feinempfundenen Worten liegt: man zieht das Bein wirklich heraus und geht
schweigend weiter. Am Schluß des Gletschers wird die Fahne eingezogen,
d. h. ich abgebunden. Aus den kleinen Wasserrinnen, die in frühester
Morgenstunde bescheiden zwischen dem Geröll rieselten, hat der schmelzende
Schnee nun reißende Bäche gemacht, mit großspurigem Auftreten. Und ein
bißchen gewachsen nach dieser Gletschertour fühlt man sich selbst auch:
ohne Führer -- und bei der Möglichkeit (oder besser Unmöglichkeit!) im
Ernstfall den Hochtouristen aus einer Spalte ziehen zu müssen -- gar
nicht schlecht! Man hat sich gut bewährt. Unten, bei der Hütte, ist man
überzeugt, daß zwar alle Fähigkeiten zu großen Eistouren vorhanden
sind, daß man jedoch, um nicht aus der Übung zu kommen, doch noch eine
rechte, schöne Kletterpartie machen möchte. Und dazu gibt's ja immer nur
eins: die Dolomiten!
Hinaus zum langen Ultental, das man wirklich gründlichst kennen gelernt
hat, von Sankt Waltraud in der vollgestopften Post bis Oberlana bei Meran.
Per Bahn nach Bozen und mit einem der unzähligen Hotelwagen, die täglich
noch ungezähltere Fremde befördern, durch das Eggental, vorüber an der
pompösen alten Burg Karneid der Münchener Erzgießerfamilie von Miller,
von Birchabruck und Welschnofen, den köstlichen Blick auf den Latemar,
den Rosengarten, die Ortler-Gruppe genießend. Das Wetter scheint etwas
unsicher, und oben auf der Höhe des Karerpasses, die man vom berühmten
Karerseehotel durch einen schönen Waldweg erreicht, regnet es sanft.
Bedenken steigen in einem auf, wie sie nur zu berechtigt sind: setzt etwa
eine neue Regenperiode ein, müßte man auch tagelang dasitzen in der
Glasveranda des Karerpaßhotels und Patiencen legen oder Balkannachrichten
lesen, von denen doch keine einzige wahr ist?! -- Da kommt der Mond über
den Paß und übersilbert dankbar diesen herrlichen Fleck Erde. In aller
Frühe lockt der leuchtende Schnee der Gipfel ans Fenster, ein jauchzender
Tag bricht an, und vorsichtig trappt man mit den Genagelten die Treppe
hinunter, um ja die Schläfer nicht zu stören, die Armen, die von dem
Wunder draußen nichts ahnen. Mögen sie nur Patiencen legen, wenn sie
aufwachen! Viele schöne Wege gibt's in den Alpen; aber der schönste,
unvergleichlichste, die Krone aller Wege ist der Hirzelweg vom Karerpaß
zur Kölner Hütte, die am Südwestende der Rosengartenspitze liegt. In
klarer Morgenluft und immer wechselnder, zarter, wunderbarer Beleuchtung
lagen sie da in langer, endloser Kette, die göttlichen Gebilde: die
Latemar-Gruppe, die Presanella, die Brenta, die Ortler-, Ötztaler- und
Stubaier-Alpen, der Schlern, der Tribulaun; die zweieinhalb Stunden zur
Hütte (2325 m) verfliegen im Genuß all der Pracht, die sich von der
Hütte aus noch ebenso bewundern läßt. Und man begreift nur zu gut, daß
die Sektion Rheinland noch ein Touristenhaus anbauen mußte, das einen Tag
vor unserm Besuch eröffnet worden war: wer diese Hütte nicht gesehen hat,
hat nichts gesehen! -- Gleich hinter der Hütte geht's steil empor
über das Tschaggerjoch (2644 m) und wenig abwärts zur vielbesuchten
Vajoletthütte, dem Ausgangspunkt für die meisten Touren in der
Rosengarten-Gruppe und auf die kühnen Vajolettürme. Wir wandern
