Und es war eigentlich leichter –

Der Revolver lag so nah!

Sie wandte den Kopf nach ihm. Es war fast, als riefe er nach ihr. Aber

ihr Körper war schwer und wie festgekettet an dem Stuhl. Sie wußte:

‚Wenn ich jetzt aufsteh’, dann tu ich’s!‘

Aber sie stand nicht auf.

Draußen wurden lachende Stimmen hörbar, wurden lauter, kamen näher.

Man rief ihren Namen, klopfte an ihre Tür.

Sie brachen wie eine Horde in das stille Zimmer ein: Gisela, Kramer,

Giesbert, die Luigi, Willi Krafft und Johannes.

„Weiß Gott, sie sitzt im Dunkeln!“ „Hast du gemunkelt?“ „Machst du

astronomische Studien, oder willst du dich aus dem Fenster stürzen?“

„Mach hopp, dalli, komm mit, wir wollen noch ein bißchen bummeln! Es ist

eine herrliche Frühlingsluft draußen!“ „Atmest du nicht mit mir ...?“

Sie hatte sich nicht nach diesen Menschen gesehnt – nach keinem von

ihnen. Aber sie war fast gerührt, daß man sie nicht vergessen hatte. Sie

dachten doch an sie – sie wollten sie mithaben – sie hatten sie vermißt

– es war doch gut, nicht ganz allein zu sein auf der Welt.

„Gut,“ sagte sie heiter, „ich dachte gerade an Eis mit Früchten, als ihr

kamt! Es ist nett, daß ihr mich holt – aber ihr müßt mir fünf Minuten

Zeit lassen, daß ich mich anziehen kann – um eurer illustren

Gesellschaft würdig zu erscheinen.“

Mette holte ihr hübschestes Sommerkleid aus dem Schrank, den

kleidsamsten Hut – sie wußte selbst nicht warum. Aber sie hatte das

unklare Gefühl, als liefen heute alle Bewohner der Stadt auf der Straße

herum, um mit sehnsüchtigen Augen nach einem Menschen zu suchen.

Vielleicht traf sie für eine Sekunde ein Blick, der an ihr Gefallen

fand, aus irgendeinem Augenpaar, das ihr gefiel.

Es flog ihr durch den Kopf, während sie vorm Spiegel den Hut aufsetzte:

Vielleicht ist es das, was die Menschen so ruhelos umhertreibt, immer

von einer dieser sogenannten Vergnügungsstätten nach der andern – dies,

daß sie hoffen, irgendwo für einen flüchtigen Augenblick dem Menschen zu

begegnen, den sie suchen – den sie alle suchen, ihr Leben lang, weil sie

alle allein sind. – – –

* * * * *

Sie saßen erst in den Korbsesseln einer Kaffeeterrasse, bei kleinen

Lampen mit rosenbedruckten Seidenschirmen und Perlfransen, und aßen

Eisfrüchte und Waffeln und tranken einen süßen Likör, um einer

„Vergletscherung der Magenwände“ vorzubeugen, wie Giesbert sagte.

Aber die Luigi, die getanzt hatte, und Krafft und Johannes, die im

Konzert gewesen waren, hatten noch nicht zu Abend gegessen und äußerten

Sehnsucht nach einem reellen Beefsteak oder Schnitzel.

Man ging also zwei Häuser weiter in ein Weinrestaurant, wo die Musik

dieselben Stücke in etwas veränderter Reihenfolge spielte.

Nach dem Essen ging man in die nächste Bar, trank ein Glas

Schwedenpunsch und eine Flasche Sekt, und die Luigi tanzte mit Giesbert

und mit Krafft, was alle andern Tanzenden zum Aufhören und

interessierten Zuschauen veranlaßte. Mette fühlte sich ein wenig in

ihrer Eitelkeit geschmeichelt, weil sie zu diesen gut tanzenden Leuten

gehörte.

Als die Polizeistunde kam, machten die Kellner Rechnung, stellten eine

gedämpftere Beleuchtung her und zogen die schweren violetten Vorhänge

vor die Fenster. Niemand dachte daran, aufzustehen und zu gehen.

An einem Nebentisch saß eine schöne blonde Frau mit zwei Herren. Mette

sah die ganze Zeit zu ihnen hinüber. Die blonde Frau beobachtete alles

mit einer lachenden staunenden Neugier, als hätte man sie in einen

zoologischen Garten geführt, und die beiden hochgewachsenen Männer saßen

neben ihr, als hätten sie die Aufgabe, sie vor jedem frechen Blick und

jedem giftigen Hauch zu schützen.

‚Vielleicht ist das eine ihr Mann und das andere ihr Bruder,‘ dachte

Mette, ‚es ist ein Platz am Tisch frei – warum sitz’ ich nicht da?

Gehör’ ich nicht zu diesen Leuten? Meiner Familie nach, meiner

Erziehung, meiner Bildung, meinen Manieren? Der Glattrasierte ist sicher

ihr Bruder – er hat eigentlich ganz ihr Gesicht. Würde es nicht viel

besser zu mir passen, wenn ich mit ihm verlobt wäre und mit ihm und

meiner Schwägerin und meinem Schwager einen kleinen Bummel machte – sehr

hübsch wäre das. Warum wünsch’ ich mir das eigentlich? Wirklich nur,

weil ich Sehnsucht nach ganz klaren, bürgerlichen, reinlichen

Verhältnissen habe? ... oder weil die schöne Frau mir gefällt?‘

Als die drei Leute vom Nebentisch aufgebrochen waren, fing Mette an, es

langweilig und öde zu finden. Sie war müde und hatte reichlich genug,

aber ihr war doch, als müßte sie noch weiter, um irgend etwas zu

erleben, als müsse sich noch irgend etwas ereignen, was dieser sinnlosen

Vergeudung von Zeit und Geld einen Schein von Berechtigung gäbe. Sie

hatte Angst, daß es wieder so würde wie immer, wenn sie sich zeitiger

von der Gesellschaft trennte, weil sie die Langeweile nicht mehr

ertragen konnte und es dann am anderen Tage hieß: „Schade, daß du so

früh gegangen bist – es war noch so besonders nett nachher, wir haben

den und den getroffen, und wir waren so ausgelassen!“

Gisela bestand darauf, in den Klub zu gehen. Die andern, bis auf Krafft,

der keine Karte anrührte, nicht aus moralischen Bedenken, aber weil es

ihn tödlich langweilte, stimmten ihr zu.

Mette erschrak ein wenig. Sie wußte, daß es kommen würde, wie immer.

Gisela würde spielen und verlieren. Dann würde sie für Mette

weitersetzen und wieder verlieren. Dann würde Mette versuchen, etwas zu

retten und selbst setzen – mit ein wenig Vorsicht und Zurückhaltung. Und

sie würde zweimal gewinnen und dreimal verlieren. Oder auch umgekehrt.

Jedenfalls hatte die Stunde im Klub nachher immer ein paar hundert oder

ein paar tausend Mark gekostet, und Mette pflegte dann wochenlang die

verlorene Summe in Bücher umzurechnen, die sie in den Schaufenstern sah,

oder in schöne Holz- und Ledersachen. Oder sie betrachtete die Bettler

auf der Straße, die sie damit hätte glücklich machen können, und die

blassen Kinder, die mit wunschbrennenden Augen vor Spielzeug- oder

Süßigkeitenläden standen.

Gewiß – sie kam nicht in Verlegenheit. Sie konnte an die Bank

telegraphieren und hatte in wenigen Stunden Geld, soviel sie wollte. Sie

wurde nicht ganz klug aus den Bankabrechnungen – aber soviel wußte sie

doch, daß sie mehr als ihre Zinsen verbrauchte. Es gab ihr manchmal ein

unbehagliches Gefühl, fast wie einen leichten Schwindel. Aber dann

schalt sie sich philisterhaft und enggeistig. Sie würde ja nie Kinder

haben – und sie würde nicht lange leben. Vielleicht wäre es ganz gut,

einmal keinen Pfennig mehr zu besitzen, und so gleichsam auf des Messers

Schneide zu balanzieren. In solchem Augenblick würde sich erweisen, ob

die Kräfte des Lebens stark genug in ihr wären – vielleicht würde sie in

einem ganz bescheidenen, arbeitsamen Dasein – als Kellnerin, als

Verkäuferin – glücklicher werden. Vielleicht wäre äußere Not Anstoß

zugleich und Entschuldigung, den geliebten Revolver an der Schläfe

abzudrücken.

Es war nicht nur Gleichgültigkeit gegen Leben und Tod, die Mette

veranlaßte, mit den andern in den Klub zu gehen. Gisela spielte mit mehr

Unglück als Leidenschaft, und wenn sie so dringend darauf bestand, den

Klub, irgendeine Bar oder eine Diele aufzusuchen, so tat sie es, weil

sie vermutete, Fiametta dort zu treffen. Mette wußte das. Sie waren

einander im Winter oft begegnet, und Mette freute sich jedesmal an ihrer

ausdrucksvollen und hochmütigen Schönheit und ärgerte sich jedesmal,

weil die andere immer gewählter angezogen, sicherer im Auftreten und vor

allen Dingen in besserer Gesellschaft war als sie selbst.

Da nichts und niemand in der Nähe war, um Mettes Aufmerksamkeit auf sich

zu lenken, hatte sie Zeit gehabt, in einem Pfeilerspiegel sich selbst zu

beobachten. Sie erschien sich sehr fremd, aber eben darum ganz annehmbar

– sie nickte ihrem Bild mit den Augen zu, als wollte sie sagen: Sei nur

ruhig, heut’ wird es uns gelingen, ein ebenso hochmütiges Gesicht zu

machen wie diese selbstbewußte Person! – – –

* * * * *

Als sie den Klub verließen, waren sie alle mehr oder weniger schlechter

Laune. Sie hatten alle verloren bis auf Johannes, der, die Hände voller

Scheine, mit Tränen in den Augen und flehenden Worten hinter Krafft

herlief, um ihm das Geld aufzudrängen.

„... das ist doch meins, Willi,“ hörte Mette, „das hab’ ich doch so gut

wie verdient! Davon weiß doch kein Mensch etwas!“

Willi Krafft wies ihn ab, mit kaum beherrschter Ungeduld, beide Hände in

den Jackentaschen vergraben.

Sie taten alle beide Mette leid. Und Kramer tat ihr leid, der unheimlich

viel verloren hatte und ganz blaß und einsilbig war.

Und Giesbert und die Luigi taten ihr leid, die sich gegenseitig Vorwürfe

machten, nicht wenigstens auf verschiedenen Seiten des Tisches gesetzt

zu haben. Und aus deren halblauten heftigen Worten etwas flackerte wie

jahrelang schwelender Haß.

Und Gisela tat ihr leid, weil sie elend und verfallen aussah wie eine

Schwerkranke – und weil sie die Fiametta nicht getroffen hatte.

Und sie selbst tat sich leid – oh, sie tat sich selbst so leid!

Sie waren alle schlechter Laune, aber niemand wollte nach Hause gehen,

um allein damit fertig zu werden.

Sie erwarteten alle noch eine Entschädigung für diese vergeudete Nacht,

einen tollen Rausch, eine große Lustigkeit – eine Sensation, ein

Erlebnis, eine Freude, oder eine Stunde Vergessen aller

Widerwärtigkeiten.

„Wo jetzt hin?“ fragte Giesbert und ließ mit etwas erzwungenem Übermut

den Stock tanzen, „Stimmung, Herrschaften, Stimmung. Der Kater hat

bekanntlich erst morgen in Aktion zu treten! Auf zum süßen Emil. Ich

taxiere, die überwiegende Mehrzahl unserer erlauchten kleinen

Gesellschaft wird sich da wie zu Hause fühlen.“

Sie bogen in eine stille, dunkle Seitenstraße. Still und dunkel lag da

ein kleines bürgerliches Bierlokal dritten Ranges. Eine ältere Frau mit

bloßem Kopf und Umschlagetuch schien auf einen herumschnüffelnden

kleinen Hund zu warten, den sie von Zeit zu Zeit lockte und rief.

Giesbert schien sie zu kennen. Er begrüßte sie durch einen

freundschaftlichen Schlag auf die Schulter und forderte sie auf, die

Haustür zu öffnen.

Die Alte übernahm die Führung, unter ständigen geflüsterten

„Obacht“-Rufen ging es Stufen hinauf und hinab, über einen

unbeleuchteten Hof, durch schmale Türen, enge, stockdunkle Gänge

zwischen dicken Friesvorhängen hindurch, bis Licht, Geräusch, Farben und

Stimmen einem plötzlich wirr und überraschend entgegenschlugen.

Der große langgezogene Raum, in einem fliederfarbenen Licht gebadet, war

mit raffiniertem Geschmack ausgestattet, schwarz und lila waren die

vorherrschenden Farben, schwarz war der dicke Teppich mit verstreuten

lila Blüten, schwarz die polierte Holztäfelung, schwarz der Marmorkamin,

die schweren Samtvorhänge, mit rasend verzerrten lila Ornamenten

bedeckt, schwarz Bronzen und Holzschnitzereien, die auf dem Sims der

Täfelung standen und sich von der fliederfarbenen Wandbespannung

abhoben.

„Hübsch,“ sagte Mette mit erstaunten Augen, „wie kommt das hierher?“

„Das haben ihm seine Freunde so eingerichtet,“ sagte Giesbert mit etwas

spöttischem Lächeln. „So als eine Art kleines Privatetablissement! Warum

soll es nicht hübsch sein? Es sind sehr reiche Leute darunter – und sehr

bekannte Künstler – Maler, Bildhauer, Innenarchitekten – was Sie wollen!

Der süße Emil liefert ihnen als Revanche den Sekt und die Gesellschaft!“

„Emil!“ rief Johannes einen schlanken, geschmeidigen, dunkellockigen

Mann an, „zeig’ doch unsern Damen einmal dein Lokal!“

Der Gerufene war mit viel Liebenswürdigkeit bereit. Er öffnete eine

schmale Tür, und man kam in einen trübe erleuchteten, nüchternen Raum,

in dem ein Dutzend braune Tische standen, auf denen jetzt schon die

leichten Rohrstühle aufgestapelt waren, und wo bunte Plakate von Bier-

und Tabakfirmen an den Wänden prangten.

