mehr Freunde und Anhänger die Touristik und die Bergbesteigung im Laufe
der Jahre gewonnen haben, um so größer sind auch die Anforderungen
an Bequemlichkeit geworden. Früher war man zufrieden, wenn sich eine
anständige Alm fand, auf der man vor Besteigung eines Hochgipfels
übernachten konnte; dann kamen die Unterkunftshütten des Deutschen
und Österreichischen Alpen-Vereins, die allmählich, wenigstens die
besuchteren, sich hotelmäßig gestalteten und mit zuführenden Wegen
angelegt waren. Aber auch das genügte bald nicht mehr: die neueste
Errungenschaft auf dem Gebiete der »Erschließung der Alpen« sind die
»Höhenwege«. Sie führen über die Joche und ermöglichen die Begehung
steilgefurchter, zerrissener Felsflanken und zerhackter Grate, dadurch in
Tagemärschen Wanderungen von einer Hütte zur anderen gestattend, ohne
daß man ins Tal hinabsteigen müßte. Gipfelstürmer können dabei immer
noch einen oder den anderen Gipfel »mitnehmen«. Freilich sind diese
Höhenwege nicht ganz so angelegt, wie mancher Anfänger es sich vorstellt:
nämlich, daß solch ein Weg immer eben und stets den Gratlinien folgend
dahinginge, nein, es bleibt auch hier noch immer nötig, öfters auf und ab
zu steigen, da ein Tal hoch oben in seinem Ursprung zu queren, dort einen
Sattel zu erklimmen und dergleichen. In Summa ist die Höhendifferenz, die
man nach auf- und abwärts zurückgelegt hat, mindestens so groß wie bei
einer Gipfeltour. Der besondere Reiz, den diese Höhenwege bieten, ist,
daß sie es ermöglichen, von Hütte zu Hütte wandernd, nie unter etwa
2000 m herabsteigen zu müssen, ferner die fortwährend wechselnden
Szenerien, auf die sie Ausblick gewähren. Merkwürdigerweise ist das
am rationellsten durch Höhenwege erschlossene Gebiet der Alpen das
der »Lechtaler Alpen«, jener bis vor wenig Jahren, mit Ausnahme der
Parseierspitze, gänzlich vernachlässigten Gruppe, wenn sie auch den mit
alpiner Literatur vertrauten Hochtouristen durch die Arbeiten Spiehlers,
Uhde-Bernays usw. bekannt war; die Allgemeinheit wußte nichts von ihr.
Diese schönen Berge, im Süden durch die Rosanna und den Arlberg, im
Westen durch den Flexenpaß, im Norden vom Lech, im Osten durch den
Fernpaß begrenzt, sind auch jetzt noch, trotz der prächtigen
Höhenwege, ein vom großen Touristenstrom ziemlich unberührtes Gebiet.
Glücklicherweise! Denn dort trifft man keinen alpinen Modebummler, sondern
nur wahre Bergsteiger und Naturfreunde. Wir sind auf vieltägiger Wanderung
nur ein paar Leuten, vier oder fünf, begegnet; auch die Hütten waren
trotz der Hochsaison nur sehr mäßig besetzt. Und doch zeichnen sich die
Gipfel dieser Gruppe durch größte Formschönheit aus; der ganze ernste
Charakter wird erhöht durch die wilden Hochkare, in denen häufig
tiefgrüne Seen eingebettet sind, und durch zerrissene Couloirs, in denen
noch der Schnee haftet. Dazu sind in diesem Jahr die Kalkalpen, die sonst
um diese Zeit schon »tot« zu sein pflegen, besonders belebt infolge des
langen Schnees; überall rauschen Wasserfälle, immer neue, lustige Bäche
überströmen den Pfad -- und die Flora ist von einem Reichtum, wie ich sie
noch in keinem Gebiet der Alpen getroffen habe. Die Hänge sind noch rot
von Alpenrosen -- ganz oben sind sie noch in Knospen -- Seidelbast
und wilder Thymian entsenden ihre Düfte zusammen mit eben erblühten
Schlüsselblumen, gelben Veilchen, Anemonen, Enzianen aller Farben und
Größen, dazu zarteste Glockenblumen, Stiefmütterchen von dunklem Lila,
Vergißmeinnicht, kräftig wie kleine Bäume, Moose in den verschiedensten
Schattierungen und Feinheiten, Löwenzahn und Sumpfdotterblumen -- von den
monumentalen Schönheiten des Panoramas kehrt das Auge immer wieder zu den
lieblichen, vollendeten Gebilden in nächster Nähe zwischen dem Gestein
oder auf dem Wiesengrund zurück! Eine wunderbare, stille Welt dort oben,
die gewiß manchem höchste Wonne bringen würde -- trüge ihn sein Fuß in
die Einsamkeit!
