Eisenbahn hört noch sieht, vor dem sogar die altmodische Post auf ihren
Schlittenkufen in einer knappen halben Stunde haltmacht. Im Schatten der
entzückenden, von Meisterhand bemalten Wallfahrtskirehe von Birkenstein
liegt das Haus, der Waldbach an seiner Seite murmelt leise in deinen Traum
hinein. Der Nußhäher klopft mit starkem Schnabel ans Fenster und bittet
um sein Frühstück, Buchfinken, Goldammer und zierliche Spechtarten
durchzwitschern schon den Garten, der Zaunkönig lugt vorsichtig aus dem
Buschwerk. Schlage deine Augen auf, trinke die Sonne ein, die durch die
glitzernden Scheiben flimmert! -- der Tag ist dein, dein die Welt, die
Höhen, der Wald, die stillen Marterln am Wegrand, die stolze Majestät der
makellosen Schneefelder! Schnell deinen Kaffee; der Raum ist erfüllt von
jungen, gesunden Menschen, die mit Leib und Seele ihrem Sport huldigen,
und bei deren frohem Anblick man sich sagt: »Gott sei Dank, noch ist
Deutschland nicht verloren!« -- Dann holst du dir deine Skier, prüfst mit
geübtem Blick Bindung und Schrauben, trittst hinein, nimmst als einzige
Last den Bambusstock sorglos unter den Arm, und nun fort, fort. Anfangs
über glattgefrorene »Ziehwege«, von den schweren Holzschlitten mit ihrer
nachschleppenden Last schön ausgefahren, dann seitwärts hinauf an
einem Hang, der dich lockt, und immer weiter hinein in die verschneite
Einsamkeit. Da oben liegt ein Gipfel, dessen weiche Konturen rosa
überstrahlt sind, tapfer setzt sich ein Ski vor den andern in die
Wunderwerke der kristallenen Decke, und ohne Atemnot, leicht und frei die
kalte, köstliche Luft in die Lungen saugend, stehst du auf der Höhe, die
Erde mit ihrer Herrlichkeit zu deinen Füßen. Unten im Tal wogt noch der
Nebelkampf, in weißen Massen schiebt's sich an den Hängen entlang, nur
blitzartig Dörfer, Kapellen, Wälder entschleiernd. Aber die Sonne
lacht ob dieser Spielerei wie eine immer geduldige, nachsichtige Mutter,
schrittweise, als wollte sie niemand wehtun, erobert sie sich das Feld --
und plötzlich taucht wie neugeboren und unverhüllt das gewaltige Bild
des Tales vor dir auf. Und du durftest wieder einmal dabei sein bei der
Offenbarung vollendetster Schönheit -- was kann dich noch treffen, dich
niederdrücken mit einem Schatz solcher Freuden im Herzen?!
Nicht nur deinen Mut, deine Energie stählst du auf diesen stillen Fahrten
in das wirkliche Märchenland, wahre Lebensfreude und -fähigkeit nimmst
du mit fort als besten Teil! Und nun die Abfahrt. Lange Zeit hieß es:
»Stemmfahren -- stemmfahren -- und nicht verzweifeln!« Endlich löste
sich das Rätsel, und zwar nach Art der meisten Rätsel auf die einfachste
Weise: alles Überlegen, alle Theorie erscheint überflüssig, hemmend --
eben weil sie in Fleisch und Blut übergegangen ist, und jeder bildet
sich ein, diese zu alpinen Touren absolut notwendige Technik sich allein
angeeignet und allein erfunden zu haben. Der »Meister« hier ist längst
an die Ketzerei der Flüggegewordenen gewöhnt, er lächelt nur darüber.
Man selbst fühlt sich verwachsen mit den langen, schlanken Eschenhölzern,
nach Belieben setzt man sich in Bewegung, schlängelt sich in
Serpentinlinien kreuz und quer durch den Wald hinunter und überläßt sich
an freien Hängen dem Hochgenuß eleganter Stemmbogen, bald den Stock
je nach der Wendung rechts oder links einsetzend, bald ihn bei ebenerem
Terrain unterm Arm haltend. »Wer Stemmbogen fahren kann, beherrscht die
Welt« -- mindestens die winterliche, alpine; und wer zuerst mal ohne Sturz
einen Hügel »besiegt« hat, kommt sich wie ein kleiner Napoleon vor.