An einem Tisch in der Ecke, der noch gedeckt war, lümmelten sich ein

paar junge Burschen mit Karten in der Hand.

Anstoßend war der eigentliche Schankraum, dessen Fenster auf die Straße

gingen. Wieder ein paar Tische und Stühle, die Theke mit den

blankgeputzten Bierhähnen, ein Orchestrion an einer Wand. Hier war es

fast ganz dunkel, nur eine kleine Notlampe über dem Büffet warf

blitzende Lichter auf das Metall. In einer Ecke sah man schattenhaft

zwei Gestalten, die miteinander zu ringen schienen, und hörte

unterdrücktes Gekicher.

Sie gingen in den ersten Raum zurück, und „Emil“, wie er von allen

Seiten gerufen wurde, war ihnen behilflich, einen bequemen Tisch und die

nötige Anzahl Stühle zu finden.

Mette betrachtete die Leute um sich mit einem Gemisch von Neugierde,

Teilnahme und Widerwillen.

Nicht weit von ihr saß ein fetter, schwarzbärtiger Mann, an seiner

breiten, behaarten Hand blitzte und funkelte ein rosiger Solitär. Mit

dieser dickfingrigen, ringgeschmückten Hand tätschelte er Kopf und

Schulter eines jungen, blassen Burschen, der offenbar einen

ausgewachsenen Sonntagsanzug anhatte und halb frech und halb verlegen

aussah.

An einem anderen Tisch saß ein vornehm aussehender alter Herr, dessen

feingezeichnetes Gesicht mit dem ergrauenden Spitzbart den Denker

verriet. Die eine der schmalen weißen Hände lag um den Fuß des

Sektkelches, die andere begleitete seine langen Reden mit einer Geste,

als stünde er auf der Tribüne oder auf der Kanzel. Seine schönen blauen

Augen glühten wie in einem Feuer jugendlicher Begeisterung. Ihm

gegenüber saß ein breitschultriger, stiernackiger Soldat mit einem

hübschen ehrlichen Bauerngesicht und grinste geschmeichelt und

verständnislos.

Mehr noch als die Männer zogen die Frauen Mettes Blicke an. Es war eine

ganze Stufenleiter von Erscheinungen da. Solche, die zum dunklen

Jackenkleid mit Aufschlag und Brusttasche den steifen Kragen, zum

kurzgeschnittenen Haar den kleinen Herrenhut trugen – andere, die sich

nur durch eine leise Schattierung verrieten – einige, aus deren scharfen

Zügen Geist und Charakter sprachen, andere, die ganz den Typ der Kokotte

vertraten.

Eine von allen fand Mette sehr schön. Sie war groß und schlank, hatte

kurze goldbraune Locken und Bau und Profil eines Griechenknaben. Sie war

in einer großen, ausgelassenen Gesellschaft, lachte viel und schien

schon leicht betrunken.

Eine süße, aufreizende und gedämpfte Musik ertönte hinter einem Vorhang.

Zwei junge Soldaten in Uniform hielten sich an den Hüften gefaßt und

wiegten den geschmeidigen Körper im Walzertakt. Sie setzten die Füße in

den schweren Stiefeln zierlich und behutsam wie Tänzerinnen – kein

Schritt wurde hörbar.

„Jetzt ist der Moment gekommen,“ entschied Giesbert, „wo wir uns einen

andudeln müssen. Ach Emil, wie ist doch das Leben bei dir reell! Wenn

ich denke, ich kriege eine Flasche Sekt, dann krieg’ ich sie auch, aber

wenn ich denke, ich kriege neune, dann kriegt sie die Bank.“

„Aber nein, Herr Giesbert,“ sagte Emil lächelnd, „Sie kriegen auch neun

Flaschen Sekt!“

Sie tranken Sekt, und Sekt mit Rotwein, und Sekt mit Porter, und

Benediktiner, und Schwedenpunsch, und Flips und wieder Sekt.

Mette trank ein wenig vorsichtig, und es machte ihr Spaß, zu beobachten,

wie sie alle, einer nach dem andern, anfingen, Unsinn zu schwatzen.

Aber obgleich sie noch ihrer Zunge und ihrer Gedanken Herr war, fühlte

sie doch das Blut etwas rascher kreisen und die Musik wie einen warmen

Strom durch ihre Nerven rinnen. Einen Augenblick, als sie die Augen

schloß, hatte sie den Wunsch und fast visionär auch die Vorstellung, am

Rhein zu sitzen, auf einer Terrasse oder in einem blühenden Garten, vom

Wasser her alte sentimentale Volkslieder zu hören und in einem

vertrauten Kreise eine duftende Maibowle zu trinken.

Als sie die Augen aufschlug und den rauch- und dunsterfüllten Raum in

den krankhaften Farben sah, faßte sie Grauen und Elend.

Sie waren so lustig geworden am Tisch, alle hatten sie weiche, offene,

brennende Lippen und glühende Augen, alle lachten und schmiegten sich

wie liebkosend in die Stühle oder tasteten mit den Händen nach einander.

‚Rausch, Rausch,‘ dachte Mette, ‚ich muß es doch erzwingen können, ich

muß doch empfinden können, was sie alle empfinden! Es war doch vorhin

schon so ein warmes Wohlgefühl in mir, ein leichter, gleitender

Schwindel – warum ist es nur schon wieder verraucht und alles so schal

und ekelhaft?‘

Sie stürzte rasch ein paar Gläser Sekt herunter. Aber sie spürte danach

nur einen dumpfen, lastenden Druck über den Augen.

Sie hielt die Hand über das Glas, als Krafft ihr einschenken wollte, um

sie ‚lustig zu machen‘:

„Bitte, nicht, ich habe schon Kopfweh, und lustig werde ich doch nicht.“

„Nimm doch ein bissel Koks, damit du den Kopf freikriegst,“ riet Gisela.

„Vielleicht.“ Mette war alles recht.

Von allen Seiten wurden ihr goldene und silberne Döschen gereicht.

Sie nahm ein wenig von dem weißen Pulver auf den Handrücken und sog es

in die Nase. Sie hatte die Vorstellung von stäubendem Schnee, als sie

die weißen Kristalle sah. Der Raum war schwül und dunstig, und die

Vorstellung tat wohl. Es war, als ob sie reine, klare Winterluft atmete.

Ihre Schädeldecke tat sich auf, und der drückende Nebel, der sich um ihr

Gehirn gelagert hatte, entwich. Schleier schienen vor ihren müden Augen

zu zerreißen, alles rückte näher, wurde fester in den Umrissen, klarer

in den Farben.

„Gott sei Dank,“ sagte sie erleichtert, „ich fange an, euch zu begreifen

– es ist wirklich ein herrliches Gefühl.“

Nur ließ die Wirkung bald nach. Sie versuchte es noch einmal.

Ihr Kopf war frei, ihre Gedanken fest. Sie fühlte sich wohl und sicher.

Giesbert machte ihr Komplimente, mit ein wenig schwerer Zunge:

„Fabelhaft, kleine Rudloff, fabelhaft! Das kleine Mädchen kann was

vertragen, allerhand Hochachtung! Die trinkt uns unter’n Tisch, Willi,

und schnupft uns unter den Fußboden, in den Keller, noch unter den

Keller – wir sind überhaupt gar nicht mehr da, so klein sind wir vor ihr

– sooo klein.“

Die kleine Luigi hatte mit Kramer den Platz gewechselt, um neben Mette

zu sitzen. Sie legte beide Arme auf ihre Stuhllehne und redete halblaut

auf sie ein:

„Sagen Sie mir ehrlich – warum können Sie mich eigentlich nicht leiden?

Ich habe Sie immer so furchtbar gern gehabt, vom ersten Augenblick an –

ich darf das doch sagen, nicht, Giselchen? Aber ich hatte immer das

Gefühl, daß Sie mich nicht leiden mochten! Ich bin Ihnen wohl zu

weiblich, nicht wahr? Aber – glauben Sie mir, das hat mit dem Äußeren

gar nichts zu tun! Oder mögen Sie gern kurzes Haar? Soll ich mir die

Haare abschneiden lassen?“

„Mette ist die einzige Frau der Welt, die ich heiraten würde,“ erklärte

der kleine Johannes wie ein schlaftrunkenes Kind, „Mette würde ich glatt

heiraten, wenn ich ein Mann wäre!“

„Gott, was hat die Frau für Fesseln!“ Krafft umspannte bewundernd Mettes

Handgelenke. „Zeigen Sie her! An den Füßen auch?“

Mette stemmte lachend die gekreuzten Füße gegen den Rand seines Stuhls.

Er streichelte ihre Knöchel in den dünnen seidenen Strümpfen.

„Du darfst sie streicheln,“ erlaubte Johannes großmütig, „weil es Mette

ist, darfst du!“

In Metten schwoll eine große und fast gerührte Freude. Sie fühlte sich

schön, begehrenswert und begehrt.

„Sie hat die schönsten Beine der Welt,“ sagte Gisela und schob Mette

lachend die Röcke bis an die Knie zurück. Mette ließ es ruhig geschehen.

Zum erstenmal sah sie selbst in einem Rausch von Stolz das vollendete

Ebenmaß ihrer schlanken Beine.

Das Mädchen am andern Tisch, das aussah wie ein Griechenknabe, versuchte

immer Mettes Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Jedesmal, wenn Mettes

Blick hinübertraf, führte die andere das Glas zum Munde. Erst hatte sie

es wie zufällig getan, jetzt lächelte sie und hob es ihr entgegen. Mette

lächelte wieder und trank ihr zu.

Jetzt wollte das Mädchen aufstehen; die Leute am Tisch suchten sie mit

Gelächter zurückzuhalten. Aber sie ließ sich nicht beirren.

Sie kam mit dem Glas in der Hand auf Mette zu. Die Bemühung, recht

gerade und sicher zu gehen, gab ihren Bewegungen eine besondere Anmut.

„Ich möchte mit Ihnen anstoßen,“ sagte sie mit einem trotzigen kleinen

Lachen.

Mette hob ihr Glas. Sie stießen an und tranken.

Die Fremde blieb stehen: „Und – ich möchte Ihnen auch einen Kuß geben –

das heißt, wenn Fräulein Werkenthin es erlaubt.“

Alle am Tisch lachten schallend auf und riefen alles Mögliche

durcheinander.

„Ich erlaube,“ sagte Gisela spöttisch.

„Sie hat gar nichts zu erlauben,“ widersprach Mette trotzig.

Die Fremde beugte sich schnell über sie, und Mette fühlte auf ihren

Lippen den offenen, heißen, weinfeuchten Mund – sekundenlang. Sie schloß

die Augen, und dadurch, daß ihr der Kopf in den Nacken gepreßt wurde,

dadurch, daß Krafft ihre Füße immer noch auf seinem Stuhl festhielt,

wurde ihr so schwindlig, daß sie sich mit beiden Händen an ihrem Sitz

festklammerte. Sie hatte das Gefühl, daß der Stuhl sich neigte, daß der

Raum schwankte, daß sie auf einer Schaukel wäre, die losgerissen durch

die Luft flöge, oder auf einem Schiff, dessen auseinandergeborstene

Planken von einem strudelnden Abgrund verschlungen würden.

Sie richtete sich auf und stieß die Fremde fast heftig vor die Brust, um

Luft zu bekommen.

In demselben Augenblick sah sie, daß Gisela aufsprang, totenblaß, mit

verzerrtem Mund und den Kopf vorgestreckt, wie ein sprungbereiter

Panther, mit brennenden Augen nach dem Eingang starrte.

Mette folgte unwillkürlich dem Blick, und sie sah noch den dunklen

Vorhang hinter den eben Eingetretenen zusammenfallen.

Neben der etwas gebeugten Gestalt Ulrich Zeedens stand Corona von

Gjellerström, am Arm eines großen, schlanken, eleganten Mannes.

Ihre Augen waren so groß und klar, ohne Erstaunen, voll prüfender

Neugier und von einem warmen, samtenen Glanz. Metten schien es, als

wären diese Augen nicht eines Armes Länge von ihr entfernt, so deutlich

sah sie das Spiel der Lider, die Lichtflecke in der braunen Iris, den

Schatten der Wimpern.

Diese Augen hoben sich mit sanftem Aufstrahlen dem Mann an ihrer Seite

zu, als hätten sie übergenug von dem Bilde, das sie eben aufgefangen,

ihre Lippen bewegten sich, der Mann nickte zustimmend, sie wandten sich

alle drei, und der Vorhang fiel wieder hinter ihnen zusammen.

Gisela riß ihr Glas vom Tisch und schleuderte es mit einem harten

Auflachen nach der Tür. Giesbert und Krafft packten sie sofort an den

Handgelenken. Sie wehrte sich, wollte sich freimachen, ließ schließlich

den Kopf auf die Brust hängen und brach in ein lautes haltloses,

hysterisches Weinen aus.

Die andern Leute, so sehr sie auch mit sich beschäftigt waren, wurden

aufmerksam.

Mette fing an, am ganzen Körper zu zittern.

„Fort,“ sagte sie halblaut, „nur fort, nur fort, nur fort.“

Sie hatte das Gefühl, als ob sie im nächsten Augenblick in das

schreiende Weinen einstimmen müßte, oder sich auf den Boden werfen, oder

den Tisch umstoßen und mit den Füßen in die Gläser und Flaschen treten.

Sie war froh, als sie endlich auf der Straße standen, in einer kühlen,

blauen Morgendämmerung, noch froher, als sie ein Auto fanden, das sie

alle aufnahm.

Die Luft gab ihr die Besinnung wieder. Ihr war übel und sterbenselend.

