Wir zündeten unsere Laternen an, mein Stock wurde einem Baum am Eingang

anvertraut -- dann ging's an! Gleich mit zwei sehr steilen Leitern, dann

durch einen schmalen Gang, der das Aufrechtgehen nicht erlaubt. Das Auge

lernt bald, den kleinen Lichtkreis der Laternen auszunützen, denn vom

Tageslicht dringt kein Strahl in dies unheimliche Dunkel. Man hat auch

nicht auf »Korpulente und Ungeübte« Rücksicht genommen, man muß

klettern, sich strecken, über Dutzende von senkrecht stehenden Leitern,

über große Blöcke, schmale Steige, die über einen Abzugskanal für

das von den Wänden tropfende Wasser gelegt sind, dann wieder auf eisernen

Stiften über schaurige Tiefen fort, an gähnenden Spalten vorüber und

an düsterblinkenden Wassertümpeln -- kurzum, eine echte, rechte Hochtour

macht man, ehe man nach einer Stunde bei bescheidenem Kerzenlicht das

vorläufige Ende des Ganges bei einem etwa 15 m langen See erreicht. Hier

gibt es sogar ein Höhlenbuch wie sonst ein Gipfelbuch, und ganz stolz

über die Leistung schreibt man seinen Namen ein. Ich muß sagen, daß die

»Angerhöhle« durch ihren alpinen Charakter von allen Höhlen, die ich je

gesehen, am interessantesten ist. -- Dann photographierten wir; der Mensch

-- diesmal der Hochtourist -- ist ja nie zufrieden. Blitzlicht hatten wir

mit; ich mußte es entzünden. Es ist eine empfehlenswerte Einrichtung.

Abgesehen davon, daß mein »echter« Haselnußstock, an den ich die Tüten

hängte, verkohlte, meine sämtlichen Fingerspitzen verbrannten, und ich

mich in irgendeine Ecke nach vollbrachter Tat des Anzündens stürzen

mußte, um meine Augen zu retten, erstickten wir fast an dem sich

entwickelnden Rauch, der nirgends entweichen konnte und uns deshalb als

Wegweiser nahm. Wir photographierten in verschiedenen Gängen -- der neue

Rauch sammelte sich zum alten, sogar unsere kleinen Kerzen in den Laternen

starben beinahe. Und das wäre recht unangenehm gewesen! Ob die Bilder

»etwas« geworden sind, ist fraglich -- daß wir froh sein konnten, den

»Naturfreunden« nicht zu begegnen, ist außer Zweifel. Als wir wieder

ans Tageslicht kamen -- es war nicht rosig, sondern blau und golden, von

strahlender Schönheit! -- zog der übelriechende Rauch noch immer neben

uns her.

»Macht nix,« sagte der Hochtourist ungerührt, »jetzt ist es erst

wirklich Fafners Höhle.«

Nun gab's noch einen wirklichen Gipfel, den des Simetsberges, und dann

eine wunderbare vielstündige Wanderung bis hinunter nach Eschenlohe. Die

glühenden Fackeln der Buchen zwischen dem Grün der Tannen, die Birken

und Pappeln im zartesten Gelb -- silberne Herbstfäden über den harten

Brombeerblättern, wie leichte Wolken das weißballige Jelängerjelieber,

im Volksmund »Gemsröckl« geheißen, im Buschwerk hängend. Dazu der

wilde Schrei der Hirsche, die ihre Liebsten vom goldnen Lager aufjagen, die

Lüfte zerreißend -- im steinernen Bett das sanfte Lied des Waldbaches.

Und ein Rauschen in den Baumkronen, verheißend, beseligend, daß auch nach

diesem bunten Todesreigen die Natur zu neuem, ewig-schönem Leben erwachen

wird.

II.

»Sie« auf Ski.

Bei den »Säuglingen«.

»Ausschau'n tun Sie, Säugling, als wenn S' heut' gebor'n wär'n!«

Sehr genau wußte ich, daß sich diese Schmeichelei nicht auf ein unerhört

jugendliches Aussehen, sondern auf einen glühend roten Teint bezöge.

