viele Meter Seil über mir und durch Felsen versteckt, »der Herr wird Ihna
schon zurufen, wo S' hintreten müssen!« Der Hochtourist war zu diesem
löblichen Zwecke vorangeklettert. Aber kein Rat, keine Hilfe kam, und als
ich endlich hochatmend innehalten mußte, weil des Seiles Länge erschöpft
war, saß der Hochtourist gerettet und seelenruhig auf einem Vorsprung und
versuchte den winzigsten Zigarrenstummel in Brand zu setzen, den ich je als
noch brauchbar gesehen habe! Ja, man macht noch nebenher Charakterstudien
in den Bergen. Eine ekelhafte, überhängende rote Nase kam; da ich mit
den Füßen den spannbreiten Grat nicht erreichen konnte, sollte ich mich
»einfach herunterlassen«. Ich streikte, der Hochtourist stampfte auf dem
ohnehin schon wackligen Grat, der Führer schrie sinnloses Zeug von oben
-- ich kniete an einem senkrechten Abbruch auf einem Eck so groß wie
eine Schwefelholzschachtel und wurde noch einmal energisch ersucht, diesen
hervorragenden Stützpunkt nun »einfach« für die Ellbogen zu nehmen!
Ich schrie alles zurück, was mir im Moment nur an tötlichen Beleidigungen
einfiel -- und dann entdeckte »man« -- ich sage »ich«, der Hochtourist
»er«, der Führer »wegen meiner« -- die Idee eines Trittes an der
Außenwand der Nase, auf die ich meinen rechten Fuß stemmen konnte --
gewonnen hatten wir! Der Hochtourist zündete den Stummel frisch an.
Nach zwei Stunden heißer Arbeit standen wir am Zimbajoch -- die großen
Schwierigkeiten hatten damit ein Ende. Immerhin aber folgte noch ein
zweistündiger, zum Teil recht ungemütlicher Abstieg über steilen
Schroffen und mit Platten durchsetzten Grashänge, die größte
Aufmerksamkeit und vollständige Trittsicherheit erforderten, da es für
die Hände so gut wie gar keine »Griffe« gab. Schon vom Joch aus, auf dem
wir unsere Rucksäcke wieder vorfanden, winkte uns von unten die hübsche
und allerliebst eingerichtete Heinrich-Hueter-Hütte, in der es wieder eine
Ruhepause und eine Erfrischung gab.
Auf den grünen Matten, von der diese Hütte umgeben ist, sowie auf dem
Übergang übers Säulejoch zur Douglas-Hütte habe ich übrigens zum
erstenmal Murmeltiere nicht nur »pfeifen« hören, sondern spielen sehen
und Männchen machen.
»Zum Abgewöhnen« kam also noch der »hochalpine Spaziergang« zur
Douglas-Hütte hinüber, der eigentlich noch gar nicht eröffnet war -- die
offizielle Eröffnung der wirklich entzückenden Weganlage, die andauernd
die schönsten Blicke bietet, ist erst einige Tage später erfolgt; in zwei
Stunden erreicht man den köstlich blauen Lünersee, an dessen Ufer die
berühmte, höchst originelle Douglas-Hütte »eingegraben« ist, könnte
man sagen. Denn um sie vor Lawinengefahr zu schützen, ist sie von einer
langen, festen Mauer bis zum Dach gedeckt, und alle Räume der drei wie
unterirdisch wirkenden, nach Bedürfnis entstandenen Bauten haben nur
Fenster zur Seeseite hin. Und hier gab es einbettige Zimmer -- man
vergißt ganz, daß so was Schönes auf der Welt existiert! -- und schöne
Waschtische -- und die Möglichkeit, sich ungeniert aus- und anzuziehen!
Man wird dankbar auf Bergeshöhen. Und wie das Essen schmeckte -- nach
elfstündiger »Arbeit« inklusive der Freundlichkeiten des »Zimba«.
Um neun Uhr nach notdürftiger Stopfung aller Löcher und Dreiecke in den
»Unaussprechlichen« fällt man ins Bett. Aber lang wird der Schlummer
doch nicht sein: »Um vier Uhr bereit -- zur Scesaplana!« =Il faut obéir=
-- mitgegangen, mitgehangen!
