Gwen schloß sie aufjubelnd in die Arme. – – –

* * * * *

Sanftes und doch klares Licht floß über schimmerndes edles Holz,

aufglänzende Bronze, tief und sattleuchtende Teppiche.

„Ist es nicht schön hier?“ fragte Gwen und stolzierte umher, dies

zeigend und jenes anpreisend, als sei alles ihr Eigentum oder noch mehr

– ihr Werk.

Sie bewegte sich mit einer Sicherheit durch die Räume, die durchaus

nicht darauf schließen ließ, daß sie sie eben zum erstenmal betreten

hatte.

„Und den Corot mußt du dir noch ansehen,“ sagte sie, wobei sie ins

Nebenzimmer lief und eine verborgen angebrachte Beleuchtung

einschaltete, die das Bild aufstrahlen ließ.

Mette ging ihr nach, ein spöttisches Lächeln auf den Lippen.

„Wenn ich nur wüßte, wieso ich durchaus mitkommen mußte, damit du

endlich diese Wohnung kennen lernst,“ sagte sie halblaut, „du scheinst

doch eigentlich ganz gut Bescheid zu wissen!“

Gwen lachte, nicht im mindesten beleidigt, oder in Verlegenheit

gebracht.

„Hab’ ich dir denn nicht erzählt, daß ich schon einmal hier war? Nicht

allein natürlich. Auch zum Tee. Die alte Frau Wietinghoff war hier und

meine Mutter – oder nicht meine Mutter. Warte mal, irgend jemand von

meiner Familie war mit. Fred, mit wem war ich damals hier zum Tee?“

Im Nebenzimmer knisterte eine Zeitung.

„Was sagst du, Kind?“ rief Wietinghoffs Stimme.

Gwen bog sich in unterdrücktem Lachen.

„Trottel!“ sagte sie halblaut.

Mette lachte mit. Es war doch recht gut, klar zu sehen, Zusammenhänge zu

durchschauen, Verwirrendes, durch ein Wort aufgedeckt, zu überblicken.

Sie sagte es sich vor, daß es gut sei. Ein innerliches Wohlbehagen

empfand sie nicht dabei. Ihr Gefühl sagte ihr: ‚Geh, du bist hier

überflüssig, vielleicht sogar lästig, du spielst eine Rolle, die dir

aufgedrängt ist, und die dir nicht liegt.‘ Aber sie hätte sich selbst

prüde und albern gescholten, wenn sie, von diesem Gefühl getrieben,

gegangen wäre.

Gwen legte ihren Arm um Mette und zog sie nach der Tür.

„Wie meinten Herr Wietinghoff?“ fragte sie spöttisch, als sie auf der

Schwelle stand, „ich weiß gar nicht, wo wir miteinander Schweine gehütet

hätten?!“

Fred Wietinghoff legte etwas verlegen die Zeitung rasch aus der Hand.

„Wieso, gnädiges Fräulein? Ich bitte um Verzeihung, daß ich in

Abwesenheit der Damen einen Blick in die Zeitung geworfen habe. Habe ich

in der Zerstreutheit irgend etwas unpassendes gesagt?“

Gwen setzte sich auf die Lehne eines Ledersessels und baumelte mit den

Beinen.

„Unpassend? Ach nein, es ging,“ sagte sie übermütig. „Sie haben mich nur

geduzt, aus Versehen, Herr Wietinghoff. Sie sind so gewohnt, hier

Besuche zu haben, die Sie duzen, daß es Ihnen gar nicht in den Sinn

kommt, daß es auch anders sein könnte. Ich habe übrigens schon eben im

Nebenzimmer konstatiert, Sie wären ein Trottel!“

„Damit war ja die Sache allerdings hinreichend geklärt,“ Wietinghoff

verneigte sich leicht. „Aber sagen Sie selbst, mein gnädiges Fräulein,“

er wandte sich an Mette, „setzen wir einmal den ungewöhnlichen und ganz

unwahrscheinlichen Fall, daß ich mich nicht in der Person geirrt hätte,

sondern daß ich tatsächlich – wie man sagt – mich ‚verschnappt‘ hätte:

Es wäre wieder ein Beweis, wieweit die Männer den Frauen in allen

Künsten der Lüge und Verstellung unterlegen sind.