Blendender Schnee, starke Anstrengung, scharfe Luft und leuchtende Sonne

machen in wenig Tagen aus der zartesten Haut -- die ich natürlich sonst

habe! -- ein Burgunderpergament. »Wie kann man nur,« sagten meine

Münchener Freunde, »grade zur Faschingszeit! Wo S' am Montag zum

Bühnenball wollen!«

Ich fürchte, es wird weder etwas mit dem Bühnenball noch mit einem

andern. Denn außer einem Rote-Grütze-Teint bringe ich ein stark

lädiertes Bein mit heim, das sich der kräftigste Herr des Kurses als

Stützpunkt bei einem Fall ausersehen hat. Aber was tut das alles? Können

die gestörte Schönheit oder ein verrenktes Körperglied ins Gewicht

fallen gegen diese köstlichen, frohen Tage unter Zdarskys Leitung? Was

dieser Mann mit 159 Personen, von denen die meisten blutige Anfänger in

der hohen Kunst des Skifahrens sind, in wenig Tagen macht, wie er vor allem

aus einer disziplinlosen Masse mit allen bösen Instinkten der Menge, als

da sind: Ungehorsam, Unbotmäßigkeit, Widerspruch, Besserwissen usw.,

einen wohlgeschulten, gefügigen Körper ausbildet, der ihm aufs Wort

gehorcht und immer mehr einsieht, welch ungeheure Nächstenliebe und

Aufopferung dazu gehört, monatelang in jedem Winter ohne den geringsten

Entgelt außer dem Dank der »Säuglinge« Hunderte mehr oder minder

Geschickter anzulernen, das ist erstaunlich. Und scheint mir bei aller

hohen Achtung vor der Kunst und dem selten vielseitigen Wissen dieses

Mannes das bewundernswerteste. Es ist geradezu spaßhaft zu sehen, wie zahm

auch die Kecksten werden; und wie man selbst auch nicht auf den Gedanken

käme, irgend etwas anderes zu machen, als er es in unermüdlicher Geduld

»vorturnt«. Dies genaue, schulgemäße Wiederholen aller Übungen tut

auch dem Vorgeschrittenen gut -- weshalb ich nur jedem raten kann, von Zeit

zu Zeit einmal wieder an einem Kurs teilzunehmen -- denn nur zu leicht wird

man bei kürzeren Touren und gutem Schnee gegen viele Regeln gleichgültig

und hat dafür in Ernstfällen zu leiden. Zdarskys Methode, die ja nur den

Zweck verfolgt, Bergtouren im Winter zu ermöglichen, verlangt eben eine

exakte Ausführung ihrer auf gründlichster Erfahrung und Berücksichtigung

aller vorkommenden alpinen Verhältnisse aufgebauten Gebote. Da darf man

sich gern einmal wieder als »Säugling« betrachten, wie er seine Schüler

mit Vorliebe benennt, und sich in Reih und Glied mitaufstellen, um seinen

militärisch gegebenen Kommandos präzise zu folgen. Für den vierten

alpinen Ski-Kurs, der »heuer« vom 14. bis zum 21. Januar stattfand,

war ein herrliches Gelände ausersehen, nämlich das um Oberammergau. Mit

seinen mäßigen Hügeln, die auch dem Anfänger Mut zum »Stemmfahren«

und »Stemmbogenfahren« machen, und den schönen Bergen für die üblichen

Touren der letzten Tage, wäre es »ideal« gewesen -- falls sich ein

besserer Schnee vorgefunden hätte. Ich muß sagen, daß ich mir recht

lächerlich vorkam, als ich vor acht Tagen mit voller Skiausrüstung die

Reise zum Passionsdorf antrat und immer weiter in eine grünende Landschaft

hineingeriet, über der schon Frühlingshoffnung zu schimmern schien. Von

Schnee ka Spur! Ein Hamburger, der eigens zum Kurs aus seiner nebligen

Stadt herunterkam -- es sind übrigens Teilnehmer aus ganz Deutschland

