeisterung: »Das Ei des Kolumbus, nicht wahr? So einfach, so

handlich, billig herzustellen, leicht zu transportieren -- sehen S': in dem

Tascherl da! -- praktisch -- und von einem Erfolg!! Na, den garantier' ich

Ihnen! Eine großartige Erfindung, gelt? So was kann eben nur einer, der

die Praxis kennt, der 's ausprobiert hat -- der sich nicht abschrecken

läßt von scheinbaren Schwierigkeiten! Und ich sag' Ihnen: immer simpler

ist es worden, geradezu dahingeschmolzen in meine Händ' -- und das werden

S' zugeben müssen: von einer klassischen Einfachheit ist's worden -- kein

Hakerl z'viel, kein' Wirtschaft, kein Durcheinand' -- höchste Einfachheit,

gepaart mit größter Solidität und Sicherheit --.« Das letzte sagte er

hochdeutsch, es klang wie eine Notiz aus einer Anpreisung. -- Ihr wurde

heiß und kalt und wieder heiß: wenn er um Gottes willen nur nicht fragen

würde --! Sie hatte ja keine Ahnung, zu was die Dinger waren, die er nun

mit einem »Schnapp« zuklappen ließ und wieder öffnete, obgleich ihr

Geist sich an jedes Instrument klammerte, das ihr je in diesem Saal vor

Augen gekommen war. Schlicht -- ja, das konnte sie zugeben, das war dieser

Apparat, fast primitiv in seiner äußeren Gestaltung und beinah roh in

seinem Material. Aber sein innerer Wert mochte deshalb eminent sein, seine

Hilfe für die Wissenschaft von unberechenbaren Folgen -- wenn sie nur

geahnt -- wenn die unscheinbaren Dinger ihr nur einen einzigen Anhaltspunkt

gewährt hätten! Hilflos starrte sie vor sich nieder und brachte endlich

ein »Sehr hübsch -- sehr praktisch« über die Lippen.

»Gelt?« fragte er zutraulich. »Das is was! Ja, so werden Meisterwerke

geboren -- so nebenher, so zufällig! Erst ist der Gedanke in mir gereift,

dann habe ich mich mit ihm herumgeschlagen, denn eigentlich hab' ich nicht

recht heranwollen, weil solch eine Idee doch immer etwas ablenkt -- aber

schließlich: das Erfindungsfieber ist über mich kommen, und kein' Ruh'

nicht hab' ich gehabt, bis 's nicht da fertig vor mir gelegen ist am

Tisch!«

Zwar hörte sie heraus, daß er sich ein wenig selbst persiflierte, aber

stolz war er darum doch. Und konnte es ja auch sein: eine Erfindung machen,

die Wissenschaft bereichern, das ist immer etwas Großes, fast Heiliges.

So sagte sie denn auf gut Glück hin: »Die Zeit dürfen Sie doch nicht als

verloren betrachten -- da Ihnen die Erfindung gelungen ist, hat sich doch

die sogenannte Untreue gegen Ihre Arbeit reichlich gelohnt.«

Er lachte. »Sogenannte« -- ist gut! Sie haben eine famose Art zu

trösten, Frau Kollega! Ich hätte Sie gar nicht für so vorurteilsfrei

gehalten.«

Auch das verstand sie wieder nicht ganz, aber sie war nur froh, daß er

keine präzisere Antwort von ihr verlangte.

Als er nun vorschlug, für heute die Arbeit aufzugeben und gemeinsam

zu speisen, willigte sie gern ein. Gewöhnlich aß sie mittags in einer

Pension mit streng modern denkenden und gekleideten Malerinnen; und

sie, die noch so wenig leistete und in ihrer Arbeit ja auch kaum je eine

Eigenart entwickeln konnte, saß recht gedrückt und bescheiden zwischen

diesen selbstsichern Geschöpfen, die alle mit Bewußtsein auf dem

richtigen Weg waren, wie sie sagten. Sie selbst sah nur ein stilles Eckchen

vor sich, einen Tisch in einem Saal, an dem sie unbeachtet bis an ihr

Lebensende sitzen, bestimmen, zeichnen, höchstens einmal etwas

würde schreiben dürfen. Da durfte sie sich allerdings nie mit diesen

Künstlerinnen in einem Atem nennen, die Ruhm und Erfolg in die Höhe

tragen würden!