Einer Frau kann es nicht passieren, daß sie sich ‚verschnappt‘ und

plötzlich ‚du‘ sagt – es kann ihr nicht passieren, daß sie belastende

Briefe acht Tage in der Rocktasche mit herumschleppt, einfach, weil sie

vergißt, sie herauszunehmen und zu vernichten, es kann ihr nicht

passieren, daß sie sich einfach immer und überall und bei jeder

Gelegenheit ertappen läßt.

Der Mann ist ja so einfach, so durchsichtig, so vertrauend, so harmlos

...“ Er sagte es mit gewollt scheinheiliger Miene.

„Hoh! Hoh! Hoh! Hoh!“ unterbrach Gwen, „halt, mein Lieber! Vielleicht

ist die Frau vorsichtiger, mißtrauischer, ängstlicher – schon weil sie

mehr zu fürchten hat. Aber laßt einmal einen Mann ertappt sein, laßt ihn

gesehen werden, oder laßt ihn sich ‚verschnappen‘, oder laßt seine

Korrespondenz gefunden werden – was dann? Dann leugnet er! Mit einer

Ruhe, mit einer Stirne – mit einer Frechheit auf deutsch. Ich kenne

hundert Fälle ...“

„Aus Erfahrung?“

„Gott sei Dank nicht – es könnte mir wohl kaum in einem Fall passieren.