* * * * *
»Der Morgen läßt sich schön an«, bemerkte ich im Dämmern des
Frühmorgens am nächsten Tage. Zwischen besonderen körperlichen
Anstrengungen finde ich es sehr wohltuend, mich einmal außergewöhnlicher
Ausdrucksweise zu bedienen. Warum, weiß ich nicht. Und helfen tat es auch
durchaus nicht. Der Weg von der Douglas-Hütte zur Scesaplana hinauf ist
weder hervorragend anstrengend noch schwierig -- dafür aber auch nicht
unterhaltsam. »Er zieht sich«, in Volksmundart; und die Beine derer,
die in unstillbarem Höhendrang lange vor der Sonne ausmarschiert waren,
tauchten wieder und wieder über unsern Häuptern an den ewigen Kurven auf.
Schade, man verlor sich gar nicht aus den Augen! Wir beeilten uns deshalb
auch nicht; von der Serie der Frühaufsteher waren wir ohnehin die letzten
-- der zweite Schub sind die Bequemen, Langschläfer, der dritte die gegen
jede Temperatur Immunen, die sich »in die Höh' schwitzen«, um dafür
körperlich abzunehmen. Die Sonne erwischte uns übrigens auf halbem Wege
und meinte es recht gut; auch lag mir der »Zimba« noch unvergessen in den
Gliedern. Trotzdem waren wir nach knapp drei Stunden ans Ende aller Kurven
gelangt, sahen eine Stange ragen, machten noch einmal: »Rechtsum --
kehrt!« =Voilà= -- der mit einer Art von Backofen geschmückte Gipfel;
hinter einer richtigen Ofentür liegt das Gipfelbuch. »So recht 'ne Frau,
die so etwas als erstes bemerkt«, meinte mein Hochtourist, der mit diesem
Aufstieg nicht auf seine Kosten gekommen war, was »Bewegung« anbelangt
nämlich. Sonst -- der Berg ist wunderbar! Was bietet er nicht alles durch
seine isolierte Lage: eine unbegrenzte Aussicht auf die Ostalpen (Tiroler)
und Westalpen (Schweizer), auf deren Grenze er gerade emporsteigt. Von
den Ötztalern und der Ortlergruppe im Osten bis zum Monte Rosa im Westen
schaut man und nach Norden hinunter in die schwäbische Ebene, sieht die
blaue Fläche des Bodensees aufleuchten, kann das ganze Rheintal verfolgen
von der Quelle bis zur Mündung in den Bodensee, nickt der alten Bekannten,
der Silvretta, zu, freut sich an der Bernina-Gruppe -- und immer Neues,
Fesselndes steigt aus blaudunstiger Ferne auf -- man hat das Gefühl, man
stände recht im Herzen der Alpen! -- Nichts störte uns am Genießen;
jetzt erst wurde es oben warm, Sachsen und Schweizer zogen schon längst
wieder bergab -- allein in Stille und Schönheit und vor dem immer
wechselnden Spiel zartester Nebelwolken an den Bergwänden, zu schweigen
von der Farbenskala, die der Morgen auf der Palette seiner Ebenen mischte.
»Die Scesaplana ist die Königin des Rhätikons« -- man beuge sich
ihrer Würde! Aber schließlich muß man doch wieder »bergab«. Über den
Brandnerferner ging's, dessen aufgeweichte, dunkle, »sumpfige« Flecken
wir sorgsam vermieden. Gegen diesen Sommer nützt der beste Gletscher
nichts! Aber rückwärts schauten wir und bewunderten die steilen,
merkwürdig geschichteten Schroffen, in denen der Berg zu dieser Seite
abfällt; und so harmlos ist er von der andern! In der Straßburger Hütte,
die direkt am Ferner liegt und schon in einer Stunde zu erreichen ist,
frühstückten wir. Auf kunstvoll in den Fels gesprengten Wegen, die
zwar Schwindelfreiheit verlangen, für Geübte aber nur ein »alpiner
Spaziergang« sind, erreichten wir den »Spusagang«, wie der letzte Teil
des ganz großartigen, oft mit Drahtseilen und Leitern gesicherten Steiges
heißt, der ins Gamperdonatal hinabführt. Viel erlebt man an solch einem
Morgen: öde Hochgebirgsformationen, Gletscher, starre Felswände, die
unbesieglich scheinen, und in die doch der Felswurm »Mensch« seine
kleine Bahn gegraben hat --, Schutthänge, steile »Wasen«, wie das Gras
heißt --, schließlich wieder Latschengestrüpp als neueinsetzende Flora,
allmählich Kiefern, Ahorne -- Matten neben dem zu Tal rauschenden Wildbach
-- und zum Schluß ein Idyll. Ein echtes, köstliches Idyll. Das ist der
»Nenzinger Himmel« im Gamperdonatal mit seinem Sommerdorf Sankt Rochus.