Freilich, mehr Mühe, als die Götter sonst vor den Erfolg gesetzt haben,
braucht man zur vollkommenen Aneignung dieses »Sports des Fallens«, wie
ich ihn anfangs voll Wut selbst getauft habe. Aber kaum ein anderer löst
dafür solch eine Befriedigung aus, da er den Genuß sonst verschlossener
Freuden im Winter ermöglicht.
Wenn Neuschnee fällt und es unaufhörlich vom grauweißen, kaum
erkennbaren Himmel niederrieselt, gibt's zur Abwechslung frohe
Rodelpartien. Daß man als Skifahrer dies Vergnügen verachten soll, ist
ein törichtes Märchen; so einmal gedankenlos, flachliegend, nur an den
Kurven mechanisch das Gewicht verteilend, in rasender Fahrt bergab zu
fliegen, das tut außerordentlich wohl, und beim mühseligen Bergaufziehen
des Schlittens muß man sich stoisch damit trösten, daß dies eben der
gesündere Teil sei! Eine »Seeschlange« haben wir gemacht und alle
rodelnden Jungen -- und wer rodelte hier nicht, wo man seine Besorgungen,
seien es Briefmarken oder Milch, mit dem Schlitten absolviert! -- mit
ihren Rodeln an den unserigen gebunden und so in langer Kette zu ihrem
und unserem höchsten Gaudium zu Tal gefahren: »A Hetz' war's«, wie sie
versicherten. Die kleinsten Kinder fahren hier von Höhen herunter --
die Hände in den Muffen oder Hosentaschen, gelinde mit den Hacken
ihrer winzigen, nagelbeschlagenen Schuhen steuernd --, bei deren Anblick
Stadtmüttern alle Haare, falsche wie echte, zu Berge stehen würden.
Hier sieht niemand hin, wenn sich ein paar der geborenen Sportsleute
übereinanderkugeln, aber es weint auch keiner bei einem noch so derben
Puff.
Wir sind aber nicht nur ländlich: gestern hatten wir einen Ball,
beim Kramerwirt. Mit einer Musikkapelle auf dem Podium, einem mit
Tannengirlanden geputzten Saal, und Blumensträußen aus München, die
sich am seidenen Brusttuch der Vronis und Zenzis nicht schlecht ausnahmen.
»Geschuhplattelt is worden« -- und mit eisernen Mienen fanden sich die
Tänzerinnen zu den Armen ihrer stampfenden, mit den Händen klatschenden
Partner zurück. Der Tanz ist hier etwas sehr Ernstes, Würdevolles --
niemand lacht, niemand spricht ein Wort dabei. Aber ist die Tour beendet,
die im Laufe des Abends immer kürzer wurde, so traktiert »er« »sie«
mit einem Trunk. Ich gestehe, daß ich etwas Kopfschmerzen habe, trotzdem
ich nicht ein Achtel von den Musikern geleistet habe, die sich schließlich
als gänzlich unabhängige Menschen entpuppten und nach eigenem Behagen und
eigenem Takt ihren Part erledigten.
Ja, hier ist Freiheit, Schönheit, Lebensfreude! Es leben die Berge -- es
lebe der Winter!
Das Talbein.
Als Konny Bendemann ihr Fenster öffnete, um in ihr enges Zimmerchen die
ihr anempfohlene Bergluft hereinzulassen, fesselte sie ein merkwürdiger
Anblick: die ganze Straße, so weit sie nur sehen konnte, durchwanderte
ein Zug schweigsamer Menschen, deren Köpfe von je zwei langen Hölzern
überragt wurden, so daß ihre Erscheinungen aufrecht gestellten
Riesen-Hirschkäfern glichen. Ach ja, heute begann der berühmte Kurs des
Schneeschuhlaufens unter der Leitung des noch berühmteren Skiapostels,
von dessen Künsten, auch den erzieherischen, man sich Wunder erzählte.
Behaupteten doch seine Anhänger, daß es für die nach seiner Methode
Fahrenden keinerlei Schwierigkeiten mehr gäbe, und ebenso, daß auch der
Feigste steile Hänge spielend auf- und absteigen könne. Der Feigste!