Aber lassen Sie mich ausreden, Sie haben bloß Angst, ich könnte etwas

Treffendes sagen, und darum wollen Sie mich aus dem Konzept bringen –“

„Warum soll ich Angst davor haben ...?“

„Weil Sie eitel sind, wie alle Männer. Erstens mögen Sie nicht, daß

jemand anders als Sie etwas Gutes sagt – und zweitens mögen Sie nicht,

wenn Sie sich durchschaut und getroffen fühlen.“

„Jetzt haben _Sie mich_ nicht ausreden lassen. Ich wollte sagen: warum

soll ich Angst davor haben, daß Sie etwas ‚Treffendes‘, etwas ‚Gutes‘

sagen? Diese Angst wäre durch nichts begründet.“

„Oh, Mette, er ist gemein! Findest du ihn nicht furchtbar gemein gegen

mich? Aber darum sage ich doch, was ich sagen wollte, nun gerade! Also

ich kenne hundert Fälle, in denen Männer ihre Frauen betrügen. Und wenn

die Frauen glauben, irgendeinen unumstößlichen Beweis in Händen zu

haben, wenn sie dem Mann in monatelanger Eifersucht nachgespürt haben,

und sie haben ihn endlich einmal gesehen, oder sie haben einen Brief

gefunden – was ist dann? Dann erklärt der Herr der Schöpfung die Frau

für blind, oder für blödsinnig, sie hat sich geirrt, oder es war Frau

Meyer, mit der sie ihn gesehen hat, oder der Brief ist ganz harmlos,

oder es ist ein schlechter Witz von einem Stammtischbruder – er tobt,

oder er lacht – auf alle Fälle bleibt er im Recht ...“

„Ich staune,“ sagte Fred Wietinghoff, lehnte sich weit in den Sessel

zurück, kreuzte die Beine, legte die Fingerspitzen der seitlich

aufgestützten Arme aufeinander und sah kopfschüttelnd zu ihr auf: „Ich

staune! Diese Fülle von Kenntnis in diesem lockigen Köpfchen! Sie müssen

sich von sämtlichen in Ihrer Bekanntschaft vorkommenden Wasch-, Koch-

und Kinderfrauen die Eheerlebnisse haben erzählen lassen.“

„Ach Gott!“ Gwen blähte verächtlich die feinen Nüstern, „als wenn die

^upper ten^ irgendwie anders wären! Höchstens, daß sie den Stammtisch

Klub nennen. Aber betrügen tun sie ihre Frauen gerade so!“

„Bis auf die wenigen Anständigen,“ sagte Wietinghoff in seiner

gemessenen Art, „die nicht heiraten, um nicht in diese Verlegenheit zu

kommen. – Aber darf ich noch eine Bemerkung zu Ihren Ausführungen

hinzufügen, mein gnädiges Fräulein? Warum wird dem Mann denn geglaubt,

wenn er leugnet, wenn er für alles fadenscheinige Erklärungen hat, wenn

er den eklatantesten Beweis seiner Untreue als harmlos hinstellt? Weil

die Frauen ja so gerne glauben wollen! Warum fahnden die Frauen denn

nach Beweisen? Weil sie sich scheiden lassen wollen? O nein! Weil sie

sich beruhigen lassen wollen! Folglich geschieht ihnen eben, was sie

wünschen, und sie werden beruhigt. Mit welchen Phrasen, ist ja ganz

nebensächlich! Es gäbe ja nichts von einer ähnlich häßlichen nackten

Brutalität, als einer eifersüchtigen Frau ins Gesicht zu sagen: Du hast

ganz recht, ich liebe eine andere! Pfui, wer das fertig brächte!“

„Warum sind aber Frauen so?“ fragte Gwen mit glühendem Gesicht, „so

klein und so – so entsetzlich töricht? Warum lassen sie sich betrügen

und freuen sich, wenn sie überdies auch noch belogen werden?“

Wietinghoff legte die Fingerspitzen der etwas erhobenen Hände

gegeneinander und überlegte einen Augenblick.

„Vielleicht kann man es mit einem Satz so ausdrücken,“ sagte er mit

einem etwas malitiösen Lächeln: „Die Frau liebt immer das am meisten,

was ihr am nächsten liegt – und der Mann liebt das am meisten, was ihm

am fernsten steht. Oder, wenn man es deutlicher sagen soll: Die Frau

liebt den Mann am meisten, der sie am öftesten besessen hat – und der

Mann liebt die Frau am meisten, die er nie besitzen wird.“

Ein flüchtiger Schatten von Schwermut glitt über sein Gesicht.

„Wollen wir Bilderbücher besehen?“ fragte er aufspringend. „Haben Sie

besondere Lieblinge? Doré oder Rackham? Cornelius oder Bayros? Es ist

alles vorhanden.

Sehen Sie, das ist schön. Haben Sie auch so eine Freude daran, Wildleder

anzufassen? Oder verstehen Sie wenigstens, daß man eine ganz irrsinnige

Freude daran haben kann? Fühlen Sie nur,“ er reichte Mette einen

schmiegsamen Band in rotem Leder, „ist das nicht herrlich?“

„Ja, wie Samt!“ sagte Gwendolen boshaft und schaukelte stärker mit den

hängenden Beinen.

„Oh, Samt!“ er zuckte unwillig die Achseln. „Diese niederträchtige

kleine Person will mich damit ärgern! Es gibt nämlich törichte Leute,

die einem solchen Leder schmeicheln wollen und sagen, es ist wie Samt.

Dabei hab’ ich direkt etwas gegen Samt. Es gibt mir immer so ein

scheußliches staubiges Gefühl an den Fingerspitzen.“

Mette schlug das Buch auf. Ihr Blick fiel auf die grazilen,

faltenumbauschten Gestalten eines Zeichners, der in seiner Eigenart auch

ihr unverkennbar war.

„Um Gottes willen,“ Wietinghoff legte die beiden Hände mit gespreizten

Fingern auf die Seiten des Buches, „Sie sollten den Einband fühlen, aber

nicht die Bilder ansehen. Das ist nichts für junge Mädchen. Nachher

erzählen Sie der Tante Konsul, ich hätte Ihnen unsittliche Bücher

gezeigt. Und dabei hab’ ich lauter Jung-Mädchen-Bücher in meiner

Bibliothek und nur dies eine einzige weniger passende – des schönen

Einbandes wegen.“

„Sind es Bilder, die man nicht sehen darf?“ fragte Mette ruhig. „Ich

kenne eine ganze Menge von ihm und bin immer sehr entzückt davon

gewesen.“

„Natürlich darf man sie sehen,“ Wietinghoff zog die Hände fort und

richtete sich auf, „es war nur Scherz von mir. Jeder vernünftige Mensch

darf sie sehen und wird seine Freude daran haben. Sehen Sie es sich

ruhig an. Außerdem ist das Buch eine bibliophile Rarität. Es ist

konfisziert – daß man den Zeichner ausgewiesen hat, wissen Sie doch?“

„Nein,“ sagte Mette erstaunt, „ich wußte es nicht. Warum nur?“

Sie ergriff mit Eifer jedes Gesprächsthema, um die Augen von dem Buch

aufheben zu können. Sie hatte ein wenig Angst davor, weiter zu blättern,

und sie hatte fast noch mehr Angst, prüde und feige zu erscheinen, und

es ungesehen wegzulegen.