Neben des Doktors gutmütiger Art verlor sie ihre Scheu, ja, sie verriet

ihm sogar von den Zweifeln an sich, die sich täglich am Mittagstisch

erneuerten. Er lachte sie aus und sagte ein paarmal: »Da -- schauen S'

mich an! Bin ich hoffärtiger worden -- oder gar stolzer?! Und bin doch ein

großer Erfinder! Gelt, das bestellen S' Ihre Schwabinger Madeln von mir:

je größer einer ist, um so bescheidener soll er sein.«

Er brachte sie nach Hause, und vor ihrer Tür sagte er plötzlich: »Wissen

S', ich begleit' Sie morgen!«

Ja, das wäre nett! Zu zweien mußte es doch viel schöner sein, und so

sicher war sie übrigens auch gar nicht auf ihren Skiern -- in diesem Jahr

war sie noch kaum hinausgekommen --.

»Um so besser«, entgegnete er etwas unverständlich. »Und da sprechen

wir uns deutlich aus über meine Erfindung.«

Ach Gott, wenn er doch draußen nichts weiter wollte, als sich selbst

bespiegeln und bewundern und von dem klassischen Stück Eisen reden, so

sollte er nur lieber daheim bleiben! Etwas widerwillig nannte sie ihm Ziel

und Abfahrtszeit, dann ging er fröhlich, mit richtiger Siegesmiene davon.

Er schien doch schon auf dem besten Wege zur Hoffahrt zu sein!

Den ganzen Abend, während sich Frau Ellen Mahder die Skiausrüstung

bereitlegte, die »Lauparstiefel« noch einmal einfettete, die Gamaschen

fest aufrollte, um sie morgen tadellos binden zu können, und

schließlich in den Rucksack zu allerlei appetitlichem Proviant den

Zdarsky-Spirituskocher und den Seidenkragen, der sich zum Zelt gestalten

ließ, eine andere Erfindung des Lilienfelder Skimeisters, zusammenpackte,

plagte sie die Vorstellung von Doktor Zerpfangs Schöpfung. Ja, käme sie

nur dahinter, ob er sie absichtlich hinhielte, sich vielleicht an ihrer

Angst weidete -- oder ob er sie wirklich für nicht so dumm hielte, als sie

doch sein mußte! Diese letzteren Zweifel quälten sie besonders, und so

verbrachte sie keine erquickende Nacht.

Er aber tat bei der Abfahrt gänzlich unbefangen. Seinen Schöpfer lobte

er, der ihm den guten Einfall gegeben, gleich ihr dem dumpfen Saal zu

entfliehen und in die Berge zu fahren. Den ganzen Weg vom Bahnhof in

Schliersee, an Fischhausen vorbei und durchs Josephtal sang er und jubelte

und konnte sich nicht genug tun, die Weiße des Schnees, die Bläue des

Himmels -- die wunderbare, in kristallene Reinheit getauchte Landschaft

zu bewundern. So ein Tag -- so ein leuchtender, jauchzender Tag! Ja, den

brauchte man -- da wurde man wieder gesund und froh, da fielen alle kleinen

Erdennöte vom Herzen ab, so wie der stäubende Schnee vom schwankenden

Ast. Und er schlug gegen die Bäume, daß es in lichten Wolken auf sie

beide herniederrieselte: das Jungbad der Seele nannte er das. --

Etwas schweigsam ging Ellen Mahder neben ihm her; sie kam sich selbst

schwerfällig und »norddeutsch« vor, daß sie nicht aus vollem Herzen

in sein Glück mit einstimmen konnte. Aber die Furcht vor seiner Erfindung

fesselte ihr Zunge und Sinn -- und ebenso die wachsende Erkenntnis seines

Wesens: ein Kind war er, ein echtes, großes Kind wie alle Künstler, alle

Genies. Hier, in der Sonne, in der belebenden, herben, köstlichen Luft,

am größten gemessen, das es gibt: an freier Natur, offenbarte sich seine

Ursprünglichkeit und Lauterkeit. Ein Erfinder -- und doch so primitiv! Die

Kompliziertheit ihres eignen Charakters wuchtete auf ihr.

Ehe es nun bergauf ging -- sie wollten zur »Rotwand« hinauf -- verlangte

er, daß das Zelt aufgeschlagen und der Spirituskocher in Tätigkeit

gesetzt würde. Ellen war noch gar nicht hungrig, aber sie gab nach: Launen

eines großen Menschen soll man erfüllen, sie gehören zu ihm wie die

Dornen zu den Rosen.

