Mette lächelte: „Also, weil ich fürchtete, allein zu sein!“

„Das ist eine höfliche Lüge,“ sagte Gisela, „aber trotzdem – ich bin

schon dankbar, daß ich Ihnen eine Lüge wert bin. Denn ich glaube, Sie

lügen selten.“

„Ich weiß nicht.“ Mette dachte ernstlich darüber nach. „Ich glaube, ich

habe als Kind ziemlich viel gelogen. Überhaupt, solange ich noch in

‚erzieherischen Händen‘ war. Aber es war ein unfrohes und phantasieloses

Lügen – ich habe mir niemals mit Begabung interessante Geschichten

ausgedacht –, es war wohl mehr ein Leugnen, ein sehr standhaftes und

hartnäckiges.“

„Lügen und leugnen – das ist ein himmelweiter Unterschied. Da haben Sie

ganz recht. Aber wenn ein Kind leugnet, heißt es immer ‚es lügt‘ und ‚es

ist verlogen‘. Und dabei ist es vielleicht nur schamvoll und

hartschädelig und verbohrt. Ich bin so entsetzlich falsch behandelt

worden als Kind – warum haben Sie keine Kinder? – Sie wären sicher eine

gute, verständnisvolle Mutter.“

„Ich habe noch nicht darüber nachgedacht.“ Mette hob die Achseln. „Ich

habe mir immer eingebildet, jede Mutter wäre gut und verständnisvoll –

aber das mag wohl daran liegen, weil ich meine nie gekannt habe.“

Gisela lachte bitter auf: „Ich wollte, ich hätte meine auch nie

gekannt!“

Mette griff fast erschrocken nach Giselas Hand:

„Das klingt furchtbar, wenn Sie so etwas sagen! War sie so schlimm?“

„Schlimm? Oh, gar nicht schlimm!“ In ihrer Stimme tanzte eine erzwungene

Leichtigkeit, „sie war eine brave, tüchtige, vortreffliche Frau. Aber

meinem Vater war sie auch zu brav und vortrefflich. Er hat sie verlassen

und hat sich zwei Jahre später aufgehängt. Und da ich ihm ähnlich war –

schließlich konnte ich nichts dafür, meine Mutter hatte ihn sich ja zum

Gatten ausgesucht und nicht ich ihn mir zum Vater –, aber weil ich so

ganz in die väterliche Familie hineingeschlagen bin, sah mich meine

Mutter schon von vornherein als erblich belastet an. Wissen Sie, es gibt

Menschen – und zu denen gehörte meine Mutter – die sind so sittlich, daß

sie überall Unsittlichkeiten wittern. Wir mußten mit den Händen auf der

Bettdecke schlafen, und wenn wir es einmal im Schlaf vergaßen, und meine

Mutter kam, um zu kontrollieren, dann riß sie uns die Decken weg. Ich

schwöre Ihnen, ich wußte nicht einmal, warum sie das tat.“

Mette wußte es auch nicht, aber sie fragte auch nicht, weil sie sich

schämte, ihre Unwissenheit einzugestehen und mehr noch, weil sie ahnte,

daß eine Erklärung ihr peinlich sein würde.

„Das war der Anfang.“ Gisela sprang auf und begann, ruhelos mit

unhörbaren Schritten auf dem dicken Teppich hin und her zu gehen. „Und

dann ging es weiter. Mit vierzehn hatt’ ich meine ersten heimlichen

Rendezvous. Mit einem Tanzstundenjüngling, einem kleinen Gymnasiasten,

der womöglich noch harmloser und idealer war als ich. Wie diese Untat

ans Licht kam, wurde ich einem furchtbaren Verhör unterworfen: Ob wir

uns geküßt hätten, ob wir uns umarmt hätten, und wann und wo und wie ...

ich bin dadurch erst auf den Gedanken dieser Möglichkeiten gekommen ...

Genau so wie in der Schule: dicht neben der Schule war ein Papierladen,

wo wir immer unsere Hefte kauften. Der Mann hatte Ansichtskarten im

Schaufenster, und dabei ein nacktes Frauenbild – die Reproduktion

irgendeines Kunstwerkes. Aus dieser Postkarte wurde ein fürchterlicher

^cas^ gemacht. Es wurde herausgepreßt, wer von den Mädels vor diesem

Schaufenster stehengeblieben war; Eltern und Lehrer gingen gemeinsam vor

und zwangen den Mann, alle anstößigen Bilder aus seinem Laden zu

entfernen. Widrigenfalls uns anbefohlen wurde, ihn zu boykottieren. Was

war die Folge? Es wurde geradezu Sport bei uns, uns irgendwelche

Aktbilder zu verschaffen – in der Religionsstunde zirkulierten sie dann

unter den Tischen, mit Unterschriften und Bemerkungen versehen – es war

wie ein ansteckendes Fieber in der ganzen Klasse, aber den Bazillus

hatte man mühsam hineingetragen.

Vielleicht war in einigen unter uns, vielleicht in vielen, eine mühsam

zurückgedämmte, unreife Sinnlichkeit – aber Kinder sind lange nicht so

schamlos wie Erwachsene und fürchten sich viel mehr, zurückgewiesen zu

werden – durch das allgemeine Gespräch über das ‚unsittliche‘ Bild

wurden alle Hemmungen übersprungen ... es sprach natürlich jetzt jeder

mit jedem von ‚so etwas‘.

Ich habe mich gewehrt, kann ich Ihnen sagen, ich wollte nichts damit zu

tun haben – vielleicht hab’ ich mich aus Angst gewehrt, weil ich fühlte,

daß mir Schicksal werden könnte, was den andern nur Spielerei war ...

wissen Sie, wie Kinder in solchen Fällen sind? Oh, so grausam, so

wollüstig, so sadistisch ... weil ich mich wehrte, wurde ich verfolgt

... die ganze Klasse war gegen mich verschworen; ich mußte sehen, was

ich nicht sehen wollte, ich mußte hören, was ich nicht hören wollte, ich

mußte tun, was ich nicht tun wollte – ich wurde in einen Kessel

hineingetrieben, aus dem ich nicht wieder herausfand.“

Sie faltete die Hände und riß die Finger wieder auseinander, daß die

dünnen Gelenke knackten, als wollten sie zerbrechen.

„Nein, wie kann man sich nur selber Blumen kaufen,“ sagte sie plötzlich,

vor den Nelken stehenbleibend, „warum tun Sie das? Haben Sie an

irgendeinen Menschen gedacht, dem Sie sie bringen wollten? Und haben es

dann vielleicht nur nicht getan, weil – ja, vielleicht, weil Sie gerade

verstimmt miteinander sind.“

„Ich habe keinen Menschen auf der Welt, dem ich Blumen bringen könnte,“

sagte Mette bitter, „höchstens ein Grab, und das kann ich nicht

erreichen.“

Sie wußte selbst nicht, wie sie dazu kam, das auszusprechen. Sie wurde

glühend rot bei dem Gedanken, daß sie in den Fehler der Vertraulichkeit

verfallen könnte – einen Fehler, den sie andern mit einer gewissen

überlegenen Nachsicht verzieh, den sie an sich selbst so haßte, daß sie

wochenlang keine Ruhe fand, wenn sie sich einmal darauf ertappte.

Vielleicht aber war es nicht einmal das Bedürfnis, sich anzuvertrauen.

Vielleicht war es schlimmeres als das. Vielleicht war es irgendwo – noch

ganz im Unbewußten – der Wunsch, sich mit diesem heiligen, vernichtenden

Schmerz zu drapieren, sich einen neuen, mystischen Reiz zu geben in den

Augen dieser ... dieser ...

In diesem Augenblick haßte Mette Gisela Werkenthin.

Es war, als ob Gisela diese Regung fühlte. Sie hatte eine Bewegung

begonnen, als wolle sie auf Mette losstürzen, sie mit tröstender,

mitleidiger Zärtlichkeit überschütten – und unterbrach sich, um mit

gesenktem Kopf und ineinandergeschlungenen Händen sich auf das Fußende

des Diwans zu kauern.

„Versprechen Sie mir eines,“ sagte sie leise und wie mit einer niemals

aufzuhellenden Freudlosigkeit in der Stimme, „wenn ich einmal tot bin,

legen Sie mir Blumen aufs Grab. Nicht zum Begräbnis und nicht einen

großen bestellten Kranz.

Ich denke es mir so schön, wenn ich Besuch bekomme, wenn ich schon lange

da liege und schlafe – ich liebe Friedhöfe so ... am meisten, wenn sie

ein bißchen verwildert sind, ich möchte kein wohlgepflegtes Prunkgrab –

einen grauen Stein, schon halb eingesunken und halb mit Efeu überwuchert

... und dann eine schöne Frau im weißen Kleid, die davor steht – nur

eine Minute an mich denkt – nicht mit Schmerz, nur mit einer milden

Wehmut, und eine Handvoll Blumen über mich streut – ich werde es fühlen,

oh, ganz gewiß, ich werde es fühlen.“

Mette richtete sich auf und faßte sie rüttelnd an beiden Schultern.

„Kind!“ sagte sie, „und darum ersuchen Sie mich? Ich werde meine Enkelin

beauftragen! Wenn der Stein auf Ihrem Grabe eingesunken ist, flattert

meine Asche längst im Winde.“

„Wie lange dauert es, bis ein Stein einsinkt?“ fragte Gisela in einem so

komisch-ungeduldigen Klageton, daß Mette auflachte.

„Noch sind Sie ja nicht tot und begraben,“ sagte sie tröstend.

Da sprühten ihr die dunklen Augen wie mit einem plötzlichen Aufflackern

entgegen:

„Leider!“ sagte die tonlose Stimme, fast zischend vor Bitterkeit.

Wieder war in Mette eine leise Abwehr.

‚Sie hat sicher kein Recht, so zu sprechen,‘ dachte sie, ‚sie hat sicher

nicht so Schweres erlitten ... aber schließlich, wer will abmessen, was

einem das Recht auf Verzweiflung gibt, und vielleicht macht es noch

viel, viel müder, gegen sich selbst zu kämpfen, als gegen das

Schicksal.‘

Da wich die Abwehr, und es war nur ein heißes, hilfloses Mitleid in ihr.

Sie fing an, mit zaghaften Händen das weiche, wirre, dunkle Haar aus der

weißen Stirn vor ihr zu streichen. Die brennenden Augen schlossen sich,

und auf das schmale Gesicht trat der Ausdruck einer stillen,

sehnsüchtigen Seligkeit.

Da Gisela reglos stillhielt und kein Atemzug, kein Pulsen der Adern zu

spüren war, überkam Metten ein unheimliches Gefühl.

„Machen Sie die Augen auf,“ bat sie ängstlich, „es macht, glaub’ ich,

dies verwünschte violette Licht – Sie sehen aus wie eine marmorne

Totenmaske.“

Die breiten Lider hoben sich schwerfällig. In den weit offenen Augen war

eine schachttiefe, lichtlose Leere, in die erst allmählich Blick und

Leben wiederkehrte.