und Österreich vorhanden -- kehrte schleunigst wieder um, angesichts des

bißchen Rauhreifs, der da und dort in den Wäldern hing. Der ungläubige

Thomas mag sich stark ärgern, wenn er nun erfährt, wie schön es

besonders in den ersten Tagen war: köstlichster Pulverschnee, in dem sich

die Stemmbögen wie von selbst schlugen. Nun freilich ist der Schnee bei

starker Sonne am Tage und Frost des Nachts verharscht, und das

»Abfahren -- marsch!« löst keine reine Freude in der Seele auch des

charakterfestesten Skifahrers mehr aus. Z. B. gestern, die erste Tagestour

zum Laber-Joch hinauf. Zdarsky schont seine »Säuglinge« nicht. Mit

größtem Geschick wählt er seinen Weg so, daß alles, was man gelernt

hat: Hindernisse nehmen, Zäune überklettern, Bäche durchwaten usw.,

angewendet werden muß. Dann heißt's plötzlich: »Abschnallen«, und

über eine Stunde hat man die Skier auf der Schulter einen steilen,

vereisten Hohlweg emporzutragen. »Das zieht hin«, sagt man bei uns im

Norden. Dann wieder: »Anschnallen«, und die freundliche Erlaubnis, nun

eine Viertelstunde auf den Skiern auszuruhen. Aber die Sonne glitzert auf

dem blauweißen Schnee, die Gipfel ringsum funkeln im Licht, wolkenlos

spannt sich der Himmel über den Wäldern -- da kommt mit dem ruhigeren

Atem die Freude an all dem Schönen zurück -- und das Vergnügen, mit

frischen, gesunden Menschen zusammen zu sein, bei denen die Liebe zur

Natur und zum Sport einmal glücklich alle kleinlichen eitlen Regungen

ausgelöscht hat. Darauf geht's tapfer bergauf mit der Devise:

»Spurhalten«, bis ein schöner, sonnenbeschienener Platz erreicht

ist: »Eine Stunde Rast«. Ein Rieseneifer entwickelt sich; genau nach

Vorschrift wird im Schnee ein Platz ausgetreten, die Skier dienen als Sitz,

die Fäustlinge werden zum Wärmen über die Fußspitzen gezogen -- wer ein

Zdarsky-Zelt besitzt, zieht es mit zwei Griffen um sich her, andere suchen

im Freien einen geschützten Punkt, um unter dem mit Schnee gefüllten

Kochapparat den famosen Zdarsky-Brenner anzünden zu können. Ein lustiges

Lagerleben entwickelt sich blitzschnell, Obst und Süßigkeiten werden

ausgetauscht, nach dem alten Grundsatz, daß Fremdes immer besser schmeckt

als das eigene. »Und die Photographen arbeiten fieberhaft.« Kocher sind

bekanntlich dazu da, um im letzten Moment umzustürzen. Trotz des Vorwurfes

meines Hochtouristen, ich hätte den Apparat »natürlich« falsch

aufgestellt, nämlich nach genauer Vorschrift auf den flachgelegten Skiern,

kochte mein Teewasser beinahe, und ich verschüttete nur ein Viertel des

Inhalts. Nun übernahm er die Wacht -- Männer können bekanntlich alles

besser -- auch kochen! -- tat mit Riesenwichtigkeit gleich Zucker und

Teekonserven in die schmelzende Masse, und sagte: »Wer mir nun an den

Skier stößt, den --« Es kochte -- und auf die Sekunde warf er den ganzen

Apparat um! »Es ist leichter, Tee zu trinken als zu bereiten«, sagte ein

Nachbar gefühllos und trank die mitgebrachte Flasche leer, während wir

auf den braunen Teefleck im reinen Schneetischtuch starrten. Ich glaube,

es ist einerlei, welchen Kocher man besitzt; sie besitzen alle dieselbe

Eigenschaft, erst umzufallen, sobald es kocht.