So lag es also aufgeschlagen auf ihren Knien, und sie sah ein wenig

geflissentlich irgendwo anders hin – zum Beispiel in Fred Wietinghoffs

ruhiges und beruhigendes Gesicht.

„Warum!“ Wietinghoff zuckte die Achseln. „Vielleicht würde man aus einem

Temperenzlerverein auch Kotanyi Janos ausstoßen. Nicht weil er trinkt,

aber weil er Paprika fabriziert, und weil Paprika Durst gibt.

Die Menschheit teilt sich in vier Klassen – je zwei dieser Klassen – die

extremen – gehören wieder zusammen. Erste Klasse: (Reihenfolge bedeutet

keinen Rang, sonst würde ich anders herum anfangen.) Die, die keinen

Durst haben und nichts trinken. Die sind glücklich. Zweite Klasse: Die,

die Durst haben und nichts zu trinken. Die Revolutionäre. Dritte Klasse:

Die, die zu trinken haben, aber keinen Durst. Die Mucker und Bourgeois.

Vierte Klasse: Die, die zu trinken haben und Durst haben. Das sind die

allerglücklichsten.

Nun gibt es noch zahlreiche kleine Unterabteilungen. Die zum Beispiel,

die Durst haben und vor einer Quelle stehen und nicht trinken können,

weil sie kein Glas haben. Oder die, die trinken, und nachher

Magenschmerzen bekommen. Oder die, die einen ganz gesegneten Durst

haben, und doch einmal etwas gepfeffertes essen, damit ihnen der kühle

Rheinwein nachher noch besser schmeckt. Oder die, die in einem

Weinkeller sitzen und verdursten, weil kein weißer Burgunder da ist. Und

dann gibt es Leute, denen der Sekt nur mit Porter schmeckt, oder sogar

mit Angostura – die das Süße nur mögen, wenn ein wenig Bitterkeit dabei

ist – oder Leute, die den dunklen und den blonden Wein zusammengießen,

die dem schweren warmen Bordeaux den dünnblütigen prickelnden Sekt

beimengen, um ihn aufschäumen zu lassen ... ach ja, es gibt Trinker auf

mancherlei Art, und jeder hält seinen Geschmack für den besten ... hier

haben Sie Friedrich den Großen mit Menzel-Zeichnungen, das nimmt sich

besser aus in Ihren gedankenvollen Händen. Aber vor allen Dingen steht

jetzt da drin unser Tee, sanfter, milder, freundlicher, geistanregender

Tee – er wird uns zu ersprießlicheren Gesprächen bringen. Kommen Sie,

meine Damen!“ – – –

* * * * *

Ein, zwei Stunden waren vergangen. Gwen war es, und nicht Mette, die

zuerst nach der Uhr sah und zum Aufbruch drängte.

Wietinghoff half ihnen in die Mäntel und küßte ihnen dankend die Hände.

Sie mußten versprechen, bald wiederzukommen. Mette versprach es gern.

Die vornehme Schönheit der Räume hatte es ihr angetan. Und Fred

Wietinghoff wirkte gut – wie die meisten Menschen – wenn er sich

zwischen seinen eigenen Sachen bewegte. Sie freute sich auf die nächste

Plauderstunde. Alle Angst, die sie ursprünglich gehemmt hatte, war

verschwunden.

Aber als sie unten die schwere Haustür öffnete, zuckte sie zusammen und

wurde blaß vor Schreck.

