Eva Gräfin von Baudissin
»Sie« am Seil
[Illustration]
Verlag Walter Schmidkunz
München und Wien
1·9·1·4
Druck: Münchner Buchgewerbehaus M. Müller & Sohn
Dem Hochtouristen,
von dem
in diesem Buch
wenig Gutes und viel Böses
erzählt wird
Inhalt
I. »Sie« am Seil.
Seite
Wie »Sie« Hochtouristin wurde 3
Hochtour mit allerlei Hindernissen 11
Spätherbst im Wilden Kaiser 25
Auf Deutschlands »Allerhöchstem« 31
Das Matterhorn von Ehrwald 39
Quer durch die Lechtaler Alpen 45
Auf Höhenwegen von Oberstdorf nach Bludenz 51
Vom Königspaar des Rhätikon 57
Streifzüge in Südtirol 67
Hüttenleben 81
Eine unterirdische Hochtour 87
II. »Sie« auf Ski.
Bei den »Säuglingen« 95
Die erste »Ausfahrt« 101
Aus der Winterfrische 107
Das Talbein 113
Die Erfindung 123
III. »Sie« im Süden.
Osterspaziergänge in Latium
I. Der Monte Soracte 135
II. In den Sabinerbergen 139
Frühlingsfahrten im Bereiche der italienischen Seen
I. Locarno 145
II. Vom Lago Maggiore zum größten Kalvarienberg der Erde 150
III. Hochalpine Spaziergänge 157
IV. Im höchsten Tessin 168
I.
»Sie« am Seil.
Wie »Sie« Hochtouristin wurde.
Es kommt auf die Gelegenheit an, seine Fähigkeiten zu entdecken; viele,
vielleicht große und rühmliche, schlummern unerkannt mit dem Menschen ins
Jenseits hinüber, weil ihnen weder Zeit noch Ort günstig waren, sich
zu offenbaren. Solch ein Moment war's, der die Basis für die Entwicklung
einer neuen Eigenschaft bilden sollte, als ich an einem schönen
Frühlingstage den Turm des Kapitols erstieg, mir aber nicht an der
Aussicht von der letzten Plattform genügen ließ, sondern auf die höchste
Spitze, neben die Figur der Minerva hinaufkletterte. Ich muß das, ohne
Ahnung, überhaupt etwas Besonderes gemacht zu haben, ziemlich geschickt
ausgeführt haben, denn der berühmte Hochtourist an meiner Seite, der mir
die sieben Hügel Roms bezeichnen wollte, sagte mit einer bei Alpinisten
selten zu findenden Anerkennung: »Wissen S', mit Ihnen ging ich auf alle
Dolomiten --, da braucht' man nichts zu fürchten wegen dem Abstürzen.«
In dieser Minute spaltete sich mein Inneres wie die schönste, einfache
Zelle, und aus dem Protoplasma meines gewöhnlichen Menschen ging der neue
Zellkern hervor: Die Hochtouristin!
Alle Vorbedingungen waren plötzlich gegeben: starke Lungen, gesundes Herz,
Schwindelfreiheit und Ausdauer beim Marschieren. Rom zu meinen Füßen,
wurde mir klar, daß ich bisher mein Pfund vergraben hatte, und daß ich
mich einer schweren Unterlassungssünde schuldig machen würde, wenn ich
meinem Talent keine Gelegenheit gäbe, sich zu entfalten. Der Schauplatz
für diese Betätigung konnte, wie sich ohne viel Nachdenken, was mir immer
schwer fällt, ergibt, nur ein Berg sein; es galt also, einen zu finden,
der in Gestalt und Art meinen alpinistischen Gaben entgegenkam.
Seite 15 im dritten Band des Purtschellerschen »Hochtourist«: »Große
Furchetta (3027 m), der nordwestliche breitere Turm einer kühnen,
doppelzinkigen Berggestalt im Hintergrunde des Wasserrinnentals.
Interessante und exponierte, schwierige Kletterei.«
Das war, was ich suchte. Denn nach meinem Fähigkeitsnachweis am Kapitol
wollte ich es nicht unter einer Hochtour tun und möglichst gleich alle
Eindrücke auf mich wirken lassen, die man bei einer Bergbesteigung haben
kann. Die äußeren Vorbereitungen wurden getroffen: Das G'wandl mit allen
Zutaten, Beinkleid, Kniestrümpfen, Mütze, Sonnenhut besorgt, der Rucksack
mit dem Notwendigsten, bis aufs Gramm abgewogen, sauber vollgestopft, ein
mächtiger Eispickel erhandelt und als Letztes -- die Stiefel ausprobiert.
Sie sind das Wichtigste der Ausrüstung, hatte man mir gesagt. Es kam
mir auch bald so vor, denn ich trat mir mit den schweren Dingern in der
schmerzhaftesten Weise auf die eigenen Füße.
»D' Nägel san zu grob«, meinte der bäurische Hoflieferant, den ich
betrübt um Rat fragte.
»Bewahre! Sie kann nur nicht gehen, sie ist noch ungeschickt«, beharrte
der berühmte Hochtourist, der auch hier meine ersten Schritte überwachte.
Der Schuster lachte. »Wegen ein'm Paar Schuh braucht doch de Person nit's
Gehen z'lernen!« erwiderte er mit köstlicher Philosophie.
Das tröstete mich wunderbar; nicht ich, sondern die Stiefel waren schuld,
und deshalb lernte ich es bald, sie zu tragen, ohne mir ernsthaftere
Verwundungen zuzuziehen.
Aber als wir dann eines Morgens zu einer Zeit, die es eigentlich gar
nicht gibt, in Dunkelheit und Kälte, »um Schatten zu haben«, von der
Regensburger Hütte aufbrachen, klopfte mir doch das Herz recht. Die
Wiesen naß und schlüpfrig, das Tal voll Nebel, die näher und näher
heranzukriechen schienen, ringsum eine atemlose, beklemmende Stille --
und vor uns stolz und gewaltig aufragend die Furchetta. Drohend und steil
schien mir der Gipfel, eine Vermessenheit, ihn erklimmen zu wollen, und
während ich mich tapfer bemühte, meine Füße mit den Genagelten in die
weit auseinanderliegenden Spuren des Führers zu setzen, sagte eine laute
Stimme in meinem Innern wieder und wieder: »Du kommst da nie hinauf -- nie
hinauf!« Und nur deshalb äußerte ich nichts von meinen Bedenken, um
das in mich gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen; ich glaube, die meisten
Heldentaten werden in solch einem passiven, aus der Furcht vor Anderen
diktierten Handeln vollzogen. Langsam, Schritt für Schritt, ging es die
Serpentinlinien durch den Schutt hinan; vor mir die grünen Wadenstrümpfe
des Führers, auf die ich hoffnungsvoll starrte: solange sich die in
gleichmäßigem Abstand von mir aufwärts bewegten, genügten auch meine
Kraft und mein Können -- an sie klammerte sich instinktiv mein Blick. --
»Verschnaufen S' mal und schauen Sie sich mal um«, gebot die
Hochtouristenstimme hinter mir.