Konny schlug in Gedanken an die eigene Brust.
Nur eine Bergpartie hatte sie im Leben gemacht, zum Wendelstein hinauf;
aber da sie sich beim Abstieg während eines Gewitters ungeheuer kläglich
benommen hatte, so hatten ihre Bekannten geschworen, sie nie wieder
mitzunehmen. Doch im Winter, wo auch Gewitter seltene Erscheinungen waren,
da mußte es ganz herrlich sein, über den Schnee durch bereifte Wälder
zu eilen und dann von oben abwärts zu sausen -- z. B. von der Alpspitz
drüben! Sie hatte ungefähr eine Vorstellung davon, als würde man über
deren scharf abgeschrägten Rücken entlang geradenwegs zu Tal fahren
können. Melancholischen Blickes verfolgte sie den Zug weiter: ja, wenn man
nicht so allein wäre -- wenn irgend jemand ihr zugeredet hätte -- --.
Da rief eine übermütige Stimme zu ihr hinauf: »Geschwind, Fräulein! Sie
werden ja sonst die Letzte -- man immer vorwärts!«
Natürlich ein Norddeutscher: die hatten für ihre Ebenen ja auch diesen
Sport besonders nötig, und bemerkbar machen mußten sie sich auch -- wie
immer! Dennoch freute sie der Gruß; und daß man als selbstverständlich
annahm, auch sie würde sich beteiligen. -- -- Und weshalb denn nicht?
Diese Menschen da, die noch immer paarweise an ihr vorüberzogen, kannten
sich doch auch nicht alle, nur der Wunsch, dasselbe zu lernen, verknüpfte
sie. Also -- --. Und trug sie nicht auch Wickelgamaschen und Nagelschuhe
und Mütze und Schleier zum fußfreien Kostüm?! Was fehlte, das waren die
Skier -- sollte an solcher Kleinigkeit das Unternehmen scheitern?
»Ich komme nicht zu Tisch«, rief sie im Vorbeilaufen ihrer Wirtin zu.
Und eh' noch die Frau Deixlmair Protest einlegen konnte, weil nun doch das
schöne »Ohchsenfleisch«, das vorher die köstliche Rindssuppe lieferte,
umsonst gekauft worden sei, war sie bereits über die drei Steinstufen
hinuntergesprungen und beim Nachbar, dem Herrn Ludl, in den Laden
gestürzt. Und da besagter Herr Ludl »überhaupts und ohnehihn« dem
»Kumité« angehörte und ungefähr tat, als sei er mit Skiern auf die
Welt gekommen, so machte das Aussuchen eines passenden Paares keinerlei
Schwierigkeiten, und sie nachträglich anmelden, das konnte er schon
übernehmen -- er durft's schon wagen!
Atemlos vom Laufen und dem ungewohnten und daher unbequemen Tragen der
langen Schuhe kam sie als Letzte in der Ebene an, die im engern Kreise
von niedrigen Hügeln umgeben war, und die sich der Herr Doktor daher als
Übungsgelände ersehen hatte. Er selbst nahm jetzt einen etwas erhöhten
Standpunkt ein und erläuterte seinen Zuhörern Zweck und Art des Sports
und den richtigen Gebrauch und die Ausnutzung des Geräts. Alle schienen
im Bann seiner Ausführungen zu stehen und sie absolut zu begreifen -- nur
Konny bemerkte mit Schrecken, welch' ein Chaos in ihrem Gehirn entstand.
Sie versuchte, sich an einige technische Ausdrücke anzuklammern, aber
sie war nie stark im Behalten gewesen, -- und da sie ihnen keinen Sinn
unterlegen konnte, zerstäubten auch diese Wörter wie Schneeflocken in
ihrem Auffassungsvermögen. Plötzlich gab der Herr Doktor ein Zeichen,
dessen Sinn er wohl vorher besprochen haben mußte, denn nun begannen alle
sofort mit emsigen Händen, sich die vor ihnen am Boden liegenden Skier
anzuschnallen.