So hockten sie zu zweien, trotzdem sie beide groß waren, in dem winzigen

Zelt nieder, kochten sich »einen Tee« und begannen sich von Herzen der

Kameradschaft zu freuen. Früher, nein, da war diese Ungeniertheit zwischen

zwei fremden Menschen und noch dazu zwischen Mann und Frau unmöglich

gewesen -- nur dem nivellierenden, von Vorurteilen befreienden Sport war

das zu verdanken!

»Er soll leben«, sagte der Doktor mit dem letzten Schluck, und dann

packten sie wieder zusammen.

Dabei kam eine Unruhe über den jungen Botaniker. Ein paarmal setzte er zum

Sprechen an, endlich brachte er über die Lippen: »Wann's Ihnen recht ist,

probieren wir sie nun aus, die Erfindung! Weil's ohnehin bergan geht!«

Hier -- die Erfindung! Im Freien, im Schnee -- auf einer Skitour! Mein

Gott, er konnte doch nicht plötzlich geistig verwirrt sein. -- Unmerklich

trat sie einige Schritte von ihm zurück. Er kniete im Schnee hin und

bastelte an ihren Skiern herum. Sie spähte inzwischen ringsum: sollte sie

fortlaufen, um Hilfe rufen -- ihre Angst wuchs ins Ungeheure! Eine einzelne

Frau allein mit einem Mann, nein, es war doch nichts, sie verwünschte im

Moment die eben noch gepriesene Kameradschaft: die Alten hatten recht, die

vor ihr warnten, die ihr keine Existenzberechtigung gewährten -- --

Da war er schon fertig und erhob sich mit einem scheuen Lächeln um den

Mund, mit einem Rot stolzer Verlegenheit auf der Stirn.

»Da sehen S'! Ein Griff -- klapp! Fertig is'! Und nun probieren Sie 's aus

-- Sie sollen die Erste sein -- wie mich das glücklich macht!«

Die Skier lagen vor ihr, und dicht vor der Bindung waren sie umklammert --

von der neuen Erfindung! Zutraulich erklärte er ihr, woran der Vorteil vor

den kostspieligen, mühsam anzulegenden Fellen läge und daß, wenigstens

für kürzere Touren, der gewachste Bindfaden dieselben Dienste leisten

könne. -- --

Er begriff gar nicht, warum sie nicht in seine Freude mit einstimmte.

Sie hatte die Farbe gewechselt und sich an einen Baum gelehnt: ihre

Enttäuschung, ihre Empörung -- der Zorn gegen ihn, gegen sich selbst

nahm ihr Atem und Besinnung. Also doch -- also doch! Leichtsinnig,

oberflächlich, unzuverlässig! Nicht an einer ernsten Erfindung hatte

er all die Wochen intensiv gearbeitet, für diesen Unfug, diese

Überflüssigkeit -- dieses Nichts hatte er Zeit und Kraft geopfert! Und

seine Kindlichkeit war kein Beweis seiner Genialität, sie war nichts als

der Ausfluß seines unreifen, törichten Wesens.

Aber das Ärgste war und blieb, daß sie sich hatte düpieren lassen!

Mechanisch setzte sie die Füße in die Skier, ließ sie sich von ihm

festschnallen und lief von ihm fort, so schnell es nur eben ging. Sie

mußte allein sein, nachdenken, versuchen, ihre ungeheure Wut gegen ihn

niederzukämpfen -- ihn von ihrer schmerzenden Enttäuschung nichts merken

lassen.

Die schwebende Enttäuschung blieb, als sie endlich die andern Gefühle

besiegt hatte. Irgendwo in ihrem Herzen saß sie fest und ließ sich nicht

vertreiben und sagte ihr wieder und immer wieder, daß auch dieser Mann nur

einer wie alle sei, um kein Deut besser, um kein Lot wahrer -- vielleicht,

vielleicht auch so wankelmütig wie der andere, der sie nach kurzer Ehe

verlassen und um dessentwillen sie einen Beruf gewählt hatte -- um zu

überwinden und zu vergessen. Längst überwunden war das alles; heute

stiegen ihr dennoch bei der Erinnerung die Tränen in die Augen. Einer wie

alle -- alle wie der Eine!