Sie beschwor die anderen auf den Treppen, auf den Gängen, keinen

unnötigen Lärm zu machen. Je mehr sie bat, desto übermütiger wurden sie.

Kramer hatte jeden Halt verloren; er wollte durchaus bei Frau Meidinger

anklopfen und sie ersuchen, ihm ein schönes Mädchen zur Verfügung zu

stellen.

„Es ist ihre Pflicht,“ lallte er, „sie ist die Mutter von diesem

sogenannten Etablissement hier. Sie kann es mir ruhig auf die Rechnung

setzen, sie setzt einem ja so alles auf die Rechnung.“

Als Mette ihre Tür aufschloß, wollte Giesbert sich mit hineindrängen.

Sie stieß ihn zurück, aber er packte sie, und in der offenen Tür

entspann sich ein Ringen, bei dem Giesbert Mette an sich riß und ihr

Gesicht und Hals mit wütenden Küssen bedeckte.

Plötzlich tat sich die Nebentür geräuschvoll auf, und Luise Peters stand

auf dem Gang, in einem seltsamen großkarrierten Morgenrock und einer

Nachtfrisur, zwei langen, glattgeflochtenen Zöpfen, und verlangte

energisch Ruhe.

Die kleine Luigi fand ihren unerwarteten Anblick so komisch, daß sie

sich bog und schüttelte und mit ausgestrecktem Finger auf sie zeigte.

Mette benutzte Giesberts überraschtes Herumfahren, um in ihr Zimmer zu

schlüpfen, die Tür zuzuschlagen und abzuriegeln.

Sie taumelte gegen den Schrank, an dem sie sich festhielt, an allen

Gliedern zitternd. Eine brennende Scham fraß an ihr, zernagte sie

innerlich, höhlte sie aus.

Sie krümmte sich und konnte doch den unablässigen, bohrenden Schmerzen

nicht entgehen. Sie wünschte sich fort und wußte doch, daß sie nicht den

Mut und die Kraft hatte, einen Handkoffer zu packen. Sie mußte fort

sein, wenigstens aus dem Haus, eh’ der Morgen kam. Es war undenkbar, daß

sie je wieder das gemeinsame Speisezimmer betrat. Undenkbar, daß sie

abwartete, bis Frau Meidinger ihr kündigte, weil sie solche Elemente

nicht in ihrem Haus dulden wollte.

Sie verspürte Grauen und Ekel vor sich selber. Dazu kam das körperliche

Übelbefinden, Schwindel, Müdigkeit, Herzschlagen, die gallige

Bitterkeit, mit der das Kokain ihr im Rachen brannte ...

Sie fühlte, daß ein Entschluß gefaßt werden mußte, und sie wußte nicht,

welcher.

Ihre Gedanken suchten in fiebernder Angst nach einem Halt, an den sie

sich klammern konnten. Sie suchten nach einem Menschen, dem sie beichten

konnte, und der die Macht hatte, loszusprechen. Sie suchten nach einem

Menschen, der sie vor sich selbst in Schutz nahm, vor dem sie knien

könnte, in dessen Schoß sie das Gesicht verbergen könnte, und der

gütige, starke Hände auf ihren Kopf legte.

‚Mutter,‘ schrie es in ihr, ‚Mutter!‘

Ihre Gedanken drängten zu Sophie – sie wehrte ihnen. In dem friedevollen

kleinen Haus, das ihr immer so tröstlich Zuflucht geboten hatte, war sie

zum Störenfried geworden. Nicht durch eigene Schuld, dachte sie bitter.

Olga – nur bei Olga war Rettung. Sie wollte den Revolver an die Stirn

drücken und wollte denken, es wären Olgas kühle feste Hände.

Und Olgas Hände würden alles Peinigende auswischen – auslöschen – Scham

und Reue und Ekel und Gram und hoffnungslose Verzweiflung. In der

nächsten Sekunde schon konnte das alles ausgelöscht sein.

Und wenn sie morgen tot war, war alles erklärt. Die kleine Luigi würde

es nicht verstehen. Sie würde immer dabei bleiben: sie war doch so

lustig gestern.

Aber Cora von Gjellerström würde es erfahren. Und sie würde sich der

heutigen Nacht erinnern – sie hatte Mette wohl gesehen, oh, Mette fühlte

noch ihren Blick – und sie würde ein wenig fröstelnd die Schultern

zusammenziehen bei dem Gedanken, daß sie eine Sterbende gesehen hatte.

Und Luise Peters würde sagen: das arme Kind, sie hat sich Mut

angetrunken.

Sophie würde sehr erschrecken – vielleicht auch sich grämen. Aber was

ging das Metten an! Sophie hatte sich ja auch nicht darum gekümmert, was

aus Mette wurde. Und sie hatte ja Nora ...

Es mußte schnell geschehen, eh’ jemand im Haus wach wurde. In zwanzig

Sekunden konnte es vorüber sein – alles vorüber ...

In dem Augenblick, als sie den Revolver aus dem Kasten hob, klopfte es

an die Tür.

Mette stand reglos und hielt den Atem an. Vielleicht sollte sie es jetzt

tun, gerade, schnell, gehetzt von dem ungeduldigen Klopfen.

Dann war es vorbei – dann sollte der, der da klopfte, ihretwegen die Tür

eintreten.

Ob es einen lauten Knall gab? Sie selber würde wohl nichts mehr davon

hören ... hoffentlich nicht – obgleich das Ohr von allen Sinnen am

längsten in Funktion bleiben sollte ... ach, vielleicht ging es gar

nicht so schnell – vielleicht hörte sie noch das Tür-Aufbrechen und

Gekreisch und Gejammer.

„Bitte, machen Sie auf!“ rief draußen eine ebenso flehende als fordernde

Stimme, „bitte, Fräulein Rudloff, machen Sie einen Augenblick auf.“

Das war nicht Giesbert, oder Mara Luigi, oder eins von den Mädchen. Das

war Luise Peters.

Vielleicht war sie krank und brauchte einen Menschen. Sie würde wohl

schwerlich in der Nacht an der Tür rütteln, um Mette eine Moralpredigt

zu halten.

Mette warf den Revolver achtlos in den offenen Kasten zurück und öffnete

die Tür.

Luise Peters drängte sich ins Zimmer. Breit und robust stand sie da, ein

wenig lächerlich in ihrem großkarrierten Morgenrock, trotz ihrem

angstblassen Gesicht.

Ihr rascher, wacher Blick traf den offenen Nachttischkasten und den

Kolben des Revolvers, der kaum sichtbar daraus hervorragte.

Aber sie verriet sich mit keiner Miene.

„Ich wollte Sie um Entschuldigung bitten, mein kleines Fräulein,“ sagte

sie mit gutmütigem Lächeln, „ich habe mich vorhin beschwert, weil ich

dachte, Sie kämen sehr lustig nach Hause. Aber ich merkte dann gleich,

daß Ihnen nicht gut war. Sie müssen sich gleich hinlegen – aber Sie

können ja kaum auf den Füßen stehen – darf ich Ihnen nicht behilflich

sein? Sie können es mir gern erlauben, ich versteh’ etwas von

Krankenpflege ...“

Während sie sprach, nahm sie Mette den Hut von dem wirren Haar. Sie

knöpfte ihr das Kleid auf. Sie hielt sie dabei wie eine Puppe immer in

einem ihrer starken Arme und drehte sie hin und her. Sie zog ihr die

drückenden Haarnadeln aus dem gelockerten Knoten.

Mette spürte plötzlich die warme Nähe eines Menschen, sie spürte die

guten, starken, sorgenden Hände – es war, als ob eiternde Wunden in ihr

aufbrächen und warmes Blut alle Schmerzen wegschwemmte – sie fing an zu

weinen, ein unstillbares, sanftes, erlösendes, qual-fortspülendes

Weinen.

„Ich bin noch zu klein,“ sagte sie unter strömenden Tränen, „Sie werden

denken, ich bin betrunken – aber es ist mein voller Ernst: um so

entsetzlich allein durch die Welt zu laufen, bin ich noch viel zu

klein!“ – – –

* * * * *

Drei Tage lang hielt Luise Peters Metten in einer sanften

Gefangenschaft. Sie ließ sie keine Minute allein, bestellte ihr das

Essen aufs Zimmer und wies jeden Besucher mit der Begründung ab, daß

Mette krank sei.

Metten war es ganz recht so. Sie selbst hätte die Kraft zu dieser Lüge

nicht gefunden, und doch fühlte sie die Notwendigkeit, sich von all den

Menschen, mit denen sie das letzte Jahr gelebt hatte, auf

Nimmerwiedersehen zu lösen.

Am ersten Tag versuchte Luise Peters Metten zu überzeugen – was nicht

schwer war – daß sie einen ganz unpassenden Verkehr unterhielte und am

besten täte, der Stadt und all ihren sogenannten Freunden den Rücken zu

kehren.

Am dritten – vormittags – erzählte sie Mette viel von ihrer Heimatstadt

– von der weitberühmten Sauberkeit, nach der sie sich immer zurücksehne,

von den Menschen, die für steif und förmlich galten, weil sie das Herz

nicht auf der Zunge trügen – die aber ehrlich wären und trotzig und treu

– und von ihrer kleinen schönen Stiefschwester Gwendolen, die in Mettes

Alter wäre, aber noch ein Kind – das vom ganzen Hause sorglich behütete

Nestküken. Das wäre eher ein passender Umgang für die arme kleine feine

Mette, als diese greulichen Weiber hier ...

Am Nachmittag half sie Mette die Koffer packen. Mette wollte fort – nach

der reinlichen Stadt, wo die flinken weißen Schiffchen das blaue Wasser

kreuzten.

Mette war sehr gerührt von all der Güte, und fast noch mehr von dem

Vertrauen.

Sie lächelte – ein schweres und wissendes Lächeln – als Luise Peters sie

zum Abschied in die Arme nahm und mit tränennassen Augen auf beide

Wangen küßte.

‚Im Grunde bin ich doch zehn Jahre älter als sie,‘ dachte sie traurig,

‚denn ich weiß, wovon sie Gott sei Dank keine Ahnung hat: daß sie

verliebt in mich ist! Weil sie ein wenig von der Veranlagung der

greulichen Weiber hat – sie würde es sich selbst nie eingestehen.

Vielleicht würde sie sich erschießen, wenn sie es sich zugeben müßte.

Gott gebe, daß es ihr niemals zum Bewußtsein kommt.‘

Der einzige, dem Mette noch einmal die Hand geben wollte, war Eccarius.

In seinem Gesicht stand viel Anteilnahme. Vielleicht hatte Luise Peters

ihm mehr erzählt, als sie sich Metten gegenüber den Anschein gab, zu

wissen.

„Sie sind mir noch ein Wort schuldig,“ sagte Mette mit einem mühsamen

Lächeln, „ich habe öfter in schlaflosen Nächten darüber gegrübelt und

wollte Sie fragen – dann hab’ ich’s immer wieder vergessen. Wissen Sie

noch – als wir einmal zu Frau von Hersfeld hinaus pilgerten ...“ eine

plötzliche Scheu hielt sie ab, Sophiens Namen auszusprechen, „da sagte

ich, es soll mein Wahlspruch sein: das Leben lieben und den Tod nicht

fürchten. Sie wollten aber den Satz nur umgekehrt gelten lassen ...“

„Ja,“ Eccarius nickte ernsthaft. „Den Tod lieben und das Leben nicht

fürchten! Oder in andern Worten – und das ist der Spruch, der über

_meinem_ Leben steht – ein guter Spruch, um ihn auf eine weite Reise

mitzugeben: Niemand darf sterben, ehe er den Tod nicht lieb gewann!“

Irgendwohin

führen die weißen Wege hinaus.

Irgendwo bin

ich auf der Erde doch auch zu Haus.

Mette saß auf der Terrasse mit den älteren Damen, mit Frau Konsul

Peters, mit Frau Senator Börgessen, mit Frau Generaldirektor Wietinghoff

und mit der jungen Frau Vandahl, die ihres Zustandes wegen ein wenig

schwerfällig war und lieber still im Korbsessel saß, als sich mit der

„Jugend“ im Garten zu vergnügen.

Die Damen hatten fast alle eine Handarbeit zwischen den Fingern und

arbeiteten mit mehr oder weniger Aufmerksamkeit. Das Gespräch floß dabei

sanft und ruhig fort, ohne Hast, aber auch ohne Stockung.

Mette sah auf den weißen Netzgrund, durch den sie unermüdlich, aber ohne

Eile, die Nadel hin- und herführte und freute sich im Stillen, daß sie

die Unterhaltung nicht in Gang zu halten brauchte. Sie durfte die Augen

auf ihre Arbeit gesenkt halten und brauchte nur aufzusehen und zu reden,

wenn sie gefragt wurde. Sie wirkte dadurch bescheiden und

jungmädchenhaft, und niemand ahnte, wie herrlich bequem sie das fand.

Sie hatte in den letzten Monaten mehr als ein dutzendmal auf dieser

Terrasse gesessen, aber an diesem Tage empfand sie zum erstenmal die

Schönheit des Gartens, die ruhigen Stimmen neben ihr, die hellen Rufe

vom Tennisplatz, alles, Farben, Düfte, Klänge mit einem unendlichen

Wohlbehagen, mit einer dankbar genießenden Freude.

Wochen und Wochen hatte sie in einem heimlichen Zittern gelebt, wie ein

Verbrecher auf der Flucht. Hundertmal hatte sie geglaubt, Gisela vor

sich zu sehen oder ihre Stimme zu hören, hundertmal, wenn sie einen

Brief von Luise Peters aufriß, erwartete sie die Nachricht, daß Gisela

Werkenthin ein entsetzliches Ende gefunden, hundertmal hatte ihr das

Herz schon so gewaltsam geschlagen, daß sie mühsam nach Atem ringen

mußte – hundertmal war Angst und Erschrecken umsonst gewesen.

Sie hatte sich oft vorgebetet, daß sie einen Skandal nicht zu fürchten

brauche, weil ihr an der Meinung und Gunst der Leute nichts gelegen sei.

