* * * * *
Lange nach Mitternacht stand sie leise auf, um sich vom nächsten Stuhl
ihren eigenen Mantel zu holen. Die erstarrten Glieder schmerzten bei
jeder Bewegung. So vorsichtig sie ging, die Dielen krachten unter ihrem
Schritt, und Gisela fuhr mit einem Aufschrei in die Höh’.
Ihre Augenlider waren dick geschwollen, das Haar hing in wirren Strähnen
um das blasse, verwüstete Gesicht.
„Wer geht da?“ rief sie, „oh, du bist es, Mette!“ sie lachte halb
verlegen, „ich dachte, es wären Einbrecher.“
„Ich habe ans Trocadero telephoniert,“ sagte Mette müde und ruhig. „Ich
glaube, Kayser war selbst am Telephon – du hast die Vorstellung
versäumt. Er war sehr wütend – du sollst morgen ein Attest beibringen,
oder du bist entlassen.“
„Wenn schon,“ sagte Gisela wegwerfend, „er soll sich nicht lächerlich
machen mit seinen Drohungen.“
Mette hob die Achseln: „Das kannst du ihm vielleicht selber sagen! Mir
war es unangenehm genug, mich von den Herren behandeln zu lassen, als
wäre ich daran schuld.“
„Arme Mette“ – das klang ehrlich bedauernd und ohne jeden Spott – „du
weißt gar nicht, wie leid du mir tust. Mußtest du armes kleines
Bürgerseelchen mit deinen tausend Ängsten an mich geraten!“ Sie
arbeitete sich aus den Decken heraus: „Ich war schon ziemlich bei mir,
vorhin, als ich den Revolver suchte, glaub’ mir! Ich weiß ganz genau,
was ich wert bin, und was für mich und alle das beste wäre.“
Sie saß auf dem Diwan und sah betrübt auf ihre schlanken Beine in
schwarzseidnen Strümpfen hinab.
„Meine Mutter hat mir immer prophezeit, daß ich in der Gosse ende. Schon
als ich ganz klein war. Ich muß bald enden, wenn es nicht doch noch
dahin kommen soll. Krank bin ich – vielleicht bin ich morgen brotlos –
meine Stimme ist hin, verbraucht, kaputt. Morgen such’ ich mir einen
Liebhaber im Klub, übermorgen im Kaffee, nächste Woche auf der Straße.“
Sie hob das Gesicht, das von Tränen überströmt war.
„Gib mir deinen Revolver, Mette, ich bitte dich, du tust ein gutes Werk.
Ich schreibe noch einen Abschiedsbrief, damit dich kein Verdacht trifft.
Ich bitte dich, sei barmherzig!“
„Ich habe ihn gar nicht mehr,“ log Mette, „ich habe ihn verborgt.“
Dabei fühlte sie sein Gewicht. Er hing vorn in ihrer Bluse, daß der
Kragen wie eine feine drückende Schnur auf ihrem Nacken lag.
‚Was soll nun werden?‘ dachte sie, ‚niemals werde ich von ihr frei
kommen. Es wird immer so weiter gehen, ich werde sie in meinem Zimmer
finden, jedesmal, wenn ich heimkomme, sie wird keinen Beruf mehr haben,
kein Geld, sie wird wie eine Klette an mir hängen – und das soll mein
Leben sein. Warum nur das alles? Wodurch habe ich das verdient? Nur weil
ich mir ihre Zärtlichkeiten habe gefallen lassen? Hat sie dadurch ein
Anrecht auf mich, habe ich mich in ihre Hände gegeben, mit Leib und
Seele?‘
Gisela kreuzte fröstelnd die nackten Arme über der Brust.
„Es ist kalt hier,“ sagte sie, „warum bist du nicht ins Bett gegangen,
armes Tierchen? Es ist doch sicher schon sehr spät – viel zu spät, als
daß ich noch eine Bahn nach Hause bekäme. Ach, ich bin wie gerädert.
Komm, Mettelchen, wir legen uns beide in dein Bett, damit wir warm
werden. Frierst du auch so mordsmäßig?“
„Nein,“ sagte Mette kurz. „Leg du dich nur ins Bett. Ich will noch ein
bißchen lesen – ich bin noch zu wach.“
Gisela schlüpfte aus den Schuhen und kroch ins Bett.
„Ich lege mich ganz an die Wand,“ sagte sie, „du hast noch Platz.“
„Ja, ja, danke schön.“
Mette saß wieder ganz still in dem tiefen Sessel ...
Das Gewicht des Revolvers ließ sie wieder eine feine drückende Schnur im
Nacken spüren ...
Sie dachte über sich selbst nach und ihr war schwindelig, als sähe sie
einen Abgrund, den sie überquert hatte, ohne seine entsetzliche Tiefe
gewahr zu werden.