am nächsten Morgen zum Grasleitenpaß, deponieren unter Geröll die
Rucksäcke und steigen auf den höchsten und zugleich aussichtsreichsten
Gipfel des Rosengartens, den Kesselkogel (3001 m), der einen
wunderherrlichen Blick über fast ganz Tirol bietet und im übrigen
bei wenig Kletterei und einem ganz amüsanten Band eine nette
Vormittagsunterhaltung gewährt. Durch den großartigen Grasleitenkessel,
wo der Schnee noch eine lustige Abfahrt gestattet, geht's zur
Grasleitenhütte hinunter, wo der Führer für den nächsten Tag engagiert
wird. Direkt vor der Hütte, so daß man den unteren Teil des Aufstiegs
durch die schwierigen Kamine ganz übersehen kann, erhebt sich der
Grasleitenturm -- ein paar Junge, Führerlose, durchklettern ihn grade, und
heißes Verlangen nach ihm packt mich! Aber natürlich: der Hochtourist
ist schon oben gewesen und fand es daher für mich peinlich, von den
»Hüttenwanzen«, die auch jetzt an der Arbeit waren, kritisiert zu
werden. Was mich aber im nächsten Jahr durchaus nicht verhindern wird!
-- Für diesmal war die Traversierung der mittleren und östlichen
Grasleitenspitze beschlossen, »auch eine schwierige Tour mit
Kletterschuhen«, wie ich getröstet wurde. Tatsächlich hat Gottfried
Merzbacher, damals schon ein vorzüglicher Kletterer, vor ca. dreißig
Jahren erklärt, daß die Grasleitenspitzen unersteiglich sein dürften --
wie hat sich der Maßstab geändert! -- und wirklich erscheinen sie von der
Hütte aus wie eine geschlossene Mauer, die jeden Angriff abweisen muß.
In der Nähe löst sich die steile Fläche allerdings auf und bietet
gute Griffe und Tritte; immer aber ist sie außerordentlich exponiert und
erfordert in den knapp drei Stunden, die man bis zum überraschend
großen Gipfelplateau der mittleren und höchsten Spitze (2705 m) braucht,
strengstes Aufpassen. Die Kletterschuhe legten wir diesmal schon in
der Hütte an, und kraft ihrer Anschmiegsamkeit an den Fels, und der
Überlegung, die sich schwierigen Situationen gegenüber plötzlich
einstellt, ging alles vorzüglich. Meine Zwirnhandschuhe waren zwar
»hin« -- ich kletterte zum Erstaunen aller geaichten Alpinisten nie ohne
Handschuhe --, denn die Felsen waren scharf und fest zugreifen mußte man
schon; aber die Glieder gottlob heil! Ganz so gut ging's uns beim Abstieg
zur Scharte zwischen der mittleren und östlichen Spitze nicht. Diese Tour
ist außer Mode -- entthront durch den Grasleitenturm! -- und es fand sich
deshalb viel brüchiges Gestein vor uns, das sonst von den Kletterern nach
und nach beseitigt wird. So war bei der großen Exponiertheit doppelte
Vorsicht geboten. Der Hochtourist entdeckte einen Kamin, der ihn stark
anlockte, und grade stiegen wir in ihn hinein, er voran, ich in der Mitte,
der Führer mich von oben bewachend, als ein entsetzliches Getöse über
uns entstand. Ich blickte zum senkrecht über uns stehenden Gipfel,
schrie: »Steinschlag!« -- und drückte den Kopf in eine Felsspalte. Ein
faustgroßer Stein traf mich schmerzhaft auf der Hüfte, und pflichtgemäß
schrie ich auf; aber es war wohl mehr die Angst vor der Ungewißheit:
»Kommt noch mehr -- und kommen noch größere?« Recht peinliche
Augenblicke sind das, die man da zubringen muß, als Spielzeug des Zufalls!