Und doch hatte sie Momente, in denen sie sich eingestehen mußte, daß es

weniger gräßlich wäre, die Nachricht von Giselas Tode zu empfangen, als

sie plötzlich auftauchen zu sehen – hier zum Beispiel, auf der Terrasse

des Peters’schen Hauses – und irgendeiner aufregenden Szene beizuwohnen

– einer geschmacklosen Szene, zu deren Mittelpunkt sie wider ihren

Willen selbst gemacht wurde. Sie konnte sich eine solche Szene mit Rede

und Gegenrede bis ins kleinste ausmalen, so daß sie blaß und rot wurde,

und das Blut ihr in allen Pulsen hämmerte.

Und mehr als einmal faßte sie den Vorsatz, eine erstaunt-beleidigte

Haltung nicht zu verlieren, ein verständnisloses Lächeln festzuhalten –

wenn sie die Sicherheit fand, jede Bekanntschaft zu leugnen, dann

konnte, dann mußte man Gisela Werkenthin für eine Wahnsinnige halten und

sie durch die Diener hinausschaffen lassen.

In schlaflosen Nächten lebte Mette das wieder und wieder durch.

Sie sah Giselas Gesicht, so unbeherrscht, so verzerrt von Haß und

Schmerz und Rachsucht, wie in dem Augenblick, da sie Cora von

Gjellerström ihr Glas nachschleuderte.

Und sie hörte sich selbst mit sehr klarer und ruhiger Stimme sagen: ‚Es

tut mir so entsetzlich leid, gnädige Frau, daß ich die unschuldige

Veranlassung zu einem solchen Auftritt in Ihrem Hause bin. Aber ich kann

Ihnen nur versichern, daß ich diese ... Dame nie in meinem Leben gesehen

habe.‘

Es würde sich ganz gut machen, vor dem Wort „Dame“ eine kleine Pause zu

machen, viel besser, als etwa „Person“ zu sagen.

Vielleicht wäre es noch klüger, ganz sanft auf Gisela zuzugehen und in

einem Krankenschwesternton zu fragen: „Wollen Sie mir nicht sagen, woher

Sie mich kennen? Woher wissen Sie meinen Namen? Ich kenne Sie,

natürlich, aber ich kann mich im Augenblick nicht besinnen – wollen Sie

mir nicht helfen? Sind wir vielleicht zusammen in die Schule gegangen?“

Oder würde es nicht am Ende den günstigsten Eindruck hervorrufen, wenn

sie die Erschrockene spielte, wenn sie zitternd hinter einen Stuhl

flüchtete, oder sich schutzsuchend an eine der Damen klammerte: „Helfen

Sie mir nur! Was will sie denn von mir? Verstehen Sie, was sie von mir

will? Kennen Sie sie denn? Wissen Sie, wer das ist?“

Ja, vielleicht wäre das das natürlichste für ein wohlerzogenes und etwas

schüchternes junges Mädchen, wenn es von einer Geisteskranken angefallen

oder belästigt würde ...

Sie würde lügen, lügen bis aufs äußerste – obgleich ihr weder an der

Meinung von Frau Konsul Peters, noch an der Meinung von Frau Senator

Börgessen so sehr viel gelegen war. Aber sie wollte Ruhe haben, sie

wollte ganz eingehüllt sein in einen undurchdringlichen Mantel von

Wohlanständigkeit und hergebrachter Sitte, sie wollte nicht wieder am

Pranger stehen und sich das Hemd von den Schultern reißen lassen, kein

verächtlicher Blick sollte sie mehr treffen dürfen – ihre Haut war

empfindlich geworden, so übermäßig empfindlich – und ein Blick, in dem

nicht Wohlwollen und Freundlichkeit lag, tat ihr schon weh.

Oh, wie gut sie Olga Radó jetzt begriff, die sie verleugnet hatte, so

erbarmungslos verleugnet und preisgegeben. Die war schon müde gehetzt

gewesen, und ihre Haut war verbrannt gewesen von den vielen

verächtlichen Blicken – sie konnte keinen Blick mehr ertragen und wollte

es nicht. Sie fürchtete sich vor Blicken – fürchtete sich bis zur

kleinlichen Feigheit.

Aber vor dem geladenen Revolver fürchtete sie sich nicht ...

Jetzt war Mette ebenso weit.

Bereit, lieber zu sterben, als Verachtung zu erdulden.

Und bereit, zu lügen, mit ruhiger Stirn, mit klarer Stimme, mit kaltem

Blut zu lügen, nicht um Vorteil, nicht einmal um Achtung – nur aus

Scham, aus tiefster, abgründigster Scham – nur um sich den deckenden

Mantel nicht von der nackten Seele zerren zu lassen.

Nur daß Mette Rudloff Gisela Werkenthin nie geliebt hatte ...

Aber manchmal war ihr, als wäre sie jetzt fähig, auch ihre größte und

heiligste Liebe zu verleugnen.

Das war, wenn sie vor den Möbius-Mädeln zitterte.

Konnte es nicht sein, daß sie plötzlich Fannis und Emmis rotblonde Köpfe

hier irgendwo auftauchen sah? Konnte sie nicht ganz unvorbereitet einer

von den beiden gegenüberstehen?

Ja, dann konnte sie sich nicht damit helfen, daß sie sie für wahnsinnig

erklärte. An dem gesunden Menschenverstand der Möbius-Mädel würde

niemand zweifeln. Und hier schon ganz gewiß niemand ...

Aber was konnten die ihr schon nachweisen! Und immer konnte Mette jedem

Angriff durch einen Gegenangriff begegnen. Im Hause Möbius hatte Mette

Olga Radó kennen gelernt – ihre „Cousine“ hatten die Mädel sie mit Stolz

genannt. Sie brauchte ja nur bei ihnen sich nach ihrer „Verwandten“ zu

erkundigen und erstaunt zu fragen, ob es denn wahr wäre, daß Olga Radó

tot wäre? Ob sie wirklich sich erschossen hätte?

Nur weinen dürfte sie dabei nicht ...

Und wenn Mette nur daran dachte, daß sie nicht weinen dürfte, dann

stürzten ihr die Tränen stromweis über’s Gesicht.

Aber jetzt fing sie allmählich an, ruhiger zu werden. Sie dachte nicht

mehr oft an die Möglichkeit irgendwelcher Begegnungen. Mitunter

erschienen ihr auch die letzten Jahre ein wenig unwirklich, verschwommen

und fast bedeutungslos.

Die Erinnerung an Olga blieb. Aber am stärksten war jetzt die Erinnerung

an die erste Zeit ihrer Freundschaft, an die reine Anbetung, die Mette

da empfunden hatte, an Olgas geistige Überlegenheit, ihre vollendeten

Manieren, die bestrickende Vornehmheit ihrer Erscheinung und ihres

Auftretens. Mette dachte seltener an ihre herzverbrennenden

Zärtlichkeiten, seltener an die Qual des Abschieds, der nicht einmal ein

Abschied zu nennen war – seltener an ihren Tod.

Es war ihr manchmal ein schmerzliches und rührendes Vergnügen, sich

auszumalen, daß Olga noch lebte und plötzlich in diesen Kreis einträte.

Sie würde unter diesen eleganten, sicheren, gewandten Frauen die

eleganteste, sicherste, gewandteste sein – und wenn sie wollte, würde

sie es fertig bringen, in einer halben Stunde diese ganze kühle,

zurückhaltende und selbstbewußte Gesellschaft zu heller Begeisterung

hinzureißen.

Aber je klarer das Bild der lebenden Olga vor ihr aufstand, um so mehr

verblaßte die Erinnerung an die letzten Monate. Mitunter schien ihr das

ganze wie der Wirbel einer Karnevalsnacht, und sie war der Überzeugung,

daß niemand ein Recht hatte, aus dieser Zeit eine Vertraulichkeit

herzuleiten – ebensowenig etwa, wie man eine Dame bei nüchternem

Tageslicht daran erinnern darf, daß man sie auf dem Faschingsball unter

der Larve küßte.

Mette hatte die Larve und den Maskenflitter abgelegt, sie war wieder

Melitta Rudloff, und es wäre taktlos gewesen, auf irgendwelche

flüchtigen, halbvergessenen Beziehungen anzuspielen.

So sehr war sie Melitta Rudloff, daß sie manchmal Umschau hielt, ob sie

nicht jemand ihres Namens wüßte, dem sie sich anschließen, oder den sie

zu sich rufen könnte.

So müde war sie der jungen Freiheit.

Oder vielleicht der Gebundenheit.

Denn wenn sie irgendeine ältere Verwandte bei sich gehabt hätte, so

hätte sie sich eine Wohnung nehmen und viel mehr nach ihrem Geschmack

leben können.

Aber so war es ihr natürlich verboten, allein zu wohnen, ebenso wie sie

nicht in einem Hotel absteigen durfte, und ihr von Pensionen,

Kaffeehäusern, Restaurants und Theatern, ja selbst Straßen nur eine ganz

beschränkte Auswahl erlaubt war.

Manchmal war es ihr lächerlich vorgekommen, wenn man ihr ganz

erschrocken sagte: „O Gott nein, da dürfen Sie nicht hin – man sieht,

daß Sie hier fremd sind!“

Aber sie hatte sich immer gefügt.

Sie wußte zu gut, daß sie selber Maß und Urteil verloren hatte. Sie

hatte eine Zeitlang in trotzigem Selbstgefühl gedacht, daß sie alt und

gefestigt genug sei, um sich ohne Schaden jeden Umgang, jedes Buch, jede

Art des Lebens erlauben zu können. Sie hatte dann erfahren, daß sie

nicht schwimmen konnte in dem trüben strudelnden Wasser, in das sie

kopfüber hineingesprungen. Dicht am Ertrinken hatte ihr Stolz sie

verlassen, und sie hatte sich willenlos und dankbar von einer festen

Hand herausziehen lassen.

Nun hatte sie keine Sicherheit mehr. Sie hatte geglaubt, sich ohne

Gefahr ins Meer stürzen zu können – und war jetzt froh, wenn eine

kundige Hand ihr das Badewasser bereitete.

Sie geriet manchmal in eine leise Verlegenheit, wenn ein erstaunter

Blick sie traf, weil es sich herausstellte, daß sie ein Buch gelesen,

ein Theaterstück gesehen hatte, was sonst jungen Mädchen „ihrer Kreise“

streng verboten war.

Sie mußte manchmal einen burschikosen Ausdruck hinunterschlucken, der

ihr in den letzten Monaten so geläufig geworden war, daß sie nichts

Unpassendes mehr dabei finden konnte.

Manchmal dachte sie fast mit Dankbarkeit an Tante Emilie. Wenigstens

hatte sie gelernt, wie man Messer und Gabel zu halten hatte – es wäre

schlimm gewesen, wenn sie auch auf solche Dinge noch hätte achten, auch

da noch irgendeinen Verstoß hätte fürchten müssen. Aber was die äußere

Form betraf, war die „gute Erziehung“ ihr in Fleisch und Blut

übergegangen.

Es konnte vorkommen – wenn es ihr zweifelhaft war, ob ein Mädchen aus

guter Familie allein in die Oper gehen, oder sich von einem Bekannten,

den sie am Vormittag in der Stadt traf, in eine Konditorei zu einem

Stück Torte einladen lassen durfte – es konnte vorkommen, daß sie sich

in solchen schwierigen Fällen blitzschnell überlegte: was würde Tante

Emilie dazu sagen? Und da Tante Emilie so ziemlich alles für

unschicklich, verwerflich und sittenlos erklärte, so konnte Mette sicher

sein, auch in den Augen der strengsten Richterin einen wohlgefälligen

Wandel zu führen.

Sie hatte wahrhaftig schon erwogen, ob es nicht das vernünftigste wäre,

Tante Emilie kommen zu lassen. Dann hätte sie das unfehlbare Orakel in

Schicklichkeitsfragen gleich zur Hand – sie könnte eine Wohnung mieten,

die Möbel kommen lassen, ein Heim haben, Besuch empfangen, kleine

Gesellschaften geben – ach, und zu Streitigkeiten irgendwelcher Art lag

ja kein Anlaß vor.

Selbst Tante Emilie konnte gegen diesen Verkehr nichts einzuwenden

haben.

Mette war zahm geworden – es war etwas anderes, ob man die Welt, die

blühende, lachende Welt, immer nur durch das Gitter des Käfigs sah und

sich Kopf und Flügel an den Stäben zerstieß, um nur einmal aufzufliegen

... oder ob man abends müde geflogen, ein bißchen zerkratzt und

zerrupft, freiwillig in das behagliche Bauer zurückschlüpfte, um

geborgen zu sein.

Schließlich, die Tür blieb ja immer offen. Mette war mündig.

Und plötzlich fiel ihr dann wieder ein, daß sie es um kurze Monate zu

spät geworden war. Daß Olga Radó noch leben könnte, mit ihr leben, frei

von allen Sorgen und Schulden und Ängsten, in einem schönen behaglichen

Heim, wie sie es sich gewünscht hatte, daß sie leben könnte und

glücklich sein, daß ihr Lachen noch auf der Welt wäre, und ihre

glockentönige Stimme, und ihr schönes, stolzes Gesicht und ihre

zärtlichen kraftvollen Hände – daß das alles nicht vernichtet zu sein

brauchte, zerstört, weggeweht, ausgelöscht – wenn Tante Emilie nicht

gewesen wäre.

Und dann schlug der Haß wieder wie rote Flammen in ihr hoch ...

Die Stimmen vom Tennisplatz kamen näher. Die weißen Kleider schimmerten

durch das schwarzrote Laub der Blutbuchen und das goldfarbene des

Ahorns. Jetzt bogen die ersten um die Ecke und schritten um das

Rosenrondell herum auf die Terrasse zu: Gwendolen und Fred Wietinghoff.