„Glauben Sie mir, kleine Mette,“ sagte sie mit ihrer leisen, kranken

Kinderstimme, „ich werde sehr bald tot sein.“

„Was denken Sie sich unter ‚tot sein‘,“ fragte Mette zaghaft.

„Eine tiefe, kühle, unzerstörbare Ruhe.“ Sie schloß die Augen, und

sofort glich ihr Gesicht wieder einer marmornen Maske.

„Ewige Ruhe – das war schon in meiner Kindheit wie eine Melodie, wie ein

süßes, geheimnisvolles, verlockendes Lied – als ich ganz klein war und

mir gar nichts dabei denken konnte, hab’ ich es gehört – es war ein

typischer Ausdruck meiner Mutter: der oder der ist zur ewigen Ruhe

eingegangen. Und es hat mich nicht mehr verlassen, ich hab’ es mir immer

gewünscht: zur ewigen Ruhe einzugehen.“

Ihre hohe Stimme hatte einen verschwebenden körperlosen Ton.

Unter den langen dunklen Wimpern, die wie Schatten auf den schmalen

Wangen lagen, begann es zu blinken, zu glitzern, ein paar Tropfen lösten

sich und perlten herunter.

Mette hatte immer noch die beiden Hände um die blaugeäderten Schläfen

geschlossen.

„Nein,“ sagte sie, und ohne selbst zu wissen, was sie mit diesem ‚nein‘

meinte, „nein, nein, nein!“

Die Lider hoben sich wie ein Vorhang, und die Augen, ganz erfüllt mit

Tränen, in denen das Licht sich brach, schienen noch größer, noch

brennender als sonst.

„Nein,“ sagte Gisela, „nein, nein, nein! Noch keine ewige Ruhe, kleine

Mette, kleine süße schöne Mette! Aus deinen Fingerspitzen strömt Leben,

auf deinen Lippen blüht Leben, aus deinen Augen strahlt Leben. Mir ist,

als ob ich schon tot wäre, und du rührtest mich an und sagtest: steh auf

und wandle! Oh, wie schwer muß es sein, aus einem schmalen, kühlen Sarge

wieder aufzustehen, weil es einem Wundertäter so gefällt!

Ich bin gestorben, kleine Mette, an einer tödlichen Krankheit gestorben,

die Fiametta heißt. Wenn du Tote beschwören willst, kleine Zauberin,

dann mußt du sie mit deinem Blute nähren, das weißt du doch. Wenn ich

leben soll, dann muß ich von deinem Leben trinken.“

Die schmalen Hände krallten sich wie Raubtierpranken in Mettes Schultern

und preßten sie zurück auf die Kissen – auf dem ihren ausgestreckt lag

der leichte sehnige Körper, dicht über dem ihren schwebte das weiße

Gesicht mit den brennenden Augen.

Angst, Grauen, Widerwillen, Mitleid, Zärtlichkeit und das betörende

Brausen des eignen und des fremden Blutes stürzten zusammen zu einem

tosenden Wirbel, der jeden Gedanken in einem buntschäumenden Abgrund

verschlang.

Deine arme silberne Seele

atmet so schwer in Blut ...

Mette saß in Sophiens Werkstatt auf einem Marmorblock und spielte mit

kleinen Klumpen feuchten Tons, die sie zu allerhand wunderlichen

Gebilden formte.

Sophie sah manchmal mit einem raschen Blick von der Arbeit auf und auf

Mettes spielende Finger.

„Du hast Talent,“ sagte sie mit gutmütigem Spott, „was machst du da

eigentlich? Es sieht aus wie Wasserspeier von einem gotischen Dom! Oder

sind es Seepferdchen?“

„Ich weiß nicht,“ sagte Mette, ohne aufzusehen, „vielleicht ein Symbol

meines Lebens. Mir schwebt irgend etwas vor, aber ich sehe es nicht

klar. Ich knete und knete daran herum und denke, ihm eine Form zu geben

... und wenn man es bei Licht besieht ... sind es Fratzen.“

Sie ballte die Klümpchen in der Hand zusammen und schleuderte sie in

eine Ecke.

Sophie legte ihr Arbeitszeug aus der Hand und kam ein paar Schritte

näher.

„Willst du dein Leben auch so beiseite werfen, wenn es dir nicht gleich

gelingt?“ fragte sie mit lächelndem Ernst.

„Warum nicht?“ erwiderte Mette, „glaubst du, daß ein Menschenleben mehr

wert ist, als ein Klümpchen Ton? Es kann das Höchste daraus werden, wenn

ein formender Wille es in die Hand nimmt – aber wenn ungeschickte Finger

daran herumstümpern und doch nichts zu Wege bringen – dann in die Ecke

damit.“

„Ja, da hast du recht – das Material ist wertlos – erst die Idee gibt

ihm den Stempel.“

Sophie ging an den Waschtisch und ließ das Wasser über die Finger

rieseln, trocknete die Hände und zog den Leinenkittel aus.

„Willst du schon aufhören?“ fragte Mette erstaunt.

„Ja, dein Gesicht gefällt mir heut nicht,“ gab Sophie zurück, während

sie die feuchten Tücher um das Tonmodell wickelte. „Ich will dich nicht

so der Nachwelt überliefern!“

Sie ging auf Mette zu und faßte sie fest an beiden Schultern, um sie ein

bißchen zu rütteln.

„Was hast du nur, Mädel,“ fragte sie eindringlich, „kannst du den Kopf

nicht mehr gerade auf den Schultern halten? Kannst du nicht mehr

geradeaus in die Welt sehen mit deinen schönen klaren Augen?“

Mette legte beide Hände auf Sophiens haltende Arme und versuchte, zu

lächeln.

„Erzähl’ mir etwas, Sophus,“ bat sie.

„Nein, du sollst mir ja erzählen“ – bestand Sophie, „was hast du? Was

fehlt dir?“

„Ich habe nichts – und mir fehlt nichts.“

„Du wirst mir doch nicht vorreden wollen, daß du wunschlos glücklich

bist?!“

„Glücklich – nein! Aber wunschlos.“

„Das ist schlimm,“ sagte Sophie ernsthaft, „das ist der schlimmste

Zustand, den ich kenne: nicht glücklich sein und doch wunschlos. Das

hab’ ich auch einmal durchgemacht – monatelang, jahrelang – dabei wär’

ich auch beinah zugrunde gegangen ...“

Mette dachte an das, was sie von Gisela gehört hatte.

„Aber dann?“ fragte sie voll Spannung.

„Dann,“ lächelte Sophie, „ja, dann kam es wieder anders!“

„Du magst wohl nicht mit mir darüber sprechen?“

„Aber Kind,“ Sophie faßte herzlich ihre beiden Hände, „mit dir lieber,

als mit irgendeinem Menschen auf der Welt! Ich hab’ gar kein Talent und

gar keine Lust, mich auf Geheimnisse zu frisieren! Ich finde nur die

Leute so gräßlich uninteressant, die immer von ihrem lieben kleinen Ich

erzählen.“

„Sieh mal,“ sagte Mette zaghaft, „ich mag wirklich nicht gern um

Vertrauen betteln, oder neugierige Fragen stellen. Aber ich habe

manchmal das Gefühl, ich möchte dich rütteln und dich anschreien: gib

dein Geheimnis heraus! Wie hast du es angestellt, so zu werden, wie du

bist? Kann man so werden, wie du? So ruhegebend, so Harmonie

ausstrahlend, so in sich gerundet und vollendet? Liegt es daran, daß du

so glücklich bist? Und bist du überhaupt so glücklich?“

„Ich habe, was ich wollte!“ Sophiens Augen sahen groß und mit

fanatischem Ausdruck ins Leere. „Oh, und ich habe so gewollt – was wißt

ihr alle davon – ihr könnt ja gar nicht wollen. Ich habe Nora gewollt,

immer und immer. Ich habe keine Kindheitserinnerung, die vor dieser Zeit

war.

Nora ist zehn Jahre älter als ich. Und ich weiß noch, als sie zuerst zu

uns herüber kam, um mit meinen Brüdern auf unserm Tennisplatz zu

spielen, da trug sie einen Mozartzopf und machte einen Knix vor meiner

Mutter. Und ich jagte herum und suchte die Bälle auf – aber wenn meine

Brüder das von mir verlangten, wenn Nora nicht da war, dann spuckte ich

und kratzte vor Wut. Sie hatten keine Ahnung von meiner Kinderseele. Sie

dachten, ich wollte vor fremden Leuten eine Komödie spielen, um in den

Ruf zu kommen, ein artiges und gefälliges Kind zu sein – ach, und das

lag mir so fern – so weit konnte mein kindlicher Verstand noch gar nicht

rechnen. Ich wollte einfach in Noras Nähe sein, ich wollte die Bälle

aufheben, die sie in der Hand gehalten hatte. Sie lobte mich einmal,

weil ich so unermüdlich wie ein kleiner Jagdhund in der heißen

Sonnenglut hin- und herchassierte, sie lobte mich und streichelte mich.

Mein Bruder Konrad war damals vielleicht sechzehn, und er hatte, glaub’

ich, wirklich viel mit mir auszustehen, weil ich ein sehr unnützes und

widerborstiges kleines Ding war. Er verklagte mich also, das heißt, er

äußerte sich sehr wegwerfend über mich – so ungefähr, daß ich die

Liebenswürdige spielte, wenn Gäste kämen, aber für den Hausgebrauch

unausstehlich wäre. Ich wollte ihn zum Schweigen bringen und wählte das

denkbar ungeeignetste Mittel: ich biß ihn nämlich in die Hand, daß sie

blutete.

Natürlich gab es eine große Szene, Nora war empört über mich, und ich

schämte mich so wahnsinnig, daß ich davonlief und mich versteckte. Das

tat ich dann wochenlang, jedesmal, wenn sie kam. Es war eine furchtbare

Zeit für mich, diese selbstauferlegte Qual ... ich hörte sie kommen, ich

hörte ihre Stimme, manchmal wurde ich gerufen und gesucht, Nora rief

mich – aber ich schämte mich zu sehr, um zum Vorschein zu kommen, ich

verkroch mich nur noch tiefer, dabei hoffte ich doch im innersten

Herzen, Nora würde mich finden, sie würde so unermüdlich suchen, bis sie

mich gefunden hätte – aber meistens wurde es ihr sehr schnell

langweilig, und sie gab es auf.

In der Zwischenzeit war ich natürlich extra ungezogen und ärgerte meinen

armen Bruder, wo ich nur konnte, ich hatte nämlich den Verdacht, daß er

ein kleines ^faible^ für Nora hatte, und was noch schlimmer war, daß sie

eins für ihn hatte. Sie streitet es zwar heute noch ab – alle

Vierteljahr einmal pfleg’ ich sie im Vertrauen danach zu fragen – aber

sie streitet mir manches ab, was sie zu jener Zeit gesagt und getan hat

– ich hab’ das besser im Gedächtnis bewahrt.“

Sophie schwieg. Ihre schönen, kräftigen Hände hingen wie müde von der

Arbeit zwischen den Knien.

„Und dann?“ fragte Mette nach einer Pause.