Verwirrt und erschöpft blieb ich stehen: umschauen auch noch?! Tat ich
denn noch nicht genug? -- Aber gehorsam spazierten meine Augen nach oben
und unten, nach rechts und links: Steine, nichts als Steine, große,
kleine, glatte, bizarrgeformte, aus der Felswand emporwachsende und wieder
lose, die treulos unterm Fuß nachgaben -- ein wüstes, ödes, steinernes
Meer -- --
»Nun?! -- Was sagen S' aber jetzt?! Zum Hinknien, nit wahr? Diese Größe
-- diese Stille -- heilig ist's wie in der Kirch'.« -- Meine grenzenlose
Verwunderung setzte sich allmählich in eine Art Wut um, während neben mir
die Begeisterung immer neue Nuancen fand: »Da 'nauf muß man kommen, um
wieder zu wissen, daß ma' a Mensch is -- da kriegt man wieder an Begriff
von der Allmacht -- da geht eims Herz auf -- Aber Sie sagen ja nichts, Sie!
Ja, ja, da verstummen auch Sie einmal -- aber schließlich, wissen möcht'
i schon, was' denn für einen Eindruck haben und was Sie nun denken« --
»Raumverschwendung,« sagte ich kurz, »eine kolossale
Raumverschwendung«.
Die Stille, die nun folgte, war so drückend, daß ich aus eigenem Antrieb,
um die letzte Ehre zu retten, bescheiden hinzusetzte: »Was könnte man da
für Korn bauen, wenn's eben wäre und nicht so viel Steine!« --
»Sie stehen also glücklich noch auf dem Standpunkt der Naturempfindung
vor hundert Jahren -- von der Ästhetik des Gebirges haben Sie keine
Ahnung«, unterbrach mich der Hochtourist im plötzlich angenommenen,
reinsten Hochdeutsch.
Und dann wurde ich ignoriert; an mir waren doch Mühe, Aufklärung und
Naturschönheiten verloren. Aber über meinen Kopf fort floß zwischen
Führer und Bergsteiger, denen nun Herz und Mund geöffnet waren, ein Strom
von Touristengeschichten; von alten Führern, von Erstbesteigungen, von
Neulingen im Gebirg und Führerlosen, die auf die harmlose Menschheit
unter ihnen Steine herabrollen ließen; von neu entdeckten gefahrvollen
Anstiegen, von »Sportbergen« und wunderbaren Errettungen, das alles
gewürzt mit immer wiederkehrenden technischen Ausdrücken, wie: Grat,
Kamm, Wand, Griffe, Tritte, Kamin, Couloir, Schlucht, Platte, Band --
dem Jargon der Alpinisten, dachte ich verzweifelt und ungerecht. Aber von
dieser mir bis dahin gänzlich unbekannten Nomenklatur und der Erkenntnis,
daß ich also eigentlich schon hundert Jahre alt sei (nach dem Stand meiner
Naturempfindung!), wurde mir ganz schwindlig -- zum ersten und einzigen
Male im Leben.
In diesem Moment äußerster Schwäche erreichten wir den Einstieg. Ich
durfte mich hinsetzen, denn aus der Quelle in unmittelbarer Nähe wurden
einige Becher voll klaren Wassers geholt, und außerdem mußten hier
die Genagelten gegen die Kletterschuhe eingewechselt werden. Welch ein
behagliches Gefühl schon, das weiche, schmiegsame Segelleinen gegen das
harte, schwere Leder! Mir fiel ein, daß der Mann, der die guten,
nie gestörten Nerven der Chinesen auf ihre seidene Fußbekleidung
zurückführt, sicher recht hat. Meine Müdigkeit war verflogen. Mit
Vergnügen ließ ich mir das Seil um die Taille legen, »die moralische
Hilfe«, wie mir lachend versichert wurde; jedenfalls wohnt diesem
Zauberband eine merkwürdig beruhigende Wirkung inne.
»Nun klettern S' mir nur nach! Immer hübsch langsam und erst einen festen
Tritt für den Fuß und einen sichern Griff für die Hand suchen«, gebot
der Führer.
Die hoffnungsvollen Grünen tauchten über meinem Kopf auf, und von Zeit
zu Zeit traf mich ein ermunternder Blick des allein vorauskletternden
Hochtouristen. Sonst war ich mir allein überlassen, nur durch einen
dünnen Faden mit der Menschheit verbunden.
Und plötzlich besaß ich wieder wie auf dem Kapitol Seelenruhe,
Muskelstärke, Gewandtheit und Schwindelfreiheit. Hier oben, angesichts
der Felsen und der lustigen Kletterei, krochen meine hochtouristischen
Begabungen wieder ans Tageslicht. Wie von selbst fand ich Griffe und Tritte
-- lagen sie einmal weit auseinander, so brachte mich ein Schwung sicher
über die gefährdete Stelle fort; das Auge schärfte sich und maß
genau die Entfernungen ab, jedes Glied gehorchte dem Willen, und alle
turnerischen Kenntnisse aus der Kinderzeit fanden sich wieder ein.
»Das geht ja wie g'schmiert«, meinte der Führer einmal.
Der Hochtourist äußerte sich nicht; ich nahm an, daß ihn meine
Fähigkeit nach den übrigen Beweisen meiner Unkenntnis und Unfähigkeit
bitter wurmte. -- Beim »Band« wurde ich ernsthaft verwarnt: ich begriff
nicht, weshalb. Was für eine einfache Sache, über eine freiliegende
Stelle, neben der es rechts und links zwar in die Tiefe geht, die doch
aber dem Fuß festen Halt bietet, zu steigen! Und dann wieder vorwärts am
Felsen entlang -- zum erstenmal konnte ich ohne Neid an die Affen im Urwald
denken, die sich gemächlich von Baum zu Baum schwingen.
»Gleich san mer oben!« Richtig, noch ein paar kleine Anstrengungen bis
zum Gipfelgrat -- wenige Schritte auf der Höhe selbst, und da waren wir!
Auf dem höchsten Punkt des Berges, der mir wenige Stunden vorher noch so
unerschwinglich hoch vorgekommen war. Eine tiefe Befriedigung erfüllte
mich; ich hatte also wirklich mal etwas geleistet, hatte mich auf meine
Kräfte verlassen und allein durch sie mein Ziel erreicht. Aber dann sank
mein ganzes Selbstbewußtsein in sich zusammen vor der Schönheit und der
Gewalt des Panoramas, das sich vor meinen Blicken auftat. Ja, hier herauf
mußte man kommen, um sich wieder eins mit der Natur zu fühlen -- mir war,
als sähe ich zum erstenmal der Welt voll ins Antlitz: so schön also
war sie, so wunderschön -- »Und er führte ihn auf einen hohen Berg
und zeigte ihm die Herrlichkeiten der Welt zu seinen Füßen und sprach:
›Dies alles will ich dir geben‹« --
Aber in diesem Augenblick, in der heiligen Stille dort oben, besitzt man
ja alles, was der Blick umfaßt; und in der demutsvollen Erkenntnis der
eigenen Bedeutungslosigkeit so vieler Größe und Allmacht gegenüber wird
man wunschlos.