Auch Konny versuchte es. Doch ihr waren Glieder und Hände steif vor
Kälte, von ihren Zehen hatte sie das deutliche Gefühl, sie seien aus
Glas. Sie riß und zog an den Riemen und endlich stand sie hilflos auf
den beiden schmalen Brettern da. Inzwischen hatte sich das Unglaubliche
vollzogen: während sie noch mühsam nach Balance suchte, krabbelte schon
eine Unzahl von Menschen den Abhang hinauf, dem Doktor folgend, der sie
in langen, flachen Serpentinlinien aufwärtsführte. Da hinauf sollte sie
auch --? Die Vorstellung war so überwältigend, daß sie sich erst mal
rückwärts in den Schnee und zugleich auf die Kante der Skier setzte. Das
tat weh, und im Gefühl gänzlicher Machtlosigkeit blieb sie liegen.
Da erscholl aus den Lüften eine Stimme, mahnend -- aufmunternd -- ratend
-- und Konny blickte sich um, wem wohl diese sich immer noch steigernde
Teilnahme gelten mochte.
»Na, Sie da unten, Fräulein, wollen's denn anfrieren?«
Gelächter von nah und fern und dann dicht an ihrem Ohr eine flehende
Bitte: »Stehen Sie doch endlich auf -- ich helfe Ihnen -- er denkt ja
sonst, es ist Eigensinn, daß Sie sich nicht rühren -- --.«
Ach Gott, _ihr_ galt diese versuchte Beeinflussung von oben? Aber aus
Eigensinn, nein wahrhaftig, saß sie hier nicht.
Mühsam rappelte sie sich empor, brachte die Spitzen der Skier
übereinander und wäre wieder gefallen, wenn die Hand ihres Nachbars sie
nicht gestützt hätte.
»Lassen Sie die Dame nur gleich das Wenden üben,« erscholl von neuem
die Stimme, »und nehmen Sie sich ihrer etwas an, Herr Architekt, wir gehen
inzwischen weiter.«
»Was soll ich?« fragte Konny verzagt. »Wenden? Aber ich habe ja keine
Ahnung.«
»Der Herr Doktor hat's aber doch erklärt! Also sehen Sie mir einmal zu.«
Diese gewaltsame, ungeheuer schwungvolle Bewegung sollte sie nachmachen?
»Versuchen Sie's doch wenigstens mal!«
Jetzt endlich sah sie ihrem Helfer ins Gesicht -- bis dahin hatte sich ihre
Aufmerksamkeit nur auf seine Beine konzentriert -- und sie entdeckte,
daß der Architekt derselbe Herr sei, dessen Zuruf am Morgen sie zu
dieser Tollkühnheit verlockt hatte. Dann mußte er auch einen Teil der
Verantwortung tragen.
Halblaut fragte sie: »_Er_ ist ja schon so weit fort -- er merkt es am
Ende gar nicht, wenn ich nicht übe.«
Der Architekt lachte und antwortete herzlos: »Er sieht alles, Fräulein!«
Und wirklich erscholl es in diesem Augenblick aus den Lüften: »Nun, die
beiden dort unten -- wollen sich die denn gar nicht hinaufbemühen?«
»Bitte, bitte, einmal versuchen«, drängte der Architekt.
Und Konny, die es einsah, daß es hier kein Schummeln gäbe, schleuderte
mit letzter Energie ihr rechtes Bein in die Luft, sah ihren gefesselten
Fuß mitsamt dem senkrecht stehenden Skier unstät hin- und herschwanken,
fühlte sich in zwei gleiche Portionen gerissen -- und ließ sich auf die
Seite fallen.
»Aber, aber,« meinte der Architekt, »das war ja alles verkehrt! Und
da wir doch bergauf wollen, hätten Sie das obere Bein nehmen müssen, um
gleich an Steigung zu gewinnen -- und nicht das Talbein!«
Konny sah resigniert auf ihre beiden, unter ihr gekreuzten Beine. Sie
hätte im Moment gewiß nicht angeben können, welches ihr rechtes oder
welches ihr linkes sei -- und nun sollte sie sogar den Unterschied zwischen
Tal- und Bergbein wissen?!