Hatte nicht vor einigen Minuten eine Stimme in ihr geschrien: Tu es
doch, gib ihr den Revolver, laß sie ein Ende machen, dann hast du Ruh’!
Wenn sie es getan hätte, dann hätte ein Schuß gekracht, Blut und Hirn
hätte sie bespritzt, im Zimmer läge jetzt eine Tote – oder eine
Sterbende.
Und sie, Mette Rudloff, hätte einen Mord begangen!
Aus Feigheit, aus Bequemlichkeit, aus kleiner, erbärmlicher Selbstsucht.
Sie hatte diesen Mord in Gedanken begangen. Es hätte nur einer harmlosen
Bewegung bedurft ...
Und dann ...
Sie schauderte zusammen.
Vom Bett her klang ein tiefes, ruhiges Atmen.
Mettes Mund verzog sich zu einem höhnischen Lächeln.
‚Sie hätte es nicht getan,‘ dachte sie, ‚die hätte es nicht getan.‘
Eine Landstraße dehnte sich weiß im Licht. In schattendunklen Ecken, wo
die Sonne niemals hinkam, lagen noch kleine bräunlich-zermürbte
Fleckchen Schnee. Die Obstbäume an beiden Seiten der Straße hatten
kugeldicke Knospen, an denen die dunkle Hülle schon weißschimmernde
Streifchen sehen ließ. Der Wald in der Ferne war überflogen mit einem
rötlichen lebenverkündenden Schleier.
Mette und Sophie wanderten die Straße entlang.
„Gott, ist das schön,“ sagte Mette und zog mit offenem Mund die reine
starke Luft in die Lungen, „es war ein wundervoller Gedanke von Nora,
uns einmal hinauszujagen!“
„Nora hat immer wundervolle Ideen,“ meinte Sophie mit einem heitern und
zärtlichen Stolz. „Sie weiß immer, was ich brauche und was mir gut tut,
viel besser, als ich selbst. Ich weiß nun allerdings meistens nicht, was
mir fehlt. Tatsächlich – ich fühle mich unbehaglich und weiß nicht, ob
ich schlafen möchte, oder essen, oder spazierengehen. Aber Nora sagt mir
dann: du mußt dich hinlegen, oder: du mußt an die Luft – und es ist
immer das Richtige.“
„Du hast es gut,“ sagte Mette mit einem kleinen nachdenklichen Seufzer,
„aber du weißt es wenigstens – darum gönne ich es dir auch.“
„Ja, ich weiß es,“ das klang fast andächtig. „Ich hab’ es so
unmenschlich gut! Ich weiß es – und du weißt es. Aber die wenigsten
Leute sonst machen sich einen rechten Begriff davon. Ich glaube, sie
überschätzen mich vielfach. Man hält mich im allgemeinen für viel
stärker und selbständiger, als ich in Wirklichkeit bin – für viel
männlicher, können wir ja auch sagen. Und dabei bin ich im Grunde so
entsetzlich hilflos! Ich kann arbeiten – aber doch nur, weil ich weiß,
für wen ich arbeite. Ich glaube, wenn ich nach der Arbeit in eine leere
Wohnung hinaufsteigen müßte, ich würde wahnsinnig vor Einsamkeitsangst,
oder ich würde Abend für Abend im Kaffee sitzen und trinken und rauchen,
bis mir das Leben erträglich erscheint. Ich weiß, daß manche Leute mich
bedauern, weil Nora krank ist. Denke dir, vielleicht klingt es brutal
und herzlos – aber manchmal empfinde ich es direkt als ein Glück, daß
sie sozusagen mit dem Haus verwachsen ist. Das Haus und sie – es bleibt
immer auf demselben Fleck und ist immer da für mich.“
„Es erwartet dich,“ sagte Mette mit trübem Lächeln, „und im Grunde
freust du dich jetzt schon auf den Abend, wenn du wieder heimkommst. Das
ist für dich das Schönste an dem ganzen Ausflug.“ – – –
* * * * *
Sie schritten bergan. Die Sonne brannte so, daß sie die Jacken öffnen
mußten.
„Was macht Gisela eigentlich?“ fragte Sophie. Man merkte es dem Ton an,
daß die Frage beiläufig und harmlos klingen sollte, und vielleicht darum
schon dreißigmal im letzten Moment zurückgehalten worden war.