Der Hochtourist trat auf mich zu und gratulierte mir, er war ganz
erschüttert. Aber seine Rührung entsprang einer anderen Quelle als
die meine: er hatte mich ja entdeckt -- auf dem Kapitol -- und mit dem
sicheren, nie zu täuschenden Blick des Kenners hatte er die verborgenen
Talente geahnt. Freilich, daß sie so groß sein würden --! Es war
erstaunlich. Und wenn ich mich bergrunter ebenso bewähren würde --
»Ich habe nie an mir gezweifelt«, sagte ich kaltblütig; wozu jetzt
noch meine schwachen Momente verraten?! Überdies würde sie nach dem
gelieferten Fähigkeitsbeweis niemand mehr glauben wollen; auch für mich
traten sie endgültig in verschwimmende Fernen zurück.
Dann kam das Frühstück; und mit der Kräftigung des leiblichen Menschen
wuchs mein Mut ins Ungemessene empor -- bis hinauf zu den allerhöchsten
Gipfeln der allerhöchsten und -schwierigsten Berge! So war ich zur
»Hochtouristin« geworden.
Hochtouren mit allerlei Hindernissen.
Zell am See! Der Name trägt sicher für viele oder sogar fast alle, die
es je besuchten, die Erinnerung an ein kleines alpines Paradies in sich.
Welche Rundsicht, nicht wahr, von der Seite des Sees, diese Berge, die sich
da aneinander reihen, die stolze Pyramide des Kitzsteinhorns, Brennkogel
und Schwarzkopf, Grieskogel und Hocheiser und wie sie alle heißen; nicht
zu vergessen die Schmittenhöhe, auf der sich's so herrlich Kaffee
trinken läßt -- und am »drüberen« Ufer das hübsche Bruck und Schloß
Fischhorn. Und dann dieser See selbst mit seinem angenehmen Bad und der
Möglichkeit, Kahn zu fahren. Ja, die Leute sind hier glücklich; das sieht
man ihnen an, wie sie im Deandl- und Buamkostüm umherlaufen und sich ganz
der ungebundenen Natur angepaßt finden. Aber in mir sitzt Ungeduld; was
andere beneidenswert finden: einen längeren Aufenthalt an diesem Ort, an
dem sich »fesches« Badeleben mit Primitivität verbindet, das macht mich
allmählich nervös -- zum Heulen! Der schöne See kommt einem fad vor, so
ungerecht wie es ist, wenn man viele Wochen im Norden am Meer war, von den
Klippen direkt in die Tiefe sprang, sich auf den Schären vom Schwimmen
ausruhte und sonnte und nachts im Schlaf das ewige Brausen in gleichem
Rhythmus hörte. Nein, man ist nicht des Sees wegen da, und es genügt
einem nicht, die Berge so schön aufgereiht liegen zu sehen -- hinauf
möchte man, mitten hinein ins Herz der Berge! Aber es regnet tagelang;
zärtlich, weich, beschwichtigend, als wenn man droben in den Wolken lache
über den ohnmächtigen Zorn der Erdenkinder. Dann soll's eines Morgens
losgehen: biegen oder brechen! Man hält die Deandl einfach nicht mehr aus,
die Buam noch weniger -- Einsamkeit will man und sich Wege suchen, auf
die der große Fremdenstrom nicht fließen mag. Aber es biegt sich
nicht, sondern bricht erst mal; nämlich das rechte Schlüsselbein meines
Hochtouristen, der sich mit Grazie über Abgründe schwingt, Kamine
durchklettert, als handle es sich um Verandatreppen, sich von den
»unmöglichsten« Punkten selbst abseilt -- und den nun das Schicksal
ereilt, als er mit kräftiger Hand den neuen Bergschuh im Hacken ausweiten
will! Des Himmels Beschlüsse sind unerforschlich. Neuer Aufenthalt;
neue Geduld; neue Freude am »feschen« Badeleben. Aber der Bezirksarzt
tröstet: nach seiner Meinung liegt kein Bruch vor, nur eine Zerrung der
Muskeln; ein paar Tage Eisumschläge -- dann ist alles wieder gut! Nur
merkwürdig, daß das Schlüsselbein im Dreieck emporsteht -- wozu hat man
einen Arzt zum Vater gehabt?! Doch über das, was man behauptet, wird nur
gelächelt -- und schließlich glaubt man gern, was man glauben möchte.
Man wandert los; der Hochtourist mit etwas hängender Schulter unterm
Druck des Rucksacks, aber man geht ja schließlich nicht mit den Armen.
Den berühmten »Kesselfall« nimmt man natürlich unterwegs noch mit
und steigt über den »Moserboden«, ein wirklich wunderbares Tal mit
sprudelnden Wasserläufen und einer Umrahmung großartiger Berge und
Gletscher, und nach kurzer »Futterrast« im Hotel Moserboden zum
Heinrich-Schwaiger-Haus hinan. Eine gute Leistung für einen Tag --
besonders die letzten zweieinhalb »steilen« Stunden, vom Moserboden
empor, werden reichlich sauer, wie immer die ersten Tage, bis das Herz
wieder richtig funktioniert und seinen Hochgebirgsschlag annimmt; dafür
ist das Gewissen beruhigter: man tat doch etwas, man saß doch nicht
müßig da -- und morgen, ja morgen geht's auf das lange mit Sehnsucht
umworbene Große Wiesbachhorn!
Ein paar andere Leute wollen auch hinauf; in tiefer Nacht -- in der
Gebirgssprache: der Morgen -- blüht schon der Handel in der Hütte mit
Tee, Speck, harten Eiern und Sardinen zum Mitnehmen. Etwas mühsam, denn es
stürmt und die Luft ist so merkwürdig eisigkalt, klettert man über den
Fochezkopf und erreicht den vereisten, schneebeladenen Kaindlgrat. Die
Steigeisen werden angeschnallt, vorsichtig stapft der Führer voraus,
um eine Spur anzulegen, die man gewissenhaft aufnimmt. Der Wind wird
schneidend, die ersten Schneeflocken fallen. Gesicht und Hände prickeln.
Wir erreichen eben die Wielingerscharte, da bricht ein Schneesturm los
mit einer Gewalt, daß man nur noch wenige Schritte weit sehen kann. Keine
Möglichkeit, weiterzugehen! Wir hatten beabsichtigt, eine wunderschöne,
im ganzen auf zwölf Stunden berechnete Gletscherwanderung über den
Bratschenkopf und die Glocknerin zur Franz-Josephs-Höhe zu machen -- und
mein Hochtourist, der sowieso von Herzen geschimpft hat, daß er für die
an und für sich nicht schwere Tour einen Führer nehmen muß, weil er mich
wegen seines Armes nicht fest genug an der Strippe halten kann, sagt jetzt
nichts als: »Nun geht's aber in den Süden -- auf der anderen Seite
ist das Wetter immer besser!« Wir kehren um; denselben Weg über
den Kaindlgrat geht's zurück, am Heinrich-Schwaiger-Haus vorbei --
unverrichteter Dinge umkehren müssen, ist das schmerzlichste für einen
Hochtouristen, zumal, wenn man schon so nahe am Gipfel war; dreiviertel
Stunden hätten genügt, ihn zu erobern. Im Hotel Moserboden beschließen
wir diese Episode, und nach kurzer Rast geht's »dolomitenwärts«.