„Und dann?“ Sophie hob den Kopf mit einem leisen spitzbübischen Lächeln.

„Dann ging es immer so weiter – zwanzig Jahre lang. Manchmal so und

manchmal so.

Aber das eine blieb, und das war: Nora. Man kann sagen, daß es eine fixe

Idee von mir war. Weißt du, ich glaube manchmal, niemand weiß, wie tief

und echt und ganz verwurzelt solche fixen Ideen in Kinderseelen sein

können. Und um sie auszuroden, gibt es nur zweierlei: räumliche Trennung

– dann hält die kindliche Treue noch eine ganze Weile an dem geliebten

Bild fest – länger, als die mancher Frau und jeden Mannes – oder aber,

das viel häufigere: die Urteilskraft wächst, und was ein zwölfjähriges

Herz angebetet hat, dessen schämt sich ein vierzehnjähriges bereits –

aber wenn durch einen Zufall oder einen Schicksalswillen so eine

kindliche Schwärmerei sich an einen Gegenstand klammert, der auch dem

reifsten Urteil würdig erscheinen muß, wenn dieser Schwärmerei durch

immer neues Zusammensein immer neue Nahrung zugeführt wird, so liegt gar

kein Grund vor, daß sie erlischt oder sich abwendet – das ist die

vernunftgemäße Erklärung. Die gefühlsmäßige ist, daß dieser Mensch mir

bestimmt war, seit Jahrtausenden oder Jahrmillionen, und daß ich ihn

erkannt habe, in dem Augenblick, als er mir zuerst gegenübertrat.“

„Und Nora,“ fragte Mette mit zögerndem Zweifel, „hätte sie das dann

nicht auch spüren und erkennen müssen?“

Sophie hob die Achseln: „Ich war ein Kind. Vielleicht waren meine

Instinkte dadurch noch reiner und kräftiger. Was ist denn überhaupt

Instinkt. Die Erinnerung an die Erfahrungen eines vorigen Lebens, die

noch nicht überwuchert sind von neuen Eindrücken, noch nicht unterdrückt

von der Gegenarbeit des zweifelnden Bewußtseins. – Andererseits aber –

wer kann sich zu einem Kinde so hingezogen fühlen, daß er in ihm sein

Schicksal zu erkennen glaubt?“

„Und wann hat sie es eingesehen?“ fragte Mette, „ich bin wohl

schrecklich lästig, nicht wahr?“

„Nein, du bist sehr lieb. Aber danach mußt du besser sie selbst fragen.

Jedenfalls hat sie erst einmal einen sehr schönen Mann geheiratet, den

ich mit meinem glühendsten Haß beehrte. Na, er hat ihn ja auch redlich

verdient. Aber wir wollen jetzt zu ihr hinaufgehen. Wir haben gar keine

Entschuldigung dafür, sie so lange allein zu lassen, wenn wir doch

nichts tun. Komm, willst du dich noch einmal kritisch betrachten?“

Sie nahm die Tücher von der Tonbüste.

„Bitte, schau dich an – hast du eine andre Vorstellung von dir gehabt?“

Mette legte den Kopf schräg.

„Eigentlich ja. Es ist seltsam, daß alle Werke immer ihrem Schöpfer

gleichen. Es ist so viel von dir darin, daß es direkt ein bißchen

äußerliche Ähnlichkeit mit dir hat!“

„Also bist du nicht zufrieden?“

„Ich bin mit mir nicht zufrieden, weil ich nicht so ausseh’. Aber ich

will mir Mühe geben, daß ich dem Bild ähnlich werde, das du dir von mir

machst. – Nur bei der Nase wird es mir nicht gelingen!“ setzte sie dann

lachend hinzu, „die hast du nämlich auch verschönt!“

„Ja? – ach, ich finde nicht! Heut’ abend kommt die Gjellerström – da

wirst du einer strengen Kritik unterworfen. Wenn sie dies Ding gut

findet, will sie mir auch ein paar Stunden sitzen – und da sie

bekanntlich nie eine Minute Zeit hat, muß ich das schon als große

Vergünstigung ansehen.“ Sophie warf einen plötzlichen scharfen

Seitenblick auf Mette und griff nach dem Modellierholz. „Halt mal still

einen Augenblick – du hast nämlich recht mit der Nase – da stimmt etwas

nicht!“

Mette hielt ihr die Hand fest:

„Ach nein, laß nur! Laß mich nur noch so schön, bis die strenge Kritik

vorüber ist! Vielleicht mach’ ich auf diese Weise Eindruck!“

„Du auch, mein Sohn Brutus?“ lachte Sophie, „armes Kind! Mein

herzlichstes Beileid!“

„Ja, nicht wahr?“ Mette lachte auch. „Ich würde mir selber leid tun –

darum tanz ich lieber nicht mit in dem Reigen um die göttliche

Fiametta!“

„Ich auch nicht!“ Sophie legte die Tücher wieder um die Büste. „Weißt

du,“ sagte sie nach einem sinnenden Schweigen, „manchmal hab’ ich das

Gefühl, als hätte ich Noras Unglück verschuldet mit meinen wahnsinnigen

Wünschen. Es war doch mein einziges Gebet, daß ihr etwas Furchtbares

passieren sollte, damit ich sie retten könnte. Ich hab’ mir immer solche

Sachen ausgemalt, jeden Abend, wenn ich im Bett lag.

Zum Beispiel, daß sie bei uns auf der Treppe ein Bein brechen möchte,

und dann sechs Wochen bei uns liegen müßte, und ich hätte sie dann ganz

für mich und dürfte sie pflegen und immer um sie sein. Und später noch,

wenn ich hinter der Gardine am Fenster stand, um sie mit ihrem Mann

vorbeireiten zu sehen, dann wollt’ ich mit meinen Gedanken das Pferd zum

Durchgehen zwingen – ich spähte schon immer, ob ich es nicht heranjagen

sah – dann wollt’ ich mich ihm entgegenstürzen und ihm in die Zügel

fallen und sie vom Tode erretten. Oder ich malte mir aus, sie würde

stürzen, oder verbrennen, oder die Blattern bekommen, und ihre Schönheit

verlieren. Dann würde Herr von Hersfeld sie verstoßen, und kein Mensch

würde sie mehr ansehen mögen – und dann wäre ich da – nur noch ich!

Wenn ich jetzt einmal nach Hause komm’ und die alten Wege gehe –

namentlich hinüber nach Hersfelde zu, dann hab’ ich so deutlich das

Gefühl, mit dem ich damals da ging: jetzt bei der nächsten Biegung müßte

ich Nora finden, irgendwo am Wegrand sitzend, weinend, verlassen,

verzweifelt. Und dann würde ich sie trösten und mit mir nehmen und immer

bei mir behalten. Vielleicht kam es auch daher, weil man in der Gegend

schon damals munkelte, wie unglücklich sie sei. – Meistens machten mir

die Äußerlichkeiten gar keine Schwierigkeiten – wenn ich an den Punkt

kam: wo gehe ich nun aber mit Nora hin, wenn ich sie finde, und sie will

bei mir bleiben? Dann dachte ich mir eben: ich habe ein Häuschen im

Wald, oder die und die hübsche Villa am See gehört mir, oder mein Auto

steht bereit, und wir fahren in die Stadt, wo ich mein Atelier habe –

denn ein Atelier hatte ich damals schon in meinen Träumen. Und eine sehr

große und berühmte Künstlerin war ich immer nebenbei. Komm, wir gehen

hinauf.“

Sie hatte unterdessen ein wenig Ordnung gemacht – ‚für Fiametta‘, wie

Mette bei sich dachte – und schob ihren Arm in Mettes.

„Manchmal hatte ich auch realere Pläne – Gott sei Dank, daß daraus

nichts wurde!“

Sie schritten schon die Treppe hinauf: „Weißt du, was ich wollte?“

Sophie stieß ein leises spöttisches Lachen durch die Nase. „Ich wollte

Hersfeld verführen! Damals war ich aber schon, was man so erwachsen

nennt. Ich ging auf Tanzgesellschaften und saß stundenlang vorm Spiegel,

um mich schön zu machen. Weil ich Hersfeld verführen wollte!“ Sie

schüttelte den Kopf. „Verrückte Idee! Ich wollte dann vor Nora hintreten

und ihr die Beweise bringen: siehst du, so ein Schurke ist der Mann, den

du liebst! Verlaß ihn und komm mit mir! Aber als ich ihn dann soweit

gebracht hatte, daß er mich einmal in einem halbdunklen Wintergarten

küssen wollte – nebenbei war es nicht schwer, ihn soweit zu bringen – da

packte mich das Entsetzen so, daß ich ihn wegstieß.“

„Hast du das Nora auch gebeichtet?“ fragte Mette lächelnd.

Auch Sophie lächelte, ein trübes Lächeln: „Ach Gott, da hatte Nora mich

schon nicht mehr nötig, um zu erfahren, was er für ein Schuft war. Da

wußte sie’s längst ... Jetzt trinken wir Tee – aber ausgiebig, ich hab’

einen Mordshunger.“

So hübsch lag das helle warme Zimmer da, mit dem einladend gedeckten

Tisch. So schön sah Nora aus mit dem königlich getragenen, im

Lampenschein goldschimmernden Haupt über den weißen Gewändern. Und es

war wohltuend, zu sehen, wie ihre Augen Sophien erwarteten und ihr

entgegenleuchteten. Wohltuend zu sehen, wie Sophie diesen erwartenden

Augen entgegeneilte, wie sie sich beugte, um die Kissen bequemer zu

rücken, die Decke zurecht zu ziehen.

Aber es tat auch ein bißchen weh, diese beiden Menschen zu beobachten,

die mit so viel Liebe und Fürsorge aneinander hingen, und die sich so

genug waren, daß jeder Dritte sich überflüssig vorkam, so herzlich er

auch aufgenommen wurde.

Man kam sich jedesmal so grenzenlos allein vor ...

„Mettelchen!“ sagte Nora, als ob sie ein Kind bedauerte, „du ißt mich

nich, du trinkst mich nich, du bist mich doch nich krank?! Ich habe dir

schon dreimal Indianerkrapfen angeboten, und du reagierst nicht?! Du

bist doch sonst nicht so?!“

„Sie hat heut’ ihren melancholischen,“ neckte Sophie, „ich hab’ ihr zum

Trost schon meine ganze Lebensgeschichte erzählt, aber es hat nicht

verfangen.“

„Nein,“ sagte Mette eigensinnig, „es war mir auch gar kein Trost. Denn

das Traurige ist, daß ich nicht einmal weiß, was ich will. Du hast

gewollt und hast schließlich erreicht, was du gewollt hast ...“

„Ja, mit ein paar unbedeutenden Modifikationen,“ meinte Sophie, ohne

jede Bitterkeit, „denn eigentlich wollte ich eine berühmte Bildhauerin

werden und kein besserer Steinmetz. Aber das macht wirklich nicht viel

aus.“ Während sie sprach, horchte sie nach den Geräuschen – Klingeln,

Stimmen, Schritte – an der Außentür.