„Um Gottes willen, Gwen, bleib im Haus! Eben geht dein Onkel vorbei,

Senator Börgessen. Wenn er uns sieht! Was sollen wir sagen, wo wir

herkommen?“

„Vom Zahnarzt!“ lachte Gwen und schob Mette auf die Straße, „Leute wie

Fred Wietinghoff wohnen immer in einem Hause, wo ein Zahnarzt ist. Aber

im übrigen – Börgessen! – ausgerechnet Börgessen! Der kann mindestens

solche Angst vor mir haben, wie ich vor ihm! Die ganze Stadt weiß, daß

er ein Verhältnis mit seiner Köchin hat. Außerdem fährt er alle drei

Wochen nach Berlin und verspielt sein Geld – hier kann er das nicht so

gut. Sein Geld und Tantes Geld. Arme Tante Fanchette! Aber sie riecht

nach Achselschweiß ... prrr! Hast du das noch nicht bemerkt? Und solche

Frauen verdienen jedes Schicksal!“

Vorfrühling lag in der Luft.

Stürme hatten gewütet, daß man des nachts nicht schlafen konnte, daß man

mit klopfendem Herzen im Bett saß und auf das Klappern der Dachziegel

lauschte, auf das Zittern der Fenster, auf das Schlagen der Türen, und

mit Bangen an die Schiffe draußen auf See dachte.

Plötzlich hielten die Stürme den Atem an.

So jäh, so ohne Vorbereitung, daß die Stille fast noch unheimlicher war

als der Lärm. Die Luft war schwer, voll Sonnenglanz und Süße, und so

erfüllt mit einem fremden Duft, als käme sie von Hyazinthenfeldern und

hätte nie nach Teer und Fisch und Salzwasser geschmeckt.

Die Leute auf der Straße sahen sich an, als wollten sie sagen: Also

bitte, was sagt ihr zu dem Wetter? Und wo zwei Bekannte sich trafen, auf

der Straße, in der Bahn, in einem Laden, sprachen sie es aus: Also nein,

was sagen Sie zu dem Wetter? Und alle, die es hörten, verbargen mühsam

ein Lächeln in ihren hölzernen Gesichtern, weil sie ihre innersten

Gedanken ausgesprochen hörten.

Mette konnte das Lächeln nicht verbergen. Diese stille, weiche Luft, die

liebkosende Sonne, dieser ganze unwahrscheinliche und unangebrachte

Frühling hatte etwas so einschmeichelndes, so betörendes, daß sie ganz

erfüllt war von einer warmen Glückseligkeit, die sich einen Ausweg

suchte – da sie nicht singen konnte, mußte sie wenigstens lächeln.

Das machte nicht der Frühling allein. Es war auch, daß sie den Frühling

ertragen konnte, ohne zu leiden. Ihr war zumut wie einem, der nach

langer Krankheit zum erstenmal ohne Schmerzen die Glieder regt und jeden

Atemzug als himmlische Gnade empfindet.

„Ich bin gesund,“ sie sagte es sich selbst immer wieder vor wie den

Kehrreim eines Liedes: „Ich bin gesund! Ich bin gesund!“ – – –

* * * * *

Gwen und Mette saßen in einem Abteil des rollenden Zuges. Zwei ältere

Damen, schwarz, steif und aufrecht, saßen ihnen gegenüber und

beobachteten sie scharf.

Von Zeit zu Zeit ging Fred Wietinghoff auf dem Gang vorüber und schnitt

Grimassen, mit dem erwünschten Erfolg, daß Gwen fast erstickte vor

Lachen.

Wenn sie sich aber notdürftig erholt hatte, bot sie ihrerseits alles

auf, um Mette zum Lachen zu reizen.

„Unverschämtheit,“ sagte sie mit gespielter Entrüstung, „sieh nur, wie

dieser Mensch jedesmal hereinstarrt, wenn er vorbeigeht. Ich werde mich

nächstens beim Schaffner beschweren.“

Mit beleidigter Miene rückte sie das Reisemützchen fester, um sich

anzulehnen, und schlug die Beine übereinander.

Aber Mette ließ sich durch nichts aus der Fassung bringen.