Allerdings ist sich mein Hochtourist nicht ganz klar, wie's dort mit dem
Klettern sein wird. Aber die Versicherung des Arztes: »Wenn's auch weh
tut, es schadet nichts -- es wird bald vergehen«, läßt ihn noch immer
hoffen. Kein Weg soll uns zu weit sein, um uns dem Süden heute noch näher
zu bringen.
Zuerst geht's ganz bequem über den »Austriaweg« vom Moserboden aus, am
Karlinger See vorüber durch die »Wintergasse«, die sich durch den mit
Recht beliebten Schutt auszeichnet; für Fußsohlen und Knöchel eine
Extraprobe! Nach fast drei Stunden kommt das Kapruner Törl, das zwischen
Torkopf und kleinem Eiser hindurchführt und eine schöne Aussicht auf das
unerreichte Wiesbachhorn bietet -- ein schmerzlicher Anblick trotzdem!
Ob's oben noch schneit?! Hier, immer noch auf einer Höhe von über 2600 m,
tropft es sanft, aber kalt. Man selbst ist mittlerweile doch warm geworden,
dazu die nassen Kleider; die verschiedenen Zustände, kalt, warm, naß,
vertragen sich nicht übermäßig gut miteinander. Nun geht's hinab zum
Riffelkees und lange über eine Moräne, die allerlei Sprünge über
Spalten und Felsen erfordert, bis ganz hinunter ins Tal, über den Bach
fort und recht mühsam, zum Teil auf in den Fels gehauenen Stufen,
zur Rudolfshütte hinauf. Die Hütte liegt sehr schön und bietet gute
Verpflegung -- und Ruhe! Wenn man an das überfüllte Schwaiger-Haus
zurückdenkt! Hier sind wir die einzigen Gäste. Aber zu lange dürfen wir
uns nicht aufhalten! Ja, wir fangen doch erst an mit dem Ausruhen? Bewahre,
wir müssen weiter. Erst wieder empor bis zur kreuzgeschmückten Höhe
des Kalser Tauern, dann hinab über recht steiles Geröll, am Dorfer See
vorüber, und über die unheimlichen Reste eines alten Bergsturzes fort,
am Kalser Bach entlang zur Dorfer Alpe, die mit ihren grünen, fruchtbaren
Matten nach all dem sterilen Schutt und Geröll, das wir bis dahin passiert
haben, wirklich wie eine Oase anmutet. Bald darauf, in der Schutzhütte
auf der Rumesoi-Ebene, bekomme ich meinen Kaffee, das einzige, was ich
auf Bergtouren, auf denen ich es sonst gelernt habe die bescheidensten
Ansprüche zu stellen, ungern entbehre. Und trocknes Brot hineinbrocken,
wie wir es als Kinder nur am Sonntag durften, das erlaube ich mir im
Gebirge alle Tage; es hält bei mir Leib und Seele zusammen. Endlich,
nachdem die »Stiegenwand« überwunden ist, erreicht man in ein paar
Stunden, über den Teischnitzbach fort, und je nach der Marschfähigkeit
das hübsch und freundlich gelegene Dorf Kals. Eine gesunde Wanderung
jedenfalls, mit dem häufig wechselnden Auf und Ab dazu -- und in dem
kleinen, weißgetünchten Zimmer des »Glocknerwirts« schlafe ich so fest
wie wenig Schritte vom Haus fort die Toten unter ihren weißen Steinen.
Dafür geht's am nächsten Morgen ganz behaglich im Kalser Tal entlang bis
nach Peischlach, von dort per Wagen neben der rauschenden, breiten Isel her
bis Lienz. Abermals unfreiwilliger Aufenthalt in diesem an und für sich
netten Städtchen, dem ich die Erinnerung an mein erstes und einziges
=collier de chien= verdanke: fleißige Wanzen haben es nachts Stich um
Stich auf meinen Hals genäht -- anfangs, als ich des Morgens erwachte,
fürchtete ich, über Nacht den hier ortsüblichen Kropf bekommen zu haben.
Aber es waren nur Wanzen -- weiter nichts!
* * * * *
Es regnete nicht, sondern goß in unermüdlicher Bravour. Mein Hochtourist
klagte über seine Schulter -- bei dem Wetter kamen sicher rheumatische
Schmerzen hinzu -- sobald der Himmel nur eine kleine Pause in der
Besprengung der Erde machte, flohen wir auf und davon, zu einem der
»Unholden« hinauf, wie die Lienzer Dolomiten ihrer zerklüfteten Formen
wegen genannt werden, auf den »Hochstadl« (2678 m). Der Aufstieg ist
nicht beschwerlich, in etwa sechs Stunden erreicht man das Hochstadlhaus,
und am nächsten Morgen, nach einer sehr kalten Nacht, über die
Rudnigsscharte in gut zwei Stunden den Gipfel, der eine wunderbare Aussicht
-- auch uns! -- ins Oberdrautal über die nahen »Unholden« und die ganzen
schneeglänzenden Tauern bietet. Einen Abstieg suchten wir uns nach Süden
selbst, er war nicht unschwierig, da wir durch dick und dünn -- in diesem
Falle Gestrüpp und Bäche -- mußten, ohne jeden Weg. Mittagsruhe neben
einem kühlen Wasserfall und abends gegen sieben Uhr -- also nach einer
Tagesarbeit von gut vierzehn Stunden -- sahen wir endlich im Gailtal
Birnbaum, das erwünschte, vor uns liegen.
Im Dorf, vor allem in dem einzigen Wirtshaus, wimmelt es von Soldaten;
sie sind sogar auf den Treppenabsätzen und Korridoren einquartiert.
Im Staatszimmer, vor dem Vertikow mit Glas und Porzellan, wird mir eine
Lagerstatt errichtet. Aber die Soldaten haben noch eine Einquartierung
mitgebracht, sie ist braun und sehr behende -- meine Nachtruhe ist durchaus
getrübt. Ich bin froh, als ich in der Morgendämmerung wieder den
Rucksack auf die Schultern lege -- mein Hochtourist hat eine seltsame Art
angenommen, den Riemen auf der rechten Seite um den Oberarm zu schieben.
Der entzückende Weg durch das Valentintal und über das Törl gleichen
Namens und die Aussicht, morgen den Monte Coglians zu besteigen, tröstet
über alles hinweg; auch über den Regen -- wir sagen euphemistisch
»Niederschlag« -- der gerade einsetzt, als wir die Wolayerseehütte, am
kleinen Wolayersee gelegen, betreten. Beim Hüttenwirt und seiner Genossin
ist große Aufregung: der Maulesel, der die Vorräte heraufschafft, ist
wieder auf und davon: »ins Ausland hinüber«, sagt der lustige Wirt und
deutet mit dem Daumen zur nahen italienischen Grenze. Der Maulesel ist gar
nicht so dumm: er sucht ein wärmeres, jedenfalls trockneres Klima auf. Und
wir, die wir in die Karnischen Alpen wollten, in die Dolomiten von Sappada
und Cadore, auf die Cridola und andere derartige Gipfel, täten wir nicht
am Ende auch gut, dem Maulesel zu folgen?! -- Zwei Tage belagern wir den
Coglians von Norden aus; zwei Tage darben wir, denn der Maulesel weidet
noch immer in Italien --, dann steigen auch wir hinab ins Gelobte Land,
bis nach Collina. Ein echt friaulisches Dorf, dessen Männer im Sommer
auswärts, meistens in Deutschland arbeiten, während die Frauen die
geringe Feldarbeit auf den Miniaturfeldern -- oft nicht viel größer als
ein Bettvorleger -- besorgen; die ganz alten und ganz jungen Mannsleute
spielen Boccia. Zwei Wirtshäuser stehen uns zur Verfügung, wir wählen
das größere -- von außen sind beide nicht gerade vertrauenerweckend.
