an einen rauschenden Strom –
oder an einen stillen See –
oder in die Berge –
in den keimenden, knospenden Wald –
nur immer weiter. Und nie zurück. Immer dies Gefühl des Losgelöstseins
in sich, des Schwebens, der großen Freude, der stillen, genießenden
Seligkeit. – – –
* * * * *
„Wenn ich den Damen einen Vorschlag machen dürfte,“ sagte Wietinghoff,
„so holen wir jetzt meine Reisetasche vom Bahnhof ab, und Sie bewaffnen
sich damit, eh Sie in einem Hotel Unterkommen suchen. Damen ohne Gepäck
– das macht sich nicht gut, und Sie können schließlich nicht jedem
Kellner und Zimmermädchen die Geschichte von dem versäumten letzten Zug
erzählen.“
„Und Sie,“ fragte Gwen.
„Ich borge mir bei einem Bekannten ein Gepäckstück. Wir können jetzt auf
dem Wege zum Bahnhof die notwendigsten Übernachtungsrequisiten besorgen
– das packen Sie in meine Tasche und begeben sich nach dem Deutschen
Kaiser. Ich suche unterdessen meinen Freund Schmidtke auf und borge mir
einen vertraueneinflößenden Handkoffer. Nach einer halben Stunde komm’
ich ins Hotel, gehe in den Speisesaal und bin wahnsinnig überrascht, Sie
da zu finden. Abgemacht?“
„Herrlich!“ Gwen zappelte schon wieder mit den Füßen vor Vergnügen.
„Stopp, stopp, stopp! Keine Pirouetten und Spitzentänze, wenn ich bitten
darf! Ich flehe Sie an, Fräulein Mette, passen Sie auf das Kind auf, die
Kleine macht uns im Hotel und in der ganzen Stadt unmöglich – ich weiß
gar nicht, ob ich Sie eine halbe Stunde mit ihr allein lassen darf?“
„Das ist nur Ihre Gegenwart, die sie so übermütig macht,“ beruhigte
Mette, „wenn sie mit mir allein ist, ist sie ganz vernünftig.“
„So?“ Ein seltsames Zucken glitt um Fred Wietinghoffs Mundwinkel, ein
kurzer scharfer Blick flog von Mettes Gesicht zu Gwens. – – –
* * * * *
Die frühe Dämmerung war schon hereingebrochen. Gwen zog die gelben
Vorhänge vor die Fenster und drehte alle elektrischen Flammen an – die
Krone, die Nachttischlampen, die Birnen über dem Waschtisch und dem
Spiegelschrank – daß das große Hotelzimmer ganz in Licht gebadet war.
„So hab’ ich’s gern.“ Sie zog die Schultern hoch wie ein schnurrendes
Kätzchen. „Licht und Wärme muß ich haben.“ Sie prüfte die Zentralheizung
unter den Fenstern, der sengende Glut entstieg. „So ist es schön! Nur
kein kaltes Schlafzimmer! Zu Haus wird mir sowieso die Heizung
abgedreht, weil Mama es für ungesund hält, warm zu schlafen. Wenn ich
verheiratet bin, muß mein Schlafzimmer warm sein wie ein Treibhaus,
damit ich ohne Hemd und ohne Decke schlafen kann!“
Sie öffnete Wietinghoffs Reisetasche und nahm die kleinen Einkäufe
heraus. Als das geschehen war, stöberte sie ganz selbstverständlich
weiter.
„Was er da alles drin hat! Herrliche Seife, riech mal, Mette! Die
könnten wir eigentlich hierbehalten. Und Mundwasser auch. Rasiercreme –
brauchen wir nicht. Herrgott, wieviel Bürsten denn noch! Schön, die
Wildlederslippers – daß ich keine Pantoffeln da habe, ist mir eigentlich
am unangenehmsten; ich hasse es, mit bloßen Füßen auf Hotelteppichen
herum zu laufen. Ich muß doch sehen, was er für Pyjamas mit hat. Violett
mit weiß. Ganz hübsch. Möchtest du Pyjamas tragen? Ich denk’ sie mir
ziemlich unbequem. Aber morgens zum Frühstücken find’ ich sie sehr nett.