Still begann sie sich zu entknäueln, stand endlich wieder aufrecht da und
sagte zum Architekten: »Ich will es jetzt allein lernen, ohne Theorie. Sie
stören mich nur -- gehen Sie nur voran.«
Langsam und vorsichtig, dennoch von unendlichen Stürzen unterbrochen,
begann sie dann bergan zu klimmen -- er in mäßiger Entfernung vor ihr.
Plötzlich kam er zurück: »Darf ich mir eine Bemerkung erlauben?«
Und ohne ihre Einwilligung abzuwarten, sagte er: »Ihr Rock ist viel
zu lang, der geniert Sie. Ziehen Sie ihn aus, ich nehme ihn in meinen
Rucksack.«
Wenn's nur das sein sollte, was sie hinderte!
Sie zögerte eine Sekunde, dann zog sie mit seiner Hilfe den Rock aus, und
zwar über den Kopf, da es über die Skier doch nicht gegangen wäre. Ganz
heiß waren sie beide von der mühsamen Arbeit auf dem Hang und Konnys
Unsicherheit geworden.
Dann stand sie in neumodischen Beinkleidern, aus demselben Stoff wie ihr
Kleid, vor ihm; um die Hüften herum bildeten sie Tüten, an den Knien
schlossen sie sich dagegen sehr eng, und er, dem ihre zarte Figur vorher
so gut gefallen hatte, mußte ein Lächeln unterdrücken: etwas Rundes und
Komplettes hatte sie angenommen und fast bereute er seinen guten Rat. Denn
mit oder ohne Rock -- viel Talent zum Sport schien sie nicht zu besitzen.
Endlich, nach mehreren Stunden, erreichten sie die übrige Gesellschaft,
die sich auf einem Schneefeld zum Frühstück gelagert hatte und schon
wieder im Aufbruch war. Mit lautem Halloh wurden sie beide begrüßt. Der
Doktor eilte auf Konny zu und fragte, wie es denn gegangen sei. Und sie,
im Bestreben, nicht gar so dumm zu erscheinen, besann sich auf die vorhin
verworfene Theorie und antwortete fröhlich und gänzlich ahnungslos
über den Sinn der Bezeichnungen: »Danke -- mit dem Bergbein gut, mit dem
Talbein schlecht!«
In das Gelächter ringsum stimmte sie harmlos mit ein -- nur daß sie einen
guten Witz gemacht haben sollte, begriff sie nicht. Nach ihrer Meinung
blieb ein- für allemal das rechte das Talbein, weil der Architekt es beim
ersten Wenden so genannt hatte. -- Darauf, daß man so perfide sein könne,
die Bezeichnung je nach der Richtung zum Berg zu wechseln, kam sie gar
nicht.
Daß sie Humor verstände, schien allen, auch dem Doktor, eine ausgemachte
Sache zu sein, und darauf bauend, gab er einem seiner Begleiter einen
Auftrag.
Konny frühstückte inzwischen geschwind von den guten Sachen aus des
Architekten Rucksack; sie selbst war ja mit nichts versehen und fand es
schon fast selbstverständlich, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Unten im Tal schied man endlich am späten Nachmittag in vollster Harmonie.
Am Abend wollte der Doktor in einem einfachen Wirtshaus einen theoretischen
Vortrag halten, und wenn Konny auch im voraus sicher war, wieder kaum etwas
zu verstehen, so freute sie sich doch herzlichst auf das Zusammensein
mit all den frischen, jungen Menschen. Hatte sie bisher als einzige
Unterhaltung doch nur ihre Wirtin gehabt, deren ausgeprägten Dialekt sie
überhaupt nur in besonders glücklichen Momenten verstand -- aber seit
heute war ihr, als trete sie auch in ein besseres Verhältnis zur Natur;
nichts mehr schien ihr fremd oder überwältigend, wie im Anfang, an dieser
Hochgebirgsszenerie, und wie sie so zurückwanderte, den geschmähten Rock
über der Schulter hängend, kam es ihr vor, als habe sie eigentlich ein
neues Leben begonnen. Der Sport mußte doch von allgewaltiger Macht sein!
Am Abend, neben dem Architekten sitzend, hörte sie gespannt zu. Und da ihr
Humor nun einmal fest anerkannt worden war, lachte er ungeniert über ihre
leisen Bemerkungen, die sie in den Vortrag des Doktors einstreute, während
Konny ein paarmal dachte, daß es, nach dem sinnlosen Lachen ihres Nachbars
zu urteilen, in seinem Hirn nicht ganz richtig sein müsse.