Aber mit den Schlafstätten ist es solch eine Sache: der Herr Karabiniere
ist auf Besuch da -- eine wichtige, beliebte Persönlichkeit, natürlich,
denn man ist der Grenze nahe und verdirbt es nicht gern mit ihm! Aber der
Herr Karabiniere ist viel zu sehr =galant' uomo=, um einer Dame nicht
Platz zu machen. Er holt sein Gewehr und seinen Kamm aus dem Zimmer und
marschiert ab. Ich bleibe erwartungsvoll stehen, um das Bettüberziehen zu
überwachen: es ist schwer, meinen Wunsch nach frischer Wäsche begreiflich
zu machen, sie ist doch so gut wie neu, und nur zwei Nächte hat der Herr
Karabiniere -- -- Ich bleibe fest. Wenn's denn sein muß --! Darauf wird
getuschelt, aus dem Fenster geschaut: er ist schon weit fort, der Herr
Karabiniere! Da wird gleich die Matratze des Riesenbettes emporgehoben
und aus den Gurten die zwei Gewehre geholt, die man vor der Obrigkeit
verstecken mußte! Der Herr Karabiniere hat ahnungslos auf den Waffen
geschlafen -- besser als die Prinzessin auf der Erbse.
Nun belagern wir den Coglians von Süden. Zwei volle Tage lang. Es regnet
so stark, daß wir kaum bis ans kleine Kirchlein gehen können; und zu
jeder Mahlzeit bekommen wir »=manzo=«, Rindfleisch, mit Salbei gewürzt
-- der Geschmack geht gar nicht mehr von der Zunge. Mein Hochtourist klagt
auch über den schlechten Geruch in seinem Zimmer; ich habe es untersucht
und ihn beruhigt: Einbildung! Denn es steht kein drittes zur Wahl. Heute
fordert er Käse zum Nachtisch: um den Salbei loszuwerden. Der Wirt
verneigt sich, ergreift Teller und Messer, eilt den Korridor entlang -- wir
sehen es durch die Glastür unserer =sala da pranzo= -- und verschwindet im
Zimmer des Hochtouristen! Ich sehe dessen befremdenden Blick, sehe auch den
Wirt harmlos zurückkehren und uns den Käse mit Schwung servieren. »Wo
kommt er her, der Käse?« donnert mein Hochtourist. Ach, ahnungsloser
Engel, seit zwei Nächten schlummerst du über den großen, gelben
Käselaiben, die unter deinem Bett zum Trocknen liegen! Er wollte
keinen Käse mehr, mein Hochtourist. Manche Menschen sind eigentümlich
launenhaft!
Die Abende sind ein Idyll. Wir sitzen mit den Frauen auf den alten
Holzbänken, die auf dem niedrigen Herd selbst herumstehen. Der Kessel
hängt an langer Kette von der Decke über der glimmenden Asche, alles in
der Küche, Plafond, Wände, Geräte sind mit gleichmäßiger, glitzernder,
fester Rußdecke überzogen. Der »Rentier« des Dorfes kommt, um mit uns
zu plaudern; auch er hat sein Geld in Deutschland erworben, »in 'of«
(Hof) -- er besitzt ein wackliges Häuschen und zwei Ziegen und braucht
nicht mehr zu arbeiten. »Denn Reichtum«, so philosophiert er, »hängt
von den Ansprüchen ab, die man an ihn stellt.« Oh, hätte ich auch zwei
Ziegen -- oder mehr noch: wäre ich mit ihrem Besitz zufrieden! -- Aber ich
bin noch weit entfernt von der Abklärung des Collinaschen Rentiers. Der
Coglians bleibt unsichtbar, hinter Nebeln -- ich dränge zum Aufbruch; vor
allem, weil unten im Tal die vorangesandten Wäschepakete unserer harren.
An schönen Dolomiten vorüber führt der Weg; und an seltsamen Bergnestern
mit übereinandergeklebten Häusern und winkligen, dunklen Gassen -- oft
führen nur Stufen von einem »Stadtteil« zum andern. Elende Holzbalkone
hängen an den brüchigen Mauern, keine Gardine an den Fenstern, keine
Blume, nichts Grünes ist zu sehen. So viel Verwahrlosung und Schmutz
befremdet selbst den, der Süditalien kennt -- dieser abgelegene Winkel
von Friaul übertrumpft es! In San Stefano finden wir glücklicherweise
die Pakete vor -- wir haben auch zu unterst auf dem Leibe keinen trockenen
Faden mehr! Von dem reizend am Zusammenfluß von Padola und Piave gelegenen
San Stefano nehmen wir die Königlich Italienische Post; sie führt uns
über Lorenzago durch das Tagliamento-Tal, also nach der Versicherung
glaubwürdiger Reisender durch eins der schönsten Täler der Alpen. Ich
muß diesen Reisenden glauben; denn ich habe nichts von dieser Schönheit
gesehen. Die Königliche Post zog ein Verdeck über meinen Kopf, stellte
mir zu Füßen einen Riesenkorb voll Obst und setzte an meine Seite in der
engen Viktoria einen italienischen Papa, dessen dickes, blondes Kind als
blinder Passagier zwischen uns geklemmt war. Mein Hochtourist hatte sich
auf den Bock gerettet -- er zog die Launen des Wetters denen eines
Kindes vor. Ab und an sprang der italienische Papa, der einen gestreiften
Samtanzug trug und Lackstiefeletten, die mit falschen Knöpfen besetzt
waren, aus dem langsam fahrenden Wagen und stürzte sich mit seinem Gewehr
ins Dickicht, um womöglich noch nebenher ein paar Singvögel zu erjagen.
Dann fiel das dicke, schlafende Kind jedesmal um, erwachte und heulte,
bis ich es endgültig zu mir herüberzog; so war ich doch zu etwas nütze;
sehen kann man immer weniger, es scheint Tinte zu regnen.
* * * * *
Von der Stazione per la Carnia nimmt uns die Bahn über Chiusaforte und
Pontafel bis nach Tarvis mit, eine wunderbare Strecke im engen Felsental
der Fella, durch Tunnels und über schwebende Brücken in reicher
Abwechslung. Wir genießen dankbarst die Großartigkeit der sich rechts
und links bietenden Szenerie; denn es klärt sich auf! Wir wagen noch nicht
darüber zu sprechen, aber als uns ein leichter Wagen nach Raibl fährt,
blicken wir uns hoffnungsvoll an: sollte es wirklich --? Vielleicht
erweisen sich uns die Julischen Alpen entgegenkommender, umsonst sind
sie wohl nicht so beliebt; auch der König von Sachsen besitzt hier
Jagdgebiete.