Rasch wie er gekommen, war der Steinschlag vorüber -- man atmete auf --
und machte sich wieder an die Arbeit. Es erwies sich, daß meine Beine
für einen Tritt im Kamin zu kurz waren, und ich hing daher einige Meter
zwischen Himmel und Erde, was man euphemistisch »abgeseilt werden« nennt.
Aber wenige Minuten später stand auch ich auf der mit Schnee bedeckten
Scharte, und kaum eine halbe Stunde später erreichten wir den östlichen
Gipfel, womit alle Schwierigkeiten ihr Ende gefunden hatten. Denn der
Abstieg zum Molignonpaß ist nur ein Spaziergang von wenigen Minuten. Dort
standen allein und in der Mittagsstunde bratend, unsere Genagelten, die ein
Hüterjunge hinaufgetragen hatte, und die uns nun im Schutt hochwillkommen
waren. Wirklich, eine schöne _und_ schwierige Tour war's, die man weniger
wegen der Aussicht -- sie ist nur nach Westen und Norden lohnend, im
Osten und Süden lagern sich höhere Gipfel vor -- als um der reinen
Kletterfreude willen macht. Eine Extrabelohnung ist noch der Weg von der
Grasleitenhütte durchs Tschamintal. Wald und Matten dünken einem zwar
immer besonders herrlich nach ein paar Tagen in den steinernen oder
firnenreichen Wüsten des Hochgebirges. Aber der Blick rückwärts vom
idyllischen Tal auf die von unten überaus kühn und steil aufragenden
Valbuonköpfe, die Grasleitentürme und die Spitzen, die man nun stolz wie
alte Bekannte grüßt, ist von einem großen und unvergeßlichen Zauber.
Und ein letztes Mal noch umfaßt man die verlorene Herrlichkeit vom kleinen
Kapellchen St. Cyprian aus, bei Weißlahnbad, einem willkommenen, oft
benutzten Vorwurf für die Maler; und trägt die Erinnerung an so viel
glückliche, wenn auch mühevolle Tage und Stunden mit sich, wenn man
auf leise schmerzenden Füßen durchs Tierser Tal in die Welt der
Alltäglichkeit und Flachheit zurückwandert.
Hüttenleben.
Die meisten Menschen, die im Sommer eine Erholung suchen, wollen's
»gemütlich« haben. Je nach ihren Ansprüchen und Mitteln wählen sie den
Aufenthalt in einem eleganten Bade, einem bescheidenen Kurorte oder, wie's
jetzt »Mode« geworden ist, in abgelegenen, primitiven Bauernhäusern;
Bedingung bleibt immer, daß man es sich eben nach seiner Auffassung
»gemütlich« machen kann, jede geistige und körperliche Anstrengung
vermeidet und alle vierundzwanzig Stunden einem Dolcefarniente weiht. Im
Durchschnitt wird das ja nun das richtige sein, um die Nerven zu beruhigen
-- worauf es den Sommerfrischlern in der Hauptsache ankommt! Der einzige,
der auf sein Programm nicht mit rosa Lettern und nachlässiger Schrift das
Wort »Frieden« schreibt, ist der Hochtourist. Zwar bringt sicherlich ihm
am ehesten die köstliche Bergeinsamkeit allmählich ein inneres Ausruhen
und eine wirkliche Befriedigung, aber vor seinen Erfolg haben die Götter
in Wahrheit viel Schweiß gesetzt -- er muß täglich aufs neue kämpfen,
mit sich selbst, mit der Natur, um den wohlverdienten Lohn zu empfangen.
