Mette lachte auf: „Das hab’ ich dir ja auch noch nie vorreden wollen.“

„Aber du tust doch so,“ sagte Gwen verzweifelt, „du bist wie ein Stein,

der keine Funken gibt, wenn man noch so auf ihn losschlägt. Oh, Mette,

und ich werde doch das Gefühl nicht los, als könnte ich ein ganzes

Feuerwerk aus dir herausschlagen – ein so herrliches Feuerwerk! Bin ich

nicht stählern genug, oder woran liegt es nur? Es peinigt mich so

wahnsinnig ...“

Eine Erregung schüttelte sie, die ihr die Tränen in die Augen trieb. Sie

streckte sich wie in einem Krampf und zerrte mit den Zähnen an den

seidenen Kissen.

Plötzlich richtete sie sich auf, schlang die Arme um Mettes Hals und

wühlte das Gesicht zwischen Lachen und Weinen an ihre Schulter.

„Sag’ mir’s doch, Metting,“ schmeichelte sie. „Sag’ mir’s doch einmal,

was ich schon längst weiß! Du hast schon einmal in deinem Leben eine

Frau geliebt. Du weißt, wie es sein kann – wie himmlisch es sein kann!

Warum magst du mich nicht, Mette? Bin ich dir nicht gut genug? Nicht

schön genug? Oder glaubst du, ich hätte keine Erfahrung? Oder denkst du,

ich würde dich verraten? Warum sagst du nicht ein Wort? Verachtest du

mich so, daß du mich nicht mehr einer Antwort würdigst?“

Mette biß die Zähne zusammen und richtete sich ein wenig straffer auf.

„Ich weiß nicht, Kind,“ sagte sie mit einem mühsamen Lächeln und

blicklosen Augen, „ich weiß gar nicht, was du zusammenredest. Wie kommst

du nur darauf, in mir irgend etwas zu vermuten ...“

„Stopp!“ sagte Gwendolen fast böse und legte ihr die Hand auf den Mund,

„ich vermute gar nichts – ich weiß. Du kannst schweigen, solange du

willst. Ich werde dir die Worte nicht von der Zunge reißen – aber

belügen laß ich mich nicht. Und laß mich auch nicht als Irrsinnige

hinstellen. Ich weiß doch, daß ich Recht habe. Nicht etwa, daß du jetzt

denkst, ich hätte irgendwelche Klatschgeschichten gehört. Ich hab’ ein

Gefühl dafür, und darauf kann ich mich verlassen. Liebe kleine Mette,

und wenn du wochenlang vorm Spiegel säßest und dir ein Gesicht

einübtest, wie eine steinerne Maske – du trägst doch den Stempel ...

deine Hände tragen ihn, und deine Augenlider und deine Mundwinkel – hier

– die Winkel deines lieben, stolzen, sehnsüchtigen Mundes – versprich

mir, Mette, versprich mir eines: ich glaub’ dir, daß du wie eine Heilige

lebst und leben möchtest – aber ich weiß ja doch, daß du’s nicht kannst

– nicht lange mehr kannst – wenn es einmal stärker ist als du, dann ruf’

mich. Ich möchte dich küssen, bis dein sehnsüchtiger Mund ganz satt ist,

ich möchte dich aufblühen sehen in Zärtlichkeit, du Rose von Jericho.

Und wenn ich’s nicht zuwege bringe, dann möcht’ ich wenigstens dabei

sein. Oh, Mette, du machst ein Gesicht, als wenn ich häßliche Dinge

sagte. Die Ekstase eines schönen Menschenkörpers _ist_ schön, das

rauschende Blut und der jagende Atem eines geliebten Wesens ist die

schönste Musik der Welt. Und alles andere, Kunst und Sport, und mehr

noch Alkohol und Morphium – das sind alles elende Ersatzversuche für das

einzige, eigentliche – für die Liebe.“

„Was man alles ‚Liebe‘ nennt,“ sagte Mette und spürte einen bittern

Geschmack im Mund.

„Den Rausch des Blutes nenne ich Liebe und die Entzückungen der Sinne.