Sie entsprechen wirklich unseren Erwartungen, die Julischen. Wir können
uns von Raibl aus aufmachen zum Manhart. Über den Predilpaß, an starken
Fortifikationen vorüber, steigen wir im »Manhartgraben« aufwärts und
erreichen nach gut sechs Stunden glücklich den Gipfel (2678 m); seine
Rundsicht ist weit und schön, zu den Karawanken hinüber, zum Triglav
und der charakteristischen Fünfspitz bei Raibl. Der Abstieg über die
Lahnscharte ist fürchterlich steil, man freut sich, als man unten den
oberen der beiden entzückend gelegenen Weißenfelser Seen erreicht --
mehr noch, als man am unteren die nette Restauration entdeckt und eine
köstliche Forelle serviert bekommt. Den Manhart, der sich von hier aus
großartig präsentiert, grüßt man mit dankbarem Blick -- man hat seine
besondere Beziehung zu Bergen, auf deren Gipfel man gestanden hat! Man
ist überhaupt zufrieden; ein gutes Mahl und die Aussicht auf bequeme
Weiterbeförderung sind wohltuende Faktoren. Denn von Weißenfels bringt
uns die Bahn nach Krainburg, am Zusammenfluß von Kanker und Save gelegen.
Der Ort gilt für die Hochburg des Nationalitätenkampfes und höchst
deutschfeindlich -- ich erinnere mich mit Vergnügen an seine anmutige
Lage auf einer Anhöhe, an das gemütliche Abendessen im alten Garten
der »Alten Post« unter hübschen Arkaden und das Gefühl vollkommensten
Ausgeruhtseins beim Erwachen am nächsten Morgen in dem großen, von Sonne
durchwärmten Zimmer. Ich bin mit dieser slawischen Behandlung höchst
zufrieden!
Auf leichtem Wagen rollen wir über Kanker bis zum »Poschner-Wirtshaus«
-- denn Landstraßen geht ein ordentlicher Hochtourist nur ungern! Den
Steiner Alpen wollen wir einen Besuch abstatten, und zwar dem höchsten
Gipfel dieser mächtigen Kalkalpen, die sich auf der Grenze von Krain,
Steiermark und Kärnten erheben und uns mit ihren malerisch bewaldeten
Vorbergen schon von weitem locken. Aber im Poschner-Wirtshaus wird Station
gemacht; ich bestehe darauf, daß wir die Rückkehr des Wirtes abwarten,
der zugleich auch als Führer dient; er soll uns begleiten, um den Rucksack
meines Hochtouristen zu tragen. Es ist seltsam, wie bleiern ihm der
Arm herabhängt, Schmerzen hat er keine, oder doch nur wenig, wie er
versichert, aber meine Energie scheint ihm trotzdem willkommen zu sein!
* * * * *
Gegen Mittag wanderten wir zu dreien los; es ist drückend schwül, und wir
halten es für ratsamer, die Nacht auf der Zoishütte zu bleiben, zu der
ein schöner, aussichtsreicher Weg durch den Suhadolnikgraben und unter den
steilen Wänden des »Greben« entlang über den Kankersattel führt. Die
Zoishütte, auf 1792 m Höhe, liegt entzückend; ein einsetzendes Gewitter
treibt uns aber bald ins Haus zurück. Es ist nebelig am nächsten Morgen,
aber es kann sich klären, meint der Führer. Wir wählen den »neuen
Grintouzweg«, der zwar schwieriger ist als der alte über den Südkamm,
uns aber unsern Berg, den »Grintouz«, von seiner schönsten Seite
zeigt. Durch ein Felsentor betreten wir einen Alpenvereins-Steig, aber die
Markierung ist im Nebel schlecht zu finden, der Aufstieg überhaupt
nicht leicht. Vorsichtshalber werde ich angeseilt: »Der Herr hat's fast
nötiger«, meint der Führer. Ich sehe selbst, wie ungeschickt mein
Hochtourist heute klettert, nur die linke Hand benutzt er und schiebt sich
langsam an den Felsen empor. Statt der drei Stunden zum Gipfel (2559 m)
brauchen wir vier -- im übrigen ist es einerlei. Denn als wir endlich oben
sind, ist der Nebel so dicht, daß man die berühmte Hand vor Augen nicht
sehen kann, geschweige denn etwas von der Aussicht, die ein Studium der
Karawanken, des Koschuta-Gebirges und natürlich auch der Steiner Alpen
gewähren soll. Ein graues Meer wallt um uns her, und uns ist nicht einmal
das Frühstück noch die Gipfelzigarre und -zigarette ein Genuß: seltsam
schwül ist uns zumute -- liegt es an der Luft? Der Führer mahnt zum
Aufbruch: »nit geheuer« scheint's ihm. Wir beginnen den Abstieg;
vorsichtig, denn er ist recht schwierig, klettern wir von Griff zu Griff;
ich, als »Ungeübte« voran, habe meine liebe Not, feste Tritte für
meine Genagelten ausfindig zu machen. In einem engen Felsenkessel sind wir,
unheimlich starr ragen die Wände rings um uns empor, fürchterlich
steil und tief geht es zu unseren Füßen hinab. Da -- ein furchtbarer
Donnerschlag! Unwillkürlich klammere ich mich an den Fels, der Nebel
zerreißt, mit grausamer Deutlichkeit erkenne ich die Abstürze --
»vorwärts, vorwärts«, mahnt der Führer. Ich klettere Fuß um Fuß
hinab und versuche Ruhe zu bewahren. Denn gerade in unserer Höhe, mitten
im Felsenkessel, steht das Gewitter. Der Regen peitscht mir ins Gesicht,
die Blitze sausen zischend vorbei, schlagen in die Wände, Steine brechen
los und krachen in die Tiefe -- dabei ist es stockdunkel, nur auf Sekunden
erfüllt schwefelgelbes Licht den Höllenschlund, in den wir hinab müssen.
Einmal ducken wir uns unter einem überhängenden Felsen nieder, die Finger
sind verklamt vom eisigen Regen, ein pfeifender Blitz, der dicht an uns
vorbeifährt, treibt uns wieder empor. Schutz gibt's nicht, wir müssen es
dem Geschick überlassen, wie und ob wir davonkommen. Einmal noch machen
wir kurzen Aufenthalt, der Führer seilt auch den Hochtouristen an, der
mit zusammengebissenen Zähnen, den gebrauchsunfähigen rechten Arm von
der linken Hand unterstützt, abwärts klettert. An diesen Weg über die
Mlinaskoscharte werde ich mich noch oft erinnern -- man war »zu sehr
in Gottes Hand«, wie's sonst vom Meer heißt. Endlich erreichen wir die
Böhmische Hütte, die dem Slawischen Alpen-Verein gehört. Wir sind zu
durchnäßt, um lange zu rasten -- auch der Führer kehrt um: an die Tour
will er denken sein Lebenlang!