Weißt du, ich glaube, sie sind für häßliche Leute kleidsamer als für
hübsche. Schon weil man Hals und Arme nicht sieht. Ich möcht’ doch
einmal einen anziehen, um zu sehen, ob er mir steht, ^bleu électrique^
vielleicht. Und du müßtest einen erdbeerroten haben, aber nicht
‚^fraise^‘, sondern erdbeerrot – nach den deutsch-französischen
Farbenbezeichnungen müßte man eigentlich die Franzosen für farbenblind
halten – aus ^fraise écrasée^ machen wir ^fraise^ und wundern uns, daß
wir noch nie im Leben fraisefarbene Erdbeeren gesehen haben. Ist es dir
noch nie passiert, daß dir ein Ladenfräulein gesagt hat: ‚In blau haben
wir das nicht, höchstens in ^bleu^.‘? Ach, die Welt ist zu idiotisch.
Ich habe so Lust auf guten Alkohol. Was trinkst du eigentlich am
liebsten? Willst du das rechte Bett oder das linke? Ich glaube, ich muß
mir die Haare noch mal machen. Soll ich das Mützchen aufbehalten? Es
sieht vielleicht am ladylikesten aus. Findest du eigentlich, daß ich
ladylike aussehe? Ach doch, nicht? Bist du fertig? Wollen wir hinunter?
Woher kommt es, daß deine Haare immer tadellos sitzen? Du hast auch
nicht soviel kurzes wie ich. Seh’ ich anständig aus? Von hinten, von
vorn, von allen Seiten? So, dann gib’ mir noch einen Kuß und komm!“
Auf der Treppe kehrte Gwen noch einmal um.
Sie schwenkte Mette den Zimmerschlüssel entgegen, ehe sie ihn in ihr
Handtäschchen gleiten ließ.
„Den Schlüssel! Ich hab’ ihn abgezogen – schließlich braucht nicht jeder
eine Herrentasche mit Rasierzeug und Pyjamas bei uns zu finden. Fred
soll sie rausholen, sobald er kommt.“
Mette fürchtete sich ein wenig vor dem großen, hellen Speisesaal. Sie
hatte es völlig verlernt, sich einen Tisch auszusuchen, mit Kellnern zu
verhandeln, eine Weinkarte zu prüfen. Es stand ihr wie ein Examen bevor.
Und das schlimmste war, daß sie sich nicht verraten durfte und die
Beantwortung dieser Fragen mit einem ‚wir erwarten noch jemand‘
hinausschieben.
Als sie eintraten, fiel ihr erster Blick in einen Spiegel, und in diesem
Spiegel sah sie Fred Wietinghoffs Gesicht. Er sah über eine Zeitung
hinweg, die er in beiden Händen hielt, seine Augen, groß und offen und
von tiefem leuchtenden Blau, sahen ihr entgegen und grüßten sie. Und von
seinem Blick, von seinem festen hellen Gesicht ging ein Strom von Ruhe
und Sicherheit aus.
Wie gut, daß er da war! Wie gut, daß er da war!
Jetzt sah sie auch vor dem Spiegel seine breiten Schultern, seinen
blonden Kopf.
Gwen fing an zu kichern und stieß Metten an. Sie machte eine Bewegung,
als wollte sie auf ihn zueilen und ihn durch einen Schlag auf die
Schulter aufschrecken.
Mette hielt ihren Arm fest.
„Er hat uns gesehen,“ sagte sie leise, „komm ruhig an ihm vorbei.“
Mette hörte das Stuhlrücken hinter sich und seine raschen großen
Schritte.
Sie begrüßten sich wieder voller Verwunderung. Wietinghoff suchte einen
größeren Tisch – er hatte sich absichtlich an einen ganz kleinen gesetzt
– und beauftragte den Kellner, seine Sachen herüberzubringen.