Äußerlich wurde sie ruhig. Die gleichmäßige Bewegung bergan, die

göttliche, kaum von einem Vogelschrei unterbrochene Ruhe, der stille

Sonnenschein, der Wald und Schnee förmlich durchtränkte, die klare Luft

-- sie taten ihr Werk wie immer. Sie glätteten die hochgehenden Wogen

ihrer Empfindung und zwangen sie, gerechter zu werden: war es seine Schuld,

daß er sie enttäuschte? Hatte er sie über sich selbst im Unklaren

gelassen? Nur sie, sie wollte mehr in ihm sehen; ihr genügte nicht

der harmlose Mensch, der dennoch seinen Sport ernst nahm und ihm eine

Verbesserung zur Ausführung wünschte -- ein großer Erfinder, ein Genie

hatte er sein sollen!

Wie schnell sie auf die Höhe gekommen war, und nicht ein bißchen atemlos

oder erhitzt wie sonst beim gefürchteten Bergauf -- alle Kraft gespart

für die frohe, herrliche Abfahrt! Woran lag das nur --? Wahrhaftig: das

mußte das Verdienst _seiner_ Erfindung sein! Und darüber war sie so böse

gewesen?! Lächelnd sah sie auf die »klassischen« Eisen hinunter: hatten

nicht auch sie ihre Berechtigung?

Du lieber Gott, die großen Sachen waren ja schon fast alle erfunden --

mußte es nicht auch Leute für die kleinen geben, denen man dankbar sein

konnte für die angenehmen Erleichterungen des Lebens?

Als das Rotwandhaus mit seiner wehenden Flagge in Sicht kam, stand sie

still. Nicht ein Wort hatte sie ihrem Begleiter auf dem ganzen Weg gegönnt

-- sie mußte es wieder gutmachen.

Aber als er sie erreichte, sagte er: »Famos sind Sie, Frau Kollega! Nicht

geschwätzt beim Bergauf, das lernen die meisten Frauen nimmer!«

»Ich gebe das Lob zurück«, antwortete sie. »Und Ihre Erfindung ist

großartig, Herr Doktor -- ich gratuliere.«

Er warf die Mütze in die Luft und jauchzte.

»Famos sind Sie«, wiederholte er. »Nix geschmeichelt, nix schöngetan --

's Maul gehalten, Sie verzeihen! still ausprobiert, Erfahrung gesammelt --

dann erst anerkannt, des nenn' ich gründlich! Ja, die Frauen von heuzutag'

-- des is was!«

Ellen Mahder fand es nicht an der Zeit, ihn aufzuklären, weshalb sie

so lange geschwiegen. Einmal -- es kam ihr vor, als würde es nicht mehr

unerträglich lange bis dahin sein -- wollte sie ihm die Wahrheit gestehen:

ihre Enttäuschung über ihn -- und ihr Zurückfinden. -- Still und

glücklich glitten sie nebeneinander her, bis sie das Haus mit der

fröhlich wehenden Flagge erreicht hatten.

III.

»Sie« im Süden.

Osterspaziergänge in Latium.