Wir machen uns wieder auf, noch sind wir in über 1500 m Höhe; aus der
Untern Rauni, in der die Hütte liegt, müssen wir durch die Seeländer
Kotschna, drei Stunden munter bergab bis zum Stuller Wirtshaus in
Oberseeland, das wir mittags erreichen. So gut hat mir selten eine Suppe
geschmeckt -- und wie friedlich das fruchtbare, schöne Land, durch das
wir nun gemütlich schlendern -- doppelt wohltuend unsern Augen nach den
Schrecken in der Einöde dort oben! Die 21 km, die zwischen Oberseeland und
Bad Vellach liegen, dünken mich eine Kleinigkeit. Über den »Seeberg«
(1218 m), der von seiner Kanzel noch einen letzten, erlösten Blick auf die
Steiner Alpen erlaubt, geht die Straße; die Kehren hinunter kürzen wir
uns durch Fußwege, bei heller Sonne noch sehen wir das anmutig in Grün
gebettete Bad Vellach vor uns liegen. Ein Glas von seinem berühmten
Eisensäuerling wird probiert, dann ein Wagen bestiegen, der uns nach
Klagenfurt, Kärntens schöner Hauptstadt, bringen soll. Wie ich mich auf
meinen Koffer freue, der dort für mich lagert -- und auf die Bäder im
Wörther See; nach etwas Ruhe wird der Himmel uns doch noch zu einigen
Gipfeln verhelfen.
»Ich muß vor allen Dingen zum Arzt«, sagt da mein Hochtourist. Über
meine Hoffnungen fällt ein leichter Meltau: sollte es mit all den
Hindernissen und Enttäuschungen der diesjährigen Bergfahrt noch nicht
genug sein?
Mein Hochtourist hat körperlich in aller Stille einen Zuwachs bekommen.
Der Arzt nennt ihn einen ungebührlich großen »Kallus«, der sich an der
Bruchstelle des Schlüsselbeins gebildet hat. Er verordnet Ruhe, Massieren
und andere mit dem Bergsteigen unverträgliche Maßnahmen -- vorläufig
muß man sich damit begnügen, die Berge von unten anzusehen. Klagenfurt
trägt seinen Namen -- für uns wenigstens -- nicht mit Unrecht.
Ein Rekord war's aber doch, vier Wochen mit gebrochenem Schlüsselbein
Bergtouren zu machen!
Spätherbst im Wilden Kaiser.
Auch für den, der im Sommer versuchte, durch einen vierwöchigen
Aufenthalt auf dem Lande, im Gebirge oder an der See die Schäden zu
reparieren, die achtundvierzig Wochen in der Großstadt seinen Nerven
zugefügt haben, kommt, wenn die Herbstsonne lacht, noch einmal eine
unbezwingliche Sehnsucht, sich aus der einengenden Unruhe der Straßen in
die stille Öffentlichkeit der Natur zu flüchten. Vielleicht trägt er in
sich das Bild der Dolomiten mit ihren tausend großen und kleinen Freuden,
aber ihm scheint, dem Objektiv fehle ein Zug: er möchte das Gebirge im
Wechsel der Jahreszeiten -- als Residenz des Herbstes -- kennen lernen. Der
um diese Möglichkeit vor anderen Großstädtern reichere Münchener darf
seinen Wunsch in die Tat umsetzen: in zwei Stunden ist er in Kufstein --
vor ihm liegt, ihm vorläufig nur zarte, mit Wald bestandene Ausläufer
zuwendend, der »Wilde Kaiser«. Ein wundervoller Weg, steil ansetzend,
dann am Berghang entlang, in gemütlichem Auf und Ab, führt ihn in wenig
Stunden ins Herz des »Wilden« -- nach Hinterbärenbad, dem Ausgangspunkt
für alle schwierigen und gefährlichen Touren der großen Kletterer. Das
Totenkirchl, der Predigtstuhl, die beiden Karl- und die Fleischbankspitze
-- all die Bergriesen mit ihren vielseitigen, berühmten Auf- und Abstiegen
liegen lockend bereit; und hier und da trifft man noch auf die »Echten«,
die, im Gras hockend, mit dem Fernglas einen neuen, fast unmöglichen
Weg ausspionieren und ihrem Ziel einen noch größeren Reiz hinzufügen
möchten.
Aber die Saison der höchsten Gipfel ist doch vorüber. Wir bescheiden uns
damit, vom Stripsenjoch durch die einst gefürchtete »Steinerne Rinne«,
die jetzt auch durch Steiganlagen und Drahtseile gezähmt ist, zur hintern
Goinger Halt aufzusteigen und den Gratübergang zur vorderen gleichen
Namens, eine nette Kletterei, zu vollführen, um endlich der Elmauer Halt,
dem höchsten Gipfel des Kaisergebirges, unseren Besuch abzustatten. Der
milde Herbst hat den Tatendrang und die Kampfeslust besänftigt -- man
möchte genießen, noch einmal aus tiefstem Herzen Höhenluft atmen, aber
ohne gewaltige Anstrengungen machen zu müssen. Die Tage sind auch zu kurz,
vor sechs Uhr wird es kaum hell und von fünf Uhr ab beginnt bereits die
ungemütliche Dämmerung. Dazu kommt, daß man wieder und wieder stehen
bleibt, um den Farbenrausch ringsum zu genießen: immer eine neue Nuance,
das Graugrün der Fichten zwischen dem Goldgelb der Birken, dem Schwefelton
der Eschen, dem Rostbraun der Buchen und Eichen; und immer neue Bilder der
in diesen Rahmen gefaßten Sennhütten und Dörfer, in der klaren Luft
so nahe gerückt, als könnte man sie mit wenig Schritten erreichen. Und
welche Prachtaussicht von den Bergen! Bis in die fernsten Fernen reiht sich
Gipfel an Gipfel, über den vorderen, wie mit dunklem Samt bezogenen Ketten
erheben sich die weißen Linien der ewigen Gletscher. Ein Panorama, wie es
zum Beispiel »die Elmauer Halt« bietet, ein sehr lustiger Kletterberg von
nur 2344 m Höhe -- also ein »G'lump« in eines Sportmanns Augen! -- kann
man kaum in den Dolomiten oder Hohen Tauern genießen. Der ganze Höhenzug
der Zentralalpen, von den Niedern Tauern bis zu den Ötztaler Alpen, die
Loferer Steinberge, der Karwendel, das Wettersteingebirge, breitet sich vor
dem Blick aus; der Inn zieht seine glitzernde Schlangenlinie durchs Tal,
und durch eine Lücke zwischen dem Treffauer und dem Kaiserkopf leuchtet
in herrlichem Tiefblau der Hintersteiner See herauf. Die Gletschermeere
des Großglockners und des Großvenedigers schließen mit ihrer feierlichen
Schönheit den Horizont nach Süden -- in lieblichster Anmut und
bezauberndem Kontrast bauen sich fast am Fuß des Berges mit ihren weißen
Kirchlein die Dörfer Going und Elmau auf, während weiter draußen in
der Ebene der Häuserkomplex von Kitzbühel und ein Eckchen von St. Johann
sichtbar werden. Die Glocken tönen mahnend herauf, ein leises Rollen in
der Ferne erinnert daran, daß es dort unten Eisenbahnen, Unruhe, Städte
und -- Pflichten gibt -- seufzend macht man sich daran, wieder in die
Unterwelt hinabzusteigen.