»Anschnallen!« Die Rucksäcke werden gepackt und »modelliert«, damit

sie nicht drücken, und weiter geht's, bis sich die Talmulde vor uns

weitet. Lawinenstürze durchfurchen die weißen Hänge, und ruhig, von

Zeit zu Zeit den Schnee prüfend, legt der stets voranschreitende Hirt eine

flache Spur an, die allmählich, in langen Serpentinen, die Herde empor

zum Joch führt. Mehrmals kreuzen wir die Lawinen, aber da ist niemand,

dem auch nur ein Bedenken aufsteigt. Aus den Vorträgen, die Zdarsky

allabendlich von acht bis zehn Uhr hält, und in denen er alle Themata,

die dem Skifahrer wichtig sind, berührt, angefangen von der Haut- und

Körperpflege, der Kleidung bis zu den alpinen Gefahren, weiß man, wie

vertraut diesem Mann die Schnee- und Eisverhältnisse sind; unbedingt

überläßt man sich seiner Führung. Eine lange Kolonne, noch immer über

hundert Personen -- die anderen sind aus irgendeinem Grund von dieser

Tagespartie abgefallen -- steigt aufwärts, »wendet« an den Kehren, eine

Prozedur, deren glückliches Gelingen am Hang mehr als sonst irgendein

menschliches Tun vom Zufall abhängig ist, und blickt sehnsuchtsvoll zum

Joch hinauf: noch zwei Stunden, bis man jenseits in die Ebene hinabschauen

kann -- noch anderthalb -- noch eine -- da heißt es: »Halt!« Gute

Läufer gebrauchen noch dreiviertel Stunden bis »hihnauf« -- mit dem Gros

der Säuglinge, dem Zeitverlust an den Kehren, würde es noch fünfviertel

Stunden dauern. Es geht nicht, man käme in die Nacht hinein. Wer sich dazu

imstande fühlt, mag den Aufstieg versuchen -- für die übrigen heißt es

»abfahren«. Aber wie?! Der Schnee ist tellerbrüchig, d. h. er bricht

in großen, harten Stücken bei jedem Tritt ab; deshalb ist Stemmfahren

unmöglich, ebenso »Reitsitz«. Bleibt nichts übrig, als die Spur einfach

zurückfahren. Nun, das geht schneller als das Bergauf, ist nicht gerade

das Ideal der Abfahrt und zeitigt auch noch viele Stürze. Durch den Wald

geht's schöner als am Berg und gestattet zum Teil sogar Stemmbögen.

Am Hohlweg wird man zum »Reitsitz« eingeladen. Mir scheint es eine

vortreffliche, wenn auf die Dauer auch nicht angenehme Massage für den

ganzen Körper. Am Schluß weiß man, wo jeder Knochen sitzt und jede

Muskel angewachsen ist. Die von der Kleidung verdeckte Haut sticht

überhaupt nach diesen Tagen von der roten des hehren Antlitzes ab;

denn sie ist -- nicht weiß, o nein, sondern blau und grün. Ein rosiger

Abendhimmel liegt über dem stillen, kleinen Dorf zu unseren Füßen;

die Glocken läuten schon den Sonntag ein. Man ist daheim; glücklich und

ziemlich heil. Und morgen geht's fort. Eins hat nur gefehlt: Neuschnee.

Aber der Mensch darf nicht alles wollen! -- Von niemand besser als von

Zdarsky, diesem seltsamen, großen Menschen, kann man ja Bescheidenheit

und Anspruchslosigkeit lernen. Das ist ein Extrageschenk an seine

»Säuglinge« -- ein größeres noch als seine Kunst, die uns die

Herrlichkeiten des Wintergebirges erschließt.

Die erste »Ausfahrt«.

»Na ja«, sagte ich, zwar nicht ganz überzeugt davon, daß es für mich

auf dem Übungshügel, zu dem wir täglich einen etwas steileren ausgesucht

hatten, nichts mehr zu lernen gäbe, und daß ich meine Kenntnisse nun im

Gelände erproben müsse, aber doch nachgiebig, um nicht in den Geruch

der Feigheit zu kommen -- dieser Eigenschaft, die jeder Berechtigung zu

irgendeinem Sport sofort Grund und Boden abgraben soll. Und bis dahin

hatte ich Mut bewiesen, viel Mut; nicht nur darin, daß ich gleich versucht

hätte -- was ja alle anderen auch müssen! -- auf den unzuverlässigen

langen Holzschuhen von einem Abhang in die Tiefe zu gleiten, sondern daß

ich nach den Tausenden von Stürzen, von denen meine Übungen während

einer ganzen Woche unterbrochen worden waren, mich immer von neuem erhob,

meine Glieder einrenkte und unverdrossen wieder bergauf stieg, als sei mir

nicht das geringste passiert.

Und doch herrschte nur _eine_ Stimme darüber, daß ich im Fallen den

Rekord erreicht habe! Ich kann nicht behaupten, daß mein Lebensziel:

irgendwo und bei irgendeiner Leistung einmal die erste zu sein, sich gerade

auf das Hinfallen konzentriert hätte, aber es scheint, daß man nicht nach

der Art des Wunsches gefragt wird -- eines Tages wird er einem erfüllt,

und es bleibt nichts anderes übrig, als zufrieden zu sein. -- Ich konnte

jetzt aber nicht nur hinstürzen, sondern besaß die hohe Kunst der alpinen

Technik, d. h. ich konnte »Stemmbogen« fahren, war mithin in der

Lage, jeden Abgrund nicht von vornherein kopfüber, sondern erst nach

verschiedenen Bogenlinien hinunterzusausen -- denn daß man zum Schluß

_nicht_ hinfällt, das soll eigentlich nur Ausnahmemenschen passieren. Zu

denen gehöre ich in keiner Beziehung.