Am bequemsten bricht man in dies Gebiet von der Bahnstation Pians an der
Arlbergbahn ein. In vier Stunden führt ein guter Weg über Grins, dem
einstigen Sommeraufenthalt der berühmten und berüchtigten Margarete
Maultasch, das noch alte, außerordentlich interessante Häuser aufweist,
bis zur Augsburger Hütte, die den Ausgangspunkt für die Besteigung der
Parseierspitze, »der Königin der nördlichen Kalkalpen«, bildet. Die
Parseierspitze ist der einzige Gipfel der nördlichen Kalkalpen, der die
Höhe von 3000 m erreicht. Von der Hütte führt eine erst vor kurzem
eröffnete kühne Weganlage, an der mehrere Jahre gearbeitet wurde, über
ewigen Firn und schroffe, wildzerfurchte Felshänge in achtstündiger
Wanderung zur Ansbacher Hütte. Der Weg übersteigt den 2972 m hohen
Dawinkopf, der eine wundervolle Aussicht auf die Lechtaler Alpen und
die firnbelastete Kette der Zentralalpen, von der Silvretta bis zu den
Ötztaler Alpen, gewährt, bei stetig wechselnden Detailszenerien der
nächsten Umgebung; aber das Grundmotiv bleibt immer der herrlich weite
Blick während der ganzen langen Wanderung. Freilich ist es kein »Weg«
im Sinne von Gebirgsbummlern; es gehört schon Ausdauer und ein gewisses
alpines Können dazu, um ihn _mit_ Führer zu begehen. Wer ihn führerlos
machen will, muß trotz der zahlreichen Drahtseile und sonstigen
Versicherungen schon eine ziemliche Gewandtheit und Erfahrung auf Fels
und Schnee besitzen. Von der Ansbacher Hütte, von der aus man noch die in
dreiviertel Stunden leicht zu erreichende Samspitze mitnehmen kann,
geht's in sechs Stunden zur Memminger Hütte am Seebisee, wobei man das
Flauschjoch, das Winterjöchl und die Grinslscharte zu überwinden hat --
eine besondere Anforderung an Willen und Lust am Steigen: denn ist man eben
glücklich oben, so sieht man schon wieder, wo man von neuem hinunter und
jenseits abermals in die Höhe klimmen muß! Auch einen »Nachmittagsberg«
kann man sich von der Hütte aus noch erlauben, den Seekogel, auf den
man in einer halben Stunde gemütlich nach absolviertem Mittagsschlaf
hinaufspaziert. Weiter zur Hanauer Hütte in acht Stunden, und über vier
»Jöcher«! Und vor der letzten Scharte, nach siebenstündigem Auf und
Ab noch ein Berg, das ist freilich bitter! Aber die Kofelseespitz (2674 m)
oberhalb des noch mit Eis bedeckten Kofelsees entschädigt für die
Anstrengung durch eine wundervolle Aussicht auf den östlichen Teil der
Lechtaler, namentlich auf ihr wildestes Gebiet: das Parzinn.