„Es geht ihr schlecht,“ sagte Mette trotzig, „hast du schon einmal
erlebt, daß es ihr nicht schlecht ging?“
Sophie schüttelte den Kopf:
„Daß du nicht mehr Einfluß auf sie hast! Du bist doch im Grunde so eine
gesunde und kraftvolle Natur. Aber sie zieht dich hinunter, anstatt daß
du sie heraufreißt. Woran liegt es, daß du gar keinen Einfluß auf sie
hast?“
„Das liegt daran, daß ich sie nicht liebe,“ sagte Mette in einer
verärgerten Stimmung, die ihr lange schweigend getragene Gedanken über
die Lippen drängte, „und daran, daß sie mich nicht liebt. Glaub’ mir, in
jedem großen Einfluß, den ein Mensch auf einen andern ausübt, steckt –
ganz unbewußt vielleicht und ganz verborgen – ein Stück Liebe. Ich
wenigstens bin sicher nur zu beeinflussen, wenn ich liebe.“
„Du wirst aber beeinflußt,“ Sophie wurde plötzlich sehr ernst, „obgleich
du ja nicht liebst, wie du sagst. Du glaubst nicht, wie du dich für
einen unbefangenen Beobachter verändert hast! Als wir dich
kennenlernten, warst du so kinderjung – selbst wenn du ernst warst oder
melancholisch, es war eine so ungebrochene Lebenskraft in dir. Du warst
– wie soll ich es nur sagen? – wie eine Flamme, die noch fast bedeckt
ist, aber man spürt, daß sie sich durchfressen wird und plötzlich hell
und sieghaft auflohen.“
„Und jetzt?“ sagte Mette trübe. „Jetzt glimmt es und schwelt, und die
Glut läuft an den Kanten entlang, und manchmal züngelt noch irgendwo ein
ganz schwächliches blaues Flämmchen auf, aber man sieht, daß es keinen
Atem hat, es wird erlöschen, die Glut wird erlöschen, und es bleibt ein
dunkler, kalter, halbverkohlter rauchender Haufen – kein Aschenhaufen,
denn der hat ja seinen Zweck erfüllt, der hat sich in Flammen verzehrt
und hat Wärme gegeben – oder sonst seinen Zweck erfüllt. Glaub’ mir, ich
könnte auch meinen Zweck in der Welt erfüllen, wenn er auch noch so
gering ist – es müßte nur einer Feuer in mich hineinwerfen, mich in
Flammen setzen – das Material ist ganz gut.“
„Vielleicht,“ lächelte Sophie, „ist jeder Mensch so ein Haufen
Brennmaterial – mehr oder weniger gutes. Manche haben die Flamme direkt
von Gott – manche haben sie von brennenden Menschen. Aber es kommt auch
dann immer noch darauf an, ob das Häuflein am richtigen Platz verbrennt.
Es kann einem einzigen Wärme spenden, es kann, in einem Maschinenkessel
eingesperrt, Wunder vollbringen und Tausende übers Meer führen – es kann
auch wild um sich brennen und Städte und Wälder in Asche legen. Aber,
schön ist es immer, wenn’s brennt, und wenn es Pech und Werg und
Moorerde ist.“
Mette hob die Achseln – ihr war, als höbe sie eine Last hoch: „Ich bin
am Verlöschen, glaub’ mir – und habe mit meiner Kraft keinen erwärmt und
kein Rädchen in Bewegung gesetzt – und bin noch nicht einmal ausgebrannt
– das ist das schlimmste!“
Sie gingen ein paar Minuten schweigend. Sophie stieß mit der Stockspitze
nach Kieseln, die im Wege lagen, als wollte sie sie zersplittern.
Plötzlich warf sie den Kopf hoch.
„Geh’ weg von hier!“ sagte sie zwingend, „pack’ deine Koffer und fahr’
morgen nach Hause!“
„Ich hab’ kein ‚Zuhause‘,“ sagte Mette bitter.
„Dann fahr’ irgendwohin – in eine fremde Stadt, oder in die Berge, oder
in ein Bad. Irgendwohin, wo du fremd bist. Such’ dir einen Kreis
intelligenter, anregender, aber vor allen Dingen reinlicher Menschen.