„Ach, denk’ nur nicht, er starrt herein, weil du ihm so gefällst!“ sagte

sie ruhig, „daß ist entweder ein Verbrecher oder ein Detektiv, der einen

Verbrecher sucht. Das sieht man doch sofort.“

„Ach Gott, nein!“ Gwen trieb das Spiel voller Übermut weiter, „mach’

mich nur nicht gruselig! Ich hab’ neulich eine schreckliche Geschichte

gelesen – von einem gesuchten Schwerverbrecher, der in Frauenkleidern

reiste. Natürlich war er glattrasiert. Aber er hatte einen so starken

Bartwuchs, daß er sich zweimal am Tage rasieren mußte.“ Sie sprach

leise, aber gerade laut genug, um von scharf gespitzten Ohren verstanden

zu werden – dabei streifte ihr Blick mit gewollter Unauffälligkeit das

stark beflaumte Gesicht ihres Gegenübers. „Und denke dir, er war allein

im Abteil mit einer jungen Frau, auf einer sehr langen Fahrt, und sie

sieht – erst denkt sie natürlich, sie täuscht sich – aber sie sieht

immer deutlicher, wie bei der Dame, die ihr gegenübersitzt, sich

allmählich das ganze Gesicht mit hervorkeimenden Bartstoppeln bedeckt!

Das muß doch furchtbar sein – ich glaube, ich wäre vor Entsetzen

gestorben, ich habe mir auch fest vorgenommen, nie wieder allein zu

reisen. Darum hab’ ich dich auch so gebeten, heute mitzukommen.“

„Ich hab’s ja auch gern getan,“ Mette machte ein sorgenvolles Gesicht,

„wenn Emma nur gut auf die Kleinen aufpaßt ... Bubi hat heute morgen

wieder so gehustet.“

Das war selbst Gwen zuviel. Einen Augenblick starrte sie in Mettes

unverändert ernstes Gesicht, dann prustete sie los, fuhr aber sofort mit

dem Taschentuch an den Mund und hustete krampfhaft.

Mette klopfte ihr besorgt den Rücken:

„Wenn du dich nur nicht von meinem Bubi angesteckt hast. Du hast ihn

gestern immerzu geküßt.“

Gwen drohte zu ersticken.

„Ich hab’ dir gleich gesagt, Keuchhusten ist so ansteckend – und so

gefährlich für Erwachsene!“

Gwen richtete sich auf, erschöpft und tränenüberströmt.

„Meistens tödlich!“ stöhnte sie, „Professor Rabe hat mir auch gesagt:

der Keuchhusten, der jetzt grassiert, würde die ganze Stadt entvölkern.“

„Gwen,“ mahnte Mette noch leiser, mit zuckenden Mundwinkeln.

Gwen schob mit der flachen Hand jeden Widerspruch beiseite.

„Alles tödlich,“ sagte sie grabesernst, „alles tödlich!“

Als sie endlich den Zug verließen, blieben sie auf dem Bahnsteig stehen

und bogen sich vor Lachen.

Mette sah sich nach dem eben verlassenen Wagen um. Sie hatte sich nicht

getäuscht: eine schwarzbeschuhte Hand wischte die Fensterscheibe blank,

und eine spitze Nase reckte sich vor. Ein aufmerksamer Blick verfolgte

sie.

Gwen hob die Hand, um einen Abschiedsgruß zurückzuwinken. Mette hielt

ihr den Arm fest.

„Laß doch,“ Gwen wollte sich losreißen, „ich kann doch Bekannte in dem

Zug haben! Was geht das die alten Hexen an? Winke – Winke! Adieu, lieber

Zug, fahr’ wohl oder entgleise! Ach nein, lieber nicht, es könnten ja

vielleicht auch noch nette Menschen drin sein.“

„Komm jetzt,“ sagte Mette, „Wietinghoff steht da und schließt und

schnallt an seiner Reisetasche herum, nur um nicht aufzufallen – ganz

wie ein richtiger Detektiv. Wir hatten doch verabredet, daß wir zuerst

den Bahnhof verlassen. Komm! Er wirft schon ganz verzweifelte Blicke!“

Sie gingen durch die Sperre und durch den Schalterraum hindurch auf die

Straße, die flirrend im Sonnenglanz vor ihnen lag.

Fünf Minuten später trat Fred Wietinghoff, den Hut ziehend, an sie

heran.