Frau Konsul Peters lächelte ihrer schönen Tochter entgegen. Dies Lächeln

zeigt noch mehr von den langen vorstehenden, etwas auseinandergerückten

Zähnen, die, mit Plomben aller Art versehen, mit weißen Porzellanflecken

geziert, mit haarfeinen Goldleisten umgeben, dieselbe Farbe hatten, wie

die großen mattgrauschimmernden Perlen in den schöngeformten Ohren, und

den Eindruck von unendlich zerbrechlichen und kostbaren Wesen machten,

die um jeden Preis und mit zartester Sorgfalt erhalten werden mußten.

Mit andern Zähnen wäre das regelmäßige, etwas welke und hochmütige

Gesicht – das unverändert, der wechselnden Mode zum Trotz, von

hochstehendem, sorgsam gewellten und sorgsam unter ein Netz gebrachtem

dunkelblonden Haar umgeben war, – fast schön zu nennen gewesen.

Sie lächelte stolz und wohlgefällig. Und sie war dazu berechtigt.

Mette war von neuem entzückt, wie Gwendolen die schmalen Füße mit den

federnden Gelenken schön und sicher setzte, wie die schlanken, festen

Formen sich unter dem weißen Kleid zeichneten, wie das lockige Haar in

der Sonne gleißte und flirrte.

Mettes Herz war voll lichter Freude bei diesem Anblick – aber es schlug

nicht um einen Schlag schneller.

Ihr Herz war ebenso froh, wenn sie Fred Wietinghoff sah, der neben

Gwendolen ging, viel größer als sie, breit in den Schultern, schmal in

den Hüften, alle Konturen der Muskeln zeigend unter dem seidenen Hemd.

Wenn er so kam, sah er aus wie ein Zwanzigjähriger. Aber wenn das Licht

ihm ins Gesicht fiel, sah man auf der klaren, goldbraunen Haut scharf

eingeritzte Fältchen um Mund und Augen, und in dem glatten metallblonden

Haar ein paar weiße Fäden an den Schläfen.

Aber sie freute sich auch, wenn sie Vandahl sah, der schon von weitem

die aufleuchtenden Augen seiner jungen Frau suchte und ihr grüßend

zuwinkte.

Und sie freute sich, wenn sie dann hinter den andern Heinrich von

Rantzau und den jungen Lucius auftauchen sah, so eifrig in ein Gespräch

vertieft, das der Jüngere mit weitausholenden Gesten begleitete, als

gingen sie irgendwo über einsames Feld, und nicht auf eine Gesellschaft

von Leuten zu, die sie erwartete und beobachtete.

„Kinder, ich verdurste!“ Das war Gwendolens erstes Wort, während sie die

letzten Stufen der Terrasse im Sprung nahm.

Sie lief auf den Teewagen zu, der hinter Mette stand, und goß

Himbeersaft und eisgekühltes Wasser in ein geschliffenes Glas.

Fred Wietinghoff nahm ihr mit großer Ruhe das Glas aus der Hand, als sie

es zum Munde führen wollte und trank es aus.

„Was heißt das?“ fragte sie verdutzt und empört.

„Ich opfere mich mal wieder für Sie,“ sagte er mit unerschütterlichem

Gleichmut, „ich habe Sie eben vor einer Lungenentzündung bewahrt. Bitte,

wenn Sie Durst haben, trinken Sie Tee. Darf ich Ihnen eine Tasse

zurechtmachen?“

„Ich will Wasser trinken!“ Gwendolen stampfte ungeduldig mit dem Fuß,

„geben Sie mir die Karaffe, ich verdurste!“

„Sie verdursten noch lange nicht,“ gab Wietinghoff zurück, „Sie haben

ein ganz – klein – wenig Durst. Da Sie aber noch nie in Ihrem Leben

Durst gelitten haben, so haben Sie gar keine Vergleichsmöglichkeiten.

Trinken Sie eine Tasse lauwarmen Tee, das wird Ihnen sehr gut tun.“

„Ich mag aber keinen lauwarmen Tee,“ sagte Gwendolen zwischen Lachen und

Ärger. „Ich trinke im Winter heißen Tee und im Sommer kaltes Wasser. Ich

will Wasser trinken, und wenn ich eine Lungenentzündung kriege, geht es

Sie auch nichts an.“

„Ach Gott,“ machte Wietinghoff bedauernd, „die kleine Siebzehnjährige!

So jung sind Sie gar nicht mehr, daß Sie sich damit ‚nüdlich‘ machen

könnten. Sie denken sich das wohl sehr romantisch, wenn Sie, erhitzt vom

Spiel, in jugendlicher Unbesonnenheit ein Glas eiskaltes Wasser

herunterstürzen und dann in der Blüte Ihrer Jahre durch eine

Lungenentzündung dahingerafft werden.“ Er saß auf der Lehne eines

Korbsessels und schaukelte den einen Fuß im absatzlosen weißen Schuh in

der Luft: „Lungenentzündung ist eine gräßliche Schleim- und

Spuckangelegenheit – nicht ein bißchen poetisch. Es gibt überhaupt keine

poetische Krankheit,“ er reckte sich ein wenig in den Schultern, „nur

Gesundheit ist poetisch – aber von einem Säbelhieb bis zum Nervenfieber

ist alles prosaisch und ekelhaft und meist mit schlechten Gerüchen

verbunden.“

„Oh, Fred, Sie sind widerlich,“ sie drehte ihm den Rücken, „Sie sind

absolut nicht salonfähig – ich werde es Ihrer Mutter erzählen.“

„Och, die denkt, Sie verleumden mich!“ er lächelte behaglich und etwas

boshaft, „die weiß auch, daß Sie mich nicht leiden können.“ – – –

* * * * *

Vandahl hatte sich einen Hocker dicht neben den Stuhl seiner jungen Frau

gerückt. Mette sah, wie seine großen, gutgeformten Hände verstohlen die

Falten ihres Kleides streichelten.

Aus ihren sanften braunen Augen floß fortwährend ein leuchtender Strom

von Zärtlichkeit über ihn hin.

Mette hatte ein wenig Angst um sie. Sie sah so glücklich aus, und sie

liebte ihren Mann anscheinend so abgöttisch und wurde ebenso abgöttisch

wieder geliebt. Wenn sie nur ihre schwere Stunde erst gut überstanden

hätte! Der Wunsch brannte in Mettes Herzen wie ein stilles Gebet.

Rantzau und Lucius standen gegen die steinerne Brüstung gelehnt. Mette

hörte nur abgerissene Bruchstücke ihres Gesprächs, wenn die andern

schwiegen:

„Warum nicht? Die Elektronen, die als sogenannte Kathodenstrahlen

abgeschleudert werden, haben eine Geschwindigkeit von zirka einer

Viertel Million Kilometersekunden.“

Das war Rantzaus tiefe, ruhige, klangvolle Stimme.

Gwendolen setzte sich auf Mettes Stuhllehne und legte den Arm um ihre

Schulter.

„Schützen Sie mich, Mette,“ sagte sie, „alle Menschen ärgern mich und

sind scheußlich zu mir. Sie sind der einzige Mensch hier, den ich

wirklich lieb habe!“

„Oh, Gwen,“ Mette sah lächelnd zu ihr auf. „Es ist gut, daß Sie heute

Abend über keine Brücke mehr gehen.“

Gwendolen machte ein ernstes Gesicht:

„Ich werde einmal jemand umbringen,“ sagte sie, als erzähle sie Märchen,

„und werde die Leiche im Keller verscharren und alles wertvolle stehlen

und im Wald vergraben. Dann werde ich irgendwohin gehen – aufs Gericht,

oder auf die Polizei oder zum Senat und werde alles erzählen. Und dann

werden die Leute lachen, oder sie werden mich bedauern und werden sagen:

‚Das arme Kind! Sie hat Fieber, sie phantasiert – das ist Konsul Peters

seine Kleine. Krischan, nehmen Sie ein Auto, bringen Sie die lütt’ Deern

tu Hus, die Mudder schall se in’t Bett packen, se kriegt die Masern.‘

Und dann bringt mich der Gerichtsdiener oder der Wachtmeister nach

Hause, damit mir ja unterwegs kein Malheur passiert ... oh, Mette, haben

Sie von den Mürbekuchen gegessen? Die macht Deuli immer so großartig!

Dafür lohnt es sich direkt, zu leben. Aber ich habe noch nie genug davon

gekriegt. Ich hab’ mir ausbedungen: wenn ich einmal heirate, will ich

als Hochzeitsgeschenk von ihr eine Badewanne voll Mürbekuchen haben. Und

an meinem Hochzeitstag esse ich von morgens bis abends Mürbekuchen.

Essen Sie doch, Mette – ich glaube wirklich, Sie leben von Luft und

Liebe.“

„Von Luft vielleicht,“ sagte Wietinghoff sachlich, „soweit ich Ihren

Konsum an dem andern eben genannten Volksnahrungsmittel beurteilen kann,

würde ich bei Ihrem Jahresquantum nicht eine Woche bestehen.“

Mette gab sich Mühe, seine Worte nicht zu verstehen.

„Ich möchte von Luft leben,“ sie sog die Luft ein, die über den Garten

herüberwehte. Trotz des Rosenduftes war sie stark und herbe, und

schmeckte ein wenig nach Meer. „Von viel frischer, reiner Luft!“

Mette wartete – schon im Abendkleid – in Gwendolens weißem Zimmer. Sie

waren zu einer Tanzgesellschaft geladen, die ziemlich früh ihren Anfang

nahm, und Mette sollte im Petersschen Wagen mitfahren – aber Gwendolen

hätte um nichts in der Welt ein Rennen versäumt und war noch nicht

zurück.

Mette wartete. Es war warm und still und fing an zu dämmern. Das Zimmer

war geheizt, aber das Fenster stand offen. Das gab zusammen den Eindruck

eines Sommerabends, mehr als den eines Herbstnachmittags.

Mette dachte an den Abend mit einer Freude, die ihr selbst als kindlich

erschien. Es war so nett, sich hübsch angezogen in hübschen Räumen zu

bewegen, viele Bekannte zu treffen, zu plaudern, zu tanzen und sich ein

klein wenig den Hof machen zu lassen. Manchmal dachte sie wie mit einem

plötzlichen Aufdämmern des Bewußtseins: ‚Wie lange kann das dauern? Dies

plätschernde Treiben kann doch nicht ein Leben ausfüllen? Wann wird der

Tag kommen, da mir all dies schal und widerwärtig ist?‘

Aber sie verscheuchte diese Gedanken, wie man halb im Schlaf versucht,

das Erwachen zu verscheuchen und einen sanften Traum festzuhalten.

Endlich rollten draußen Räder, und eine Minute später war das ganze Haus

voll Leben und Bewegung: Klingeln riefen, das Haustelephon schnarrte,

Türen gingen, Schritte wurden laut, unten, oben, auf der Treppe.

Gwendolen riß die Tür auf und stürmte ins Zimmer. Sie hatte für

gewöhnlich sehr lebhafte Bewegungen und pflegte öfter zu laufen, zu

hüpfen, zu springen, als zu gehen. Das alte Kinderfräulein mit ergrauten

Scheiteln folgte ihr mit ausgestreckten Händen, um den weißen Mantel in

Empfang zu nehmen, den Gwen von den Schultern zerrte.

„Rasch, rasch, Deuli, umziehen – das hellblaue, nicht das Taft, das

Georgette, das mit der Rose – oh, Metti-Betti, mein Armes, sitzen Sie

schon lange hier? Aber Sie sind nicht ungeduldig geworden, nein? Ach,

Sie werden ja überhaupt niemals ungeduldig! Warum sind Sie nicht

mitgekommen! Es war fabelbar, einfach fabelbar! Ich verstehe Sie nicht!

Wie kann man sich nichts aus Pferderennen machen?!“

Mette lächelte:

„Vielleicht liegt es daran, weil ich niemals ungeduldig werde! Man darf

das eben nicht in aller Geduld abwarten, welcher Gaul nun zuerst am Ziel

ankommt! Die Ungeduld ist doch die einzige Würze dieses Vergnügens!“

„Ach, es ist zu herrlich.“ Gwendolen ließ Kleid und Unterrock auf den

Boden gleiten und trat mit einem großen Schritt aus den Sachen, die sich

hemmend um ihre Füße bauschten. „Wissen Sie, daß ich immer am ganzen

Körper vibriere? Die Wettlust – das hat mit dem Geldgewinn gar nichts zu

tun. Ich habe auch schon gesetzt,“ sie kauerte sich auf eine Stuhlkante

und zog die grauen Halbschuhe von den Füßen, ohne die Bänder zu lösen.

„Heimlich natürlich, denn ich darf ja nicht – Mama würde mich – aber

dann kann es mir passieren, daß ich mich während des Rennens gar nicht

mehr um den Gaul kümmere, den ich gewettet habe, weil mir ein anderes

Vieh sympathischer ist.“ Sie schleuderte das batistene Unterleibchen auf

einen Stuhl und löste die Schnüre des dünnen weichen Korsetts. „Deuli!

Du mußt mir den Tub bringen! Es war so heiß und staubig, ich kann nicht

ungewaschen tanzen gehen – sind Sie böse, Metting? Ach, wir kriegen von

dem Zimt immer noch genug, auch wenn wir eine Viertelstunde später

hinkommen!“ Sie zog die Strümpfe aus, während die Alte die Gummiwanne

hinstellte und den Hahn über dem Waschbecken aufdrehte.

„Soll ich solange nach nebenan gehen?“ fragte Mette.

„Ach wo,“ machte Gwendolen leichthin, „finden Sie etwas dabei, wenn ich

mich vor Ihnen wasche? Nur kaltes, Deuli, und einen Schuß Lubin hinein!