„Da kommt die Gisel, vielleicht ist dir das ein Trost. Vielleicht

richtest du dein Wollen auf die, ich glaube, sie hat ein großes ^faible^

für dich – es wäre deinerseits keine starke Anstrengung vonnöten!“

„O Sophie,“ sagte Nora, halb erzürnt und halb erschrocken, „wie kannst

du nur so etwas daherreden! Du bist wirklich ganz frivol! Red’ dem Kind

so etwas ein – sie kommt noch auf dumme Gedanken – ich will gar nichts

gegen die Gisel sagen – aber das ist doch kein Mensch, der zu unserer

kleinen Mette paßt!“

‚Das weiß ich selber am besten,‘ dachte Mette trotzig und trübselig.

Das Mädchen ließ Gisela eintreten, die alle drei in einer flüchtigen Art

und ohne zu lächeln begrüßte.

Sie setzte sich neben Mette, aber ein Stück entfernt vom Tisch, als

wollte sie damit zeigen, daß sie nicht die Absicht hatte, die ihr

hingesetzte Tasse Tee zu berühren und hielt beide Hände in ihrem großen

Pelzmuff vergraben.

Nach einigen Minuten allgemeiner Redensarten wandte sie sich halblaut an

Mette:

„Ich komme aus deiner Pension – ich wollte zu dir, aber du warst nicht

da – auch kein Zettel, keine Nachricht, wo du wärest.“

„Ich wußte ja gar nicht, daß du kommen wolltest!“ sagte Mette erstaunt.

„Wenn mir nicht zufällig Herr Giesbert auf dem Korridor begegnet wäre,“

fuhr Gisela fort, „dann könnte ich die Stadt durchirren, um dich zu

suchen.“

„Merkwürdig,“ sagte Mette laut und mit einem erzwungenen Lachen, „woher

wußte denn Giesbert, wo ich bin?“

„Doch wahrscheinlich von dir,“ Gisela zog die feingezeichneten Brauen

sehr hoch, „von mir jedenfalls nicht! Ich hab’ mich ja auch darüber

gewundert.“

„Na, jedenfalls hast du mich ja jetzt gefunden.“ Mette nickte ihr zu mit

einem herzlichen, aber etwas angestrengten Lächeln. „Das ist ja die

Hauptsache. Lag irgend etwas Besonderes vor, daß du mich sprechen

wolltest?“

„Etwas Besonderes – nein, denn daß ich mich vor dem Alleinsein fürchte,

weil ich denke, ich werde verrückt, das ist ja das alltägliche.“ – – –

* * * * *

Die Unterhaltung schleppte sich gezwungen fort.

Bei der nächsten Gelegenheit rief Sophie Mette ins Nebenzimmer:

„Was soll ich nur tun!“ klagte sie halblaut, „ich bin ganz verzweifelt.

Du mußt mir helfen, Mettekind! Du mußt mir irgendwie mit List oder

Gewalt die Gisel wegbringen! Es ist zu blöd – ich kann mich so maßlos

ärgern. Ich hatte mich so gefreut, dich heut’ Abend hier zu behalten –

aber die Gjellerström kehrt mir ja in der Türe um, wenn sie die Gisel

sieht! Ach, schrecklich, daß die Menschen sich und andern das Leben

immer noch unnütz komplizieren müssen! Es ist gerade kompliziert genug,

wenn man weiter nichts tun will, als es erhalten.“

Mette versprach mit freundlichster Bereitwilligkeit, zu gehen und Gisela

zum Mitkommen aufzufordern.

„Ach, sie geht schon von selbst,“ meinte Sophie leichthin, „sie ist ja

nur deinetwegen gekommen – uns beehrt sie schon lange nicht mehr!“ – – –

* * * * *

Mette war froh, als sie auf der Straße stand. Der scharfe Ostwind, der

ihr einen nadelscharfen, mit Eiskörnern gemischten Regen ins Gesicht

trieb, war ihr gerade recht. Sie ging so schnell vorwärts, daß Gisela

kaum an ihrer Seite bleiben konnte.

Ihr war, als ob ihr von allen Seiten brennende Schmach angetan worden

wäre, und als ob sie sich rächen könnte, indem sie sich selbst peinigte

und durch den dunklen, kalten Abend lief.

‚Ich bin fremd und ruhelos überall,‘ dachte sie mit selbstquälerischer

Bitterkeit, ‚ich habe keine Heimat, kein Haus und keine Freunde. Wohin

gehöre ich? Zu Gisela Werkenthin vielleicht? Ich weiß nichts von

Zusammengehörigkeit. Aber die anderen wissen davon. Und sie setzen mich

deswegen auf die Straße. Wohin gehöre ich? Zu Olga. Also ins Grab. Wenn

ich wenigstens in ihrer Nähe liegen könnte. Aber ich habe das Gefühl,

wenn ich mir jetzt die Kugel durch die Schläfe jage, verliere ich mich

im grenzenlosen Raum. Oh, meine arme kleine einsame Seele wird so

frieren und zittern in der unendlichen Unendlichkeit.‘

„Woran denkst du,“ fragte Gisela in einem fast neiderfüllten Ton.

„Ich weiß nicht.“ Mette hob die Achseln. „Vielleicht an das, woran

Hamlet im dritten Akt denkt: ^to be or not to be^ ...“

„Das ist keine ^question^ mehr für mich!“ sagte Gisela mit höhnischer

Bitterkeit, „^not to be^ ist zehntausendmal besser! Wenn ich nur wüßte,

wie man es am besten bewerkstelligt. Morphium bin ich schon so gewöhnt –

es gibt gar kein Quantum mehr, das ich nicht vertrüge! Ins Wasser mag

ich nicht gehen, weil es dann doch einen Kampf gibt, weil sich der

tierische Lebenswille gegen den Intellekt aufbäumt – ich will keine Zeit

mehr zu Kampf und Reue haben, und ich will vor allen Dingen nicht noch

einmal mein ganzes Leben vorüberziehen sehen, wie einem das ja in den

letzten Augenblicken passieren soll. Ich danke dafür. Eine Revolverkugel

wär’ schon das beste.“

„Ja,“ sagte Mette trocken, „soweit war ich auch gerade! Oder vielmehr,

ich war schon weiter. Ich sah meine arme Seele schon irgendwo im

Weltenraum zwischen den kalten Sternen umherirren und sich eine Heimat

suchen.“

„Glaubst du wirklich an so etwas wie eine Seele?“ Gisela lachte

spöttisch. „Vielleicht auch an den lieben Gott und Hölle und

Himmelreich? Schlaf, lieber Hamlet, Schlaf, und ohne Träume,

garantiert!“

„Und dann?“ fragte Mette trostlos, „dann ist alles umsonst gewesen? Alle

Qual und alles Wissen und alle Erfahrung und alles Streben – alles

umsonst? Dir ist noch kein Mensch gestorben, sonst könntest du nicht so

reden.“

„Laß mir den Trost,“ bat Gisela, „laß mir wenigstens den einen Trost,

daß ich jeden Moment Ruhe haben kann, wenn ich will – ewige Ruhe.“

Sie gingen wieder eine ganze Weile in einem schweren und etwas

verdrossenen Schweigen.

„Willst du mit hinaufkommen?“ fragte Mette, als sie vor der Haustür

standen.

„Du fragst aus Höflichkeit, aber im Grunde paßt es dir nicht.“

Das wollte Mette sich selbst nicht eingestehen. Sie griff nach Giselas

Hand.

„Komm doch,“ sagte sie herzlich, „du wolltest doch sowieso zu mir –

jetzt _bin_ ich doch zu Hause. Und laß den Unsinn – ich bin schon nicht

höflich! Davor brauchst du keine Angst zu haben!“

Die Wärme des Zimmers empfing sie wie mit ausgebreiteten Armen.

Gisela setzte sich, ohne den Mantel auszuziehen. Als Mette nach der

Klingel gehen wollte, sagte sie hastig:

„Ach, laß doch! Was willst du denn?“

Mette stand unschlüssig: „Dem Mädchen klingeln, um Tee für uns zu

bestellen. Man ist doch so durchgefroren. Magst du nicht?“

„Nein, bitte nicht! Dann kommt sie jetzt und fragt, dann sitzt man zehn

Minuten in der Erwartung, daß sie den Tee bringt, dann kommt sie nach

zehn Minuten wieder, um das Geschirr zu holen – ich kenn’ das; es ist

eine ewige Unruhe.“

„Schön, wie du willst.“ Mette warf Hut und Mantel auf einen Stuhl und

setzte sich. Die lichte Wärme des vertrauten Zimmers hatte sofort ein

heimeliges Behagen in ihr wachgerufen. Sie hätte nun gern die schweren,

nassen Stiefel von den Füßen gezogen und es sich bei einer Tasse Tee

recht bequem gemacht. Aber auch das Stiefelausziehen würde wohl zuviel

Unruhe machen. Sie unterdrückte einen Seufzer und schickte sich.

„Ich glaube, ich habe schon einmal die dumme Frage gestellt,“ fing sie

nach einer Weile vorsichtig an, „hattest du mir irgend etwas besonderes

zu sagen, daß du mich so gesucht hast?“

„Besonderes? – nein!“ klang die gedehnte Antwort. „Ich hatte nur Angst,

allein zu sein – ich fürchte mich nicht vorm Tode – aber vor einem

Selbstmordversuch mit untauglichen Mitteln. Ich möchte mich nicht in

einem plötzlichen Lebensüberdruß aus dem ersten Stockwerk stürzen oder

mich unter einen lahmen Omnibus werfen, bloß um mir vielleicht die Beine

zu zerschmettern und als Krüppel durch die Welt zu kriechen. Nein, sich

möchte mein Leben erhalten, bis ich genügend Vorbereitungen getroffen

habe, um es anständig, rasch und gründlich zu erledigen. Und darum habe

ich nach irgendeinem Menschen gesucht, an den ich mich solange hätte

klammern können – aber du warst ja nicht da!“

‚Trotzdem ist dir ja nichts passiert,‘ lag es Mette auf der Zunge. Sie

unterdrückte es und schalt sich selbst unglaublich roh und herzlos.

Gisela hockte auf dem Stuhl in der Haltung eines kranken Äffchens. Ihr

kleines Gesicht mit den übergroßen Augen sah welk und fahl und wie

zerknittert aus.