Ich würde sagen: such’ dir _einen_ Menschen – aber da ist mit Suchen so
wenig getan. Es ist ja auch vorgekommen, daß einer auf der Straße eine
goldene Uhr oder eine gefüllte Brieftasche gefunden hat – darum wäre es
doch recht töricht, auszugehen, um goldene Uhren oder Brieftaschen zu
finden. Aber was du hier um dich hast – das sind ja keine Menschen für
dich.“
„Und du?“ fragte Mette, „du und Nora, und Eccarius, und Zeeden und
Johannes? – Ich hab’ hier ein Dutzend Menschen, die mir wohlwollen, die
freundschaftlich für mich empfinden, deren Gesichter mir vertraut sind –
ach, du ahnst ja nicht, wie unendlich viel das schon wert ist!“
„Ach, weißt du,“ Sophie lächelte nachdenklich, „man hat überall Freunde,
auch wenn man sie nicht kennt. Man kann ihnen ja entgegenfahren, um sie
kennenzulernen! Ich mußte einmal nach Marburg an der Lahn – ich kannte
keine Seele da und fürchtete mich ein bißchen, wie ich so durch die
Nacht fuhr, einer unbekannten Stadt entgegen. Da fiel mir meine
Namensschwester ein, Sophie Mereau, nach der sie mich auch immer Sophus
nennen – ich hab’ dir ja ihren Briefwechsel mit ihrem verrückten Mann zu
lesen gegeben – ich dachte daran, wie sie nach Marburg fuhr, auf der
Landstraße im Postwagen noch dazu, und was für Mut dazu gehört haben
mag, sich von allen Freunden loszumachen und in ein ungewisses Leben
hineinzufahren – in ein Leben mit diesem tollköpfigen, heißblütigen,
grüblerischen Seelensadisten, diesem Clemens. Und ich freute mich auf
die Stadt – ich wollte die Gassen aufsuchen, durch die sie ihre
täglichen Gänge machen mußte, und wollte suchen, was vielleicht damals
schon so war und was sich verändert hatte. Du glaubst nicht, wie mich
das beruhigte.
Denke dir, du kämest in eine Stadt, in der deine besten Freunde gewohnt
haben, von der sie dir immer erzählt haben, vielleicht fändest du sogar
ihr Haus, ihre Wohnung noch unverändert – würde es dir fremd vorkommen,
auch wenn sie lange gestorben sind? Und eigentlich haben wir doch in
jeder deutschen Stadt gute Freunde gehabt. Geh’ nach Weimar – es hört
sich sehr lächerlich an, wenn man sagt: ‚um auf Goethes Spuren zu
wandeln.‘ Aber da ist kein Weg und kein Platz und kein Park und kein
Dorf in der Umgegend, das dir nicht vertraut vorkommt und wo du nicht
sagst: aha, das war da! und hier geschah das! Und wenn du durch die
Straßen gehst und die Gedächtnistafeln an jedem dritten Haus siehst,
dann kommt es dir vor, als wären es Türschilder von guten Bekannten, und
wenn du Lust hast, kannst du auch hinaufspringen und durch ihre
Wohnräume gehen – du bist bei Goethe ein ebenso gern gesehener Gast wie
bei Liszt – nur schade, sie sind gerade nicht zu Hause – es wäre schön,
ihnen einmal die Hand zu drücken – aber das ist ja nicht das
wesentliche. Wir wissen ja, was sie uns zu sagen haben. Wir nehmen
irgendwelche alte Briefe vor, zum Beispiel – ganz gewiß, wenn Goethe
noch lebte, würde er uns niemals lesen lassen, was er Lida schrieb – und
so kennen wir ihn ja eigentlich viel besser, als wenn wir ihn wirklich
gekannt hätten!“
„Wie du mich manchmal an Olga erinnerst,“ sagte Mette kopfschüttelnd.
„Das ist deine Freundin, die gestorben ist?“ fragte Sophie sehr zart,
mit Augen, in denen Angst und Trauer stand.
„Ja!“ Mette konnte lächeln. „Sie konnte auch Leute lieben, die hundert
Jahre tot sind. Nur daß bei ihr Leidenschaft werden konnte, was bei dir
doch immerhin mehr Freundschaft und Verehrung ist. Ich komme mir
manchmal sehr klein und sehr tierisch vor – aber mir gibt immer noch
eine warme Hand oder ein schlagendes Herz oder ein lebendiger Atem
tausendmal mehr das Gefühl menschlicher Nähe, als ein Bild oder ein
Buch, aus dem eine ganze Seele mich unverhüllt ansieht. Aber ich gebe
zu, daß das ein Manko ist.“ – – –
* * * * *
Die Wege im Wald waren mit Tannennadeln bedeckt. Kleine Quellen, vom
schmelzenden Schnee gespeist, suchten sich hastig und rücksichtslos ihre
Straße meerwärts und überrieselten in vielfach geteilten, schmalen und
breiten Rinnsalen die Fußsteige, um sich in das Bachbett zu stürzen.
Gefällte Baumstämme lagen quer über den Weg und wollten umgangen oder
überklettert sein.
Nach jedem dritten oder vierten Baum schien ein ebener, weithin
sichtbarer, gebahnter Pfad zwischen den geraden Reihen der hohen
Fichtenstämme zu laufen. Der Boden war rings umher mit einer ganz
gleichmäßigen dicken Schicht abgefallener Nadeln überzogen, die unter
jedem Tritt leise knackten und knirschten.