Er wählte mit Bedacht ein kleines Abendessen, einen edlen Wein.
„Nachher trinken wir Sekt,“ sagte er, als der Kellner außer Hörweite
war, „ich werde natürlich in seiner,“ mit einer Schulterbewegung,
„Gegenwart auf diese Idee kommen: ‚Aber ich bitte Sie, meine Damen,
diese Begegnung müssen wir doch mit einer Schampus feiern!‘ Klingt es
nicht ganz glaubwürdig?“
„Sehr,“ bestätigte Mette lachend.
„Herrgott, die Tasche.“ Gwen hob erschrocken die Hand vor den offenen
Mund und sah mit runden entsetzten Kinderaugen von einem zum andern.
„Fred, Sie müssen Ihre Tasche aus unserm Zimmer holen! Was soll denn das
Zimmermädchen von uns denken? Aber lassen Sie sich nicht erwischen,
sonst werden Sie noch als Einbrecher verhaftet! Das wär’ eigentlich ein
herrlicher Witz! Passen Sie auf, ich will Ihnen unauffällig den
Schlüssel zustecken!“
Sie kramte in ihrer Tasche, die sie unter dem Tisch auf ihrem Schoß
hielt, zog den Schlüssel heraus, krampfhaft bemüht, ihn in ihrer kleinen
Faust verschwinden zu lassen, und schob die geschlossene Hand über den
Tisch.
Wietinghoff nahm ihr den Schlüssel ab, ließ ihn in die Hosentasche
gleiten und bog sich vor Lachen mit dem Stuhl zurück.
„Wundervoll,“ sagte er und zeigte sehr vergnügt seine festen weißen
Zähne, „jetzt hat das ganze Lokal gesehen, wie Sie mir unauffällig den
Zimmerschlüssel zugesteckt haben! Na, mir soll’s recht sein! Ich fühle
mich nicht weiter kompromittiert. Niedlich genug sehen Sie aus!“
Er sagte es etwas geringschätzig, mit einem spöttischen Zucken um den
Mund. Aber unter gesenkten Augenlidern hervor lief ein Blick über Gwen
hin, der etwas Vertrauliches, Taxierendes und zugleich Brennendes und
Einsaugendes hatte.
‚Was soll ich hier?‘ dachte Mette in plötzlicher Qual, ‚warum muß ich
Zeuge ihrer Verliebtheit sein? Bloß, weil sie ihren Ruf wahren wollen?
Lächerlich. Sie sind sicher schon hundertmal allein zusammen gewesen.
Sie können nicht Angst haben, daß etwas geschehen könnte, was noch nicht
geschehen wäre. Diese beiden Menschen kennen einer den andern ganz und
ohne Rückhalt. Ich hab’ es vor Monaten schon gewußt. Wie konnte ich es
wieder vergessen? Was soll ich hier?‘
Fred Wietinghoff goß die Gläser voll.
„Auf gute und ehrliche Kameradschaft!“ sagte er.
„Darauf trink ich mit!“ Mette hob ihr Glas.
Wietinghoff suchte ihren Blick mit ernsten und offenen Augen.