„Nein, meine Damen, welche Überraschung, daß ich Sie hier treffe!“

„Herr Wietinghoff!“ auch Gwen war sehr überrascht, „was tun Sie denn

hier? Darf ich bekannt machen? Herr Wietinghoff – Fräulein Rudloff ...

ach nein, kennen tut ihr euch doch wohl schon? Also, meine Freundin

besucht nämlich hier eine erkrankte Großtante, und Mama hat mir die

Erlaubnis gegeben, sie zu begleiten.“

„Ich denke, du mußtest reisen, und ich habe darum Bubi mit dem

Keuchhusten zu Hause gelassen?!“ neckte Mette.

Wietinghoff griff sich an den Kopf:

„Himmel, die Familienverhältnisse scheinen aber ziemlich ungeklärt! Ich

mache den Vorschlag, daß wir uns bemühen, alles, was wir von Familie

haben, möglichst zu vergessen und zu diesem Zweck erst mal ausgiebig

frühstücken!“ – – –

* * * * *

Als sie aus dem Ratskeller wieder ans Tageslicht stiegen, stand auf dem

sonnigen Platz eine alte Frau mit einem großen, vollen Veilchenkorb.

Fred kaufte zwei Sträußchen und brachte sie den beiden Mädchen.

„Ach, Kinder,“ sagte er dabei und strahlte sie an, „ich möchte euch ja

Blumen geben, daß ihr sie nicht mehr tragen könntet – aber es geht nicht

– es sieht zu hochzeitsreisemäßig aus!“

Sie wanderten durch die alten Straßen, durch die winkligen Gassen mit

vorhängenden Giebelhäusern, über weite hallende Plätze mit schön

geformten Brunnen.

Fred Wietinghoff war ein guter Führer. Er wußte Bescheid, und was er

nicht kannte, entdeckte er im Augenblick. Seinem scharfen und geübten

Auge entging kein geschnitzter Balkon, kein Spruch über den Fenstern,

kein altertümlicher Türklopfer.

Die Schatten wurden lang, und der Westhimmel stand schon in roter Glut,

da fiel es ihm mit plötzlichem Erschrecken ein:

„Herrgott, daß ich daran nicht gedacht habe! Wir hätten ans Meer fahren

müssen, um die Sonne untergehen zu sehen.“

„Ach, ans Meer!“ In Mette kämpften Sehnsucht und Enttäuschung.

„Morgen!“ jauchzte Gwen, „oh, bitte, bitte, laßt uns morgen ans Meer

fahren! Wir versäumen den letzten Zug – ich telephoniere nach Hause, oh,

Metting, mach’ kein Gouvernantengesicht – dich erwartet ja sowieso

niemand. Wir machen heut’ Abend einen gemütlichen kleinen Bummel und

fahren morgen ans Meer!“

Fred Wietinghoff hielt sie am Ellbogen fest:

„Erst mal werden hier keine Indianertänze aufgeführt. Im übrigen ist die

Idee durchaus akzeptabel. Das heißt, wenn Fräulein Rudloff mittut. Denn

ich allein kann weder die Verantwortung für Ihr Betragen, noch für Ihren

Ruf übernehmen.“

„Oh, Mette!“ Gwen verdrehte vor Empörung die Augen, „er kann die

Verantwortung für mein Betragen nicht übernehmen! Mir geht die Luft weg!

Mette, liebe, liebste Mette, fahren wir morgen ans Meer?“

„Mir ist alles recht,“ sagte Mette mit frohmütiger Überzeugung.

Ihr war alles recht. Sie war in einem so traumhaften Glücksgefühl

befangen, wie man es nur an fremden Orten haben kann, auf Reisen, wenn

der Alltag wie etwas Unwahrscheinliches, Halbvergessenes hinter einem

liegt, und fremde Häuser, fremde Mauern, fremde Berge, fremde Seen bunt

und eindringlich vor einem aufsteigen, an einem vorüberziehen.

Sie war froh, daß dieser Zustand noch nicht zu Ende sein sollte. Daß sie

morgen erwachen durfte, einen Fenstervorhang beiseite schieben und auf

eine Straße heruntersehen, die ihr im Morgenlicht ein nie erblicktes

Bild bot. Daß sie dann ans Meer fahren wollten ...

Und dann ...?

Der Skorpion. Band 2 · 第 10 / 15 题