Sophie und Mette schlugen irgendeinen dieser Wege ein, im Gespräch
vertieft. Aber sie merkten nach einer Weile, wie unter dem Nadelteppich
Moospolster sich hoben, Wurzeln sich streckten. Der Boden wurde
unebener, Löcher wechselten mit kleinen Hügelchen.
„Ich finde diesen Weg nicht sehr gepflegt,“ erklärte Sophie lachend,
„wollen wir umkehren oder sehen, daß wir hier irgendwo weiter und wieder
hinaus kommen?“
„Weiter,“ entschied Mette, „umkehren ist mir gräßlich! Dann hat man alle
Unannehmlichkeiten, die man noch in ganz frischer Erinnerung hat, noch
einmal zu bestehen und ist schließlich wieder am Ausgangspunkt. Lieber
will ich dreimal solange und über dreifach schwierigeres Gelände gehen,
aber geradeaus und auf unbekannten Wegen.“
„Das versteh’ ich,“ lachte Sophie, „ich hab’ immer gesagt, das muß das
schlimmste am Kinderkriegen sein, daß man es dreiviertel Jahr lang
vorher weiß. Nur nicht wissen, was einem bevorsteht. Also – dann:
durch!“
Jede Andeutung eines Pfades hatte längst aufgehört. Das Gestrüpp des
Heidelbeerkrautes schlug ihnen bis fast an die Knie und ließ kein
Plätzchen frei, wohin sie nur den Fuß hätten setzen können, ohne die
zähen, holzigen Stiele unter der Sohle zu biegen. Abgebrochene Äste von
der Größe junger Bäume, manche noch mit grünen Nadeln bedeckt, die
meisten nackte, schwarze, traurige Gerippe, mit grauer Flechte
überzogen, reckten sich ihnen entgegen, griffen mit Hakenarmen nach
ihren Füßen, ihren Kleidern, als böten sie allen Willen eines lebenden
Wesens auf, um sie nicht durchzulassen oder mitgenommen zu werden.
Die Stämme wurden schlanker, traten dichter zusammen. Ihre unteren Äste,
zu denen die Sonne niemals durchdringen konnte, waren abgestorben,
schwarz und dürr, grau übersponnen, und sie griffen nacheinander,
schienen miteinander verwachsen, daß die beiden sich nur mit Mühe durch
sie hindurchdrängen konnten oder sich bücken mußten, um unter ihnen
wegzukriechen, wobei sie dann doch mit den Köpfen anstießen und im
windzerwehten Haar allerlei abgesplitterte Zweigendchen oder trockene
Flechte mitrissen.
„Wir sind im Zauberwald,“ flüsterte Mette, „gleich kommt der Herr des
Berges, was meinst du – soll es ein Zwerg oder ein Riese sein?“
„Dort liegt das Feenschloß.“ Sophie deutete auf eine Stelle, wo es wie
eine goldene Wand durch die Äste schimmerte. „Wenn wir dort sind, sind
wir geborgen! Komm, Schwesterchen, gib mir die Hand, wir laufen, was wir
können!“
Sie strebten vorwärts, so rasch es ging. Dort hinter den Bäumen stand
lichter Himmel, sonnige Weite. Schon traten die Stämme mehr auseinander,
an den glatten Rinden spielten Sonnenflecke.
Sie traten wie aus einem Tor ins Freie. Ein Abhang lag zu ihren Füßen,
nach Süden gewandt, ganz getränkt und geblendet von Sonnenlicht.
Laubbäume standen hier, Buchen und Eichen, und streckten die ganze
Pracht ihrer kahlen Kronen wie starkes und zierliches Schmiedewerk gegen
den blauen Glanz des Himmels. Im Unterholz aber waren schon ungeduldige
Knospen gesprungen und falteten die fein gekrausten, von Frische
glänzenden Blättchen auseinander.
Zwischen dem grauen, verwitterten Laub am Boden drängten sich grüne
Spitzchen hervor, blaue Leberblümchen und weiße Windröschen hatten die
Kelche weit, weit aufgetan, um die kosenden Strahlen einzusaugen.
Ein breiter weißer Weg führte unten vorbei, von jungen Birken gesäumt,
deren schleierzartes, hängendes Astwerk besät war mit gelben
Blütenbüscheln. Er machte unter dem Abhang eine Biegung und lief ein
Stück sanft, fast eben, weiter talwärts. Da, wo man ihn aus den Augen
verlor, lag überraschend wie ein köstliches Wunder der glatte Spiegel
eines Sees so gleißend im Sonnenlicht, daß er die Augen blendete.
Daneben ragten rote Dächer, weißes Mauerwerk – das Ziel.