Von »Gemütlichkeit« ist bei ihm nicht viel die Rede. Schon seine
Ausrüstung deutet auf die Anstrengungen, Gefahren und Entbehrungen, die
seiner warten. Er allein löst sich in den Wochen seiner alpinen Tätigkeit
von der Zivilisation; noch mehr: auch auf die ihm angeborene oder
anerzogene Kultur muß er ein wenig verzichten, soweit sie seinen äußeren
Menschen anbelangt. Das tägliche Bad, frische Wäsche, Kleiderwechsel zu
jeder Tageszeit oder jedem Witterungsumschlag, das gibt's ebensowenig wie
pünktliche Mahlzeiten, einen mit Luxus gedeckten und mit reicher Auswahl
besetzten Tisch. Von vornherein läßt sich also annehmen, daß sich nur
diejenigen den Bergsport zur Erholung erwählen, die von den elf Monaten
ihres bürgerlichen Daseins nicht »untergekriegt« sind und einen Vorrat
an unverbrauchten Nerven und fester Gesundheit besitzen, der sie befähigt,
den kommenden Strapazen Trotz zu bieten.
Sieht man sich einmal die alljährlich stark anwachsenden Mitgliederlisten
des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins wie der übrigen
zahlreichen alpinen Klubs und Vereinigungen an, so darf man daraus wohl
nicht mit Unrecht einen Schluß auf die Volkskraft und -gesundheit ziehen.
Steigt von all diesen Hunderttausenden jährlich auch nur ein gewisser
Prozentsatz wirklich auf die Berge, so genügt er doch, um uns nicht ganz
hoffnungslos in die Zukunft unserer Rasse schauen zu lassen; wir sind
darnach doch nicht so entnervt, verbraucht und dekadent, wie manche
Schwarzseher uns in klugen, wissenschaftlichen, aber sehr schmerzenden
Abhandlungen darzustellen belieben! Leute, die sich wochenlang auf ihre
eigenen Füße verlassen, ihr Gepäck, oft auch den Proviant für mehrere
Tage selbst schleppen und mit der einfachsten Lagerstatt und den simpelsten
Mahlzeiten für die ganze Zeit vorliebnehmen -- alles aus Begeisterung für
die Natur und ihren Sport --, in denen lebt noch etwas von dem echten, so
oft verspotteten und angefeindeten deutschen Gemüt und dem Wesen, an
dem nach des Dichters Wort die Welt genesen sollte. (Was sie vorläufig
allerdings vorgezogen hat, nicht zu tun!) Uns aber behüte dieser Beweis
unerschütterter Gesundheit vor dem Verzagen. -- »Aber auf den Hütten,
nicht wahr, soll es doch so unterhaltend sein?« -- Wie man's nimmt.
Unterhaltend, ja; für Leute, die eben mit Leib und Seele Alpinisten sind.
Denn erzählt wird fast nichts als von besonderen neuen Anstiegen, alpinen
Erfolgen -- oder Katastrophen. Heiter ist es deshalb nicht immer; dafür
belehrend, auch durch die Art, wie erzählt wird. Man sieht aus ihr, wie
rasch unter den Kundigen Prahler und Lügner entlarvt werden, wie
nur wirkliche Energie und Intelligenz anerkannt und der fade, sich
wiederholende Schwätzer bald zur Ruhe verwiesen oder zur Einsamkeit
verdammt wird. Auch sonst wirkt das Hüttenleben durchaus erzieherisch.
Keine Idee von den unsichtbaren Triumphbogen, die unten im Tal der Wirt und
der Portier für jeden noch so harmlosen Gast in aller Devotion erbauen!
Man mag von der eigenen Leistung bis zum Mützenrand erfüllt sein oder die
Brust von den kühnsten Vornahmen für den kommenden Tag geschwellt haben
-- man rückt bescheiden vor der Hütte an, stellt den Pickel, der sich so
schön ausnimmt, mit seinem vernarbten Stock nach allgemeinem Brauch vor
der Tür auf, läßt den Rucksack im Gang auf die Erde gleiten und betritt
möglichst unauffällig und ebensowenig von den Anwesenden irgendwie
beachtet den inneren Raum. Ein »Grüß Gott!« mit dem Wirtschafter und
den Gästen, an deren Tisch man Platz nimmt, ausgetauscht -- das ist
alles. Dann erfährt man so nebenher, daß die Einzelzimmer, falls solche
überhaupt vorhanden, schon vergeben sind. Daß leider das frische Fleisch
schon verzehrt wurde und von allen Konserven nur noch Gulasch, was einem
schon wegen des folgenden Durstes zuwider ist, angeboten werden kann.