Unsymmetrisch verstreut auf den Matten stehen eine Menge kleiner Almhütten
-- es sind Sommerhütten der Bauern und Bewohner aus Nenzing, die hier oben
her ihre Herden auf ihre vier großen Almen treiben, sie jetzt aber schon
alle, ungefähr 700 Stück graubrauner Kühe, in Sankt Rochus vereint
hatten. Selten habe ich so ein hübsches, friedliches Bild gesehen wie
dieses Sommerdorf mit seiner kleinen Kapelle, dem hübschen Wirtshaus --
den verstreuten Häuschen und dem Vieh, das sich durchaus als Hauptsache
empfindet und ungeniert Nahrung, Wasser und Schatten sucht, wo es ihm
paßt. In großen Ställen wird das Melken besorgt, und zwar nur durch
Sennen -- und Sommerfrischlerinnen, die das grüne Nest auch schon entdeckt
haben, erscheinen in blauen Leinenhosen, um sich selbst ihre Milch zu
holen. Aber der fremde Einschlag stört hier nicht -- er ordnet sich der
Stimmung unter.
Der Abstieg von diesem »Himmel« ins Tal, d. h. in die Ebene, dauert vier
gute Stunden, vollzieht sich aber auf so schönem Wege, meistens durch Wald
und höchst romantisch neben der wilden Klamm des Mengbaches, daß man
Zeit und leisen Druck vergißt, den das »Bergab« allmählich in Knien und
Füßen doch hervorruft. Und nun atmet man wieder die Luft des Tieflandes
und möchte wie das mexikanische Tier mit dem schönen Namen Axolotl sich
auch anpassen können: ein paar Lungen, weit und groß genug haben, um
unendlich viel reinen Ozon dort oben auf den Bergen in sich aufzuspeichern,
und zwei Kiemen, die hier unten allen Staub zurückzuhalten vermögen! Ob
man nicht bei fleißigem Kraxeln dazu käme?!
Streifzüge in Südtirol.
Nein, das hatten wir nicht erwartet! Wozu waren wir denn über den Brenner
gefahren, hatten uns die Tauern aus dem Sinn geschlagen und uns den
südlichen Alpen zugewandt, wenn nicht in der bestimmten Hoffnung, dort
Wärme, Sonne, Wohlbehagen zu finden?! Und nun saßen wir im dichtesten
Schneesturm seit drei Tagen auf der Spitze des »Bechers«, zwar im
gutgeheizten Zimmer des »Kaiserin-Elisabeth-Hauses«, das mit echt
norddeutscher Sorgfalt von der Sektion Hannover bewirtschaftet wird, und
als Unikum einer Hütte eine kleine Kapelle, die höchstgelegene Europas,
besitzt. Sie ist durch das Verbot der Geistlichkeit Tirols, daß die
Führer am Sonntag nicht auf eine Tour gehen dürfen, ehe sie die Messe
gehört haben, entstanden; und während des ganzen Sommers finden sich
junge und alte Pfarrer, die den Aufstieg nicht scheuen und in einer Höhe
von 3203 m ihres Amtes walten. Aber die Nächte »dicht beim lieben Gott«
und bei soundsoviel Grad Minus sind immer ungemütlich, im Wirtszimmer
sitzt man Ellbogen an Ellbogen, und von den übrigen schönen Bergen,
die man von hier aus noch besteigen wollte, ist auch nicht die kleinste
Nasenspitze sichtbar -- weißes Flockengestiebe ringsum! Da wurde
schließlich auch mein Hochtourist, der mich »in die Schönheit der
Stubaier« einführen wollte und der im allgemeinen zäh wie Bergmoos
ist, von stiller Raserei ergriffen, die sich gegen den Eigensinn der Natur
kehrte. Kurz hieß es: »Jetzt wird mir's z'dumm -- jetzt wird gegangen!«
Also gingen wir. Tiefbetrauert ob unseres Leichtsinns von den am warmen
Ofen Hinterbliebenen, und sobald man wenigstens drei Schritte vor sich
hin sehen konnte; des Morgens um sechs und bei dichtem Schneegestöber und
einem Sturm, der sich von allen Gletschern in der Runde -- und sie sind
dort grade nicht selten! -- neuen Atem und frische Kälte zu holen schien.