„Herrgott, ist die Welt schön!“ jauchzte Mette, „oh, Sophus, ich bin dir
ja so wahnsinnig dankbar, daß du mir das mal wieder zum Bewußtsein
gebracht hast!“
„Wir wollen oft zusammen ins Freie,“ sagte Sophie, „ich will dir alles
zeigen, was ich früher – ganz früher – so hundertmal gesehen habe, immer
in so verzweifelter Einsamkeit und immer in so zerfressender Sehnsucht
nach einem Menschen, dem ich das alles zeigen könnte. Wir müssen gehen,
wenn die Obstbäume blühen, und nachher, wenn der ganze Wald voll
Heckenrosen und Gaisblatt steht, oh, und im September, wenn das Laub
bunt wird.“ Sie faßte nach Mettes Hand und preßte mit einem fast
schmerzend festen Druck die Finger um das Gelenk. „Du sollst auch nicht
fortgehen – das war ja alles Unsinn, was ich dir vorhin gepredigt habe.
Wir werden schon sehen, dein Leben hier zurechtzukriegen – wir müssen
dir nur eine Arbeit suchen – und du mußt dir ein nettes, kleines Heim
einrichten, daß du nicht mehr in der scheußlichen Pension zu wohnen
brauchst – und dann mußt du feierabends kommen und gemütlich bei uns
sitzen, und einmal in der Woche müssen wir uns freimachen von aller
Arbeit und von morgens bis abends in den Bergen herumlaufen.“ Sie
wechselte plötzlich den Ton und sagte komisch trocken: „Und dann müssen
wir uns verlaufen und müssen die Dächer, aus denen das von Gott uns
bestimmte Mittagessen raucht, vor der Nase haben und an einem Abhang
stehen, den wir nicht hinunterkommen – oder?“
„Wir kommen!“ sagte Mette zuversichtlich. „Schon weil uns nichts anderes
übrigbleibt. Oder wollen wir uns vielleicht vom Ziel entfernen, um einen
bequemeren Weg zu suchen? Ausgeschlossen!“
Im Anfang, als die Füße in dem raschelnden Laub versanken, ging es ganz
gut. Aber auf dem letzten Streifen, kaum haushoch über der Chaussee,
standen wieder Fichten und Kiefern, und der nadelbedeckte Boden war in
der Sonne glatter als gebohntes Parkett.
Sophie, die das Bergauf-bergab von Kindheit an gewohnt war, stand – wenn
auch in letzter Zeit aus der Übung gekommen – doch auf festeren Füßen
als Mette, die von Schritt zu Schritt nach einem Ast suchte, an dem sie
sich halten konnte. Sophie streckte ihr die Hand hin, aber Mette schlug
ehrgeizig jede Hilfe aus; dabei fingen sie beide an zu lachen, über sich
selbst, über den andern, über das kleine Abenteuer, über Scherzworte,
die sie sich zuriefen, es brauchte nur der Warnung des andern, daß man
fallen würde, der Ahnung einer wirklichen leichten Gefahr, um das
Gelächter, das man unterdrücken wollte, in tolle, kindische Lustigkeit
ausarten zu lassen. Mette lachte, daß ihr die Tränen aus den Augen
stürzten, sie sah nicht mehr, wohin sie trat, die Füße glitten unter ihr
weg, ein Zweig, an dem sie sich hielt, knickte ab und blieb ihr in den
Händen; sie wäre unfehlbar gestürzt, wenn nicht Sophie, einen Fuß gegen
eine Wurzel gestemmt, sich ihr entgegengebeugt, sie aufgefangen und
gehalten hätte. Einen Augenblick lagen sie so Brust an Brust, heiß,
lachend, mit hastigem Atem und schlagenden Herzen. Im selben Augenblick
wurden beide ernst, neigten die Gesichter zueinander und legten
willenlos und demütig Mund auf Mund.
Mette schloß die Augen. Sie fühlte Sophies fiebernde Lippen auf ihren
Lidern, ihren Schläfen, ihren Wangen. Sie hörte ihre heiße Stimme
flüstern:
„Rühr’ dich nicht, wehr’ dich nicht, sonst stürzen wir beide hinunter!“
Sie dachte nicht daran, sich zu wehren. Sie dachte nicht daran, sich zu
rühren. Sie hielt reglos still, das Herz wurde ihr groß und warm, und
ihr war, als müsse es unter Liebkosungen aufblühen wie ein junger Baum
im Maienregen. – – –
* * * * *
Sie aßen Mittag unter dem freundlich winkenden roten Dach und fuhren
über den silbernen See und wanderten nach der Bahnstation, und waren
bald ausgelassen, bald sentimental, aber immer zuvorkommend und
ritterlich gegeneinander – und sie sprachen von tausend Dingen, nur
nicht von sich selbst und nicht von dem, was sie dachten und empfanden.