Wasser zum Waschen gibt's schon seit mehreren Tagen nicht mehr -- kein
Regen und viel Besuch! Aber daß es morgen schlecht Wetter wird -- wo man
sich seit Jahren gerade auf diesen Gipfel gefreut hat -- ja, das scheint
Tatsache zu sein. Wie aufrichtig dankbar ist man, daß es doch noch einen
Teller Erbssuppe gibt -- wie sparsam geht man mit dem Töpfchen warm Wasser
um, das den ganzen Abend zur Limonade reichen soll! Selten ist man sich
so erquickt und ausgeruht vorgekommen wie nach einer halben Stunde auf der
harten Holzbank, im Rauch verschiedensten Tabaks und dem Duft der Küche,
deren Tür wegen der angenehmen Wärme nicht geschlossen wird. -- Hat man
dann ein Lager für die Nacht angewiesen bekommen, so wechselt man dort,
auf der Pritsche sitzend, seine Bergstiefel gegen die Hausschuhe. Das
Glücksgefühl hierüber kann nur der teilen, der neun bis zehn Stunden
die Nägelbeschlagenen bergauf und bergab gesetzt hat. Unten findet man
die Gaststube leer -- alle sind hinausgeeilt, die eben noch todmüde,
verhungert, unfähig, ein Glied zu rühren, waren, um den Sonnenuntergang
zu sehen. Niemand spricht. Jeder schaut nur -- ist versunken in den
erhebenden, heiligen Anblick des langsam in einem Purpurmeer vertauchenden
Gestirns. Wie noch hier und dort ein Hang in voller Pracht strahlt -- im
Tal ein Fensterchen wie ein mächtiger Diamant aufblitzt -- die Wolken
allmählich die stille, sanfte Glut annehmen, die das Herz mit Sehnsucht
nach den Herrlichkeiten erfüllt, die sie verschleiern -- und dann, von
der Tiefe aufsteigend, Nacht und Schatten sich um den Fuß der Berge legen,
höher und höher klimmen und schließlich die Welt ringsum in den Schoß
der Unendlichkeit aufnehmen. Die Menschen hier oben, die vom Zufall
zusammengeweht sind, stehen wie auf einer kleinen Insel. Leise streicht der
Wind durch das magere, kurze Gras -- kein Laut, kein Ton sonst! Ja, jetzt
ist Friede. Der Friede, um den sie hier heraufgestiegen sind. Die großen
Schauer der Einsamkeit rütteln an ihrer Seele; hier oben erwacht sie und
füllt sich mit heiliger Freude, daß sie noch imstande ist, die Wunder
ringsum bis ins kleinste zu empfinden und zu genießen.
Schweigend kehrt man endlich, wenn das Auge nichts mehr unterscheidet, in
die Hütte zurück. Und nun kann's eine »gemütliche« Stunde geben --
vielleicht! Nicht immer. Manche Menschen besinnen sich zu schnell auf die
nüchterne Wirklichkeit und ihr Naturell zurück; nur wenige haben
den richtigen »Hüttenton«, der eben einen geraden, harmlosen,
ungekünstelten Charakter voraussetzt. Alles Gemachte, Unnatürliche hält
dem schlichten Rahmen der Holzwände und weiter draußen dem der
starren Felsen nicht stand. Hier ist Natur. Sie fordert unverfälschtes
Menschentum. »Laß die Berge den Frieden bringen unter das Volk und die
Hügel die Gerechtigkeit.« Ich glaube nicht, daß König Salomo das war,
was wir heute einen Alpinisten nennen. Aber den Zauber wie die Allmacht der
Berge auf das Menschenherz -- die hatte er voll erkannt.
Eine unterirdische Hochtour.