Den Rucksack auf dem Rücken, den Bambusstock nach Lilienfelder Art (nicht

die zwei schwedischen Zündhölzer nach Norweger Manier!) in der mit

dickstem Fausthandschuh versehenen Rechten, so zogen wir also eines

wirklich schönen Morgens bei 10 Grad Minus und prachtvollem Rauhreif von

Neuhaus bei Schliersee durchs Josephstal bergauf. Vorläufig zogen wir auch

die Skier am Tragriemen hinter uns her, denn eine steile, glatt gefahrene

und -gefrorene Straße mit scharfen Kurven frißt die Kräfte zu sehr; man

überwindet sie lieber mit Nagelschuhen! Um so schöner muß nachher

die Abfahrt auf ihr sein. Wenigstens behauptete das mein über die

Anfangsstadien des Skisports hinausgewachsener Hochtourist; und ich glaubte

ihm natürlich. Wir Frauen haben trotz aller modernen Regungen noch immer

viel Respekt vor männlichen Aussprüchen, und eine »blutige Anfängerin«

tut außerdem am besten, blindlings den Worten eines Erfahrenen zu glauben.

Das sagte der Hochtourist auch nicht ein-, sondern mehrmals.

Ich wanderte versonnen dahin, zögerte zuweilen an besonders schwierigen

Stellen und war von Herzen dankbar, daß sie durch Geländer versichert

seien. Nicht gerade für mich -- aber mancher Unfähige konnte an diesen

unbehaglichen Kurven doch leicht Schaden nehmen! An anderen Biegungen

beschloß ich, den sich etwas unverschämt in den Weg drängenden

Granitfelsen mit graziöser Schlängelung auszuweichen -- kurzum, der Wald,

der mit uns bis zum Spitzing-Sattel emporstieg, und ich, wir wurden recht

gute Freunde, und ich empfand wieder einmal tief, daß es mir gegeben ist,

schnell zu der mich umgebenden Natur ein Verhältnis zu finden.

»Gott sei Dank,« sagte der Hochtourist, als wir oben am zugefrorenen

Spitzingsee eine kleine Rast machten, »daß die Alm oben bewirtschaftet

ist! Der Proviant wiegt doch immer tüchtig -- heute fühlt man den

Rucksack kaum.« -- Ich widersprach nicht, obgleich die Toilettesachen

einer Frau immer etwas reichhaltiger sind, mag sie auch fast alle

Ansprüche auf Luxus im Tal gelassen haben, und ich willigte ein, da es von

nun an doch bedeutend steiler wurde, meinen Kleiderrock und mein Jackett

mir noch in den Rucksack packen zu lassen. In Beinkleidern bewegt man sich

bedeutend leichter, und warm genug würde es mir ohnehin schon werden!

Dies ist die einzige Prophezeiung, die eingetroffen ist! Sogar siedend

heiß wurde mir, als ungefähr nach einer halben Stunde auf einem sehr

schmalen, am steilen Hang entlang führenden Fußsteig der Schnee unter

meinem linken Ski nachgab und ich nach meiner Meinung unaufhaltsam in die

Tiefe kollerte. Ich schrie um Hilfe, ließ meinen Stock fahren, fiel immer

tiefer in den Schnee, so daß ich weder wußte, wo meine Beine, noch wo

meine Arme seien und musterte angstvoll die Bäume, um den zu entdecken, an

dem ich zerschellen würde. Sie sahen alle gleich erwartungsvoll aus, und

in meine Todesangst hinein sagte von oben die Stimme meines Hochtouristen:

»Erstens läßt man sich nicht hinunterkollern, sondern stemmt sofort den

Stock vor den Skiern ein; zweitens haben Sie vergessen, sich quer zum Hang

zu drehen, drittens -- --«

Meine aufwallende Empörung gab mir die Kraft zum Sprechen zurück: gab man

einem in Todesangst Schwebenden gute Lehren? Durfte noch von irgendwelchen

Theorien die Rede sein, wenn höchste Gefahr im Verzuge war -- schien

es christlich oder auch nur menschlich denkbar, einem Verlorenen nicht

beizuspringen --? -- »Fällt mir gar nicht ein! Sie sind auch nicht in

Todesgefahr: schauen Sie sich nur um, kaum zwei Meter sind Sie abgerutscht!