„Ich weiß nicht, warum du sterben willst,“ sagte Mette mit einem Versuch

zu trösten, der keine Kraft hatte, weil sie sich seiner Nutzlosigkeit

schon von Anfang an bewußt war. „Es geht dir nicht schlechter als

tausend anderen Leuten, und es geht dir besser, als es dir schon

ergangen ist. Es geht dir gesundheitlich besser ...“

„Sag’ nur noch wie Frau Breslauer: Sie haben doch jetzt ein gutes

Auskommen,“ unterbrach Gisela scharf. „Weil ich mich sattessen kann und

mir außerdem noch seidene Strümpfe kaufen, habe ich die Verpflichtung,

glücklich zu sein und dem lieben Gott zu danken!“

„Vielleicht hätte man die Verpflichtung,“ sagte Mette, zum Widerspruch

gereizt, „vielleicht ist es das schwerste, zu hungern und zu frieren –

vielleicht schwerer als alles Liebesleid und alle Sehnsuchtsqual – was

wissen wir denn davon?“

„Wenn du das sagen kannst,“ Gisela verzerrte höhnisch den Mund, „dann

hast du noch nie eine seelische Qual empfunden. Jede körperliche

Krankheit ist doch geradezu eine Erlösung, weil sie einen ein bißchen

ablenkt von dieser Verzweiflung, die einen wie mit stumpfen Zähnen

zernagt oder wie mit einem stumpfen Messer zersägt. Man sehnt sich

direkt nach einem scharfen, schneidenden Schmerz.“

„Ich kann dir ja auch nicht helfen,“ sagte Mette bedrückt.

„Nein, du kannst mir auch nicht helfen. Erstens liebst du mich nicht

...“

Mette nahm einen kraftlosen Anlauf, um zu widersprechen. Aber Gisela

schnitt ihr mit einer Bewegung das Wort ab:

„Sag’ nicht das Gegenteil – bemüh’ dich nicht. Ich liebe dich ja im

Grunde auch nicht – ich liebe überhaupt nicht mehr, glaube ich.“

„Dann weiß ich erst recht nicht, was du für Ursache hast, verzweifelt zu

sein,“ sagte Mette ratlos und ein wenig ungeduldig.

„Ich weiß es auch nicht. Vielleicht die, daß ich so unlöslich an mich

gekettet bin. Daß ich aus meiner eigenen Haut nicht heraus kann. Daß ich

sogar noch in ihr begraben werden muß. Aber es ist natürlich

unverantwortlich, daß ich auch noch andern Menschen zur Last falle. Ich

sollte mich irgendwo in einen Winkel verkriechen und sehen, wie ich mit

mir allein fertig werde, und krepieren, wenn ich nicht fertig werde.

Schade wär’s weiter nicht um mich.“

Aus den weit offenen Augen rannen langsam Tropfen über das weiße

abgezehrte Gesicht. Aber sie nahm die Hände nicht aus dem Muff, um die

Tränen abzutrocknen. Sie ließ sie rinnen, als fühlte sie sie nicht.

Mette ging das Mitleid wie ein heißer Strom übers Herz. Im nächsten

Augenblick kniete sie vor dem Stuhl und umschlang mit beiden Armen die

kinderschmale Gestalt.

„Wein’ nicht,“ bat sie, „wein’ doch nicht, Kleines, Geliebtes! Du hast

mich doch, und wir sind doch zusammen, du bist doch nicht allein auf der

Welt – wenn du mich auch nicht liebst, ich bin doch da für dich, und ich

bleibe bei dir, und ich tue für dich, was ich tun kann. Sei doch ruhig,

mein Herzblatt, mein Armes!“

Das lautlose Weinen ging in verzweifeltes Schluchzen über. Der ganze

zarte Körper bäumte sich und zuckte wie in Krämpfen. Mette nahm ihr

behutsam den Muff aus den Händen, den Hut vom Kopf, hob sie auf beide

Arme und trug sie nach dem Diwan. Sie bettete sie, deckte sie zu und

legte sich neben sie, um dem unruhigen Körper Ruhe und Wärme zu geben.

Das Weinen wurde leiser, müder, es kam nur noch von Zeit zu Zeit ein

stoßweises Aufschluchzen, wie bei einem erschöpften Kinde. Unter Mettes

streichelnden Händen und geflüsterten Trostworten schlief Gisela ein.

Sie hatte sich an Mettes Schulter festgenestelt und atmete tief und

ruhig.

Mette lag regungslos, um sie nicht zu wecken. Aber sie starrte mit

wachen, brennenden Augen in das Helldunkel des Zimmers, und das Herz

flatterte in ihrer Brust wie ein angeschossener Vogel.

„Rudlöffchen,“ rief Giesbert am andern Mittag von seinem Tisch aus zu

Mette hinüber, „was hatte denn Ihre Freundin gestern? Sie hat Sie

gesucht wie – wie – eine Stecknadel ist kein passender Vergleich für Sie

– also wie das verlorene Paradies!“

„Ich weiß nicht,“ sagte Mette gleichgültig – sie mußte sich zu einem

ruhig-freundlichen Ton zwingen, weil schon dieses Angerufenwerden ihr

entsetzlich war – „meinen Sie Fräulein Werkenthin? Sie wollte mich wohl

besuchen. Sie haben sie getroffen, nicht wahr?“

„Ja, ich dachte wunder was los wär’. Sie war so schrecklich aufgeregt.“

„Ach Gott,“ meinte die kleine Luigi spöttisch, „die gute Gisela ist

immer aufgeregt. Da braucht doch weiter gar nichts los zu sein!“

In Mette kämpften Scham und Empörung. Sie hätte nun wohl die Frau, die

man ihre Freundin nannte, gegen eine abfällige Bemerkung verteidigen

müssen. Aber es war gerade schlimm genug, daß man Gisela Werkenthin so

allgemein als ihre Freundin bezeichnete. Sie – Mette – hatte niemals

durch ihr Benehmen irgend jemand das Recht dazu gegeben.

Außerdem hatte Mara Luigi recht. Und einen Menschen, über den diese

kleine freche Person so zu urteilen sich erlaubte, einen solchen

Menschen mußte Mette „Ihre Freundin“ nennen lassen.

Sie schwieg. Aber sie war unzufrieden mit sich selbst.

„Sie saßen bei Sophus?“ fragte Giesbert weiter, „eine wundervolle

Alliteration! Sie saßen bei Sophus zur Sitzung – sie haute, den Hammer

in Händen, Ihr Haupt – Kramer, ich schenke Ihnen diesen Anfang für ein

Epos!“

Eccarius, der Mette zunächst saß, fragte jetzt – da das Gespräch nach

der andern Seite weitergeführt wurde:

„Gehen Sie heute wieder hin?“

„Ja, diese Woche alle Tage – weil Sophie jetzt gerade Zeit hat – oder

wenigstens nicht viel dringende Arbeiten.“

„Sie gehen gleich nach dem Essen?“

„Ja, weil Nora dann schläft – sonst läßt Sophie sie nicht gern allein,

um ‚zu ihrem Vergnügen‘ zu arbeiten.“

„Sie müssen verzeihen, wenn es so klingt, als ob ich Sie ausfrage! Aber

es geschieht nicht aus müßiger Neugier ... ich wollte fragen, ob es

Ihnen recht wäre, wenn ich Sie heute hinausbegleite – ich hatte schon

längst die Absicht, meine Freundinnen einmal wieder aufzusuchen.“ – – –

* * * * *

Mette und Eccarius schritten durch die vor Kälte hallenden Straßen, die

mit einem dünnen Reif überflogen waren.

„Haben Sie sich gewundert,“ sagte Eccarius, „daß ich bei Tisch so

ostentativ von meinen Freundinnen sprach? Ich hatte nämlich einen

kleinen Disput mit Fräulein Peters. Fräulein Peters ist eine ganz

prachtvolle Person, aber ein bißchen streng in ihrem Urteil. Oder

vielleicht noch besser gesagt: ein bißchen beschränkt in ihrer

Auffassung. Was sie nicht versteht, das wirft sie alles zusammen in

einen Topf und verdammt es. Und zu dem, was ihr unverständlich ist,

gehört natürlich auch eine Freundschaft wie die zwischen Fräulein

Degebrodt und Frau von Hersfeld. Sie warf da gleich mit Worten wie

‚anormal‘ und ‚pervers‘ und ‚widernatürlich‘ um sich und meinte, es wäre

kein Verkehr für Sie!“

„Für mich?“ fragte Mette sehr erstaunt, „wie sind Sie denn auf mich

gekommen?“

„Offen gestanden – von Ihnen sind wir ausgegangen,“ erklärte Eccarius

mit einem um Verzeihung bittenden Lächeln. „Ja, ja, man weiß selber nie,

wie wichtig man andern ist, und was man für ‚interessanten

Gesprächsstoff‘ liefert. Ernstlich – man kennt seine Feinde nicht und

weiß nicht, wer einem was am Zeuge zu flicken trachtet – aber man kennt

auch seine Freunde nicht und weiß nicht, wer um sein Wohl und Wehe

besorgt ist.

Fräulein Peters ist eine Seele von einem Menschen, und sie macht sich

Gedanken um Sie – sie hat mir heute auseinandergesetzt, daß es meine

Pflicht wäre, Ihnen die Augen zu öffnen. Aber wenn ich Ihnen über Sophie

und Nora die Augen öffnen soll, kann ich nach bestem Wissen und Gewissen

nur sagen, daß es prachtvolle Menschen sind.“

„Frau von Hersfeld sagte mir neulich, daß Sie sich schon sehr lange

kennen,“ sagte Mette in einem leise drängenden Bestreben, das Gespräch

von sich selbst abzuwenden.

„Schon sehr lange“ – sie atmete erleichtert auf, als Eccarius das Thema

annahm – „ich kannte sie schon, als sie noch die schöne Nora von Zeyern

war, die gefeiertste Tänzerin, die kühnste Reiterin. Sie hatte hundert

Bewerber, und unter den hundert mußte sie gerade Herrn von Hersfeld

aussuchen!“

Er schwieg einen Augenblick mit bitterem Lächeln.

„Er war krank, nicht wahr?“ fragte Mette zaghaft.

„Oh, wenn Sie das wissen, dann ist es auch keine Indiskretion, wenn ich

Ihnen mehr erzähle. Er war sogenannt ausgeheilt, wie er selbst voll

Stolz jedem erzählte, der es hören wollte und nicht hören wollte. Nur

seiner Frau und seinen Schwiegereltern nicht.

Hersfelde war Majorat, und er wollte einen Sohn haben. Es kam auch ein

Junge zur Welt – er war schon ganz mit Ausschlag bedeckt, als er geboren

wurde. Was diese mütterlichste aller Frauen an diesem Kinde gelitten

hat, das ist unbeschreiblich! Und wir alle – seine sogenannten Freunde –

wir sahen das Kind an und sahen uns an und wußten: das wird nichts mehr.

Aber keiner traute sich, der jungen Mutter ein Wort zu sagen. Und sie

hoffte und hoffte und pflegte an diesem unseligen Würmchen herum und

freute sich über den kleinsten Fortschritt. Viel Fortschritte waren

allerdings nicht zu verzeichnen.

In einem Alter, wo andere Kinder herumlaufen und den ganzen Tag plappern

und krähen, lag er in seinen Kissen und drehte kaum den Kopf, wenn man

ihm etwas Blankes vortanzen ließ. ‚Er wird ein Denker,‘ sagte Frau Nora

dann und lächelte ein herzzerreißendes Lächeln. Aber als er mit vier

Jahren noch immer kein Wort sprach, sondern nur ein blödes Gelalle von

sich gab, da versteckte sie sich und ihn vor aller Welt. Sie ging nicht

mehr von ihrem Grund und Boden fort, sie empfing keinen Menschen. Sie

verschloß sich mit ihrem kranken Kinde in undurchdringlichste

Einsamkeit, sie pflegte es, sie spielte mit ihm, sie versuchte

unermüdlich und vergebens, ihm etwas beizubringen. Mit ungefähr fünf

Jahren starb das arme Kind. Aber Herr von Hersfeld brauchte einen Erben.