Dann geht's steil hinab zur Hanauer Hütte, die im Herzen des Parzinn,
einem durch kühngestaltete Gipfel gebildeten Zirkus, ganz in Latschen auf
einem Vorsprung gebettet liegt. Nur ein schmaler Ausweg nach Norden
zum Lechtal hinunter eröffnet sich vom Parzinn. Die vor etwa 15
Jahren eröffnete Hütte ermöglichte es erst, in diesem schönsten und
abgelegensten Teil der Lechtaler Alpen Touren zu machen; namentlich reizt
die im Augenpunkt des Hüttenpanoramas gelegene ebenmäßige Pyramide der
Dremelspitze, die, lange als unersteiglich gehalten, als letzter Gipfel
sich dem Nagelschuh der Hochtouristen beugen mußte. Die Innsbrucker
Alpinisten =Dr.= Ampferer und Hammer bestiegen als erste die stolze Zinne
1896 in achtstündigem Ringen -- später fand der ungeßliche Purtscheller
einen etwas verwickelten, aber kurzen und verhältnismäßig unschwierigen
Aufstieg, so daß man den Gipfel jetzt bequem in etwa dreieinhalb Stunden
erreichen kann. Noch stehen ein paar die Route markierende »Steinmandl«,
die Purtscheller selbst aufgerichtet hat. Nun am nächsten Tag übers
Galtseitjoch, dann tief hinab und wieder hinauf in fünf Stunden auf den
Muttekopf, den berühmten Aussichtsberg, der vielleicht die malerischsten
Kontraste von seiner Höhe bietet: einen Rundblick über die Kalkberge, die
Zentralalpen, dazwischen romantische Talansichten: den Kessel von Imst,
das Inntal mit den einmündenden Pilz- und Ötztälern -- kurzum, ein
großartiges Panorama! Die Muttekopfhütte, in fünfviertel Stunden
erreicht, bietet eine willkommene Verpflegstation -- nun herunter nach Imst
in drei Stunden! Der Fuß eilt -- man drängt förmlich nach dem Stall --
denn unten, im altbekannten Hotel zur Post, wartet der Koffer mit frischer
Wäsche, wartet ein gutes Bett, Badegelegenheit und -- frisches Fleisch!
Welch ein Labsal nach sechstägiger Konservennahrung! Und so begrüßt man
mit tausend Freuden alle die zur äußeren Kultur gehörenden angenehmen
Dinge, vor denen man sich in die Berge flüchtete, um sie dann wieder um so
intensiver zu genießen!
Auf Höhenwegen von Oberstdorf nach Bludenz.
»Grüß Gott, Herr Kronprinz,« sagte der Hirte treuherzig, der mich eben
über Stand und Vermehrung seiner graubraunen Kuhherde unterrichtet hatte,
und zog nach seiner Meinung sicherlich höchst devot die Mütze. Ich aber
hoffte, daß »Kronprinzens« -- denn sie waren es wirklich und ich in
ihrem Jagdrevier -- keinen Sinn für die Misere des Alltags haben. Denn
die kriegt uns unter -- mag man noch so korrekt und vorschriftsmäßig
ausgerückt sein --, wenn man nacheinander eine Reihe von Hochtouren
gemacht hat und seinen äußeren Menschen inzwischen nur mit den
Schätzen aus dem Rucksack und den Toilettenmöglichkeiten der »Hütten«
restaurieren konnte. »Kronprinzens« -- jung und schön beide wie der
Lenz -- zogen an der Spitze ihrer Jagdgesellschaft vorüber; und ich sah am
heißen Hochsommertag auf meine schweren Stiefel nieder, zog die am Felsen
zerrissenen Spitzen meiner Handschuhe in nachträglicher Scham über die
Fingernägel und dachte befriedigt, daß wenigstens das Riesendreieck, das
ich mir »am Sitz«, als mir der nächste Tritt zu weit entfernt war und
ich ihn eben liegend erreichen mußte, zugelegt hatte, unter dem im Tal
wieder umgeknöpften weiblichen Attribut, dem Rock, verborgen sei. Aber wo
gefällt wird, da fliegen Späne -- wer sich in »die Unwirtlichkeit der
Berge« begibt, wie die Poeten am Schreibtisch sagen, muß sich ihren
Widerstand gegen unsere Eigenmächtigkeit gefallen lassen. Zum Schluß
siegen wir -- zwar mit zerzausten Federn -- aber wir siegen! Und so ein
Berg, zu dem man aufblickend sagen kann: »Da oben war ich einmal und
sah vom Gipfel in die Lande« -- zu dem behält man sein Leben lang ein
verwandtschaftliches Gefühl.