Es regnete nicht: es goß. Das beliebte Münchener Schlackerwetter, das die
Luft in undurchsichtige Rauchschwaden umwandelt und die Straßen mit zähem
Brei überzieht, so daß man beständig, nur unpoetischer: »Schwan kleb'
an« spielt, hatte einmal wieder von uns Besitz ergriffen, auch vom Herzen
und allen Sinnen.
»Und doch ein Wetter, wie geschaffen für eine Bergtour«, sagte mein
Hochtourist.
Ich sah ihn an: ein Meter Neuschnee wurde von allen Höhen gemeldet, bis
tief ins Tal lag schon die weiße Decke, das Thermometer zeigte an meinem
wärmsten Fenster (allerdings Nord-Nord-Ost!) vier Grad um die Mittagszeit
und sank nachts in nicht zu berechnende Niederungen -- und dann eine
Hochtour?
»Gewiß -- aber eine unterirdische. Dazu langt's grade. Oder vielmehr,
da können einem endlich mal alle Wetterprophezeiungen und -nachrichten
gleichgültig sein, da ist man unabhängig, frei -- also?« Und auf mein
Zögern und den nachdenklichen Blick in das braune Düster, das sich
für Tageslicht ausgibt, lockert er mit geschickter Hand den letzten, im
Bequemlichkeitskamin festgeklemmten Stein:
»Am 24. September haben sie's eröffnet -- und wir waren noch nicht
draußen!«
Der Stein rollt. So was kann man nicht auf sich sitzen lassen! Aber ich
versuche am nächsten Morgen doch meine Genagelten recht graziös und
unhörbar aufzusetzen, um von niemand beim Abstieg von meiner Etage in
die Ebene überrascht zu werden -- denn ein Badekostüm mit imprägnierter
Fußbekleidung wäre immerhin noch passender als das Hochtouristenkostüm
und der Rucksack. Bei der endlos langen Fahrt mit der Tram zum
Isartalbahnhof hinaus lernt man jedoch einsehen, wie unnötig wichtig man
sich wieder einmal vorkam, und daß sich der gute Münchener, der an die
größten Kontraste in der Toilette seiner Mitmenschen gewöhnt ist, wegen
einer, »die spinnt,« d. h. nicht ganz richtig im Kopf ist, nicht weiter
aufregt. Der Hochtourist wandert rauchend am Zug auf und ab und ignoriert
alle bescheidenen Einwürfe: »Ja, wer eben feig' ist, der soll daheim
›am Stuhl‹ sitzen bleiben.« Ich fahre also mit ihm ab; an den
entzückenden, heute nur zu ahnenden Villenkolonien und Ortschaften des
Isartales vorbei. Hinter Wolfratshausen -- nicht eine Minute eher, denn
von der Geburt bis zum Grabe speist der Münchener um 1 Uhr -- dinieren
wir kalt aus dem Rucksack. Kalte Gans, kalte Kotelette, kalte Äpfel, kalte
Limonade -- um uns als moderne Menschen harmonisch der kalten Umgebung
anzupassen. »Jetzt fahren wir mit 'm Postauto -- das wissen's doch?«
Ich habe es nicht gewußt und hätte nie eingewilligt -- daher schweige
ich.
In Kochel (sprich: Koh--chel) wartet es auf uns. Der Chauffeur heißt uns
als einzige Passagiere herzlich willkommen, und -- o Wunder! -- es regnet
nicht mehr, es sinkt nur noch feucht, aber äußerst durchdringend aus dem
Nebel nieder. »Koh--chel« am gleichnamigen See durchfliegen wir und in
ängstlichen Kurven die Landstraße auf und ab, an Obstgärten mit traurig
leeren Bäumen vorüber -- durch Wald, dem die Sonne fehlt, um seine
rostbraune Schönheit aufleuchten zu lassen, an steilen Hängen hin, um
schmale Kehren herum, bei denen es heißt: »Hier könnte man sonst den
und den Berg sehen« -- »da gäb's eine herrliche Talaussicht« --
die Phantasie bekommt Spielraum genug -- das hat auch sein Gutes. Den
Walchensee, an dessen Ufer, in Urfeld, es eine erste Station gibt, sieht
man wirklich. Und freut sich, daß er noch da ist. »Verschandelt« nach
Münchener Ansicht soll er nach dem berühmten Projekt, das ihn einerseits
als Staubecken vorsieht, um den Lauf der Isar zu regulieren, andererseits
seine Wasserkräfte für elektrische Werke -- man denkt an verschiedene
Bahnlinien -- ausnutzen will, vom nächsten Jahr an doch schon werden.