Nachdem wir in aufreibendem Kampf die Schwarzwandscharte erreicht hatten,
wo sich übrigens (Nachricht für Einbrecher!) eine Proviantstation fürs
Becherhaus befindet, d. h. Kisten und Fässer lagern frei im tiefen
Schnee, konnten wir wenigstens über ein paar spaltenlose Gletscher im
Sitz abfahren, mir eine der liebsten Arten der Fortbewegung, und so in
verhältnismäßig kurzer Zeit weniger arktische Umgebungen gewinnen,
in denen gefühlvoll statt des Schnees -- Regen einsetzte. Mit ihm
plätscherten wir abwärts. Allmählich wurden einige Gipfel frei,
unter andern der »Botzer«, der auf unserem Programm stand und uns nun
auszulachen schien, auch die eisgepanzerten Recken des Seebertals. Auf
der Timmel-Alm, auf der hauptsächlich Pferde gepflegt werden, gab es am
rauschenden Bach das übliche Rucksack-Frühstück -- inzwischen war es
zehn geworden -- und gestärkt geht's vorwärts, in der unberechtigten
Annahme, die ärgste Arbeit des Tages hinter sich zu haben. Welch
betrüblicher Irrtum! Endlos zieht sich der Weg dahin, durch einförmige
Talgründe und entschieden in ein südlicheres Klima. Es wird warm, heiß
-- die Sonne brennt, der Wind verstummt, die Wege werden steiler und
steiniger. Recht erschöpft trinkt man um drei Uhr nachmittags in Moos
im Passeier diesen guten österreichischen Kaffee, den kein Land ähnlich
herstellen kann und der auch diesmal die Kraft zum letzten Wegende geben
soll. Trotz der prachtvoll angelegten neuen Straße nach Sankt Leonhard
sind diese zwei Stunden recht bitter -- und dann die Furcht, ob man den
Autobus, der uns nach Meran befördern soll, noch erreicht, vor allem, ob
es noch Freiplätze in ihm gibt! Kurz vor der Abfahrt kommt man in Sankt
Leonhard an -- und diesmal ist man dem schlechten Wetter von Herzen
dankbar, das die anderen Touristen in Hütten oder Standquartieren
festhält und eigenen mürben Gliedern behagliche Sitze beschert. Eine
Stunde später bewundert man schon die subtropische Vegetation Merans
an der Gilfpromenade, genießt den köstlichen Anblick der von Trauben
behangenen Weingärten, der früchtereichen Obstbäume. Welch ein Kontrast
zum Morgen -- diese üppige Flora, diese angenehme Wärme -- endlich,
endlich hat man sie gefunden!