Auf dem kleinen Bahnhof saßen sie zwischen andern Leuten, schweigsam und
müde, und warteten auf den Zug. Die frühe Dunkelheit brach an, die
wenigen Laternen warfen trübes Licht in das blaue Dämmer. Mette fing an
zu frieren und drückte das Gesicht in den hochgeschlagenen Kragen.
Endlich kam der Zug. Sie suchten beide nach einem leeren Abteil, ohne
diese Absicht auszusprechen. Sie fanden eines und stiegen ein.
‚Nun wird alles gut,‘ dachte Mette, ‚ich will meinen Kopf an ihre
Schulter legen und mir leise gute Worte sagen lassen. Dann wird das
Frösteln aufhören.‘
Sophie saß neben ihr, ein wenig vorgebeugt, und sah aus dem Fenster,
ohne ein Wort zu sprechen – lange, lange. Draußen glitten Felder und
Wälder vorbei, immer dichter in Dunkelheit gehüllt, selten durch ein
helles Fenster, eine einsame Laterne unterbrochen. Endlich wandte Sophie
Metten das Gesicht zu – ein Gesicht, das im schwachen Schein des
flackernden Gaslämpchens gespannt in allen Zügen, ernst und totenblaß
aussah.
„Ich habe dir heut’ morgen etwas gesagt, Metti,“ fing sie an –
schwerfällig, stockend, und doch so, als hätte sie die letzte
schweigsame Stunde dazu verwandt, es auswendig zu lernen, „denk’, es
wäre das einzige gewesen, und vergiß alles, was ich sonst gesagt oder
getan habe. Ich hab’ dir gesagt: geh’ weg von hier! Und ich bitte dich
jetzt, wenn du das geringste – Wohlwollen für mich hast: geh’ weg von
hier! Ich weiß seit beinah’ dreißig Jahren, daß ich ohne Nora nicht
leben kann. Ich habe es mir selbst bewiesen – ich bin in jeder Hinsicht
verkommen, als ich den Zusammenhang mit ihr ganz verloren hatte, und ich
bin ein Mensch und ein Arbeiter geworden, von dem Moment an, wo sie bei
mir war. Ich lebe seit fünf Jahren in der Überzeugung, daß ich restlos
glücklich bin. Ich darf mir diese Überzeugung durch nichts erschüttern
lassen. Ich darf niemals auf den Gedanken kommen, daß es eine
Lebensmöglichkeit für mich gibt außer Nora. Sie würde es fühlen, und sie
würde gehen. Sie erträgt ihre Leiden nur, weil sie mir bedingungslose
Notwendigkeit ist. Sie würde ein Ende machen, wenn sie wüßte, daß ich
mich eine Stunde lang wohlfühle ohne sie. Vielleicht hast du uns so
gern, daß es dir ein Opfer ist, den freundschaftlichen Verkehr mit uns
aufzugeben. Ich möchte beinah sagen: ich hoffe es.“ Sie senkte den Kopf
sehr tief, damit man das Zucken ihrer Lippen nicht sah. „Aber ich weiß,
daß du dieses Opfer bringen wirst, weil du eine Ahnung hast, um was es
geht. Ich habe mich überschätzt. Es ist sehr schlimm, sich das
eingestehen zu müssen. Wenn du fort bist, werd’ ich es Nora beichten –
aber nicht jetzt, solange es ihr nur eine Minute die Ruhe nehmen könnte.
Ich würde auch jetzt nicht den richtigen Ton dafür finden!“ Sie sah
wieder aus dem Fenster.
Mette war die Kehle trocken.
„Natürlich,“ sagte sie gedankenlos, „selbstverständlich.“ Und immer
wieder: „Ja – selbstverständlich – natürlich,“ ohne zu wissen, was sie
damit meinte.
Als der Zug hielt, sprang Sophie heraus und faßte Mettes Ellbogen, um
ihr beim Aussteigen zu helfen. Aber sie ließ sie gleich wieder los, und
beide lächelten verlegen und schmerzlich.
Auf dem Bahnsteig gaben sie sich mit festem Druck die Hand.
„Komm gut nach Hause, Kind,“ sagte Sophie. „Und gut durchs Leben. Und
ich danke dir – für alles.“
„Ich dir auch,“ antwortete Mette tonlos.
Dann ließ die gute feste Hand sie los.
Einen Augenblick trafen sich ihre Augen, glitten ineinander, dann irrten
sie wie aufgescheucht nach irgendeinem hellen Fleck in der Ferne.
Sophie wandte sich. Sie vergrub beide Hände in den Taschen, drückte den
Kopf in den Nacken und schritt weit aus.