Diesmal sind wir von Oberstdorf im Algäu aus gewandert; wie man weiß und
ich mit Bedauern ersah: ein geschätzter Sommeraufenthalt. Mir sind
solche Orte furchtbar; und für die Maskerade der Städter, die sich als
»Deandl'n« und »Buam« kleiden und gebärden, fehlt mir der Sinn. Ein
recht heißer Weg führt zum Freiberger See hinauf, in dessen schönem,
klarem Wasser sich von dem etwas höher gelegenen Wirtshaus aus jede
Bewegung der buntfarbigen Frösche -- nein, Schwimmer und Schwimmerinnen --
verfolgen ließ. Und versöhnend war am Abend die allgemeine Mahlzeit auf
dem kleinen Marktplatz, vom Mondlicht überflutet und zur Seite von der
stillen Kirche begrenzt -- ein hübsches, idyllisches Kleinstadtbild! Wohin
ich ginge? frug ein Bekannter. In die Lechtaler; näheres wußte ich
noch nicht. Das ist sehr glaubhaft. Denn niemand macht sich ein festeres
Programm als der Bergsteiger. Aber auch kein anderer Reisender ist so
geneigt wie er, dem Kollegen auf Nägeln so viel gute Ratschläge zu geben
und ihm in seine Pläne dreinzureden. »Von dort aus wollen Sie gehen?
-- Ach, da würde ich Ihnen doch vorschlagen, über den und den Paß und
lieber von der und der Hütte aus.« -- »Danke schön, ich weiß alles.
Ich war nämlich schon im vorigen Jahr dort -- auf der ›drübern‹ Seite
der Lechtaler. Nachzulesen im ›Tag‹«. -- »So, Sie wissen? -- Dann
freilich« --
Ich nicke -- der Hochtourist hatte sich während dieses Gesprächs in
abweisendes Schweigen gehüllt -- greife nach Rucksack und Pickel und
entsteige dem Postwagen, der uns die staubige Landstraße entlang geführt
hat bis nach Spielmannsau. Landstraßen sind mir ebenso zuwider wie
beliebte Badeorte. Und während die Mitpassagiere sich beim Kaffee von der
Fahrt erholen, beginnen wir bei 30 Grad im Schatten den sonnigen Anstieg
zur Kemptner Hütte. Mir ist in diesen wärmlichen Nachmittagsstunden,
unter der Last meiner beweglichen Habe seufzend, eingefallen, daß Dante
heutzutage eine andere Wahl für seine Fegefeuerstrafen treffen müßte;
den Bergsteiger z. B., der dafür bestraft werden soll, daß er Steine auf
seine Mitmenschen abgelassen hat, müßte man ewig der Hütte zuwandern
lassen -- etwas Bittereres kann es für ihn kaum geben! Und diese hat noch
eine besondere Überraschung für den lieben Wanderer bereit: hofft man sie
nach drei »steilen« Stunden nun vor sich zu haben, wenn man die Felsen
verläßt, so liegt sie rechter Hand noch ein paar hundert Meter höher
auf einem Graskopf! Auch einen Zweikampf hatten wir dort abends noch
auszufechten: um 8½ Uhr -- für eine Hütte also zu nachtschlafender Zeit
-- tauchte der Hüttenwart aus Kempten auf und verlangte, daß die Dame,
der man das Sektionszimmer eingeräumt habe -- das war ich! -- sofort
auszöge und sich zu den Dienstmädchen in die Kammer verfüge. Aber wozu
ist das Recht da, wenn es sich nicht durchsetzen läßt? Ein Hüttenwart
ist abends um 8½ Uhr auch nur ein gewöhnlicher Tourist, falls er sich
ein Zimmer nicht reservieren läßt; ich parierte seine Ungastlichkeit mit
eiserner Stirn; was ihm aber der Hochtourist sagte, davon will ich lieber
schweigen.