»Nach Meran«, meinte mein Hochtourist verächtlich, »ziehen mich im
Sommer keine zehn Pferde!« Ein ausgiebiger Schneesturm hat ihn eines
andern und bessern belehrt. Denn es ist hier einfach himmlisch; die Luft
andauernd von leichter Brise erfrischt, prangende Fruchtbarkeit ringsum,
auf den schönen Promenaden keine armen Kranken, sondern stämmige
Touristen und jauchzende Meraner Kinder, die nun auch einmal die Vorteile
dieses gesegneten Landes genießen. Die Kurverwaltung tut ihr Möglichstes,
um die Passanten zum Bleiben zu bewegen; morgens und abends konzertiert
die Kapelle wie zur Hochsaison, prächtige Waldspaziergänge hinauf zu den
Schlössern Tirol, Lebenberg, Schönna locken -- selbst das Steigen fällt
bei der kühlen Temperatur nicht schwer -- und wer dennoch reine Höhenluft
möchte, fährt mit der im vorigen Herbst eröffneten Vigiljoch-Schwebebahn
auf das Vigiljoch empor. Das reizende, kleine, im Bauernstil gehaltene
Hotel dort oben liegt 1468 m hoch und bietet eine wundervolle Aussicht
ins Etschtal, hinter dem sich die Dolomiten aufbauen. Die Fahrt mit der
Schwebebahn an und für sich ist schon ein Genuß, da sich die Aussicht mit
jedem Meter, den man steigt, immer mehr weitet; außerdem ist sie technisch
in ihrer Länge von 2210 m, die einen Höhenunterschied von über 1150 m
bewältigt, eine großartige Leistung. -- Uns natürlich konnte das
stille Rasten am Vigiljoch nicht genügen. Wir wanderten noch am Abend zum
einsamen Gamplhof, der eine Stunde höher liegt als das Vigiljoch. Und von
ihm aus beim nächsten Morgengrauen in aussichtsreicher Kammwanderung über
den Rauhen Bühel und das Hochjoch zum Gipfel des Hochwart (2607 m). Er ist
ein hervorragend schöner Aussichtspunkt. In gewaltigem Rund streift das
Auge von den stolzen Eisriesen der Ortler-Gruppe über die Ötztaler
und Stubaier Alpen zu den wildgezackten Dolomiten, der Presanella- und
Adamello-Gruppe; selbst die Schweiz schickt durch die blinkenden Gipfel der
Bernina-Gruppe einen Gruß herüber. Ganz entzückend ist der Tiefblick
auf das grüne Vinschgau, das in seiner vollen Ausdehnung von Mals bis
zur Töll tief zu Füßen liegt. -- Den Abstieg, den wir teilweise pfadlos
über steinige Hänge und kaum erkennbare rauhe Alpenpfade ins Ultental
nahmen, kann ich nicht recht empfehlen. Er kürzt zwar den Weg zu unserm
nächsten Ziel, irgendeinem behaglichen Gasthaus in Sankt Waldburg drunten
nicht unbeträchtlich ab, doch nimmt er keinerlei Rücksicht auf ohnehin
schon müde Füße und vom Auf und Ab leicht verbogene Glieder. Wer
plagte sich nicht gern, um einen schönen Gipfel zu erreichen, aber im
Almen-Terrain überläßt man jeden Ehrgeiz den Kühen und Ziegen. Viele,
viele bittre Seufzer, bis man endlich, endlich den Rucksack abwerfen kann
und nach der üblichen Portion »Tiroler Schöps«, unter der sich --
wie immer -- eine schamhafte Ziege birgt, in sein Bett kriecht. Ein
vierzehnstündiger Marsch inklusive Berg genügt meinen bescheidenen
Ansprüchen an Bewegung durchaus! -- Schrecklich lang ist das Ultental,
das wir am nächsten Tage aufwärts wanderten, und das von der Falschauer
durchströmt wird. Die höchst romantische, schluchtenartige Mündung des
Tales und Baches bei Lana heißt die Gaul und wird von einem großartig
angelegten elektrischen Werk ausgenützt. Im obern Teil aber, der sich
gegen die Ausläufer der südöstlichen Ortler-Gruppe erstreckt, ist dies
Tal sehr einsam und von Touristen wenig besucht. Aber grade das zog uns an
-- und die Aussicht, einmal nicht in eine überfüllte, von der Mode, die
ja leider auch auf die Berge steigt, bevorzugte Hütte zu kommen. Der
Weg hebt und senkt sich an der Berglehne und durchschneidet bescheidene
Dörfer: Kuppelwies, Sankt Nikolaus, Sankt Gertraud, und für die Heiligen
dieser Ortschaften gibt's genug Kapellen und Kapellchen, mit Alpenblumen
geschmückt; an einem Marienbilde steht der rührende Vers, dessen Original
sich an der Gnadenbrücke im Etschtal befindet:
»Mein liebes Kind, wo gehst Du hin?
Weißt nicht, daß ich Dir Mutter bin?
Daß Keiner Dich liebt so wie ich?