„Sie sind der geborene Kamerad,“ sagte er herzlich. „Treu, klug,
verschwiegen und kühn. Wissen Sie – man sieht oft Menschen in einer
anderen Zeit, unter anderen Schicksalen – sozusagen in einer anderen
Rolle. Wenn ich Sie sehe, denke ich immer tausend Jahre zurück,
Minnesänger- und Ritterzeit, und dann seh’ ich Sie in Knappentracht
Ihrem auserwählten Liebsten folgen – es gibt solche Gestalten in den
alten Liedern und Sagen, und sie haben mich schon in meiner Knabenzeit
immer mit Rührung und Bewunderung erfüllt. So ein Heldenmädchen, das
ganz ohne Ehrgeiz, nur aus Liebe, alle Strapazen erträgt, an allen
Ruhmestaten seinen Anteil hat, geneckt und gelobt wird, aber niemals den
Lohn der Leidenschaft empfängt – bis es einmal im Gewühl des Kampfes
Hieb oder Stich empfängt und der Ritter selber auf beiden Armen seinen
treuen Knappen ins Zelt trägt und aus dem Knabenwams einen
weißleuchtenden Frauenleib ans Licht schält.“
„Findest du nicht, daß er Talent hat?“ neckte Gwen. „Er sollte doch
unter die Dichter gehen. Und was bin ich? Äußern Sie sich, Herr
Wietinghoff, in welcher Rolle belieben Sie mich zu sehen?“
„Sie sind absolut eine Ausgeburt des zwanzigsten Jahrhunderts,“ gab
Wietinghoff fast verächtlich zurück, „albern und frühreif, verderbt und
kindlich, putzsüchtig, anspruchsvoll ...“
Gwen zappelte mit den Füßen und öffnete den Mund zu einem ungezogenen
Schreien.
Wietinghoff beeilte sich, sie zu beschwichtigen.
„Aber süß,“ sagte er hastig, ängstlich, „ganz entzückend dabei,
unwiderstehlich, bezaubernd, berückend, betörend.“
„Scheint so,“ lachte Gwen, „Sie hab’ ich jedenfalls betört, denn Sie
sind furchtbar töricht. Prost, Kinder – ich finde den Wein herrlich und
das Leben wunderschön.“
Mette trank ihr zu. Der Wein goß warme Ströme durch ihre Nerven.
‚Kamerad,‘ dachte sie, ‚schönes, liebes Wort. Kamerad! Das möcht’ ich
sein, und das kann ich sein. Kameradschaft. Das ist mein Reichtum und
meine Stärke. Aber noch nie hat sie jemand von mir verlangt. Ich kann
diesem kleinen Mädchen Kamerad sein und kann’s diesem Mann sein – ob die
beiden nun andere Beziehungen miteinander haben, geht mich gar nichts an
– es berührt mich gar nicht. Seltsam – noch nie hat mich jemand zum
Kameraden haben wollen – nicht einmal Olga. Und dabei ist mir, als wäre
mir durch dies Wort ein Schlüssel zu meinem Innern gegeben, daß ich in
mich selbst hineinsehen kann und erkenne, was in mir ist. Ich will Fred
Wietinghoff immer dankbar sein, daß er mir dieses gute Wort gesagt hat.‘
Die frohe Stimmung hielt bei allen an. Manchmal lachte Gwen so
ausgelassen, daß Wietinghoff oder Mette sie zur Ruhe verweisen mußten.
Manchmal flog ein Scherzwort hin und her, das Mette nicht verstand. Aber
es quälte sie nicht mehr. Ein guter Kamerad mußte sich vertrauensvoll
und geduldig in alles schicken. Mußte überhören können, was er nicht zu
wissen brauchte. Und mußte mit immer wachen, hundertfach geschärften
Ohren hören, wenn ein Notruf an ihn erging. – – –
* * * * *
Auf dem Türgang sagte Fred Wietinghoff ihnen gute Nacht. Er küßte beiden
lange die Hand, und keiner um einen Herzschlag länger als der andern.
Aber Gwens Finger hob er an die Lippen und sah ihr dabei in die Augen,
eindringlich und wie beschwörend. Über Mettes Hand beugte er tief den
Kopf. – – –
* * * * *
„Morgen fahren wir ans Meer!“ Gwen tanzte übermütig durchs Zimmer.
