Wir unternahmen nachmittags in gemütlichstem Tempo den Aufstieg zur

Wiener-Neustädter-Hütte, rasteten an den zwei traditionellen Plätzen,

bewunderten die Aussicht auf Biberwier, Ehrwald und Lermoos, die nur ganz

wenig verschleiert war, sahen einen Gamsbock, einen echten, lebendigen

-- nicht so einen, wie er in der Sächsischen Schweiz auf einem kleinen,

winzigen Felsblock steht -- bewegten uns kühn über die letzten, noch arg

verschneiten Steige und standen bei einer plötzlichen Wendung dicht

vor der Hütte -- eine ihrer angenehmsten und bei Hütten seltenen

Eigenschaften; denn gewöhnlich sieht man diese heißersehnten Stationen

schon stundenlang vor sich liegen und scheint ihnen statt näher immer

ferner zu rücken. -- Durch ganz besondere Protektion erhielten wir eine

schmale Dachseite, in der zwei Federmatratzen am Boden lagen, für uns

allein. Ich empfinde den Mangel an jeglicher Bettwäsche immer noch als

störend; heute war es wenigstens so kalt, daß man gern seine Kleider

anbehielt. Nach warmer Suppe im überfüllten Speiseraum bildeten wir uns

ein, uns nach Ruhe zu sehnen, und kletterten die Hühnerleiter zu unserer

bevorzugten Ecke wieder empor. Aber mit dem Schlafen auf den Hütten ist

es ja selten etwas. Entweder man friert oder man wird durch die leisesten

Bewegungen des Nachbarn gestört, die sich durch die dünnen Wände

verraten. Diesmal fror man _und_ hörte rings die Unruhe; und als wir

eben eindämmerten, brach unerwartet ein furchtbares Gewitter los, unsere

Dachseite stand andauernd im Feuerzauber der Blitze -- und dann ein

Getöse, als sollte die Welt untergehen! Ein geisterbleiches Gesicht erhob

sich von der Nachbarmatratze, und eine bängliche Stimme fragte: »O Gott,

Mutter, was war denn das?!« Und wie im Märchen antwortete ich, meine

eigene, eben überstandene Todesangst, die Lawine möchte uns mitsamt

Hütte und Dachseite ins Tal wehen, mutig überwindend: »Das ist der Wind,

mein Kind! Das klingt im Gebirge immer so!« Das Zähneklappern von nah und

fern hörte während der kurzen Nachtzeit nicht auf; man war froh, als

um drei Uhr zum »Wecken« geklopft wurde -- eine fast überflüssige

Prozedur!

»Glücklicherweise«, sagte der Führer, habe es Neuschnee gegeben.

Deshalb wurden wir schon angeseilt, als die Kletterei begann, und die

dicken Wollhandschuhe, die ich, die Erfahrene! mitgenommen hatte, kamen

hoch zu Ehren. Der Schnee erleichterte aber den Aufstieg bedeutend -- in

knapp zwei Stunden waren wir auf der Spitze, die so in Nebel gehüllt war,

daß wir uns am meteorologischen Turm und der Hauswand entlang fühlen

mußten, um den Eingang zum schmutzigsten und verwahrlosesten aller

Hüttenräume, die ich je gesehen habe, zu finden. Zudem war er so

überfüllt, daß wir nur abwechselnd sitzen konnten; Leute von der

Knorrhütte, sowie über Nacht hier oben gebliebene Touristen -- vor

deren Selbstüberwindung ich die größte Hochachtung hege! --, zahlreiche

Führer, denen der Nebenraum zu kalt war, die beiden Wirtschafterinnen, die

auf dem winzigen Herd, auf dem zugleich Dutzende von Pantoffeln getrocknet

wurden, kochten und brieten, dazu die Luft voll Tabaksqualm und dem Dunst

feuchter Kleider -- nein, eine Erholung bot der Aufenthalt nicht, noch

weniger die Speisen, die nur von den Preisen gewürzt waren. Aber -- bald

wird ein neues Haus erstehen -- hoffentlich wird damit auf dem beliebtesten

deutschen Gipfel auch sonst manches anders!