So steh doch still und grüße mich!«
Nach dreiundeinhalb Stunden -- _sehr_ heiß! Aber »man« ist ja nie
zufrieden, womit ich gemeint sein soll -- Rast in Sankt Gertraud. Tiroler
Schöps. Und dann wird's ernst. Mit der Hitze und mit der Steilheit. »Am
Grünen See (2489 m) in der ›Neuen Welt‹, 3½ Stunden von St. Gertraud,
oberhalb der Weißbrunner Alm die Höchster Hütte (2500 m) in prächtiger
Lage,« liest man im Baedeker. Das klingt so einfach und nett, man geht,
nicht wahr, und plötzlich ist man da! Wasserfälle rauschen neben einem,
ein idyllisches Bild bietet mit ihrem Viehreichtum auch die große Alm --
und dann geht man eben immer weiter, immer höher, immer steiler aufwärts.
Die Hütte ist einzig in ihrer geschmackvollen Einrichtung, ihrer
glänzenden Bewirtschaftung, und gewiß will ich auch die »prächtige
Lage« an dem von Gletschern gespeisten See nicht leugnen. Aber ein klein
wenig weiter hätten gerade die Serpentinen der letzten Strecke angelegt
werden können -- sie lagen da wie eine fest aufgerollte Schlange und
mühsam dreht man sich auf ihr und um sich selbst empor. Das Kleinlautsein
der »bekannten Hochtouristin« nimmt doch bedeutend zu, als sie oben von
der Perle aller Wirtschafterinnen erfährt, daß der einzige Führer des
Ultentales, den man vorzufinden hoffte, noch eine Partie macht: Rückkehr
unbekannt! Und da sollte die Tagesarbeit umsonst gewesen sein, die geplante
Tour über's Zufrittjoch und die Zufrittspitze hinab ins Martelltal auch in
den Grünsee fließen --?! Der Hochtourist bewahrt männliche Fassung; aber
auch er ist entschlossen, seinen Rucksack nicht selbst vier Stunden lang
über die riesigen, steiglosen Trümmerhalden zum Joch hinauf zu schleppen
-- er studiert um. Und plötzlich tut er, als könne uns nichts Besseres
passieren, ja, als wäre es schon lange unsere einzige Sehnsucht, eine
große Gletschertour allein zu machen! »Die Hintere Eggenspitze,« sagt
er und deutet aus dem Fenster auf den schönen, weißen Gipfel, »das ist
sogar der höchste Berg in der östlichen Ortlergruppe! Und wie bequem, man
geht von der Hütte aus hinauf, ohne andres Gepäck als den Proviant, kommt
hierher zurück, ruht sich aus -- steigt wieder ins Tal --! Dabei der Weg
so einfach: eine Stunde lang grobes Moränengetrümmer, dann über den
Weißbrunngletscher ohne jede technische Schwierigkeit empor. Ich seile Sie
an -- und damit gut!« =Ce que homme veut= -- -- ich ergab mich. Als erstes
fehlte uns das Seil, das er schlauerweise oder aus Bequemlichkeit unten
im Koffer gelassen hatte. Die Hüttenwirtin lieh uns das neue Fahnenseil,
dessen 9-Millimeter-Stärke schlimmstenfalls ja genügt haben würde,
_mich_ zu halten. Zuerst also die einfachen Moränen, dann der einfache
Gletscher. »Ist er auch gefahrlos?« fragte ich, als wir vom Fels auf
den Firn hinübergingen und ich kunstgerecht als erste Fahne des Seils
angeknüpft wurde. Dabei entdeckte ich, daß mein Hochtourist in die 15 m
Seillänge, die zwischen uns Distanz halten sollten, eine Schlinge machte.