„Mette, süße Mette, ist das Leben nicht schön? Und ist es nicht
entzückend, mit Fred zu bummeln und zu reisen? Bist du nicht entzückt
von ihm? Ach, etwas doch, mir kannst du es ruhig zugeben, ich bin nicht
eifersüchtig! Nur ausschalten laß ich mich nicht – aber sonst ... Du
bist ja doch ein bißchen in ihn verliebt, sag’ es nur ruhig.“
„Ich glaube, du bist ein bißchen beschwipst, kleine Maus,“ sagte Mette
lächelnd, „es ist höchste Zeit, daß du in dein Bettchen kommst.“
„Ja, höchste Zeit – höchste Zeit,“ trällerte Gwen leise. Sie zog sich
aus, während sie in der Stube herumtanzte, und streute ihre Sachen auf
alle vorhandenen Stühle und Tische. „Müde bin ich zwar gar nicht ...
bist du müde, Metting? Hoffentlich nicht.“
„Warum nicht? Was hast du denn noch vor?“
„Ach, ich geh’ heut Abend noch auf den Ball mit dir ... auf den
Federball ... habt ihr das als Kinder auch immer gesagt? Blöd, nicht?
Alle Kinder haben dieselben dummen Redensarten und finden sie tausendmal
hintereinander immer wieder witzig. Und wenn man älter wird, mag man die
besten Witze nicht zweimal hören und die schönsten Gerichte nicht
zweimal essen. Eigentlich traurig, nicht? Oder? Fred Wietinghoff würde
sagen: der ewige Hunger nach neuem peitscht uns vorwärts. Sonst würden
wir uns wie Karusselpferde im Kreis herumdrehen. Also, gepriesen sei der
Drang nach Abwechslung! Was machst du nur so ewig, Mettika? Ich steige
gleich ins Bett.“
Sie stieg aber trotzdem nicht gleich ins Bett, sondern lief im Hemd im
Zimmer hin und her, hatte dort etwas zu ordnen und hier etwas zu suchen
und verbrachte die Zeit mit Geschwätz und Getändel.
Mette lag schon im Bett: „Du wirst dich erkälten,“ sagte sie
kopfschüttelnd, „wie kann man so herumtrödeln? Du warst doch schon vor
einer halben Stunde fertig. Dreh’ die überflüssige Beleuchtung aus und
kriech’ ins Bett.“
Gwen reckte die nackten Arme über den Kopf.
„Ich hab’ eine solche Unruhe in mir,“ klagte sie. „Begreifst du denn das
nicht? Ach Mette, du tust ja nur so, als ob du von Eis und Schnee wärst.
Fühlst du denn nicht, wie der Wein durch deine Adern geht und dir immer
von unten gegen das Herz stößt, immer so.“ Sie schlug ruckweise mit der
geballten Faust gegen die Brust. „Und fühlst du nicht, daß es da draußen
Frühling wird? Hast du keine Wurzeln mehr in der Erde, daß du nicht
fühlst, wie der Saft in dir gärt ... in dir, wie in jedem Baum und
Strauch ...“
Sie blieb neben dem Schrank stehen und legte die Arme, die Schläfe an
das glatte Holz:
„Manchmal glaub’ ich, diese armen mißhandelten, zersägten, behobelten
Bäume haben noch einen Rest Leben in sich – und im Frühling, wenn die
große Orgie sich vorbereitet ... dann fängt es an, noch in dem armen
polierten Holz zu pulsen und zu zucken – fühl’ nur, es ist wie ein
leiser Herzschlag drin, und dann denk’ ich, die Möbel freuen sich an mir
– sie fühlen mein Leben aufschäumen, und das gibt ihnen Lust und Ruhe –
Mette!“ – Sie war mit ein paar Sprüngen auf dem Bettrand und faßte Mette
rüttelnd an den Schultern. „Bist du lebloser als das tote Holz? Das ist
nicht wahr und das glaub’ ich dir nicht!“
Sie schlang die Arme um Mette und wühlte den Kopf neben ihr in die
Kissen.
„Warum magst du mich nicht, Metting?“ flüsterte sie ihr ins Ohr. „Sag’
mir, ist es, weil du Fred liebst? Es ist nicht wahr, daß du nie eine
Frau geliebt hast. Es ist auch nicht wahr, daß du mich nicht lieben
könntest ...“
„Lieben,“ sagte Mette tonlos, „was nennst du lieben.“
„Lieben nenne ich selig machen ... und selbst dabei selig sein ... alles
andere nenn’ ich Freundschaft oder Anbetung oder Schwärmerei, ja, am
besten Schwärmerei. Ich will wissen, was du gegen mich hast!“
Sie kniete auf dem Bettrand und riß sich wie eine Rasende das Hemd von
den Schultern.