Freilich, zur »Reisezeit« will man ihm seinen früheren Bestand gönnen,
und tiefer als unter 4.60 m seines gewöhnlichen Standes soll er sowieso
nie gesetzt werden! Aber es ist wohl leider so: die Poesie und Idylle muß
der Nützlichkeit weichen; durch einen 1070 m langen Stollen, der durch den
Kesselberg gebohrt werden wird, soll das Walchenseewasser zum 200 m tiefer
gelegenen Kochel geleitet werden, wodurch natürlich auch hier große
Umwälzungen nötig sein werden, um den Bestand des Kochelsees zu
regulieren. Über Nutzen oder Schaden dieser Riesenpläne ist man sich in
Bayern noch recht wenig einig -- das Projekt jedoch wird verwirklicht und
soll 19?? beendet sein. Heute sieht der vergewaltigte See recht friedlich
aus; wie im Urzustand, ein Chaos von Wolken über ihm, als sei Wasser und
festes Land um ihn her noch nicht geschieden. Aber unser Fuß fühlt eine
etwas konsistentere Masse, als wir in Dorf Walchensee von Bord -- nein,
Verzeihung, es war doch ein Auto! -- gehen. Und dann noch drei Viertel
Stunden zu Fuß über den Katzenkopf, einen waldbestandenen Hügel, der
reizend sein soll, wenn man ihn sieht, nicht nur fühlt, nach Einsiedl.
Ein hübsches Gasthaus am Ende des Sees -- aber sehr einsiedelhaft in der
jetzigen Saison. Die Autos rasen seitwärts die »Staatsstraße« empor,
die nur ein paar Meter vom Haus vorbeiführt und es dennoch vom Getriebe
ausschließt. Zwar, wir sind dankbar für die Ruhe. Und zufrieden, dicht am
Ziel zu sein.
Am nächsten Morgen segeln die Nebel unter gutem Wind über den See. Es
hat stark gereift in der Nacht, und die Luft ist von köstlicher Herbe;
vorläufig kann's uns ja noch egal sein -- aber später! -- Eine gute halbe
Stunde geht es auf einem schmalen, frischausgehobenen Weg steil bergauf;
wie ein schwarzes Land hebt sich die fruchtbare, schwere Erde vom Moosboden
ab. Überall Markierungen, Pfeile, Schilder: »Es ist verboten --« und
»es wird gebeten --«, ich fürchte, beides ohne viel Erfolg. Der Verein
der »Naturfreunde«, dessen Arbeit uns diese Tour ermöglicht, wird bald
sehen, daß es ein undankbares Geschäft ist, an das ästhetische Gefühl
seiner Mitmenschen zu appellieren -- schon jetzt finden sich genug
häßliche Spuren des »Kulturmenschen« vor. Dann stehen wir vor
der Höhle, der Angerhöhle am Simetsberg, der unser Besuch und die
»Hochtour« gelten soll. Der obengenannte Verein hat sie erschlossen,
weist aber am Eingang noch einmal darauf hin, daß ihr Besuch nur auf
eigene Rechnung und Gefahr geschähe; in einem Prospekt, den ich erhielt,
heißt es außerdem, daß die Höhle nur in Begleitung und mit Reservelicht
zu betreten und ihre Begehung mit Schwindel behafteten, ungeübten und
korpulenten Personen nicht zu raten sei. Man macht also wirklich eine
alpin-touristische Kletterei, eine richtige Hochtour im Innern der Erde!