I. Der Monte Soracte.

Die Gabe, Kunst ernsthaft zu studieren und zu genießen, ist recht

verschieden bei uns armen Sterblichen verteilt; nirgends läßt sich diese

Behauptung besser und einwandfreier beweisen als in Italien -- und hier

vor allem wieder in Rom. Florenz gestattet ein stilles, beschauliches

Genießen, es gibt keine Entfernungen, man braucht fast immer nur von

Haus zu Haus zu gehen. Rom bringt zu seiner kolossalen Ausdehnung und dem

Übermaß seiner Sehenswürdigkeiten, die über sein ganzes Areal verstreut

sind, noch die Unruhe und Hast der Großstadt -- man ist immer auf der

Eulenflucht, und hätte man auch lange Wochen zum Besuch der »Ewigen«

vorgesehen. Darum hört man nicht selten -- am häufigsten von unsern

Landsleuten, die in 10-14 Tagen »alles« sehen möchten -- den

Stoßseufzer: »Gottlob, daß wir abreisen! Ich kann nicht mehr!«

Ich bemitleide diese Menschen nicht; ich bewundere sie. Denn ich hätte

schon längst nicht mehr gekonnt! Für meine Aufnahmefähigkeit sind drei

fleißige Museumsstunden schon ein gerüttelt Maß -- darüber fort versagt

sie vollständig. »Wie schade, nicht wahr, so viel Zeit zu verlieren --

und womit füllen Sie sie dann aus?« -- Ich gehe spazieren; ich laufe

stundenlang durch die Campagna, ich suche zu Fuß all die kleinen

Ortschaften auf, die wie leuchtende Punkte in der mächtigen Ebene

verstreut liegen, ich klettere auf die Hügel- und Bergketten, die überall

den Horizont in weiter Linie umsäumen, und ich entdecke, daß ihre Hänge

mit Dörfern und Städtchen besetzt sind, grau und monoton, wie der Boden,

aus dem sie emporwachsen, und doch ein jedes von ihnen stimmungsvoll --

architektonisch schön -- oder voll geschichtlicher Reminiszenzen, die ihre

Patina auf verfallene Burgen und Paläste geworfen haben. Das ist meine

geistige und körperliche Erholung, mein Schutz gegen allmähliches

Abstumpfen angesichts Roms erdrückendem Reichtum: ein stunden- oder auch

tagelanger Spaziergang und von Zeit zu Zeit ein weiterer Ausflug, der die

überreizten Sinne ausruhen läßt und uns das herrliche Land trotzdem

näher bringt, weil wir seine Natur lieben lernen.

Nördlich von Rom, mit fast geradem Rücken, in schwerem Massiv über die

lieblichen Hügel dominierend, liegt der Monte Soracte. Wie lange schon zog

er wieder und wieder meine Blicke und meine Sehnsucht auf sich -- ein wenig

wegen seiner schwermütigen Gestalt, ein wenig wegen seiner Höhe -- etwa

700 m, aber direkt aus der Ebene aufsteigend, also doch eine bescheidene

Bergpartie verheißend! -- Hauptsächlich aber, weil man hoffen durfte,

dort nicht vielen Menschen zu begegnen! Den Passanten raubt der Ausflug zu

viel Zeit -- ich bitte Sie, wenn man jede Statue in Rom gesehen haben

will! -- die andern sind wohl zu bequem. Denn trotz des himmlischen

Frühlingstages -- o Segen -- sind und bleiben wir allein, mein lustiger

Begleiter und ich! Und wie wir uns fühlen, einmal wieder mit dem leichten

Gepäck für eine Nacht im Rucksack -- fernab von Pensionen, Leuten mit

Baedekern und der Gewißheit, abends beim Diner den Nachbar rechts und

links und gegenüber seine Tageseindrücke nicht memorieren zu hören --

nein, ein echter, rechter Ferientag ist es, ein Schuleschwänzen in ewigen

Vakanzen! »Da kann ich Sie gleich auf Ihre Bedürfnislosigkeit prüfen«,

meinte der Hochtourist. Denn es war unsere erste »Bergtour«, und der

Hochtourist, dessen seherischer Blick meine bergsteigerischen Fähigkeiten

erst wenige Tage vorher am Turm des Kapitols entdeckt hatte, konnte noch

nicht ahnen, wie glänzend sie sich entwickeln würden.

Nur wir entsteigen in Stimigliano dem Coupé; nur wir zwei laufen

querfeldein bis hinab zum »=Bionde Tevere=«, dem blonden Tiber, der hier

so köstlich ländlich aussieht, so recht wie ein gemütlicher Bauernfluß,

nicht ein bißchen, als trüge er später die Weltstadt auf seinen Ufern;

und ganz primitiv, außer uns nur von ein paar Frauen und Kindern benutzt,

ist auch die Fähre, die uns ans jenseitige Gestade befördert.

Die Sonne brennt heiß auf den noch brachliegenden Boden nieder, aber da

bekanntlich die Götter vor jeden Erfolg den Schweiß gesetzt haben, so

tragen wir frohen Muts und unverdrossen die göttliche Prüfung -- sind wir

doch des schönen Erfolges sicher!

Frühstücksstation: San Oreste. Weiten Rundblick gestattet es über

die Sabiner- und die umbrischen Berge, aber »recht einladend«, wie es

Gregorovius erschienen ist, der deshalb bedauert, es nicht besucht zu

haben, ist es wirklich nicht. Ein Haufen eng aneinander gedrängter,

unmalerischer Steinhäuser ohne die geringste Abwechslung oder

Ausschmückung; und das Wirtshaus am Dorfeingang wohl noch genau

so bescheiden wie zu den Zeiten jenes berühmten italienischen

Spaziergängers. Aber das wenige, das man bekommt: Salami, Eier und Wein,

so gut wie fast überall in den ländlichen Osterien. Die Befürchtung

vieler Reisender, abseits der großen Heerstraßen »nichts« zu bekommen,

ist wirklich überflüssig!

Und dann, nach kurzem Marsch, kommt ein Wald; ein schattenspendender,

kühler Wald ernster Steineichen. Einmal mag der ganze Berg von ihnen

bestanden gewesen sein -- aber auch dieser Rest ist noch ehrfurchtgebietend

genug -- und so märchenhaft still -- man wartet, ob nicht Böcklins

Einhorn langsam zwischen den dunklen Stämmen hervortrabt.