Nach einem halben Jahr war die unglückliche Frau wieder in der Hoffnung

– ach Gott, sie war wirklich in der Hoffnung.

Da nahm ein befreundeter Mediziner die Sache in die Hand – das heißt, er

sprach wohl nur ein leichtsinniges, aber ehrlich entrüstetes Wort von

der Unverantwortlichkeit, Kinder in die Welt zu setzen. Und als sie ihn

zur Rede stellte und nicht locker ließ, fragte er sehr erstaunt, ob sie

nicht wisse, was ihrem Kinde gefehlt hätte. Und da sie keine Ahnung

hatte, sagte er ihr’s. Das war ja schließlich auch sein gutes Recht.

Aber er hat sich doch sehr schwere Vorwürfe gemacht. Denn am selben Tage

verunglückte Frau Nora durch einen Sturz vom Heuboden und holte sich so

schwere innere Verletzungen, daß sie nie wieder gesund wurde. Daraufhin

ließ dann Herr von Hersfeld sich von ihr scheiden!“

„Lebt er noch?“ fragte Mette.

„Warum? Sie machen ein Gesicht zu der Frage, als ob Sie ihn sonst

umbringen möchten. Aber Sie können ganz ruhig sein; er ist tot – er hat

sogar ein recht dramatisches Ende gefunden, oder vielmehr sein Ende

hatte einen dramatischen Anfang. Denken Sie, dieser Mensch hatte die

Absicht, ein zweitesmal zu heiraten, nachdem er von Nora geschieden war.

Ein schönes, unschuldiges junges Mädchen aus bester Familie. Sie machen

sich keinen Begriff, was die arme Frau Nora da an Gewissensqualen

gelitten hat – sie kannte die Braut – sie kannte die Eltern – und sie

kannte da auch endlich Herrn von Hersfeld, ihren geschiedenen Gatten.

Aber trotzdem sie ihn so gut kannte, liebte sie ihn wohl immer noch –

irgendwo in einem letzten Seelenwinkel waren noch die Trümmer des

starken Gefühls. Und es erschien ihr als ein Verbrechen, den Mann

anzuklagen. Man hätte es ihr ja auch so leicht als kleinlichen Racheakt

auslegen können. Und andererseits war es ein viel größeres Verbrechen,

das arme Mädchen unwissend in eine solche Ehe gehen zu lassen.“

„Um Gottes willen,“ sagte Mette mit angstvollen Augen, „hat sie das

getan?“

„Sie war so hilflos – sie konnte sich kaum rühren – die Lage wurde

erschwert dadurch, daß das Mädchen schon zu Zeiten seiner Ehe in

Hersfeld verliebt war und der Frau, wenn nicht feindlich, doch

mißtrauisch gegenüberstand. Sie hat mir oft gesagt, daß sie in ihrer

verzweifelten Lage um ein Wunder gebetet hat.

Und das Wunder geschah. Die Trauung war anberaumt, der Bräutigam

erschien nicht. Als er geholt werden sollte, versteckte er sich im Stall

und schoß mit dem Revolver um sich. Schließlich wurde er überwältigt und

nach einer Anstalt gebracht. Ein paar Monate lebte er noch unter

Anfällen von Verfolgungswahn und Tobsucht. Dann ging er ein.

Gehirnerweichung. Einer von seinen früheren Kameraden machte die

treffende Bemerkung, als die Todesursache bekannt wurde: „Das erstemal,

daß man erfährt, daß Hersfeld Gehirn gehabt hat!“

Sie gingen wieder eine Weile schweigend, jeder in seine Gedanken

versponnen.

Eccarius hob den Kopf mit einem plötzlichen Entschluß. Sein Gesicht war

wieder wie aufgehellt von dem flüchtig darübergleitenden liebenswürdigen

Lächeln.

„Nun haben Sie mich mit ganz heimtückischer Eleganz von meinem Thema

weggelockt. Ich habe Ihnen lange Geschichten erzählt und nichts von dem

gesagt, was ich beauftragt war, Ihnen zu sagen – und nicht nur

beauftragt – was ich auch aus eigenem Antrieb sagen wollte ...“

„Muß es denn sein?“ fragte Mette mit flehenden Augen, „glauben Sie im

Ernst, daß ich nicht alles weiß, was Sie mir sagen können? Ich weiß, daß

Sie es gut mit mir meinen, und ich bin Ihnen auch so dankbar dafür. Aber

ich habe – vielleicht gerade weil ich so jung und eben erst mündig

geworden bin – so sehr das Gefühl, daß nur ich selber mir helfen kann

und daß ich mir selber helfen muß. Ich weiß, daß ich nicht immer den

kürzesten und den geradesten Weg finden werde – aber ich habe ja auch

kein Ziel – nur das eine Ziel, das Leben kennenzulernen, ganz, soweit

das einer Frau möglich ist, mit Licht- und Schattenseiten, mit Fehlern

und Vorzügen – wie man einen Menschen kennenlernen will – den man

liebt!“

„Wenn Sie das Leben so lieben,“ sagte Eccarius mit einer nachgiebigen

Beharrlichkeit, „so müssen Sie sehr behutsam damit umgehen. Und wenn Sie

auf Ihrer Wanderung kein Ziel haben, oder nur das Ziel, möglichst viel

zu sehen auf Ihren selbstgesuchten Wegen, so dürfen Sie sich nicht in

eine Sackgasse verrennen, aus der Sie nicht wieder herausfinden. Seien

Sie mir nicht böse – aber ich habe die Frechheit gehabt, Sie im stillen

zu beobachten – ich sehe Sie doch seit Monaten zweimal täglich

mindestens – und ich habe mir im Laufe der Jahre ein wenig

Menschenkenntnis erworben – Sie machen, wenn man es so in zwei Sätzen

bezeichnen darf, nicht den Eindruck eines Menschen, der das Leben liebt,

sondern eher eines Menschen, der – den Tod nicht fürchtet.“

Mette hatte schon auf die Klingel an der Haustür gedrückt und wandte

sich um:

„Ist das ein Widerspruch? Kann man nicht beides – das Lebens lieben und

den Tod nicht fürchten?! Vielleicht gehört es zusammen. Ich will es zu

meinem Wahlspruch machen und groß über alle meine Tage schreiben: Das

Leben lieben und den Tod nicht fürchten!“

„Ich weiß kein noch besseres Wort,“ sagte Eccarius mit nach innen

gekehrten Blicken, „man kann diesen Satz auch anders stellen – dann will

ich ihn zu meinem Wahlspruch machen.“

Das Mädchen öffnete die Tür. Auf Mettes fragenden Blick schüttelte

Eccarius leicht den Kopf:

„Ein andermal ...“ – – –

* * * * *

Sie saßen in der frühen Dämmerung des Wintertages zusammen, Nora,

Sophie, Eccarius und Mette. Es war schon so dunkel im Zimmer, daß man

kaum mehr deutlich die Gesichtszüge der Zunächstsitzenden unterscheiden

konnte. Aber keiner hatte das Verlangen nach Helligkeit.

Mette hatte nach Johannes gefragt – und Sophie hatte ihr in Aufregung

und Empörung mitgeteilt, daß er sehr unter häßlichen Klatschgeschichten

zu leiden habe. Man hatte seinem alten Freund, dem dicken Drencker, in

gehässiger Weise hinterbracht, daß sein Geld dem jungen Krafft das

Studium ermögliche – oder vielmehr, daß Willi Krafft sein – Drenckers

Geld – im Bac verspiele und mit Frauenzimmern verprasse.

Nora hatte Johannes verteidigt. Wenn sie ihn auch nicht in verklärendem

Licht sah, und sein Verhältnis zu Drencker ihr unbegreiflich und

peinlich war – sie hatte immer geglaubt, daß seine Freundschaft für

Willi Krafft von einer ganz idealen schwärmerischen Art wäre.

„Und wenn nicht!“ sagte Sophie eigensinnig. „Wo immer ein Menschenhandel

abgeschlossen wird, liegt die Schuld auf seiten des Käufers. Der

Gekaufte ist immer in Notlage. Und es ist gerade schlimm genug, wenn so

ein reiches Schwein einen Anteil an einem Menschen kaufen kann. Daß er

ihn dann noch ganz und restlos haben will, ist eine Frechheit.“

„Jeder Handel sollte ehrlich sein!“ warf Eccarius in seiner leisen,

nachdenklichen Art ein.

„Nein,“ ereiferte sich Sophie, „wer sich für sein schmieriges Geld einen

Menschen kaufen will zur Befriedigung seiner kleinen niedrigen Lüstlein,

der _soll_ betrogen werden. Es _soll_ Dinge geben, die nicht zu kaufen

sind, für kein Geld der Welt. Und glauben Sie mir, Eccarius – in all

diesen schmutzigen Handeln, wo es sich um eigentlich Unverkäufliches

dreht – ob es nun Liebe ist oder Ehre oder Ruhm oder Begabung oder Adel

– immer war zuerst der Käufer da, immer zuerst der, der auf seinen

Geldsack schlug und sagte: das will ich haben, schafft es mir, ich kann

es zahlen. Und dann wurde erst die Ware gesucht. Glauben Sie, daß ein

armer Musiker auf den Gedanken kommt, seine Gedanken, seine Melodien,

das liebste, was er hat, einem reichen Krämer anzubieten, damit der sie

unter seinem Namen erscheinen läßt? Nein, so ein Gedanke kann nur in

einem Krämergehirn aufkeimen!