Dann wurden Lichtbilder angekündigt. Der Doktor wandte sich verbindlich
lächelnd an Konny, als wolle er ihre Zustimmung einholen -- oder auch
ihre Verzeihung -- wies auf die weiße Leinwand und sagte unter lautem
Gelächter ringsum: »Das Talbein«.
Konny lachte mit. Auf der Leinwand stand sie selbst, hilflos und
schwankend, in einer wenig vorteilhaften Kleidung: einem oben zu weiten und
unten zu engen Beinkleid. Sachlich konstatierte der Doktor die Fehler ihrer
Haltung, der Fußstellung, der Handhabung ihres Stockes -- und bewies auf
allen folgenden Bildern, die immer nur wieder sie zeigten, daß sie ein
vollkommen typischer Fall des Anfängertums sei. Darnach schien es ihr ja
wirklich, als habe sie mit besonderem Instinkt alles und jedes verkehrt
gemacht!
Ja, sie lachte fröhlich mit bei jedem Konterfei; und nur dem Architekten
kam es ein paarmal vor, als zittere sie leicht. Aber sie mochte wohl
übermüdet sein.
Wirklich erhob sie sich nach schicklicher Pause, als der Vortrag beendet
war, und verabschiedete sich. Energisch lehnte sie die Begleitung des
Architekten ab, doch er gab es nicht zu, daß sie den weiten Weg durchs
Dorf allein machte. Zum Sprechen unterwegs aber konnte er sie nicht bewegen
-- was fehlte ihr nur?
Erst auf der obersten der drei Steinstufen schien sie wieder Atem zu
bekommen.
»Haben Sie Dank, Herr Architekt,« sagte sie mit merkwürdig ruhiger
Stimme, »Sie haben mir eine gute Lehre gegeben! Durch Sie bin ich
veranlaßt worden, am Kurs teilzunehmen -- durch Sie, meinen Rock abzulegen
-- und ich irre mich wohl nicht, wenn ich Ihnen auch das hinterlistige
Photographieren verdanke.«
»Aber ich schwöre ...«, fiel er ein.
»Ach was,« entgegnete sie hastig, »schwören! Nachdem man falsch und
verräterisch und -- und -- schadenfroh gewesen ist! Sie haben ja gewußt,
daß ich auch nicht das geringste von allem verstanden habe -- weder vom
Bergbein noch vom Talbein -- und dennoch haben Sie sich über mich lustig
gemacht! Pfui!«
Er starrte noch immer Frau Deixlmairs tannene Tür an, als sie schon
längst hinter ihr verschwunden war. Ein merkwürdiges Mädel, diese
Pfälzerin! Eigentlich dumm oder doch begriffsstutzig -- und wieder klug
genug, um das einzusehen und noch mehr: um es sogar zuzugeben! Welche Frau
tat das wohl sonst?! Gewiß nicht viele. Er pfiff zwischen den Zähnen und
sah lange, lange die Tür an. Humor, wie sie alle gedacht hatten, besaß
sie also nicht -- und doch Taktgefühl, ungeheuer viel Taktgefühl. Eine
andere, der plötzlich über sich selbst und ihre Leistungen so öffentlich
ein Licht aufgesteckt worden wäre, hätte vielleicht eine Szene gemacht
oder geheult -- oder sonst irgend etwas. Diese da war sehr tapfer -- das
hatte sie eigentlich schon den ganzen Tag bewiesen, an dem sie sich so
redlich mühte und nicht die geringste Hilfe durch Überlegungen gehabt
hatte -- schade! Denn nun würde sie natürlich nicht mehr wiederkommen!
Schade! Der ganze Kurs war ihm verleidet.
Aber am andern Morgen stand sie tapfer wieder da, beim Treffpunkt. Und ihm
nickte sie freundlich und harmlos zu.