Eine Weile überragte sie noch das Gewühl der strömenden Menge, dann
tauchte die hohe Gestalt unter und verschwand.
Langsam, mit schweren Füßen, wandte sich Mette nach der andern Treppe.
Mette hatte das Fenster weit aufgemacht, einen Stuhl dicht daran
gestellt und saß nun, beide Arme auf die Brüstung gestützt, das Gesicht
in die Hände gelegt und starrte zu dem Stückchen Nachthimmel auf, das
die Häuser freigaben. Sie suchte den Antares – „ihren Stern“. Aber die
Mauern verbargen ihn.
Die Luft war weich und warm, fast schwül. Manchmal wehte von irgendwoher
ein Duft wie von Akazien oder Tuberosen. Irgendwo war Musik. Man hörte
mancherlei Geräusch aus dem Schacht des Hofes heraufdringen.
Geschirrklappern, Lachen, Sprechen, Singen – das kam, weil alle Fenster
offen standen.
Mette fühlte sich an irgend etwas erinnert, an eine sehr glückliche
Zeit, die begleitet war von diesen noch ungewohnten Geräuschen des
jungen Sommers. Aber sie konnte sich nicht besinnen, wann und wo das
gewesen war. Vielleicht in ihrer Kindheit, wenn sie abends am Fenster
ihres weißen Mädchenstübchens saß, zu den Sternen hinaufstarrte und in
den Garten hinunter und ganz erfüllt war von der ahnenden Erwartung des
Lebens, das kommen sollte – des großen, starken, brausenden Lebens,
dessen Widerhall an Sommerabenden das von Häusern umschlossene Viereck
zu durchzittern schien – so wie das Brausen des Meeres sich in einer
Muschel fängt und weitersummt.
Oh – wie schön müßte es sein, auf irgend etwas zu warten. Auf das
Namenlose, das Unbegreifliche ... vielleicht kam es doch noch! Was wußte
menschlicher Verstand! Vielleicht waren da oben keine Welten, wo
unselige Lebewesen von Qual zerfressen wurden und sich gegenseitig
zerfleischten. Vielleicht waren es Löcher im dunklen Vorhang, der den
goldenen Thronsaal verhüllt, oder Blumen auf dem Wiesenteppich, über den
die Seligen wandeln ...
Vielleicht war Sterben schön ...
Vielleicht war es ein Moment unbeschreiblichen Jubels, mit dem die Seele
sich aus dem zerfallenden Kadaver aufschwang ... vielleicht, sie schloß
die Augen – eine Welle der Erregung überflutete sie, daß ihr schwindlig
wurde – vielleicht würde sie im Augenblick des Sterbens Olga sehen ...
sehen? wenn der Mechanismus von Linsen und Sehpurpur und Nerven zerstört
war? ... aber fühlen ... ahnen.
Es gab nur zwei Möglichkeiten – entweder das Bewußtsein blieb erhalten,
oder es verflüchtigte sich. Im ersteren Fall war es kein größeres
Risiko, eine andere Daseinsform anzunehmen, als etwa die Wohnung zu
wechseln – im letzteren gab es keinen Schmerz, keine Reue, keine Trauer
über das vertane Leben ...
Mette starrte nach den Sternen. Sie dachte daran, daß Olga ihr einmal
erzählt hatte, wie sie durch die Kraft ihrer sehnsüchtigen Wünsche fast
die Seele vom Körper gelöst hätte und auf die Wanderschaft geschickt.
Mette fühlte, daß sie diese suggestive Macht über sich selbst nicht
hatte. Aber vielleicht konnte sie nachhelfen, der gefangenen Seele ein
kleines Tor aufsprengen – in der Brust oder in der Schläfe.
Ob sie wohl abdrücken würde, wenn sie jetzt den Revolver in Händen
hielte? – – –
* * * * *
Aber der Weg durch das Zimmer war weit. Eh’ sie den dritten Schritt
getan hätte, würde die feige Angst wieder da sein, und der brennende
Wunsch nach den ganz kleinen, dummen, niedrigen Freuden des Lebens ...
es müßte so nett sein, jetzt auf einer der Terrassen der
hellerleuchteten Kaffeehäuser zu sitzen, Eis zu essen und Musik zu hören
– nicht allein natürlich – in einem Kreis ruhiger, harmloser,
bürgerlicher Menschen.
Es müßte sehr nett sein ...
... schöne und elegante Frauen an sich vorübergehen zu lassen – die auf-
und abwogenden Leute zu bewundern oder zu bespötteln – sich von süßen
und sentimentalen Geigenmelodien streicheln zu lassen ...
Und Eis mit Früchten! ...
Freilich, Sterben war vielleicht schöner ...