„Du sollst mich jetzt ansehen! Du mußt mich jetzt ansehen! Wo hab’ ich
irgendeinen Fehler, der dich abstößt?“
„Du bist sehr schön,“ sagte Mette mit gequältem Lächeln.
„Ach, und du erst,“ Gwen warf sich über sie und küßte ihr Mund und
Augenlider, Hals und Wangen.
‚Ich will nicht,‘ dachte Mette, ‚sie ist mir anvertraut, und ich rühre
sie nicht an. Ich bin sein Kamerad ... ich bin sein Kamerad ...‘
Rosenrote Wellen hoben sich. Sie stiegen ihr bis zum Herzen, bis zum
Hals, bis über die Augen. Das Zimmer schien zu schwanken, wie in
zitternden Atemzügen, wie in ruckweisen Herzstößen.
Plötzlich war alles still, hell, es war wie blendendes Licht, und wie
ein schmetternder Hornstoß.
Vielleicht hatte ganz leise eine Diele geknarrt.
Mette fuhr auf, wach, nüchtern.
Irgend etwas war im Zimmer, was vorher nicht da gewesen war.
Ein violetter Fleck. Und darüber Fred Wietinghoffs Gesicht.
Fred Wietinghoffs Augen. Brennend. Gierig. Ganz unverhüllt, wie die
Augen brünstiger Tiere – ganz nackte Augen.
Mette schrie nicht auf.
Sie schleuderte den weichen Körper von sich, der würgend auf ihr lag.
Ein Wort stieg in ihr auf und verließ sie nicht mehr. Es war das einzige
Wort, das sie denken konnte, und das ihre Gedanken unablässig
wiederholten:
‚Abgekartet. Alles abgekartet.‘
Sie richtete sich auf und griff nach ihren Kleidern.
In diesem Augenblick stürzte Wietinghoff auf sie zu.
„Mette,“ stammelte er, „Süßeste.“
Da schlug sie ihm mit der flachen Hand ins Gesicht.
Er war auf Widerstand gefaßt gewesen, auf Stoßen, Kratzen, Beißen – er
hätte sie lachend bezwungen.
Der Schlag ließ ihn zurücktaumeln.
Mette schlüpfte in ihre Bluse.
‚Abgekartet,‘ dachte sie, ‚abgekartet.‘
Sie knüpfte die Bänder des Unterrocks. Ihre Hände zitterten nicht, trotz
der wahnsinnigen Hast. Erst als sie angezogen war, warf sie einen
flüchtigen Blick auf Wietinghoff.
Auf seinem blassen Gesicht brannte die Spur ihrer Hand wie ein feuriges
Mal. Über seinen Augen lagen die breiten zitternden Lider.
Ein seltsames Gefühl stieg in Mette auf. Eine rasende Freude: ‚ich habe
ihn gut getroffen.‘ Und dann eine dämmernde Erkenntnis: ‚es ist das
erstemal, daß ich dies schöne Gesicht berührt habe – dies schöne
Gesicht.‘
Nie hatte sie mit einem Gedanken daran gedacht – aber ihr war, als
hätten ihre Hände sich immer danach gesehnt, dies Gesicht zu streicheln.
Ein namenloses Weh quoll in ihrem Herzen. So, als hätte sie etwas
Schönes und Kostbares besessen, und sähe es zum erstenmal, da es ruchlos
zerstört und zerbrochen vor ihr lag.
Sie ging ruhig im Zimmer hin und her und holte ihre Sachen zusammen.
Wenn sie an Fred Wietinghoff vorüber mußte, machte sie einen Bogen. Er
sah sie nicht an, aber er fühlte es und zuckte zusammen.