Wir warteten ein paar Stunden -- auf Aussicht. Sie kam nicht. Berge,

Täler, Ortschaften, Flußläufe -- Nähe wie Ferne -- alles ließ sich

nur ahnen. Man deutete dort hin und sagte: »Da müssen die Stubaier

liegen --«, wandte sich und behauptete, in der Richtung nach Partenkirchen

zu sehen -- es war Jacke wie Hose: Nebel, nichts als Nebel. Stumm saßen

wir schließlich vor unserer blauen Emaille-Teekanne.

Da erschien in beschleunigterem Schritt unser Führer mit strahlenden

Bergaugen: es hellte sich auf, der Eibsee sei eben aufgetaucht, kein

Zweifel mehr, die Nebel verzögen sich und er riete doch nun dringend, da

das Wetter so günstig sei, zum Abstieg durchs Höllental, von dem wir ja

gestern bereits gesprochen. »Fein!« sagte mein Junge. -- Ich aber als

Erfahrene ging nach draußen, sah auf Sekunden den Eibsee aus der Tiefe

aufschimmern und fand die übrigen Umstände tief verschleiert. Der Führer

triumphierte: er habe es immer gesagt, es würde ein glorioser Tag. Dennoch

zögerte ich: ob es denn auch ganz sicher sei --? Mein Junge puffte

mich; Söhne haben eine besondere Art, ihre Mutter zu puffen: es liegt

Aufmunterung und zugleich Verachtung darin. Zudem sagte er spöttisch:

»Und Du willst eine Hochtouristin sein --?« Und dann stellten sie mir

beide vor, wie amüsant und wie lustig der Abstieg und wie bald wir unten

sein würden: in drei Stunden schon durchs Tal! -- Ich gab nach. Aber

während ich die acht Mark für unser Frühstück bezahlte, fragte man

mich von rechts und links, welchen Abstieg ich wählte. Mit der

ganzen Überlegenheit der gewiegten Touristin entgegnete ich: »Durchs

Höllental.« Allgemeines Schweigen -- stille Hochachtung, wie ich annahm.

Ein liebenswürdiger Tourist, mit dem ich schon vorher gesprochen, trat auf

mich zu und meinte, ich hätte mir doch eine starke Aufgabe gestellt: bei

diesen Witterungsverhältnissen. -- Lächelnd widersprach ich: der Führer

und ich seien ganz überzeugt, daß der Nebel sich verziehen und uns der

Abstieg keinerlei Schwierigkeiten bereiten würde -- außerdem wüßte er

ja, daß es die erste Hochtour meines Sohnes sei. Daraufhin schwieg der

Warner.

Aber als wir angeseilt vom Ostgipfel herabklommen, durch Schnee, der mir

bis an die Hüfte reichte -- ich war schon zweimal gefallen und wäre ohne

das Seil schon zweimal verloren gewesen --, erklang von oben dringendes

Rufen. Ich wandte mich, erkannte den Warner und winkte ihm einen

Abschiedsgruß zu -- verstehen konnte ich kein Wort mehr --. Wir kletterten

abwärts; zuerst in dichtem Nebel, der sich ja bald heben mußte. Wirklich,

er zerriß ganz plötzlich -- und ein furchtbares Gewitter, ganz unerwartet

bei der Kälte, setzte mit großer Wucht ein, gerade als wir die ersten,

ungemütlichen, vereisten »Stifte«, die quer über ein Stückchen

Unendlichkeit führen, erreichten. Wir duckten uns eine halbe Stunde unter

einen Felsen, der Blitze wie des schauernden Regens halber. Das Gewitter

verzog sich; der Regen blieb, stürzend, unaufhörlich. Beim berühmten

»Brett« -- einer langen Reihe von Stiften über ein größeres Stück

Unendlichkeit, ein zweites Gewitter; der Regen glich Sturzbächen -- Wasser

stürzte von allen Seiten auf uns herab. Bei der nicht minder berühmten

»Leiter« -- eisernen Sprossen, die an einer absolut senkrechten, hohen

Felswand hinabführen, ein drittes Gewitter; zudem hatte sich gerade

zwischen den Sprossen ein Wasserfall gebildet, der sich oben in meinen

Kragen ergoß, um an den Knien wieder seinen Ausweg zu suchen. Ich war

daher erschöpft und eine Pause willkommen. Sie trat gleich ein: ein

tüchtiger Wolkenbruch zwang uns zu kurzer Rast -- behaglich war sie nicht!