»Da hinein,« befahl er, ohne direkt auf meine Frage zu antworten,
»stoßen Sie sofort den Pickel bis zur Klinge, wenn ich einbreche, und
bohren ihn fest in den Schnee, was Sie weiter tun müssen, sage ich Ihnen
dann schon!« »Gern,« versprach ich mit übertriebener Freundlichkeit,
plötzlich dessen bewußt, daß ich im Ernstfalle gar nicht die Kraft haben
würde, ihn herauszuziehen. Verdient hätte er's ja auch keinesfalls -- nur
daß ich dann eben sanft nachgerutscht wäre! Anderthalb Stunden sondierte
die Gestalt vor mir mit dem Pickel Schritt für Schritt; denn die Stirn
dieses müden, alten Gletschers ist von Falten durchfurcht, die
der tückische Schnee sorgsam zugedeckt hat. Aber wir mußten diese
Schönheitsmängel aufspüren, Schritt für Schritt, und jeder sank
dazu tief in die weiche Decke. Ein paarmal drehte sich mein Wegweiser in
ziemlicher Hast zur Seite und sagte nur: »Dort nicht!« und ich empfand
schaudernd das Gefühl nachträglich, das einen befällt, wenn der Pickel
ins Leere, ins Bodenlose stößt; und dann brach er mit dem rechten Bein
wirklich ein, rief über die Schulter: »Festhalten!« und krabbelte am
Rand empor, während ich krampfhaft und todesmutig zog. Ich bilde mir auch
heute noch ein, daß nur ich eine Katastrophe verhütet habe -- bis heute
habe ich aber weder einen Dank noch eine Rettungsmedaille bekommen! Aber
dort: waren das nicht Spuren?! Ein Mensch mußte den Gletscher traversiert
haben und zum Zufrittjoch hinübergewandert sein. Wir hielten tapfer auf
die Trace los: und dann ergab sie sich als die zierlichen Abdrücke
von acht Gamsfüßen, die mit untrüglichem Instinkt, wie es sich
herausstellte, knapp vor jeder Spalte abgebogen waren. Auf meine innere
Verzweiflung hin, die sich nur in Seufzern und kurzen Verwünschungen alles
Bergsteigens äußerte, probierten wir einmal, im Fels aufwärts zu
kommen; aber er war teilweise mit Schnee bedeckt und dazu so plattig und
zertrümmert, so wenig Halt bietend für Fuß und Hand, daß wir reuig zu
den immer noch zuverlässigeren Gletscherspalten zurückkehrten. Endlich
der Grat! Er bietet keine Fährlichkeiten mehr; die anderthalb Stunden in
seinem Schnee sind zwar noch mühsam und nicht gerade wohltuend, denn trotz
des tiefblauen Himmels und der nun erscheinenden leuchtenden Sonne pfeift
ein eiskalter Wind uns ins Gesicht; aber nun haben wir den Berg doch
besiegt! Und er lohnt uns die Mühe reichlich. In greifbarer Nähe liegen
die eisgepanzerten Riesen der zentralen Ortler-Gruppe, im Norden die
Ötztaler, die Stubaier, im Süden die Adamello- und Brenta-Gruppe, in der
Ferne die Gipfel der Bernina, im Osten die wildgezackten Dolomiten. Ja,
köstlich ist die weiße Einsamkeit, die glitzernden Schneefelder, die
große, erhabene Ruhe der Firnhäupter. Umsonst ist man nicht 3437 m hoch,
der Stolz gibt dem Brot und echten Prager Schinken einen Extrawohlgeschmack
-- wenn nicht, ja wenn nur nicht, der Abstieg noch wäre --! »Sehr
einfach,« bemerkt der Hochtourist, der sich für seine Anstrengungen durch
reichliche Nahrungszufuhr selbst belohnt, »wir vermeiden den morschen
Fels! Wir gehen nur durch den Schnee.« Ich versuche zu streiken; aber eine
Frau an einem Fahnenseil, nach einer mehrstündigen Gletscherpartie, in
leicht strapazierter Toilette (Beinkleid und Wollbluse!) mit Schneebrille
und Fausthandschuhen, hat einiges von ihrer »Allmacht« eingebüßt. Sie
muß, beim Abstieg vorangehend, den alten Spuren folgen, sinkt in dem
jetzt noch viel weicheren Schnee bis an die Brust ein, klappt wie ein
Taschenmesser vornüber, hat Nase, Augen und Ohren voll Schnee, besinnt
sich, daß sie sich im Fels das rechte Knie verletzt hat, fühlt, daß es
nun den Dienst versagt, schreit in die Lüfte, daß ihr Bein verrenkt,
der Hüftknochen gebrochen und sie verloren sei -- und erhält von dem
in fünfzehn Meter Abstand von ihr gleichgültig ihre Hilflosigkeit
Beobachtenden mit ruhiger Stimme den Rat: »Zieh'n S' das Bein raus und
gehen S' weiter!«