»Donnerwetter,« dachte er wieder, »sie ist anders! Die meisten wären
schmollend zu Hause sitzen geblieben oder hätten den Ärger benutzt, um
sich zu drücken.«
Sie wurde auch keine Musterschülerin des Doktors. Aber menschlich gute
Eigenschaften entdeckte der Architekt noch zahlreiche an ihr im Laufe
des sechstägigen Kurses. Da fragte er sie zum Schluß, ob sie nicht
auch weiterhin zusammen durchs Leben fahren wollten, sie seien so schön
eingeübt. Womit er allerdings im stillen wohl meinte, daß sie an seine
Hilfe beim Aufstehen gewöhnt sei. Ihre Kunst bestand eben -- im Hinfallen.
Aber auch diesmal las sie seine Gedanken und antwortete fröhlich: »Gut!
Wenn du mich bei schwierigen Fällen nie fragen willst, ob ich nun das
Talbein oder das Bergbein nehmen muß --! Das könnte ich nämlich nie
entscheiden: aber Vertrauen mußt du haben, daß ich es schließlich doch
recht mache.«
Und das Vertrauen besaß er.
Die Erfindung.
Immer wenn Frau Ellen Mahder von ihrer Arbeit aufsah, was allerdings nur
geschah, um die Augen ein wenig vom Mikroskop auszuruhen, bemerkte sie,
daß sich der Kopf ihres Nachbarn tief über seine Hände beugte -- nicht
ein einziges Mal seit acht Tagen waren sich ihre Blicke begegnet. Aber
diese scheinbare Unermüdlichkeit täuschte sie keinen Augenblick: ein
so wenig ernsthafter Mensch, der wenigstens in ihrer Gegenwart noch kein
vernünftiges Wort gesagt hatte, war nicht imstande, sich von
seiner Aufgabe absorbieren zu lassen; sie mißtraute ihm und seinem
wissenschaftlichen Eifer aufs höchste. Und ebenso ärgerte sie sich über
sich selbst, daß sie an diesen »faden« Doktor Zerpfang einen Gedanken
verschwendete -- und kehrte sofort mit aller Inbrunst zu ihren botanischen
Untersuchungen zurück. Sie mußte ja auch doppelt pflichtgetreu und genau
sein, um ihre Zulassung in die dunklen Räume der alten Akademie, die
unter anderen auch der botanischen Station Aufnahme gewährt hatte, zu
rechtfertigen. Denn die Frage dieses »faden« Doktors, ob sie studiert
oder wenigstens das Gymnasium absolviert habe, mußte sie verneinen; aber
sie interessiere sich nun einmal stark für Chemie und Botanik, und sie
hoffte, ihre mangelnde Vorbildung durch Lerneifer -- --
Er hatte ernsthaft genickt und sie aussprechen lassen, trotzdem sie sich
vor Verlegenheit ein wenig im Satzbau verwickelte. Als sie endlich fertig
war, sagte er: »Na, da können S' mir am Ende gleich erklären, was das
bedeutet: =C, A -- C, A, O=?«
Unsicher und zweifelnd hatte sie erwidert: »=C, A -- C, A, O=? --
=C= vielleicht Kohlenstoff, =A= -- Argentum, =O= Oxygenium --«
Ringsum war ein lautes Gelächter losgebrochen, so daß sie erschrocken mit
der Zerlegung der chemischen Formel innehielt.
Mit heuchlerischem Ernst sagte der Doktor: »Ich würd's anders
übersetzen: =C, A -- C, A, O= -- das ist Cacao.«
Sie brachte es zwar zuwege, über ihren Reinfall zu lachen, aber ganz
vergeben konnte sie nach Frauenart dem Doktor diese Niederlage doch nicht.
Und er mußte wohl ihre stille Abneigung fühlen, denn er begrüßte sie
des Morgens nur mit stummer Verbeugung und verließ mittags den Saal erst
nach ihr.
Als heute die Präparate für die kommende Woche verteilt wurden, sagte
sie: »Ich danke, ich gehe auf ein paar Tage ins Gebirge.« Und auf
den etwas erstaunten Blick des Professors setzte sie hinzu: »Ich bin
überarbeitet -- ich brauche eine Luftveränderung.«
Ihr Ton klang gereizt. Konnte man sich nicht vorstellen, daß es für
ihre Arbeit nur vorteilhaft sei, wenn sie mit frischen Kräften an sie
hinanginge?