-- Der Führer tröstete uns: das Ärgste sei überstanden -- jetzt nur

noch durch die Höllenklamm! Ihre düstere Romantik war mir nie sympathisch

-- jetzt aber war sie zu einer wirklichen Hölle geworden! Der Hammersbach

in einen reißenden Strom verwandelt, wilde Wasserstürze von rechts und

links, den Weg überspülend, die zahlreichen Tunnels vereist, ihr Boden

von Bächen benutzt -- und diese waren es, die den letzten trokkenen Punkt

an uns fanden und von oben in unsere Stiefel rannen -- von unten waren

sie längst durchweicht. Nach siebenstündiger Wanderung erreichten wir

in aufgelöstem Zustand, ohne einen einzigen trockenen Faden am Leibe, das

Wirtshaus zur Schmölz. Ich telephonierte nach Garmisch, daß das Automobil

halten und uns aufnehmen möge. Die Antwort lautete unsicher: man wisse

nicht, ob noch Platz sei. Zähneklappernd warteten wir eine Stunde: nahm

der Motorwagen uns nicht auf, so blieb noch eine dreistündige Fahrt -- und

woher vor allem einen Wagen nehmen? --. Aber das Wunder, an das wir kaum zu

hoffen wagten, geschah. Der Chauffeur sah uns zwar mißbilligend an -- wir

hinterließen auch kleine Seen auf dem roten Leder der Sitze -- und nur

mein letztes Geld, das ich noch außer den zwölf Mark für die drei

Billette besaß, stimmte ihn milder. Unterwegs rechnete ich: in vier

Stunden hätten wir über den kürzesten Weg unten sein können; statt

dessen waren wir sieben Stunden bei viel anstrengenderem Abstieg unterwegs

gewesen, mußten noch zwei Stunden frostdurchschauert im Automobil sitzen

und hatten für diese Extravergnügungen dem Führer zehn Kronen mehr und

für die Fahrt zwölf Mark zu bezahlen.

Ich sah zum Führer hin: er unterhielt sich treuherzig mit einem Touristen

und pries unsere hervorragenden hochtouristischen Befähigungen. Wir aber

tranken, endlich zu Hause, zwei Liter Glühwein, »um vorzubeugen!«

Am anderen Tage traf ich den Touristen von der Zugspitze. Er eilte auf mich

zu: »Gnädige Frau,« sagte er, als ahne er unser Geschick, »hätten

Sie doch nur auf mein Rufen geachtet. Ich hatte nämlich gehört, wie

die Führer untereinander lachten und sagten: »Der nimmt die Dame nur da

herunter, weil er zehn Kronen mehr bekommt -- und die merkt fei' nix!«

-- Nein, ich hatte nichts bemerkt, ich gab es zu. Sonst hätte ich es

vorgezogen, dem »treuherzigen« Führer zehn Kronen zu schenken und den

kürzesten Weg zu wählen. Und ich, die Erfahrene, die Erprobte! lernte

einsehen, daß man sich zwar gut auf die Fels- und Eistechnik verstehen

kann und dennoch nichts von der Technik weiß, mit »treuherzigen«

Führern umzugehen.

Das Matterhorn von Ehrwald.

Marschiert oder fährt man von Partenkirchen hinein in den von hohen Bergen

umstandenen Kessel von Ehrwald, so fesselt vor allem eine Gipfelgestalt

den Blick; wenn auch die übrigen Berge des Wettersteins und der Mieminger

Gruppe höher sind, sie werden doch alle durch die wie ein Dolch in den

Himmel ragende Sonnenspitze an Kühnheit übertroffen. Durch Gestalt und

Lage bildet sie den Augenpunkt des ganzen Bergkranzes, der die liebliche,

grüne, mit Lärchenwäldern durchsetzte Talsohle umgibt; nur mit dem

Matterhorn oder der =Cimone della Pala=, freilich in verkleinertem

Maßstab, läßt sich die Form der gebietenden Spitze vergleichen.