Gwen war auf ihr Bett gekrochen. Sie saß nackt und rosig auf dem großen
Federbett, hatte die Schultern hochgezogen und spielte verlegen mit
ihren Zehen.
Die Tür nach dem Nebenzimmer stand offen. Es war die Tür, durch die Fred
Wietinghoff gekommen war.
‚Abgekartet,‘ dachte Mette, ‚abgekartet.‘
Sie ging in Hut und Mantel auf die Tür zu. Als sie die Klinke in der
Hand hielt, blieb sie stehen.
„Ich werde in das Zimmer nebenan gehen,“ sagte sie ruhig, „ich habe
keine Lust, jetzt in der Nacht das Hotel zu verlassen. Um sieben Uhr
werde ich gehen und die Tür vom Korridor offen lassen.“
Wietinghoff drehte sich um.
„Gnädiges Fräulein,“ sagte er heiser.
In seinem blassen Gesicht standen seine dunklen Augen wie zwei offene
Wunden.
Mette zog die Tür hinter sich zu und riegelte hart ab.
Sie drehte das Licht nicht an.
Sie wußte und fühlte es: überall lagen Sachen – fremde Sachen – seine
Sachen.
Nach einer ganzen Weile hörte sie Stimmen von nebenan, hin und her,
gedämpft und unterdrückt, aber doch vernehmlich.
‚Lieber Gott, was werd ich noch alles hören,‘ dachte sie, ‚lieber Gott,
gib mir Kraft, gib mir Kraft. Laß mich sterben, wenn du kannst, aber laß
mich nicht wahnsinnig werden, daß ich nicht irgend etwas tue – irgend
etwas ganz Furchtbares ...‘
Aber das Schlimmste war der Duft, der über dem Zimmer lag. Der Hauch der
Zigarette, der feine Geruch des Juchtenleders, der Duft der Seife, des
Essigs.
Mette machte das Fenster weit auf und schob sich einen Stuhl zwischen
die Flügel. Die Nacht war kalt, Mette zitterte, so fest sie sich auch in
ihren Mantel wickelte.
Sie dachte an die Stadt, die sie verlassen würde. Wo nun hin – wohin?
Sich weiter hetzen lassen, heimatlos, ruhelos, jeder Begierde ein
Freiwild?
Oder sterben?
Ja, wenn sie an den Schlaf hätte glauben können.
Aber sie fühlte in dieser Stunde stärker als je, unleugbar, unantastbar
das Unzerstörbare in sich.
Sie wurde demütig vor dem, was sie in sich trug, wie eine Mutter in
Demut ein fremdes Leben in sich fühlt.
‚Meine arme Seele,‘ sagte sie leise, ‚was hab’ ich dir getan? Warum hab’
ich nie daran gedacht, dich zu pflegen und dir zu helfen? Warum wollt’
ich dich immer nur auf die Wanderschaft schicken, immer in den kalten
Sternenraum hinein? Arme Seele – wozu hab’ ich dich denn, wenn du nur
leidest an mir, und ich an dir! Einmal werd’ ich es wissen – einmal
werd’ ich alles erfahren. Ich möchte nicht sterben, nein, ich möchte
nicht sterben, eh ich nicht weiß, warum ich gelebt habe.‘
Eccarius fiel ihr ein: Niemand darf sterben, ehe er den Tod nicht lieb
gewann.
‚Nein, ich liebe den Tod nicht. Ich fürchte ihn nicht, aber ich liebe
ihn nicht. Ich will ihn lieb gewinnen. Ich will leben, um den Tod lieb
zu gewinnen. Vielleicht ist es das, warum wir leben müssen. Und
vielleicht ist es das, warum wir leiden müssen.‘
Die Stimmen nebenan waren zur Ruhe gegangen. Der fremd-vertraute Duft
war aus dem Zimmer entwichen.
Am Himmel erblaßten die Sterne vor dem ersten fahlen Dämmerlicht des
aufsteigenden Märzmorgens.