Am nächsten Morgen vorwärts auf dem berühmten »Heilbronner Weg«. Er
führt hart an der Mädelesgabel vorbei, auf der jeder Tourist im Algäu,
der etwas auf sich hält, gewesen sein muß; wir überließen sie gutwillig
der ungezählten Schar dieser Pflichtgetreuen, wanderten den Gletscher
weiter aufwärts und turnten vorsichtig in die Felsen der Hochfrottspitz
(2649 m) hinein. Sie bietet eine recht amüsante Kletterei -- für mich das
Schönste von allem Bergsteigen! -- und oben herrschte köstliche Ruhe und
Einsamkeit, im Gegensatz zum Gipfel der Mädelesgabel, von dem es lärmte,
johlte und schrie -- eine besondere Art der Kundgebung von Naturfreude, die
dem Deutschen im Blute zu liegen scheint. Der Heilbronner Weg geleitet
noch direkt über den Bockkarkopf (2608 m) und die Steinkarspitz (2653 m),
gewährt also unter sehr hübschen Gratwanderungen den Ehrgeizigen einige
Gipfel gratis. Man steigt zur Rappenseehütte ab, die ebenso wie die
Kemptner Hütte der durch den Höhenweg ungeheuer angewachsenen Frequenz
durchaus nicht mehr genügt. Ein gewaltiges Zelt, in dem trotz Sturm und
Regen dreißig Personen Schutz suchen mußten, hilft nur wenig aus
dem Dilemma; auch der Heuboden war ausverkauft. Die Bauern, denen das
umliegende Areal gehört, verlangen jedoch solche Großstadtpreise für
jeden Fuß Land, daß der geplante Um- und Neubau der Hütte schon seit
Jahren verschoben werden mußte. Ja, die treuherzigen Bauern! In diesem
Jahr geht's ihnen ohnehin gut -- im Algäu brachten sie das dritte,
prachtvolle Heu ein und gestanden zu, daß sie wohl seit hundert Jahren
keine so gute Ernte gehabt hätten. -- Wieder ganz einsam -- denn die
beliebten Berge dieser Gegend sind das Hohe Licht und der Rappenseekopf --
zogen wir am anderen Morgen zum Biberkopf (2600 m) hinauf, gut drei
Stunden von der Hütte aus. Ein merkwürdiger Berg: von einer Seite in
schauerlichen, unüberwindlichen Platten aufgetürmt, von der anderen Seite
in abgeschieferter Rinne bis zum Gipfel natürliche Stufen zum
Klettern bietend. Oben, kaum genoß ich die Aussicht, erreichte uns ein
Gewittersturm und trieb uns Hals über Kopf zur »Gufel« hinunter, einer
schutzbietenden Höhle, zwanzig Minuten unterm Gipfel. Dort saßen wir
klappernd und klatschnaß, bis die liebe Sonne uns befreite und das
Geschäft des Auftrocknens während des Abstieges übernahm. Über
Lechleiten ging's dann in glühender Mittagshitze am steilen Hang entlang
in das hohe, öde Tal von Hochkrumbach, also in den Bregenzer Wald hinein,
der sich wenigstens hier durch absolute Abwesenheit des Waldes auszeichnet.
Der »Widderstein« (2536 m), von dem aus sich der Bodensee überschauen
läßt, und der vom Wirtshaus aus so ein rechter Nachmittagsberg ist,
versöhnt mit der beklemmenden Einöde des Tals. Aber ich war doch froh,
nach einem halben Regen- und Rasttag abwärts über Schröcken, der
»Perle des Bregenzer Waldes«, wandern und über den Schadona-Paß die
allerliebste, neue Biberacher Hütte erreichen zu können. Ringsum ist
alles Jagdrevier des Kronprinzen; als Aufenthalt dient ihm und seiner
Familie das hübsche, kleine Jagdschloß in Hopfreben. Fast überall im
Bregenzer Wald, allerdings in jedem Tal etwas anders, tragen die Frauen
noch die alte Tracht. Die Kleider sind von oben bis unten in ganz feine
Falten gelegt, »plissiert« würde man auf deutsch sagen, die Röcke in
Kniehöhe mit einem ganz schmalen, hellblauen Streifen besetzt. Um Hals
und Nacken geht eine reiche Silberstickerei, die Ärmel sind je nach
Gelegenheit aus Seide, Wolle oder Kattun und von beliebiger Farbe. Die
früher stets benutzte Pelzhaube wird jetzt im Sommer durch einen einfachen
Strohhut mit Bandschleife, der aber einheitlich getragen wird, ersetzt; nur