Naturgemäß lockt ihr Gipfel jeden an, der überhaupt Fähigkeit und

Ehrgeiz hat, auch noch andere Berge als die auf der Reiseroute liegenden

»Aussichtsmuggel« zu besteigen. Dies Vordrängen in die Landschaft

drückt förmlich ein »Versuch' es doch 'mal« aus -- und tatsächlich

ist auch der Gipfel der Sonnenspitze der am meisten besuchte unter den

schwierigen in der Nachbarschaft. Allerdings wird auch zu ihm wie zu

vielen andern manch Unberufener mit Hilfe des Seils »hinaufgezogen«.

»Mehlsacktechnik« nennt sich diese Beförderungsweise, die bei den

Führern nicht ganz unbeliebt ist; rechnen sie doch nicht mit Unrecht bei

solchen Opfern des alpinen Ehrgeizes, die sich nachher einbilden, mit Hilfe

des Führers Ungeheures geleistet zu haben, auf erhöhte Trinkgelder.

Der Hochtourist allerdings rümpft über diese alpinen Gepäckstücke

verächtlich die Nase; denn das Seil, der unentbehrlichste Freund des

Kletterers, soll ihn nur _sichern_, ihm nur »moralische« Hilfe bieten,

nicht aber, wie es bei Ungeübten der Fall, zur einfachen Beförderung

durch des Führers Kraft dienen.

Die erste Besteigung der Sonnenspitze vollführte Hermann von Barth, der

kühne Gipfelstürmer, im Jahre 1873 vom Sebensee aus, während der noch

lange Zeit für unbezwinglich gehaltene Südgrat erst 1897 den Innsbrucker

Alpinisten O. Ampferer und W. Hammer erlag.

Wochenlang rief auch uns der Berg seine Mahnung zu; immer und immer wieder

rüsteten wir uns, ihr zu folgen. Aber da es in diesem Jahr umgekehrt

wie im Sprichwort ging und auf etwas Sonnenschein wieder tagelanger Regen

einsetzte, so war's lange ein Katz- und Mausspiel. Bis auch hier die

Ausdauer siegen sollte! An einem etwas schwülen Nachmittag brachen wir

von Ehrwald aus auf, mit Rucksack und Pickel, und beschlossen, da wir

natürlich den Berg »traversieren« wollten, zur Hütte der Sektion Koburg

aufzusteigen und dort zu übernachten. Der nächste Weg ist der beste --

also wählten wir den über den »Hohen Gang«, der, nachdem man zuerst

steil über sumpfige Matten und dann durch schattenspendenden Wald

gewandert ist, an steiler Felswand emporführt. Nach gut zwei Stunden

erreicht man den höchsten Punkt der Talstufe; gleichzeitig mit uns

stieg ein Sohn Ganghofers, begleitet vom Jäger und einem »Bua«, zur

abendlichen Gamspirsch empor. Ganghofer gehören dort weit und breit

alle Jagden. Noch ein paar Minuten -- und, dem Blick anfangs durch einen

Lärchenwald verborgen, breitet sich das Oval des Sebensees aus, dessen

grünblaues Wasser an Klarheit und Köstlichkeit der Farbe mit dem des

Achensees wetteifern kann. Jenseits erhebt sich, auf bequem angelegten

Serpentinen in einer halben Stunde zu erreichen, die Koburger Hütte, einen

grünen Hang krönend; die Aussicht, die sie über den Sebensee wie über

den in ihrem Rücken gelegenen blauschwarzen Drachensee bietet, ist einzig

schön. Und doch wurde der Genuß durch die unruhvolle Frage getrübt:

»Wird das Wetter halten -- oder ist es auch morgen wieder nichts?!«

Der Wetterstein lag wie immer von leichten Wolken umhüllt da; und das

Barometer fiel sanft -- beides untrügliche Zeichen in andern Jahren,

aber heuer ohne Gewähr! »Heuer« bewies auch zum Glück diesmal seine

Launenhaftigkeit: ein ganz wundervoller Morgen war uns beschieden, als wir

in aller Frühe zur Ersteigung des »Südgrats« aufbrachen: rosige Wolken

als Folie der Gipfel, und der Schnee an den Hängen leuchtend unter den

ersten Sonnenstrahlen. Also guten Muts vorwärts! Mit der Gewißheit, seine

Mühen belohnt zu sehen und droben eine klare Aussicht zu finden, klettert

sich's nochmal so leicht.