Und das ist etwas, was ich allen Menschen geben möchte,“ Gwen richtete

sich auf, die weiche Seide glitt von der wunderschön gemodelten

Schulter, ihre Augen flammten in einem blauen Feuer, „nicht allen – aber

den schönen, tiefen, heißen, empfindenden – den durstenden und

hungernden – und ich möchte es geben, weil ich es geben kann, weil ich

reich bin, weil es mir von Gott gegeben ist – und Gott gibt keinem

Menschen etwas, damit er es behalten soll – so verschwenderisch darf er

nicht sein, weil er zu viele zu beschenken hat. Wir sind nur als seine

Verwaltungsbeamten eingesetzt – wir sollen ihm eine Mühe ersparen, darum

gibt er uns viel, damit wir den Würdigsten abgeben.“

Mette schüttelte den Kopf:

„Du siehst aus, wie der Engel im Weihnachtsmärchen und trägst diese

schönen Theorien auch ganz im Weihnachtsmärchenton vor. Manchmal hab’

ich das Gefühl, du weißt gar nicht, was du sprichst. Du bist wie ein

Stück Gartenland, in das eine fremde Hand allen möglichen Samen gestreut

hat, und das sich selbst wundert über all das bunte Zeug, was es ans

Licht bringt. Und ich fürchte, ich kenne auch den Gärtner, der so ein

krauses Blumenbeet aus dir macht!“

„Mette,“ schmeichelte Gwen, „sag’ mir das eine, bitte, bitte, sag’ es

mir: Liebst du Fred Wietinghoff?“

„Unsinn,“ sagte Mette hart, „wie kommst du darauf?“

„Lieben vielleicht nicht,“ gab Gwen zögernd zu, „vielleicht nennst du

‚lieben‘ noch etwas anderes ... aber findest du nicht auch, daß er

fabelhaft aufregend ist?“

Mette verzog das Gesicht, ohne zu antworten, stand auf und trat an das

Fenster.

Sie hörte die weiche Seide hinter sich rauschen und knistern.

Gwen schob ihren geschmeidigen Körper zwischen Mette und die

Glasscheibe, hinter der der winterliche Garten lag.

Ihr engelhaftes Gesicht war rot überhaucht, ihre großen Augen unter den

langen Wimpern glänzten von Tränen. Das blonde Haar, flüchtig

aufgesteckt, kraus und feucht vom Bade, zitterte in Ringeln und Löckchen

um das Kindergesicht.

Sie schob die Lippen vor, als kämpfe sie gegen ein heftiges Weinen, und

klammerte sich mit den kleinen weichen Händen an Mettes Blusenfalten

fest.

„Ich bin dir wohl sehr widerlich?“ fragte sie schüchtern. „Ja? Bin ich

sehr widerlich?“

Mette küßte lachend die runde feste pfirsichflaumige Wange:

„Du bist sehr süß!“ sagte sie herzlich. – – –

„Ich möchte lieber nicht,“ sagte Mette und zog die Brauen leicht

zusammen.

„Mette!“ Gwen stampfte zornig mit dem Fuß, „ich verstehe dich nicht! Was

kann es dir schaden, wenn du mitgehst? Und mir tätest du einen solchen

Gefallen! Wir hatten es uns so nett gedacht ... es kann doch eigentlich

kein vernünftiger Mensch etwas dabei finden – wenn wir zu zweit sind

...“

„Aber deinen Eltern gegenüber ...“ wandte Mette ein.

„Denen tust du doch nur etwas Gutes an, wenn du mich nicht allein zu

einem Junggesellen in die Wohnung gehen läßt! Ich gehe ja doch! Aber es

wäre viel netter, wenn du mitkämest – und Fred wollte dir doch seine

Bibliothek zeigen!“

Das war das einzige, was Metten locken konnte – Gwen wußte das ganz

genau.

Mette hätte gern die Wohnung und die Bücher gesehen. Etwas wie Neid

erfaßte sie, wenn sie daran dachte, daß Gwendolen und Fred Wietinghoff

in einem sicher sehr schönen und geschmackvollen Raum eine behagliche

Tee- und Plauderstunde verleben würden und daß sie nicht dabei sein

sollte – aus Trotz, aus Eigensinn, aus einer albernen Scheu.

Sie hatte vieles getan, was noch weit weniger vereinbar mit Herkommen

und guter Sitte war. Sie hatte es getan aus Leidenschaft, aus Laune, aus

Mitleid – aus Dummheit. Zum erstenmal in ihrem Leben wehrte sie sich

ängstlich gegen eine so harmlose Abweichung vom Hergebrachten, wie es

dieser Teebesuch bei einem Junggesellen war.

Mit einem Schlage flammte der Trotz in ihr auf. Warum sollte sie sich

ein Vergnügen versagen, weil die wohlgeborenen und hochgesitteten

Familien ihr darauf die Gnade verweigern konnten, sie ferner in ihren

teuern und gediegen ausgestatteten und sorgfältig reingemachten Häusern

zu empfangen? Dann sollten diese Familien erst einmal ihre Söhne und

Töchter so erziehen, daß sie ihr, der armen schutzlosen Mette Rudloff,

nicht mutwillig die schwer erkämpfte Ruhe zu zerstören suchten.

„Ich gehe mit,“ sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen.

Der Skorpion. Band 2 · 第 9 / 15 题