bei Prozessionen schmücken sich die Mädchen mit dem »Schäpeli«,
einer flachen Goldkrone. Angelika Kauffmann, deren Vater aus Schwarzenberg
stammte, und die hier nur ein Jahr als Mädchen verbrachte, bewahrte
dem Lande größte Anhänglichkeit. Ihrer Jugendarbeit -- sie malte die
Seitenwände der Schwarzenberger Kirche aus -- ließ sie später als
Geschenk das schöne Hochaltarblatt folgen, obgleich, wie sie selbst sagte,
ihr die Kraft fehlte, Gott-Vater so darzustellen, wie er in ihrem Herzen
wohne. -- Ich fand am herrlichsten vom Land das Große Walsertal. Eine
befriedigende Expedition unternahmen wir vorher, von der Biberacher Hütte
aus über das Fürkeln zur Braunarlspitz (2651 m), deren mächtiges Massiv
uns schon lange lockte, und die eine der gewaltigsten Hochgipfel
des Bregenzer Waldes ist. Eine herrliche Rundsicht belohnt für die
Anstrengung, während die Hochkinzelspitze (2307 m), von der Hütte aus
bequem in knapp zwei Stunden zu erreichen, hübsche Blicke in die nahen
Täler gewährt. So, nachdem wir von allen Seiten ins Algäu und in den
Bregenzer Wald geschaut hatten, wollten wir durch das Große Walsertal,
über Buchboden und das entzückend gelegene, freundliche Sonntag
absteigend, die Ebene zurückgewinnen. Aber schon in Garsella ging mir nach
vielstündigem Marsch der Atem aus -- und wir vertrauten uns einem kleinen
Einspänner an. Denn wer in den Bergen denkt, bergab sei bergab, der irrt
sich sehr; auch diese Landstraße stieg weiter und weiter empor, all die
verstreuten Dörfer berührend, die sich auf den Terrassen der sehr steilen
Talwände angesiedelt haben. Man hielt es für ausgeschlossen, daß man
je ins Tal kommen würde, so tief unter uns rauschte das Wasser des
wilden Lutzbaches. Endlich, nach zweistündiger Fahrt, geht es in steilen
Serpentinen hinab, dem Örtchen Thüringen zu. Seit einer Woche wieder ein
Postwagen -- zivilisierte Menschen oder solche, die es sein wollen -- ein
Auto -- Fabriken -- die Bahn -- -- kleinlaut steigt man ein und fährt für
20 Heller -- gottlob ist der erste Anspruch der Zivilisation an die Börse
nicht groß! -- bis Bludenz. Hier, in dem alten Städtchen, dessen Burg
Hermann von Gilm, der bedeutendste Lyriker Tirols, entstammte, wartet man,
bis sich der Himmel wieder klärt und das Fleisch so willig ist wie der
Geist zu neuen Eskapaden in die Einöde -- zu neuen, herrlichen Genüssen
in der Bergwelt!
Vom Königspaar des Rhätikon.
Nicht des Reiters, aber des Reisenden »über den Bodensee« Auge wird
am meisten gefesselt von der schneeschimmernden Scesaplana, dem höchsten
Gipfel (2967 m) des Rhätikons, dieses zwischen Ill-Rhein-Gargellental und
dem Prätigau aufragenden Gebirgsstocks, der sich durch die Formschönheit
und Mannigfaltigkeit seiner Gipfel unter allen Gruppen der nördlichen
Kalkalpen besonders auszeichnet. Die Königin dieser Kette ist die
Scesaplana, um deren Schultern sich ein schimmernder Firnmantel als
Hermelin schmiegt. Durch Weganlagen ist ihre Besteigung erleichtert, und
ihr Gipfel, der eins der schönsten Panoramen der gesamten Alpen bietet,
ist das Ziel Tausender von Bergsteigern, die je nach ihrer Befähigung
leichtere oder minder leichte Aufstiege suchen. Ist hier der Preis der
Besteigung die unvergleichliche Aussicht, so lockt den Hochtouristen die
»Zimbaspitze« (2645 m), von den Einheimischen nur »Der Zimba«
genannt, die kühnste und trotzigste Felszinne des Rhätikons; und ist die
Scesaplana die liebenswürdige Königin, die den Gast entgegenkommend zu
den Schönheiten der Hochalpen führt, so ist »Der Zimba« ein ablehnender
Fürst, und viele, die sich an seinen Wänden und Graten versuchen, treffen
bei ihm auf schroffe Zurückweisung!