Das eklige Geröll wurde in kurzer Zeit überwunden, ebenso die steilen

Grashänge. Und nun nimmt mich der Führer barmherzig ans Seil, denn

die eigentliche Kletterei beginnt. Zwar macht mein Hochtourist einige

höhnische Bemerkungen darüber -- ich nehme an, weil er um die Ehre kommt,

mich selbst ans Seil zu nehmen! --; aber da er mich auf meine Bitten

hin photographieren soll -- Frauen können ja nie genug Bilder von sich

bekommen! --, so vertraue ich mich lieber meinem Führer an, als allein

auf die eigene Geschicklichkeit zu rechnen. Denn ohne nach dem Maßstab

der modernen Klettertechnik gerade sehr schwierig zu sein, verlangt dieser

Aufstieg über den Südgrat dennoch größte Aufmerksamkeit. Steile Kamine

wechseln mit griffarmen, exponierten Felsbändern ab, und ein Ausgleiten

würde an den haltlos »plattigen« Abstürzen, mehrere hundert Meter in

die Tiefe, den sicheren Tod zur Folge haben. Aber bei allem Ernst -- oder

besser gesagt: aller Schwierigkeit der Situation, fehlt auch das

heitere Moment nicht. Der Unangeseilte und der Führer sind einen Kamin

hinangeklettert; ich kann sie beide nicht mehr sehen. Sobald sie oben einen

sicheren Standpunkt erreicht haben, wird mir zugerufen, ihnen zu folgen.

Die Stufen sind durchschnittlich für längere Beine berechnet als für

meine, mit aller Kraft muß ich mich hinaufwinden -- von oben wird mein

Zögern mißverstanden: das Seil zerrt mich in die Höhe, fort aus der

eben erreichten Stellung. Ich rufe: »Nicht ziehen!« -- aber Tiroler

und norddeutscher Dialekt scheinen auch für die einfachsten Dinge

entgegengesetzte Ausdrücke zu gebrauchen: mit aller Wucht wird

weitergezogen, ich bin in dem engen Schacht eingeklemmt und zapple in

der Luft mit beiden Füßen. Ich bin nur froh, daß der Photograph diese

»vorteilhafte« Pose nicht erwischt hat -- keinenfalls hätte er sie mir

geschenkt! Ein anderes Mal dagegen, da ich über grausiger Tiefe nur so

auf den Zehenspitzen schwanke, ruft er gemütvoll: »Einen Augenblick halt,

wenn ich bitten darf! Und nicht so sorgenvoll aussehen!« Was denn doch

eine starke Zumutung ist. -- Ganz plötzlich, viel eher, als man bei der

allmählichen Ermattung zu hoffen wagt, ist man oben. Die Tatsache wird

durch ein befreiendes »Ah!« ausgelöst -- denn den Bergsteiger, selbst

den enragiertesten, der schließlich nicht froh wäre, das Ziel erreicht zu

haben, gibt's noch nicht. Mehr noch als vor alle anderen Erfolge haben die

Götter vors Bergsteigen den Schweiß gesetzt! Wie köstlich ist es dann,

sich am Gipfel zu sonnen, in aller Ruhe die wunderbare Aussicht auf die

benachbarten Riesen und in die warmdurchleuchteten Täler zu genießen --

und endlich an Kräftigem zu frühstücken, was der Futtersack enthält:

Speck und derbes Brot, Limonade aus der Aluminiumflasche, zum Schluß die

»Gipfelzigarre und -zigarette«! Alle Mühsal ist binnen kurzem vergessen,

man hat ganz das Gefühl eines Siegers; die Erde mit ihren Nöten und

kleinlichen Sorgen verschwindet -- der große Friede, die köstliche

Einsamkeit hier oben stempeln diese Stunde zu einer glücklichen und

heiligen. Bis andere Partien nachrücken, denen man den beengten Platz

einräumt. -- Man rüstet sich von neuem, ich werde wieder ans Seil

genommen; aber nun, beim Abwärtssteigen, bilde ich die Tete. Hinüber

geht's zuerst zu dem nur etwa 50 m entfernten und um ein paar Meter

niedrigeren Nordgipfel, zu dem ein äußerst exponierter Grat führt, der

sich an einer Stelle so einschnürt, daß man zum »Reitsitz« gezwungen

wird. Die Beine baumeln dabei nach beiden Seiten über den viele hundert

Meter tiefen Abgrund -- für leicht von Schwindel befallene Menschen keine

empfehlenswerte Stellung! Sonst ist der Abstieg auf der Nordseite technisch

bedeutend leichter als über den Südgrat, im oberen Teil jedoch über

geröllbedeckte Platten, sehr steile Schroffen und Grasbänder führend, so

daß immerhin größte Aufmerksamkeit erforderlich ist.

Zum Schluß geht's durch einige Geröllrinnen, für die ich eine besondere

Vorliebe besitze!

So sicher ich auch im Fels und beim Klettern bin, die heimtückische

Nachgiebigkeit des losen Schuttes habe ich immer noch nicht gelernt

genügend auszunützen. Der Hochtourist dagegen erklärt mir, während er

in großen Sprüngen durch das Geröll hinabsetzt, des Rätsels einfache

Lösung bestände darin, schon wieder auf dem _anderen_ Fuß zu stehen,

wenn der Schutt gerade unter dem _einen_ nachgäbe, so daß man mit

dem beweglichen Geröll fortwährend in Bewegung sei und gleichsam

»mitfließe«, wie er sich euphemistisch ausdrückt.

Ich sehe vollständig ein, daß auch dies für Leute, die es können, sehr

leicht sein muß -- ich dagegen, die ich noch nicht diese Geistesgegenwart

der unteren Extremitäten erlangt habe, nehme mehrmals »fließend« Platz.

»Solch ein Moment war's --« und mein Hochtourist, der sich aufgestellt

hatte, um den gerade sehr wirksam beleuchteten Tejakopf aufzunehmen, drehte

sich flugs um und eignete sich, meiner hilflosen Empörung zum Trotz, meine

»fließende« Lage auf den spitzigen Steinen an. Sobald man wieder ins

Tiefland kommt, werden eben die Charaktere wieder schlechter!

Endlich werde ich »abgeknüpft«. -- Man bemerkt sarkastisch, daß doch zu

hoffen wäre, ich könne die steilen Wiesen ohne Katastrophe überstehen!

Darauf verschmähe ich jede Antwort -- und sitze gleich darauf wie

festgeklebt und etwas schmerzhaft auf der klitschigen, von Wurzeln

durchzogenen Erde eines »Latschengassels«.

Als sich der Hochtourist umdreht, habe ich die Hand voll braunköpfiger,

nach Vanille duftender Brunellen, und erkläre in stoischer Ruhe, daß ich

meine Sträuße immer sitzend zusammenstelle. -- Er ist geschlagen! --

Drunten am Sebensee, dicht neben der Jagdhütte von Ganghofer, gibt's noch

eine letzte Rast, wo dann der letzte Proviant großmütig verteilt wird.

Rückwärts, voll Befriedigung, wandert der Blick dabei zur Sonnenspitze

hinauf -- von hier aus erscheint sie als ein breites, doppelt gegipfeltes

Massiv.

Da oben war man -- ist's zu glauben?!

»Um ganz alpin zu reden,« unterbricht der Hochtourist die stumme

Selbstbewunderung, die wohl aus meinen Zügen spricht, »müssen Sie sagen:

ich habe ihr den Fuß auf den stolzen Nacken gesetzt!«

Ich betrachte meine Füße in den derben Nagelschuhen, ohne mich auf das

Symbolische dieser Ausdrucksweise einzulassen, und nachträglich noch

überkommt mich eine fromme Scheu, daß ich es wirklich gewagt habe --!

Aber ich weiß auch, daß sie bald vergeht, und daß, wenn ein anderer

Kletterberg lockt, es mich unwiderstehlich »auf seinen stolzen Nacken«

ziehen wird.

Es ist nicht ausgeschlossen, daß ich dann auch das »Mitfließen« besser

kann.

Quer durch die Lechtaler Alpen.

»Sie« am Seil · 第 2 / 11 段