Ja, also, wenn mir ein anderes Pferd sympathischer ist, kümmer’ ich mich

den Deubel um das gewettete. Meistens wette ich ja auch nicht – ich

such’ mir einfach ein Pferd aus, was mir gefällt.“ Sie löste das Hemd

auf den Schultern, ließ es zu Boden fallen, trat in ihrer zierlichen,

schimmernden Nacktheit in das große Gummibecken und ließ den rieselnden

Schwamm über Gesicht und Nacken, Brust und Arme gleiten. „Huh, kalt,

aber schön! Das Wetten ist eigentlich nur Einbildung – weil die meisten

Menschen ihr Interesse nur auf etwas konzentrieren können, wenn sie

zwanzig Mark dran gewinnen oder verlieren können. Das Tuch, Deuli! Auf

das Konzentrieren kommt es nämlich an: Man sitzt auf diesem Pferd, nein,

man sitzt in ihm, man peitscht es an, mit jedem Atemzug, mit jedem

Gedanken, mit jedem Nerv, vorwärts, vorwärts, vorwärts, man sieht, wie

es zittert und schnaubt und schäumt und keucht und nicht nachläßt, immer

toller, je näher dem Ende, desto toller – weiter, weiter – oh, man

fiebert – und tausend Menschen fiebern mit einem, sie rasen, sie

schreien, sie peitschen alle mit ihrem brennenden Blut dieses eine

fliegende Etwas vorwärts – vorwärts, bis es durchs Ziel schießt. Ah! Das

ist die Erlösung! Die große Entspannung! Man ist ganz erschlagen, ganz

müde und ganz selig. Die Knie zittern einem so angenehm – wahrhaftig,

nach jedem Rennen zittern mir die Knie. Man hat gerade Zeit, sich zu

erholen, dann fängt die nächste Spannung an – ganz sanft, vorbereitend –

sich steigernd – bis zur Ekstase. Es läßt sich überhaupt nur mit _etwas_

vergleichen ... wissen Sie nicht, was ich meine?“

Mette schüttelte den Kopf.

„Ach Gott, wie soll ich es dann erklären! Deuli, hör mal weg!“ Die Alte

kniete auf dem Boden und zog mit behutsamen Händen die seidenen Strümpfe

über die schlanken, festen, weißen Beine. „Wissen Sie nicht, womit man

es vergleichen kann? Mit der Liebe natürlich!“

„Mit der Liebe?“ Mette machte ein verständnisloses Gesicht.

Gwendolen stand auf, um die zierlichen ausgeschnittenen Schuhe an den

Füßen festzutreten.

„O Gott, Mette, reizen Sie mich nicht! Ich kriege es fertig und spreche

es glatt aus – alles! Fragen Sie Deuli – es gibt nichts, was ich nicht

über die Lippen bringe! Mädchen, machen Sie doch nicht ein Gesicht, als

ob Sie noch an den Osterhasen glaubten! Wollen Sie mir erzählen, Sie

hätten noch nie geliebt?“

Mette schlug tapfer die Augen auf.

„Ich will Ihnen gar nichts erzählen!“ sagte sie ruhig.

„Oh, das war eine schlagfertige Antwort!“ Gwendolen verbeugte sich tief

und beschrieb mit der rechten Hand einen großen Bogen vom Herzen durch

die Luft, während sie mit der linken an den Korsettschnüren zog. „Mein

Kompliment, schöne Dame! Es war eine so nette Abfuhr, daß ich sie mir

gern gefallen lasse. Und trotzdem,“ sie trat einen Schritt näher und sah

Mette mit einem seltsamen Blick an, „trotzdem,“ sagte sie halblaut,

„werden Sie mir noch sehr viel erzählen. Nicht jetzt und nicht hier –

später – wenn ich Sie einmal darum bitten werde.“

Mette geriet in eine leichte Verlegenheit:

„Ach Gott, ich habe das überhaupt nur so hingesagt ... warum heißen Sie

eigentlich ‚Deuli‘, Fräulein Hellmann?“

Die Alte strahlte auf: „Das hat Fräulein Gwen immer gesagt, wie sie ganz

klein war. Sie konnte noch kaum sprechen, da rief sie immerzu ‚Deuli,

Deuli‘. Das sollte Fräulein heißen!“

„Das behauptet ihr!“ lachte Gwendolen und schlüpfte in die

bereitgehaltene, blaßblaue Seidenwolke, „ich hab’ immerzu ‚greulich,

greulich‘ geschrien, wenn ich dich gesehen habe!“ – – –

* * * * *

Mette tanzte. Die sanfte Bewegung, in welcher die Musik die gelösten

Glieder führte, tat körperlich wohl. Es tat gut, müde zu werden. Nur

wäre es fast besser gewesen, schweigend zu tanzen. Es war ein wenig

langweilig, immer auf dieselben Fragen antworten zu müssen – „Gnädiges

Fräulein sind wohl noch nicht lange hier?“ „Wie gefällt Ihnen unser

Städtchen?“ „Sind gnädiges Fräulein verwandt mit Konsul Peters?“

Dann kam Vandahl und holte sie zum Tanz.

„Gott sei Dank, daß Sie über mich orientiert sind,“ lachte sie.

„Leider bin ich das durchaus nicht,“ entgegnete er ernsthaft.

„Ich brauche aber wenigstens nicht zu informieren, wie lange ich hier

bin, und ob ich hier zu bleiben gedenke, und wo ich vorher war!“

„Nein, das ist allerdings das, was mich am wenigsten interessiert – und

das, was mich interessiert, beantworten Sie mir ja doch nicht!“

„Oh, bitte,“ sagte Mette höflich verwundert. „Ich glaube nicht, daß ich

Ihnen irgendeine Frage unbeantwortet ließe!“

Dabei ging ihr Herz schneller. Was vermutete dieser Mann hinter ihr, daß

er neugierige Fragen stellen wollte? Sie hatte heute noch lange, lange

ihr Gesicht vorm Spiegel geprüft. Es war glatt und faltenlos, ihr Mund

war kühl und etwas herb verschlossen, ihre Augen klar und ruhig. Ihr

Kleid war vom ersten Schneider der Stadt und ganz dem soliden Geschmack

der besseren Bürger angepaßt. Der beliebteste Friseur hatte ihr Haar so

geordnet, wie es in diesem Jahr „die Damen der Gesellschaft“ trugen.

Nein, es war nichts, aber auch nichts Auffälliges an ihr.

„Bitte, fragen Sie!“ sagte sie – vielleicht etwas zu liebenswürdig im

Ton, weil sie es weder zu herausfordernd, noch zu ängstlich sagen

wollte.

„Ich möchte wissen,“ begann er zögernd und tauchte dabei den lächelnden

Blick sehr tief in ihre Augen, „was eigentlich der Inhalt dieses schönen

Gefäßes ist, das ich hier im Arm halte. Ist es Milch oder Eiswasser oder

Sekt, was in Ihren Adern fließt?“

„Sekt doch wohl kaum.“ Mette versuchte, seinen Blick mit sehr

gleichgültiger Miene auszuhalten und verzog nur ein wenig spöttisch die

Lippen. „Oder finden Sie, daß in meinem Wesen so etwas Überschäumendes

ist?“

Er zog sie einen Augenblick so fest an sich, daß ihre Brust die seine

berührte.

„Es ist doch Sekt,“ sagte er leise mit zusammengebissenen Zähnen, „er

ist nur sehr gut frappiert. Aber wenn er warm wird, sprengt er die

Flasche – den Augenblick möcht’ ich einmal erleben!“

„Er wird nicht warm,“ sagte Mette und zog den Mund noch ein wenig mehr,

„es wird schon genügend für kalte Duschen gesorgt.“

Als Mette auf ihren Platz zurückkehrte, traf ihr Blick auf Heinrich

Rantzau, der, schwarz und schlank, an einem weißen Türpfosten lehnte.

Ihr Blick glitt weiter und über das heiße, strahlende Gesicht des jungen

Lucius. Ein paar Worte fielen in ihr Ohr:

„Hab’ ich zuviel getanzt?“

„Aber nein, mein Junge – amüsier’ dich nur.“

„Ich hatte Angst, du wärest böse ...“

Die abgerissenen Sätze verließen Mette nicht mehr. Sie summten ihr durch

den Kopf wie eine Melodie, die man nicht loswerden kann.

Fred Wietinghoff verbeugte sich vor ihr:

„Darf ich Sie zum Zweck eines Bostons aus Ihren sanften Träumen reißen?“

fragte er lachend. „Gestehen Sie mir – woran haben Sie eben gedacht?“

„Daran, daß ich heute keinen guten Tag habe,“ sagte Mette nachdenklich.

„Was heißt ‚guten Tag‘? Wenn Sie damit auf deutsch ^beau jour^ sagen

wollen, so wäre das ein ganz unverschämtes ^fishing^!“

„Ach, das meint’ ich wahrhaftig nicht,“ sagte Mette wegwerfend, „nein,

so einen Tag, wissen Sie, wo man Bühnenzauber im Vormittagslicht sieht

und überall die Maschinerie hervorguckt. Wo man die Drähte sieht, an

denen die Engel fliegen, und die Versenkung, aus der der Teufel

aufsteigt.“

Fred Wietinghoff lächelte, während er sie sehr sicher durch das Gewühl

der Tanzenden hindurchsteuerte. Es war ein gutes, schönes, weiches,

etwas mitleidiges und ein klein wenig triumphierendes Lächeln.

„Sie sind ja doch ein richtiges Mädelchen,“ sagte er.

„Wieso _doch_?“ fragte Mette mit etwas erzwungenem Lachen. „Natürlich

bin ich es, leider. Aber warum konstatieren Sie das gerade jetzt?“

„Weil das, was Sie eben sagen, so typisch dafür ist. Denken Sie sich

zwei Kinder: einen Jungen und ein Mädel im Theater. Und dann denken Sie

sich die beiden hinter den Kulissen. Das Mädel ist enttäuscht, weil die

Rosengärten aus Papier sind und die Goldkronen aus Blech und die Wolken

auf Gaze gemalt – und weil eben überall die Maschinerie herausguckt. In

dem Augenblick fängt der Junge erst an, sich für den ganzen Kram zu

interessieren: Wie kommt es? Wie entsteht es? Wie wird es gemacht? Die

Drahtvorrichtung, an der die Engel fliegen, oder die Versenkung, aus der

der Teufel herausgeschraubt wird – das ist ja millionenmal interessanter

als der ganze faule Zauber in bengalischer Beleuchtung! Haben Sie nur

den Mut zur Gründlichkeit – steigen Sie in die Versenkung und auf den

Schnürboden, in alle Tiefen und Höhen, und lassen Sie sich alles zeigen

und erklären, und prüfen Sie und untersuchen Sie – folgern Sie und

experimentieren Sie. Dann sitzen Sie mit dem Lächeln der Wissenden im

Theater und hören um sich die Ahs und Ohs der naiven Gemüter – und

wissen ganz genau, wie alles kommt. Und wenn Sie weit genug eingedrungen

sind, dann lassen Sie selber die Engel fliegen und den Teufel aufsteigen

– ganz wie es Ihnen beliebt!“

„Ich will aber gar nicht,“ klagte Mette eigensinnig, „ich will es von

weitem sehen und in feenhafter Beleuchtung, und wenn ich zehnmal weiß,

daß es gemacht ist, um mich zu betrügen, so will ich doch daran glauben

können!“

„Oh, Sie Frau!“ Er tanzte mit ihr aus dem Saal in ein kleineres Zimmer

und führte sie zu einem Sessel, „wenn es nicht so komisch wäre, müßte

man euch bedauern.“ Er zog sich einen Stuhl neben sie: „Die Frauen leben

doch von Illusionen!“ Er stützte die Ellbogen auf die Knie und die Stirn

auf die Handballen. Da der kleine Stuhl viel zu niedrig für ihn war,

hatte er es nicht schwer, die langen Arme und die langen Beine zusammen

zu bringen. Ohne aufzusehen, schüttelte er den Kopf in den Händen: „Was

macht denn eine Frau in der Ehe glücklich? Die Vereinigung? Fragen Sie

einmal nach! Für fünfzig Prozent der Frauen bedeutet sie ein Martyrium.

Nein, der phantastische Gedanke einer ewigen, unveränderlichen – einer

beschworenen und unterschriebenen Treue – das ist das eheliche Glück der

Frau!“

„Dann gibt es also eigentlich keine Frau, die in der Ehe glücklich ist?“

Mette lächelte traurig. „Höchstens solche, die sich einbilden, es zu

sein?“

„Das ist doch in der Praxis genau dasselbe.“ Wietinghoff zuckte leicht

die Achseln. „Ich möchte lieber krank sein und mir einbilden, ganz

gesund zu sein – wohlverstanden, solange ich mir das noch einbilden

_kann_ – als gesund sein und mir irgendeine schwere Krankheit einreden.

Die sogenannten Tatsachen sind doch im Leben das allerbelangloseste!“

„Ich möchte doch nicht in einem Wahn befangen glücklich sein,“ Mette

schüttelte wie abwehrend den Kopf, „lieber eine leidbringende Gewißheit,

als ein geträumtes Glück!“

„Dann sind Sie doch kein richtiges Mädchen,“ neckte Wietinghoff, „eben

wollten Sie doch noch Ihre Illusionen behalten – um jeden Preis. Aber

was ist überhaupt ‚gewiß‘, und was ist unsere Vorstellung? Damit

verlieren wir uns in die tiefsten Abgründe der Philosophie!“

„Also das, was man ganz landläufig unter ‚Gewißheit‘ versteht, meine

ich. Ich kann das Wort nicht leiden: ‚Was ich nicht weiß, macht mich

nicht heiß.‘ Es ist kein wahres Wort.“

„Es ist sehr wahr. Was Sie absolut nicht wissen und nie wissen werden –

das macht Sie auch nicht heiß. Nur was Sie zu spät wissen, kann Sie heiß

machen. Was Sie ahnen, fürchten, halb wissen.“

„Wenn Sie in einem glücklichen Rausch leben wollen,“ sagte Mette

trotzig, „dann können Sie sich betrinken oder Morphium nehmen ...“

„Das Zeug hält nur alles nicht vor,“ meinte Wietinghoff verächtlich,

„ich schwöre Ihnen, wenn es ein Gift gäbe, das einen fortwährenden und

ununterbrochenen, dreißig Jahre langen, heiteren Rausch verschafft, dann

wär ich der erste, es zu nehmen – und wenn die ganze Welt gegen das

‚Laster‘ anheulte. Merken Sie, wie wir langsam gewechselt haben?“ Er

lachte auf. „Jetzt sind Sie für Ergründung und ich für Rausch. Das

heißt, ich wäre dafür,“ setzte er ernsthaft hinzu, „wenn ich ein

schlechterer Rechner wäre! Alkoholiker, Morphinisten, Kokainisten und

wie sie alle heißen, sind keine guten Rechner. Sonst wüßten sie, daß

Rausch und Elend sich kompensiert. Und um dem Elend auch ja das

Übergewicht zu geben, werfen sie noch Kampf und Reue in die Wagschale.“

Er stand auf und reckte sich etwas. „Nein – der beste von allen Räuschen

bleibt noch die Liebe. Es ist nicht der stärkste Rausch – aber es ist

der erträglichste Jammer.“

Der Raum war jetzt ganz leer. Wietinghoff ging ein paar Schritte auf und

ab.