Naturgemäß mußten unter den zahlreichen Gipfeln des Rhätikons diese
beiden Hochzinnen unser Ziel bilden. Die »Wir« waren für »Den Zimba«,
mein Hochtourist (den ich großmütigerweise mitnahm!), ein junger Führer
und ich. Bei gewaltiger Hitze stiegen wir in drei Stunden von Bludenz über
Bürserberg zur Sarotlahütte empor. Ich kann nicht sagen, daß ich die
überaus primitiven Hütten wie diese, die nur ein Matratzenlager in einem
allgemeinen Schlafraum bieten, besonders liebe; schon weil es ja keine
Möglichkeit gibt, »Toilette« zu machen. Aber nach all den von bessern
Spaziergängern überlaufenen Hütten der letzten Zeit war es direkt
wohltuend, sich unter Leuten, die es ernst meinten und ihre ganze
Expedition nicht bitter bereuten, wenn es kein »Bier vom Faß« gab, zu
befinden. Jede weltliche Torheit, wie Bier überhaupt, lag dem einfachen
Senn dort oben fern. Milch von seiner Kuh offerierte er und Eier konnte
man haben, aus denen ich fürs Allgemeinwohl in einem schwarzgeräucherten
Tiegel eine wunderbare Speise herstellte; und dann schliefen wir, zwei
andere Partien, auch jede zu zwei Personen, auf dem Matratzenlager, auf
dem nur das Gewissen weich war, in einer Reihe -- der junge Führer als
Paravent zwischen mir und den übrigen! Freilich, das Einschlafen ging
nicht schnell, das pflegt auf Hütten so zu sein; und neben mir durchs
Fenster funkelten die Sterne -- und die andern beiden Partien hatten
»große Sprüch'« geredet: wie schwer es sei -- und wie unbequem eine
Dame --, denn wegen Steinfalls müßte man größte Rücksicht auf einander
nehmen! Wenn ich nun diese Probe auf Trittsicherheit usw. nicht bestand?
Etwas zaghaft war mir zumute, und jedenfalls erleichterte es mich, daß wir
am nächsten Morgen die Ersten fertig zum Aufbruch waren: so wie der Mensch
nun einmal ist, mag man lieber der Schuldige sein am Steinfall (wenn es nun
doch mal sein muß!) als der Unschuldige, den sie am Kopf treffen! Unsere
Rucksäcke ließen wir, um beim Klettern nicht behindert zu sein, vom
Sennen zum Zimbajoch hinauftragen, wo wir sie beim Abstieg aufnehmen
wollten: länger als 5 bis 5½ Stunden rechneten wir nicht, da wir
bei unserer »Fähigkeit« den Baedeker wie den Purtscheller in ihren
Zeitangaben gewöhnlich schlagen.
Im gemessenen Schritt »Echter« begannen wir um halb fünf Uhr morgens den
Aufstieg über sehr steile Gras- und Schutthalden -- Fuß vor Fuß, ohne
Pause, zwei Stunden lang, bis zum Einstieg in die Felsen. Hier nun wurde
von dem jungen Führer mit großer Vehemenz der moralische Halt, das Seil,
um die Stelle meines Körpers geschlungen, wo sonst die Taille sitzt;
zugleich begann die erste Kontroverse zwischen ihm und dem Hochtouristen,
der auf Grund seiner »literarischen Kenntnisse« einen andern als den
vom Führer bezeichneten Weg einschlagen wollte. Doch da der Führer
versicherte, in diesem Jahr schon mehrmals oben gewesen zu sein und »diese
neue, leichtere Route« genau zu kennen, so gaben wir nach -- leider!
Denn das Resultat dieser »neuen, leichteren Route« war vollständiges
Versteigen, wobei sehr schwierige und gefährliche Platten- und
Traversierstellen zu bewältigen waren. Und dann überhaupt: dieser Berg!