Ich kenne solche Fälle – sehr genau! Von den harmlosesten Anfängen, wo

ein wohlgenährter Bürgerssohn von einem armen begabten Mitschüler sich

die ersten Liebesbriefe schreiben läßt – für eine Handvoll Zigaretten –

bis zu Opernpremieren, wo sich als Komponist ein Herr verbeugt, der nie

einen Ton von der aufgeführten Musik geschrieben hat – hätte schreiben

können. Ach, die Welt ist schon ziemlich ekelhaft. Man kann nur froh

sein, wenn man möglichst wenig mit ihr zu tun hat. Wir sitzen hier auf

unserer Insel – gelt Norina? Und soviel Schiffe auch anlegen – sie

fahren alle wieder weiter – ansiedeln darf sich keiner in unserm

Bereich. Im übrigen kann ich nur sagen: Drencker soll froh sein, daß es

ihm nicht ergangen ist wie dem armen Keller, der sich vor acht Tagen

erschossen hat, weil ihn eine Erpresserbande langsam erdrosselt hat und

weil der unglückliche Mensch lieber tot sein wollte, als immer vor dem

Gefängnis zittern.“

Eccarius schüttelte den Kopf:

„Daß die mittelalterliche Institution dieser Strafen immer noch

besteht!“

Nora legte sich dafür ein: „Es muß doch einen Schutz für Kinder und

Unmündige geben – auch wenn die Unmündigen zufällig über einundzwanzig

Jahre sind. Es gibt ein sehr wahres Wort: wo kein Kläger ist, ist auch

kein Richter. Wie zwei reife Menschen miteinander leben, geht keinen

Staatsanwalt etwas an. Genau so, wie kein Staatsanwalt sich in das

hineinmischt, was in einer Ehe vorgeht. Ich muß sagen, in manchen

Fällen: leider! Wenn gestraft wird, so wird geklagt, und wenn jemand

klagt, so fühlt er, daß ihm Unrecht geschehen ist.“

„Der Paragraph hundertfünfundsiebzig ist eine Einnahmequelle für Gauner

und Erpresser,“ widersprach Eccarius heftiger, als es seine Art war –

„aber kein Schutz für Kinder irgendwelchen Alters. Kinder dulden stumm

und klagen nicht. Wenn einmal ein Fall ans Licht kommt, dann schreit die

Welt vor Empörung – aber in tausend Fällen kommt von solchen an Kindern

begangenen Verbrechen nicht ein Schimmer zutage.“

„Das ist nicht möglich,“ sagte Sophie mit vor Erregung bebender Stimme,

„es kann auf der ganzen Welt nicht tausend Unmenschen geben, denen ein

Kind nicht heilig wäre.“

Eccarius lachte, ein heiseres, tonloses Lachen:

„Ich will Ihnen einen Fall erzählen – einen Fall von tausend. Ein

Verbrechen von tausend, bei welchem der Verbrecher straflos ausging ...

ich kannte eine Familie – eine wohlhabende, angesehene Familie, kluge

gütige Eltern, die vier gesunde, begabte, gut veranlagte Kinder hatten

... vier Knaben. Die Mutter konnte nicht ganz allein die Sorge für vier

heranwachsende Jungen haben – es wäre auch gegen das Herkommen gewesen –

man nahm ein Kinderfräulein ins Haus – eine halbgebildete Person, wie es

üblich war, eine von sympathischem Äußern mit guten Zeugnissen und allen

möglichen Empfehlungen. Dies Kinderfräulein hatte nichts besseres zu

tun, als den Knaben beizubringen ... wovor man sie sonst sorglich

behütet. Die unglücklichen Kinder gerieten dadurch ganz in den Bann

dieser Person. Sie wußten, daß sie etwas Verbotenes taten. Sie schlugen

sich mit dem schweren Begriff ‚Sünde‘ herum, und baten Gott um Beistand.

Das infame Weib erfand mit unerschöpflicher Phantasie immer neue Listen,

um die widerstrebenden und ermüdeten Kinder aufzustacheln. Sie wurden

immer elender – sie wurden auf alles mögliche behandelt, in teure Bäder

geschickt – natürlich in Begleitung des Fräuleins. Manchmal faßte eines

der Kinder den Entschluß, der Mutter alles zu beichten – aber es blieb

bei dem Entschluß. Diese Dinge waren zu furchtbar, als daß man sie der

gütigsten Mutter hätte anvertrauen können. Vielleicht können Sie sich

eine Vorstellung davon machen, was solche Kinder für eine ‚Kindheit‘

gehabt haben. An Leib und Seele erschöpft, unlustig zu Spiel und Arbeit,

bei aller Begabung kaum fähig, in der Schule mitzukommen, in ewiger

Angst vor Entdeckung, vor Strafe, vor Krankheit, vor der Hölle – und

immer widerstandsloser dem Laster hingegeben, immer mehr wie Schatten

durch die Tage schleichend, und lebend nur in dem gefährlichen Spiel der

Nächte.

Als das Kinderfräulein ging, um in einer andern Familie ihr Werk

fortzusetzen – da war es zu spät. Von den vieren hat sich keiner mehr

erholen können. Der eine erschoß sich in der Nacht nach seiner

Verlobung. Der zweite blieb ein unseliger Monomane und mußte schließlich

mit völliger Nervenzerrüttung in eine Heilanstalt gebracht werden. Die

beiden jüngsten haben allem, was Eros heißt, im tiefsten angewidert, den

Rücken gekehrt. Der eine, schwärmerischen Geistes, hat sich in ein

Kloster geflüchtet – der andere schlägt sich durch eine graue und

freudlose Welt und schaudert zurück vor jeder Gemeinschaft mit Menschen.

Das Weib ist wahrscheinlich heute noch eine würdige Kinderfrau, und die

ihr anvertrauten Kinder werden elend unter ihrer umsichtigen Pflege.“

Niemand sprach. Die Dunkelheit war über das ganze Zimmer gekrochen und

ließ kaum mehr von den Fenstern einen blassen grauen Fleck sehen.

„Oh!“ sagte Sophie – Mette glaubte zu hören, daß ihre Stimme von

zornigen Tränen bebte und glaubte zu fühlen, wie sie die Fäuste ballte:

„Man sollte sie hinrichten.“

„Dann müßte man viele hinrichten,“ sagte Eccarius ruhig.

Wieder lastete das Schweigen.

Es klopfte, jemand öffnete die Tür, heller Lichtschein stach in die

Dunkelheit, Lärm zerriß die Stille.

„Ich bringe die Zeitung,“ sagte das Mädchen und blieb verwundert in der

Tür stehen. „Soll ich Licht machen, gnädige Frau?“

„Ja, machen Sie Licht, Martha.“

Das Licht gellte auf wie ein Trompetenstoß. Sie neigten alle die

Stirnen, um ihm zu entgehen und zogen die Brauen zusammen und blinzelten

mit den Augen.

Keiner fand den Mut, den andern anzusehen. Sophie nahm dem Mädchen die

Zeitung ab und fing an, daraus vorzulesen, die gleichgültigsten Dinge

der Welt, die niemanden interessieren konnten. Aber alle heuchelten

Anteilnahme und wußten irgend etwas dazu zu sagen, so daß ein lebhaftes

Gespräch aus lauter belanglosen Phrasen zustande kam.

Eccarius ging, ehe die Unterhaltung wieder versickerte.

Sie sprachen noch über ein Dutzend anderer Dinge, als er fort war. Aber

es war, als ob sie weder ein ernstes, noch ein erzwungen leichtes

Gespräch mehr ertragen konnten. Sophie fand den erlösenden Gedanken. Sie

machte den Vorschlag einer Skatpartie, um noch ein Weilchen gemütlich

beieinander zu sitzen und Ablenkung für die Gedanken zu haben.

Aber plötzlich, mitten im Spiel, ließ sie die Hand mit den Karten auf

den Tisch sinken:

„Er hat einen Bruder in der Irrenanstalt,“ sagte sie, als hätte sie die

ganze Zeit nichts anderes gedacht.

„Ich weiß,“ sagte Nora ebenso ernsthaft. „Und einen im Kloster.“

Als Mette nach Hause kam, begegnete ihr auf der Diele eines der Mädchen

und sagte – wie es ihr schien, mit einem vieldeutigen und unverschämten

Lächeln:

„Fräulein Werkenthin ist da und wartet auf Fräulein Rudloff.“

Mette fühlte ihr Herz zittern, wie in letzter Zeit so oft. Sie ging

langsamer, weil sie nicht so schnell nach ihrer Zimmertür kommen wollte.

Ihr war, als ob sie dringend noch einiger Sekunden Aufschub bedürfte –

dann schien es wieder, als wäre das Mädchen stehengeblieben, sie glaubte

den spöttischen, beobachtenden Blick wie einen Stich zwischen den

Schulterblättern zu fühlen und ging wieder rascher.

Es war kalt draußen, kalt auf der Treppe, kalt auf dem Türgang.

Sie hatte sich so auf ihr warmes stilles Zimmer gefreut, auf den milden

Schein der Lampe, auf eine Stunde im Sessel, ein gutes Buch in der Hand.

Nun war ihr liebes Zimmer ganz erfüllt von fremdem Wesen, eine Wolke von

Opium und betäubendem Parfüm würde ihr entgegenschlagen, und sie würde

heute Abend keine ruhige Viertelstunde mehr haben.

Sie würde wieder die halbe Nacht in allen Nerven zitternd im Bett liegen

und ein Adalin nach dem andern schlucken müssen, um ein paar Stunden

steinschweren, unerquicklichen Schlafes zu haben.

Eine jähe Wut packte sie an und schüttelte sie.

‚Ich will, daß mein Zimmer leer ist,‘ dachte sie wie ein trotziges Kind

mit zusammengebissenen Zähnen und geballten Fäusten, ‚jedes Tier hat

seine Höhle, in die es sich verkriechen kann! Ich will jetzt einen Raum

haben, wo ich allein bin. Ich muß allein sein, ich muß Ruhe haben, ich

will keine fremden Menschen in meinem Zimmer!‘

Sie lehnte sich einen Augenblick erschöpft und dem Weinen nah gegen die

Wand. Sie überlegte, ob es nicht das beste wäre, wieder fortzugehen,

sich in ein Kaffeehaus zu setzen und Zeitungen zu lesen – aber sie war

müde und fürchtete sich vor den kalten, dunklen Straßen. Außerdem mußte

sie ja schließlich doch einmal nach Hause, und sie würde um Mitternacht

immer noch jemand wartend in ihrem Zimmer vorfinden.

Sie ging also rasch entschlossen auf ihre Tür los. Sie nahm sich vor,

Kopfschmerzen zu heucheln – ach, sie hatte wahrhaftig schon welche vor

Angst und lauter Ärger – sie würde sich einfach ins Bett legen,

Kompressen machen, Pulver schlucken und auf alle Fragen und Erzählungen

nur ein ja oder nein stöhnen. Vielleicht bliebe sie dann bald allein.

Als sie die Tür öffnete, hatte sie einen Augenblick das Gefühl, zu

träumen oder wahnsinnig zu sein.

Alle Türen und Fächer ihres Schreibtisches waren offen. Weiße Berge

häuften sich davor. Sie erkannte mit einem flüchtigen Blick Briefe,

Bilder, Studienhefte – alles in einem wüsten Durcheinander.

Vor den offenen Schüben der Kommode kniete Gisela in Hemd und

schwarzseidnen Trikothöschen und zerrte und wühlte in Mettes Wäsche.

Es war das Schlimmste, was man Mette antun konnte, wenn man sich an

ihren wehrlosen Sachen vergriff.

Sie stürzte auf Gisela zu und packte zornig ihren nackten Arm.

„Was machst du denn da? Was fällt dir denn ein?“ herrschte sie sie an.