Mette saß in sich zusammengesunken.

„Und weiter gibt es nichts?“ fragte sie mit einer hilflosen

Handbewegung.

Er drehte sich rasch um und sah voll ins Licht. Seine großen dunklen

Pupillen zogen sich wie durch eine bewußte Muskelanstrengung zu

schwarzen Pünktchen zusammen, daß die tiefblau gerandete Iris eisgrau

wurde.

„Doch,“ sagte er aus der Tiefe der Brust, „Kraftrausch! Arbeitsrausch!

Denkrausch!“ Ein flüchtiger Schmerz glitt über sein Gesicht.

„Schaffensrausch – das ist der höchste und vielleicht auch der stärkste

– aber das ist der Kelch für den Priester und nicht für die Gemeinde. Im

übrigen ...“ er setzte sich mit einem Ruck wieder neben sie, „wozu red’

ich eigentlich auf Sie ein, wenn Sie gar nicht zuhören, sondern meinem

Freund Vandahl nachschauen, wie gebannt.“

„Er tanzt eigentlich sehr gut,“ sagte Mette gedankenlos – ihre Blicke

hatten wirklich Vandahl verfolgt.

„Sie müssen es wissen,“ meinte Wietinghoff spöttisch, „Sie haben ja

intensiv genug mit ihm getanzt!“

„Seltsam,“ sagte Mette, „daß Sie bei allem In-Anspruch-genommen-sein

noch Zeit und Sinn dafür haben, andere Leute zu beobachten.“

„Sie müssen nicht denken, daß ich den Eifersüchtigen spielen will,“ er

preßte einen Augenblick die Lippen zusammen, was ihm ein ganz

knabenhaftes Aussehen gab, „mit so verbrauchten Tricks arbeite ich

nicht.“

„Ich denke gar nichts dergleichen.“ Mette sah ihn mit ruhiger

Freundlichkeit an. „Aber ich kann Ihnen sagen, daß es mich freuen würde,

wenn Ihr Freund Vandahl etwas weniger – intensiv tanzte. Seine –

Intensität hat mir heute schon einmal die Laune verdorben. Er sollte

überhaupt nicht tanzen, wenn seine Frau nicht tanzen kann.“

„Er verlernt es,“ lächelte Wietinghoff. „Und vielleicht würde ihn seine

Frau gar nicht mögen, wenn er nicht so ein guter Tänzer wäre. Im übrigen

ist Vandahl wirklich der beste Ehemann der Welt ...“

„Wenn das der beste ist!“ seufzte Mette leicht.

„Ernstlich. Nur ein Mann, der die Frauen braucht, liebt und vergöttert,

kann ein guter Ehemann sein. Kann er in dem Moment, wo er eine von ihnen

heiratet, seine besten Eigenschaften ablegen? Wenn sie ihn glücklich

macht, ganz sicher nicht. Höchstens, wenn er einen Drachen erwischt hat,

wird ihm das ganze Geschlecht verleidet, und er zieht sich grollend an

den Stammtisch zurück.“

„Also eigentlich,“ lachte Mette, „ist es das Zeichen einer glücklichen

Ehe, wenn der Ehemann allen andern Frauen den Hof macht.“

„Natürlich,“ stimmte Wietinghoff vergnügt bei. „Wenigstens ein Zeichen,

daß die Frau dem Mann noch nicht alle Sympathie für ihr Geschlecht

ausgetrieben hat. Wenn ein Freund der Frauen nach der Verheiratung kein

Weib mehr ansieht, so hat er wahrscheinlich den Geschmack daran

verloren, weil er zum erstenmal eine gründlich durchschaut hat.“ – – –

* * * * *

An Heinrich von Rantzaus Arm ging Mette zu einem der kleinen

weißschimmernden, blumengeschmückten Tische. Sie hatte eine leise

Sympathie für Rantzaus stille und zurückhaltende Art und freute sich,

von ihm bevorzugt zu werden. Heut zum erstenmal wurde ihr die Ursache

dieser Bevorzugung klar. Er fühlte, daß sie keinerlei Ansprüche an ihn

stellte – sie verlangte keine Schmeicheleien von ihm, sie versuchte

nicht, ihn durch Blicke, Worte oder unabsichtlich scheinende Berührung

in Verlegenheit zu bringen – jedes Gespräch war ihr recht und ein langes

Schweigen fast noch lieber; er fühlte sich bei ihr nicht böswillig

beobachtet und konnte ohne Zwang, ganz kameradschaftlich mit ihr

verkehren. An all das dachte Mette nun zum erstenmal – aber es stieß sie

nicht ab. In seinem scharfgeschnittenen und energischen Gesicht lag ein

leidvoller Zug um den Mund, eine Last auf den breiten dünnen

Augenlidern.

‚Armer Hund,‘ dachte Mette, ‚ich will gut mit ihm sein. Wenn er auch

zehnmal sagt: amüsier’ dich, mein Junge – es tut ihm ja doch innen alles

weh.‘

Schräg gegenüber an einem anderen Tisch saß Gwendolen neben dem jungen

Lucius. Unter den vielen hübschen und frischen Erscheinungen war Gwen

unstreitig die schönste. Sie lachte und lockte und prangte wie ein

junger Baum in der Blüte. Ihre meerfarbenen Augen unter den gebogenen

Wimpern wechselten in fortwährendem Spiel von Hell und Dunkel. Ihr

zartes, weißes Gesicht strahlte in einem kühlen Rosenschein, wie

durchleuchteter Marmor. Bei jeder Bewegung tanzten die goldflirrenden

Löckchen ihr um Stirn und Nacken.

Rantzau folgte Mettes Blick, oder vielleicht suchten seine Augen auch

Lucius. Ohne jeden Zusammenhang mit früher Gesagtem fragte er plötzlich:

„Wie kommen Sie eigentlich zu der Freundschaft mit Fräulein Peters?“

Mette sah ihn etwas verwundert an:

„Sie fragen so, als ob irgend etwas Erstaunliches dabei wäre? Wir sind

doch ziemlich in einem Alter – ziemlich gleich erzogen ...“

„Merkwürdig!“ Ein leiser Spott zuckte um seinen Mund. „Sind das die

Gesichtspunkte, nach denen Sie Ihre Freunde wählen? Ich hatte Sie etwas

anders eingeschätzt!“

„Freunde!“ sagte Mette und zog die Brauen hoch. „Zu Freundinnen haben

andere Leute uns gemacht. Sie haben mich sicher noch nie sagen hören:

meine Freundin Gwendolen Peters. Ich habe in meinem ganzen Leben erst

von einem Menschen gesagt: meine Freundin ...“

Rantzau fiel ihr ins Wort, leise, flüchtig, und doch war eine verhaltene

Dringlichkeit in seiner Stimme:

„Sie sagen es nicht mehr?“

„Meine Freundin ist tot.“

Er schwieg. Er sagte kein bedauerndes „ah“ oder „oh“, und Mette war ihm

dankbar dafür.

Ihr war seltsam zumute. Sie saß in diesem fremden Raum, sah viele fremde

Gesichter um sich und erzählte einem fremden Mann von Olga Radós Tod.

Sie trug ein helles, festliches Kleid und hatte getanzt und gelacht und

geplaudert. Wein schimmerte vor ihr im geschliffenen Kelch, Blumen

leuchteten in kristallenen Vasen vom weißglänzenden Damast, und ihr Duft

mischte sich mit mannigfachem Wohlgeruch, der von nackten, gepuderten

Frauenschultern aufstieg. Stimmen schwirrten fröhlich durcheinander und

übertäubten doch nicht das leise Klirren von Glas und Silber und den

süßen Gesang der Geigen.

Und hier saß Mette Rudloff und zerschnitt auf dem Teller eine Scheibe

saftigen Rehbratens und sagte dabei:

„Meine Freundin ist tot.“

Die Tage und Wochen der Qual und Verzweiflung wollten wieder aufsteigen.

Mette hatte sie nicht vergessen: die Stunde, da sie es erfahren hatte,

den Augenblick, da sie den Revolver berührte, den Weg über die Straße,

als sie von Peterchen nach Hause ging und so gern ihr Gesicht vor den

Leuten versteckt hätte, weil sie das Gefühl hatte, als sei ihr ganzes

Gesicht eine offene blutende Wunde, in die jeder neugierige Blick

Schmutz und Steine werfe. Sie wußte das alles. Aber sie konnte nicht

mehr unterscheiden, was Traum und was Wirklichkeit war. Vielleicht war

dies Traum: der helle Saal, und die Musik, und diese festfrohen

Menschen, von denen sie keinen länger als ein paar Monate kannte.

Vielleicht war alles andere Traum gewesen, alles Große, Hinreißende,

Quälende, Schmerzende, und all das Trübe und Wirre der letzten Zeit.

Vielleicht war dies ihr Leben – das Leben, zu dem sie geboren war – das

zu den weißen gestickten Kleidchen paßte und zu dem großelterlichen

Garten.

Und einen flüchtigen Augenblick war ihr, als hätte sie gar kein Recht zu

sagen: meine Freundin ist tot. Als wäre sie noch zu jung, um irgendein

Leid erfahren zu haben, als schmücke sie sich mit einem erdichteten

Schmerz, um sich dem ernsten und abgesonderten Mann gegenüber einen

Schein von Gleichberechtigung zu geben.

Die schlimmen Tage stiegen wieder auf – aber sie stiegen auf wie

schattenhafte Gespenster, durch deren durchsichtige Leiber der

lichterstrahlende Saal schimmerte. Sie waren ohne Farbe und Leben, weil

sie nicht mehr das Blut aus Mettes tiefen Wunden tranken. – – –

* * * * *

Mette saß neben Gwendolen im Wagen.

„Ich seh’ wohl furchtbar um den Kopf aus?“ sagte Gwen, „wenn Mama mich

so sieht, dann fängt sie ihre alte Predigt wieder an, ich müßte ein Netz

tragen. Hassen Sie Haarnetze auch so wie ich, Mette? Wie kommt es, daß

Ihr Haar so gut hält? Sie haben doch auch getanzt! Mama würde ihre

Freude an Ihnen haben! Mama hat Sie überhaupt schrecklich gern – Sie

werden mir immer als Muster vorgehalten. Aber selbst das kann Sie mir

nicht verekeln. Ich bin schon sehr angetan von Ihnen, wirklich – aber

ich glaube, Sie können mich nicht leiden.“

Mette legte leicht den Arm um ihre Schultern.

„Kleine, törichte Gwen,“ sagte sie lächelnd, „Sie glauben ja selber

nicht, was Sie da schwatzen.“

„Ach ja,“ sagte Gwen und schmiegte sich wie ein Kätzchen an sie, „lassen

Sie den Arm so liegen, das tut gut. Ich weiß ganz genau, was ich rede,

Mama sagt zwar immer: schweig, du bist betanzt, weil sie behauptet, ich

rede nach dem Tanzen so viel Unsinn – noch mehr als sonst. Aber ich bin

wirklich nicht betanzt, und ich weiß sehr genau, daß ich Sie gern habe –

und ich weiß auch, daß Sie mich nicht leiden können – Sie widersprechen

ja auch gar nicht – dazu sind Sie viel zu ehrlich. Sie sagen: schwatz

keinen Unsinn, kleine Gwen – das sagt man zu kleinen Kindern auch immer,

wenn sie zufällig die Wahrheit treffen. Aber ich will Sie nicht in

Verlegenheit bringen – Sie machen schon ganz traurige Augen, weil Sie

nicht wissen, wie Sie sich aus der Affäre ziehen sollen.“

„Ich dachte daran,“ sagte Mette aufrichtig, „daß Sie ein so entzückendes

kleines Menschenwesen sind – und daß ich Sie herzlich gern habe – und

daß ich Sie trotzdem heut verleugnet habe und gesagt, Sie wären nicht

meine Freundin.“

„Bei Tisch,“ Gwendolen nickte ernsthaft, „ich hab’ es gefühlt. Aber das

nehm’ ich Ihnen nicht übel,“ sie lächelte, „Sie durften das auch nicht

zugeben, wenn Sie bei meinem lieben Heinrich nicht in Ungnade fallen

wollten. Hat er nicht gesagt, ich wäre eine Kanaille?“

„Er hat gar nichts gesagt,“ widersprach Mette erschrocken, „wie kommen

Sie überhaupt darauf, daß es Rantzau gegenüber war?“

„Weil ich ihn kenne!“ triumphierte Gwen. „Er haßt mich doch wie – wie

die Sünde ist entschieden nicht das richtige Wort. Ich weiß es aber, und

ich weiß auch warum.“

Mette fühlte sich durch diese Worte und noch mehr durch den Ausdruck

ihres Gesichts etwas abgestoßen.