Er ist das Niederträchtigste, was man sich denken kann -- »treu und fest
wie ein Fels« ist ein Hohn auf ihn. Ich klettere gewiß gern, aber ich bin
für Zuverlässigkeit im Leben. Bietet »Der Zimba« jedoch einen Griff
-- fast nur mit Grasbüscheln locker besetzte Steine -- so rutscht einem
plötzlich der halbe Berg entgegen -- und bildet man sich ein, man hätte
einen sichern Tritt, so kommt unterm Fuß sofort die ganze Wand ins Wanken.
Alles ist brüchig, und dabei eine Steilheit, die oft peinlich wirkt! Bei
der ersten, sehr schweren Plattenstelle stürzte der Führer beinahe ab
-- ich kann nicht behaupten, daß dies mein ohnehin schon sehr ins Wanken
geratenes Vertrauen zu ihm erhöhte; denn auch von der Seiltechnik besaß
er nur eine unbestimmte Ahnung, und gerade bei unbequemsten Stellen
»vertüderte« es sich ihm, wie man in Schleswig-Holstein sagt, und
unbekümmert um meine Situation schrie er dann unsichtbar von oben: »Sie,
Frau, halten's Ihna fest!« Auch sonst richteten sich seine Umgangsformen
nach Stand und Gefahr; das merkte ich besonders beim Abstieg. Ging es
leicht, so flocht er ein »Gnädige Frau« in seine Ermahnung -- in
gefahrvollen Minuten riet er mir schmucklos, in den derbsten Ausdrücken
unserer in diesem Punkt ja sehr reichen Muttersprache, mich einfach auf den
mir von Gott dazu gegebenen Teil zu setzen und von dieser breiteren Basis
aus die Hindernisse zu überwinden. Kurz und gut, der Hochtourist übernahm
schon von »der« Platte aus die weitere Leitung und gab alle Anweisungen
zur Seilsicherung usw. Ihm verdankten wir es jedenfalls, daß wir
überhaupt, und zwar nach unendlich vielen Fährlichkeiten, bei denen ich
zum Teil zwischen ihm und dem Führer am Seil eingespannt war, nach 2½
Stunden vom Einstieg aus -- also im ganzen von der Hütte aus in 4½
Stunden -- den Gipfel erreichten. Trotzdem hatte sich mein Selbstvertrauen
neu befestigt, denn ich durfte mir sagen, daß das Seil nur zur
Versicherung und nicht ein einziges Mal dazu gedient hatte, um mich
»zu ziehen«, wie ein lebloses Paket -- ein bei manchen Touristen nicht
unbeliebtes Beförderungsmittel.
Die andern beiden Partien mit den »großen Sprüch'« hatten wir einmal
in unsrer Nähe bei der Platte klappern hören. Die Armen mußten uns
nachgestiegen sein, hatten das Rennen aber dort schon aufgegeben, denn wir
hörten und sahen nichts mehr von ihnen, trotzdem wir fast eine Stunde
am Gipfel rasteten. Eine schöne Fernsicht, wundervolle Talblicke ins
Montafon, über steilabstürzende Wände hinab ins Rellstal und zu den
anderen Vasallen des Rhätikons hinüber belohnten uns, gewiß; ich aber
genoß diesmal besonders die Ruhe -- und das Frühstück und befand mich
glücklich bei dem Lob von Führer und Hochtourist, »daß ich meine Sache
brav gemacht habe«. Das Ärgste, meinte ich auch, läge hinter uns. »Ja,
Schnecken!« Wir nahmen den Abstieg über den Westgrat, »traversierten«
also den Berg, da wir übern Ostgrat gekommen waren. Ein Versteigen
war wenigstens unmöglich, da die Route immer am Grat entlangläuft --
schwindelfrei muß man allerdings sein. Und seine kleinen Überraschungen
bietet dieser Westgrat auch sonst; da ist z. B. eine schwierige Strecke
über einen etwa 70° geneigten, von brüchigen Schroffen und lockeren
Graspacken durchsetzten Hang. Die hat es in sich! Früher konnte man durch
einen viel sichereren Kamin absteigen; seit dem letzten Winter ist er
verschwunden, da ein großes Gratstück in die Tiefe gestürzt ist.