Gisela war nicht im mindesten erschrocken. „Du kommst zu früh,“ sagte

sie kalt und entblößte mit einem höhnischen Mundziehen die Zähne,

„jawohl, zu früh, ich weiß ganz gut, was ich sage, ich meine nicht zu

spät, sondern zu früh. Wenn du fünf Minuten später gekommen wärst, wäre

alles schon erledigt gewesen.“

„Was heißt das?“ fragte Mette, immer noch mehr in Wut, als in Angst,

obgleich das Gesicht, das sie hundert Sekunden lang dicht vor dem

ihrigen gesehen hatte, ihr fremd und unheimlich erschien, „was tust du

hier? Was kramst du in meinen Sachen?“

„Ich suche etwas,“ sagte Gisela scharf und höhnisch, „das siehst du

wohl, daß ich etwas suche. Geht es dich etwas an? Ich glaube im Grunde

nicht, daß es dich etwas angeht. Ich glaube nicht, daß es dich,“ sie

zeigte ein paarmal mit ausgestrecktem Finger auf Mettes Brust, „dich im

Grunde etwas angeht – in deinem Grunde. Ich in meinem Grunde gehe dich

nichts an. Ich bin am Grunde – ganz tief am Grunde.“ Sie sang mit leiser

gebrochener Stimme und schmerzlich verzogenem Gesicht „In einem kühlen

Grunde“, um plötzlich mit ganz verändertem klaren und fast

geschäftsmäßigen Ton zu sagen: „Ich suche deinen Revolver.“

Mette wollte einen Blick nach dem Nachttisch werfen, aber mit fast

übermenschlicher Energie bezwang sie die schon begonnene Bewegung, als

sie sah, daß Giselas Augen an ihrem Gesicht hingen und jeder leisen

Regung folgten.

„Was willst du mit dem Revolver?“ fragte sie ganz ruhig, „das ist kein

Spielzeug für dich.“

„Was ich mit dem Revolver will?“ sagte Gisela mit einem klagenden,

singenden Kinderton. „Ihn abdrücken, gegen meine Schläfe halten,

losdrücken, sterben, schlafen. Wie du fragst! Was ich mit dem Revolver

will? Ei nun – was man mit einem Revolver zu tun pflegt. Ei nun ...“ Sie

fing plötzlich an zu lachen. „Hast du schon einmal in deinem Leben

gehört, daß ein Mensch ‚Ei nun‘ sagt. Zu blöd’!! Wer wohl diesen Satz

erfunden hat! Ei nun ... ei nun ...“ Sie kam immer mehr ins Lachen,

lachte so, daß ihr die Tränen über’s Gesicht liefen, schüttelte den

Kopf, daß ihr die Strähnen um die Stirn flogen und wiederholte immer „ei

nun – ei nun.“

Plötzlich stand sie auf und stieß mit den schmalen zierlich beschuhten

Füßen gegen die Kleider, die auf dem Boden lagen.

„Du mußt dich nicht wundern, daß ich mich ausgezogen habe. Ich habe es

ganz mit Absicht getan, weil mir zu warm war. Vielleicht findest du es

ungehörig, daß ich mich in deinem Zimmer ausgezogen habe. Dann bitte ich

dich hiermit um Verzeihung,“ sagte sie sehr förmlich, „du findest ja

manches ungehörig, weil du aus einer höheren Gesellschaftssphäre

stammst. Du bist eben ein Sphäroid,“ sie fing wieder an, unbändig zu

lachen, „ich habe nie eine Ahnung gehabt, was das ist, aber genau so

habe ich mir ein Sphäroid immer vorgestellt.“ Sie schwankte und stützte

sich mit beiden Händen auf die Kommode, ihre Augen schlossen sich halb,

ihr Mund verzog sich schmerzlich. „Wenn mich jetzt ein Mensch auf der

Welt lieb hätte, würde er mich zu Bett bringen. Oh, nur liegen, daß mein

Gehirn endlich in die richtige Lage kommt. Es hat sich umgedreht und

stößt sich fortwährend an der Hirnschale.“ Sie lächelte, wie um

Verzeihung bittend: „Ich weiß natürlich, daß es sich nicht umgedreht

hat, aber es fühlt sich so an, glaub’ mir, genau so.“

Mette griff stützend an ihren Ellbogen:

„Komm, ich will dich hinlegen,“ sie bemühte sich, sehr sanft zu

sprechen, „komm, sei mein gutes Kind. Du legst dich schön auf den Diwan

– dann kommt dein armes Gehirn wieder in die richtige Lage – du bist

müde, glaub’ mir, du mußt schlafen, dann bist du in ein paar Stunden

wieder ganz frisch und munter.“

Sie faßte den schmalen, willenlosen Körper um die Schultern, führte ihn

nach dem Diwan, bettete ihn auf die Kissen und bedeckte ihn noch mit den

Decken aus dem Bett.

Sie setzte sich daneben und streichelte mechanisch die kalten und wie

leblosen Hände, bis die zitternden Atemzüge ruhiger wurden, die Glieder

sich streckten, und der Kopf sich tiefer in die Kissen grub.

Eine Weile saß Mette ohne sich zu rühren, weil sie Angst hatte, die

Schlafende zu wecken. Jetzt war es doch wenigstens still im Zimmer.

Sie sah nach der Uhr. In einer halben Stunde hätte Gisela auf dem Podium

stehen sollen, um zu singen. Sie warf einen Blick auf das erschöpfte

Gesicht mit den erschlafften Zügen und dem geöffneten Mund. Es würde

kaum möglich sein, die Schlafende jetzt zu erwecken, und sie an ihre

Berufspflichten zu erinnern. Mette verspürte auch nicht die geringste

Lust dazu.

Sie stand leise auf, um an das Telephon zu gehen. Sie wollte wenigstens

bei dem Kabarett anklingeln und Gisela krank melden. Vielleicht konnte

sie ihr dadurch eine Strafe ersparen. Außerdem war ihrem bürgerlichen

Empfinden der Gedanke unerträglich, daß die Leute dort in fieberhafter

Aufregung von Minute zu Minute warten sollten und keine Nachricht

bekämen.

Sie schlich erst auf Zehenspitzen, sich vorsichtig umschauend wie ein

Verbrecher, nach dem Nachttisch, um den Revolver herauszunehmen. Sie

überlegte, wohin sie ihn tun könnte – kein Platz erschien ihr sicher

genug. Sie beschloß, ihn mitzunehmen, und da sie nicht mit ihm gesehen

werden wollte, schob sie ihn vorn in die Bluse. Sie fühlte ihn kalt und

schwer und unheimlich in dem leichten Stoff hängen, und obgleich sie die

Sicherung noch einmal geprüft hatte, hatte sie bei jedem Schritt das

Gefühl, beim leisesten Anstoß würde Sicherung und Hahn sich lösen, und

die Kugel ihr in die Brust dringen. Sie sagte sich trotzig, daß es das

Beste wäre, was ihr geschehen könnte, und bezwang damit ihre Angst.

In der Telephonzelle wartete sie lange, ehe sie die Nummer nannte, weil

sie auf dem Gang Schritte zu hören glaubte, oder Türen, die sich

öffneten – sie wollte nicht, daß irgend jemand das Gespräch mit anhörte.

Als sie die Verbindung endlich bekommen hatte, mußte sie die Litanei,

daß Fräulein Werkenthin krank sei und nicht kommen könne, dreimal

herunterbeten.

„Einen Augenblick bitte, ich verbinde mit dem Bureau,“ sagte das

erstemal eine höfliche Stimme.

„Moment, ich verbinde mit der Direktion,“ das klang schon weniger

liebenswürdig.

„So,“ sagte eine scharfe Stimme nach dem drittenmal, „Fräulein

Werkenthin ist krank. Das wird der Arzt entscheiden! Er wird in einer

Viertelstunde in ihrer Wohnung sein.“

„Fräulein Werkenthin ist nicht in ihrer Wohnung,“ sagte Mette mit

klopfendem Herzen, „sie ist bei mir.“

„Wer ist denn überhaupt da am Telephon?“

„Eine Freundin von Fräulein Werkenthin.“ Nicht, wenn man sie gefoltert

hätte, würde Mette jetzt ihren Namen genannt haben. „Fräulein Werkenthin

war bei mir zu Besuch und ist ohnmächtig geworden.“

Sie hörte, daß die Stimme mit höhnischer Betonung nach rückwärts sagte:

„Sie war bei ihrer Freundin und ist ohnmächtig geworden!“

Eine Stimme schrie, heiser vor Wut, dicht am Apparat: „Sie ist wohl

besoffen, wie?“

Mette hörte, daß jemand weggedrängt und zur Ruhe verwiesen wurde, und

hörte noch ein unwirsches Gemurmel – „Morphium oder Koks oder Alkohol –

immer abwechselnd“.

„Sagen Sie Ihrer Freundin,“ das war wieder die scharfe Stimme von

zuerst, und wie sie höhnisch hervorhob „Ihrer Freundin“ traf es Mette

wie eine Ohrfeige, „ich könnte sehr gut verstehen, daß sie das Vergnügen

Ihrer Gesellschaft dem Auftreten an meinem Institut vorzieht. Aber ich

kann ihr auch versichern, daß es mir durchaus kein Vergnügen macht, ihr

für nichts und wieder nichts eine hohe Gage zu zahlen. Fräulein

Werkenthin wird morgen ein Attest des Theaterarztes einreichen, oder sie

ist entlassen.“

Der Hörer wurde mit einem Ruck aufgelegt.

Mette überlegte eine qualvolle Minute lang, ob sie an den Theaterarzt

telephonieren sollte. Vielleicht ließ er sich bewegen, ein Attest zu

schreiben.

Aber sie hätte ihren Namen angeben müssen, ihre Wohnung. Sie hätte

diesem fremden Mann gegenübertreten müssen, ihn in ihr Zimmer führen.

Alles in ihr kochte auf vor Empörung. Wie kam sie dazu?

Sie ging geräuschlos in ihr Zimmer zurück. Als sie ihre Sachen auf dem

Boden verstreut sah, schüttelte sie wieder eine Welle Zorn.

Sie hatte jetzt keine Lust, aufzuräumen. Sie wollte auch gar nicht

sehen, was da alles lag, so roh herumgezerrt und herumgeworfen.

Sie drehte einen Sessel so, daß er der Verwüstung und dem Diwan den

Rücken drehte. Sie nahm ein wissenschaftliches Buch vor und versuchte,

zu lesen. Vom Diwan klang der regelmäßige Atem so rauh und schwer, daß

er gar nicht aus dem zarten Körper zu kommen schien. Und die Unordnung

hinter ihr bedeutete zugleich auch Unruhe. Es war, als ob die offenen

Schübe und Türen ein hilfesuchendes Klagen ausstießen. Und als ob sie

Augen auf dem Rücken hätte, die durch die Sessellehne hindurch immerzu

die weißen Flecke von Papier und Batist auf dem dunklen Teppich sahen.

Das Gehen und Reden draußen hörte auf. Es wurde still in der Wohnung,

still im Haus.

Die Heizung ließ nach, das Zimmer wurde immer kälter.

Die Kälte kroch vom Fußboden herauf in Mettes Glieder. Sie zog die Füße

auf den Sitz, aber auch das half nicht für lange.

Dicht neben ihr auf der Erde lag Giselas Mantel. Sie hob ihn auf und

legte ihn sich über die Knie. Eine Duftwelle stieg von ihm auf. Sie

schleuderte ihn angeekelt wieder auf den Teppich zurück.

Der Skorpion. Band 2 · 第 6 / 15 题