Ein neues Vergnügen harrt des Herbstläufers: die Gruttenhütte ist schon
geschlossen, ein Alpinist aber besitzt den Schlüssel; die Läden werden
aufgestoßen, um noch möglichst viel Sonne hereinzulassen -- und dann
beginnt das Robinson-Crusoe-Spielen! Jeder bekommt sein Amt, der das
Feueranmachen, jener das Zusammenstellen des Menus, dessen einzelne
Gerichte den verschiedenen Rucksäcken entnommen werden, der dritte
besichtigt oben die Lagerstätten, der vierte aber kommt mit der
Trauernachricht zurück, daß es aus der Quelle nur sehr bescheiden tropfe:
in einer halben Stunde ungefähr ein Viertellitermaß voll! -- Aber wie
können Reissuppe aus Tafeln, Tee aus Konserven, Zitronenlimonade aus
Pastillen hergestellt werden ohne das göttliche Naß? Und einmal am Tage
-- wenn auch ohne jede Verbindlichkeit! -- möchte man sich doch wenigstens
die Hände waschen. Ja, ja, die negative Wassernot ist im »Kaiser«,
wie in jedem Kalkgebirge, groß und nach der langen Trockenheit doppelt
bemerkbar -- --. Aber allgemeine Redensarten nützen nicht; und die
beiden besten Bergsteiger, denen plötzlich neidlos von allen Seiten
ihre hervorragenden alpinen Qualitäten zuerkannt werden, müssen sich
entschließen, noch einmal die »Genagelten« gegen die bequemen Hausschuhe
einzutauschen. Mit Eispickel, Kessel, Eimer und Pfanne ziehen sie aus --
wie konnte man nur zaudern? Am Herd steht ja auf einem prunkvollen Zettel:
»Man bittet, den Wassergrant (den Beikessel) vor dem Anfeuern mit Schnee
zu füllen« -- also! Da man selbst nicht mitzugehen braucht, findet man
diese kleine Extratour zur nächsten Schneehalde -- eine gute halbe Stunde
hin und zurück -- höchst amüsant.
Endlich ist nun auch das Mahl bereitet; beim besten Willen war ja an den
Konserven nichts zu verderben, dennoch fühlt man sich stolz auf seine
Produkte! Und die Konkneipanten finden den Tee besonders aromatisch, die
Zitronenmischung auf der Höhe aller Limonaden; vielleicht ist der gute
Bergappetit nicht ganz verdienstlos an dieser Begeisterung, denn sogar die
=pièce de résistance=, die Mettwurst, die ihrem Umfange nach der »Wurst
ohne Ende« auf dem berühmten Bilderbogen gleicht, wird, natürlich nur
mit Rücksicht auf die Rucksäcke, bis zur letzten Scheibe gewissenhaft
verteilt. Der enge Küchenraum und die heißen Getränke erwecken noch
einmal den Wunsch nach frischer Luft; nur die Faulen, ganz Unpoetischen
kriechen mit vollem Magen ins Bett. Aber draußen ist's wundervoll, warm
und windstill, wie kaum je an einem diesjährigen Sommerabend, aus der
Ebene blinken freundlich die Lichter herauf, und auf den Abstürzen des
Treffauer liegen dunkle Schatten, die sich mehr und mehr verkürzen --
ein silbernes Leuchten füllt die Luft. Atemlos wartet man: da, endlich,
schiebt sich das volle, weiche Antlitz des Mondes um die tiefschwarze
Spitze der vorderen Goinger Halt herum -- und alle Berge umstehen das
kleine Plateau, das die Hütte trägt, in klarstem, weißem und doch so
köstlich zartem Lichte.
Rein und frei wie hier oben in der staublosen Luft erstrahlt der Zauber
des Mondes in der Stadt niemals -- nur auf den Höhen oder über der
Unendlichkeit des Meeres enthüllt er den vollen Reiz seiner Schönheit.
Die einfache Kammer, die man schließlich zur Ruhe aufsucht, verwandelt er
in einen Raum mit Marmorwänden, und selbst im Schlaf glaubt man in einem
Märchenlande zu sein, in dem alles, was man anrührt, sich in Silber und
Gold verwandelt. -- Der Ruf nach Befriedigung der materiellen Bedürfnisse
erweckt die Schläfer etwas unsanft aus glücklichen Träumen. Aber ehe der
Kampf mit dem widerspenstigen Herdfeuer neu begonnen wird, beobachtet man,
trotz aller hungrigen Mahnrufe, den viel leidenschaftlicheren Krieg da
draußen: noch immer segelt die silberne Scheibe sanft durch die azurnen
Lüfte, aber im Osten ziehen glutrote Streifen auf und bereiten der großen
Siegerin den purpurnen Triumphesweg -- der ganze Himmel gerät in
Aufregung beim Nahen seiner Königin! Unten im Tal lagern kalte, weißgraue
Nebelschleier über Wald und Flur wie die Sorgen über den Stätten
der Menschen. -- Und für »die nach uns« mit ihren Ansprüchen und
Bedürfnissen setzt man die Hütte großartig instand; mit dem Eifer einer
sich plötzlich auf ihre Pflichten beim Abgang besinnenden Küchenfee: die
Nachfolgerin soll ihr nichts Schlechtes nachsagen dürfen. Sogar die Lampe
füllt man wieder voll Petroleum -- es ist rührend! Oder ist man am Ende
so voll Dank für die köstlichen Tage, daß man sich in solch unendlich
naiver Weise dafür betätigt? -- Doch in diese Abgründe des menschlichen
Herzens läßt's sich nicht mit einer Petroleumlampe leuchten.
Abwärts geht's; durch goldgelbe Farren und ganze Korallenfelder des
Blaubeerenkrauts; die Pilze tragen Krönchen, und die Brombeeren sehen mit
melancholischen schwarzen Augen auf die Vorwärtshastenden. Was nutzt es?
Zurück in die Alltäglichkeit, ihr Menschen! »Auf seligen Höhen wohnen
die Götter ...«
Auf Deutschlands »Allerhöchstem«.
Für jemand, der das Gebirge liebt und Gipfel nicht nur von unten bewundern
mag, ist es eine gelinde Folterqual, tagelang im Schatten eines prächtigen
Bergmassivs zu sitzen und wegen andauernder Witterung, worunter in den
letzten Sommern ja nur schlechte zu verstehen war, nicht hinaufzukönnen.
Zudem lag mir jemand, dessen junge Beine ihn erst einmal bis zu einer
»Hütte« hinaufgetragen hatten und der sich deshalb nach dem ersten
Waffengang mit den Felsen sehnte, Tag und Nacht in den Ohren, daß eine
ehrenhafte Mutter ihr Versprechen unter allen Umständen einlösen müßte.
Aber ich, die Erfahrene, Erprobte, wartete, bis alle Umstände sich gut
vereinen ließen, das Wetter wirklich aufklarte, der Barometer stieg und
ein hellerer Schein, den man in weniger zweifelhaften Zeiten harmlos für
Sonne erklärt haben würde, sich über die Matten breitete. Bis dahin war
ich stets unter der Ägide eines sehr Bergkundigen gegangen -- heute
traf mich die Verantwortung allein. Ich wählte deshalb einen alten,
treuherzigen Führer, mit Augen, in denen sich die stille Bergsonne
gesammelt hat, von ruhigem, ungeheures Vertrauen einflößendem Wesen und
im Besitz einer deutschen Aussprache, von der man wenigstens einige Brocken
verstand. Das letztere schien mir für die Verständigung unterwegs auch
nicht ganz gleichgültig zu sein. --