Und das erste Prinzip beim Skifahren ist: niemand zu helfen --«

Selten im Leben habe ich solch eine Verachtung für einen Menschen

empfunden. Er und seine Worte waren Luft für mich! Entgegen allen Lehren,

sogar denen, die ich mir schon angeeignet hatte, krabbelte ich nach

eigenem Ermessen, das natürlich bedeutend mehr anstrengte und mehr Zeit in

Anspruch nahm, auf den Weg zurück.

Mein Hochtourist ignorierte mein Schweigen; mit der Beredsamkeit, die

auch dem ruhigsten Sportsmann eigen ist, sobald er auf sein Gebiet kommt,

schilderte er mir die zahllosen Möglichkeiten und Errettungen bei einem

Absturz, illustriert durch mehr und minder passende Beispiele. An mir

prallte alles ab; wie die andern sich retteten, mit welcher Umsicht, mit

wieviel Energie, das galt mir nichts mehr. Mein Unfall hatte mir jedenfalls

gestattet, einen Einblick in das alpine Herz meines Begleiters zu tun --

und ich fand es stark verroht! Wenn der Sport dazu dienen soll --!

»Nun kommt die erste größere Abfahrt im Gelände,« ordentlich

begeistert klang seine Stimme, »nun sollen Sie mal beweisen, was Sie

gelernt haben!«

Ich --? Nichts! Ich würde es nicht können, ich bekam Platzfurcht, die

Tannen mit ihren schneebedeckten Zweigen drehten sich vor mir, der Himmel

verwandelte sein Kobaltblau in ein giftiges Grün -- -- --

»Wenn's ›Übungshügel‹ hieße, nachher wären Sie schon drunten! Und

gar, wenn der Herr Lehrer dabei wäre oder die andern Anfänger --! Nur

weil's eben 'was Neues ist, sind Sie feige --« -- Mein Gott, war ich das

wirklich?! Ich maß die Höhe ab, sie war geringer als all meine letzten

Probiergegenden, ich sah auf meine Skier, ich biß die Zähne aufeinander

und lehnte mich vornüber -- -- es ging nicht.

»Also nachher fahren S' da in die Wiesen 'nein und dann auf mich zu, im

Bogen! Aber nicht nach links, denn da ist ein tiefes Loch -- -- --«

Ich fuhr geschwind und mit aller Gewalt in das tiefe Loch.

»Das haben Sie ja nur gewollt«, sagte ich zu meinem Hochtouristen. Und

dann fuhren wir als Todfeinde in ziemlicher Entfernung voneinander zur

Fürstalm hinunter.

Aber gemeinsames Leid, vor allem gemeinsames Schimpfen verbindet ungeheuer;

es gab keinen Bissen Brot mehr in der Fürstalm, die Sonntagsgäste hatten

alles verzehrt, und was noch übrig gewesen war, eine Abteilung Soldaten,

die von ihren Offizieren im Sport unterrichtet wurden. Wir konnten froh

sein, eine Tasse dünnen Kaffees und ein paar gesottene Eier zu bekommen --

dafür saßen wir draußen in der schönsten strahlenden Sonne. Vor uns lag

der Berg, den wir uns ausersehen hatten: der Stümpfling.

»Nur noch dreiviertel Stunden -- bis dahinauf zu seiner runden Kuppe?!«

Nein, ich wollte nicht hinauf, ich wollte überhaupt nur abfahren und den

Sport ein für allemal aufgeben. _Mir_ machte er keinen Spaß, das hatte

ich heute erfahren, immer nur fallen, abstürzen, sich ängstigen -- -- --

Bis ich meinen Kaffee getrunken hatte. Und die merkwürdig frischen Eier

gegessen -- Eier, wie sie in München nur noch in alten Märchen vorkommen.

Aber so dicht vorm Ziel umkehren -- das ist wirklich feige! Und was ich mir

im Leben vorgenommen und angefangen habe, das führe ich immer durch. _Ein_

Prinzip muß der Mensch doch haben.

Ich ließ mich nicht auf Erörterungen ein, ich sagte nur: »Ich gehe doch

hinauf!« und schnallte meine Skier wieder an. Der Hochtourist lachte.