Wenige Minuten unterhalb des Gipfels taucht das Kloster San Silvestro auf,

genannt nach dem Papst Silvester, dem der Kaiser Konstantin »das ganze

Abendland« schenkte -- eine etwas unsichere Gabe! Und eine Zeitlang suchte

Karlmann, Karl Martells kampflustiger Sohn, in diesen Mauern Ruhe -- bis

auch ihn die Menge der Besucher, die nach Rom pilgerten, verscheuchten --

Gott sei Dank haben sie jetzt einen andern Weg gefunden!

Ganz oben auf dem Berge erhebt sich eine kleine Kapelle über einer

schönen, alten Krypta, in der uns der alte Aufseher auf die Zelle des

heiligen Silvester aufmerksam macht. Bedürfnislos genug mag er gewesen

sein, Geschmack besaß er jedenfalls! Denn die Aussicht von diesem

höchsten Punkt ist einfach superb: die ganze Campagna liegt zu unseren

Füßen, dem Lauf des Tibers folgt man bis zu Roms Mauern, das Meer

schimmert stahlblau in der Mittagssonne zu uns herüber, Bracciano und

den gleichnamigen See glaubt man mit der Hand erreichen zu können -- die

weichen Linien der Albaner-, Sabiner- und umbrischen Berge umschließen

das Bild nach Osten und Süden -- kurzum, das Ganze ist so schön, so

abwechselungsreich, daß man sich schwer losreißen kann. Aber die Schatten

werden länger, eilig geht es auf der Westseite bergab durch Weinberge und

Olivenhaine. Von der Haltestelle San Oreste aus benutzten wir die Bahn und

erreichen im Abenddämmern, nach entzückender Fahrt, unser letztes Ziel:

Cività Castellana. Die Stadt liegt auf einer Felsplatte, zu der sich die

Bahn in hübschen Serpentinen hinaufwindet, immer neue Ausblicke in die

merkwürdig tief einschneidenden Flußtäler gewährend. Die Treja und der

Rio maggiore umströmen die Stadt von drei Seiten, d. h. wenn man so sagen

darf: ihr Piedestal. Fast senkrecht, aber mit dichten Schlingpflanzen

und Gebüsch romantisch geschmückt, steigen die Uferwände empor, eine

natürliche Verteidigung bildend, wie man sie nicht besser, und vor allem,

nicht schöner denken kann. Und aus diesem Grunde -- der geschützten Lage

wegen -- wurde die Stadt immer wieder aufgebaut, trotzdem verschiedene

Eroberer, zuletzt die Sarazenen, sie zerstört hatten. Aber der Fleck Erde

ist auch zu verlockend -- die Promenade um die alte Stadtmauer immer wieder

überraschend an neuen Ausblicken. Freilich, im Hof der einst berühmten

Zidatelle weiden nur noch ein paar Ochsen, nachdem das Gebäude jetzt

nicht einmal mehr als Gefängnis benutzt wird. Die Zeit, wo hier mächtige

Grafengeschlechter hausten und Päpste sich zum Sterben in das überaus

pittoreske Städtchen zurückzogen, ist vorüber; nicht einmal mehr ein

Räuberhauptmann, wie seinerzeit Gasparone, lebt in ihr. Ihr einziges,

sehr sehenswertes Gebäude ist die Kathedrale Santa Maria mit romanischem

Portal, gotischen Rundfenstern und Cosmatensäulen in der Vorhalle. Auf dem

Platz vor der Kirche wurde abends ein Ständchen gebracht und am nächsten

Morgen der Markt abgehalten, als wir auf einem mittelalterlichen Omnibus

vorüberrumpelten, um uns nach Borghetto bringen zu lassen. Von der

Bahnstation Cività Castellana, die anderthalb Stunden von der Stadt

entfernt ist, benutzten wir die Bahn zur Heimfahrt nach Rom.

II. In den Sabinerbergen.

Wer hätte nicht von deutschem Besitz auf italienischem Boden gehört --

von dem berühmten Eichenhain, der Serpentara, der einst von deutschen

Künstlern vor dem Ausroden bewahrt und schließlich von ihnen mit

gesammeltem Geld angekauft wurde?! Auch mich lockte dieses kleine

»Deutschland«.

»Sie« am Seil · 第 8 / 11 段