‚Sie ist doch wie alle Frauen,‘ dachte sie verächtlich. ‚Sie bildet sich

jetzt ein, daß Heinrich von Rantzau sie haßt, weil er eine unerwiderte

Liebe zu ihr hat! Sie wird mir jetzt erzählen, daß sie ihn bei

irgendeiner Gelegenheit hat abfallen lassen. Eine andere Möglichkeit

findet gar keinen Platz in dem Gehirn dieser Weibchen.‘

„Soll ich Ihnen erzählen, warum Ihr Freund mich nicht ausstehen kann?“

Tausend Kobolde tanzten auf Gwens Gesicht.

„Bitte!“ sagte Mette ziemlich kühl.

„Ich habe ihm einen Freund abspenstig gemacht!“

„Was heißt das: einen Freund abspenstig gemacht?“ Mette horchte auf,

„kann eine Frau einem Mann den Freund abspenstig machen?“

„Herrn von Rantzau? – o ja! Denn er begehrt seine Freunde ganz und gar

für sich – mit Haut und Haar – mit Leib und Seele. – Tun Sie doch nicht

so, Sie Unschuldsengel, als wenn Sie nicht gemerkt hätten, was die ganze

Stadt weiß!“

„Seltsam,“ Mette schüttelte den Kopf, „was eine Stadt alles weiß!“

„Viel seltsamer, was sie nicht weiß!“ lachte Gwen, „was alles in ihrem

Innern vorgeht, ohne daß sie eine Ahnung davon hat! – Aber Rantzau ist

bekannt, weil er gemeingefährlich ist. Er hat einen Einfluß auf die

jungen Leute, der geradezu unheimlich ist. Er hat doch immer einen

ganzen Kreis um sich, der ihn direkt vergöttert. Aber ich mag das gar

nicht ...“

„Wenn ein anderer vergöttert wird?“ neckte Mette.

„Ja, sehr richtig,“ bestätigte Gwen trotzig, „aber vor allen Dingen kann

ich es nicht vertragen, wenn ein Mann von Männern vergöttert wird. Ich

weiß nicht, ob ich es erklären kann: sehen Sie, das Ursprünglichste im

Menschen ist doch das Geschlecht. Die große Zweiteilung alles Lebenden –

das stammt nicht von mir, natürlich. Viel später kommt dann die

Einteilung in Rassen, die Rassen scheiden sich in Nationen, die Nationen

in Klassen und in Familien – alles befehdet sich untereinander. Ich bin

Bürger gegenüber dem Adel, und Aristokrat gegenüber der Plebs. Ich bin

Germane dem Romanen gegenüber, und Arier gegenüber dem Semiten. Aber das

alles kann ich vergessen, weil es mir erst beigebracht worden ist. Aber

zu allererst bin ich Weib gegenüber dem Mann, und die unverzeihlichste

Beleidigung ist die, die man meinem Geschlecht zufügt. Verstehen Sie das

nicht? Wenn ein Mann mich nicht ansieht, weil er eine andere Frau

anbetet, so kränkt das meine Eitelkeit gar nicht – aber ein Mann, dem

keine Frau gut genug ist, der einem Mann anhängt, der mein ganzes

Geschlecht verachtet – o, das kann mich zur Raserei stacheln. Rantzau

ist unerschütterlich – das weiß ich – aber seine Favoriten lock ich ihm

weg, einen nach dem andern. Solange ich denken kann – nein, solange ich

fühlen kann, führen wir einen erbitterten Kampf. Wissen Sie, Mette, daß

es mir manchmal ist wie eine heilige Aufgabe und gar nicht wie ein

amüsantes Spiel?“ Ihre Augen brannten in einem seltsamen Licht wie blaue

Edelsteine. „Der, von dem ich zuerst sprach, Friedel Reimer – den hat er

wahnsinnig geliebt – und der ist jetzt sehr glücklich verheiratet. Was

hab’ ich davon? Aber manchmal, wenn ich die Frau sehe, denk’ ich: das

dankst du mir und ahnst nichts davon.“

„Was sind Sie für ein wunderliches Gemisch,“ Mette betrachtete sie mit

nachdenklichem Kopfschütteln, „so ein wohlerzogenes behütetes Kind und

...“

„Und dabei? ... sprechen Sie’s ruhig aus!“

„Ach, nichts ... sagen Sie mir nur – wie kommt es, daß Ihre Eltern von

alledem nichts merken ... zum Beispiel von Heinrich Rantzau, von dessen

Ruf doch die ganze Stadt weiß?“

„Eltern,“ sagte Gwen mit überlegenem Lächeln, „wissen Sie nicht, Mette,

daß Eltern mit tödlicher Sicherheit immer nur das bemerken, was nicht

vorhanden ist?“

„Ich komme gleich,“ rief Gwendolen hinter der Tür des Badezimmers, wo

man das Plätschern des Wassers, das Rieseln der Brause hörte, „setz’

dich Metting-Betting und sieh dir ein Buch an! In fünf Minuten bin ich

fertig.“

„Ich habe Zeit,“ gab Mette ruhig zurück.

Gwen bemühte sich trotzdem, ihr das Warten zu verkürzen:

„Du kannst dir immer etwas ansehen – auf dem Tisch liegt ein Paket, ein

dickes, weiches, das pack mal aus. Ich hab’ mir heut Strümpfe gekauft –

wie findest du sie? Sind sie nicht blendend? Aber was darunter liegt,

darfst du nicht aufmachen – so etwas flaches, in Seidenpapier ... ach,

ich zeig’ es dir ja doch! Mach es ruhig auf ...“

„Ich bin nicht neugierig.“

„Doch, doch, du sollst es sogar aufmachen. Es ist besser, du siehst es,

wenn ich nicht dabei bin – dann kann ich wenigstens nicht rot werden.

Mach schnell – in zwei Minuten komm ich! Hörst du? Ich entsteige schon

plätschernd den kristallenen Fluten! Sowie ich halbwegs trocken bin,

erscheine ich!“

Mette schlug die Seidenpapierhülle auseinander. Fred Wietinghoffs

Gesicht sah sie an, lebendig und ausdrucksvoll. Eine helle Freude

durchzuckte sie, als sie die schönen Züge sah, und fast zugleich der

kindische Wunsch, das Bild zu entwenden, um es immer vor sich sehen zu

können und sich daran zu erfreuen, wenn sie sehr weit von hier sein

würde.

Denn in diesem Augenblick war es ihr ohne jede Überlegung ganz bewußt,

daß sie in kurzer Zeit die Stadt verlassen würde. Sie hatte noch nie mit

einem Gedanken die Möglichkeit gestreift, den Aufenthalt zu wechseln und

sah sich jetzt mit visionärer Deutlichkeit – die so selbstverständlich

war, daß sie nichts Erschreckendes hatte – in einer tiefen Einsamkeit,

in der dies Bild ihr eine freundliche Gesellschaft sein könnte.

Sie erschrak, als sich Gwen über ihre Schulter neigte.

„Schönes Bild, nicht?“ lachte sie, „du bist jetzt so zusammengezuckt,

daß ich mir einbilden könnte, du hättest ein kleines Faible für ihn.

Gestehe, Mettiling, wie ist es? Na, heraus mit der Wahrheit – du warst

sehr vertieft in den Anblick – so vertieft, daß du mich gar nicht hast

kommen hören.“

Mette legte das Bild aus der Hand, ohne es noch einmal mit einem Blick

zu streifen.

„Weil ich mit meinen Gedanken ganz wo anders war,“ sagte sie, immer noch

abwesend.

„Schade,“ neckte Gwen, „wo anders als bei Fred Wietinghoff? Aber bei mir

auch nicht, fürchte ich. Sehr weit weg? Willst du mir nicht sagen, wo?“

Sie legte die weichen, nackten Arme schmeichelnd um Mettes Hals und

preßte sie gegen ihre Wangen.

„Ich weiß selbst nicht, wo,“ sagte Mette nachsinnend. „In keiner

Vergangenheit und keiner Gegenwart. Irgendwo, wo ich noch niemals war.

Vielleicht in der Zukunft. Ich habe das Gefühl – ganz unklar und

verschwommen – von einem verschneiten einsamen Haus.“

Gwen faßte sie rüttelnd an den Schultern:

„Komm wieder,“ rief sie, „du sollst jetzt hier sein und nicht in

verschneiten Einsamkeiten. Wie findest du unsern Freund Freddy?“

„Unsern Freund,“ wiederholte Mette lächelnd.

„Natürlich ‚unsern‘. Er ist dein Freund so gut wie meiner. Er schätzt

dich sehr – oh, sehr!“

„Das sagt er nur, um dich eifersüchtig zu machen,“ sagte Mette tröstend.

„Mich eifersüchtig!“ Gwen lachte hell auf, „nein, so kleinlich bin ich

nicht. Und außerdem stehst du mir viel zu nah – ich werde immer ganz

stolz – wirklich, mein Herz wird ordentlich heiß und groß, wenn ich

höre, wie andere Leute von dir schwärmen. Und Fred Wietinghoff schwärmt

sehr oft von dir ...“

‚Er sollte mir das Bild schenken,‘ dachte Mette, ‚wenn er mich wirklich

schätzt, oder von mir schwärmt – wenn nicht alles bloß unsinniges Gerede

ist – dann sollte er mir dies Bild schenken. Weiter will ich nichts von

ihm ...‘

„Magst du ihn eigentlich?“ Gwen fragte es leichthin. Aber Metten schien

es, als würde sie von einem Blick gestreift, der etwas Beobachtendes –

ja fast Lauerndes hatte.

Sie zuckte die Achseln.

„Er sieht gut aus und hat ein sehr angenehmes Wesen,“ sagte sie

gleichmütig.

„Mehr nicht?“

Mette hatte keine Lust, zu antworten.

„Noch mehr? Ich weiß ja nicht viel mehr von ihm.“

„Er ist diskret und verläßlich,“ sagte Gwen nach kurzem Zögern. Dann

stieß sie ein leises Lachen durch die Zähne: „Und er hat einen sehr

guten Geschmack!“

„Vielleicht,“ sagte Mette etwas abwehrend.

Es lag ihr nicht daran, irgendwelche Vertraulichkeiten zu erfahren. Sie

hatte manchmal ein Gefühl von Angst gegenüber diesem blondlockigen Kind

– sie scheute sich oft, eine Frage zu stellen, weil sie die Antwort

nicht hören wollte – eine Antwort, die eine dünne Decke von Abgründen

riß.

Gwen strich ihr plötzlich mir einer kindlichen Bewegung über die Wangen.

„Sei nicht böse,“ bat sie leise.

Mette legte die Lippen leicht gegen die kleine weiche duftende Hand.

„Warum sollte ich dir denn böse sein, du Kindskopf?“ fragte sie

lächelnd.

Aber sie wußte ganz genau, daß sie böse gewesen war.

„Erzähl mir was!“ bettelte Gwen. „Ja, setz’ dich ’n büschen zu mir und

erzähl mir was. Ich leg mich hin – ich bin etwas müde vom Baden, und du

setzt dich neben mich und wir klöhnen ein bißchen.“

Mit der einen Hand zog sie Metten schmeichelnd nach dem Diwan, mit der

andern hielt sie den Kimono aus schwerem pfirsichblütfarbenen Chinakrepp

zusammen, unter dem sich alle Linien des schlanken weichen Körpers

zeichneten.

Sie schob sich die Kissenberge zurecht und kauerte sich voll Wohlbehagen

hinein.

Mette saß still und aufrecht neben ihr auf einem Stuhl. Sie kam sich

selbst immer ein wenig steif vor neben dieser schmiegsamen Anmut, und

ein wenig frostig neben dem warmen Hauch dieses sonnigen Wesens.

„Weißt du, Mette,“ sagte Gwen nach einer Weile fast traurig, „daß ich

dir eigentlich nicht um einen Schritt näher gekommen bin seit dem ersten

Tage, den du hier bist? Du erlaubst mir, dich zu duzen. Du duzt mich

auch manchmal – meistens vergißt du es, wahrscheinlich, weil es dir so

gegen die Natur geht. Nein, nein, du brauchst gar nicht erst einen

höflichen Versuch zum Widerspruch zu machen! Du bist mir sehr fremd –

nie, nie, nie erzählst du irgend etwas von dir aus eigenem Antrieb.

Manchmal beantwortest du mir eine von zehn Fragen. Ach, ich trau’ mich

schon gar nicht mehr, irgend etwas zu fragen, weil ich denke, ich

verscheuche dich dadurch, daß du überhaupt nicht wiederkommst.“

„Was weiß ich denn von dir?“ fragte Mette, ohne sie anzusehen, „du bist

mir genau so fremd. Du hast ein sehr kindliches und offenes Wesen – ich

hab’ vielleicht ein verschlosseneres und kälteres – aber im Grunde

stecken vielleicht hinter deiner harmlosen kleinen Larve hundertmal

größere und schwerere Geheimnisse, als hinter meiner Schweigsamkeit.“

„Das ist etwas anderes,“ unterbrach Gwendolen lebhaft. „Ich kann dir ja

gar nichts erzählen, weil du dich dagegen wehrst! Ich habe manchmal das

Bedürfnis, dir irgend etwas anzuvertrauen, was mich bedrückt, oder auch

nur sehr beschäftigt. Aber dann lenkst du ab – oder du machst ein

Gesicht, daß einem das Wort in der Kehle einfriert. So, als wolltest du

um Gotteswillen nichts von mir wissen, um mich nicht verachten zu

müssen. Oder als wüßtest du schon zu viel und hättest Angst,

irgendwelche Herzlichkeit aufkommen zu lassen. Und dann fühl’ ich doch

wieder ganz genau, du bist nicht kalt und verständnislos – du bist nicht

prüde – und du hast auch kein Recht, es zu sein ... oh Mette, sei nicht

böse, daß ich das gesagt habe! Aber du kannst mir nicht vorreden, daß du

dein Leben damit verbracht hast, still und freundlich zwischen alten

Damen zu sitzen und Filet zu sticken.“

Der Skorpion. Band 2 · 第 8 / 15 题