Wir trugen die Rucksäcke hinüber und deponierten sie im Schnee, um sie

bei der Rückkunft wieder mitzunehmen. Und trotzdem ja meine Last kaum zu

spüren sein sollte, konnte ich die dreiviertel Stunden überwinden, als

seien mir Flügel gewachsen.

Der Stümpfling bietet eine ganz schöne Aussicht über die Schlierseer

Berge, aber übermäßigen Genuß hatte ich nicht davon: Die Abfahrt

-- Herrgott, wenn nur die Abfahrt nicht gewesen wäre! -- Bis zu den

Rucksäcken ging's; sie leuchteten vertrauensvoll aus dem Schnee wie

düstere, aber doch Anhaltspunkte gebende Sterne. Auch die für Anfänger

so berühmte und gute Abfahrt bis zum Spitzingsattel wurde ohne besondere

Katastrophen überwunden. Ein paarmal Kopfüberstürzen, mit dem Gesicht

in den Schnee, oder bis an die Schultern einsinken -- das sind nicht

nennenswerte Kleinigkeiten! -- Die Platzfurcht war merkwürdigerweise auch

überwunden. Aber dann -- die liebe Straße durch den Wald, mit den Kurven,

die ich am Morgen schon sorgsam studiert habe -- die hat's in sich! Und

noch Stemmfahren, d. h. ein Bein im Winkel zum anderen stellen, wenn

ohnehin die Kniee schon zittern, an dieser Kurve das Geländer zum Absturz,

an jener ein vorspringender Granitfels zum Kopfzerschellen lockt, wenn

der Schnee zum größten Teil vereist ist und man gerade, wenn man langsam

fahren oder sogar bremsen möchte, in rasendste Geschwindigkeit gerät,

das ist ein Kampf mit dem Objekt, zu dem schon gute Nerven und Ausdauer

gehören. Ich sah ein, daß die Freundschaft für den Wald nur von meiner

Seite aus empfunden wurde, und daß die Bäume, die Felsen, die Abhänge

wie Feinde auf mich lauerten. Aber ich bin ihnen entkommen; zwar mit

farbigen Merkmalen des Ringens am ganzen Körper, mit einem Teint, als

hätte ich wochenlange Hochtouren hinter mir und dem Gefühl, als wäre der

Ausdruck »mit heiler Haut« reichlich optimistisch gewählt. Trotzdem bin

vorläufig doch ich der Sieger. Und den nächsten Berg, auf den ich mit

Skiern steige, den habe ich mir schon ausgewählt!

Aus der Winterfrische.

Fast mehr noch als im Sommer wird dem zur Natur bekehrten Kulturmenschen

plötzlich im Winter die Stadt mit ihren tausend Ansprüchen »z'wider«.

Weihnachten und Silvester haben seinem Magen, seiner Börse und seinen

Gefühlen den Rest gegeben, in jeder Hinsicht ist er übersättigt. Die

letzten Krümel Marzipan, wie die mit Dankesworten kunstlos durchwebten

Neujahrsbriefe bringen ihm einen bittern Geschmack auf die Zunge. Hinterher

scheint es ihm, »daß es mal wieder nichts war«, wenigstens kein Jungbad

der Freude, mehr ein Untertauchen im Fango -- und seine Seele zieht aus,

um einen reinen Sprudel zu suchen. Setze dich in die Bahn und fahre

von München aus nach Süden, Ost oder West, das Gute, das Schöne, das

Herzerquickende liegt so nahe, nur eines kleinen Ruckes der Energie bedarf

es, um dir vorzustellen, daß der Fasching ebenso froh ohne dich sein wird,

daß man auf Soupers und den berühmten -- bequemen Nachmittagstees kaum

nach dir fragen wird, daß Konzerte und Theater, die du dir ohne deine

Gegenwart nicht vorstellen kannst, genau ihren guten oder peinlichen

Verlauf ohne dich nehmen werden. Ach, lieber Gott! du ahnst nicht, wie

überflüssig du bist, wie bedeutungslos deine Persönlichkeit -- aber

diese Erkenntnis, die dich daheim zuweilen heimlich grämt, so daß du

beflissen bist, sie ängstlich vor dir selbst und anderen zu verstecken,

hier draußen lächelst du über sie: hier bist du ja noch viel, viel

weniger, ein Fleckchen, das die Sonne bescheint, ein Atom, das sich preisen

muß, bescheiden in der Stille zu stehen und die Pracht nicht in ihrer

Harmonie zu stören!

»Sie« am Seil · 第 6 / 11 段